25 Eine Entscheidung fällt

Sie waren wieder auf Azeroth, obwohl Lucan diesen Teil der Welt nicht kannte. Das einzig Vertraute hier war etwas, das inzwischen überall die Welt zu durchdringen schien... der scheußliche Nebel des Albtraums.

Eine kräftige Hand packte ihn am Kragen. Thura beugte sich ganz nah zu ihm. Der heiße Atem der wütenden Orcfrau stank. „Die Axt! Was hast du mit der Axt gemacht?“

„Ich weiß nicht, wovon du redest!“

Thura zeigte ihm ihre andere Hand, die nun eine bedrohliche Faust bildete. „Die Axt von Broxigar! Ich hatte sie in der Hand... und jetzt ist sie weg!“

„Hast du sie losgelassen?“ Der Gesichtsausdruck der Orckriegerin ließ ihn die Möglichkeit schnell verwerfen. „Sie hätte bei dir bleiben sollen! Das habe ich vorher schon mal gemacht!“

Die Kriegerin ließ ihn los und blickte ihn wütend an. „Wo ist sie dann, Mensch?“

Lucan wusste es genauso wenig, wie er diesen Ort hier kannte. Die hügelige Landschaft war voller tückischer Schluchten und wirkte trostlos. Es gab nur ein wenig Gestrüpp, und auf einem Hügel stand ein großer hässlicher Baum...

Der Kartograf schluckte. Der Baum passte nicht zu dem kargen Bild um ihn herum. Er war das Einzige, was hier zu gedeihen schien. Dennoch trug er keine Blätter.

Aber das war es nicht, was Lucan so sehr an dem Baum störte. Es war der Umriss, den er selbst im Dunst hatte.

Wie eine riesige Skeletthand.

Nun verstand er, warum und wie die Axt zurückgeblieben war. Jemand wollte, dass sie da blieb, jemand, der die Macht dazu hatte.

„Wir müssen hier weg!“, rief er.

„Ich werde mir die Axt zurückholen!“, erklärte Thura, die nicht ahnte, was Lucan entdeckt hatte.

Ein knisterndes Geräusch um sie herum unterbrach sie.

Der Boden unter ihren Füßen begann sich zu bewegen, als würde sich etwas Großes nach oben durchgraben. Gleichzeitig bildeten sich im Nebel Schatten, die halb wie Nachtelfen und halb wie Ziegen aussahen.

Eine Wurzel schoss aus einem der Risse und suchte Lucans Knöchel. Thura zerrte daran und brach ein großes Stück der Spitze ab. Aus den abgebrochenen Enden tropfte eine Flüssigkeit, die wie Blut aussah.

Die Wurzel zog sich zurück, doch andere schossen hervor. Die Orckriegerin schlug mit der Wurzel nach den herannahenden Schattensatyren.

Einer stürzte vor. Thura stieß die Spitze in die düstere Gestalt hinein.

Der Schatten zischte, dann verging er.

Doch es kamen immer mehr. Thura blickte zu Lucan. „Es sind zu viele! Wenn ich die Axt hätte...“

Sie hörte auf, als sie den Gesichtsausdruck des Menschen sah. Lucan starrte auf einen der Risse, der von den Wurzeln geschaffen worden war. Sein Gesicht war noch bleicher als sonst – wenn das überhaupt möglich war.

Die Orckriegerin packte seinen Arm, was die Faszination zu brechen schien, die von dem Spalt ausging. Lucan zerrte an Thura.

„Ich kann nicht vorhersagen, wo im Albtraum wir landen werden!“

Thura stieß nach einem weiteren Schatten und sah zu, wie er schwand. „Bring uns einfach hier weg!“

Sie verschwanden... und tauchten in einer nur allzu vertrauten smaragdgrünen Umgebung wieder auf.

Aber sie waren nicht allein.

