Angesichts ihrer Reaktion und des Messers in ihrer Hand verlangsamte der Mann seine Schritte.
»Ich hatte nicht die Absicht, Euch einen Schrecken einzujagen.«
Seine Stimme klang durchaus freundlich.
»Habt Ihr aber.«
Obwohl er seine Kapuze hochgeschlagen hatte und sie sein Gesicht nicht genau erkennen konnte, schien ihr daß er ihr rotes Haar musterte, so wie die meisten Menschen, die sie zum ersten Mal sahen.
»Das sehe ich. Ich bitte um Verzeihung.«
Sie ließ den Blick suchend nach links und rechts schweifen, um festzustellen, ob der Fremde allein gekommen oder ob noch jemand bei ihm war, der sich womöglich gerade an sie heranschlich.
Wie eine Idiotin kam sie sich vor weil sie sich so hatte übertölpeln lassen. Im Grunde ihres Herzens wußte sie doch, daß sie sich niemals wirklich sicher fühlen durfte. Es bedurfte keiner List, schon eine simple Sorglosigkeit ihrerseits konnte das Ende bedeuten. Als ihr klar wurde, wie leicht dies geschehen konnte, überkam sie ein Gefühl verzweifelter Schicksalhaftigkeit. Wenn dieser Mann am hellichten Tag kommen und sie so mühelos erschrecken konnte, was sagte dies dann hinsichtlich ihres hoffnungslos übertriebenen Traums, eines Tages über ihr Leben selbst bestimmen zu können?
Die Felswand der Klippe glänzte dunkel in der feuchten Luft; die winddurchtoste, tief eingeschnittene Schlucht war bis auf sie, den toten Soldaten und den Fremden völlig menschenleer.
Ein Dutzend Schritte entfernt blieb der Mann stehen; seiner Körperhaltung nach war es nicht die Angst vor ihrem Messer, die ihn hatte anhalten lassen, sondern vielmehr die Befürchtung, sie noch weiter zu verängstigen. Er betrachtete sie ganz unverhohlen und hing dabei scheinbar seinen eigenen Gedanken nach. Was auch immer an ihrem Gesicht ihn so gefangen genommen haben mochte – er hatte sich rasch davon erholt.
»Es scheint mir durchaus verständlich, warum eine Frau allen Grund hat, sich zu ängstigen, wenn sich ihr plötzlich ein Fremder nähert. Ich wäre auch meines Weges gegangen, ohne Euch zu erschrecken, aber dann sah ich den Mann dort auf der Erde liegen, und wie Ihr Euch über ihn beugtet. Ich dachte, vielleicht braucht Ihr Hilfe, also kam ich so rasch es ging hierher.«
Der kalte Wind hob den dunkelgrünen Umhang des Fremden an, so daß man seine gut geschnittene, aber einfache Kleidung erkennen konnte. Sein vage erkennbares Lächeln hatte etwas höflich Verbindliches, mehr nicht, doch stand es ihm gut zu Gesicht.
»Er ist tot«, war alles, was ihr als Erwiderung einfiel.
Jennsen war es nicht gewohnt, mit Fremden zu sprechen, war es nicht gewohnt, überhaupt mit jemandem außer ihrer Mutter zu sprechen. Außerdem war sie unsicher, was sie sagen und wie sie sich verhalten sollte – erst recht unter diesen Umständen.
»Oh. Das tut mir leid.« Er reckte, ohne jedoch näher zu kommen, seinen Hals ein wenig vor, um den Mann auf dem Boden in Augenschein zu nehmen.
Jennsen empfand es als rücksichtsvoll, wenn jemand gar nicht erst den Versuch unternahm, sich einem sichtlich nervösen Menschen weiter zu nähern, allerdings ging es ihr gegen den Strich, so durchschaubar zu sein, hatte sie doch immer gehofft, auf andere ein wenig unergründlich zu wirken.
Er hob den Blick von dem Toten und betrachtete erst ihr Messer, dann ihr Gesicht. »Ich nehme an, Ihr hattet einen Grund.«
Nach einem kurzen Augenblick der Verwirrung begriff sie schließlich, was er meinte, und sprudelte hervor, »Das war nicht ich!«
Er zuckte mit den Achseln. »Verzeihung. Ich kann von hier aus nicht erkennen, was passiert ist.«
Jennsen war es unangenehm, den Mann mit dem Messer zu bedrohen, deshalb ließ sie den Arm mit der Waffe sinken.
