11

»Vielleicht kannst du dich noch an mich erinnern«, sagte der Mann.

»Nein. Tut mir leid«, antwortete ich schnell.

»Es ist ein paar Abende her«, sagte er. »Auf der Straße des Genesian, in einem der Lager.«

»Tatsächlich?«

»Ich bin ein Kaufmann, aus Tabor.«

»Ach ja, richtig.« Es war tatsächlich der Kaufmann aus Tabor, der dicke Bursche, der so stur entschlossen gewesen war, das Geschenk zurückzubekommen, das er Hurtha aus freien Stücken gemacht hatte – worauf ich ihn ausdrücklich hingewiesen hatte. »Wie geht es dir?« fragte ich und fürchtete zugleich, daß mir die Antwort nicht gefallen würde.

»Es geht mir gut«, antwortete er, doch in seiner Stimme schwebte ein Hauch Verbitterung.

»Das höre ich gern.« Sein ganzes Benehmen machte deutlich, daß er beabsichtigte, sich erneut zu beschweren. Ich hatte auch schon einen Verdacht, worum es sich dabei handeln mochte. In solchen Situationen ist es angebracht, freundlich zu sein und häufig zu lächeln.

»Ich wüßte nicht, was da zu lächeln gibt«, sagte er.

»Es tut mir leid.«

Er sah sich um. »Der große Tölpel mit dem Schnurrbart, den Zöpfen und der Axt ist nicht da, oder?«

»Wen meinst du?«

»Ich spreche von dem Mann, der sich Hurtha nennt«, erläuterte der Kaufmann.

»Oh.«

»Zumindest ist das der Name, den du mir bei unserer letzten Begegnung genannt hast.«

»Ja«, erwiderte ich. »Richtig.« Vielleicht war die Enthüllung von Hurthas Namen ein Fehler gewesen. Andererseits konnte es nicht besonders schwierig sein, ihn aufzuspüren, selbst wenn sein Name unbekannt war. Es gab im unmittelbaren Umkreis nicht viele, die ihm ähnelten. Übrigens fand ich die Bezeichnung Tölpel für ihn nicht besonders schmeichelhaft. Selbst wenn es in gewisser Weise zutreffen mochte – von einem bestimmten Standpunkt aus gesehen –, war er doch ein Dichter und verdiente deshalb einen gewissen Respekt, ganz besonders dann, wenn man noch nichts von ihm gelesen hatte. Außerdem rühmte er sich seines Feingefühls. »Nein«, sagte ich. »Er ist nicht da.«

»Hier«, sagte der Kaufmann energisch und hielt mir ein Stück Papier vor die Nase. Darauf stand etwas geschrieben.

»Wer hat das geschrieben?« fragte ich.

»Ich.«

»Oh.« Wie die meisten Alar war Hurtha des Lesens und Schreibens unkundig. Boabissia übrigens auch. Aber das hat bis jetzt kaum einen Dichter von der Kunst abgehalten. Tatsächlich waren einige der größten Dichter aller Zeiten Analphabeten. Bei Völkern wie den Tuchuk und Torvaldsländern beispielsweise wird die Dichtkunst nur selten niedergeschrieben. Man lernt Gedichte und Heldenlieder auswendig und singt sie an den Feuern und in den Hallen; auf diese Weise wird die literarische Tradition fortgesetzt. Und Dichter wie Hurtha ließen sich erst recht nicht vom Analphabetentum an ihrer Kunst hindern.

»Er ist hinter einem Wagen hervorgesprungen, mit erhobener Axt!« sagte der Kaufmann. »›Ich bin ein Dichter‹, verkündete er mit seiner Axt in der Faust. ›Willst du ein Gedicht kaufen?‹ fragte er. Ich habe natürlich sofort eingewilligt. Dann hat er mir dieses Gedicht diktiert, das ich in Todesangst auf dieses Stück Pergament gekritzelt habe.«

»Mit anderen Worten, du hast es aus freiem Willen getan«, bemerkte ich, da ich es für wichtig hielt, diese Tatsache zu unterstreichen.

»Ich will meinen Silbertarsk zurück!« verlangte er.

»Es ist ein sehr schönes Gedicht.«

»Du hast es nicht einmal gelesen«, stellte er fest.

»Ich habe schon andere gelesen«, erwiderte ich. »Ich bin überzeugt, es ist genauso gut.« Tatsächlich hatte ich an diesem Abend bereits drei Gedichte gelesen. Der Kaufmann aus Tabor war der vierte Mann, der mich aufsuchte. Und er war auch der vierte Mann, der seinen Silbertarsk zurückverlangte.

