18 Verlorene Träume

In Sturmwind, Eisenschmiede, Dalaran, Orgrimmar, Donnerfels und allen anderen Städten und Dörfern begann sich der Nebel zu regen. Selbst in Unterstadt, wo die Untoten lebten, die nicht träumen sollten, beeinflusste er die geheimen Albträume seiner Bewohner. Die Verlassenen waren dazu verdammt, ihre verlorenen Leben noch einmal zu durchleiden. In diesen Träumen wurde ihnen eine Fluchtmöglichkeit in Aussicht gestellt, die aber nie eingelöst wurde.

Unterstadt trug ihren Namen aus vielerlei Gründen zu Recht. So lag sie tatsächlich unter den Ruinen einer der größten Städte von ganz Azeroth: Lordaeron. Doch im Dritten Krieg hatte Prinz Arthas -damals bereits vom Lichkönig korrumpiert – die Hauptstadt seines Vaters erobert und Terenas in seinem eigenen Thronsaal getötet. Der verrückte Prinz glaubte, mit diesem Gemetzel ein neues Lordaeron erschaffen zu können und hatte damit begonnen, die riesigen unterirdischen Katakomben auszubauen.

Doch sein furchtbares Schicksal hatte Arthas ins kalte Nordend gezogen, und während dieser Zeit hatten die Verlassenen – die Untoten, die sich aus der Sklaverei des Lichkönigs befreien konnten – die Ruinen erobert. Sie hatten erkannt, wie gut sich die Ruinen verteidigen ließen und erschufen in den Tiefen ihre eigene Hauptstadt. Sie erweiterten die Katakomben und errichteten Gebäude, die auf die Lebenden wie eine schreckliche Verhöhnung ihrer verlorenen Existenzen wirkten.

Ihr Wahrzeichen, eine düstere Krone, die aus drei überkreuzten Pfeilen bestand – einer davon zerbrochen -, bedeckt von einer weißen, zerbrochenen Maske, war in der Stadt allgegenwärtig. Doch es war nicht nur das Wahrzeichen der Verlassenen, sondern auch das ihrer Königin. Unterstadt war ein Ort der düsteren Farben, steinernen Wege und Stufen. Die Untoten schliefen nicht und genauso wenig tat dies die Stadt. Es gab Tavernen, Schmieden und Läden, die nicht nur den Bedürfnissen der Untoten, sondern auch Besuchern der Horde dienten, mit denen sich die Verlassenen verbündet hatten.

Es gab ein wenig Licht in Form schwacher Lampen und trüb flackernder Fackeln. Sie waren weniger für die Lebenden gedacht, obwohl die Untoten im Grunde keine echte Verwendung für das Licht hatten. Doch niemand wollte sich eingestehen, dass es seinen Bewohnern zumindest den Anstrich einer lebendigen Existenz verlieh.

Aber nun... war etwas Neues und Beunruhigendes in die Hauptstadt der Verlassenen eingekehrt, etwas, das selbst die Erbauer von Unterstadt beunruhigte, weil es... dem Schlaf glich...

Die Anführerin der Verlassenen – eine furchterregende Banshee namens Sylvanas Windläufer – hatte den merkwürdigen neuen Zustand ihrer Anhänger untersucht, die nun wahrlich tot wirkten – und doch auch wieder nicht. Denn die Befallenen regten sich gelegentlich.

Die Bansheekönigin war auch als Untote noch eine Schönheit. Einst war sie eine Hochelfe gewesen, die Waldläufergeneralin des untergegangenen Elfenreichs Silbermond. Und in ihrer gegenwärtigen Rolle war Sylvanas ebenfalls einzigartig. Denn anders als die anderen Banshees war sie kein Geist, sondern hatte einen Körper aus Fleisch und Blut. Schlank, elegant und mit einer Haut, weiß wie Elfenbein, bewegte sie sich anmutig zwischen den am Boden liegenden Gestalten, die ihre Diener hier deponiert hatten.

Es war bei allen dasselbe. Keiner gab Antwort, was Sylvanas dermaßen frustrierte, dass sie sich fast wieder lebendig fühlte.

