Geoffrey A. Landis • USA
NEUE MÄNNER BRAUCHT DAS LAND


»Und nun eine Meldung aus der medizinischen Forschung. Wie die Universität von Boston soeben mitteilte, hat man dort eine aufsehenerregende Entdeckung gemacht. Bleiben Sie am Apparat.«

David Valient drehte die Lautstärke herunter und ging in die Küche, um sich etwas zum Knabbern zu holen. »Willst du auch was, Liebes?« rief er zurück.

»Nein, danke.«

Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und kuschelte sich wieder an Joan, die auf der Couch saß und ein Buch las. Wie immer achtete sie überhaupt nicht auf den Fernseher. Als er die Lautstärke wieder hochdrehte, gingen die Nachrichten gerade weiter.

»Der jahrelange Wettlauf in der medizinischen Forschung um die Erzeugung rekombinierbarer DNS-Bausteine ist beendet. Die erfolgversprechendste der neuen Genspaltungstechniken benutzt speziell veränderte Viren, um maßgeschneiderte DNS-Stränge in die Gene von Labortieren einzufügen. In Boston kündigte heute ein Forscherteam unter Leitung von Dr. Gabriella Urlaub ein ungewöhnliches neues Anwendungsgebiet für diese rekombinationsfähigen Viren an.«

Während der Ansager sprach, sprang der Film mit raschen Schnitten von Labor zu Labor. Auf allen Einstellungen waren weiß gekleidete Wissenschaftler zu sehen, die durch Mikroskope nicht näher bezeichnete Dinge betrachteten. David nahm an, daß es die Viren sein sollten, von denen gerade die Rede war.

»Mit finanzieller Unterstützung des National Institute of Health entwickelte Dr. Urlaub ein Virus, das in der Lage ist, Chromosomen zu reparieren, die beispielsweise bei einer Krebstherapie beschädigt wurden.«

Der Sender schaltete um zu einem Interview mit der Wissenschaftlerin. Sie sprach mit leichtem Akzent.

»Unsere Forschungen konzentrierten sich auf das einfachste der menschlichen Chromosomen, auf das männliche Chromosom Nummer 46.« Das Bild zeigte wieder den Nachrichtensprecher.

»Dieses ungewöhnliche Chromosom wird aufgrund seiner auffälligen Form auch als ›Y-Chromosom‹ bezeichnet. Manche Wissenschaftler bezeichnen das Y-Chromosom sogar als das ›beschädigte‹ Chromosom, weil ihrer Meinung nach das Y eine verkümmerte Form der normalerweise wie ein ›X‹ geformten Chromosomen sei.

Das Virus, das die Forscherin entwickelte, hat einen bemerkenswerten Effekt«, erklärte der Ansager weiter, während das Bild zu einer mikroskopischen Ansicht eines Chromosoms wechselte. Es sah aus wie ein grobkörniges Amateurvideo, das zwei Würste zeigte, die zusammen in einer Suppenterrine schwammen. David sah, wie sich an einer Seite des Y eine Beule bildete, die rasch zu einem normal großen Strang heranwuchs. »Das Virus ›repariert‹ wirkungsvoll das beschädigte Y-Chromosom zu einem vollständigen X-Chromosom.«

In der Wissenschaftsrubrik der Zeitung war eine Meldung zum gleichen Thema abgedruckt. »Na, Liebes, was hältst du davon?« David setzte sein Bier ab und gab seiner Frau die Zeitung.

Sie legte ihr Buch fort. »Was meinst du?«

»Das hier.« Er zeigte ihr den Artikel. »›Wissenschaftler entdecken Mittel zur Geschlechtsumwandlung.‹ Ein schönes Mittel, was? Einmal spritzen, und peng!«

Joan nahm die Zeitung und überflog den Artikel. »Ganz so einfach ist das aber nicht. Hier steht, daß es kein Mittel ist, sondern ein Virus. Und es braucht zehn bis fünfzehn Wochen, bis es wirkt. Nicht ganz so ›peng‹, wie du meinst.«

»Aber immerhin. Was werden die wohl als nächstes erfinden? Wie man Menschen in Hunde verwandelt? Oder vielleicht sogar umgekehrt? Stell dir vor, wir könnten Prinz in einen Menschen verwandeln.« Er langte hinunter und kraulte die Ohren des Hundes. Prinz nahm die Zuwendung mit langsam trommelndem Schwanz zur Kenntnis. »Wie würde dir das gefallen, Prinz, mein Junge? Wolltest du nicht schon immer ein Mensch sein? Zur Arbeit gehen, von acht bis fünf in der Buchhaltung arbeiten, mittags eine Stunde Pause zum Essen? Nein? Willst du wirklich lieber ein Hund bleiben und den ganzen Tag schlafen und dein Hundefutter in einer hübschen Schale vorgesetzt kriegen? Ich kann dir keinen Vorwurf machen, alter Junge. Überhaupt nicht.«

Joan lachte. »Ich glaube, das wäre gar nicht so einfach. Männer und Frauen gehören ja nicht verschiedenen Arten an wie Menschen und Hunde.«

»Oh, wirklich? Du kannst das ja glauben, aber ich muß mich manchmal schon wundern.«


Claire Trillman war schlecht dran. Sie war eine Frau, das war klar. Sie fühlte sich wie eine Frau, sie kleidete sich gern in Rüschen und Spitzen, sie sehnte sich nach einem Baby, das sie halten und stillen und lieben konnte. Sie hatte nur ein einziges Problem. Das Problem war ihr Körper, ihr armer, häßlicher, gemeiner Körper, der als Mann geboren worden war. Das war nicht ihre Schuld. Sie war so sehr eine Frau wie diejenigen, die durch einen blinden Zufall das Glück gehabt hatten, mit dem richtigen Körper geboren zu werden. Mindestens.

Sie sparte ihr Geld und wartete ungeduldig auf den Tag, an dem sie sich endlich die Operation würde leisten können. Sie würde sich das häßliche Stück Fleisch abschneiden und ihren Körper zu den wundervollen Kurven umformen lassen, die sie in sich schon spüren konnte. Bis zu ihrem großen Tag trieb sie sich im Le Papillon herum.

Sie hatte es auch schon woanders versucht. Einmal hatte sie eine Bar gefunden, die ihr gefiel. Es war ein Lokal gewesen, das von Geschäftsleuten besucht wurde, und das nicht so billig und heruntergekommen aussah wie die meisten anderen. Es war so nahe am Büro gewesen, daß sie sich dort umziehen und direkt nach der Arbeit hingehen konnte. Es hatte ihr wirklich gefallen, bis eines Tages ein Mann zu aufdringlich geworden war. Er hatte sie in die Ecke gedrängt und ihr die Hand unter den Rock geschoben. Sie war nicht sicher, wer von ihnen mehr erschrocken war. Nach der Prügelei, die daraufhin ausbrach, hatte man ihr unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß sie sich nicht mehr blicken lassen sollte. Aber das hatte sie sowieso nicht vorgehabt. Die Leute im Papillon verstanden sie jedenfalls. Manchmal mußte sie trotzdem noch aufdringliche Kerle abwimmeln, aber wenigstens wußten die Männer dort Bescheid. Sie ließ sie immer abblitzen. Sie würde ›es‹ nicht tun, beschloß sie, solange sie es nicht als richtige Frau tun konnte.

