3 Der Baum

Der Schmerz durchdrang ihn unaufhörlich.

Er spürte, wie sich die langsamen, aber gleichwohl furchtbaren Veränderungen fortsetzten. Seine Arme waren längst um seinen Kopf verdreht, und seine Finger dehnten und streckten sich in alle Richtungen. Seine Beine waren zu einem dicken Stamm verwachsen, die zwei Gliedmaßen hatten sich vereint – ein Zustand, der bereits ein Leben lang anzudauern schien.

Aber wie lange stand er tatsächlich hier, so starr und bewegungslos? Wie lange war es her, seit der Herr des Albtraums ihn gefangen genommen hatte? Was geschah derweil auf der Ebene der Sterblichen?

Was war mit Tyrande passiert?

Wie schon viele Male zuvor, kämpfte Malfurion Sturmgrimm gegen den Schmerz an. Er hätte auch geschrien – wenn er denn noch einen Mund besessen hätte. Nur seine Augen hatte sein monströser Entführer nicht verwandelt. Der Feind wollte, dass er seine eigene Transformation mit ansah, wollte sich an der Hoffnungslosigkeit in seinem Gesicht ergötzen.

Malfurion, der Nachtelf, war nicht mehr. An seine Stelle war ein makaberer skelettartiger Baum getreten, eine Esche. Die Blätter mit den scharfen Dornen sprossen aus ihm hervor, wo einst Arme und Finger gewesen waren. Sie waren nun in Äste verwandelt. Der Stamm bog sich in merkwürdigen Winkeln, wo einmal der Torso gewesen war. Die Füße waren zu gekrümmten Wurzeln geworden.

Um seinen Geist besser gegen den Schmerz wappnen zu können, stellte sich Malfurion Tyrandes Gesicht vor und erinnerte sich an den Moment, da sie beide in aller Stille ihre Liebe entdeckt hatten. Als sie ihn seinem ehrgeizigen Bruder Illidan vorzog.

Eigentlich hatte Malfurion erwartet, dass sie seinen Zwillingsbruder erwählen würde. Nicht zuletzt dank seiner Rücksichtslosigkeit gelangen Illidan beim Studium der Magie rasch große Fortschritte. Und seine Erfolge im Kampf gegen die Brennende Legion hatten ihn in den Augen vieler Nachtelfen – und manchmal auch in Malfurions – zu einem Hoffnungsträger werden lassen.

Doch Tyrande, damals eine Schülerin der Elune, hatte offensichtlich auch in dem Grünschnabel Malfurion eine große Qualität gespürt, etwas Besonderes.

Was das sein sollte, wusste er bis heute nicht.

Malfurion merkte, dass er Kräfte aus dieser Erinnerung zog, doch auch ein hohes Maß an Schuld begleitete die Gedanken an Tyrande. Es war seine Entscheidung gewesen, sie alleinzulassen. Sie musste jahrhundertelang Azeroth bewachen, während er und die Druiden durch den Smaragdgrünen Traum zogen. Was zählte es schon, dass sich seine Wahl für das Wohl der Welt als richtig herausgestellt hatte. Er hatte sie dennoch verlassen.

Dem Erzdruiden war plötzlich nach Weinen zumute. Die Gedanken und Gefühle waren seine eigenen, dennoch stellte er sich die Frage, ob sie von seinem Entführer beeinflusst wurden. Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Die heimtückische Präsenz hatte seinen Geist bereits viele Male infiltriert, hatte die Erinnerungen und Gedanken des Nachtelfen verdorben.

Im Gegensatz zu den schrecklichen Transformationen war dies der subtilere Teil seiner Folter.

Es hätte kein Schmerz vorhanden sein sollen. Immerhin war dies der Smaragdgrüne Traum, und er war in seiner Traumgestalt eingetreten, nicht mit der physischen. Qualen wie diese hätten unter den gegebenen Umständen unmöglich sein müssen.

Als wollte er diese Tatsache widerlegen, wurde sein Körper weiter misshandelt. Wieder konnte er sein Leiden nicht hinausschreien.

