Neunundzwanzig

Als Sam wieder zu sich kam, schleifte ihn jemand an den Armen hinter sich her über das Schlachtfeld. Er hatte einen seiner Stiefel verloren, und sein Knöchel war dick angeschwollen. Ein migräneartiger, pochender Schmerz verzerrte seine Wahrnehmung und ließ seine Gedanken innerhalb des Kopfes Karussell fahren.

Sam stöhnte leise und versuchte, einen Blick hinter sich zu werfen. Die zwei Männer, die ihn zogen, waren Rollenspieler, ein Unionssoldat und ein Konföderierter. Der Rebell brüllte in sein Handy, und der Yankee trug einen Erste-Hilfe-Koffer.

Überall um Sam herum stand die Welt in Flammen. Männer in Bürgerkriegsuniformen rannten wie aufgescheuchte Hühner hin und her. Weitere Uniformierte – McClanes dämonische Brüder – schrien mit angelegten Waffen oben vom Hügel herunter. Es war unmöglich zu sagen, wie viele Männer dort oben waren, aber Sam schätzte, dass es mindestens einige Hundert waren, wenn nicht sogar mehr. Sie schienen aus einer offene Wunde im Strom der Zeit zu quellen, aus einer verstaubten Epoche, deren Alltag weit entfernt schien. Und trotzdem waren sie vollkommen lebensecht.

Sam sah, dass einer der Dämonen zu einem Rollenspieler in einer blauen Uniform rannte und ihm das Bajonett in den Hals hieb. Dann riss er es mit einem Triumphschrei heraus und reckte die vor frischem Blut triefende Klinge in die Luft. Die ersten Sonnenstrahlen küssten die glänzende Spitze und schossen einen blutrot glänzenden Strahl zurück.

In Sams Kopf drehte sich alles.

Dann erinnerte er sich an den Pick-up.

Und an Sarah Rafferty.

Er konnte den Pick-up in gut fünfzig Metern Entfernung ausmachen. Das Fahrzeug war nur noch ein brennendes Wrack aus verbeultem Metall, das am Flussufer gestrandet war. Die Flammen schlugen aus der Motorhaube und griffen bereits auf einige benachbarte Zypressen über. Obwohl es sich wahrscheinlich nur um eine Spiegelung der Flammen handelte, sah es aus, als würde der Fluss selbst in Flammen stehen.

Aber wie stand es um Sarah?

Und um Dean?

Sam war herausgeschleudert worden, als das Geschoss des Mörsers das Fahrzeug in die Luft befördert hatte. Er erinnerte sich. Auch daran, wie sehr es geschmerzt hatte, als er auf der Erde aufgeschlagen war und gerade noch genug Verstand besaß, um hochzuschauen und zu sehen, wie McClanes Ford über ihm durch die Luft wirbelte. Der verbogene Kühlergrill schien ihn auf dem Höhepunkt der Flugkurve anzugrinsen, kurz bevor die Schwerkraft wieder die Oberhand gewann und den Wagen zu Boden riss.

Sam hatte sich umgeschaut und gesehen, dass Sarah irgendwo den Kopf hochstreckte, und er hatte gewusst, was da gerade durch die Luft auf sie zugeflogen kam …

Danach: Blackout.

Die zwei Rollenspieler zogen Sam an den Armen in ein Zelt und ließen ihn ohne viel Aufhebens neben ein paar uniformierte Männer fallen, die bereits bewegungslos auf dem Boden lagen und bluteten.

„Kannst du mich hören, Kumpel?“

Sam hob den Kopf.

„Ja.“

„Glaubst du, dass mit dir alles in Ordnung ist? Irgendwas gebrochen?“

„Ich glaube nicht.“ Er sah sich um. Im Zelt stank es nach versengter Wolle und kupfrig nach frisch vergossenem Blut. Außerdem hing der ekelerregend süße Geruch von kauterisiertem Fleisch in der Luft. Bei dem Mann gleich links neben Sam waren alle Haare verbrannt, und seine Kopfhaut sah aus wie eine frisch gekochte Kugel voller Blasen und frischer Narben. Eines seiner Ohren war fast vollständig verbrannt. Er schluchzte und musste sich die ganze Zeit übergeben, während er gleichzeitig nach Luft schnappte und nach jemand namens Megan rief.