Sie trug eine hautenge Lederrüstung, in der sie sich geschmeidig bewegen konnte. In ihrem mantelähnlichen Kapuzenumhang mit einem Hauch von tiefem Purpur darin wirkte Sylvanas wie der personifizierte Sendbote des Untergangs. Selbst die vier untoten Hochelfenwachen mit ihren verrotteten Gesichtern, den vorstehenden Rippen und den hohlen Augen konnten nicht so viel Furcht erzeugen wie die Banshee.

„Nun, Varimathras“, sagte sie zu einer schattenhaften Gestalt, die in der Ecke der feuchten, mit Spinnenweben überzogenen Kammer stand, die unterhalb ihrer Zitadelle lag. Ihre Stimme klang auf eine Art verführerisch, wie die Dunkelheit auf manche Wesen wirkte. Gleichzeitig war sie aber auch eisig wie ein schneidender Wind. „Hast du mir nichts zu berichten?“

Der Schatten löste sich von der Wand. Die riesige Gestalt trat vor, ein Dämon. Er trug eine Rüstung aus Leder und Metall, schwarz wie Ebenholz. Sylvanas Tonfall ließ auf ein gewaltiges Misstrauen zwischen ihnen beiden schließen. Der Dämon trat zu ihr und bewegte sich dabei auf zwei hufbewehrten Beinen. Seine Haut war von blutig violetter Farbe, die zu den beiden großen Flügeln passte, die aus seinen Schultern entsprangen. Sein Kopf war lang und keilförmig, mit einer dunklen Haarmähne, die von seinem ansonsten kahlen Schädel herabfloss. Zwei tückische schwarze Hörner prangten auf den Schläfen. Grüne Edelsteine schmückten die Rüstung an den Unterarmen und der Hüfte. Ihre Farbe und das Leuchten passten zu seinen unmenschlichen Augen. Damit blickte er nun in die flammend roten Augen der Banshee.

„Ich habe Zauber um Zauber gewirkt, habe mich tief in jeden dieser Narren hineinbegeben... und stets mit demselben Resultat, Eure Majestät...“, antwortete er kühl. Der Dämon neigte den Kopf zur Seite, und mit analytischem Interesse beobachtete er den gequälten Gesichtsausdruck seiner Herrin.

„Wir träumen nicht!“, entgegnete Sylvanas, ihre Stimme war jetzt so schrill, dass der Dämon seine langen spitzen Ohren bedecken muss-te. Selbst dann spürte er noch den kurzen, aber scharfen Schmerz. Der Schrei einer Banshee war eine schreckliche Waffe, und Sylvanas war die tödlichste und einzigartigste aller Banshees.

„Das alles dürfte uns nicht betreffen“, fügte die Königin der Untaten ruhiger hinzu. „Sie träumen nicht, Varimathras...“

„Nicht einmal... Sharlindra?“

Sylvanas musste zu der bewegungslosen Gestalt blicken. Anders als der Rest war sie sorgfältig auf die Steinempore gelegt worden. Der Körper schien eher ein Trugbild als real zu sein, eine schwindende Illusion. Er strahlte eine weiße Aura mit blauen Untertönen aus. Im Leben war dies eine liebreizende Elfenfrau gewesen, und ihre Anmut war auch im Tod erhalten geblieben. Sie war Sylvanas eine weise und, anders als der Dämon, vertrauenswürdige Beraterin gewesen.

Doch Sharlindra war als Erste gefallen. Sylvanas beunruhigte allerdings noch mehr, dass sie etwas murmelte, als sie sich über sie gebeugt hatte.

Das tat sie immer noch. Sie alle taten es. Das alles wies daraufhin, dass der Dämon recht hatte. Sie träumten.

„Das ist ein Trick!“ Doch Sylvanas wusste aus eigener bitterer Erfahrung, dass so etwas nicht möglich war. „Das ist ein Trick, genauso wie dieser grünliche Nebel, der über Unterstadt liegt...“ Sie wandte sich von Sharlindra ab und blickte Varimathras an. Ihre Augen blitzten, als sie überlegte, wer wohl hinter dieser Sache stecken konnte.