»Es war nicht meine Absicht ... wie eine Verrückte dazustehen. Ihr habt mir bloß einen fürchterlichen Schrecken eingejagt.«
Sein Lächeln wurde freundlicher. »Verstehe. Es ist ja niemand zu Schaden gekommen. Was ist denn überhaupt passiert?«
Jennsen deutete mit ihrer freien Hand hinüber zu der Felswand. »Er muß wohl vom Pfad dort oben abgestürzt sein. Er hat sich das Genick gebrochen; das glaube ich zumindest, denn ich habe ihn eben erst gefunden, und andere Fußspuren sehe ich hier nirgends. Vermutlich ist er durch den Sturz umgekommen.«
Während Jennsen das Messer in die Scheide an ihrem Gürtel zurückschob, betrachtete er nachdenklich die Felswand. »Ich bin froh, daß ich unten herum gegangen bin, statt den Pfad oben entlang zu nehmen.«
Sie deutete mit einem auffordernden Nicken auf den Toten. »Gerade war ich dabei, nach etwas zu suchen, das mir möglicherweise darüber Aufschluß gibt, wer er ist. Ich dachte, vielleicht sollte ich ... jemanden benachrichtigen. Aber ich habe nichts gefunden.«
Die Stiefel des Mannes knirschten auf dem Geröll, als er näher trat. Er kniete auf der anderen Seite des Toten nieder und nicht etwa neben ihr – vielleicht, um der mit dem Messer herumfuchtelnden Verrückten vorsichtshalber etwas Platz zu lassen und ihr so ein wenig von ihrer Nervosität zu nehmen.
»Ich möchte vermuten, Ihr hattet Recht«, meinte er, nachdem er die ungewöhnliche Neigung des Kopfes in Augenschein genommen hatte. »Sieht ganz so aus, als läge er schon eine Weile hier.«
»Ich bin vorhin schon einmal hier vorbeigekommen. Das dort drüben sind meine Fußspuren. Andere kann ich nirgendwo erkennen.« Sie deutete auf den unmittelbar hinter ihr liegenden Fang. »Als ich vorhin zum See hinunterging, um nach meinen Schnüren zu sehen, hat er noch nicht hier gelegen.«
Er drehte den Kopf, um das regungslose Gesicht besser betrachten zu können. »Irgendeine Vermutung, um wen es sich gehandelt haben könnte?«
»Nein. Ich habe keine Ahnung, außer, daß er Soldat ist.«
Der Mann sah auf. »Irgendeine Vermutung, was für eine Art Soldat?«
Jennsen runzelte verwirrt die Stirn. »Was für eine Art? Er ist ein d’Haranischer Soldat.« Sie ließ sich auf dem Boden nieder, um den Fremden aus der Nähe betrachten zu können. »Woher kommt Ihr, daß Ihr einen d’Haranischen Soldaten nicht erkennt?«
Er fuhr mit einer Hand unter die Kapuze seines Umhangs und rieb sich den Hals. »Ich bin nur auf der Durchreise.« Sein Tonfall wie auch sein Äußeres verrieten, wie müde er war.
Die Antwort verblüffte sie. »Ich bin mein ganzes Leben auf Reisen gewesen, trotzdem kenne ich niemanden, der einen d’Haranischen Soldaten nicht auf den ersten Blick erkennen würde. Wieso könnt Ihr das nicht?«
»Ich bin erst seit kurzem in D’Hara.«
»Das ist völlig unmöglich. D’Hara erstreckt sich doch über den größten Teil der Welt.«
Diesmal verriet sein Lächeln Amüsiertheit. »Tatsächlich?«
Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg; bestimmt lief sie rot an, weil sie ihre Unwissenheit über die Welt im Allgemeinen so deutlich unter Beweis gestellt hatte. »Etwa nicht?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich stamme tief unten aus dem Süden, von jenseits des Landes, das man D’Hara nennt.«
Sie starrte ihn verwundert an, während sich ihre Verärgerung über die Schlußfolgerungen, die ihr in Anbetracht einer so erstaunlichen Bemerkung durch den Kopf schossen, in nichts auflöste. Vielleicht war ihr Traum doch nicht ganz so übertrieben.
