Kapitel 12 Gregos Krieg


›Es ist ein Wunder, daß die Menschen jemals intelligent genug wurden, um zwischen den Welten zu reisen.‹

›Eigentlich nicht. Ich habe in letzter Zeit darüber nachgedacht. Den Sternenflug haben sie von dir gelernt. Ender sagt, sie hätten die physikalischen Grundlagen erst begriffen, als dein erstes Kolonieschiff ihr Sonnensystem erreichte.‹

›Sollten wir zu Hause bleiben, aus Angst, weichkörprigen, viergliedrigen, haarlosen Klumpen den Sternenflug zu lehren?‹

›Du hast vor einem Augenblick so gesprochen, als glaubtest du, die Menschen hätten wirklich Intelligenz erlangt.‹

›Das haben sie eindeutig.‹

›Ich bin anderer Ansicht. Ich glaube, sie haben eine Möglichkeit gefunden, Intelligenz vorzutäuschen.‹

›Ihre Sternenschiffe fliegen. Wir haben noch nicht bemerkt, daß welche von euch über die Lichtwellen durch den Raum jagen.‹

›Wir sind als Spezies noch sehr jung. Doch sieh uns an. Sieh dich an. Wir beide haben ein sehr ähnliches System entwickelt. Wir haben jeweils vier Arten von Leben in unseren Spezies. Die Jungen, die hilflose Flegel sind. Die Geschlechtsreifen, die niemals Intelligenz erlangen – bei dir die Drohnen und bei uns die kleinen Mütter. Dann die vielen, vielen Individuen, die genug Intelligenz haben, um manuelle Aufgaben zu erledigen – unsere Frauen und Brüder, deine Arbeiter. Und schließlich die Intelligenten – wir Vaterbäume und du, die Schwarmkönigin. Wir sind die Hochburg der Weisheit der Rasse, denn wir haben Zeit zum Nachdenken, für Überlegungen. Unsere primäre Aktivität ist die Ideenbildung.‹

›Während die Menschen alle als Brüder und Frauen herumrennen. Wie Arbeiter.‹

›Nicht nur Arbeiter. Auch ihre Jungen durchlaufen ein hilfloses Flegelstadium, das länger anhält, als einige von ihnen glauben. Und wenn es an der Zeit ist, sich zu reproduzieren, verwandeln sie alle sich in Dronen oder kleine Mütter, kleine Maschinen, die nur ein Ziel im Leben haben: Sex zu haben und zu sterben.‹

›Sie glauben, sie wären in all diesen Stadien rational.‹

›Selbstbetrug. Selbst ihre Besten erheben sich als Individuen niemals über das Niveau von Handarbeitern. Wer von ihnen hat schon die Zeit, intelligent zu werden?‹

›Keiner.‹

›Sie wissen einfach nichts. Ihre kleinen Leben zählen nicht genug Jahre, daß sie irgend etwas verstehen könnten. Und doch glauben sie, sie würden alles verstehen. Von der frühesten Kindheit an geben sie sich der Selbsttäuschung hin, sie würden die Welt verstehen, während sie in Wirklichkeit nur ein paar primitive Annahmen und Vorurteile haben. Wenn sie älter werden, lernen sie, sich eines gehobeneren Vokabulars zu bedienen, mit dem sie ihr geistloses Pseudowissen ausdrücken und andere Menschen dazu nötigen können, ihre Vorurteile zu akzeptieren, als seien es Wahrheiten. Doch alles läuft aus dasselbe hinaus. Individuell gesehen sind alle Menschen Tölpel.‹

›Während sie im Kollektiv…‹

›lm Kollektiv sind sie eine Ansammlung von Tölpeln. Doch bei all ihrem Herumirren, bei all ihrer Vorgabe, klug zu sein, stoßen sie idiotische, halbverdaute Theorien über dies und das aus, und zwei oder drei von ihnen treten mit irgendeiner Idee hervor, die der Wahrheit eine Winzigkeit näher kommt als das, was bereits bekannt war. Und bei etwa der Hälfte ihrer hilflosen Versuche und Herumratereien kommt tatsächlich die Wahrheit zum Vorschein und wird von Wesen akzeptiert, die sie noch immer nicht verstehen, die sie einfach als neue vorgefaßte Meinung akzeptieren, der blind zu vertrauen ist, bis der nächste Trottel zufällig mit einer Verbesserung hervortritt.‹

›Also behauptest du, daß keiner von ihnen individuell intelligent ist und Gruppen noch dümmer als Individuen sind – und doch gelangen sie, weil sie so viele Narren sind, die intelligent zu sein vorgeben, zu einigen der gleichen Ergebnisse, zu denen auch eine intelligente Spezies gelangen würde.‹

›Genau.‹

›Warum haben wir nur einen Schwarm, wenn sie so dumm und wir so intelligent sind, der auch noch hier gedeiht, weil ein Mensch uns hierhergebracht hat? Und warum seid ihr bei allen technischen und wissenschaftlichen Fortschritten, die ihr macht, völlig von ihnen abhängig?‹

›Vielleicht ist Intelligenz nicht alles, worauf es ankommt.‹

›Vielleicht sind wir die Narren, weil wir glauben, etwas zu wissen. Vielleicht sind die Menschen die einzigen, die sich mit der Tatsache befassen können, daß man niemals etwas wissen kann.‹


Quara traf als letzte in Mutters Haus ein. Pflanzer holte sie, der Pequenino, der als Enders Assistent auf den Feldern arbeitete. Das erwartungsvolle Schweigen im Raum machte klar, daß Miro keinem etwas verraten hatte. Doch sie alle wußten, so sicher, wie Quara es wußte, weshalb sie zusammengerufen worden waren. Es mußte sich um Quim handeln. Ender konnte mittlerweile zu Quim vorgestoßen sein; und er konnte sich über die Empfänger, die sie in den Ohren trugen, mit Miro unterhalten.