Ihr fiel nur ein Name ein, und als sie ihn nannte – selbst nur geflüstert -, überkam sie eine Wut, die sogar Stein zum Beben brachte. ,Arthas... das ist das Werk des Lichkönigs... Doch das ist gar nicht mehr möglich...“

Keuchend öffnete Sharlindra plötzlich die Augen. Sie blickte auf und sah etwas, das Sylvanas nicht erkennen konnte.

Die tote Banshee lächelte. Sie streckte ihre schlanke, feinstoffliche Hand aus. „Leben... ich werde wieder leben...“

Sie schloss die Augen und senkte die Hand. Wieder murmelte sie etwas, obwohl Sylvanas die Worte nicht verstehen konnte.

Sylvanas’ Augen brannten vor Wut. Sie beugte sich über die stumme Gestalt. „Was für eine verderbte Narretei ist das? Sie hat unmögliche Träume von noch unmöglicheren Dingen. Sie träumt von den Lebenden. Wahnsinn!“

„Das ist gar nicht so verrückt“, bemerkte Varimathras hinter ihr. „Ein einfacher Zauber, in der Tat.“

Die Banshee wirbelte angesichts der skeptischen Bemerkung des Dämons mit offenem Mund herum. Varimathras hütete sich, sie zu verspotten. Er hatte schnell gelernt, dass seine Artgenossen nicht die einzigen Meister der Folter waren. „Du bewegst dich auf einem gefährlichen Pfad...“

Doch der Geflügelte zuckte nur mit den Achseln. „Ich sage lediglich die Wahrheit. Wiederbelebung ist für einen Schreckenslord eine recht einfache Sache.“

„Du meintest doch, dass es unmöglich ist! Ich habe dich gewarnt...“ Sylvanas’ Wut kochte über. Sie konzentrierte sich auf Varimathras.

Immer noch unbeirrt gestikulierte er: „Lass es mich dir zeigen.“

Eine Kraft so groß, als würde ganz Unterstadt über ihr einstürzen, warf die Banshee zu Boden. Instinktiv wollte sie von der festen Gestalt in den feinstofflichen Körper wechseln, doch das schien nicht zu funktionieren, denn sie spürte trotzdem den heftigen Aufprall. Sylvanas war kurzzeitig benommen, doch der kühle, feuchte Stein an ihrer Wange brachte sie wieder zu vollem Bewusstsein.

Und dann wurde ihr klar, dass sie solche Gefühle eigentlich gar nicht hätte spüren dürfen... eigentlich hätte sie überhaupt nichts spüren dürfen.

Der unaufhörliche Gestank nach Verwesung erfüllte ihre Nase. Er war stärker als jemals zuvor seit Gründung der Stadt. Er war so intensiv, dass sie hustete, und sie musste erst tief einatmen, um sich zu beruhigen.

Nur... atmete sie eigentlich gar nicht. Sie war schließlich tot.

Oder doch nicht?

Sylvanas beobachtete ihre Hand. Die bleiche Haut war einem blassen Rosa gewichen.

„Nein...“ Sie keuchte beim Klang ihrer eigenen Stimme... Ihre Stimme war, wie sie vor ihrer Verwandlung zur Banshee geklungen hatte.

Varimathras ragte über ihr auf. Der Dämon hielt ihr einen großen Spiegel mit goldenem Rand entgegen. „Siehst du? Ich habe nicht gelogen... zumindest nicht dieses Mal.“

Sylvanas starrte sich selbst an, ihr früheres lebendiges, atmendes Ich. Sie berührte ihre Wangen, ihr Kinn, ihre Nase.

„Ich lebe...“

„Ja, das stimmt.“ Varimathras schnippte mit seinen krallenbewehrten Händen.

Die vier grausigen Hochelfen kamen herbei und packten Sylvanas. Sie stanken fürchterlich. Kleine schwarze Kreaturen krabbelten über die Stellen, wo ihr Fleisch offen vom Knochen hing. Sylvanas wollte sich übergeben, und diese Tatsache allein erschreckte sie noch mehr.