Malfurion?

Die Stimme schnitt durch den Schmerz, der sich anfühlte, als würde es ein Leben lang andauern. Der Ruf kam von fern... war kaum ein Flüstern... Dennoch klang es wie... klang es so sehr wie...

Malfurion? Hier... Tyrande... Ihr seid...

Tyrande! Wenn sein Gedanke hörbar gewesen wäre, hätte man ihn bei seiner Intensität meilenweit hören können. Tyrande!

Malfurion? Die Stimme wurde stärker. Malfurion spürte, wie seine Hoffnung stieg. Seit zehntausend Jahren und mehr hatte er sie geliebt. Sie hätte ihn für die lange Abwesenheit, in der er für die Druiden unterwegs gewesen war, hassen müssen. Doch stets war sie am Ende für ihn da gewesen. Und jetzt... Wieder hatte Tyrande bewiesen, dass nichts zwischen ihnen stehen würde.

Malfurion? Ihr Ruf war deutlicher, unmittelbarer. Fast, als wäre sie schon ganz nah -

Ein schemenhafter Körper erschien vor ihm. Jeder Schmerz wich nun aus seiner Traumgestalt. Der Erzdruide war außer sich vor Freude, als er die sich nähernde Silhouette sah.

Das Leuchten, das Tyrande umgab, unterschied sie von allen anderen – sie war von einem zarten und doch strahlenden Silberschein erfüllt. Die Macht von Elune hatte der Hohepriesterin eine einzigartige Traumgestalt verliehen. Malfurion hätte gelächelt, wenn er einen Mund besessen hätte.

Tyrande sprach, doch die Worte brauchten einen Moment, um seinen Geist zu erreichen. Malfurion? Seid... seid Ihr das?

Er wollte antworten, doch Tyrandes nächste Reaktion verblüffte ihn.

Sie wich angeekelt zurück.

Wie... abstoßend!, hörte der Erzdruide.

Tyrande zog sich weiter zurück und schüttelte den Kopf.

Tyrande... Tyrande... Doch seine Rufe an sie blieben ohne Resultat, so als könnte sie ihn nicht mehr hören. Stattdessen streckte die Hohepriesterin abwehrend die Hand aus.

Nein..., stieß sie schließlich hervor. Ich habe Besseres von Euch erwartet...

Der Erzdruide war verwirrt. Doch bevor er erneut versuchen konnte, mit ihr zu sprechen, materialisierte eine zweite Gestalt hinter ihr.

Ich habe Euch gewarnt, meine Liebe, sagte das zweite, größere Wesen. Ich habe Euch gewarnt, dass er nicht das ist, was Ihr Euch erhofft habt...

Malfurion war sprachlos. Er kannte diese Stimme. Fürchtete sie. Sie erinnerte ihn an einen weiteren großen Fehler, vielleicht seinen größten.

Illidan kam in Sicht, doch es war nicht der Illidan, wie er als Malfurions Zwillingsbruder ausgesehen hatte, sondern die Monstrosität, zu der er geworden war.

Illidan Sturmgrimm war ein Dämon. Aus seinem Kopf wuchsen große gebogene Hörner wie die eines riesigen Widders. Schwere ledrige Flügel ragten aus seinen Schulterblättern hervor. Illidans Antlitz war zu einer verzerrten Parodie seines früheren Selbst geworden. Das Gebiss war markanter, und der Mund steckte voller scharfer Zähne. Die Wangenknochen standen höher. Eine Flut von wildem, dunklem Haar bedeckte sein Gesicht.

Ein Band verbarg, was einst Illidans sterbliche Augen gewesen waren. Augen, die von Sargeras, dem Dämonenlord, während des Kriegs der Ahnen ausgebrannt worden waren, als Zeichen von Illidans Loyalität gegenüber seinem neuen Meister in der Brennenden Legion. An ihrer Stelle sorgte ein sengendes grünes Leuchten, das Dämonenfeuer, dafür, dass Malfurions Bruder nicht nur die Welt um sich herum sehen konnte, sondern auch alle mystischen Energien, die ihr innewohnten.