Sie war ein altmodisches Mädchen.

An diesem Abend wartete sie darauf, daß Fred Feierabend machte. Freddy war ein Schatz. Er arbeitete in der Stadt als Labortechniker, und er hatte ihr wichtige Informationen über ihre Operation verschafft: Er kannte die Preise und wußte, wo die Leute am besten arbeiteten und so weiter. Am Telefon hatte er gesagt, daß er auf eine große Sache gestoßen sei. Sie fragte sich, was es wohl war.


Gene sind die Blaupausen, die ein Organismus benutzt, um den Körper aufzubauen und zu erhalten. Wenn der Körper nicht zu seiner genetischen Blaupause paßt, beginnen die Selbstreparaturmechanismen zu wirken und korrigieren den Körper, bis er mit den genetisch festgelegten Vorgaben übereinstimmt. Das geht so weit, daß sogar unerwünschte Zellverbände absorbiert oder abgebaut und andere aufgebaut werden, bis alles dem Plan entspricht. Dieser Prozeß verläuft überraschend schnell. Die Proteine, aus denen der Körper gebildet wird, werden rasch zerlegt und ersetzt. Ein Protein im Muskelgewebe hat beispielsweise eine Lebensdauer von nur neunzig Tagen, bis es ausgewechselt wird, und in etwa der gleichen Spanne kann der Körper Zellverbände nachbauen, bis sie einer modifizierten Blaupause entsprechen.

Verändere die Blaupause, und du veränderst den Körper. Diese Transformation ist ein Prozeß, der ungefähr drei Monate in Anspruch nimmt. Dies schließt sogar Veränderungen des Skeletts ein. (Dachtest du etwa, die Knochen seien etwas Dauerhaftes? Auch die Knochen werden wie alles andere im Körper ständig aufgebaut und wieder abgebaut.)


Chuck Turner – »Ein Macho und stolz drauf«, die letzte selbsternannte Bastion des maskulinen Heldentums im Radio – erreichte mit seiner Show Millionen von Menschen. Er war berühmt für seinen rücksichtslosen Kampf gegen die Gleichberechtigung, und er war stolz auf sich. Er hatte immer erklärt, und seine Hörer stimmten ihm zu, daß die Stellung der Frauen in der Gesellschaft heute schon besser sei als die der Männer. Frauen mußten verehrt und vor der harten Realität beschützt werden. Sie mußten nicht in der rauhen Welt um ihren Lebensunterhalt kämpfen, sie konnten ihre weichen, weiblichen Qualitäten nur entwickeln, weil sie beschützt wurden. Sie konnten den ebenso unbarmherzigen wie notwendigen Wettkampf in der mörderischen Welt einfach nicht verstehen, sie hatten keinen Begriff von den Notwendigkeiten, die das Leben eines Mannes prägten. Die paar, die behaupteten, daß sie genau das wollten, konnten nicht begreifen, was es wirklich bedeutete. Sie waren im guten Glauben einer Täuschung zum Opfer gefallen, wie er es immer sagte – die armen Lieben.

Und seine Hörer – mehr als die Hälfte waren Frauen – stimmten begeistert zu.

Macho Chuck war daran gewöhnt, spät am Abend in Talkshows befragt zu werden. Er trug lederne Hosenträger und ein Arbeitshemd aus grober Baumwolle, und er sprach klar und deutlich. Er wußte, daß er gut aussah.

»Die schlichte Wahrheit, Mike, ist doch, daß unsere amerikanische Wirtschaft wegen der sogenannten Befreiung der Frauen nicht mehr mit den Japanern konkurrieren kann.« Er sprach sehr klar und sah offen und treuherzig in die Kamera und nicht zu seinem Gesprächspartner. In der Sendung sollte es eigentlich um wirtschaftliche Fragen gehen, aber er hatte das Thema bereits dorthin verlagert, wo er es haben wollte. Die beiden anderen Gäste – eine Schwuchtel von Wirtschaftswissenschaftler und eine lesbische Feministin – sahen ziemlich alt aus.

»Die Regierung hat die Gesetze zur Gleichberechtigung erlassen, in denen steht, daß die Frau eingestellt werden muß, wenn sich ein Mann und eine Frau gleichzeitig um einen Job bewerben. Die Firmen müssen das tun, oder sie müssen mit einer millionenschweren Klage wegen Diskriminierung rechnen. Nun, die häßliche, schlichte Wahrheit ist, daß Frauen einfach nicht so gute Arbeiter sind wie Männer. Mike, Sie wissen, daß sie es nicht sind, ich weiß, daß sie es nicht sind, und es wird Zeit, daß die Regierung es auch merkt. So einfach ist das. Sie wollen über die Arbeitslosigkeit in Amerika reden? So ein Schwachsinn. Die gibt’s nicht. Tatsache ist, daß mehr Amerikaner Arbeit haben als jemals zuvor. Aber früher haben nur die Männer gearbeitet. Wegen dieser Frauenbefreiung sollen jetzt aber Männer und Frauen arbeiten gehen, und wir sind so blöde, das auch noch als Fortschritt zu bezeichnen. Also, mir kommt das nicht wie ein Fortschritt vor.«

»Danke, Chuck. Zum Abschluß der Sendung möchte ich Sie noch fragen, ob Sie vielleicht ein paar Worte zu der kürzlich verbreiteten Meldung sagen können, daß eine Wissenschaftlerin in Boston ein Mittel gefunden habe, mit dem angeblich Männer in Frauen verwandelt werden können?«

»Das ist nichts als ein geschmackloser, grausamer Scherz, Mike, der von den radikalen Emanzen verbreitet wird, um ihre Ansicht zu unterstützen, daß es keine wirklichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen gäbe. Nun, ich habe denen etwas Unangenehmes zu sagen: Es gibt Unterschiede, und ich für meinen Teil bin verdammt froh darüber. Ich glaube, es ist an der Zeit, daß die sich den Tatsachen stellen.

