Asteroid 67-046

»Ich war ein Soldat«, sagte er. »Nun bin ich ein Priester. Du kannst mich Dorn nennen.«

Elverda Apacheta vermochte den Blick nicht von ihm zu wenden. Sie hatte zuvor schon Cyborgs gesehen, gewiss — doch diese … Person schien indes mehr Maschine als Mensch zu sein. Sie verspürte einen Anflug von Verachtung. Wie konnte ein menschliches Wesen nur zulassen, dass sein Körper derart verunstaltet wurde?

Er war auch nicht sehr groß; Elverda überragte ihn um ein paar Zentimeter. Er hatte aber breite Schultern und einen dicken, stämmigen Körper. Die linke Gesichtshälfte bestand aus graviertem Metall, genauso wie die gesamte Oberseite des Kopfes: Es sah aus, als trage er eine Badekappe in Form eines hauchdünnen, flexiblen Stahlstichs.

Dorns linke Hand war eine Prothese. Er hatte auch nicht versucht, das zu kaschieren. Wie viel von ihm war unterm groben Stoff des schäbigen Gewands und der fadenscheinigen Hose wohl noch mechanische und elektrische Maschinerie? In krassem Gegensatz zur zerlumpten Kleidung standen indes die auf Hochglanz polierten Schaftstiefel.

»Ein Priester?«, fragte Martin Humphries. »Von welcher Kirche? Von welchem Orden?«

Die Hälfte von Dorns Lippen, die noch beweglich war, kräuselte sich leicht. Elverda vermochte nicht zu sagen, ob es sich nun um ein freundliches oder spöttisches Lächeln handelte.

»Ich werde Sie in Ihre Unterkünfe führen«, sagte Dorn. Seine Stimme war ein leises Grollen, als ob es aus dem Leib eines großen Tiers käme. Sie hallte schwach von den grob behauenen Felswänden wider.

Humphries wirkte im ersten Moment überrascht. Er war es nämlich nicht gewohnt, dass seine Fragen ignoriert wurden. Elverda musterte sein Gesicht. Humphries sah so gut aus, wie Regenerationstherapien und kosmetische Nanomaschinen es eben zu bewerkstelligen vermochten: Er hatte fein ziselierte Gesichtszüge, eine straffe Haltung, schlanke Gliedmaßen, einen athletisch flachen Bauch. Doch seine kalten, grauen Augen waren hart und gnadenlos. Und Elverda glaubte auch einen schwachen Verwesungsgeruch bei ihm wahrzunehmen. Als ob er innerlich schon tot wäre und die Fäulnis bereits eingesetzt hätte.

Die Spannung zwischen den beiden Männern schien Elverda die Energie aus dem alten Körper zu saugen. »Es war eine lange Reise«, sagte sie. »Ich bin wirklich müde. Ich würde mich über eine heiße Dusche und ausgiebigen Schlaff freuen.«

»Noch bevor Sie es gesehen haben?«, fragte Humphries unwirsch.

»Wir haben über eine Woche gebraucht, um hierher zu gelangen. Da kommt es auf ein paar Stunden mehr oder weniger auch nicht mehr an.« Sie wunderte sich selbst über ihre Worte. Früher hätte sie vor Aufregung kaum an sich zu halten vermocht. Bist du mit den Jahren etwa ruhiger geworden? Nein, wurde sie sich bewusst. Nur schwächer.

»Für mich aber schon!.«, sagte Humphries. »Bringen Sie mich hin«, wandte er sich an Dorn. »Ich habe lang genug gewartet. Ich will es jetzt sehen.«

Doms Augen — das eine so braun wie Elverdas Augen, das andere eine rot glühende Linse — musterten Humphries für eine Weile.

»Nun?'«, fragte Humphries nachdrücklich.

»Es tut mir Leid, Sir, aber die Kammer ist für die nächsten zwölf Stunden gesperrt. Es ist unmöglich …«

»Gesperrt? Von wem? Auf wessen Befehl?«

»Die Kammer hat eine Zeitsteuerung. Die Schöpfer des Artefakts haben auch die Steuerung installiert.«

»Davon hat mich niemand unterrichtet«, sagte Humphries.

»Zu Ihren Unterkünften geht es den Gang entlang«, erwiderte Dorn.