„Ihr schon wieder?“, brüllte Eranikus. Seine Wut ließ die Umgebung, eine Höhle, erbeben. Der grüne Drache breitete seine Flügel aus und zerschmetterte mehrere Stalaktiten. „Ich will mit diesem Wahnsinn nichts zu tun haben! Das hatte ich euch doch gesagt!“

„Wir konnten nicht anders!“, antwortete Lucan. „Wir mussten fliehen – und ich wollte an einen sicheren Ort!“

„In meiner Nähe seid ihr wohl kaum sicher, du Wurm!“ Eranikus senkte den Kopf zu den beiden herab. „Und das gilt auch für dich, Orc, selbst wenn du diese magische Waffe besitzt...“

„Ich habe die Axt nicht mehr“, knurrte Thura und zeigte ihm ihre leeren Hände. „Offensichtlich haben wir sie verloren, als sich die Hohepriesterin tapfer selbst opferte, um uns die Flucht vor den korrumpierten Drachen zu ermöglichen!“

„Korrumpierte Drachen? Meinst du Lethon und Smariss? Die Nachtelfe ist bei diesem abscheulichen Paar zurückgeblieben... und die Axt haben sie jetzt auch noch?“

„Es ging nicht anders...“, begann Lucan, doch Yseras Gefährte hörte ihm schon nicht mehr zu.

„Es wird nicht enden... bis... Doch ich kann nicht...“ Der grüne Drache zischte, während er mit sich selbst sprach. „Ich kann nicht schlafen... Ich kann es nicht vergessen... sie war verschollen...“

Der verstörte Drachen heulte laut auf. Thura und Lucan suchten Deckung, als Eranikus in Selbstmitleid ausbrach.

Als das letzte Echo seines Schreis verklungen war, wandte der Drache seine Aufmerksamkeit wieder den beiden zu. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten.

„Scheinbar gibt es nur einen Weg, euch wieder loszuwerden...“

Eranikus griff nach ihnen.


„Euer Arm...“ antwortete Malfurion leise. „Was ist mit Eurem Arm passiert?“

Remulos starrte darauf. Sein Blick war besorgt. „Das ist die geringste meiner Verletzungen, das kannst du mir glauben.“

„Er erschien aus dem Nichts, kurz bevor Ihr erwacht seid“, erklärte Broll. „Wir haben fast unsere Konzentration verloren, so überrascht waren wir.“

„Und es spricht für deine Ausbildung, dass es nicht geschah.“ Der Sohn des Cenarius wies mit seinem Speer auf Malfurion. „Aber wir haben keine Zeit, um länger darüber zu reden, werter Thero’Shan, Lieblingsschüler meines Vaters! Wir haben nur eine Chance, um die Dinge doch noch zum Guten zu wenden, aber wir müssen sofort los!“

Malfurion blickte die anderen an. „Ich kann hier jetzt nicht weg...“

„Erzdruide, du weißt, dass der Albtraum deine Tyrande hat...“

„Das weiß ich nur zu gut...“

„Und kennst du den wahren Namen des Albtraumlords?“ Remulos betonte den Titel mit all der Abscheu, die Malfurion tief in seiner Seele versteckt hielt. „Es ist eine diabolische Kreatur, die einst Xavius hieß! Derselbe Xavius – wie du mir später verraten hast -, der eurer Königin Azshara dabei half, die Brennende Legion nach Azeroth zu holen und so meiner Familie viel Leid zufügte...“

Selbst nach all den Jahrtausenden konnte sich Malfurion noch gut an Cenarius’ Beinahetod im Kampf gegen den Dämon Archimonde erinnern, und wie dieser Kampf Malorne das Leben gekostet hatte – den weißen Hirsch. Malorne war Cenarius’ Vater gewesen und letztlich der Großvater von Remulos.

„Xavius hat Tyrande... und er hat auch die Axt, die mein Vater für den tapferen Orc Broxigar anfertigte...“

Die Nachricht traf Malfurion härter als selbst Broll oder Hamuul. Er wusste, was er zu tun hatte, auch wenn dadurch alles in Gefahr geriet.

Der Erzdruide wandte sich an Broll und sagte: „Broll, ich muss Euch darum bitten, die Druiden zu führen, während ich fort bin. Hamuul, Ihr müsst ihm helfen. Kann ich mich auf Euch beide verlassen?“ Als beide sich verneigten, fragte Malfurion Remulos: „Sind Tyrande und die Axt am selben Ort? Seid Ihr Euch da sicher?“

„Das bin ich. Sie befinden sich tief im Albtraum.“

„Dann müssen wir ihn durch Fandrals Portal betreten.“

Der Halbgott schüttelte den geweihtragenden Kopf. „Nein. Ich kenne einen anderen Weg.“

Malfurion runzelte die Stirn. „Welchen denn?“

„So bin ich auch hierher gekommen.“ Remulos malte einen großen Kreis mit der Speerspitze. Als er fertig war, begann der Kreis zu leuchten, die Ränder waren von einem alles verzehrenden dunklen Grün.