»Und was tut Ihr hier in D’Hara?«
»Das sagte ich doch bereits. Ich bin auf der Durchreise.« Er klang erschöpft. War das ein Wunder? Schließlich wußte Jennsen selbst zur Genüge, wie ermüdend es sein konnte umherzureisen. Sein Tonfall war ernster, als er sagte, »Selbstverständlich weiß ich, daß er ein d’Haranischer Soldat ist. Ihr habt mich falsch verstanden. Was ich meinte, war, was für eine Art Soldat? Gehört er einem hiesigen Regiment an? Ist er hier nur stationiert oder ein Soldat auf Heimaturlaub? Ist er unterwegs in die Stadt, um sich zu betrinken? Ein Kundschafter?«
Ihre Beunruhigung wuchs. »Ein Kundschafter? Was sollte er in seiner eigenen Heimat auskundschaften wollen?«
Der Mann richtete den Blick in die Ferne, auf die tief stehenden dunklen Wolken. »Keine Ahnung. Ich habe mich nur gefragt, ob Ihr vielleicht etwas über ihn wißt.«
»Nein, natürlich nicht. Ich habe ihn doch eben erst gefunden.«
»Sind diese d’Haranischen Soldaten gefährlich? Ich meine, belästigen sie normale Bürger? Leute, die einfach auf der Durchreise sind?«
Ihr Blick wich seinem fragenden Blick aus. »Ich – das weiß ich nicht. Vermutlich, ja, das wäre möglich.«
Sie hatte Angst, zu viel zu verraten, andererseits wollte sie aber auch nicht, daß er durch ihre übertriebene Verschwiegenheit womöglich in Schwierigkeiten geriet.
»Was hat Eurer Meinung nach ein einzelner Soldat hier in dieser abgeschiedenen Gegend verloren? Es kommt nicht oft vor, daß Soldaten ganz allein unterwegs sind.«
»Auch das weiß ich nicht. Wieso glaubt Ihr eigentlich, daß eine einfache Frau mehr über das Soldatenleben weiß, als ein Mann von Welt, der viel herumgekommen ist? Könnt Ihr Euch nicht selbst einen Reim darauf machen? Vielleicht dachte er gerade an sein Mädchen daheim und hat deshalb nicht die nötige Vorsicht walten lassen. Vielleicht ist er deshalb ausgerutscht und abgestürzt.«
Er rieb sich abermals den Hals, so als hätte er dort Schmerzen.
»Verzeihung. Ich drücke mich wohl nicht besonders deutlich aus, denn ich bin ein wenig müde. Vielleicht denke ich nicht klar, vielleicht war ich auch nur Euretwegen besorgt.«
»Meinetwegen? Was wollt Ihr denn damit sagen?«
»Ich will damit sagen, daß Soldaten immer irgendeiner Einheit angehören. Und die anderen Soldaten wissen gewöhnlich, wo sie normalerweise zu finden sind. Soldaten ziehen nicht einfach aufs Geratewohl allein los. Bei ihnen ist das anders als bei einem einsamen Fallensteller, der verschwinden könnte, ohne daß jemand etwas davon erfährt.«
»Oder bei einem einsamen Reisenden?«
Ein nachsichtiges Lächeln nahm seinem Gesichtsausdruck etwas von seiner Angespanntheit. »Oder bei einem einsamen Reisenden.« Das Lächeln erlosch. »Worauf ich hinaus will, ist: Wahrscheinlich werden seine Kameraden nach ihm suchen. Wenn sie die Leiche hier finden, werden sie Truppen hierher beordern, um zu verhindern, daß irgend jemand das Gebiet verläßt. Sobald sie alle aufgegriffen haben, derer sie habhaft werden können, werden sie anfangen, Fragen zu stellen. Und nach allem, was ich von d’Haranischen Soldaten gehört habe, wissen sie, wie man dabei vorgeht. Sie werden über jeden, den sie verhören, alles bis ins kleinste Detail wissen wollen.«
Ein heftiges, widerwärtiges Gefühl der Bestürzung ließ Jennsens Magengegend krampfartig zusammenschrumpfen. Daß d’Haranische Soldaten ihr oder ihrer Mutter Fragen stellten, war das Letzte, was sie wollte. Dieser tote Soldat konnte am Ende ihren Tod bedeuten.
