Jack L. Chalker Dämmerung auf der Sechseck-Welt

Zone Süd, Sechseck-Welt


»Ein Trupp Morvath meldet, daß er eben eindeutig Nathan Brazil getötet hat«, sagte Czillaner müde. Er ließ die Gliedmaßen hängen, und der kürbisartige Kopf erweckte ebenfalls den Eindruck der Erschöpfung.

Serge Ortega seufzte.

»Wie viele sind das heute?«

»Siebenundzwanzig«, antwortete das Pflanzenwesen. »Und es ist noch früh am Tag.«

Ortega ließ sich auf seinen dicken Schlangenschwanz zurücksinken und schüttelte den Kopf.

»Aber man muß das Geniale daran bewundern. Er wußte, daß der Rat der Sechseck-Welt es nie wagen konnte, ihn wieder hereinzulassen. Also bringt er Chirurgen auf einer Kom-Welt dazu, einen ganzen Haufen von Leuten auf ungefähr seine Größe und Figur umzubauen, und schickt diese hindurch. Muß man ihn bewundern. Man muß auch den Schneid der Leute bewundern, die so etwas mit sich machen lassen — außer, sie sind verdammt naiv oder armselige Dummköpfe.«

Die rankenartigen Fühler des Czillaners ahmten ein sehr menschlich wirkendes Achselzucken nach.

»Egal. Was bringt ihm das ein? Wir töten trotzdem jeden, der durchkommt — und wir wissen, daß er ganz ähnlich den Fotos durchkommen muß, die wir von ihm haben. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, in irgendeiner Maske durchzuwischen, steht fest, daß er in Ambreza auftauchen muß — und dieses Sechseck ist ein Militärlager mit zahllosen Aufpassern. Wie sollte jemand von bekanntem Aussehen, nackt, der Maske beraubt, jemals hoffen können, ihnen zu entgehen?«

»Sie kennen Brazil nicht«, gab Ortega zurück. »Aber ich. Hören Sie jetzt mal auf, wie ein Computer zu denken, und denken Sie lieber wie ein Pirat. Nate ist ein verschlagener, raffinierter Pirat — in seiner Denkweise mir fast gleich. Schlau, Grumma. Wirklich schlau. Er versteht uns, die Art, wie wir denken, die Art, wie wir reagieren — denken Sie bloß daran, wie mühelos er sich ausgerechnet hat, daß er das ganze Theater inszenieren müßte, um sich einzuschleichen. Natürlich ist ihm völlig klar, daß wir mit seinem Auftauchen rechnen und ihm eine Falle zu stellen versuchen. Wenn Sie bei der Ausführung seines Planes so weit vorausdenken würden und Ihnen die Grenzen bekannt wären, wann würden Sie auf der Sechseck-Welt erscheinen?«

Der Czillaner dachte kurz nach.

»Das kann ich nicht sagen. Vielleicht würde ich warten, bis wir es so gründlich satt hätten, Imitationen umzubringen, daß wir damit aufhören?«

Ortega schüttelte entschieden den Kopf.

»Niemals. Zu riskant. Die Kommunikation zwischen Sechseck-Welt und dem Rest des Universums ist absolut einseitig. Er könnte nicht erfahren, wann wir diesen Punkt erreichen — oder ob es jemals dazu kommt. Nein. Es sieht Nate nicht ähnlich, diese Art von Risiko einzugehen, wenn das Unternehmen so wichtig ist.«

»Wann dann?« Der Czillaner war neugierig. Aus einem Hexagon stammend, dessen Gesellschaftssystem einer Riesen-Universität glich, war das Wesen mit den ausgefallensten Wissensgebieten vertraut, aber es hatte ein behütetes Leben geführt, und diese Art von Um-die-Ecke-Denken lag außerhalb seiner Erfahrung.