Der Waldlord murmelte etwas, das Malfurion nicht verstehen konnte. Der Kreis wuchs an, bis beide nebeneinander eintreten konnten.

„Komm!“, rief Remulos.

Der besorgte Broll griff nach Malfurion. „Shan’do...“

„Alles wird gut!“ Der Erzdruide wies auf Fandrals Portal. „Tut, was getan werden muss.“

Nachdem er das gesagt hatte, ging er mit Remulos durch das Tor.

Eisige Kälte umfing ihn, als sie den Albtraum betraten. Malfurion spürte, dass sie dem Ort, wo der düstere Schatten seine Traumgestalt eingesperrt und verändert hatte, sehr nah waren. Der Gedanke daran, was Xavius Tyrande antun konnte, machte ihn wütend. Doch er hielt diesen Gefühlsausbruch vor seinem Begleiter verborgen.

„Vorsicht...“, flüsterte Remulos. „Einer der Drachen ist in der Nähe... ich glaube, es ist Smariss...“

Malfurion vertraute darauf, dass der Halbgott die Gefahr richtig identifiziert hatte. Doch dann spürte der Nachtelf selbst etwas. Außer dem Drachen war noch jemand anderes in der Nähe. Sein Herz pochte wild, als er erkannte, wer es war.

Tyrande...

Aber Remulos ging in eine andere Richtung. „Die Axt von Broxigar liegt hier drüben. Wir müssen uns beeilen! Wenn der Albtraum sich ihre Macht aneignen kann, wird er noch gefährlicher. Doch wenn wir sie in die Finger bekommen, können wir vielleicht Ysera befreien. Sonst könnte es passieren, dass sie den Albtraum nicht länger daran hindern kann, ihre Macht zu nutzen...“

Malfurion runzelte die Stirn. „Konntet Ihr sie nicht selbst aufnehmen?“

„Sieh dir meine Hand an. Das ist beim letzten Versuch passiert. Es müssen schon wir beide sein, die es gleichzeitig mit dem Drachen aufnehmen und die Axt ergreifen... und letztlich auch Tyrande retten, mein Freund...“

Der Erzdruide nickte feierlich und überließ dem Halbgott die Führung. Malfurion beobachtete die Umgebung – oder was davon übrig war.

„Es ist sehr still... warum?“

„Der Albtraumlord ist wahrscheinlich jetzt mehr mit deiner tapferen Armee beschäftigt“, antwortete Remulos, ohne zurückzublicken. „Und da Smariss sowohl die Waffe als auch die Hohepriesterin bewacht, muss er sich doch keine Sorgen machen.“

„Wenn dem Albtraum die Axt so wichtig ist, dann sollte doch etwas mehr als ein einziger Drache auf Tyrande und die Waffe aufpassen“, meinte Malfurion. „Ich ließe sie jedenfalls nicht so leicht bewacht zurück... besonders nicht sie...“

„Dein Vertrauen in deine Geliebte ist lobenswert, aber unterschätze nicht die Macht des korrumpierten Drachen! Außerdem arbeitet der Albtraum an vielen Aufgaben parallel, und seine Diener müssen sich auch darum kümmern...“

Der Erzdruide antwortete nicht, denn in diesem Moment hörten sie ein schweres Keuchen. Malfurions Herzschlag begann sich dem düsteren Atmen anzupassen, das, wie er wusste, von Smariss stammen musste.

„Halte dich bereit!“, murmelte Remulos. „Gemeinsam sollten wir sie zumindest abwehren können...“

Der düstere Umriss der großen geflügelten Gestalt begann vor ihnen förmlich ineinander zu fließen. Smariss schien auf etwas zwischen ihren vorderen Klauen konzentriert zu sein, wahrscheinlich war es die sagenhafte Axt.