Wenn Quim wohlauf wäre, hätte man sie nicht zusammengerufen. Man hätte es ihnen einfach gesagt.

Also wußten sie es alle. Quara musterte ihre Gesichter, als sie auf der Schwelle standen. Ela sah betroffen aus. Grego mit wütendem Gesicht – immer wütend, der ungehaltene Narr. Olhado ausdruckslos, mit leuchtenden Augen. Und Mutter. Wer konnte die schreckliche Maske deuten, die sie trug? Sicherlich Trauer wie bei Ela und Zorn, so heiß wie bei Grego und auch die kalte, unmenschliche Zurückhaltung von Olhados Miene. Wir alle tragen so oder so Mutters Gesicht. Welcher Teil von ihr ist in mir? Was würde ich in Mutters verdrehter Haltung auf dem Stuhl erkennen, wenn ich mich selbst verstehen könnte?

»Er starb an der Descolada«, sagte Miro. »Heute morgen. Andrew ist gerade dort eingetroffen.«

»Sprich diesen Namen nicht aus«, sagte Mutter. Ihre Stimme war heiser vor Trauer, die sie kaum unter Kontrolle hatte.

»Er starb als Märtyrer«, sagte Miro. »Er starb genau so, wie er es gewollt hätte.«

Mutter erhob sich unbeholfen von ihrem Stuhl. Zum ersten Mal erkannte Quara, daß Mutter alt wurde. Sie schritt unsicher aus, bis sie sich direkt vor dem breitbeinig dastehenden Miro befand. Dann schlug sie ihn mit aller Kraft ins Gesicht.

»Was soll das?« rief Ela. »Daß du Miro schlägst, wird Quim nicht zurückbringen!«

»Er und dieses Juwel in seinem Ohr!« schrie Mutter. Sie holte erneut aus, und die anderen konnten sie trotz ihrer scheinbaren Kraftlosigkeit kaum zurückhalten. »Was weißt du schon darüber, wie jemand sterben will!«

Quara mußte unwillkürlich bewundern, wie Miro ihr standhielt, wenngleich seine Wange von ihrem Schlag gerötet war. »Ich weiß, daß der Tod nicht das Schlimmste auf dieser Welt ist«, sagte Miro.

»Verschwinde aus meinem Haus«, sagte Mutter.

Miro erhob sich. »Du trauerst nicht um ihn«, sagte er. »Du weißt nicht einmal, wer er war.«

»Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen!«

»Wenn du ihn geliebt hättest, hättest du nicht versucht, ihn von seiner Mission abzuhalten«, sagte Miro. Seine Stimme war nicht laut, und er sprach so undeutlich, daß er kaum zu verstehen war. Alle anderen hörten ihm schweigend zu, voller Zorn, denn seine Worte waren schrecklich. »Aber du hast ihn nicht geliebt. Du weißt nicht, wie man Menschen liebt. Du weißt nur, wie man sie besitzt. Und da die Menschen sich niemals verhalten, wie du es von ihnen verlangst, Mutter, wirst du immer glauben, verraten worden zu sein. Und weil schließlich jeder einmal stirbt, wirst du dir immer betrogen vorkommen. Aber du bist die Betrügerin, Mutter. Du bist diejenige, die unsere Liebe ausnutzt, um uns beherrschen zu können.«

»Miro«, sagte Ela. Quara erkannte den Tonfall in Elas Stimme. Es war, als wären sie wieder kleine Kinder, und Ela versuchte, Miro zu beruhigen, ihn zu überreden, zu einem milderen Urteil zu gelangen. Quara erinnerte sich, wie Ela so zu ihm gesprochen hatte, als Vater gerade wieder einmal Mutter verprügelt hatte, und Miro hatte erwidert: »Ich bringe ihn um. Er wird diese Nacht nicht überleben.« Jetzt war es genauso. Miro sprach scharf mit Mutter, sagte Worte, die die Macht zu töten hatten. Doch Ela konnte ihn nicht mehr rechtzeitig aufhalten, jetzt nicht mehr, denn die Worte waren bereits gesagt. Sein Gift war nun in Mutter, tat seine Arbeit, suchte nach ihrem Herz, um es zu verbrennen.

»Du hast Mutter gehört«, sagte Grego. »Verschwinde.«

»Ich gehe«, sagte Miro. »Aber ich habe nur die Wahrheit gesagt.«

Grego ging zu Miro, faßte ihn an den Schultern und schob ihn zur Tür. »Du bist keiner von uns!« sagte er. »Du hast kein Recht, so etwas zu uns zu sagen!«

Quara schob sich zwischen sie und sah Grego an. »Wenn Miro sich nicht das Recht verdient hat, in dieser Familie zu sprechen, sind wir keine Familie!«

»Du hast es gesagt«, warf Olhado ein. »Geh mir aus dem Weg«, sagte Grego. Quara hatte schon oft gehört, daß er drohende Worte sprach. Doch nun, wo sie so dicht vor ihm stand, seinen Atem in ihrem Gesicht spürte, begriff sie, daß er die Kontrolle über sich verloren hatte. Daß die Nachricht von Quims Tod ihn hart getroffen hatte, daß er in diesem Augenblick vielleicht nicht mehr normal war.

»Ich stehe dir nicht im Weg«, sagte Quara. »Nur zu. Schlag eine Frau nieder. Stoße einen Krüppel herum. Es liegt in deiner Natur, Grego. Du wurdest geboren, um zu zerstören. Ich schäme mich, zur gleichen Rasse zu gehören wie du, ganz zu schweigen von der gleichen Familie.«

Erst nachdem sie dies gesagt hatte, begriff sie, daß sie Grego vielleicht zu weit getrieben hatte. Nach all diesen Jahren der harmloseren Kämpfe zwischen ihnen hatte sie ihm diesmal eine blutende Wunde versetzt. Ihr Gesicht zeigte nackte Panik.