Sie musste sich zusammenreißen. Sie war Kommandeurin der Hochelfen gewesen, und jetzt war sie die Königin der Verlassenen. Sylvanas blickte die Hochelfen an und befahl: „Lasst mich los!“

Aber sie packten nur fester zu. Sylvanas blickte in die eingefallenen Augen des einen – und erkannte darin einen derart starken Hass auf sie, dass sie einfach sprachlos war.

„Vielleicht sind sie ein wenig eifersüchtig“, bemerkte Varimathras, der wieder im Schatten versank. „Doch das sollten sie nicht. Du bleibst ja nicht lange so!“

Die Hochelfe schwankte zwischen Angst und Bedauern. „Es hält nicht lange an?“

„Es würde andauern, wenn wir es dir erlauben würden.“

Das sagte nicht der Dämon, sondern jemand anderes, der ohne Sylvanas’ Wissen eingetreten war. Sie konnte den Neuankömmling von ihrer Position aus nicht sehen. Doch Sylvanas kannte die Stimme gut... und erschauderte.

Varimathras befahl den Wachen, Sylvanas umzudrehen.

Sie erblickte eine in eine schwarze, eisige Rüstung gehüllte Gestalt.

Es war der Lichkönig.

Sie kämpfte darum, sich zu befreien, aber die Wachen hielten sie mit ihrem sprichwörtlichen Todesgriff fest. Schlimmer noch, sie schleiften sie auf den Lichkönig zu.

Arthas packte sie am Kinn. Seine menschlichen Gesichtszüge waren kaum durch die Öffnungen im Helm erkennbar. Frostiger Atem schlug ihr entgegen, als er sprach.

„Du siehst gut aus als Hochelfe... und als Banshee wirkst du noch besser...“

Sie wurde auf die steinerne Plattform gestellt und angekettet. Varimathras trat zum Lichkönig, der erneut seiner Gefangenen über das Kinn strich.

„Diesmal...verwandle ich dich richtig“, versprach Arthas. Sein kalter Atem fuhr über Sylvanas’ Gesicht, doch es war nicht der Atem, der sie frösteln ließ.

Arthas wollte sie abermals zur Banshee machen...

Sylvanas erinnerte sich noch daran, welche Schmerzen sie bei der letzten schrecklichen Verwandlung erlitten hatte. Sie ahnte, dass sie diesmal einen Schrecken durchleben musste, der tausend Mal stärker war.

„Nein!“, schrie sie und versuchte, ihre Kräfte einzusetzen. Unglücklicherweise gehörten ihr diese Kräfte nicht mehr, solange dieser monströse Zauber noch wirkte.

Arthas hob sein langes, glattes Schwert, Frostgram. Das Böse darin stand dem Lichkönig in nichts nach. Er richtete die Spitze auf Sylvanas, und die Waffe füllte ihren panischen Blick aus.

„Ja, fortan wirst du eine wirklich gehorsame Dienerin sein, meine teure Sylvanas... selbst wenn wir dich immer wieder aufs Neue beleben müssen, damit es diesmal auch wirklich richtig funktioniert...“

Sylvanas schrie.


„Sie wird nicht aufwachen“, murmelte Sharlindra und spürte in sich ein Gefühl der Furcht, wie sie es seit ihrem eigenen Tod nicht mehr erlebt hatte. Sie beobachtete die anderen Verlassenen um sich herum und erkannte, dass sie dasselbe fühlten. Sylvanas redete über Varimathras, den Verräter, den sie selbst getötet hatte. Und über den Lichkönig, der lange besiegt war! Was für eine Art Traum durchlebte sie nur? Und warum träumte sie überhaupt?

Beinahe die Hälfte von Sylvanas’ Untertanen waren in demselben Zustand wie ihre Königin. Mit Ausnahme einiger weniger erging es den anderen Völkern der Horde ähnlich, obwohl es in deren Fall nachvollziehbarer war.