Illidan, murmelte Tyrande voller Zuneigung. Ihr Blick war immer noch auf Malfurion gerichtet. Der Erzdruide konnte keinerlei Empörung darin erkennen. Dann sagte sie: Illidan, seht ihn nur an...

Der Dämon stapfte auf seinen schweren Hufen vorwärts. Er war jetzt viel größer als zu seinen Zeiten als Nachtelf. Seine Brust war breit, breiter, als sie hätte sein sollen. Illidans Oberkörper war nackt, abgesehen von arkanen Tätowierungen, die ebenfalls vor grüner Energie glühten. Seine einzige Kleidung bestand aus Hose und Schuhen, Überbleibsel seiner sterblichen Vergangenheit.

Beruhigt Euch, mein Schatz, antwortete Illidan. Seine Lippen bewegten sich asynchron. Zu Malfurions Schrecken legte sein Zwilling den muskulösen Arm um Tyrandes Schulter, bedeckte sie mit einer Hand, die in gewundenen Krallen auslief.

Und zum noch größeren Entsetzen des Erzdruiden fand Tyrande Trost in dieser grotesken Umarmung.

Ich ertrage seinen Anblick nicht! Er ist nicht im Geringsten das, was ich einst glaubte!

Illidan grinste über ihren Kopf hinweg zu seinem veränderten Bruder. Es ist nicht Euer Fehler, Tyrande! Er ist schuld daran...er hat Euch verlassen...Er verlangte, dass alle anderen seinen Geboten folgen sollten, selbst wenn es für sie eine Tragödie bedeutete... Es ist seine gerechte Strafe...

Das ist eine Lüge!, begehrte Malfurion auf, doch keiner der beiden achtete auf ihn. Stattdessen wandte Tyrande Malfurion den Rücken zu und erwiderte Illidans Umarmung leidenschaftlich.

Ich habe so viele Jahrhunderte an ihn verschwendet!, sagte die Hohepriesterin verbittert. Er hat mich immer warten lassen... weil seine eigenen Wünsche stets wichtiger waren als ich...

Der Dämon blickte zu ihr hinab und hob ihr Kinn mit seiner Hakenklaue leicht an. Ich würde Euch so etwas nie antun, mein Schatz… Ich würde Euch und mich vereinen...

Tyrande blickte in sein schreckliches Antlitz. Sie lächelte. Dann tut es!

Mein Liebling... Er legte beide Klauenhände auf ihre Schultern. Seine Augen funkelten. Das Feuer schoss hervor. Es schloss Tyrande ein. Malfurion schrie, doch das änderte nichts. Die Hohepriesterin wurde davon eingehüllt.

Und dann... veränderte sich Tyrande.

Hörner entstanden auf ihrer Stirn, Hörner, die hoch aufragten und sich dann wölbten. Aus ihrem Rücken traten Wülste, die schnell größer wurden und sich ausbreiteten. Netzartige Flügel entfalteten sich. Die Nägel ihrer schlanken Hände, die Illidan festhielt, wuchsen und wurden schwarz.

Nein!, versuchte Malfurion zu rufen. Nein!

Tyrande richtete ihren Blick auf den Erzdruiden. Doch jetzt waren ihre Augen glühende grüne Kugeln. Sie legte die Stim in Falten und starrte den hilflosen Malfurion an.

Das habt Ihr mir angetan.... sagte sie... Ihr...

Der Erzdruide gab ein stummes Flehen von sich... und erwachte.

Er steckte immer noch in seiner Traumgestalt, war immer noch gefangen und qualvoll verdreht. Doch er entdeckte, dass das Leid, das er gerade durchgemacht hatte, nicht echt gewesen war – jedenfalls noch nicht.

Doch Malfurion empfand keine Erleichterung. Es war nicht das erste Mal, dass er einen solchen Albtraum durchlebt hatte, und es wurde immer schwerer zu unterscheiden, wann er schlief und wann er wach war.