Er drehte sich beinah wie ein massiver Metallblock; Schultern und Hüften schienen starr miteinander verbunden, und der Kopf saß wie arretiert auf den breiten Schultern. Dann marschierte er den zentralen Korridor entlang. Elverda ging neben seiner metallischen Hälfte; sie ärgerte sich noch immer über seine Selbstentweihung. Und doch sagte sie sich wider Willen, was für eine Herausforderung es wäre, ihn zu modellieren. Wenn ich jünger wäre, sagte sie sich. Wenn ich dem Tod nicht schon so nah wäre. Mensch und Maschine in einer exotischen, kraftvollen Gestalt vereint.

Humphries schritt an Doms anderer Seite einher; sein Gesicht war vor kaum unterdrücktem Zorn gerötet.

Sie gingen schweigend den Gang entlang, wobei Humphries' bleibeschwerte Schuhe auf dem unebenen Felsboden klackten… Doms Stiefel verursachten kaum ein Geräusch. Selbst wenn er zur Hälfte eine Maschine ist, sagte Elverda, bewegt er sich wie ein Panther — wenn er sich erst einmal in Bewegung gesetzt hat.

Die Gravitation des Asteroiden war so gering, dass Humphries das beschwerte Schuhwerk brauchte, um sich nicht wie ein Hampelmann zu bewegen. Elverda, die einen Großteil ihres langen Lebens in Niedergravitations-Umgebungen verbracht hatte, fühlte sich hier jedoch wie zu Hause. Der Korridor, durch den sie gingen, war eigentlich ein Tunnel — schattig und geheimnisvoll —, oder vielleicht auch ein Schlot in diesem metallischen Himmelskörper, durch den vor Äonen Gase entwichen waren, als der Asteroid sich noch im halbfesten Zustand befunden hatte. Doch nun war er kalt — so kalt, dass Elverda fröstelte. Die Gesteinsdecke war so niedrig, dass sie sich instinktiv beinahe geduckt hätte, obwohl der verstandesmäßige Teil des Bewusstseins ihr sagte, dass das nicht nötig war.

Bald wurden die Wände jedoch glatt und die Decke höher. Menschen hatten den Tunnel erweitert und ihm mit Lasern einen präzisen rechteckigen Querschnitt verliehen. Beide Wände wiesen nun Türen auf, und an der Deckeglühten blendfreie Lampen, die keinen Schatten warfen. Dennoch fröstelte sie in der Kälte, die die beiden Männer jedoch nicht zu spüren schienen.

Sie blieben vor einer breiten zweiflügeligen Tür stehen. Dorn gab den Zugangscode über die Tastatur ein, die in die Wand eingelassen war, und die Türen glitten auf.

»Ihre Unterkunft, Sir«, sagte er zu Humphries. »Sie können den Zugangscode natürlich nach Belieben ändern.«

Humphries quittierte das mit einem knappen Kopfnicken und ging durch die Tür. Elverda erhaschte einen Blick auf eine großzügige Suite mit Teppichboden und Hologrammfenstern an den Wänden.

Humphries drehte sich im Eingang zu ihnen um. »Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich in zwölf Stunden bei mir melden«, sagte er mit harter Stimme zu Dorn.

»Elf Stunden und siebenundfünfzig Minuten«, erwiderte Dorn.

Humphries' Nasenflügel bebten; er schob die Doppeltür zu.

»Diese Richtung.« Dorn wies mit der menschlichen Hand in die entsprechende Richtung. »Ihre Unterkunft ist leider nicht so luxuriös wie die von Mr. Humphries.«

»Ich bin sein Gast«, sagte Elverda. »Er zahlt immerhin die Zeche.«

»Sie sind eine große Künstlerin. Ich habe schon von Ihnen gehört.«

»Vielen Dank.«

»Für die Wahrheit? Keine Ursache.«

Ich war mal eine große Künstlerin, sagte Elverda sich. Früher. Vor langer Zeit. Nun bin ich nur noch eine alte Frau, die auf den Tod wartet.

»Haben Sie schon Arbeiten von mir gesehen?'«, fragte sie.

»Nur Hologramme«, sagte Dorn mit schwerer Stimme. »Ich wollte mir Den Gedenkenden einmal in natura ansehen, doch dann ist mir etwas dazwischengekommen.«

»Sie waren damals Soldat?«

»Ja. Priester bin ich erst, seit ich an diesen Ort kam.«

Elverda wollte ihm noch mehr Fragen stellen, doch Dorn blieb vor einer schmucklosen Tür stehen und öffnete sie für sie. Im ersten Moment glaubte sie, er wolle mit seiner Handprothese nach ihr greifen. Sie wich vor ihm zurück.

»Ich werde mich in elf Stunden und sechsundfünfzig Minuten wieder bei Ihnen melden«, sagte er, als ob er ihren Abscheu nicht bemerkt hätte.