Malfurion wählte diesen Moment, um sich umzusehen, doch fast augenblicklich erforderte Remulos seine Aufmerksamkeit. „Da, andere Seite! Nicht weit weg von dem Drachen! Die Hohepriesterin!“

Der schattenhafte Umriss weiter vorn wirkte wie eine Nachtelfe, die wie Tyrande gekleidet war. Malfurion fletschte die Zähne. Tyrande hing mehrere Meter über dem Boden, als hätte man sie an einem unsichtbaren Pfahl aufgehängt oder vielleicht an einem Baum. Arme und Beine waren fest auf dem Rücken verschnürt. Zu allem Unglück drängten sich unter ihr noch mehr als ein Dutzend Satyre, die mit ihren Klauen nach ihr schlugen. Dabei verpassten sie sie stets nur knapp.

„Bekämpfe Smariss, und die Brut wird fliehen“, versicherte ihm der Halbgott. „Halte dich bereit.“

Remulos hob den Speer. Die Spitze leuchtete grün.

Ein ähnliches Leuchten entstand um den Drachen herum. In dessen Licht sah Smariss’ verweste Gestalt noch schrecklicher aus.

Als sein Gefährte zuschlug, vollführte Malfurion eine Geste zum Boden hin. Der Smaragdgrüne Traum selbst war korrumpiert worden, doch, anders als bei dem Drachen, steckte immer noch etwas von seiner wahren Natur in ihm.

Frische Ranken und Reben wuchsen plötzlich unter Smariss. Als sie den Drachen berührten, reagierte er, als wäre er verbrannt worden. Die Drachen-Frau zischte, heulte und schlug mit den Klauen nach den Gewächsen und dem Leuchten.

In offensichtlicher Verzweiflung verbrannte Smariss die Ranken mit ihrem feurigen Atem. Die Halme wurden gelb, dann vertrockneten sie.

Malfurion dachte an Remulos’ verwundeten Arm und hatte ein schlechtes Gewissen. Dann verstärkte er seinen Zauber.

Die Ranken wuchsen höher, die Grashalme waren schärfer. Smariss heulte wieder. Das Leuchten verstärkte sich ebenfalls.

Mit lautem Gebrüll flog der Drache in den Himmel und floh. Remulos’ Zauber umgab sie immer noch.

Als der Drache im Nebel verschwand, wandten sich die Schatten-Satyre Remulos und Malfurion zu. Doch der Halbgott richtete den Speer auf ihre Reihen, und ein Leuchten umgab die Monster. Anders als Smariss zerschmolzen sie einfach zu nichts.

Malfurion lief auf Tyrande zu, doch Remulos baute sich vor ihm auf.

„Die Axt! Nimm sie, schnell!“

Die Waffe lag verloren herum, obwohl Malfurion wusste, dass das nicht stimmte. Thura hätte die Axt niemals freiwillig aufgegeben. Der Erzdruide hätte gern erfahren, was hier geschehen war und ob Thura tot war oder noch lebte.

Die kränklich grüne Farbe des Albtraums umgab Brox’ ehemalige Waffe. Aber da war noch eine andere Aura von hellerem Grün, die von der Axt auszugehen schien.

„Wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen“, sagte Remulos erleichtert. „Die Axt wurde noch nicht verwandelt.“

„Nein...“ Malfurion kniete neben der Waffe nieder. Er legte die Handflächen auf die Axt und versuchte zu spüren, was geschah. Der Erzdruide konnte die innewohnende Magie spüren, die vor so langer Zeit von Cenarius gewirkt worden war. Eine Magie, die von Azeroths ureigensten Energien gespeist wurde. „Was sollen wir tun?“

„Du musst die Energien aus der Axt ziehen. Sie in ihren ursprünglichen Zustand versetzen.“

Aufblickend meinte der Nachtelf: „Das könnte die Axt schwächen, sie womöglich zerstören.“

„Ich halte mich bereit, um die Energien zu regenerieren und darauf zu achten, dass sie so geformt sind, wie wir sie brauchen.“

Stirnrunzelnd erhob sich Malfurion. „Vielleicht wäre es besser, wenn Ihr das zuerst tun würdet. Ich fürchte, dass ich versagen könnte.“

Remulos’ Hufe scharrten ungeduldig auf dem Boden. „Das wirst du nicht, Malfurion! Nun beeile dich! Da ist noch Tyrande, weißt du noch?“

„Das habe ich nicht vergessen.“ Der Erzdruide begann, auf die schattenhafte Gestalt zuzulaufen. „Ich kümmere mich zuerst um sie.“

Du tust, was ich dir befehle!“

Malfurion hatte geahnt, was geschehen würde und sprang deshalb vorwärts. Hinter ihm schlug das grüne Leuchten ein, das Remulos gegen den Drachen und die Satyre eingesetzt hatte. Doch jetzt wirkte es düster und glich der bösen Aura, die um die Axt herum schimmerte.