Doch er schlug sie nicht. Er trat um sie herum, um Miro herum, und blieb auf der Schwelle stehen, eine Hand am Türrahmen. Er drängte hinaus, als wolle er die Wände aus dem Weg schieben. Oder vielleicht klammerte er sich auch an sie, in der Hoffnung, sie könnten ihn an Ort und Stelle halten.

»Du wirst es nicht schaffen, daß ich wütend auf dich werde, Quara«, sagte Grego. »Ich weiß, wer mein Feind ist.«

Dann war er weg, aus der Tür hinaus in eine neue Dunkelheit.

Einen Augenblick später folgte ihm Miro schweigend.

»Was du dir auch vorlügen magst, Mutter«, sagte Elo, als sie zur Tür ging, »weder Ender noch sonst jemand hat unsere Familie heute abend hier zerstört. Du warst es.« Dann war sie ebenfalls fort.

Olhado stand auf und ging wortlos. Quara wollte ihm eine Ohrfeige geben, als er an ihn vorbeiging, ihn zum Sprechen bringen. Hast du mit deinen Computeraugen alles aufgezeichnet, Olhado? Hast du alle Bilder in deinem Gedächtnis gespeichert? Nun, sei nicht zu stolz auf dich. Ich habe vielleicht nur ein natürliches Gehirn, das diesen wundervollen Abend in der Geschichte der Familie Ribeira aufzeichnet, aber meine Bilder sind genauso klar wie deine.

Mutter sah Quara an. Ihr Gesicht war von Tränen gezeichnet. Quara konnte sich nicht erinnern – hatte sie Mutter je weinen gesehen?

»Also bist nur noch du übrig«, sagte Mutter.

»Ich?« entgegnete Quara. »Ich bin diejenige, der du den Zutritt zum Labor verbieten willst. Hast du das schon vergessen? Ich bin diejenige, der du ihr Lebenswerk nimmst. Erwarte nicht, daß ich deine Freundin bin.«

Dann ging auch Quara. Sie trat in die Nacht hinaus und kam sich gestärkt vor. Soll die alte Frau doch eine Weile darüber nachdenken. Mal sehen, ob es ihr gefällt, ausgeschlossen zu sein. Ich habe mich wegen ihr genauso gefühlt.

Vielleicht fünf Minuten später, Quara hatte das Tor schon fast erreicht, ließ der Glanz ihrer schlagfertigen Bemerkung nach, und sie begriff, was sie ihrer Mutter angetan hatte. Was sie alle ihr angetan hatten. Sie hatten Mutter alleingelassen. Ihr das Gefühl gegeben, daß sie nicht nur Quim, sondern ihre gesamte Familie verloren hatte. Es war schrecklich, ihr so etwas anzutun, und Mutter hatte es nicht verdient.

Quara drehte sich sofort um und lief zum Haus zurück. Doch als sie durch die Tür stürmte, betrat auch Ela gerade das Wohnzimmer, durch die andere Tür, durch jene, die tiefer ins Haus führte.

»Sie ist nicht hier«, sagte Ela.

»Nossa Senhora«, sagte Quara. »Ich habe so schreckliche Dinge zu ihr gesagt.«

»Das haben wir alle.«

»Sie hat uns gebraucht. Quim ist tot, und wir haben nur…«

»Als sie Miro schlug, war es…«

Zu ihrer Überraschung stellte Quara fest, daß sie weinte und sich an ihrer älteren Schwester festhielt. Bin ich also doch noch ein Kind? Ja, das bin ich, das sind wir alle, und Ela ist noch immer wie einzige, die uns zu trösten weiß. »Ela, war Quim der einzige, der uns zusammengehalten hat? Sind wir nun, da er tot ist, keine Familie mehr?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Ela.

»Was können wir tun?«

Als Antwort nahm Ela ihre Hand und führte sie hinaus. Quara fragte, wohin sie gingen, doch Ela wollte nicht antworten, hielt einfach ihre Hand und führte sie. Quara ging bereitwillig mit – sie hatte sowieso keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte, und es kam ihr irgendwie sicher vor, Ela einfach zu folgen. Zuerst dachte sie, Ela suche nach Mutter, doch nein – sie ging weder zum Labor noch zu einem anderen Ort, zu dem Mutter vielleicht geflüchtet war. Um so mehr überraschte es sie, wo sie schließlich endeten.

Sie standen vor dem Schrein, den das Volk von Lusitania in der Mitte der Stadt errichtet hatte. Der Schrein von Gusto und Cida, ihren Großeltern, den Xenobiologen, die als erste eine Möglichkeit gefunden hatten, den Descolada-Virus zu zähmen, und die damit die menschliche Kolonie auf Lusitania gerettet hatten. Sie waren gestorben, während sie noch das Medikament fanden, das die Descolada daran hinderte, die Menschen zu töten, schon zu sehr infiziert, als daß ihre eigene Medizin sie retten konnte.

Die Menschen bewunderten sie, errichteten diesen Schrein und nannten ihn Os Venerados, noch bevor die Kirche sie seligsprach. Und nun, da sie nur noch einen Schritt von der Heiligsprechung entfernt waren, war es gestattet, zu ihnen zu beten.

Zu Quaras Überraschung war Ela genau deshalb hierher gekommen. Sie kniete vor dem Schrein nieder, und obwohl Quara eigentlich nicht sehr gläubig war, tat sie es ihrer Schwester gleich.

»Großvater, Großmutter, betet zu Gott für uns. Betet um die Seele unseres Bruders Estevão. Betet um all unsere Seelen. Betet zu Christus, daß er uns vergibt.«

Das war ein Gebet, in das Quara aus ganzem Herzen einfallen konnte.