Aber noch schlimmer war... dass die Verlassenen angegriffen wurden.

Angegriffen von den Schatten ihrer eigenen Angehörigen, die zu etwas noch Abscheulicherem geworden waren als es selbst die Bewohner von Unterstadt darstellten. Die Verlassenen wussten, dass diese Wesen nicht real waren, doch sie waren auch keine Illusionen. Den Untoten machten diese Kreaturen, die irgendwo zwischen Leben und Tod standen, mehr zu schaffen, als es zuvor ihr eigener Tod getan hatte. Sie verwüsteten Unterstadt auf eine Art, die die Verlassenen daran erinnerte, wie es gewesen sein musste, als die Untoten selbst als Teil der Geißel dieses einst lebendige Königreich überrannt hatten.

Ein Schrei erschütterte Sharlindra erneut. Er kam nicht von Sylvanas, sondern war über ihr erklungen. Sie wusste, dass es der Schrei einer Banshee gewesen war. Aber es war weder eine Warnung gewesen noch ein Kampfschrei.

Es war ein Schrei der Furcht... die Furcht der Untoten.

Sharlindra blickte alle an, die sich mit ihr hier versammelt hatten. So furchterregend sie auf Außenstehende auch wirken mochten, verströmten die Verlassenen nun ein Gefühl, das unüblich für sie war. Die Untoten, die sie anblickte, wirkten unsicher, wie aus dem Gleichgewicht gebracht.

Weitere Schreie ertönten von den oberen Etagen von Unterstadt. Die Banshee blickte zu ihrer Königin, doch es gab keine Hoffnung auf Führung durch Sylvanas.

„Der Nebel...“, warnte eine raue Stimme. Der Sprecher hatte kaum noch Fleisch am Körper und konnte nur dank seiner Magie überhaupt sprechen, weil sein Mund schlaff zur Seite hing. „Der Nebel...“, wiederholte er.

Sharlindra blickte zu den Stufen, die zu ihnen führten. Der düstere grüne Nebel glitt dort hinunter, als würde ein lebendes Wesen langsam seine Beute umstreichen.

Die Verlassenen wichen zurück. Gleichzeitig begannen sich im Nebel Gestalten zu bilden.

Die Banshee trat ebenfalls zurück. Sie kannte einige dieser Gestalten. Anhand der Reaktionen der anderen merkte sie, dass auch sie ihre Verwandten und Freunde erkannten – allesamt Lebende, die derzeit stärker gefoltert wurden als sie.

Die Banshee stieß einen Schrei aus, der als verzweifelter Angriff begann und in Entsetzen endete.

Der Albtraum verschlang Unterstadt.


In Sturmwind beobachtete König Varian, wie sich der Nebel und die schaurige Streitmacht auf die Burg zubewegten. Aus verschiedenen Teilen der Stadt erklangen Schreie.

Wir werden angegriffen... und wir können den Feind nicht besiegen...

Sie hatten es mit Pfeilen versucht. Pfeile mit ölgetränkten, brennenden Spitzen. Sie waren nicht effektiver gewesen als Schwerter, Lanzen und alle anderen Waffen. Sämtliche Magier und die anderen Zauberwirker, die in der Stadt noch bei Bewusstsein waren, gaben ihr Bestes, aber ihre Effektivität war begrenzt.

Die tapferen Verteidiger von Sturmwind warteten auf die Befehle ihres Monarchen.

Varian sah seinen Sohn und seine tote Frau. Beide waren immer noch hundertfach vervielfacht und durchquerten gerade das Tor, als bestünde es aus Luft. Nichts hielt diesen lebendigen Albtraum auf.

Plötzlich wurde Varian klar, dass er gar keine Befehle mehr geben konnte... selbst wenn Burg und Königreich unterzugehen drohten.