Malfurion blickte Remulos an... aber das war nicht der Remulos, den er kannte. Der Arm war immer noch versengt. Wie der Halbgott selbst gesagt hatte, war es das Resultat des vorherigen Kampfes gegen Smariss... aber Cenarius’ Sohn war nun eine abscheuliche Karikatur seiner selbst. Das Laubwerk in seinem Bart und dem Haar bestand aus Disteln und schwarzem Unkraut. Gesicht und Gestalt ähnelten einem Skelett. Seine Haut war weiß wie der Tod, und die Augen hatten dieselbe Farbe wie der Albtraum.

Er war korrumpiert worden. Sein neuer Herr hatte sich offensichtlich viel Mühe gegeben, um die Verwandlung des Halbgottes zu verbergen. Und für ein paar Sekunden, nachdem Malfurion mit Remulos in der Enklave gesprochen hatte, hatte der Erzdruide gedacht, dass sein alter Freund tatsächlich zwar verletzt, aber mit gesundem Verstand zurückgekehrt sei.

Doch der alte Remulos hätte sich zuerst um Tyrande gekümmert, und zwar, bevor er die Axt zurückholte.

Korrumpiert konnte Remulos offensichtlich die Axt genauso wenig führen wie sein neuer Herr. Der Albtraum war völlig unnatürlich, das Gegenteil von Cenarius’ Schöpfung. Deshalb hatten sie Malfurion gebraucht. Und deshalb hatten nur Smariss und die Schattensatyre die Waffe und Tyrande bewacht.

Tyrande war nur der Köder gewesen, um sicherzustellen, dass der Erzdruide hierherkommen würde, falls die Axt ihm als Ziel nicht gereicht hätte.

Malfurion war diese Wahrheit klargeworden, kurz nachdem er hier eingetroffen war. Zu viele Dinge waren zu leicht gewesen. Xavius und der Albtraum hatten ihn diesmal unterschätzt.

Sie hatten auch die tiefe Verbundenheit mit seiner Geliebten unterschätzt.

All dies ging ihm im Bruchteil eines Atemzugs durch den Kopf. Zur gleichen Zeit bereitete sich der Erzdruide darauf vor, seinem ehemaligen Freund im Kampf gegenüberzutreten. Remulos griff Malfurion an, der sich in einen Bären verwandelte. Klauen trafen auf Tatzen. Die natürlichen Energien umgaben den Erzdruiden, doch die Fäulnis des Albtraums stärkte Remulos. Ihr Kampf erreichte ein Patt, das Malfurion sich nicht leisten konnte.

Dann veränderte sich Remulos’ Gesichtsausdruck. Seine Stimme änderte sich. Die Augen wurden tiefschwarz mit rubinroten Streifen darin, die Malfurion auch nach zehn Jahrtausenden noch allzu vertraut waren.

„Dieses Mal gibt es keine Hoffnung mehr für dich...“

Die Stimme ließ Malfurion erschaudern. Er kannte sie wirklich gut. Fast ohne nachzudenken kehrte der Erzdruide in seine alte Gestalt zurück. „Ich war zu nett zu Euch, Xavius...“

„Nett? Ich war eingesperrt, wurde zehn Jahrtausende lang gefoltert!“, brüllte Xavius/Remulos und spie auf seinen Feind. „Warten und zusehen und um Freilassung betteln! Ich brannte, als das Land brannte, nur damit meine Borke heilte und meine Äste neu wuchsen! Was du erlitten hast, war gerade mal eine Minute dessen, was ich immer und immer wieder durchlebt habe!“

„Das tut mir leid...“, antwortete Malfurion und meinte es ernst. Er hatte seine Arbeit zu gut getan. Xavius der Albtraumlord war so sehr sein Geschöpf wie das von Azsharas Berater. „Ich würde in der Zeit zurückgehen und es ändern, wenn ich könnte...“

Xavius/Remulos lachte verächtlich. „Aber ich will gar nicht mehr geändert werden! All das Leiden, all das Warten... das war es mir wert! Azeroth wird neu erschaffen, und jeder wird die Qualen erleiden, die nur ich mir während meiner eigenen endlosen Folter ausdenken konnte! Es wird herrlich sein!“

Die Krallen kratzten über Malfurions Brust. Der Nachtelf schrie vor Schmerz, gab aber nicht nach. Er suchte Remulos in seinem Feind.