»Aber wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, daß ...«
»Ich will damit nur sagen, ich möchte nicht, daß die Kameraden dieses Burschen hier aufkreuzen und auf die Idee kommen, jemand müsse für seinen Tod bezahlen. Womöglich betrachten sie es nicht als Unglück. Der Tod eines Kameraden wühlt Soldaten auf, auch wenn es nichts Vorsätzliches war. Wir zwei sind die beiden einzigen Personen in der Nähe. Ich möchte nicht erleben müssen, daß ein Trupp Soldaten den Toten findet und auf die Idee kommt, uns dafür verantwortlich zu machen.«
»Soll das etwa heißen, selbst wenn es ein Unglück war, könnten sie einen Unschuldigen festnehmen und ihm die Schuld daran geben?«
»Das weiß ich nicht, aber meiner Erfahrung nach verhalten Soldaten sich so. Wenn sie aufgebracht sind, suchen sie sich jemanden, dem sie die Schuld in die Schuhe schieben können.«
»Aber doch nicht uns. Ihr wart nicht einmal hier, und ich war nur auf dem Weg, um nach meinen Angelschnüren zu sehen.«
Er stützte einen Ellbogen auf seinem Knie ab und beugte sich über den Toten hinweg zu ihr. »Und dieser Soldat, unterwegs im Dienste des großen D’Haranischen Reiches, sieht eine hübsche junge Frau daherstolzieren und ist durch sie so abgelenkt, daß er ausrutscht und abstürzt.«
»Ich bin nicht ›daherstolziert‹!«
»Das wollte ich damit auch keineswegs andeuten, sondern Euch lediglich vor Augen führen, wie man einen Schuldigen findet, wenn man es darauf anlegt.«
Das hatte sie nicht bedacht! Dann dämmerte ihr allmählich, was er außerdem noch gesagt hatte. Noch nie hatte ein Mann Jennsen als hübsch bezeichnet. So unvermutet und deplaziert die Bemerkung hier, inmitten einer so Besorgnis erregenden Situation, sein mochte – sie fühlte sich geschmeichelt. Da sie nicht wußte. wie sie auf das Kompliment reagieren sollte, und da so viele wichtigere Gedanken ihre Gefühle beherrschten, tat sie ganz einfach so, als hatte sie es nicht gehört.
»Das Mindeste, was sie tun werden, wenn sie ihn finden«, fuhr der Mann fort, »ist, jeden in der Nähe aufzugreifen und ihn einem langwierigen und strengen Verhör zu unterziehen.«
Auf einmal sah sie all die unschönen Folgen nur zu deutlich vor sich; ihr Schicksalstag rückte auf einmal in bedrohliche Nähe.
»Was sollen wir Eurer Meinung nach also tun?«
Er dachte einen Augenblick nach. »Nun, sollten sie tatsächlich hier vorbeikommen, ohne ihn jedoch zu finden, hätten sie keinen Grund, hier zu bleiben und die Leute aus der Gegend zu verhören. Und wenn sie ihn hier nicht finden, werden sie woanders weiter nach ihm suchen.«
Er stand auf und sah sich um. »Der Boden ist zu hart, um ein Grab auszuheben.« Er zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht, um seine Augen beim Suchen gegen den Nebel zu schützen. Dann zeigte er auf eine Stelle in der Nähe der Felsklippe. »Da. Dort ist eine tiefe Spalte, die mir groß genug erscheint. Wir könnten ihn hineinlegen und ihn mit Geröll und Steinen bedecken. Das beste Begräbnis, das wir ihm in dieser Jahreszeit geben können.«
Und vermutlich ein besseres, als er verdient hatte. Lieber hätte sie ihn einfach liegen lassen, aber das wäre gar nicht klug. Sie hatte ihn ja bereits verstecken wollen, bevor der Fremde zufällig des Weges gekommen war, und seine Vorgehensweise war eindeutig besser.