Mike, es überrascht mich nicht im mindesten, daß ein paar Tunten behaupten, Männer zu sein, die zu Frauen ›umgewandelt‹ wurden. Es macht mich aber traurig, Mike, ich bin traurig und doch etwas überrascht, wenn ansonsten intelligente Männer auf einen so durchsichtigen Schwindel hereinfallen. Das ist ein trauriges Beispiel für den Zustand der heutigen Gesellschaft. Die ganze Idee verstößt übrigens auch gegen Gottes Wort, wie es in der Heiligen Schrift festgelegt ist. Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, und ich kann hier voller Zuversicht sagen, daß wir nur zu bald herausfinden werden, daß dies nichts weiter ist als ein Schwindel im Stil der Evolutionstheorie und der Neandertaler.«


David Valient war für die Zehnuhrsitzung mit seinem Chef etwas zu früh dran. Luke war noch nicht in seinem Büro; vermutlich war er unten im Schreibzimmer und baggerte die Mädchen an. »Schnellschuß-Luke«, so nannten sie ihn. David ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf Lukowicz’ Stuhl – und fuhr sofort wieder auf. Er hatte sich auf eine Heftzwecke gesetzt.

Wenn man sah, wie die Sekretärin reagierte, mußte man den Eindruck bekommen, er hätte sich eine schwere Verletzung zugezogen. Sie befahl ihm, die Hosen herunterzulassen, weil sie den kleinen Einstich gleich an Ort und Stelle mit Alkohol einreiben wollte. Beinahe hätte er sich darauf eingelassen – es war immerhin das erste Mal, daß ihm eine Sekretärin in die Unterhose langen wollte –, aber andererseits war er ein verheirateter Mann. Er wehrte sie ab. »He, schon gut. Kein Problem. Wirklich, es ist ja nichts weiter passiert. Übrigens, wissen Sie, was Nonnen und Heftzwecken gemeinsam haben?« Er grinste. »Beide sind spitz, wenn sie auf dem Rücken liegen.«

Komisch, sie konnte über seinen Scherz überhaupt nicht lachen.


»Du Drecksack! Du verdammter Schweinehund!«

Peter Sneed lächelte. Er liebte es, wenn seine Frau ihn beschimpfte. So zeigte sie ihm ihre Leidenschaft. »Komm schon, Kleines!«

»Komm schon, Kleines, du kannst mich mal. Glaubst du, ich wüßte nichts von der blonden Hure, mit der du herumvögelst? Glaube ja nicht, du könntest dich wieder herausreden, wart’s nur ab, dir werde ich’s schon zeigen. Ich verlasse dich, hast du das kapiert? Du kannst mit dieser Hure ficken, wie du willst, du hinterhältiger Schuft, aber wenn du glaubst, du könntest hinterher einfach zu deiner liebenden kleinen Frau zurückkommen, die dir alles verzeiht und vergibt, dann hast du dich geschnitten.«

»Aber Kleines, das war doch nichts. Wirklich, die bedeutet mir überhaupt nichts. Du bist die einzige Frau, die ich liebe, Baby, und das weißt du. Komm schon, gib mir einen Kuß.«

»Glaub nur nicht, daß ich jetzt mit dir ins Bett springe und die Beine breitmache, du Arschloch! Glaub das ja nicht!«

»Komm schon!« Er stieß sie aufs Bett.

»Glaube ja nicht, daß ich dir das vergessen werde, du Idiot.«

»Sylvia, Baby, du weißt doch, daß ich der richtige für dich bin.«

»Du wirst kriegen, was du verdienst, und zwar früher, als du glaubst, du Arschloch! Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!«

»Oh, Baby, mach weiter! Yeah, mach genauso weiter! Das macht mich an!«


Danach, als das Duschwasser lief, rieb sich Pete mit der Hand über den Rücken. Er zuckte zusammen. Blut? Er mochte es, wenn seine Freundinnen grob wurden, aber jetzt mußte er sich für Marianne heute abend eine passende Geschichte einfallen lassen. Komisch, früher hatte Sylvia nicht gekratzt, wenn sie miteinander geschlafen hatten. Das beweist nur, dachte er, daß sie leidenschaftlicher werden, wenn sie einen Grund zur Eifersucht haben.

Als er die Dusche verließ, war sie schon weg. Es spielte keine Rolle. Sie würde in ein, zwei Tagen zurückkommen, und selbst wenn nicht, es gab reichlich hübsche Mädchen, die nur darauf warteten, daß ein Kerl, der gut reden konnte, richtig auf sie zuging. Er kannte sich mit Frauen aus.

Aus dem Protokoll der Kongreßanhörung zum Transformationsvirus:

Der Ehrenwerte Senator B. Holupka (R-CT): Welche Garantie haben wir dafür, daß dieses Virus keine Seuche auslöst? Was wird mit diesen großen Vereinigten Staaten geschehen, wenn sich die ganze Bevölkerung in Frauen verwandelt?

Doktor G. Urlaub: Das ist nicht möglich.

Senator Holupka: Es ist Ihrer Meinung nach nicht möglich. Ich möchte Sie daran erinnern, daß genau das auch von den Betreibern von Three Mile Island gesagt wurde, und wir wissen ja, was dort passiert ist. Für das Protokoll – wie groß ist Ihr Vorrat an Serum gegen dieses Virus?

Dr. Urlaub: Es gibt kein Serum. Ein Serum veranlaßt das Immunsystem, Antikörper zu produzieren, die auf bestimmte Charakteristika des Proteinmantels eines Virus ansprechen. X ist ein synthetisches Virus. Es wird vom Immunsystem ignoriert. Aber ich möchte noch einmal daran erinnern, daß das Virus nicht ansteckend ist.

Senator Holupka: Woher wissen wir, daß es nicht ansteckend ist?

Dr. Urlaub: X ist ein synthetisches Virus, Senator. Natürliche Viren haben Millionen Jahre der Evolution gebraucht, um einen ›Vektor‹ zu entwickeln – das heißt, um eine Möglichkeit zu finden, sich von einem Organismus auf einen anderen auszubreiten. Diese Fähigkeit fehlt dem X-Virus. Es kann sich nur replizieren, wenn es in einer Konzentration, die viel höher ist als unter natürlichen Umständen möglich, direkt in die Blutbahn gespritzt wird.

Senator Holupka: Aber könnte es nicht mutieren?

Dr. Urlaub: Nein. Krankheitsvektoren sind nicht das Resultat von ein paar kleinen Veränderungen in der Genstruktur, Senator. Sie sind spezialisierte Verhaltensmuster, die, wie ich schon sagte, Millionen Jahre der Koevolution brauchten, um sich zu entwickeln. Dies ist viel zu kompliziert, als daß es zufällig geschehen könnte.

Senator Holupka: Darf ich Sie in dieser Hinsicht beim Wort nehmen?

Dr. Urlaub: Ja.