»Ich denke immer wieder an die anderen, an diejenigen, die zuerst gekommen sind«, sagte Ortega zu Grumma. »Na schön, man schickt zuerst seine wichtigsten Leute, damit sie hineingelangen. Das ergibt Sinn. Wenn wir vor der Zeit gewußt hätten, daß in diesem Maßstab etwas im Gange ist, hätten wir den Plan schon da zum Scheitern gebracht. Und die Tschang — warum ist sie hier wirklich vorbeigekommen, um mich zu sehen? Um der alten Zeiten willen? Sie hat mehr Gründe, mich umzubringen, als irgendein anderes Wesen — und sie ist noch dazu von meiner Art. Das war auch nicht müßige Neugier. Das Risiko, ich könnte Lunte riechen, war zu groß. Nein. Warum herkommen, sich vorstellen und mir erklären, da sei eine große Verschwörung im Gange und Brazil werde zurückkommen?«

Der Czillaner war geduldig, aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

»Also schön. Warum?«

Ortega lächelte bewundernd.

»Mir ist das erst heute früh aufgegangen, und ich könnte mit dem Schädel gegen eine Wand fahren, weil ich das nicht früher gesehen habe. Sie hat das aus mehrerlei Gründen getan. Erstens hörte sie mich darüber aus, wie ich zu dem Ganzen stehen mochte, und machte sich einen Begriff davon, welchen Einfluß ich hier noch habe. Zweitens sorgte sie dafür, daß diese Art von Unternehmen — eine Jagd auf Brazil — stattfinden würde.«

»Aber das mußte Brazils Untergang bedeuten«, warf der Czillaner ein.

Das schiefe Grinsen wurde breiter.

»Nicht, wenn Nathan Brazil schon hier war, vor allen anderen. Wir mußten so viel Zeit mit der Jagd nach ihm vergeuden, daß wir ihn in Ambreza nicht suchen würden, bis es zu spät war. Wollen wir wetten?«

»Haben Sie irgendeinen Beweis dafür?« fragte der Czillaner skeptisch.

»Das uralte Muschelspiel«, fuhr der Schlangenmann fort, nur zum Teil auf die Frage eingehend. »Man nimmt drei Muscheln, legt unter eine ein Steinchen, dann schiebt man sie so durcheinander, daß man das Opfer verwirrt. Der Tölpel glaubt, er sieht die Muschel mit dem Steinchen nach rechts wandern, aber das ist Täuschung. Das Steinchen bleibt in der Mitte. So war es diesmal auch. Zuerst wischte das Steinchen — also Brazil — herein, und wir saßen da und sahen zu, wie die leeren Muscheln verschoben wurden.«

»Aber haben Sie einen Beweis dafür?« fragte der Czillaner beharrlich.

Buschige Brauen stiegen hoch.

»Beweis? Versteht sich. Als ich begriff, daß ich geleimt worden war, fiel es nicht mehr schwer.« Ortega griff über seinen U-förmigen Schreibtisch und drückte mit der unteren rechten Hand auf eine Reihe von Knöpfen an einer kleinen Steuertafel. An der Rückwand des Raumes leuchtete ein Bildschirm auf und zeigte eine Standaufnahme der großen Schachttor-Kammer, durch die alle kamen, die in die Teleport-Tore der längst ausgestorbenen Markovier fielen. Es gab dort Kameras, seitdem man denken konnte, so daß niemand hereinkommen konnte, ohne gesehen zu werden, damit man ihn mit der Sechseck-Welt bekannt und vertraut zu machen vermochte.

Bilder zuckten über den Schirm: fremdartige Erscheinungen von zwanzig und mehr verschiedenen Welten, die nichts gemeinsam hatten als ihre auf Kohlenstoff beruhende Grundstruktur. Nicht auf Kohlenstoff beruhendes Leben gelangte automatisch in die Zone Nord.

»Wir gehen zurück«, sagte Ortega zu dem anderen Geschöpf. »Rückwärts von dem Punkt, als Chang und ihre Freunde durchkamen.«

»Wie weit sind wir jetzt zurückgegangen?« fragte das Pflanzenwesen, während es das Bild einer Spindelform, scheinbar ohne Kopf, Schwanz oder Gliedmaßen, betrachtete.