Doch er konnte in der bedrohlichen Gestalt vor sich nichts von dem Halbgott erkennen. Cenarius’ Sohn war entweder vom Albtraum völlig verzehrt worden oder so tief in seiner Seele begraben, dass es keine Hoffnung gab, ihn befreien zu können.

„Es tut mir leid“, murmelte Malfurion.

„Immer noch der trauernde Narr!“, spottete Xavius.

Doch der Erzdruide entschuldigte sich nicht wirklich. Er griff in einen seiner Beutel und holte etwas heraus, das er gesucht hatte. Er rieb augenblicklich den Inhalt seiner Hände gegen den Körper von Remulos.

Der Halbgott brüllte. Seine Haut wurde härter und nahm die Form von fester Borke an.

Es war eine einzigartige Variation des Zaubers, der benutzt wurde, um die Haut des Druiden gegen Angriffe zu stärken. Malfurion hatte ihn gegen die Brennende Legion entwickelt. Vor langer Zeit war er zu der Erkenntnis gelangt, dass jeder Zauber auch umgekehrt werden konnte. In diesem Fall sogar konträr zu seinem ursprünglichen Zweck. Das Pulver basierte auf der härtesten Borke.

Remulos versteifte sich. Er glich nun eher einer Statue denn etwas Lebendigem. Die Wut in seinen Augen war eindeutig die des Albtraumlords. Die Ironie des Zaubers entging Malfurion nicht. Er hatte Xavius in einen Baum verwandelt, und nun tat er praktisch das Gleiche mit dem armen Remulos. Ein Teil des Erzdruiden wollte aufhören, doch unter Tränen wurde Malfurion bewusst, dass er diesen schrecklichen Zauber beenden musste.

Ein wortloser Schrei entfloh dem Mund des Halbgottes, obwohl sein Mund eigentlich nicht mehr funktionierte. Er versuchte den Speer zu werfen, doch seine Hand versagte den Dienst.

Malfurion taumelte zurück und ignorierte seinen Versuch. Er warf einen kurzen Blick auf die Axt und wusste, dass seine Feinde sie nicht berühren konnten. Dann rannte er nicht auf die schattenhafte Gestalt seiner Geliebten zu, sondern zu dem Ort, wo er sie ursprünglich gespürt hatte.

Schattensatyre sprangen aus dem Nebel und stürzten sich auf ihn. Malfurion wechselte in seine Raubkatzengestalt und zerfetzte sie.

Schließlich erreichte er Tyrande. Erregung wie auch schreckliche Furcht erfüllten ihn gleichermaßen, als er sie anblickte. Sie war genauso gefesselt wie in der falschen Illusion des Schattens. Ihre Augen waren geschlossen. Er hatte gewusst, dass sie noch lebte, doch der Erzdruide wusste nicht, ob sie bereits korrumpiert worden war.

Noch in Katzengestalt sprang Malfurion. Obwohl Tyrande in der Luft hing, war sie für ihn nur ein kurzes Stück entfernt. Als er sich ihr näherte, nahm der Erzdruide wieder seine normale Gestalt an. Zur gleichen Zeit erkannte er, dass ihr Körper in einem schwachen, doch steten silbernen Licht leuchtete. Es gab keinen Zweifel an der Reinheit von Elunes Macht, die sie umgab. Sie war gefangen gewesen, aber sie war noch nicht korrumpiert worden.

Sie fiel ein Stück, sobald er sie befreit hatte. Doch Malfurion verwandelte sich kurz in einen Bären und fing die Hohepriesterin mit seinen starken Armen auf.

Dann verwandelte er sich wieder zurück und weinte ganz offen, als er ihre Hand und Wange streichelte. Er war so dankbar, dass sie lebte und gesund war...

Doch schließlich bemerkte er, dass sie sich nicht rührte. Sie war beinahe so reglos wie Remulos, als er ihn zurückgelassen hatte.