Senator Holupka: Nun, was Sie hörten, ist die Expertenmeinung einer Wissenschaftlerin – und ich möchte Sie daran erinnern, daß es auch nicht mehr ist als eine Meinung –, daß diese gefürchtete Krankheit sich kaum ausbreiten könne wie die AIDS-Epidemie in den letzten Jahrzehnten. Angesichts der Konsequenzen für die Nation möchte ich jedoch empfehlen, sofort das Notstandsrecht in Kraft zu setzen und dafür Sorge zu tragen, daß alle existierenden Vorräte des Virus sofort zerstört und daß jede weitere Forschung in dieser Richtung per Gesetz verboten wird, bis eine umfassende Bewertung der Konsequenzen und Folgewirkungen …


»Psst!«

David Valient ging langsamer. Er sah sich um.

»He, Sie da!«

»Ich?«

»Yeah. Wollen Sie sich schnell ein paar Mäuse verdienen?«

»Kein Interesse.« David ging wieder schneller.

Der kleine Mann rannte hinter ihm her und faßte ihn am Ärmel. »Fünfhundert Dollar für drei Minuten Ihrer Zeit. Nichts Illegales.«

Trotz seiner instinktiven Vorsicht wurde David neugierig. »Okay, ich beiße an. Worum geht es?«

»Nein, Sie sind kein Fisch am Haken. Sie sind ein Wechsler, oder?«

David blieb wie angewurzelt stehen. »Was soll das denn heißen?«

»Sie sind doch einer, oder? Ich meine, so wie Sie gehen. Und die Muskeln in Ihrem Gesicht. Ich habe das gleich gesehen.«

»Ist das so offensichtlich? Der Arzt meinte, es dauert bestimmt noch zwei Wochen, bis …«

»Ich weiß eben, worauf ich achten muß. Hören Sie, ich schlage Ihnen folgendes vor. Ich bekomme von Ihnen einen halben Liter Blut, das dauert nur drei Minuten, und Sie bekommen dafür fünfhundert Dollar. Keine Namen, keine Akten, keine Steuern. Was sagen Sie?«

»Wozu brauchen Sie das Zeug?«

»Sagen wir, wir sind Menschenfreunde. Wir verkaufen es ans Rote Kreuz.«

»Klar.« Er wollte sich entfernen. Der kleine Mann folgte ihm.

»He, wenn Sie es unbedingt wissen wollen«, sagte er, »vielleicht stecken wir es auch in eine Zentrifuge, konzentrieren es und extrahieren das Virus.«

»Ist das nicht illegal?«

Der Mann zuckte die Achseln. »Was Sie betrifft, brauchen Sie nur zu wissen, daß der Verkauf von Blut nicht illegal ist. Niemand kann Ihnen etwas vorwerfen. Was uns angeht – nun, wir befriedigen einfach die Nachfrage.«

David wurde übel. Dieser Mann – oder einer wie er – hatte das Virus verkauft, das ihn erwischt hatte. Er packte den kleinen Mann am Kragen. »Ihr macht mich ganz krank. Unschuldige Menschen sind …«

Von David unbemerkt tauchten zwei kräftige Männer aus dem Schatten hinter ihm auf. Einer faßte ihn am Ellbogen, während ihm der andere etwas Scharfes in die Rippen drückte. »Sollen wir ihn erledigen, Boss?« fragte einer der beiden.

»Nein. Den Streß können wir nicht gebrauchen.« Der Kleine wandte sich wieder lächelnd an David. »Immer mit der Ruhe, ja? Denken Sie mal darüber nach. Wenn Sie wollen, können wir uns sicher irgendwie einigen. Vielleicht einmal in der Woche oder so? Fünfhundert Dollar einmal wöchentlich, bis die Veränderung abgeschlossen ist, das ist doch gar nicht schlecht, oder?« Er winkte den beiden Männern, David freizugeben. »Denken Sie einfach mal darüber nach, ja?«


Macho Chuck bekam es von einer dürren, ärmlich gekleideten Frau. Wahrscheinlich eine Lesbe, die Arme, die kein Mann haben wollte. Sie tauchte aus der Menge in einem Buchladen auf, wo er eine Autogrammstunde für sein neues Buch gab (Das sinnlose Leben: Die traurige Wahrheit über die ›befreiten‹ Frauen. Manlich Press, 9,95 Dollar.) Sie schoß ihn mit einer Erbsenpistole auf die Stirn und verschwand im Einkaufszentrum, bevor die Wachleute reagieren konnten. Durch die Erbse war eine Nadel gesteckt. Und auf der Nadel, fand er eine Woche später heraus, war ein Wassertropfen mit Viren.

Er hoffte, sein Leben als Frau würde so bequem, wie er es immer beschrieben hatte. So oder so, er würde es bald wissen.

Irgendwie fand er die Aussicht seltsam erregend.


»Ich will mich nicht scheiden lassen, David. Ich habe versprochen, in Freud und Leid zu dir zu halten, und genau das werde ich tun. Ich habe nicht deine Eier geheiratet. Ich habe dich geheiratet.«

»Aber, Liebes, wie können wir denn verheiratet sein? Du hast einen Mann geheiratet. Ich bin absolut sicher, daß das Ehegelübde diese Möglichkeit nicht berücksichtigt.«

Das Ironische daran war, dachte Joan, daß er eine so gut aussehende Frau war. David war als Mann immer recht maskulin gewesen – behaarte Brust und so weiter –, und wie sich herausstellte, gab er nun eine sehr feminine Frau ab mit breiten Hüften und langen Beinen und großen blauen Augen und Brüsten, die groß genug waren, seinen – ihren – Pullover auszufüllen, ohne aber so groß zu sein, daß sie störten.

»Nicht einmal der verdammte Hund erkennt mich wieder.«

»Das ist mir egal«, sagte sie. »Ich habe dich geheiratet und nicht den Hund, und ich will mit dir verheiratet bleiben. Irgendwie wird es schon gehen. Wart’s nur ab.«


»Aus biologischer Sicht, Mike, sind Männer Frauen viel ähnlicher, als den meisten Menschen klar ist. Die deutlichen Unterschiede, die wir sonst bemerken – die Art der Kleidung, die Art zu reden oder sich zu bewegen –, sind gesellschaftlich bedingt. Der Wechsel, der durch die X-Infektion ausgelöst wird, ist eine proteingesteuerte hermaphroditische Transformation. Ein wundervolles Wort, das wir Wissenschaftler für Männer erfunden haben, die sich in Frauen verwandeln. Bei vielen niederen Lebensformen, etwa bei gewissen Fischarten und Amphibien, sind solche Veränderungen ein natürlicher Teil des Lebenszyklus. Die Fähigkeit zu einer solchen Veränderung bleibt ein Teil unseres evolutionären Erbes, der zum Leben erweckt wird, sobald die für die Transformation verantwortlichen Chromosomen angeregt werden.«

»Danke, Doktor Urlaub. Vielleicht könnten Sie für unsere Zuschauer einige besonders spannende medizinische Anwendungsgebiete nennen.«

Spannende Anwendungsgebiete, zum Teufel. David schleuderte die Fernbedienung vor den Bildschirm. Er brauchte sie ohnehin nicht. Die anderen Kanäle waren noch schlimmer.