»Drei Wochen. Ich bin noch weiter zurückgegangen. Da! Das ist es, was ich gesucht habe!« Einer von Ortegas sechs Armen zuckte hinaus und drückte auf einen Knopf. Das Bild erstarrte. »Das, mein Freund, ist Nathan Brazil«, sagte er entschieden.

Der Czillaner riß die Augen auf. Die Gestalt auf dem Bildschirm war klein und geschmeidig, aber keineswegs die Art von Wesen, wie Brazil es nach Grummas Wissen war. Ein humanoider Rumpf in dunklem Blau lief in behaarten Ziegenbeinen aus; das Satyrgesicht blickte aus dunkelblauen Haaren und einem Vollbart heraus; auf dem Kopf ragten zwei kleine Hörner empor.

»Das ist kein Typ 41«, stellte der Czillaner fest. »Das ist ein 341 — ein Agitar.«

Ortega lachte leise in sich hinein.

»Nein, ist er nicht. O gewiß, er sieht so aus, aber das ist der Sinn. Eine sehr gut gelungene Maske, auch wenn ich das selber sage, aber Nate hat vermutlich die besten Ausrüster in der Branche herangezogen. Die Maske ist so perfekt, daß sie den Agitar-Botschafter hier nach meiner festen Meinung auch täuschen würde — vorausgesetzt, Nate brauchte seine Fähigkeit, Elektroschocks auszuteilen, nicht unter Beweis zu stellen. Er wollte nur ankommen, mit dem Diensthabenden zusammentreffen, die üblichen Instruktionen über sich ergehen lassen und durch den Schacht geschoben werden. Sehr schlau. Uns konnte das gar nicht auffallen. Von seinem Typ sehen wir in jedem Jahrhundert zwei oder drei. Sehr geschickt. Hinterlistig.«

»Warum sind Sie dann so sicher, daß er nicht wirklich ein 34er-Neuzugang ist?« fragte das Pflanzengeschöpf.

»Es ist ihm ein Schnitzer unterlaufen«, erwiderte Ortega. »Ein einziger Schnitzer. Einer, den ich erst bemerken konnte, als es zu spät war — der hier in Zone niemandem auffallen konnte. Ich glaube sogar, daß er auf Absicht beruht. Zumindest war er nicht zu vermeiden. Er kannte die Sprache der… Saugril, glaube ich, nennen sie sich draußen im Universum… also er kannte ihre Sprache nicht. Die Rasse und die Kom-Welten sind einander nie begegnet, so daß er sie nicht kennen konnte.«

»Sie meinen, beim Aufnahmegespräch gebrauchte er eine andere Sprache?« fragte der Czillaner verblüfft. »Und das hat ihn verraten? Aber warum dann nicht gleich?«

Ortega lachte leise.

»Wie unterhalten wir beide uns miteinander? Ich spreche Ulik, eine Sprache, die Ihr recht sonderbarer Pflanzenstimmerzeuger niemals bewältigen könnte. Ebenso benützt Ihre Sprache die falschen Frequenzen für mich — ich könnte sie nicht einmal hören. Trotzdem unterhalten wir uns hier ganz normal und können einander verstehen.«

»Ah!« Der Czillaner hob den fremdartigen Kürbiskopf, dessen fortwährender Ausdruck der Verblüffung nur noch das durch die Gebärden ausgedrückte Begreifen unterstrich. »Die Übersetzungsgeräte! Natürlich! Im Grunde sind sie telepathische Projektoren!«

Der Schlangenmann nickte.