Sein Peiniger trieb ein böses Spiel mit ihm. Eines, von dem der Erzdruide wusste, dass er es langsam, aber sicher verlor.

Und obwohl es nur ein Albtraum gewesen war, hatte das Erlebnis ihn erschöpft, beeinflussbarer gemacht.

Tyrande, dachte Malfurion. Es tut mir so leid...

Vielleicht denkt sie gar nicht mehr an dich, erklang eine neue Stimme in seinem Geist. Nach so langer Zeit, nachdem sie so oft verlassen wurde. Das Schicksal so vieler lastet auf ihr, während du dich vor der Welt und deiner Verantwortung versteckt hast.

Malfurion versuchte, den Kopf zu schütteln, doch er hatte gar keinen Kopf mehr, um das tun zu können.

Die Stimme meldete sich erneut. Wie eine giftige Kreuzotter kroch sie durch Malfurions Seele. So wie du den anderen verlassen hast, der dir so wichtig war. Ihn verraten, in die Gefangenschaft getrieben und in die Verdammnis geschickt hast...

Illidan.

Malfurion hatte versucht, seinen Zwillingsbruder zu retten. Doch am Ende hatte Illidans Ehrgeiz ihn zu dem gemacht, was Malfurion bekämpfen musste. Einen Dämon. Hätte Malfurion von Anfang an anders gehandelt, seinem Bruder vielleicht geholfen, statt ihn einzusperren, dann hätte Illidan möglicherweise gerettet werden können.

Nein!, loderte es durch den Geist des gefangenen Erzdruiden. Ich habe versucht, ihm zu helfen! Ich ging immer wieder zu seinem Kerker, in der Hoffnung, ihn zurück zum Licht führen zu können.

Aber du hast versagt... du versagst immer... du hast vor dir selbst versagt, und deshalb wirst du vor Azeroth versagen...

Im Smaragdgrünen Traum – dem Albtraum – wurde das Wesen, das einst Malfurion Sturmgrimm gewesen war, weiter verändert. Er leuchtete nicht mehr im hellen Grün, das seine Traumgestalt immer annahm, wenn sie das magische Reich betrat. Stattdessen hüllte ein düsterer Schatten ihn ein.

Eine noch dichtere Dunkelheit umgab den eingesperrten Erzdruiden – der einzige Hinweis auf jene Kreatur, die sich selbst Albtraumlord nannte. Von der scheußlichen Finsternis ausgehend, strebten Ranken auf Malfurion zu, die nicht nur die Veränderung seiner Gestalt nährten, sondern auch weiter in den Geist des Nachtelfen vorstießen und ihn immer mehr in einen Baum verwandelten.

Ein Gewächs, das aus nichts anderem zu bestehen schien als aus unfassbarem, quälendem Schmerz...


Malfurions Gruft sah noch genauso aus, wie Tyrande Wisperwind sie von ihren beiden Visionen und früheren Besuchen in Erinnerung hatte. Von der wahren Person hinter der Legende war wenig zu sehen. Die Gruft bestand aus einer Reihe von unterirdischen Gängen, in die sich niemals ein Sonnenstrahl verirrte, doch Nachtelfen waren Kreaturen der Dunkelheit und verfügten zudem über mystische Kräfte. Statt Öllampen erhellte sanftes Mondlicht die Hauptkammer, was den Gebeten der Schwesternschaft zu verdanken war.

Der Erzdruide lag aufgebahrt, als würde er schlafen – was er in gewissem Sinne auch tat. Nur seine offenen Augen gaben einen Hinweis darauf, dass er noch lebte.

Die diensthabende Priesterin trat beiseite. Einer nach dem anderen aus der Gruppe begab sich zu dem reglosen Körper. Die Druiden knieten ehrfürchtig vor ihrem Gründer, während die Schwestern der Elune sich einfach verneigten, Groll fand, dass das Geschehen an eine Beerdigung erinnerte. Doch diesen Gedanken behielt er für sich, besonders, weil Malfurions Geliebte dabei war.