David knüllte den zerfetzten Schlüpfer zusammen und warf ihn an die Wand. »Ich mag es nicht, eine Frau zu sein. Ich bin nicht gut darin, eine Frau zu sein.«

»He, glaubst du, ich bin gefragt worden, bevor ich geboren wurde? Hör auf zu jammern. Du kannst doch nichts ändern.«

»Wie soll ich mich verhalten, was soll ich tun?«

»Lerne, damit zurechtzukommen, wie es alle Frauen gelernt haben.« Joan seufzte und hob den kaputten Schlüpfer auf. »Ein letztes Mal, du darfst sie nicht am Bund hochziehen. Beginne bei den Füßen und schiebe sie Stück für Stück …« Mein Gott, dachte sie. Wie soll das erst werden, wenn er seine Tage kriegt?


»Wie Sie auf dem Röntgenbild sehen können, hat sich der Krebs eindeutig auf beide Hoden ausgebreitet. Bisher gibt es keine Hinweise auf weitere Metastasen, und wir sind ziemlich sicher, daß wir ihn an diesem Punkt zum Stehen bringen können. Wir können Ihnen zwei Möglichkeiten anbieten. Mit einer Dauergabe von Hormoninjektionen – die alle vierzehn Tage aufzufrischen wären – sollte ein junger Mann in Ihrem Alter fähig sein, auch ohne Hoden in praktisch jeder Hinsicht ein ziemlich normales Leben zu führen. Wir können Ihnen kosmetische Prothesen einsetzen, und außer Ihrem Arzt wird niemand davon erfahren. Sie können natürlich keine Kinder bekommen – jedenfalls nicht auf die … äh … übliche Art und Weise, aber auch da können wir Vorsorgen, indem wir jetzt schon Spermaproben einfrieren.

Die andere Möglichkeit – zu der sich immer mehr Menschen entschließen, die in der gleichen Situation sind wie Sie – besteht darin, Sie nach der Operation mit dem Transformationsvirus zu infizieren. Nach etwa zehn bis vierzehn Wochen sind Sie dann eine in jeder Hinsicht vollkommen gesunde, normale Frau. Ja, auch in dieser Hinsicht.

Ich kann natürlich verstehen, daß Sie darüber erst einmal nachdenken müssen.«


»Ich will meinen Daddy wiederhaben! Ich will nicht zwei Mamis haben, ich will meinen Daddy haben! Wo ist mein Daddy? Wo ist mein Daddy?«

»Davey, wenn du nicht sofort zu heulen aufhörst, werde ich dir einen richtigen Grund zum Heulen geben!«


Präsident Richard S. Nielsen machte Wahlkampf auf dem Haymarket Square. Er aß die obligatorische Frucht vom offenen Wagen eines Farmers (in diesem Fall war es ein Pfirsich), er blieb stehen und pries die Vorzüge der freien Marktwirtschaft, wie sie beispielhaft von den wundervollen amerikanischen Unternehmern im Publikum repräsentiert wurde, er ließ sich über die Schönheiten Bostons aus und schüttelte Hunderte von Händen. Eine der Hände, die er schüttelte, gehörte Theodore M. Harilak, der von seinen Freunden Hairy Harry genannt wurde. Er war ein ehemaliger Studentenrevoluzzer und ein hochgradig verstörter junger Mann.

»Aua!« Präsident Nielsen fuhr zurück und schlenkerte heftig seine Hand. Sofort sprangen zwei Geheimdienstmänner über den Gemüsewagen und zwangen Harilak auf die Knie. Der Präsident sah seine Hand an. »Schon gut, Jungs, es ist nur ein kleiner Schnitt.« Während einer der Geheimdienstleute Harilak mit geübten Bewegungen auf Waffen abklopfte, nahm der zweite Harilaks Hand und untersuchte sie. Von einem seiner Ringe, es war ein grünäugiger, goldumschlungener Drache, ragte ein spitzes Stück Draht hervor.

Im Verhör behauptete Harilak, die scharfe Kante am Ring sei zufällig entstanden. Er wurde festgehalten, und der Ring wurde beschlagnahmt, aber als das Labor keine Spur von Gift entdeckte, und da der Präsident bei guter Gesundheit blieb, wurde er ohne Anklage freigelassen, und der Ring wurde ihm repariert zurückgegeben.

Der Arzt des Präsidenten brauchte eine Woche, um zu erkennen, daß etwas nicht stimmte. Weitere zwei Tage vergingen, bis das Labor sagen konnte, was genau nicht stimmte und was man tun konnte.

Man konnte nichts tun.


»Ein Sprecher von Papst Johannes Paul III. bekräftigte heute in Rom die umstrittene Position der Kirche, daß Geschlechtswandler unabhängig von der Ursache ihrer Verwandlung automatisch als exkommuniziert zu gelten hätten. Allerdings blieb die Frage offen, ob gegen ihren Willen umgewandelte Katholiken nicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder in die Kirche eintreten können, möglicherweise aufgrund eines besonderen päpstlichen Dispenses. Wie erwartet, beharrte die Kirche auch auf ihrem Standpunkt, daß alle Ehen, an denen Umgewandelte beteiligt sind, für ungültig zu erklären seien. Dies könnte für James Allston besonders heikel sein, da er von seiner Frau mit dem Virus infiziert wurde, nachdem er sich geweigert hatte, einer Scheidung zuzustimmen. Der Fall ist noch nicht entschieden.

Weitere Meldungen. Der sogenannte ›Katholische Kastrator‹ soll abermals in einem Priesterseminar außerhalb von Boston zugeschlagen haben. Zwei angehende Priester wurden anscheinend mit dem Transformationsvirus infiziert und gelten nun als das siebzehnte beziehungsweise achtzehnte Opfer des Täters. Der Vatikan lehnte jeden Kommentar zu den Vorfällen ab …«


Ultradünne Slipeinlagen oder sicherer Schutz? Extra weich gepolstert, extra saugfähig, Minis, an die Körperform angepaßte Super-Maxis, dünne Maxis oder maxi-dünn? Haftstreifen auf der Rückseite, ›atmungsaktiv‹, Super-Tampons. Bombensicherer Sitz. Super-saugfähig. Normal. Superplus. Für Mädchen, für etwas ältere Mädchen, für noch ältere Mädchen. Normal, Normal für Mädchen. Waschbare Einführhilfe, kompakte Einführhilfe, ohne Einführhilfe. »20 Prozent länger.« Mit Körperpaßform. Tampons mit Deodorant. Mit Deodorant Maxi. Dufttampons. Maxi ohne Duft. Dünn mit Deodorant. Maxi-Schutz. »Für die leichten Tage.« Leicht-Medium, Medium-Extra, Extra-Extra. »Voller Schutz.« Klinikpackung.