»Genau. Und aus rein diplomatischen Gründen tragen wir sie in Zone alle. Alle. Das Haupt-Kommunikationssystem hier ist nur eine größere, verbesserte äußere Version davon, damit wir die Neuzugänge ohne eine Operation verstehen können. Er wußte, die Anlage würde alles übernehmen, was er sagte, und es in unsere eigenen Sprachen übersetzen, so, als spräche er irgendeine davon.«

»Aber ist das nicht gefährlich? Lief er nicht Gefahr, auf einen früheren 34er-Neuzugang zu stoßen?«

»Diese Gefahr war recht gering, wie Sie zugeben werden«, gab Ortega zurück. »Und außerdem haben die meisten Rassen eine Reihe von Sprachen — und durch Zeit und Entfernung verändern sich die Dinge noch stärker. Nein, der Schnitzer hing mit der von ihm verwendeten Sprache zusammen, und mit der Tatsache, daß ich einer der wenigen Leute auf der Sechseck-Welt bin, die sie erkennen mochten. Ich muß Ihnen sagen, daß ich Computerunterstützung brauchte, um meiner eigenen Übersetzeranlagen Herr zu werden.«

»Und die Sprache war?«

Ortega lächelte.

»Altes Hebräisch. Es sind ein paar Rabbiner hindurchgekommen, und die Sprache befindet sich in den Datenzentren-Computern. Es ist wirklich Hebräisch — eine Sprache vom Typ 41, und zwar eine, die er gut kennt. Aah, der Mann ist ja so abscheulich schlau!«

Der Czillaner schüttelte vor Verwunderung ein wenig den Kopf.

»Ein beachtlicher Schauspieler«, sagte das Geschöpf. »Wer war der Diensthabende, der sich mit ihm befaßt hat?«

Ortega spuckte aus.

»Ich, hol ihn der Henker. Ich

»Das bedeutet, daß Brazil vor seinen Helfern eingetroffen ist«, betonte der Czillaner überflüssigerweise. »Er kam durch Ambreza, bevor wir auch nur ahnten, daß etwas im Gange war. Inzwischen kann er überall sein. Überall!«

Ortega bewegte langsam den Kopf hin und her.

»Nein, nicht überall. Es steht zehn zu eins, daß er von Ambreza so rasch wie möglich nach Glathriel gegangen ist. Er kennt das Gebiet gut. Ich glaube, daß er der Markovier ist, der eben diese Rasse entworfen hat. Die Wesen sind immer noch ziemlich primitiv, aber das würde ihm einen Vorteil verschaffen. Farbstoff, um sich ein wenig dunkler zu machen, ähnlich den Bewohnern von Glathriel, die dort übliche Kleidung, und er würde überhaupt nicht auffallen. In Deckung bleiben, bis seine Leute ihm heraushelfen können. Auf dem Marsch würde er auffallen, vergessen Sie das nicht. Er würde Hilfe brauchen von den Einheimischen — oder jedenfalls von solchen, die wie sie aussehen. Das ist unser einziger Trumpf. Unser einziger. Brazil könnte nicht viel vorbereiten. Sobald er dort ist, muß er sich verstecken und warten.«

»Er scheint durchaus in der Lage zu sein, sich auf unbestimmte Zeit zu verstecken«, stellte der Czillaner mit unverhüllter Anerkennung fest.

»Sich zu verstecken, ja«, bestätigte der Ulik. »Aber auf Dauer kann er das nicht. Früher oder später muß er aus seinem Unterschlupf heraus und weiter. Als allermindestes muß er durch ungefähr acht Sechsecke — das sind weit über dreitausend Kilometer. Und wir können sicher sein, daß er alles tun wird — nur nicht den direkten Weg wählen. Das einzige, was jetzt zu seinen Gunsten spricht, ist, daß wir keine Ahnung haben, zu welcher Avenue er will, oder wann oder wie er sie zu erreichen gedenkt.«

»Das einzige«, wiederholte Grumma sarkastisch.

»Sobald er aufbricht, macht er mein Spiel«, fuhr der Schlangenmann fort, ohne den anderen zu beachten. »Der einzige Haken dabei ist, er weiß das so gut wie ich — und er ist uns von Anfang an einen Schritt voraus gewesen.«

»Aber was machen wir in der Zwischenzeit?«

»Wir setzen Leute auf alle Schlüsselfiguren unter seinen Helfern an, auf diejenigen, die als erste durchkamen. Vor allem auf Mavra Tschang — sie ist das Beste, was er hat, möglicherweise die gefährlichste Frau, die ich je gekannt habe. Und sie denkt wie er. Im übrigen müssen wir, glaube ich, eine Sondersitzung des Rates einberufen — Norden und Süden.«

Der Czillaner wirkte erstaunt.