»Ich finde es höchstens absonderlich«, sagte der Kaufmann. »Es ist völliger Schwachsinn, aber ich bin nur ein einfacher Geschäftsmann und kein Schriftgelehrter. Zweifellos fallen diese Dinge eher in dessen Gebiet.«

»Das ist wahr«, sagte ich.

»Könntest du mir diese Zeile erklären?« bat er und wies mit dem Finger auf die bewußten Worte.

»Nein.«

»Und wie wäre es mit dieser hier?«

»Auch nicht.«

»Was ist hiermit? ›Ihre Augen waren wie grüne Monde.‹«

Ich nickte. »Das ist doch einfach zu verstehen. Die Monde stehen zweifellos für Romantik, und Grün symbolisiert neues Leben und Vitalität.«

»Das Gedicht ist einem verwundeten Tharlarion gewidmet.«

»Oh.«

»Ich will meinen Silbertarsk zurück«, sagte er.

»Natürlich.« Ich leerte den Inhalt meines Geldbeutels auf die Handfläche. Es war nicht schwer. »Vermutlich ist es der Tarsk hier.«

»Vermutlich«, erwiderte er. »Da ist nur ein Tarsk, und er trägt den Stempel der Münze von Tabor.«

»Genau«, sagte ich und gab ihn zurück. Eines mußte man über Hurtha wissen. Er schätzte seine Dichtkunst sehr hoch ein. Er gab seine Werke nicht kostenlos weiter. Sie waren nicht billig. Doch ein Silbertarsk schien ein gewaltiger Preis für ein Gedicht zu sein, selbst für ein großartiges Werk von Hurtha. Vor allem dann, wenn man es selbst niederschreiben mußte. Viele schöne Sklavinnen bringen auf dem Auktionsblock weniger als einen Silbertarsk ein.

»Danke«, sagte der Kaufmann.

»Was denn noch?« fragte ich, weil er nicht ging.

»Mir steht doch sicherlich eine Entschädigung für meine Mühen zu.«

Die anderen Männer hatten diese Einstellung nicht vertreten. Andererseits waren es auch keine Kaufleute gewesen.

»Hier«, sagte ich und gab ihm einen Kupfertarsk. Jetzt hatte ich nur noch zwei Münzen.

»Danke«, sagte er, nachdem er das Geldstück einer genauen Untersuchung unterzogen hatte.

»Keine Ursache.« Er verschwand.

Hurtha trat näher; er wirkte völlig verzweifelt. »Ich fürchte, ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.«

»Wie das?« fragte ich.

»Ich fürchte, in meinem gutherzigen Bemühen, unsere Lage zu verbessern, habe ich mich entehrt, wenn nicht sogar ruiniert.«

Ich sah ihn erwartungsvoll an. Das würde sicherlich eine interessante Geschichte werden.

»Ich habe meine Gedichte verkauft.« Er ließ sich neben dem Wagen an Mincons Lagerfeuer sinken und verbarg das Gesicht in den Händen.

»So?«

»Ja. Du weißt doch, die vier Silbertarsk, die ich dir vorhin gegeben habe.«

»Natürlich. Was ist damit?«

»Ich habe sie für den Verkauf meiner Gedichte bekommen – meiner Gedichte!« Er war innerlich so aufgewühlt, daß er zitterte.

»Nein!« rief ich aus.

»Doch!« sagte er kläglich.

»Ich hatte angenommen, das Geld stamme aus dem Verkauf zahlloser kostbarer Edelsteine, die zweifellos in deinem Gewand eingenäht waren.«

»Nein. Ich habe mich auf den Wagenhöfen umgesehen, und sobald ich einen Burschen erblickte, der einen anständigen, feinfühligen und wohlhabenden Eindruck machte, einen Mann jener Art, die meiner Meinung nach meine Kunst zu schätzen wissen, bot ich ihm eines meiner Gedichte an, für nicht mehr als ein kleines Zeichen seiner Wertschätzung, für einen Silbertarsk.«

»Das war unglaublich großzügig.«

»Es war ein schrecklicher Fehler!«

Ich murmelte: »Ich bin froh, daß du das erkannt hast.«

»Was?«

»Nichts.«

»Meine Gedichte sind unbezahlbar.«

»Glaubst du, du hättest mehr als einen Silbertarsk verlangen sollen?« fragte ich beunruhigt.

»Nein, ich hätte sie gar nicht erst verkaufen sollen.«

»Ich verstehe«, sagte ich erleichtert. »Aber sie sind doch bestimmt nicht alle so schlecht.«

»Was?« fragte er.