»Schützt eure Tochter, unsere Mutter, schützt sie vor… vor ihrer Trauer und ihrem Zorn, und laßt sie wissen, daß wir sie lieben und daß ihr sie liebt und daß… Gott sie liebt, falls er es tut – oh, bitte, sagt Gott, er soll sie lieben und davon abhalten, etwas Verrücktes zu tun.«

Quara hatte nie jemanden so beten hören. Sonst sprachen sie auswendig gelernte oder niedergeschriebene Gebete, nicht solch einen Wortschwall. Andererseits jedoch waren Os Venerados nicht wie andere Heilige oder Gesegnete. Sie waren Großmutter und Großvater, obwohl wir sie nicht mehr erlebt haben.

»Sagt Gott, daß wir genug davon haben«, sagte Ela. »Wir müssen einen Ausweg finden. Schweinchen töten Menschen. Eine Flotte kommt, um uns zu vernichten. Die Descolada versucht, alle anderen Wesen auszumerzen. Unsere Familie haßt einander. Sucht uns einen Ausweg, Großvater, Großmutter, oder laßt Gott einen öffnen, wenn es keinen gibt, denn so kann das nicht weitergehen.«

Dann ein erschöpftes Schweigen; sowohl Ela als auch Quara atmeten schwer.

»Em nome do Pai e do Filho e do Espirito Santo«, sagte Ela. »Amem.«

Dann umarmte Ela ihre Schwester, und sie weinten gemeinsam in der Nacht.


Valentine überraschte es, daß der Bürgermeister und der Bischof die einzigen beiden anderen Anwesenden der Dringlichkeitssitzung waren. Warum war sie hier? Sie hatte kein Amt, keinen Anspruch auf Autorität.

Bürgermeister Kovano Zeljezo zog einen Stuhl für sie heran. Die Einrichtung des bischöflichen Privatzimmers war elegant, doch die Stühle waren so entworfen, daß ihre Benutzung schmerzte. Die Sitze waren viel zu schmal, und die Lehne war völlig starr, nahm nicht die geringste Rücksicht auf die Form des menschlichen Rückgrats. Man mußte nur kurz darauf sitzen, und der Stuhl zwang einen, sich vorzubeugen und die Arme auf den Knien abzustützen.

Vielleicht kam es ihm genau darauf an, dachte Valentine. Stühle, die einen zwangen, sich in der Gegenwart Gottes zu verbeugen.

Doch vielleicht steckte auch eine noch subtilere Absicht dahinter. Die Stühle waren so unbequem, daß man sich nach einer weniger körperlicheren Existenz sehnte. Bestrafe das Fleisch, damit sie es vorziehen, im Geist zu leben.

»Sie sehen verwirrt aus«, sagte Bischof Peregrino.

»Ich verstehe, warum Sie beide sich in einem Notfall beraten«, sagte Valentine. »Aber wozu brauchen Sie mich? Um Notizen zu machen?«

»Freundliche Bescheidenheit«, sagte Peregrino. »Aber wir haben Ihre Schriften gelesen, meine Tochter, und wir wären Narren, in einer Zeit der Sorgen auf Ihre Weisheit zu verzichten.«

»Die Weisheit, die ich habe, stelle ich Ihnen gern zur Verfügung«, sagte Valentine, »doch ich würde mir an Ihrer Stelle nicht zuviel erhoffen.«

Bürgermeister Kovano kam zur Sache. »Es gibt viele langfristige Probleme«, sagte er, »doch wir haben keine große Chance, sie zu lösen, wenn wir nicht die kurzfristigen lösen können. Gestern abend gab es eine Art Streit im Haus der Ribeiras…«

»Warum müssen unsere besten Leute aus den unstabilsten Familien stammen?« murmelte der Bischof.

»Das ist nicht die unstabilste Familie, Bischof Peregrino«, sagte Valentine, »sondern lediglich die, deren innere Spannungen die meisten Turbulenzen an der Oberfläche erzeugen. Andere Familien erleiden viel schlimmere Stürme, doch Sie bemerken nichts davon, weil sie keine so große Bedeutung in der Kolonie haben.«

Der Bischof nickte ernst, doch Valentine vermutete, daß er verärgert war, in einer so trivialen Sache korrigiert zu werden. Nur, daß sie gar nicht so trivial war. Wenn der Bischof und der Bürgermeister annahmen, die Familie Ribeira sei unstabiler, als es in Wirklichkeit der Fall war, würden sie vielleicht das Vertrauen in Ela, Miro oder Novinha verlieren, die alle unbedingt gebraucht wurden, wollte Lusitania die kommenden Krisen überleben. Vielleicht wurden sogar die unreifsten von ihnen gebraucht, Quara und Grego. Sie hatten Quim, wahrscheinlich den besten von ihnen, bereits verloren. Es wäre töricht, nun auch noch die anderen zu verstoßen; doch wenn die Führer der Kolonie die Ribeiras als Gruppe falsch einschätzten, würden sie sie bald auch als Individuen falsch einschätzen.