»Ist der Norden nötig?«

»Ja. Das ist auch seine Sache, wissen Sie. Und bedenken Sie folgendes: Mir liegen Berichte über eine große Zahl von Neuzugängen vor, die Nord-Geschöpfe geworden sind.«

»Aber das ist doch ausgeschlossen!«

»Nein. Wir haben — hier im Süden nur 780 Hexagons, alle sorgfältig im Gleichgewicht. Die Bevölkerung wird vom Schacht am Leben und stabil gehalten, so daß sie die vorhandenen Hilfsmittel nie überfordert. Sie ist schon überbelastet. Wir verdoppeln die Bevölkerung, ist Ihnen das klar? Und sie nehmen kein Ende. Der Schacht hat also auf sein Notsystem zurückgegriffen und damit angefangen, auch die nördlichen Sechsecke aufzufüllen, damit er die Flut bewältigen kann. Und das heißt, daß Brazil jetzt auch viele Anhänger im Norden besitzt.«

»Aber er kann an der Nordpol-Zone nicht vorbei«, wandte der Czillaner ein. »Sie wissen, daß die Schacht-Zugänge so nicht funktionieren.«

»Ich weiß nur, daß vor Jahrhunderten ein ganzer Haufen von Südländern, Tschang eingeschlossen, nach Norden ging. Wir können es uns nicht leisten, irgend etwas zu übersehen. Es sähe dem Mistkerl ähnlich, nach Zone zurückzukommen, zu Zone Nord zu gehen und eine Avenue von der anderen Seite her zu erreichen. Wer würde damit rechnen?«

»Ich veranlasse die Ratssitzung«, erwiderte das Pflanzengeschöpf bescheiden. »Sonst noch etwas?«

»Ja. Ich brauche so schnell wie möglich Berichte über Tschang und die beiden anderen, die mit ihr hergekommen sind. Ich möchte wissen, was sie sind, wo sie sind und was sie jetzt treiben. An die Arbeit!«

Der Czillaner entfernte sich eilig, und die Tür zur Ulik-Botschaft in Zone Süd schloß sich zischend. Serge Ortega lehnte sich müde auf seinen massiven, geringelten Schlangenschwanz zurück und seufzte, die sechs Arme nachdenklich verschränkt. Er schaukelte langsam hin und her, als meditiere er. Tatsächlich war er tief in Gedanken. Man hörte keinen Laut.

Ganz plötzlich wurde die Stille von einem Räuspern unterbrochen.

Ortega zuckte zusammen und fuhr herum, von dem Laut tief verstört. Er erstarrte und gaffte mit großen Augen den Eindringling an, der lässig auf einer feldbettartigen Liege hockte.

Das Wesen war vom Typ 41 — ein Mensch, wie Ortega einst einer gewesen war, aber das lag so lange zurück, daß er beinahe vergessen hatte, wie das gewesen war. Schlaksig, mit dunklem Teint und schmalem, knochigem, spitz zulaufendem Gesicht, trug das Wesen ein kariertes Arbeitshemd, eine dicke Hose und abgewetzte Stiefel. Einen Augenblick lang dachte Ortega, Brazil vor sich zu haben, und ein elektrischer Schlag durchzuckte ihn. Aber nein, sagte er zu sich selbst. Brazil konnte sich auf vielerlei Weise maskieren, aber nicht einen halben Meter oder noch mehr größer wirken, wenigstens nicht so überzeugend.

»Wer, zum Teufel, sind Sie, und wie sind Sie hier hereingekommen?« fragte Ortega.

Der Mann drehte sich herum, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und wirkte behaglich und ein wenig belustigt.

»Sagen Sie einfach ›Zigeuner‹ zu mir«, erwiderte er leichthin. »Das tun alle. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich rauche?«

Seine anmaßende Art ärgerte Ortega, aber die Neugier überwand alle anderen Gefühle.