»Nichts.«

»Ich habe es nach dem letzten Gedicht erkannt«, sagte er unglücklich. »Ich blickte auf den Silbertarsk in meiner Hand und auf das Gedicht in der Hand des Käufers, und mir wurde alles klar. Ich erkannte, wie schrecklich mein Tun doch war, meine Gedichte zu verkaufen, meine Gedichte, meine kostbaren, unbezahlbaren Gedichte! Sie gehörten nun einer anderen Person! Es wäre besser gewesen, ich hätte mir das Herz herausgerissen und es für ein Tarskstück verkauft!«

»Vielleicht.«

»Und dann habe ich den Kerl angefleht, seinen wertlosen Tarsk zurückzunehmen und mir dafür das Gedicht zu geben.«

»Und, hat er es getan?« fragte ich.

»Ja«, sagte Hurtha und sah zu mir hoch.

»Nun, dann hat doch alles ein gutes Ende genommen.«

»Nein!« rief er mit Tränen in den Augen. »Du verstehst mich nicht.«

»Wir haben jetzt einen Tarsk weniger?«

»Nein!« rief Hurtha. »Ich habe vier Gedichte verkauft! Ich werde sie nie zurückholen können! Sie sind weg, weg!« Er legte schluchzend das Gesicht in die Hände. »Es wird mir niemals gelingen, diese Männer wieder ausfindig zu machen. Ich hatte die Gedichte gerade verkauft, als sie auch schon eilig davonhasteten, bevor ich es mir anders überlegen konnte, die neidischen, glücklichen, gierigen Kerle. Nun werde ich sie niemals wieder aufspüren und voller Ernst inständig an ihr Gewissen appellieren können, ihr schmutziges Geld zurückzunehmen. Welch ein Narr war ich doch! Meine Gedichte, weg! Für bloße vier Silbertarsk verkauft! Welche Verschwendung! Ich habe meine Ehre verloren! Das ist mein Ruin! Was ist, wenn diese Geschichte jemals die Ohren des Wagenvolks erreicht? Ich bin es nicht wert, diese Narben zu tragen!«

»Hurtha, alter Junge!« sagte ich leise.

»Ja?«

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Sieh her.«

Er hob den Kopf und sah auf.

»Hier«, sagte ich leise und zeigte ihm die vier Gedichte, die mir seine Kunden zuvor gegeben hatten.

»Sie sind es!« rief er überrascht und mit Tränen in den Augen.

»Ja.«

»Du hast es gewußt!«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Du konntest nicht zulassen, daß ich es tat!« schluchzte er. »Du hast nach ihnen gesucht! Du hast sie zurückgekauft! Du hast mich vor mir selbst gerettet, vor meiner eigenen Dummheit!«

»Was tut man nicht alles für einen Freund!«

Er sprang auf die Füße und umarmte mich weinend. Ich rang mühsam nach Atem, die Gedichte in der Hand. So mußte sich der Klammergriff der gefürchteten Hith anfühlen, der einen Mann zerquetschte, ihm die Knochen brach und ihn wie eine Frucht zerplatzen ließ; er konnte nicht viel schlimmer sein.

»Wie kann ich dir jemals danken?« rief er und trat zurück, hielt mich dabei aber stolz bei den Armen gepackt.

»Zwischen Freunden ist kein Dank nötig, er ist nicht einmal möglich.«

»Auch dich haben deine Gefühle übermannt!« rief er voller Mitleid.

»Ich versuche zu atmen.«

»Gib mir die Gedichte!« bat er. Er legte sie zu dem anderen, das er zurückgenommen hatte, ein Handel, in den ich glücklicherweise nicht verstrickt worden war. »Ich habe sie zurück, das habe ich nur dir zu verdanken!«

Mein Atem hatte sich fast wieder normalisiert.

»Da sind sie«, sagte er freudestrahlend. »Auf Papier geschrieben, mit kleinen Zeichen.«

»So schreibt man gewöhnlich die Dinge nieder«, sagte ich.

»Sind sie gut aufgeschrieben?« wollte er wissen.

»Ich glaube schon«, sagte ich und holte tief Luft.

»Alles in Ordnung?«

»Ja. Gelegentlich ist eine Zeile schwer zu entziffern, und hier und da scheint ein Wort falsch geschrieben zu sein.« Das war auch nicht anders zu erwarten, berücksichtigte man die Umstände, unter denen die Gedichte aufgeschrieben worden waren. An einigen Stellen verunzierte ein Fleck das Pergament. Vermutlich waren das Schweißtropfen, die dem Schreiber von der Stirn getropft waren.