Durch fast alle bekannten Länder von Azeroth setzte sich der Albtraum fort. Dabei schwand der Nebel stets so weit, dass die wachen Wesen sehen konnten, was aus seinen Opfern geworden war... und welches Schicksal ihnen drohte. Doch egal, ob es die Orcs aus Orgrimmar waren, die Zwerge aus Eisenschmiede oder eins der anderen Völker in einem anderen Land, niemand ergab sich. Sie wussten, dass sie keine andere Wahl hatten... egal, wie wenig Hoffnung sie auch haben mochten.


Doch es gab ein Reich, das merkwürdigerweise frei vom Nebel war. Es war Teldrassil und somit auch Darnassus.

Das bedeutete nicht, dass Shandris Mondfeder nicht gewusst hätte, was auf dem Kontinent vor sich ging. Tyrandes Generalin war durch ihr Netzwerk stets gut informiert.

Ein Netzwerk, das derzeit in rasendem Tempo zusammenbrach.

Shandris legte die letzte Nachricht beiseite, die sie von einem Agenten aus der Nähe von Orgrimmar bekommen hatte. Darin stand nur, was auch aus Sturmwind, Donnerfels und allen anderen Orten, über die Shandris ihr Netz gestrickt hatte, berichtet wurde.

Der mysteriöse Nebel breitete sich aus. Schlimmer für sie war jedoch die Tatsache, dass auch sie nicht wusste, wo sich ihre Königin befand. Tyrande war nach Eschental gereist... und dann scheinbar verschwunden.

Sie ist nicht tot!, redete die Nachtelfe sich ein.

Shandris verließ ihr Quartier. Sie hätte in den Gemächern der Königin wohnen können, wie Tyrande es ihr angeboten hatte, wenn sie in Staatsgeschäften unterwegs war. Doch Shandris bevorzugte ihr eigenes spartanisches Quartier. Hier gab es nichts Schmückendes, das die Natur ehrte, nur Waffen und Kriegstrophäen. Shandris ganzes Streben galt dem Schutz ihrer Königin und ihres Volkes. Mehr als einmal hatte sie während Tyrandes Abwesenheit versucht, einen Hinweis auf den Aufenthaltsort der Königin durch die Visionen anderer Priesterinnen zu bekommen.

Das war fehlgeschlagen. Stattdessen hatte Elune ihr eine andere Vision geschickt, eine, die die Generalin verwirrte.

Es war eine Vision von Teldrassil gewesen, der von innen her zerfressen wurde. Ein fürchterlicher, schwärender Verfall würde sich nicht nur über die Wurzeln ausbreiten, sondern auch bis zur Krone vordringen. Er würde den Weltenbaum schnell verschlingen.

Die Vision war kurz gewesen, nur drei oder vier Atemzüge lang. Shandris war sie sorgfältig mit jeder Priesterin durchgegangen und verstand sie dennoch nicht.

Die Vision hatte Shandris heute dermaßen beunruhigt, dass sie nicht mehr länger still sitzen konnte. In der Hoffnung, ihre Gedanken zu klären, war sie persönlich die ganze Hauptstadt abgelaufen, war von der befestigten Bastion zur Terrasse der Krieger unten im Handelsbezirk gegangen, durch den mystischen Tempel des Mondes und über die saftigen, mit Skulpturen verschönerten Inselchen in den Gärten. Dort hatte sie einen Abstecher zur Handwerkerterrasse gemacht, bevor sie zu den Kriegerquartieren zurückgekehrt war.

Nur bei der Enklave des Cenarius war sie nicht gewesen. Shandris hatte keine Angst, in die Festung der Druiden zu gehen. Noch respektierte sie Fandral so sehr, dass sie seinetwegen von dort ferngeblieben wäre. Ihre Loyalität galt Tyrande. Selbst jetzt wäre die Generalin normalerweise an der Enklave vorbeigegangen. Aber Shandris hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass, wenn man Antworten finden wollte, es oft besser war, nicht nach der offensichtlichen Quelle zu suchen.

Die schreckliche Vision immer noch im Kopf, erkannte sie plötzlich, dass es jemanden unter den Druiden gab, der ihr vielleicht nützlich sein konnte. Jemand, der ihr die Vision erklären konnte, ohne Fandral davon zu berichten.