»Nein, nur zu.«

Zigeuner griff in die Brusttasche und zog eine lange, dünne Zigarette in Kom-Art aus einer Packung, holte ein kleines, silbernes Feuerzeug heraus und zündete sie an. Blaugrauer Rauch kräuselte sich, als er paffte.

»Danke«, sagte er, steckte das Feuerzeug wieder ein und machte es sich erneut bequem. »Üble Angewohnheit, ich weiß, aber praktisch. Bei dem Monopol von Ambreza auf Tabak hier, sind sie mehr wert als Gold.«

An Ortegas Rückgrat lief etwas Kaltes auf und ab.

»Das müssen Sie bei einem Aufnahmegespräch gehört haben, vermutlich bei einem mit Brazil«, riet er. »Die Menschen hier haben nicht viel Ähnlichkeit mit Ihnen. Sie sind gerade hier angekommen. Es wundert mich, daß man Sie nicht erschossen hat.«

Zigeuner lachte leise.

»Man hat mich nicht erschossen, weil ich in Wirklichkeit nicht gerade angekommen bin. Ich bin schon seit Wochen hier. Hergekommen bin ich durch das Zone-Tor.«

»Jetzt weiß ich, daß Sie lügen«, beschuldigte ihn der Ulik. »Die Ambreza würden zur Zeit keinen Typ 41 durch das Tor lassen.«

»Ich habe nicht das Tor in Ambreza benützt«, erwiderte Zigeuner ruhig. »Ich benützte… äh, sagen wir, ein anderes. Ich möchte im Augenblick lieber nicht erwähnen, welches.«

Die Kälte am Rücken stellte sich wieder ein, obwohl Ortega nicht hätte erklären können, warum er diesem Mann glaubte.

»Das ist ausgeschlossen«, erklärte er. »So funktioniert der Schacht nicht.«

»Das weiß ich«, gab der Neuankömmling ungerührt zurück. »Wenn Sie es sagen.«

»Vielleicht erklären Sie das besser alles einmal«, sagte der Botschafter argwöhnisch.

Zigeuner lachte.

»Nein, davon halte ich nichts. Jedenfalls nicht gleich. Aber Ihr Gespräch mit dem Czillaner fand ich faszinierend. Sie haben viel länger gebraucht, um dahinterzukommen, als wir dachten, wissen Sie.«

Das war die ärgerlichste Bemerkung bisher, vor allem deshalb, weil Ortega Zigeuner recht geben mußte. Er ließ sich nicht gern übertölpeln. Er zog es vor, die Fäden zu ziehen, und das gelang ihm auch meistens.

»Außerdem bin ich hier, um mit Ihnen zu reden«, fuhr Zigeuner fort. »Nur zu reden. Als Botschafter der Neuzugänge, könnte man sagen.«

»Als Botschafter Brazils, meinen Sie.«

»Auch das«, gab Zigeuner zu. »Sie haben inzwischen das meiste richtig erfaßt, und wir wollen wissen, was Sie jetzt zu tun gedenken.«

»Sie sind nicht auch Markovier wie Brazil?« fragte Ortega argwöhnisch. »Ich habe mir nämlich überlegt, wenn es einen gibt, dann auch mehrere.«

Zigeuner lachte.

»Nein, kein zweiter Markovier. Ich bin nicht einmal so alt wie Sie, Ortega. Und Brazil — tja, ich bin mir nicht sicher, was er ist, aber für einen Markovier halte ich ihn nicht.«

»Er behauptet, Gott zu sein«, betonte Ortega.

Wieder lachte Zigeuner.