Er schaute sie an. »Der Mann ist tot, daran ist nichts zu ändern. Es war ein Unglück. Warum sollten wir uns durch dieses Mißgeschick in Schwierigkeiten bringen lassen? Wir haben nichts Unrechtes getan, wir waren ja nicht einmal hier, als es passierte. Ich sage, wir vergraben ihn und leben einfach weiter wie zuvor.«
Jennsen erhob sich; der Mann hatte einfach Recht. »Einverstanden«, sagte sie. »Wenn wir es wirklich tun wollen, sollten wir uns sputen.«
Er lächelte, eher aus Erleichterung denn aus einem anderen Grund, wie sie fand. Dann drehte er sich herum, um ihr unmittelbar ins Gesicht zu sehen, und schlug die Kapuze zurück, wie Männer dies aus Respekt gegenüber einer Frau zu tun pflegten.
Erschrocken stellte Jennsen fest, daß sein kurz geschorenes Haar schneeweiß war, dabei schien er höchstens sechs oder sieben Jahre älter als sie zu sein. Sie musterte es ebenso staunend, wie die Leute ihr rotes Haar bestaunten. Seine Augen schimmerten ebenso blau wie ihre, so blau, wie Erzählungen zufolge auch die ihres Vaters gewesen waren.
Die Kombination aus seinem kurzen weißen Haar und den blauen Augen bot einen eindrucksvollen Anblick, beides harmonierte mit seinem glattrasierten Gesicht und verschmolz mit seinen Gesichtszügen zu einer Einheit, die ihr absolut vollkommen zu sein schien.
Über den toten Soldaten hinweg reichte er ihr die Hand.
»Ich heiße Sebastian.«
Nach kurzem Zögern reichte sie ihm ihrerseits die Hand; sie war überrascht, wie ungewöhnlich warm sich seine Hand anfühlte.
»Wollt Ihr mir Euren Namen nicht verraten?«
»Ich bin Jennsen Daggett.«
»Jennsen.« Der Klang entlockte ihm ein wohlgefälliges Lächeln.
Sie spürte, wie sie abermals errötete. Anstatt Notiz davon zu nehmen, machte er sich umgehend an die Arbeit, indem er den Soldaten unter den Armen packte und zog, doch ließ sich der Körper mit jedem kräftigen Ruck nur ein winziges Stück bewegen. Jennsen half ihm, und gemeinsam schleiften sie den Toten, der ihr im Tod ebenso bedrohlich erschien, wie er es vermutlich lebend gewesen wäre, über das Geröll.
Sebastian wälzte ihn herum; erst jetzt gewahrte Jennsen, daß er unter seinem Rucksack ein kurzes Schwert über die Schulter geschnallt trug. In den Waffengurt an seiner Hüfte war hinten im Kreuz eine sichelförmige Streitaxt eingehakt. Jennsens Unruhe wuchs, als sie sah, wie schwer bewaffnet der Soldat gewesen war. Reguläre Truppen führten nicht so viele Waffen mit und besaßen auch nicht ein solches Messer.
Sebastian streifte ihm die Tragegurte des Rucksacks über die Arme, schnallte das Kurzschwert los und legte es zur Seite; dann löste er den Waffengurt und warf ihn auf das Schwert.
»Der Rucksack enthalt keinerlei ungewöhnliche Dinge«, meinte er nach einer kurzen Untersuchung und legte ihn zu den anderen Sachen. Dann ging Sebastian daran, die Taschen des Toten zu filzen. Jennsen wollte schon fragen, was er sich da erlaube, als ihr wieder einfiel, daß sie sich genauso verhalten hatte. Um einiges aufgebrachter reagierte sie allerdings, als er die anderen Gegenstände zurücksteckte, nachdem er das Geld aussortiert hatte.
Sebastian hielt ihr das Geld hin.
»Was soll das?«, fragte sie.