Als die Hohepriesterin an der Reihe war, beugte sie sich so tief herab, dass es zuerst so aussah, als wolle sie Malfurion küssen, was für die meisten nicht überraschend gewesen wäre. Doch im letzten Moment zog Tyrande ihren Kopf zurück und strich stattdessen über seine Stirn.

„Kalt...“, murmelte sie. „Kälter, als er sein sollte...“

„Wir sprachen die Gebete regelmäßig“, antwortete Merende sofort. Ein Hauch von Überraschung schwang in ihrem Tonfall mit. „Es dürfte sich nichts geändert haben...“

Es war kein Groll in Tyrandes Stimme, als sie antwortete: „Ich weiß... aber er ist kälter... Elunes Vision ist wahr...“ Sie blickte zu ihm. „Und seine Augen verlieren den goldenen Glanz... als würde er seine Verbindung zu Azeroth verlieren...“

Sie trat schließlich zurück und machte Platz für den obersten Erzdruiden. Fandral verbrachte noch mehr Zeit bei Malfurion als die Hohepriesterin. Er flüsterte etwas und strich mit beiden Händen über den Körper des Erzdruiden. Broll sah, wie er etwas Pulver über der Brust verteilte und fragte sich, was Fandral vorhatte. Die Priesterin und der Druide hatten bereits Zauber gewirkt, die dabei helfen sollten, Malfurions Körper zu erhalten und seine ersehnte Rückkehr vorzubereiten.

Der oberste Erzdruide wischte eine Träne fort und trat zurück. Broll betete zu den Geistern des Waldes, dass, was immer Fandral vorhatte, helfen möge. Sie brauchten Malfurion mehr denn je, besonders wenn Teldrassils Krankheit nicht mit ihren Kräften zu heilen war.

„Meine Schwestern werden ihre Anstrengungen erhöhen“, sagte Tyrande nach kurzer Diskussion mit Merende und den anderen beiden Priesterinnen. „Elune wird ihnen Kraft geben, seinen Körper am Leben zu erhalten... zumindest für eine Weile. Aber wir müssen das Problem schnellstens lösen.“

„Hier können wir nichts mehr tun“, bemerkte Fandral mit einem respektvollen Blick auf Malfurion Sturmgrimms Körper. „Lasst uns wieder nach draußen gehen...“

Als die Druiden und die anderen gehorchten, bemerkte Broll, wie Tyrande Malfurion an der Wange berührte. Dann verhärtete sich ihr Gesichtsausdruck, und sie folgte Fandral, als wollte sie in den Krieg ziehen.

Die Düsternis von Malfurions Kammer wich der üppigen Schönheit des Landes an der Oberfläche – einer bergigen Region, gesprenkelt mit zahllosen Hügeln, unter denen die Heiligtümer anderer Druiden lagen. Zwischen den Gräbern befanden sich Bögen aus Stein oder Holz, die mit üppigem, lebendigem Grün geschmückt waren. Das verlieh der Mondlichtung ein fremdartiges Aussehen.

Dennoch war es mehr als der sichtbare Eindruck, der die Mondlichtung zu dem machte, was sie war. Als Druide konnte Broll den tiefen Frieden spüren, der allem hier innewohnte. Es stand außer Frage, warum die Druiden diesen Ort so verehrten.

„So ein friedlicher Flecken“, meinte die Hohepriesterin.

„Der Geist Cenarius’ ist großer Bestandteil davon“, antwortete Fandral und wirkte erfreut über Tyrandes Kompliment, „und ist auch in seinem Wächter gegenwärtig, seinem Sohn...“

„Wenn das stimmte, dann wäre ich mein Vater“, erklang eine Stimme, die das Gefühl des Frühlings mit sich brachte. „Wenn das stimmte, wäre ich...“

Die Druiden hatten nicht bemerkt, wie der Halbgott eingetroffen war, denn seine Schritte verursachten keinerlei Geräusch. Sie knieten sich augenblicklich respektvoll nieder, und selbst die Priesterinnen ehrten Remulos’ Erscheinen mit einem formellen Nicken. Trotzdem wirkte er nicht allzu zufrieden mit dem Empfang.