„Dieses Scheißding taugt nicht die Bohne“, sagte der Rollenspieler in Rebellenuniform und warf das Handy schließlich verärgert zu Boden. „Kannst du den Parkplatz sehen?“

„Sie haben ihn abgesperrt.“

„Der Sheriff ist irgendwo da draußen“, antwortete der Yankee. „Hab den Wagen gesehen und die State Trooper.“

„Was ist mit Krankenwagen?“

„Die …“

Musketenfeuer durchschlug die Zeltwand und hinterließ ein tellergroßes Loch im Stoff. Sam blickte hindurch und konnte die grinsenden Gesichter von Dämonen in blauer und grauer Tracht erkennen, die sich aus gut fünfzig Metern Entfernung näherten. Sie hatten eine Barrikade um das Feldlager errichtet, es vom Parkplatz abgeschnitten und die noch verbliebenen Zelte umzingelt.

„Sie kommen näher“, sagte der Rebell. „Wer sind diese Typen?“

Der Yankee sah ihn nicht an.

„Ihre Augen sind total schwarz“, sagte er. „Und sie benutzen Replica-Waffen. Wie kann das denn möglich sein?“

„Ist ’ne lange Geschichte“, sagte Sam. Einen Moment lang überlegte er, ob er die beiden aufklären sollte, entschied sich aber dagegen. „Wir müssen hier weg.“

„Wir können nirgendwohin. Diese Dinger haben uns vom Parkplatz abgeschnitten. Wir sind von allen Seiten umzingelt.“

„Das spielt keine Rolle – wir können nicht hierbleiben.“ Sam richtete sich auf und zählte die anderen Männer im Zelt durch. Er kam auf elf. „Wer ist sonst noch da draußen auf dem Schlachtfeld?“

Der Konföderierte zuckte mit den Schultern. Es war eine ungelenke, panische Bewegung, als wäre er eine Geisel bei einem Verhör. Als sein Adamsapfel merkwürdig hoch- und runterhüpfte, erkannte Sam ihn – er hatte ihn schon einmal getroffen.

„Sie sind …“ Er zögerte und versuchte, sich an den Namen zu erinnern. „Ashcroft, richtig?“

„Ashgrove.“

„Sie gehören zum Zweiunddreißigsten. Wir haben uns schon einmal unterhalten.“

Sam blickte noch einmal durch das Loch im Zelt. „Ist dort draußen noch irgendjemand, der am Leben ist?“

„Nicht viele“, räumte Ashgrove ein. „Die meisten sind in die Stadt abgehauen, als die Polizei das Lager aufgelöst hat, oder …“ Seine Stimme wurde brüchig und plötzlich sah er aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. „Mein Gott, was passiert hier bloß?“

„Wir müssen diese Verwundeten in Sicherheit bringen“, sagte Sam. „Sofort.“ Er suchte sich einen Stiefel und ersetzte seinen verlorenen damit. Er hatte so ein Gefühl, dass sein Besitzer ihn nicht mehr brauchen würde.

Ashgrove schüttelte den Kopf.

„Wir bleiben hier.“

„In einem Zelt?“

„Es bietet uns Schutz. Wenn wir die in Ruhe lassen, wird das alles vielleicht einfach an uns vorbeiziehen.“

Sam sah nach hinten. Dort waren ein paar Tragbahren aus Leinwand aufgestapelt. Es waren die altmodischen, die mit Holzstangen an beiden Seiten.

„Wenn wir zwei Verwundete auf eine Bahre legen, können wir vielleicht entkommen, solange es noch geht. Ansonsten …“ Er schluckte und schmeckte etwas Säuerliches im Rachen, das sich von dort bis in seinen Bauch zu ziehen schien. „Ansonsten werden wir alle sterben.“

Der Unionssoldat blickte Sam direkt in die Augen. Er sah müde aus und ängstlich. Aber genau wie Ashgrove war er entschlossen, sich mit den Möglichkeiten des Überlebens auseinanderzusetzen.

„Sagen wir mal, wir kommen hier nicht raus“, sagte er. „Ash hat recht. Wir sind umzingelt. Wohin gehen wir?“

Sam öffnete schon den Mund, als er merkte, dass er auf diese Frage keine Antwort wusste.

„Ich habe da eine Idee.“

Die drei sahen zum Eingang des Zeltes. Dort stand Sarah Rafferty und hielt mit einer Hand den Stoff der Klappe des Zelteingangs umklammert. Ihr Gesicht wirkte stark angespannt, und die blauen Flecken unter ihren Augen ließen sie wie das Opfer eines besonders voreiligen Bestatters aussehen. Aber es war definitiv Sarah Rafferty – aufrecht und atmend. Sam spürte, wie ihn eine kleine Welle der Erleichterung durchlief, so als würde an diesem frühen Morgen vielleicht doch noch etwas klappen.

„Sarah“, sagte er. „sind Sie …?“

„Sarah?“, fragte Ashgrove und starrte sie an. „Warte mal, Tanner…? Du bist ’n Mädchen?“

Sarah winkte ab.

„Ich weiß, wohin wir können“, sagte sie.

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