»Gestern abend«, fuhr Bürgermeister Kovano fort, »zerstreute sich die Familie, und soweit wir wissen, sprechen ihre Mitglieder kaum noch miteinander. Ich habe versucht, Novinha zu finden, und erfuhr erst vor kurzem, daß sie Zuflucht bei den Kindern des Geistes Christi gesucht hat und niemanden sehen oder sprechen will. Ela sagte mir, ihre Mutter habe alle Dateien im Xenobiologie-Labor versiegelt, so daß die Arbeit dort heute morgen zu einem absoluten Stillstand gekommen ist. Quara ist, ob Sie es nun glauben oder nicht, bei Ela. Der junge Miro ist irgendwo außerhalb der Umzäunung. Olhado ist zu Hause, und seine Frau sagt, er habe seine Augen abgeschaltet, was seine Methode ist, sich vom Leben zurückzuziehen.«

»Das klingt ganz so«, sagte Peregrino, »als hätte sie Vater Estevãos Tod sehr mitgenommen. Ich muß sie aufsuchen und ihnen helfen.«

»Das alles sind völlig verständliche Trauerreaktionen«, sagte Kovano, »und wenn das alles wäre, hätte ich dieses Treffen nicht einberufen. Wie Sie sagen, Euer Gnaden, würden Sie sich als ihr geistlicher Führer darum kümmern, und meine Einmischung wäre nicht nötig.«

»Grego«, sagte Valentine, als ihr auffiel, daß er in Kovanos Liste nicht enthalten gewesen war.

»Genau«, sagte Kovano. »Seine Reaktion bestand darin, in gewisse Bars zu gehen und jedem halbbetrunkenen, paranoiden Fanatiker in Milagre zu erzählen, die Schweinchen hätten Vater Quim kaltblütig umgebracht.«

»Que Deus nos abencoe«, murmelte Bischof Peregrino.

»In einer Bar kam es zu einem Zwischenfall«, fuhr Kovano fort. »Zertrümmerte Fenster, zerbrochene Stühle, zwei Männer im Krankenhaus.«

»Eine Schlägerei?« fragte der Bischof.

»Eigentlich nicht. Nur allgemeiner Ärger, der sich Luft gemacht hat.«

»Also haben sie sich abreagiert.«

»Ich will es hoffen«, sagte Kovano. »Aber es schien erst aufzuhören, als die Sonne aufging. Und als der Polizist kam.«

»Ein Polizist?« fragte Valentine. »Nur einer?«

»Er leitet die Freiwillige Polizeitruppe«, erklärte Kovano. »Wie die Freiwillige Feuerwehr. Rundgänge von zwei Stunden. Wir haben einige Leute aufgeweckt. Zwanzig waren nötig, um die Dinge zu beruhigen. Die gesamte Truppe besteht nur aus fünfzig Mitgliedern, von denen normalerweise nur jeweils vier gleichzeitig Dienst tun. Für gewöhnlich verbringen sie die Nacht damit, herumzuspazieren und sich Witze zu erzählen. Und einige der gerade nicht diensttuenden Polizisten waren unter den Leuten, die die Bar zu Kleinholz geschlagen haben.«

»Wollen Sie damit sagen, daß man sich in einem Notfall nicht unbedingt auf sie verlassen kann?«

»Sie haben sich gestern abend einwandfrei verhalten«, erwiderte Kovano. »Diejenigen, die Dienst hatten, meine ich.«

»Aber einen wirklichen Aufstand können sie auf keinen Fall in den Griff bekommen«, sagte Valentine.

»Sie sind gestern abend damit fertiggeworden«, sagte Bischof Peregrino. »Heute abend wird der erste Schock nachgelassen haben.«

»Ganz im Gegenteil«, sagte Valentine. »Heute wird sich die Nachricht erst richtig verbreitet haben. Alle werden von Quims Tod wissen, und der Zorn wird um so heißer sein.«

»Vielleicht«, sagte Bürgermeister Kovano. »Aber mir bereitet der nächste Tag Sorgen, wenn Andrew die Leiche nach Hause bringt. Vater Estevão war gar nicht so beliebt – er ist nie mit den Jungs einen trinken gegangen –, doch er war eine Art geistliches Symbol. Ihn werden viel mehr Leute als Märtyrer rächen wollen, als ihm zu Lebzeiten gefolgt sind.«

»Sie meinen also, wir sollten uns auf ein kleines, schlichtes Begräbnis beschränken«, sagte Peregrino.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Kovano. »Vielleicht brauchen die Leute eine große Beerdigung, bei der sie ihre Trauer verarbeiten und überwinden können.«

»Das Begräbnis ist nicht so wichtig«, sagte Valentine. »Ihr Problem ist der heutige Abend.«

»Wieso?« fragte Kovano. »Der erste Schock über die Nachricht von Vater Estevãos Tod wird abgeklungen sein. Die Leiche wird erst morgen hier eintreffen. Was ist mit dem heutigen Abend?«

»Sie werden alle Bars schließen müssen. Verbieten Sie, daß Alkohol ausgeschenkt wird. Stellen Sie Grego bis nach der Beerdigung unter Arrest. Verhängen Sie eine Ausgangssperre ab Sonnenuntergang und lassen Sie alle Polizisten Dienst schieben. Lassen Sie sie in Vierergruppen die ganze Nacht Streife gehen, und rüsten Sie sie mit Schlagstöcken und Seitenwaffen aus.«

»Unsere Polizei hat keine Seitenwaffen.«

»Geben Sie ihnen trotzdem welche. Sie müssen sie ja nicht laden, sie sollen sie nur zeigen. Ein Schlagstock ist eine Einladung, mit den Behörden zu streiten, weil man immer davonlaufen kann. Eine Pistole ist eine Aufforderung, sich höflich zu benehmen.«

»Das klingt sehr extrem«, sagte Bischof Peregrino. »Ein Ausgangsverbot! Was ist mit den Arbeitern, die Nachtschicht haben?«

»Stellen Sie alle Arbeit bis auf die unbedingt lebensnotwendigen Dienste ein.«

»Verzeihen Sie, Valentine«, sagte Bürgermeister Kovano, »aber blasen wir die Dinge nicht nur unnötig auf, wenn wir so überreagieren? Vielleicht verursachen wir damit genau die Panik, die wir vermeiden wollen.«

»Sie haben nie einen Aufruhr gesehen, nicht wahr?«

»Nur das, was letzte Nacht passiert ist«, sagte der Bürgermeister.