»Bist du sicher, daß es dir gutgeht?« fragte Hurtha.

»Ja, es ist wieder alles in Ordnung.«

»Eigentlich überrascht es mich nicht, daß da kleine Fehler wie ein schlecht geschriebener Buchstabe oder dergleichen auftauchen«, sagte Hurtha. »Einige der Käufer haben die Gedichte am ganzen Leib zitternd aufgeschrieben. Sie schienen beinahe überwältigt.«

»Bemerkenswert. Vermutlich lag das an der überwältigenden Erfahrung, die Meisterwerke das erste Mal zu hören.«

»Ja, das kann sein.«

»Du kennst deine Macht als Dichter nicht.«

»Die kennen die wenigsten von uns«, sagte Hurtha.

»Glücklicherweise haben wir die fünf Gedichte zurück. Es wäre zu schade gewesen, sie zu verlieren.«

»Eine Tragödie, ja«, sagte Hurtha. »Aber ich habe noch mehr.«

»Ach ja?«

»Ja, mehr als zweitausend Stück.«

»Das ist viel.«

»Eigentlich nicht, wenn man ihre Qualität bedenkt.«

»Du bist ein fruchtbarer Dichter.«

»Alle großen Poeten sind fruchtbar«, sagte er. »Möchtest du etwas von mir hören?«

»Jetzt nicht«, sagte ich. »Weißt du, ich habe eben noch einige von ihnen gelesen. Ich weiß nicht, ob ich im Augenblick weitere verkraften würde.«

»Ich verstehe«, erwiderte Hurtha. »Ich bin mir durchaus der Schwierigkeit bewußt, wahre Größe zu verarbeiten. Die Qualen, die entstehen, wenn man mit dem beinahe ewig Erhabenen ringt, die schmerzhafte Intensität der authentischen ästhetischen Erfahrung, die Pein erschütternder Bedeutsamkeit, die Erschöpfung, die die Konfrontation mit der plötzlichen, überraschenden Quintessenz tieferer Wahrheiten mit sich bringt. Nein, alter Freund, ich verstehe diese Dinge nur zu gut. Ich werde dich nicht überfordern.«

»Danke«, sagte ich.

Er betrachtete die Gedichte. »Kannst du dir vorstellen, daß diese Werke erst heute abend das Licht der Welt erblickten, daß ich sie an Ort und Stelle diktiert habe?«

»Ja, doch.«

Er sah sie an, voller Ehrfurcht vor seiner Begabung.

»Ich frage mich, ob man Gedichte nicht grundsätzlich niederschreiben sollte«, meinte er nachdenklich.

»Meine Handschrift ist sehr schlecht«, sagte ich. »Ganz besonders bei den Zeilen, die von rechts nach links führen.«

»Ich kann nicht schreiben«, wandte Tula schnell ein; in der Bedrohlichkeit der Situation vergaß sie sogar, die Erlaubnis zum Sprechen einzuholen.

»Ich auch nicht«, sagte Mincon glücklich.

Boabissia konnte natürlich auch nicht lesen und schreiben. Sie saß auf dem Boden und lehnte sich an das Hinterrad des Fuhrwerks.

Hurtha sah zu Feiqa hinüber. Sie konnte lesen und schreiben. Sie war überaus klug, hatte eine vorzügliche Erziehung genossen und stammte aus einer bekannten Stadt. Sie hatte vor der Versklavung sogar eine hohe gesellschaftliche Stellung eingenommen.

Sie wurde bleich.

»Feiqa ist eine Sklavin«, sagte ich.

»Stimmt ja«, sagte Hurtha und strich sie sofort aus den Gedanken.

Feiqa warf mir einen dankbaren Blick zu. Gerade auf Gor wird das Kopieren von Texten, niederrangige Schreibarbeit und das Führen unwichtiger Bücher meistens von Sklaven erledigt. Hurtha zog es jedoch anscheinend vor, seine Gedichte von freien Personen niederschreiben zu lassen. Da hatte Feiqa noch einmal Glück gehabt.

»Ich habe Hunger«, verkündete ich.

Hurtha horchte in sich hinein. »Ich auch«, sagte er dann. »Aber ich bleibe bei meinem Entschluß, meine Dichtung nicht zu verkaufen. Lieber verhungere ich.«

»Da hast du recht.«

»Wieviel Geld haben wir noch?«

»Etwa zwei Kupfertarsk und vier oder fünf Tarskstücke.«

»Das muß dann wohl reichen«, seufzte er.

Das mußte es wohl.

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