»Nehmt schon.« Er bot ihr das Geld noch einmal an, mit mehr Nachdruck diesmal. »Wem nützt es, vergraben in der Erde? Geld ist dazu da, das Leid der Lebenden zu lindern, nicht das der Toten. Oder glaubt Ihr etwa, er kann sich von den Gütigen Seelen ein ehrenvolles, von Heiterkeit erfülltes, ewiges Leben erkaufen?«
»Aber es gehört mir nicht.«
Sebastian runzelte die Stirn und bedachte sie mit einem mißbilligenden Blick. »Betrachtet es als teilweise Wiedergutmachung für das, was Ihr durchgemacht habt.«
Sie spürte, wie ein kalter Schauder sie überlief. Wie konnte er davon wissen? Sie waren doch immer so vorsichtig gewesen.
»Was wollt Ihr damit sagen?«
»Für die Zeit, um die sich Euer Leben durch den Schrecken verkürzt, den Euch dieser Bursche heute eingejagt hat.«
Leise seufzend atmete Jennsen erleichtert auf. Sie mußte endlich damit aufhören, hinter jeder Bemerkung immer nur das Schlimmste zu vermuten.
Ein wenig widerwillig ließ sie sich die Münzen von Sebastian in die Hand drücken. Drei Münzen in den Handteller. »So nehmt schon. Das Geld gehört jetzt Euch«, sagte er.
Jennsen mußte daran denken, was eine solche Summe bedeuten konnte, und nickte. »Meine Mutter hatte es im Leben immer schwer, sie kann es gebrauchen.«
»Dann will ich hoffen, daß es Euch beiden zugute kommt. Betrachten wir die Unterstützung von Euch und Eurer Mutter als die letzte gute Tat dieses Mannes.«
»Ihr habt so heiße Hände.« Dem Ausdruck seiner Augen nach glaubte sie auch den Grund dafür zu kennen, deshalb fügte sie nichts hinzu.
Er bestätigte ihre Vermutung mit einem Nicken. »Ich habe leichtes Fieber, es hat heute Morgen angefangen. Wenn wir diese Sache hinter uns haben, kann ich mich hoffentlich bis zur nächsten Ortschaft durchschlagen und eine Weile in einem trockenen Zimmer ausruhen. Ich brauche nur ein wenig Ruhe, um wieder zu Kräften zu kommen.«
»Die Ortschaft ist viel zu weit entfernt; heute schafft Ihr es auf keinen Fall mehr bis dorthin.«
»Seid Ihr sicher? Ich bin gut zu Fuß. denn ich bin es gewohnt, zu laufen.«
»Ich auch«, erwiderte Jennsen, »und ich brauche fast einen ganzen Tag bis dorthin. Es ist nur noch ein paar Stunden hell – und vorher müssen wir unbedingt unsere Arbeit hier zu Ende bringen.«
Sebastian seufzte. »Nun. dann werde ich mich wohl damit abfinden müssen.«
Er kniete abermals nieder und wälzte den Soldaten halb herum, um dessen Messer vom Gürtel zu lösen. Die Scheide aus fein genarbtem Leder war, passend zum Griff, mit Silber besetzt und mit demselben kunstvoll verzierten Emblem geschmückt. Sebastian reichte ihr das Messer.
»Es wäre doch schade, eine so noble Waffe zu vergraben. Hier, nehmt. Besser als das billige Spielzeug, mit dem Ihr mich vorhin bedroht habt.«
Jennsen stand wie vom Donner gerührt da, äußerst verwirrt. »Aber das solltet Ihr behalten.«
»Ich werde mir seine anderen Waffen nehmen, sie entsprechen ohnehin eher meinem Geschmack. Das Messer gehört Euch. So lautet Sebastians Gesetz.«
»Sebastians Gesetz?«
»Schönheit gehört zu Schönheit.«
Das Kompliment, das sich dahinter verbarg, ließ Jennsen erröten.
»Habt Ihr eine Idee, was das ›R‹ auf dem Heft bedeutet?«
Am liebsten hätte sie augenblicklich mit »Ja« geantwortet, schließlich wußte sie nur zu gut, wofür es stand.
»Es steht für das Haus Rahl.«
»Das Haus Rahl?«
»Für Lord Rahl – den Herrscher D’Haras«, erklärte sie, einen Alptraum in schlichte Worte fassend.