»Vielen Dank.«

Er schwenkte herum wie eine Maschine und wandte sich zum Gehen.

»Warten Sie«, rief Elverda. »Bitte — wie viele Menschen gibt es hier noch? Es ist so still hier.«

»Es gibt sonst niemanden mehr. Nur uns drei.«

»Aber …«

»Ich bin der Leiter der Sicherheitsabteilung. Ich habe die anderen Angehörigen meines Kommandos angewiesen, zu unserem Raumschiff zurückzukehren und dort zu warten.«

»Und die Wissenschaftler? Die Prospektoren-Familie, die diesen Asteroiden gefunden hat?«

»Sie sind in Mr. Humphries' Raumschiff, mit dem auch Sie hierher gekommen sind«, sagte Dom. »Sie stehen unter dem Schutz meiner Abteilung.«

Elverda schaute ihm in die Augen. Was auch immer in ihnen brannte, sie vermochte es nicht zu ergründen.

»Dann sind wir also allein hier?«

Dorn nickte gemessen. »Sie und ich — und Mr. Humphries, der die Zeche zahlt.« Die menschliche Hälfte des Gesichts war so reglos wie die metallische. Elverda vermochte nicht zu sagen, ob sein Ausspruch humorvoll oder bitter gewesen war.

»Vielen Dank«, sagte sie. Er wandle sich ab, und sie schloss die Tür.

Ihre Unterkunft bestand aus einem einzigen Raum; er war mollig warm, aber kaum größer ah die Kabine in dem Schiff, mit dem sie hier eingetroffen wann. Elverda sah, dass ihre Reisetasche mit den paar Habseligkeiten schon auf dem Bett lag. Der abgegriffene, alte Zeichencomputer lag im verschrammten Koffer auf dem Schreibtisch. Sie hatte das Gefühl, dass der Notebook-Koffer sie anklagend anstarrte. Ich hätte ihn zu Hause lassen sollen, sagte sie sich. Ich werde ihn sowieso nie mehr benutzen.

Ein kleiner Dienstrobot, kaum mehr als eine glänzende Metalltrommel mit sechs Armen, die wie bei einer Gottesanbeterin gefaltet waren, stand stumm in einer Ecke an der Rückwand des Raums. Elverda betrachtete ihn für einen Moment. Wenigstens handelte es sich um eine kompromisslose Maschine und nicht um einen selbstverstümmelten Menschen. Erst die schönste Gestalt im Universum anzunehmen und sie dann in einen Hybrid-Mechanismus zu verwandeln war eine Travestie der Menschlichkeit. Wieso hat er das getan? Um ein noch besserer Soldat zu werden? Eine noch effizientere Kampfmaschine?

Und wieso hat er die anderen weggeschickt, fragte sie sich, während sie die Reisetasche öffnete. Als sie die Toilettenartikel in die kleine Nasszelle brachte, kam ihr ein Gedanke. Hat er sie weggeschickt, bevor er das Artefakt sah oder erst hinterher? Hat er es überhaupt gesehen? Vielleicht …

Da erblickte sie sich im Spiegel überm Waschbecken. Ihr Herz sank. Früher hatte man sie als königlich bezeichnet, wunderschön, eine Göttin aus Kupfer. Nun wirkte sie verwelkt, vertrocknet und war nur noch Haut und Knochen. Ihr Gesicht war wie ein Baumquerschnitts-Relief mit unzähligen Jahresringen, und die Fliegerkombination schlackerte um ihre magere Gestalt.

Du bist alt, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. Alt und schmerzgepeinigt und müde.

Das kommt von der langen Reise, sagte sie sich. Du musst dich ausruhen. Doch die andere Stimme im Bewusstsein lachte spöttisch. Du hast doch nichts anderes getan als dich ausgeruht in der ganzen Zeit, die die Reise zu diesem Felsbrocken gedauert hat. Du bist reif für die ewige Ruhe; mach dir doch nichts vor.

Sie hatte an der Universität von Selene gelehrt. Weiter als bis zum Mond vermochte sie sich nach einem langen Leben in Niedergravitations-Umgebungen der Erde nicht mehr zu nähern. Aber nah genug, um ihrer Heimatwelt ansichtig zu werden, der einen Welt mit Leben und Wärme im Sonnensystem — der einzige Ort, wo ein Mensch frei unter der Sonne wandeln und sich von ihrer Wärme durchdringen lassen konnte, wo man die fruchtbare Erde roch, die diese Vielfalt hervorbrachte, und wo man eine kühle Brise spürte, die einem durchs Haar strich.