Als jemand, die von ihren Untergebenen nichts verlangte, was sie nicht selbst zu tun bereit war, verließ Shandris leise die Kriegerterrasse. Kaum dass sie aus dem Holzgebäude trat, erreichte der vertraute Klang militärischen Drills ihr Ohr. Für Shandris war dies süßer als die Musik ihres Volkes. Seit dem Tod ihrer Eltern im Krieg der Ahnen hatte sie keine Musik mehr genossen... außer den Liedern und Gesängen, die die Priesterinnen während des Kampfes benutzten, wenn sie Elunes Kraft anriefen. Die waren immerhin nützlich.

Sie wollte sich gerade umdrehen... als sie eine Gestalt erblickte, die verstohlen die Tempelgärten nach Norden hin durchquerte. Der Umhang wies sie als Druiden aus, doch ansonsten konnte sie die Person nicht identifizieren.

Shandris ging weiter... dann wandte sie sich um. Sie konnte nicht sagen, warum, aber sie entschied sich, dem Druiden zu folgen.

Die Gestalt verschwand schnell in dem dichten Hain, der zur Enklave gehörte. Shandris folgte ihr. Die Kommandantin der Schildwache bewegte sich wie ein Schatten unter den großen Bäumen. Viele wirkten wie verkleinerte Versionen von Teldrassil. Das wiederum erinnerte sie an ihre Vision.

Der Druide kam wieder in Sicht. Etwas war merkwürdig an seinem Gang – sie vermutete, dass die Gestalt männlich war – und dem Umstand, dass er sich unter seinem Umhang versteckte. Es wirkte beinahe so, als wäre er nicht gern in der Enklave.

Der Druide blieb stehen. Die Gestalt blickte von links nach rechts, als würde sie überlegen, was sie tun sollte.

Dann traf sie eine Entscheidung. Shandris lächelte, weil sie es erraten hatte.

Sie folgte dem Druiden. Oder besser, sie versuchte, ihm zu folgen. Ihr Fuß verfing sich in einer Wurzel, der die Nachtelfe eigentlich ausgewichen war. Als Shandris beiseitetrat, schien sich die Wurzel über den Boden zu winden, um sie wieder am Fuß zu packen.

Die Wächterin bewegte sich geschmeidig, um der Wurzel zu entkommen. Doch ein Ast traf ihr Gesicht. Der Aufprall war so hart, dass Shandris vor den nächsten Baum torkelte.

Die Wurzeln des Baumes umschlossen ihre Knöchel. Shandris zog die Klinge, die sie immer bei sich trug, um sich freizuschneiden.

Doch ein weiterer Ast traf sie am Kopf. Reglos ging Shandris zu Boden.

In diesem Moment öffnete sich die raue Borke. Obwohl sie benommen war, spürte Shandris, wie sie in den Stamm hineingezogen wurde.

Sie mühte sich, ihre Konzentration zurückzuerlangen. Aber erneut wurde sie vor den Kopf geschlagen. Das Innere der großen Eiche umgab sie. Mit verschwommenem Blick beobachtete die Priesterin, wie die Borke sich wieder schloss.

Eine Finsternis, die selbst sie nicht durchdringen konnte, umgab sie. Gleichzeitig bildete sich ein Druck auf ihrer Brust. Shandris erkannte vage, dass es hier drin zu eng war. Sie konnte nicht atmen...

Die Nachtelfe wurde ohnmächtig und wusste, dass der Tod unmittelbar bevorstand.

Dann wich die Borke wieder. Der Druck schwand. Frische Luft umgab Shandris, sie taumelte vorwärts.

Sie landete in den Armen einer kräftigen Gestalt. Shandris versuchte, sich zu erholen. Sie war sich sicher, dass ihr Gegner sie erwischt hatte.

Ein moschusartiger Geruch umgab die Nachtelfe und holte sie ins Bewusstsein zurück. Sie blickte auf und erkannte die Gestalt.

Es war ein Tauren.

Hamuul Runentotem blickte sie aus zusammengezogenen Augen an. „So... du bist es also...“

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