»Milagre ist eine sehr kleine Stadt«, sagte Bischof Peregrino. »Nur etwa fünfzehntausend Bewohner. Wir sind kaum groß genug, um einen echten Aufruhr zu haben – den gibt es in großen Städten, auf dicht besiedelten Welten.«

»Das ist keine Frage der Bevölkerungsgröße«, sagte Valentine, »sondern eine der Bevölkerungsdichte und des Ausmaßes der Angst. Ihre fünfzehntausend Menschen sind auf einen Raum zusammengepfercht, der kaum die Größe der Innenstadt einer großen Gemeinde hat. Die Stadt ist umzäunt, weil draußen unvorstellbar fremde Geschöpfe leben, die glauben, ihnen gehöre die ganze Welt, obwohl jeder die gewaltigen Prärien sehen kann, die den Menschen offenstehen sollten; doch die Schweinchen verweigern sie ihnen. Die Stadt wurde sozusagen von der Pest gebeutelt, und nun sind die Menschen von jeder anderen Welt abgeschnitten, und es kommt eine Flotte, die diesen Planeten in naher Zukunft besetzen und die Menschen unterdrücken und bestrafen wird. Und an allem tragen nach der Vorstellung dieser Menschen die Schweinchen Schuld. Gestern abend erfuhren sie erstmals, daß die Schweinchen wieder getötet haben, trotz ihres ernsten Eides, nie wieder einem Menschen Schaden zuzufügen. Zweifellos hat Grego ihnen eine farbige Schilderung des Verrats der Schweinchen geboten – der Junge kann mit Worten umgehen –, und die wenigen Männer, die in den Bars waren, haben gewalttätig reagiert. Ich versichere Ihnen, wenn Sie es nicht verhindern, wird es heute abend nur noch schlimmer kommen.«

»Wenn wir derartig unterdrückende Zwangsmaßnahmen anordnen, werden sie glauben, wir wären in Panik geraten«, sagte Bischof Peregrino.

»Sie werden glauben, Sie hätten alles fest unter Kontrolle. Die ausgeglichenen Menschen werden Ihnen dankbar sein. Sie werden das öffentliche Vertrauen wiederherstellen.«

»Ich weiß nicht«, sagte Bürgermeister Kovano. »Kein anderer Bürgermeister hat jemals so etwas angeordnet.«

»Es bestand auch noch nie ein Grund dazu.«

»Die Leute werden behaupten, ich hätte die geringste Ursache benutzt, um mir eine diktatorische Machtfülle anzueignen.«

»Vielleicht«, sagte Valentine.

»Sie werden nie glauben, daß es wirklich einen Aufruhr gegeben hätte.«

»Vielleicht unterliegen Sie also bei der nächsten Wahl«, sagte Valentine. »Na und?«

Peregrino lachte laut. »Sie denkt wie ein Kleriker.«

»Ich bin bereit, eine Wahl zu verlieren, wenn ich jetzt das Richtige tue«, sagte Kovano etwas zweifelnd.

»Sie wissen nur nicht, ob es das Richtige ist«, sagte Valentine.

»Nun, Sie können nicht mit Sicherheit sagen, daß es heute abend einen Aufruhr geben wird.«

»Doch, das kann ich«, entgegnete Valentine. »Ich verspreche Ihnen, das Sie viel mehr verlieren werden als nur die nächste Wahl, wenn Sie die Dinge jetzt nicht fest in die Hand nehmen und verhindern, daß sich heute abend Mobs zusammenrotten.«

Der Bischof kicherte noch immer. »Das klingt nicht nach der Frau, die uns sagte, sie würde uns an ihrer Weisheit teilhaben lassen, doch wir dürften nicht zuviel von ihr erwarten.«

»Was schlagen Sie vor, wenn Sie glauben, daß ich überreagiere?«

»Ich werde heute abend einen Gottesdienst für Quim abhalten und um Frieden und Ruhe beten.«

»Das wird genau die Leute in die Kirche locken, die sowieso nicht an einem Aufruhr teilnehmen würden.«

»Sie verstehen nicht, wie wichtig den Leuten von Lusitania der Glaube ist«, sagte Peregrino.

»Und Sie verstehen nicht, wie verheerend Furcht und Zorn sein kann und wie schnell die Religion, die Zivilisation und menschlicher Anstand vergessen werden, wenn sich Mobs bilden.«

»Ich versetze die gesamte Polizei heute abend in Alarmbereitschaft«, sagte Bürgermeister Kovano, »und lasse die Hälfte der Leute Dienst tun. Aber ich werde die Bars nicht schließen und auch keine Ausgangssperre verhängen. Ich will, daß das Leben so normal wie möglich weitergeht. Wenn wir anfangen, alles zu ändern, alles lahmzulegen, geben wir ihnen um so mehr Grund, ängstlich und wütend zu reagieren.«

»Sie würden ihnen das Gefühl geben, daß die Behörden die Lage unter Kontrolle haben«, sagte Valentine. »Sie würden Schritte ergreifen, die im richtigen Verhältnis zu den schrecklichen Gefühlen stehen, die sie haben. Sie würden wissen, daß jemand irgend etwas tut.«

»Sie sind sehr weise«, sagte Bischof Peregrino, »und Ihr Rat wäre der beste für eine große Stadt, besonders auf einem Planeten, der dem christlichen Glauben weniger treu ergeben ist. Doch wir sind nur ein Dorf, und die Leute sind fromm. Sie brauchen nicht herumgestoßen zu werden. Sie brauchen heute abend Ermutigung und Trost, keine Ausgangssperren, geschlossenen Bars, Pistolen und Patrouillen.«

»Sie müssen die Entscheidung treffen«, entgegnete Valentine. »Wie ich sagte, die Weisheit, die ich habe, teile ich gern mit Ihnen.«

»Und wir wissen das zu schätzen. Sie können sicher sein, daß ich heute abend alles genau im Auge behalten werde«, sagte Kovano.