Beim Erklingen von Hufschlag straffte sich der Erzdruide. Und dann hörte Malfurion auch noch das Flattern von Flügeln.

Er hatte den korrumpierten Halbgott nicht aufhalten können... und nun war Smariss vermutlich aufgefallen, dass ihre Falle nicht funktioniert hatte, und sie war ebenfalls zurückgekehrt.

Remulos bäumte sich vor ihm auf. Teile seines Körpers waren immer noch von der Borke umschlossen. Dennoch bewegte er sich mit großer Schnelligkeit. Er blickte zu dem Nachtelfen hinab und warf seinen Speer.

Malfurion sprach schnell einen Zauber, aber einen, der auf ihn selbst gerichtet war. Er spürte, wie seine Verteidigung wuchs und gleichzeitig Stärke und Beweglichkeit größer wurden. Der Druide rief die Gaben der Wildnis. Das hatte er von Cenarius gelernt. Nun war er gezwungen, sie gegen den Sohn seines Shan’dos einzusetzen.

Obwohl er sein Bestes gab, um dem Speer auszuweichen, streifte ihn die Waffe dennoch. Trotz seines Schutzzaubers versengten die darin wohnenden mächtigen Energien den Erzdruiden bis auf die Knochen.

Malfurion kämpfte gegen den Schmerz an und fiel auf die Knie. Das rettete ihn vor Remulos’ blitzenden Hufen. Doch sie erwischten die Spitze von Malfurions Geweih. Sie brach ab und flog fort.

Der Nachtelf blickte in das finstere Gesicht des Halbgottes. Er konnte Xavius darin nicht mehr spüren, aber er sah auch den wahren Remulos nicht.

Der trat wieder mit den Hufen auf ihn ein. Wie der Speer leuchteten die unglaublichen dunklen Energien. Malfurion wirbelte herum, wollte ihnen ausweichen und sah, dass die abgebrochene Spitze jetzt zu einer absurden, knochigen Masse verkommen war. Er konnte sich gut vorstellen, was mit ihm passieren würde, wenn diese Hufe ihn direkt trafen.

Malfurion griff in einen anderen Beutel und suchte ein bestimmtes Pulver. Er betete zum Geist von Cenarius, ihm seine geplante Tat zu vergeben.

Gekonnt warf er dem Halbgott das Pulver ins Gesicht.

Remulos’ Hand stieß auf das fliegende Pulver zu. Das meiste wurde verbrannt und verschwand dann. Ein paar Reste kamen aber durch.

Der Hüter nieste.

„Ein letzter, wahrlich verzweifelter Versuch...“

Doch Remulos’ arrogante Bemerkung verwandelte sich in Schmerzensschreie. Er blickte an sich hinab und erkannte, dass Malfurion ihm nun die Spitze seines eigenen Speers in die Brust drückte. Der Nachtelf hatte nur eine kleine Ablenkung gebraucht, um den Speer zu erringen.

Die Waffe verbrannte trotz des Schutzes seine Handflächen. Doch Malfurion ließ nicht los. Er schob den Speer immer tiefer in den Halbgott hinein:

Remulos schlug mit seinen Klauen nach ihm und der Waffe. Seine Brust brannte vor knisternder Energie.

Dann stieß der korrumpierte Hüter ein letztes Mal den Atem aus... und brach zusammen.

Malfurion zog den Speer aus ihm heraus. Remulos atmete noch, doch ob er sich je erholen würde, war fraglich.

„Es tut mir leid...“, flüsterte der Erzdruide.

Er wurde von einer gewaltigen Kraft getroffen. Ein monströses Brüllen erfüllte seine Ohren.

Smariss packte ihn mit ihrer Pfote und hob ihn an, als wäre er ein Spielzeug. Der korrumpierte Drache flog in den Himmel empor.

„Auf die eine oder andere Art... wirst du uns dienen!“, zischte er. „ Du wirst die Axt von Azeroth loslösen und sie uns geben...“

Ein blendendes silbernes Licht umgab sie beide. Malfurion erfuhr das wundervolle Gefühl der Verjüngung. All seine Verletzungen und Schmerzen – mit Ausnahme der emotionalen Qualen, die er erlitten hatte, weil er gegen Remulos hatte kämpfen müssen – verschwanden.