„Erhebt euch!“, verlangte er von den Druiden, während sich die Luft um ihn herum mit Blumenduft füllte und das Gras unter seinen Hufen üppiger wuchs. „Ich brauche keine Ehrbezeugung von euch“, fügte Remulos mürrisch hinzu und schüttelte seine blättrige Mähne. „Ich bin ein erbärmlicher Versager!“

Fandral streckte die Hand protestierend aus. „Ihr, Großes Wesen? Solche Worte gelten sicherlich nicht für den Herrn der Mondlichtung!“

Das fast nachtelfenähnliche Gesicht sah auf die versammelten Gestalten herab, und seine Nüstern bebten wie die eines wütenden Hirsches. Er blickte kurz zu Broll – der augenblicklich den Blick senkte -, dann wandte er sich an Fandral. „Doch, die Worte sind angemessen, Fandral. Denn all meine Bemühungen, Hilfe für Malfurion zu finden, sind fehlgeschlagen. Er schläft immer noch... und sein Zustand muss noch schlechter sein, als ich dachte. Welchen anderen Grund könnte es geben, so zahlreich zur Mondlichtung zu kommen?“

„Er... stirbt“, gestand Tyrande ein.

Ein Schock lief über Remulos’ Gesicht. Die vier flinken Beine traten geräuschlos zurück. Bunte Wildblumen sprossen in den Abdrücken, die sie hinterließen.

„Er stirbt...“ Der Schock wich und wurde von etwas Düsterem ersetzt. „Das erklärt manches... denn der Albtraum weitet sich schneller aus als je zuvor. Sein Wahnsinn ist mittlerweile fast überall im Smaragdgrünen Traum spürbar! Und er bewegt sich wie entfesselt, erwischt mehr Träumer völlig unvorbereitet... korrumpiert ihren Geist und ihre Seele...“

Remulos derart sprechen zu hören, verstärkte nur die Befürchtungen, die Broll, Tyrande und die anderen hegten. Broll ballte für einen kurzen Moment die Fäuste und wünschte sich die vergleichsweise problemlosen Jahre als Gladiator zurück.

Ob es die geballten Fäuste waren oder etwas anderes Bemerkenswertes, jedenfalls blickte der Halbgott ihn wieder an. Dennoch waren Remulos’ Worte nicht für Broll bestimmt, sondern an Fandral gerichtet. „Das Götzenbild ist immer noch in deiner Obhut, Erzdruide?“

„Ja, Großes Wesen.“

Remulos blickte Fandral an. „Benutze es nicht. Verstecke es. Lass seine Macht Azeroth nicht berühren... zumindest jetzt nicht...“

Mehrere der Druiden, darunter Broll, blickten ihren Anführer an. Fandral erwähnte seine aktuelle Entscheidung nicht, nickte dem Halbgott nur zu und antwortete: „Es befindet sich in Sicherheit in meiner Wohnstatt. Und dort bleibt es auch.“

„Denke daran, was ich gesagt habe. Ich kann dir im Moment keinen Grund nennen – weil ich mir selbst nicht sicher bin...“

„Ich schwöre es“, gelobte Fandral.

Die vor ihm aufragende Gottheit nahm den Schwur an und zog sich dann zurück. Dabei verschmolz ihre Gestalt irgendwie mit der Umgebung. „Diese Nachricht, so schlecht sie auch sein mag, spornt mich zu neuen Taten an. Hohepriesterin, du hast mein Mitgefühl...“

Ein kurzes Senken der Augenlider war Tyrandes Antwort. Doch bis dahin war Remulos bereits zur Umgebung geworden. Er verschwand wie eine von den Blättern, Zweigen und der sonstigen Flora geschaffene Illusion von der mystischen Lichtung.

Doch seine Stimme blieb. „Eine letzte Warnung, meine Freunde... Es hat Gerüchte gegeben... von Schläfern überall in den Königreichen, Schläfern von allen Völkern... Es heißt, sie könnten nicht erwachen, egal, wie sehr ihre Familien sich auch darum bemühen... Achtet auf solche Geschichten, ebenso wie ich es tue... sie könnten wichtig sein...“

Und dann war er fort.