»Danke, daß Sie mich eingeladen haben«, sagte Valentine. »Aber wie Sie sehen können, ist nicht viel dabei herausgekommen.«

Sie erhob sich. Ihr Körper schmerzte, weil sie so lange auf diesem unbequemen Stuhl gesessen hatte. Sie hatte sich nicht vorgebeugt. Noch verbeugte sie sich nun, als ihr der Bischof seine Hand zum Kuß reichte. Statt dessen schüttelte sie sie kräftig. Als Gleichberechtigte. Als Fremde.

Sie verließ den Raum. Sie hatte sie gewarnt und ihnen gesagt, was sie tun sollten. Doch wie die meisten Führer, die niemals eine echte Krise miterlebt hatten, glaubten sie nicht, daß sich der heutige Abend von den meisten anderen unterscheiden würde. Die Menschen glauben wirklich nur an das, was sie zuvor schon einmal gesehen haben. Nach dem heutigen Abend wird Kovano an Ausgangssperren und das rechtzeitige Schließen öffentlicher Straßen glauben. Doch dann wird es zu spät sein. Dann werden sie die Todesfälle zählen.

Wie viele Gräber würden neben dem Quims ausgehoben werden? Und wer würde in ihnen liegen?

Obwohl Valentine hier eine Fremde war und nur wenige Leute kannte, konnte sie einen Aufruhr einfach nicht als unvermeidbar hinnehmen. Es gab nur eine andere Hoffnung. Sie würde mit Grego sprechen. Versuchen, ihm klarzumachen, wie ernst die Lage hier war. Falls er heute abend von Bar zu Bar zog, ruhig sprach und zu Geduld riet, konnte der Aufruhr vielleicht verhindert werden. Nur ihm war das möglich. Sie kannten ihn. Er war Quims Bruder. Er war derjenige, dessen Worte sie gestern abend so aufgebracht hatten. Vielleicht hörten ihm genug Menschen zu, daß der Aufruhr im Zaum gehalten, kontrolliert und in die richtigen Kanäle geleitet werden konnte. Sie mußte Grego finden.

Wäre doch, nur Ender hier. Sie war Historikerin; er hatte schon Männer in die Schlacht geführt. Na ja, eigentlich Jungs. Er hatte Jungen geführt. Doch es war dasselbe – er würde wissen, was zu tun war. Warum ist er jetzt fort? Warum liegt diese Sache in meinen Händen? Ich bin nicht geschaffen für Gewalt und Konfrontation und war es noch nie. Deshalb war Ender überhaupt geboren worden, ein drittes Kind, empfangen auf Verlangen der Regierung in einer Zeit, in der Eltern normalerweise nicht mehr als zwei Kinder haben durften, wollten sie nicht das Risiko verheerender rechtlicher Sanktionen auf sich nehmen: weil Peter zu verdorben und sie, Valentine, zu weich gewesen war.

Ender hätte den Bürgermeister und den Bischof dazu überredet, vernünftige Maßnahmen zu ergreifen. Und wenn ihm das nicht gelungen wäre, wäre er selbst in die Stadt gegangen, hätte die Menschen beruhigt und die Lage unter Kontrolle gehalten.

Doch als sie wünschte, Ender wäre bei ihr, wußte sie, daß selbst er nicht unter Kontrolle halten könnte, was heute abend geschehen würde. Vielleicht hätte nicht einmal ausgereicht, was sie vorgeschlagen hatte. Ihre Schlußfolgerungen darüber, was heute abend passieren würde, beruhten auf allem, was sie auf vielen verschiedenen Welten in vielen verschiedenen Zeiten gesehen und gelesen hatte. Die Unruhen des gestrigen Abends würden sich heute eindeutig viel weiter ausbreiten. Doch nun begriff sie allmählich, daß die Dinge vielleicht sogar noch schlimmer standen, als sie anfangs angenommen hatte. Die Menschen von Lusitania lebten schon viel zu lange auf einer fremden Welt, ohne ihre Ängste ausdrücken zu können. Jede andere menschliche Kolonie hatte sich augenblicklich ausgebreitet, ihre Welt in Besitz genommen, sie innerhalb von ein paar Generationen zu ihrer eigenen gemacht. Die Menschen von Lusitania lebten noch in einer winzigen Enklave, praktisch in einem Zoo, durch dessen Gitterstäbe schreckliche, schweineähnliche Geschöpfe starrten. Es ließ sich nicht absehen, was sich in diesen Menschen aufgestaut hatte. Wahrscheinlich konnte man es gar nicht mehr im Zaum halten. Keinen einzigen Tag lang.

In den vergangenen Jahren war Libos und Pipos Tod schon schlimm genug gewesen. Doch sie waren Wissenschaftler gewesen und hatten sich unter den Schweinchen aufgehalten. Bei ihnen war es wie mit einem Flugzeugabsturz oder einer Raumschiffexplosion. Wenn nur die Mannschaft an Bord war, regte sich die Öffentlichkeit nicht ganz so auf – die Mannschaft wurde bezahlt für das Risiko, das sie einging. Nur der Tod von Zivilisten bei solchen Unfällen verursachte Furcht und Zorn. Und in der Vorstellung der Menschen von Lusitania war Quim ein unschuldiger Zivilist.

Nein, mehr als das: Er war ein Heiliger, der diesen unwürdigen Halbtieren die Bruderschaft und Heiligkeit gebracht hatte. Ihn zu töten war nicht nur bestialisch und grausam, es war ein Sakrileg.