Aber Smariss schien genau das Gegenteil zu spüren. Sie brüllte. Ihr Körper zuckte wild.

Vor Schmerz ließ der Drache Malfurion los. Der Erzdruide verwandelte sich augenblicklich in eine Sturmkrähe. Er breitete die Flügel weit aus und landete.

Und dann sah er Tyrande, ihr Gesicht war vor Konzentration verzerrt. Die Beine der Hohepriesterin wankten, aber sie blieb entschlossen stehen, als Elunes Licht die große Bestie einhüllte.

Smariss scherte aus. Der korrumpierte grüne Drache stieß seinen Odem in Tyrandes Richtung aus. Doch das Licht ließ den tödlichen Atem verschwinden. Verständnislos blickte Smariss mit ihrem geisterhaften Gesicht Tyrande an.

Was tust du denn da? Was tust du denn da?“, schrie sie Tyrande an. „Ich spüre... Ich spüre...“

Ihr Körper wurde durchsichtig und verlor seine feste Form. Smariss wurde zu etwas kaum Erkennbarem, als würde sie zu einem Teil des Nebels selbst.

Malfurion landete neben Tyrande. Er wechselte die Gestalt und rannte zu ihr. Kurz bevor ihre Beine schließlich nachgaben, konnte sie der Erzdruide noch auffangen. Er atmete innerlich auf, erleichtert, dass er sie nicht wieder verloren hatte.

Über ihnen stieß Smariss ihren Odem aus. Sie war mittlerweile kaum noch als Drache zu erkennen. Vor Malfurions Augen löste sie sich schließlich auf.

Die Hohepriesterin atmete tief aus und ließ die Hände sinken.

„Ich war mir nicht sicher... ob es funktionieren würde... und erst recht nicht... nicht so...“

„Ob was funktionieren würde, Tyrande?“

Sie fasste sich. „Ich habe daran gedacht, was aus den Korrumpierten geworden ist, und ich hoffte, eine andere Taktik ausprobieren zu können. Ich habe Elunes Heilkraft so weit ausgeschöpft wie möglich, um die Verderbtheit zu entfernen...“

Malfurion blickte zu der Stelle auf, wo Smariss zuletzt geschwebt hatte. „Ich verstehe.“

„Ja... es war nichts anderes übrig als nur die Korrumpierung... und als ich versuchte, sie zu heilen... blieb nur Leere zurück...“

Der Erzdruide wollte antworten, doch er spürte eine neue Gefahr. „Xavius’ Schatten kommen. Es sind zu viele, vermute ich. Ich muss Euch von hier wegbringen.“

„Aber die Axt!“ Sie packte ihn am Arm. „Thura hat ihre Axt hiergelassen...“

„Darum können wir uns nicht kümmern“, antwortete er knapp. Stattdessen rannte er auf den Speer zu. Obwohl er wusste, wie weh es tun würde, hob er ihn auf. Als dann Tyrande bei ihm stand und Remulos bewegungslos zwischen ihnen lag, tat Malfurion, was der korrumpierte Waldhüter getan hatte.

Ein Spalt öffnete sich genau vor ihnen. Malfurion nahm Bärengestalt an und hielt dabei den Speer in der Hand, als er den schweren Remulos packte.

„Mal, was tut Ihr da! Wir müssen die Axt zurückbekommen! Ich weiß es jetzt! Ich weiß, was...“

Er brüllte ihr zu, durch das Portal zu gehen. Erleichtert bemerkte er, wie sie gehorchte.

Malfurion zog Remulos hinter sich her und folgte ihr.

Der Spalt schloss sich.


Die Schattensatyre verschwanden im gleichen Augenblick wie der Spalt. Eine Zeit lang herrschte Stille. Dann dehnte sich der Schatten des Baumes über den Bereich aus, wo die Axt lag.

Die Silhouette der skelettartigen Zweige legte sich über die Waffe, konnte sie aber nicht packen. Doch der Albtraumlord war nicht frustriert, obwohl Xavius sie nicht berühren konnte. Denn dort, wo sie jetzt lag, konnte sie auch keinen Schaden mehr anrichten.

Das tiefe Gelächter des Albtraumlords hallte über die neblige Region. Der Schatten des Baumes zog sich zurück... und der Nebel verhüllte die Axt.

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