Doch sie hatte für immer von der Erde Abschied genommen. Sie hatte auf den Eisschollen von Europas gefrorenem Ozean gestanden; aus einem umkreisenden Raumschiff hatte sie die kaleidoskopartig wirbelnden Wolken von Jupiter mit ihrer Farbenpracht geschaut, und sie hatte den kilometerlangen Felsbrocken Des Gedenkenden modelliert. Aber sie konnte nicht mehr in ihre Heimatstadt zurückkehren, der donnernden Brandung des Pazifiks lauschen und sehen, wie die weißen Wolken die Gestalten imaginärer Tiere annahmen.

Ihre kreative Phase war längst beendet. Sie hatte schon zu lange gelebt; sie hatte keine Freunde mehr, und eine Familie hatte sie nie gehabt. Es gab keinen Sinn mehr in ihrem Leben, keinen Antrieb mehr, etwas zu tun, außer auf den Tod zu warten. Sie lehnte die Verjüngungstherapien ab, die ihr angeboten wurden. An der Universität widmete sie sich nicht mehr der Kunst, sondern war nur noch Mentorin der Studenten, in denen das Feuer der Inspiration heiß loderte. Ihr Leben war eine Bilanz all der Dinge, die sie nicht zustande gebracht hatte, und aller Fehlschläge, an die sie sich erinnerte. Das Scheitern in der Liebe war das Bitterste. Sie wurde als die größte Künstlerin des Sonnensystems verehrt: die Schöpferin Des Gedenkenden, die Schöpferin des ersten großen Ionosphären-Gemäldes, Der Jungfrau der Anden. Sie wurde respektiert, aber nickt geliebt. Sie fühlte sich leer, einsam, nutzlos. Es gab nichts, worauf sie sich noch freuen konnte — rein gar nichts.

Dann fegte Martin Humphries wie ein Wirbelsturm in ihr Leben. Ein Lebensalter jünger, ebenso draufgängerisch wie vital und skrupellos stürmte er mit der Nachricht ihren akademischen Elfenbeinturm, dass ein fremdartiges Artefakt in den Tiefen des Asteroidengürtels entdeckt worden sei.

»Es ist eine Art Kunstform«, sagte er außer sich vor Erregung. »Sie müssen mit mir kommen und es sich ansehen.«

Elverda versuchte, die lang vergessene Sehnsucht zu beherrschen, die sich in ihr regte, und fragte: »Wieso sollte ich wohl mit Ihnen gehen, Mr. Humphries? Wieso ausgerechnet ich? Ich bin eine alte Frau …«

»Sie sind die größte Künstlerin unserer Zeit«, hatte er wie aus der Pistole geschossen geantwortet. »Sie müssen das einfach sehen! Und kommen Sie mir jetzt nur nicht mit falscher Bescheidenheit. Sie sind der einzige andere Mensch im ganzen Sonnensystem, der es verdient hat, das zu sehen!«

»Der einzige andere Mensch außer wem?«, hatte sie gefragt.

Er hatte überrascht geblinzelt. »Außer mir natürlich.«

Und da sitzen wir nun auf diesem namenlosen Asteroiden und warten darauf, des fremdartigen Kunstwerks ansichtig zu werden. Nur wir drei. Der reichste Mann im ganzen Sonnensystem. Eine alte Künstlerin, die ihren Zenit längst überschritten hat. Und ein Cyborg-Soldat, der alle Zeugen weggeschickt hat.

Er gibt sich als Priester aus, sagte Elverda sich. Ein Priester, der eine halbe Maschine ist. Sie schauderte, als ob ein kalter Wind sie streifte.

Ein lautes pulsierendes Summen riss sie aus ihren Gedanken. Elverda schaute in den Raum und sah, dass das Telefondisplay im Takt des Summens rot blinkte.

»Telefon«, rief sie.

Sofort erschien Humphries' Gesicht auf dem Monitor. »Kommen Sie in meine Unterkunft«, sagte er. »Wir müssen reden.«

»Geben Sie mir noch eine Stunde. Ich muss …«

»Sofort.«

Elverda spürte, wie ihre Brauen sich indigniert hoben. Doch dann erlosch der Widerspruchsgeist. Er hat das Recht erworben, dich herumzukommandieren, sagte sie sich. Er könnte es dir sogar verweigern, das Artefakt zu sehen.

»Also gut«, sagte sie.