Zum Teufel, konnte er nicht einfach ein paar Kleenex zusammenknüllen? Anscheinend nicht. Für alle Fälle nahm er eine Packung von jeder Sorte.

Er versuchte, dem Burschen an der Kasse nicht in die Augen zu sehen.


Präsident Nielsen ließ seinen Pressesprecher erklären, daß er einen langen – und wohlverdienten, verdammt! – Urlaub auf seiner Ranch in Nevada antreten wolle. Aber die Journalisten glaubten es nicht. Jeden Tag schossen neue Gerüchte ins Kraut, die von Gehirnkrebs im Endstadium bis zu AIDS und Geheimkonferenzen mit Außerirdischen nichts ausließen. Verdammt auch. Wenigstens war bisher noch keiner auf den wirklichen Grund gekommen. Er fragte sich, wie lange er es noch geheimhalten konnte.

Welche Ironie. Die erste Frau im Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten war nicht ins Amt gewählt worden.


»Ich weiß, daß du es versuchen möchtest, Joan, aber es tut mir leid. Es hat keinen Zweck. Ich will mit dir als Mann und Frau Verkehr haben, nicht als … als Lesbierin. Ich kann es nicht. Ich kann nicht.«


»Schreiben Sie als Geschlecht einfach ›weiblich‹, Doktor. Ist schon gut, in ein paar Wochen ist sie sowieso ein Mädchen. Es ist mir egal, ob Sie das für falsch halten. Wir können uns das Mittel ja auch auf dem Schwarzmarkt besorgen. Meine Frau hat schon zwei Jungen, und jetzt will sie unbedingt ein Mädchen haben. Nein, das können Sie ihr ausreden, wenn Sie wollen. Ich stimme mit ihr überein. Zwei Jungen sind genug. Das neue Mittel ist eine tolle Sache für Leute wie mich, die kein Mädchen hinkriegen, und wenn sie es den ganzen Tag versuchen. Ich will Frieden in meiner Familie haben, das sage ich Ihnen.

Wir werden sie nach ihrer Großmutter Sara Jane nennen.«


»Siehst du das Messer, du Klugscheißer? Ich habe die Klinge mit diesem X-Zeug befeuchtet. Rück lieber das Geld raus, und zwar alles, und zwar bis morgen, denn sonst mußt du dich beim Pinkeln hinhocken, ist das klar?«


[Auszug aus der Pressekonferenz in Boston anläßlich Gabriella Urlaubs Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Medizin, den sie sich teilen wird mit Jacob Steinmetz vom Beth Israel Hospital, nominiert für die Chromosomentherapie des Tay-Sachs-Syndroms, und mit Esteban Garcia von der Universitätsklinik Mexico City, nominiert für die Chromosomentherapie der Ormond-Erkrankung.]

»Die Technologie der Chromosomentherapie durch reproduktionsfähige Viren macht rasche Fortschritte. Im nächsten Jahr werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit Therapiemethoden entwickeln, die die Sichelzellenanämie, die Leukämie, den Diabetes und die meisten Geburtsdefekte beheben können. Ein für die Öffentlichkeit besonders dringliches Problem ist es, eine ›Behandlung‹ oder eine Umkehrung für die Y-Reparatur oder die sogenannte ›Transformation‹ zu finden. Wir haben uns in unserem Labor besonders auf die Erforschung dieser Möglichkeit konzentriert, und es ist uns in der Tat gelungen, ein Virus zu synthetisieren, welches das X-Chromosom in ein Y-Chromosom verwandelt.

Ruhe, bitte. Bitte, setzen Sie sich doch. Wenn Sie doch bitte – ich bin noch nicht fertig … Ruhe!

Danke.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist das ›Y‹-Virus allerdings noch nicht als Gegenmittel für die X-Transformation einsetzbar.« [Mehrere laut gerufene Zwischenfragen.] »Das neue Y-Virus verwandelt beide X-Chromosomen in Y-Chromosomen, so daß eine nicht lebensfähige YY-Kombination entsteht und nicht die normale männliche Kombination XY. Wir arbeiten gerade daran, ein selektives Virus zu erzeugen, das nur eins der X-Chromosomen umwandelt. Dies ist eine schwierige Aufgabe, aber wir sind zuversichtlich, daß wir vielleicht sogar schon bald eine Lösung finden werden.«

[Als Antwort auf die Frage, ob die neue Behandlung schon bei transformierten Männern erprobt worden sei:] »Bisher zeigen unsere Laborexperimente eine Kreuzimmunität, das heißt, daß die Zellen, die von Spendern stammen, die der X-Transformation unterzogen wurden, gegen die Y-Transformation resistent sind. Solange wir die Ursache der Immunität nicht genau erforscht haben, wissen wir nicht, ob eine Lösung möglich ist.«


Davida konnte es irgendwann nicht mehr aushalten. Diejenigen, die sich ihm subtil näherten, waren schon schlimm genug, aber die, die ihn bemitleiden wollten, waren noch schlimmer. Sie hatte sich schließlich nach Albuquerque versetzen lassen, wo niemand ihn – sie – kannte.

Es war natürlich hart für den kleinen Davey, aber Davey hatte Probleme, sich anzupassen, und seine Lehrerin meinte, wenn sein – Vater (war er noch Daveys Vater?) – eine Weile fortginge, könne es ihm die Umstellung erleichtern. Davida kam so oft wie möglich nach Hause und nutzte verlängerte Wochenenden aus, um bei ihrer Familie zu sein.

Und obwohl Joan ihr ausdrücklich gesagt hatte, daß es in Ordnung sei, wenn sie mit Männern ausging, hielt Davida es für besser, ihrer Frau vorerst nicht zu verraten, daß sie schon längst damit angefangen hatte.


»Mr. President! Müssen wir Sie jetzt Frau Präsidentin oder Fräulein Präsidentin nennen?« – »Mr. … ähm … Mrs. President! Haben Ihre jüngsten Erfahrungen Ihre Einstellung zur Gleichberechtigung verändert?« – »Mr. President, die Leser von Newsday würden gern erfahren, was die First Lady … ähem … die andere First Lady zu den jüngsten Entwicklungen sagt.« – »Mrs. President, was halten Sie von der letzten Enzyklika des Papstes?« – »Ms. President, angesichts Ihres jetzigen Zustandes würde Woman’s Day gern wissen ob Sie Kinder haben wollen.« – »Mr. President!« – »Ms. President …«


»Das ist schon witzig, findest du nicht? Dies ist der Körper, den ich immer haben wollte, seit ich ein Kind war. Und jetzt habe ich ihn und stelle fest, daß ich eigentlich doch kein Mädchen sein will. Ich hasse es. Ich mag es nicht, wie die Leute mich behandeln. Ganz egal, wie gut ich etwas mache, die Leute denken: Ach, die ist bloß ein Mädchen. Ich mag keine hochhackigen Schuhe. Als ich sie nur ab und zu getragen habe, hat mir das noch Spaß gemacht. Und das Schlimmste ist, daß ich es nicht mag, mit Männern auszugehen. Ich weiß gar nicht, wie die richtigen Mädchen sie ertragen können. Männer sind aalglatt und unaufrichtig und herablassend.