„Schläfer... die nicht aufwachen können...“, murmelte Tyrande. „Was kann er damit gemeint haben?“

„Er meint vielleicht gar nichts“, antwortete Fandral. „Wie Remulos sagte, sind es nur Gerüchte. Gut möglich, dass nicht mehr dahintersteckt.“

Hamuul grunzte und meinte: „Ich habe von einem vertrauenswürdigen Orc gehört, dass es ein Dorf gibt, wo fünf starke Krieger nicht aufgeweckt werden konnten.“

Der oberste Erzdruide wirkte nicht im Geringsten überzeugt. „Das Wort eines Orcs...“

Der Tauren zuckte mit den Schultern. „Er hatte keinen Grund zu lügen.“

Tyrande kam Hamuul zu Hilfe. „Malfurion ist im Smaragdgrünen Traum gefangen... klingt das nicht, als hätte es irgendwie damit zu tun?“

Fandral verneigte sich vor ihr und schüttelte den Kopf. „Hohepriesterin, Ihr begeht einen verständlichen Fehler. Obwohl wir es Smaragdgrüner Traum nennen – oder Albtraum – sind druidische Projektion und der normale Schlaf von Sterblichen zwei völlig verschiedene Dinge.“

„Ja... ich glaube, Ihr habt recht.“ Ein bitterer Ausdruck überzog erneut ihr Gesicht. „Er hätte nie selbst gehen dürfen. Nicht, nachdem er andere Druiden vor den Veränderungen im Smaragdgrünen Traum gewarnt hatte.“

Broll sah, wie Tyrande die Augen einen Moment lang schloss und ihr Zorn sich in Traurigkeit verwandelte.

„Er wusste von Druiden, die bereits zuvor in dem Zustand aufgefunden wurden, in dem er sich jetzt befindet“, fuhr Tyrande fort. „Arme Seelen, die nicht die Stärke und den Willen hatten, um ihre Körper am Leben zu erhalten, nachdem ihre Traumgestalt zu lange fort war...“

Dass die Hohepriesterin sich so gut in druidischen Angelegenheiten auskannte, überraschte keinen der Druiden. Sie war seit den Anfängen dabei gewesen, seit ihr Shan’do mit der Ausbildung begonnen hatte. Als ihr Geliebter hatte er seine Erfahrungen gewiss mit ihr geteilt.

„Er tat, was er tat, Tyrande Wisperwind, so wie wir jetzt tun, was wir tun müssen“, antwortete der oberste Erzdruide. Fandral wirkte entspannter. „Und der Weltenbaum bleibt immer noch unsere größte Hoffnung, ihn zu retten.“

Die Hohepriesterin schien nicht so zuversichtlich zu sein, obwohl sie zustimmend nickte. Sie blickte zu Broll, den sie besser kannte als alle anderen Druiden. Er erwiderte den Blick, wie er hoffte, tröstend.

Fandral wollte der Hohepriesterin etwas anderes sagen, doch ein Geräusch erregte Brolls Aufmerksamkeit, und er folgte der Unterhaltung nicht weiter. Die Nackenhaare des ehemaligen Sklaven richteten sich auf, als er den Ursprung des Geräuschs erkannte. Seine Augen sahen zu den Bäumen empor, wo die Blätter sich wie unter einem starken Wind schüttelten.

Wie zuvor mit Teldrassil geschehen, stoben die Blätter aller Bäume und Büsche auf der Mondlichtung in die Lüfte und ließen die Äste völlig kahl zurück. Die Blätter stiegen hinauf in den Himmel... und regneten mit tödlicher Präzision auf die Gruppe herab.

Dabei änderten sie wieder ihre Form, wurden zu immer größeren Silhouetten von Kreaturen, mit Hufen und Beinen, die mehr Tier als Nachtelf waren.