Humphries stapfte über den dicken Teppich, als sie in seinem Quartier eintraf. Er hatte die Fliegerkombination gegen einen bequemen königsblauen Pullover und eine teure Hose aus echtem Köper getauscht. Als die Türen hinter ihr sich schlossen, stellte er sich vor eine niedrige Couch und wandte ihr sein Gesicht zu.

»Wissen Sie, wer diese Kreatur Dorn ist?«

»Ich weiß nicht mehr als das, was er uns gesagt hat«, erwiderte Elverda.

»Ich habe ihn überprüfen lassen. Meine Besatzung auf dem Schiff hat eine komplette Akte über ihn. Er ist der Schlächter, der das Chrysallis-Massaker vor sechs Jahren angeführt hat

»Er …«

»Elfhundert Männer, Frauen und Kinder. Abgeschlachtet. Er war der Mann, der den Angriff angeführt hat.«

»Er sagte, er sei Soldat gewesen.«

»Ein Söldner. Ein kaltblütiger Mörder. Vor langer Zeit hat er einmal für mich gearbeitet; damals war er für Yamagata tätig. Die Chrysallis war das Habitat der Felsenratten. Als ihre Population sich weigerte, Lars Fuchs auszuliefern, machte Yamagata ihn zum Anführer einer Truppe, die sie zur Kooperation überreden sollte. Er hat sie alle getötet; er hat das Habitat zu Klump geschossen und alle umkommen lasset.«

Elverda wankte zum nächsten Stuhl und setzte sich. Sie vermochte sich kaum noch auf den Beinen zu halten.

»Damals hieß er noch Harbin. Dorik Harbin.«

»Wurde er denn nicht vor Gericht gestellt?«

»Nein. Er verschwand auf Nimmerwiedersehen. Ich hatte die ganze Zeit Yamagata im Verdacht, dass er ihm einen Unterschlupf besorgt hat. Er kümmert sich nämlich um seine Leute, müssen Sie wissen. Er muss dann seinen Namen geändert haben. Niemand hätte diesen Schlächter mehr angeheuert, nicht einmal Yamagata selbst.«

»Das Gesicht … der halbe Körper …« Elvira fühlte sich unsagbar schwach, der Ohnmacht naht. »Wann …?«

»Es muss nach seiner Flucht passiert sein. Vielleicht wollte er sich damit eine Tarnung verschaffen.«

»Und nun arbeitet er wieder für Sie.« Sie wollte lachen angesichts der Ironie der Situation, hatte aber nicht mehr die Kraft dazu.

»Er hat uns in diesem Felsbrocken in der Falle! Es gibt hier niemanden außer uns drei.«

»Und was ist mit der Besatzung Ihres Schiffs? Sie würde uns doch wohl zu Hilfe kommen, wenn Sie sie anfordern.«

»Sein Sicherheitskommando ist angewiesen worden, jeden außer uns beiden vom Asteroiden fern zu halten.«

»Aber Sie können diese Anweisung doch rückgängig machen, nicht ivahr?«

Zum ersten Mal, seit sie Martin Humphries kannte, wirkte er unsicher. »Im Grunde schon«, sagte er.

»Wieso?«, fragte Elverda. »Wieso tut er das?«

»Das versuche ich herauszufinden.« Humphries ging zur Telefonkonsole. »Harbin!«, rief er. »Dorik Harbin. Kommen Sie sofort in meine Unterkunft.«

Ohne eine Verzögerung von auch nur einer Mikrosekunde erwiderte die synthetische Telefonstimme: ›Dorik Harbin existiert nicht mehr. Richten Sie Ihren Anruf an Dorn.‹

Humphries schaute mit seinen grauen Augen auf das dunkle Display des Telefons.

›Dorn ist im Moment nicht zu Sprechern‹, sagte die Telefonstimme. ›Er wird Sie in elf Stunden und zweiunddreißig Minuten zurückrufen.‹

»Was soll das heißen, Dorn ist nicht zu sprechen?«, schrie Humphries den dunklen Telefonmonitor an. »Verbinde mich mit dem Wachoffizier an Bord der Humphries Eagle.«

›Eine Kommunikation nach draußen ist derzeit nicht möglich‹, erwiderte das Telefon.

»Das darf doch nicht wahr sein!«

›Eine Kommunikation nach draußen ist derzeit nicht möglich‹, wiederholte das Telefon ungerührt.

Humphries starrte aufs dunkle Display und drehte sich langsam zu Elverda Apacheta um. »Er hat uns abgeschnitten. Wir sind hier gefangen.«

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