»Vielleicht ist er es. Ich weiß es nicht. Und wissen Sie was? Es ist mir auch völlig egal. Alles, was ich weiß, alles, was irgend jemand weiß, ist, daß er als einziger mit dem Schacht der Seelen umgehen kann. Das ist eigentlich alles, worauf es ankommt, nicht? Nicht, wer oder was er ist, oder Sie sind, oder wie ich bin. Halt, nein, das ist falsch. Was Sie sind, zählt ein bißchen, glaube ich. Deshalb bin ich hier.«

Ortega zog die buschigen Brauen hoch. »Warum?«

»Warum lassen Sie sie nicht hinein, Ortega? Machen Sie es ihnen leicht. Sie wissen, daß er nichts tun wird, um Ihr kleines Reich hier auf den Kopf zu stellen. Es kümmert ihn nicht im geringsten.«

»Sie wissen, daß ich das nicht könnte, selbst wenn ich wollte«, gab der Ulik zurück. »Ich beherrsche diese Welt nicht, gleichgültig, was Sie glauben mögen. Sie wird beherrscht von Eigeninteresse, wie jede andere auch. Er versucht in den Schacht zu gelangen, um ihn abzustellen und instand zu setzen. Hier sitzen zu viele nervöse Regierungen, um das erlauben zu können.«

»Aber die Sechseck-Welt hängt an einer anderen Maschine«, erklärte Zigeuner. »Wenn er die große Maschine abstellt, wirkt sich das hier gar nicht aus. Soviel sollten doch wenigstens alle wissen.«

Ortega zuckte mit allen sechs Schultern.

»Sie wissen nur, was ich weiß, und glauben nur einen kleinen Teil davon. Wir haben für diese Dinge nur Brazils Versicherung. Und wenn wir ihn beim Wort nehmen, dann wird dieses neue Universum, das er erschaffen wird, neuen Samen brauchen, neuen Markoviersamen, wie beim letztenmal. Dieser Planet hier ist dafür gebaut worden, den Samen zu liefern. Wenn wir dem glauben wollen, wie nach seiner Behauptung das System funktioniert, wird er bei dieser neuen Aussaat die Sechseck-Welt entvölkern. Die Regierungen in den Hexagons stehen vor dem Untergang, Mr. Zigeuner oder wie Sie heißen. Da beißt die Maus keinen Faden ab.«

»Es käme anders, wenn Sie mithelfen würden«, antwortete der andere. »Sie und ich wissen, daß die Einheimischen in vielen Sechsecken Schwärme von Neuzugängen niedermachen. Es gibt Vorschläge, einfach alles zu töten, was durch den Schacht-Zugang hereinkommt. Dem müssen Sie ein Ende machen, Ortega. So oder so. Begreifen Sie denn nicht? Diese Neuankömmlinge sind das Saatgut!«

Das Unterkiefer des Uliks klappte vor Verblüffung herunter.

»Natürlich! Das hat Hand und Fuß! Ich weiß nicht, was in letzter Zeit mit mir los ist. Das Alter, vermutlich. Aber — das einfach nur zu behaupten, wird nicht genügen. Sie haben Angst, Mister. Das sind kleine Leute voller Angst. Sie werden sich auf nichts einlassen.«

»Aber Sie können sie hinhalten. Tun Sie, was Sie können. Ihr Einfluß hier ist immer noch groß. Sie wissen das so gut wie ich. Sie können die meisten von diesen kleinen Leuten unter Druck setzen. Wir brauchen Zeit, Ortega. Wir brauchen Sie, damit Sie uns diese Zeit verschaffen.«

Serge Ortega lehnte sich zurück und seufzte wieder.

»Wie sieht Ihr Plan also aus?«

Zigeuner lachte trocken.

»O nein. Wir trauen Ihnen ungefähr so weit, wie Sie uns. Alles der Reihe nach. Aber Sie kennen Ihre Rolle — falls Sie es tun. Von Ihnen erfordert das nicht wirklich einen Preis, das versichere ich Ihnen. Sie haben Brazils Wort dafür, und Sie wissen, daß es gilt.«

»Ich werde tun, was ich kann«, erwiderte der Schlangenmann, dem Anschein nach aufrichtig.

Zigeuner stand auf, zertrat seine Zigarette auf dem leuchtenden Boden und schaute sich in dem großen Büro um.

»Sagen Sie, Ortega, wie halten Sie das aus — hier ständig festzusitzen, Jahr um Jahr, so lange Zeit? Ich glaube, ich würde den Verstand verlieren und mich umbringen.«

Ortega lächelte schwach.