Doch dann änderte sich die Vision. Zwischen den Nachtelfen und den monströsen Angreifern bildete sich eine Gestalt, die im Licht des Smaragdgrünen Traums leuchtete. Broll dachte instinktiv an Malfurion, doch diese Gestalt war kleiner und nicht im entferntesten so gebaut wie Angehörige seines Volkes. Stattdessen erinnerte sie an...

„Broll!“ flüsterte eine heisere Stimme in sein Ohr. „Broll Bären-toll!“

Der Nachtelf schüttelte sich. Die Dämonen wurden wieder zu Blättern, und die Blätter kehrten nun, wie in der Vision von Teldrassil, zu ihren angestammten Plätzen im Grün zurück.

Broll blickte in Hamuuls besorgte Augen. Er erkannte, dass er und der Tauren allein waren, die anderen war nur noch in der Ferne zu sehen und verließen die Lichtung bereits.

„Broll Bärenfell, etwas plagt dich.“ Hamuul wandte sich um, sah seinen Freund an. „Den anderen ist nichts aufgefallen. Denn als ich bemerkte, wie du dich versteift hast, tat ich so, als würden wir uns unterhalten. Selbst dieses vorgetäuschte Gespräch konnte nicht zu dir durchdringen. Du warst völlig reglos – so wie zurzeit auch unser Shan’do.“

Broll spürte, wie ihm die Beine schwach wurden, und er griff nach Hamuuls Arm. Als er antwortete, erschrak er selbst über seine raue Stimme. „Nein... es war nicht wie bei Malfurion. Ich hatte... ich hatte eine Vision...“

„Eine Vision? Wie kann das sein?“

Der Nachtelf überlegte. „Nein. Es war keine richtige Vision. Es war, als würde... als würde Azeroth... oder etwas anderes... versuchen, mich zu warnen.“

Broll erkannte, dass er jetzt zu irgendjemandem Vertrauen haben musste. Deshalb berichtete er dem Tauren kurz und knapp, was er erlebt hatte,

Hamuul machte sich auf die ihm eigene Art Luft, während Broll berichtete. Typisch für ein Geschöpf seiner Herkunft, wenn es erschüttert oder aufgeregt war, schnaubte der Tauren mehr als nur einmal. „Wir sollten es den anderen sagen“, schlug Hamuul vor, nachdem Broll geendet hatte.

Broll schüttelte den Kopf. „Fandral würde es als nichts anderes als Furcht betrachten... oder vielleicht Wahnsinn. Für ihn ist Teldrassil der Schlüssel – und er hat vielleicht recht.“

„Aber deine Visionen – die du nun schon zweimal hattest – müssen wichtig sein, Broll Bärenfell.“

„Da bin ich nicht so sicher... wenn stimmt, was ich gesehen habe – was immer es auch genau war -, warum bin ich dann der Einzige, der es sieht?“

Der Tauren dachte einen Moment lang darüber nach, dann antwortete er: „Vielleicht weil du am geeignetsten dafür bist...“

„Am geeignetsten wofür

„Auch wenn ich mittlerweile selbst Erzdruide bin, birgt Azeroth doch noch viele Geheimnisse, deren Antworten ich nicht kenne. Die Antwort auf deine Vision musst du wahrscheinlich selbst finden, so wie Azeroth es verlangt...“

Der Nachtelf furchte die Stirn, dann nickte er. Da sie nichts mehr zu ihrer geheimen Diskussion beitragen konnten, beeilten sie sich, um die anderen einzuholen.

Doch als sie gingen, blickte Broll verstohlen zu dem Tauren, und eine Welle der Schuld überkam den Nachtelf. Er hatte eine Sache verschwiegen, die er in seinen Visionen gesehen hatte... eigentlich nur in der letzten Vision, um genau zu sein. Kurz, bevor Hamuul ihn von dem düsteren Bild losgerissen hatte, hatte Broll schließlich erkannt, was da erschienen war – beinahe wie ein Schutzschild gegen all das Böse, das auf ihn herabregnete.

Es war das Götzenbild von Remulos gewesen.

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