Und jetzt stehe ich hier und habe alles, was ich mir je erträumt habe, und ich will es nicht haben. Ich will mich wieder zurückverwandeln, verstehst du? Ich will mich wieder zurückverwandeln!«


»Und nun die Nachrichten. Der Berufsverband der amerikanischen Psychiater kritisierte die rasch um sich greifende Praxis, hyperaktive Kinder durch die Transformation zu behandeln. Befürworter der umstrittenen Therapie hielten den Kritikern entgegen, daß die Methode sicher, effektiv und preiswert durchzuführen sei.

Gouverneur Bradshaw aus Illinois unterzeichnete heute ein Gesetz, das die Transformation als Strafe für Vergewaltigung vorsieht. Damit ist Illinois der erste Staat, der eine solche Maßnahme zum Gesetz erhebt. Die Bürgerrechtsorganisation ACLU hat angekündigt, sie werde gegen das Gesetz Klage erheben, weil es das verfassungsmäßige Verbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen verletze. Gouverneur Bradshaw spielte den Angriff der ACLU herunter und erklärte, wenn es grausam sei, zur Frau zu werden, dann hätte die Hälfte der Bevölkerung einen Grund, die andere Hälfte zu verklagen. Ähnliche Gesetzesinitiativen sind in den Staaten Alabama, Ohio, West Virginia und Texas noch im Stadium der Beratung.

In Washington erklärte heute der zuständige Senatsausschuß, die Transformation stelle keinen dem Fünfundzwanzigsten Verfassungszusatz entsprechenden Grund dar, den Präsidenten seines Amtes zu entheben, solange nicht erkennbar werde, daß das Virus den ersten Diener des Staates nachhaltig bei seiner Amtsausübung beeinträchtige. Kritiker wandten sofort ein, daß die veränderte Haltung des Präsidenten zum Gleichberechtigungsartikel ein Hinweis auf eine solche Beeinträchtigung sei.«


»Was ist los, Vida? Es ist immer das gleiche, wenn wir zusammen sind. Ich glaube, wir kommen uns näher, und immer wenn wir intim werden wollen, ziehst du dich zurück. Gibt es etwas, über das wir reden sollten?«

»Nein. Es tut mir leid.«

»Vida, mir tut es auch leid, aber ich glaube wirklich, daß es da etwas gibt, das du mir nicht erzählen willst. Liegt es an mir? Dränge ich dich zu sehr?«

»Nein, es liegt wirklich nicht an dir, Sam. Es liegt an mir. Ich bin noch nicht bereit, das ist alles.«

»Nicht bereit? Hör mal, wir sehen uns jetzt seit einem Monat mehrmals in der Woche. Wie bereit willst du denn noch werden? Stimmt was nicht mit mir? Rieche ich aus dem Mund? Habe ich Körpergeruch? Dränge ich dich zu sehr? Behandle ich dich nicht richtig? Komm schon, sag’s mir. Was immer es ist, sag’s mir.«

»Nein, nein, es liegt nicht an dir. Kein Problem.«

»Aber was ist es denn?« Er sah sie an. Sie errötete und wandte den Blick ab. »Ich kann’s kaum glauben. Sag’s mir einfach: Bist du noch Jungfrau?«

»Ich … äh … ich bin … nein, irgendwie nicht. Nein.«

»Mein Gott, ich kann’s nicht fassen. Ein wunderschönes Mädchen wie du, und immer noch Jungfrau? Ich kann’s nicht glauben. Mein Kind, es ist doch nichts Schlimmes, wenn man noch unschuldig ist. Entspann dich einfach und laß mich machen. Nein, sag jetzt nichts, entspann dich und laß mich nur machen. Keine Angst, ich würde dir um keinen Preis weh tun. Mädchen, ich werde dir zeigen, warum Gott dich zur Frau gemacht hat.«


»Ein Sprecher des Papstes dementierte heute in Rom, daß der oberste Seelenhirte das Opfer eines Angriffs mit dem Transformationsvirus geworden sei. Der Sprecher erklärte, Seine Heiligkeit habe sich für eine Woche von seinem vollen Terminkalender befreit, um sich zurückzuziehen und sich der Meditation und dem Gebet zu widmen. In Moskau war noch nichts über den Ausgang des zweiundneunzigsten Parteikongresses zu erfahren, der zum erstenmal in der Geschichte unter Leitung einer weiblichen Vorsitzenden des Obersten Sowjet abgehalten wurde. Die Kreml-Experten scheinen weltweit zu einer Haltung des ›Abwarten und Tee trinken‹ zu neigen.

In Massachusetts übernahm eine Gruppe religiöser Fundamentalisten die Verantwortung für den Brandbombenanschlag auf die Medizinische Fakultät der Boston University. Die Klinik ist vor allem durch ihre Forschungen zum ›Transformationsvirus‹ bekannt geworden. Es gab bei dem Anschlag keine Verletzten, und ein Sprecher der Klinik sagte, man werde die Transformationsforschung wie geplant fortsetzen, um ein Virus zu entwickeln, das die X/Y-Verwandlung oder die Gegentransformation ermöglicht.

In Washington erklärten die Ärzte der Präsidentin …«


Es funktionierte nicht. Er – sie – ging fast jedes Wochenende aus, aber sie fühlte sich immer noch unerträglich einsam. Sie vermißte die tröstende Wärme Joans, die neben ihr schlief. Die Männer, mit denen sie ausging, waren kein Ersatz. Und sie vermißte den kleinen Davey.

Sex als Frau war schon in Ordnung – viel besser, als sie erwartet hätte –, aber sie fühlte sich hinterher immer so ausgenutzt. Sie wußte, daß die Männer, die mit ihr ausgingen, nicht an ihr als Person, sondern nur an ihr als neuer Eroberung interessiert waren. Sie versuchten, es zu vertuschen, aber sie konnte die Zeichen sehen und wußte genau, was die Männer dachten.

Ihr Job war schlimmer, als sie erwartet hätte. Als Mann war sie im Büro in Chicago reif für eine Beförderung gewesen, aber hier in Albuquerque wurde ihre Arbeit mit ›mittelmäßig‹ beurteilt.

Mit zitternden Fingern griff Davida nach dem Telefon, um Joan anzurufen.

Er fragte sich, ob sie schon einen neuen Freund hatte.