»Für mich ist es leicht, wissen Sie. Ich brauche nur zum Zone-Tor zu gehen und bin zu Hause. Ich bin über zweitausend Jahre alt, wissen Sie. Zu alt. Aber was mich am Leben hält, hält mich hier fest. Das sollten Sie wissen.« Seine Stimme sank zu einem verträumten Flüstern herab, und er schien nicht seinen Besucher oder die Wand anzublicken, sondern etwas hinter der Wand, etwas, das nur er sehen konnte. »Noch einmal Wind und Regen zu spüren und ein letztes Mal die Sterne sehen. O Gott! Wie ich davon träume!«

»Warum tun Sie es dann nicht? Oder wenigstens dann, wenn das alles vorbei ist.«

Der Ulik schnaubte verächtlich.

»Sie begreifen meine Falle gar nicht, wie? Ich bin katholisch, Zigeuner. Kein guter Katholik, vielleicht, aber trotzdem Katholik. Und dahin zurückzugehen — das wäre Selbstmord. Ich kann mich einfach nicht dazu überwinden, verstehen Sie? Ich kann mich einfach nicht selbst umbringen.«

Zigeuner schüttelte staunend den Kopf.

»Jeder schafft sich seine eigene Hölle, nicht wahr?« murmelte er, fast unhörbar leise. »Wir schaffen sie und leben darin. Aber welche Hölle könnte schlimmer sein als diese?« Er sah Ortega ins Gesicht und sagte lauter:»Sie werden in Kürze von Brazil selbst hören, und ich bleibe in Verbindung.« Damit ging er zur Bürotür, die sich für ihn öffnete, und trat hinaus. Sie ging hinter ihm wieder zu, und zurück blieben nur der Stummel am Boden und der Geruch nach altem Zigarettenrauch als Hinweis darauf, daß er jemals hier gewesen war.

Der Ulik verlor keine Zeit. Er drückte eine Taste des Sprechgeräts nieder.

»Achtung! Einen Typ 41 festnehmen, der eben die Ulik-Botschaft verläßt!« Er beschrieb Zigeuners Kleidung.

Am anderen Ende blieb es einen Augenblick still, dann antwortete der Posten vor der Tür hörbar verwirrt:»Aber Sir, ich stehe seit einer Stunde genau vor Ihrer Tür. Niemand ist herausgekommen. Jedenfalls keine Seele nach dem Czillaner. Und ganz bestimmt kein Typ 41.«

»Aber das ist doch unmöglich!« brüllte Ortega, dann schaltete er ab und blickte hinüber auf den Boden. Zu seiner großen Erleichterung war der zerdrückte Zigarettenstummel noch da.

Das Sprechgerät summte, und er meldete sich kurz angebunden.

»Hier Botschafter Udril«, sagte eine vom Übersetzer gefärbte Stimme.

»Bitte«, sagte Ortega zum Botschafter aus Czilla.

»Die Informationen zu den drei Neuzugängen: Der eine, Marquoz, ist ein Hakazit und, tja, es ist schwer zu glauben, nach nur wenigen Wochen…«

»Ja?«

»Nun, Botschafter, er scheint der neue Chef der Geheimpolizei von Hakazit zu sein.«

Ortega mußte beinahe nach Atem ringen.

»Und die anderen?«

»Die Frau, Yua, scheint Mit-Awbri mit erstaunlicher Leichtigkeit zum Eintritt in eine Art militärische Streitmacht zu bewegen. Und was Mavra Tschang angeht…«

»Nun?« fragte Ortega scharf. Er hatte das Gefühl, daß ihm die Kontrolle immer mehr zu entgleiten drohte.

»Sie scheint als Dillianerin aufgetaucht zu sein, einige Einheimische als Helfer rekrutiert zu haben und, nun ja, verschwunden zu sein.«

»Verschwunden! Wohin? Wie?«

»Vor einigen Tagen gingen sie und eine kleine Gruppe von Dillianern in die Berge von Gedemondas. Seitdem hat niemand mehr etwas von ihr gehört.«

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