»Doktor Gabriella Urlaub, die berühmte Erfinderin des sogenannten Transformationsvirus, erklärte heute, man werde mit klinischen Tests eines umgekehrten Transformationsvirus beginnen, mit dessen Hilfe Frauen in Männer verwandelt werden können. Wie ein Sprecher der Klinik erklärte, wirkt das Transformationsvirus, das erprobt werden soll, nur bei ›natürlichen‹ Frauen, also bei denen, die nicht dem X-Virus ausgesetzt waren. Die Meldung erreichte uns zeitgleich mit der erwarteten kritischen Reaktion der katholischen Kirche, in welcher die Forderung des Papstes bekräftigt wurde, jegliche Forschung über die virale Rekonstruktion der DNS zu unterlassen. Der Papst selbst, der noch nicht aus seiner dreiwöchigen Meditationsklausur zurückgekehrt ist, gab keinen Kommentar.

Als nächstes die Chick Turner Show, in der es wie immer um heiße Themen geht …«

Davida schaltete das Radio aus.


»Außerdem werden wir nachweisen, daß der Arzt gegen seine beruflichen Pflichten verstieß, als er die Transformation bei einem Kind zuließ, das zu jung war, um aus eigenem Entschluß der Umwandlung zuzustimmen, und daß eine solche Transformation der üblichen medizinischen Ethik widerspricht und den Tatbestand eines Kunstfehlers erfüllt. Außerdem werden wir zeigen, daß die Transformation eines Kindes auf Veranlassung der Eltern, aus was für Gründen auch immer, einen Bruch des üblichen Vertrauensverhältnisses zwischen Eltern und Kind darstellt und entsprechend der Gesetze dieses Staates als Kindesmißbrauch zu bewerten ist.

Aufgrund von psychologischen Belastungen und aufgrund des Verlustes seiner Entscheidungsfreiheit mußte mein Klient eine Minderung seines Ansehens hinnehmen, die in der verminderten Achtung begründet ist, die diese Gesellschaft Frauen allgemein entgegenbringt. Auch dies werden wir dokumentieren. Weiterhin bedarf der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen keines weiteren Nachweises. Im Laufe der üblichen Lebensarbeitszeit wird sich dieser Unterschied für meinen Klienten zu einer Summe von einer Million und fünfhunderttausend Dollar aufaddieren. Wir verlangen eine Entschädigung für diesen Verlust, ferner weitere zwei Millionen Dollar als Schmerzensgeld für physische und psychische Belastungen, und zusätzlich eine pauschal mit sieben Millionen Dollar anzusetzende Ausgleichszahlung für nicht näher zu beziffernde Folgewirkungen.«


»In Massachusetts beschloß heute eine Grand Jury, alle Anklagepunkte gegen Ann Brownfield, ehemals Arnold Brownfield, fallen zu lassen. Brownfield hatte im ganzen Land für Schlagzeilen gesorgt, als sie wegen Inzest verhaftet wurde, weil sie sich mit von ihr selbst vor der Transformation gespendetem Samen selbst geschwängert hatte. Behördenvertreter erklärten, es sei unwahrscheinlich, daß das Verfahren gegen Mrs. Brownfield noch einmal aufgenommen werde, weil diese Situation von keinem existierenden Gesetz erfaßt werde. Die Legislative von Massachusetts arbeitet bereits an entsprechenden Bestimmungen.

In Rom gingen unterdessen die Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fraktionen innerhalb der katholischen Kirche weiter. Militante Anhänger der Päpstin Jeanne-Paul III. wurden unter schweren Verlusten auf beiden Seiten zurückgeschlagen, nachdem sie im Morgengrauen einen Hubschrauberangriff auf die Stellung von Papst Innozenz XIV. unternommen hatten …«


»Sag mir die Wahrheit, magst du mich immer noch so wie früher?« Er ließ das Handtuch auf den Boden fallen und drehte sich langsam um sich selbst, um ihr seinen Körper zu zeigen. Winzige Tropfen spritzten von seinen Schultern.

»Komm schon ins Bett.« Er ging zu ihr. »Ja, du Dummkopf. Du bist immer noch du selbst, egal in welchem Körper du steckst. Selbst wenn du heute anders bist. Ist das ein Widerspruch? Aber es ist wahr.«

»Bin ich anders?«

»Ja. Selbstbewußter. Durchsetzungsstärker. Verdammt, du bist jetzt männlicher, so verrückt das auch klingt.«

»Nein, das ist nicht verrückt. Es ist wahr. Als Mann darf man ja durchsetzungsstark sein. Das wird geradezu erwartet. Als Frau hält man sich besser etwas zurück.«

»Der Bartwuchs hat mich schon etwas überrascht. Es sieht gut aus, versteh mich nicht falsch, aber als ich mich in dich verliebte, hätte ich nie gedacht, daß du mal einen dichten braunen Bart bekommst.«

John lachte. »Ich bin nicht mehr ganz die, in die du dich damals verliebt hast, das ist mal sicher. Ich dachte bloß, ich sei vielleicht doch schon etwas zu alt, um jetzt noch zu lernen, mich zu rasieren.«

»Du hast dir früher die Beine rasiert.«

»Das war was anderes.«

»Yeah, ich weiß«, sagte Davida. »Ich kapier’s immer noch nicht ganz.«

»Davey ist jedenfalls froh, daß er jetzt wieder eine Mommy und einen Daddy hat.«

»Yeah. Ich war überrascht, wie schnell er sich damit abgefunden hat. Ich glaube, weil er jetzt wieder einen von jeder Sorte hat, ist ihm egal, wer welche Rolle spielt.«

»Kinder sind wohl flexibel. Viel flexibler als wir. Es hat sich einfach alles verändert, was? Ich möchte wetten, daß die Leute eines Tages ihr Geschlecht verändern, wie wir heute unsere Frisur. Bist du es müde, ein Mann zu sein, dann lebe eine Weile als Frau. Und wir sind bei den ersten, die es tun.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Vida? Glaubst du, wir schaffen es?«

Sie zuckte die Achseln. »Wer weiß? Ich will es doch hoffen. Ich bin froh, daß du der Scheidung nicht zugestimmt hast. Ich glaube, unsere Ehe ist jetzt stärker als je zuvor. Wir hatten so oft Probleme, uns zu verstehen. Aber jetzt können wir sagen, daß wir uns wirklich kennen. Wir werden es schaffen, John. Ganz bestimmt.«

»Aber nur, wenn wir uns Mühe geben. Das müssen wir immer noch tun.«

»Yeah.« Sie kuschelte sich an ihn und knipste das Licht aus.



Originaltitel: ›PARADIGMS OF CHANGE‹ • Copyright © 1991 by Geoffrey A. Landis • Erstmals erschienen in ›Interzone‹, November 1991 • Mit freundlicher Genehmigung des Autors und Thomas Schlück, Literarische Agentur, Garbsen • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München • Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Langowski • Illustriert von Jobst H. Teltschik


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