Die Menschen von Lusitania waren sicherlich so fromm, wie Bischof Peregrino es annahm. Er vergaß dabei jedoch, wie fromme Menschen schon immer auf Beleidigungen gegen ihren Gott reagiert hatten. Peregrino erinnert sich nicht genug an die Geschichte des Christentums, dachte Valentine, oder glaubt vielleicht, all das hätte mit den Kreuzzügen aufgehört. Wie konnte Peregrino glauben, wenn die Kathedrale das Zentrum des Lebens auf Lusitania war und die Menschen ihre Priester liebten, daß die Trauer über den Mord an einem Priester in einem einfachen Gedenkgottesdienst Ausdruck finden konnte? Es würde ihre Wut nur steigern, wenn der Bischof zu glauben schien, Quims Tod habe keine große Bedeutung. Er trug nichts zur Lösung des Problems bei, sondern verschlimmerte es nur.

Sie suchte noch immer nach Grego, als sie hörte, wie die Glocken geläutet wurden. Der Ruf zum Gebet. Doch es war nicht an der üblichen Zeit für eine Messe; die Leute mußten überrascht aufschauen und sich fragen: Warum läutet die Glocke? Und sich dann erinnern – Vater Estevão ist tot. Vater Quim wurde von den Schweinchen ermordet. Ah, ja, Peregrino, was für eine ausgezeichnete Idee, die Gebetsglocke zu läuten. Das wird den Eindruck der Leute verstärken, alles sei ruhig und normal.

O Herr, beschütze uns vor allen weisen Männern.


Miro lag in der Krümmung einer von Menschs Wurzeln zusammengerollt. Er hatte in der vergangenen Nacht nicht viel geschlafen, wenn überhaupt, doch jetzt lag er hier, ohne sich zu rühren, während überall um ihn herum Pequeninos kamen und gingen und mit ihren Stöcken Rhythmen auf Menschs und Wühlers Stämme schlugen. Miro hörte die Gespräche und verstand sogar die meisten davon, obwohl er die Vaterzunge noch nicht fließend sprach, da die Brüder keine Anstrengungen unternahmen, ihre eigenen aufgeregten Gespräche vor ihm zu verbergen. Er war schließlich Miro. Sie vertrauten ihm. Also durfte er ruhig mitbekommen, wie wütend und verängstigt sie waren.

Der Vaterbaum namens Kriegmacher hatte einen Menschen getötet. Und nicht nur irgendeinen Menschen – er und sein Stamm hatten Vater Estevão ermordet, den geliebtesten aller Menschen nach dem Sprecher für die Toten selbst. Es war unaussprechlich. Was sollten sie tun? Sie hatten dem Sprecher versprochen, nicht mehr gegeneinander Krieg zu führen, doch wie sonst konnten sie Kriegmachers Stamm bestrafen und den Menschen zeigen, daß die Pequeninos deren gewalttätigen Akt verabscheuten? Krieg war die einzige Antwort. Alle Brüder eines jeden Stammes mußten Kriegmachers Wald angreifen und alle Bäume fällen, bis auf die, von denen bekannt war, daß sie gegen Kriegmachers Plan gesprochen hatten.

Und ihr Mutterbaum? Diese Redeschlacht tobte noch: ob es ausreichte, alle Brüder und mitschuldigen Vaterbäume in Kriegmachers Wald zu töten, oder ob sie auch den Mutterbaum fällen sollten, damit Kriegmachers Saat nie wieder Wurzeln schlagen konnte. Damit würde Kriegmacher lange genug leben, um die Vernichtung seines Stammes zu beobachten, und dann würden sie ihn verbrennen, die schrecklichste aller Hinrichtungsformen und die einzige Gelegenheit, bei der die Pequeninos jemals in einem Wald Feuer benutzten.

Miro hörte das alles, wollte sprechen, wollte sagen: Welchen Sinn hat das jetzt noch? Doch er wußte, daß er die Pequeninos nicht aufhalten konnte. Sie waren jetzt zu wütend, zum Teil, weil sie um Quim trauerten, zu einem großen Teil aber auch, weil sie sich schämten. Kriegmacher hatte sie alle beschämt, indem er den Vertrag gebrochen hatte. Die Menschen würden den Pequeninos nie wieder vertrauen, außer sie vernichteten Kriegmacher und seinen Stamm völlig.

Die Entscheidung wurde getroffen. Morgen früh würden alle Brüder zu Kriegmachers Wald aufbrechen. Es würde viele Tage dauern, bis sie sich alle versammelt hatten, denn an dieser Unternehmung mußten alle Wälder der Welt gemeinsam teilnehmen. Wenn sie bereit waren und Kriegmachers Wald umzingelt hatten, würden sie ihn so gründlich zerstören, daß niemand vermuten konnte, daß sich dort einmal ein Wald befunden hatte.

Die Menschen würden es sehen. Ihre Satelliten würden ihnen zeigen, wie die Pequeninos mit Vertragsbrechern und feigen Mördern umgingen. Dann würden die Menschen den Pequeninos wieder vertrauen. Dann konnten die Pequeninos wieder in der Gegenwart eines Menschen ohne Scham die Köpfe heben.

Allmählich begriff Miro, daß sie ihn nicht einfach ihre Gespräche und Entscheidungen mithören ließen. Sie sorgten dafür, daß er alles hörte und verstand, was sie taten. Sie erwarten von mir, daß ich die Stadt darüber informiere. Sie erwarten von mir, daß ich den Menschen von Lusitania genau erkläre, wie die Pequeninos Quims Mörder bestrafen wollen.

Begreifen sie nicht, daß ich jetzt hier ein Fremder bin? Wer von den Menschen Lusitanias würde schon auf mich hören – auf einen verkrüppelten Jungen aus der Vergangenheit, dessen Sprache so langsam und schwer zu verstehen ist? Ich habe keinen Einfluß auf andere Menschen. Ich habe kaum Einfluß auf meinen eigenen Körper.

Dennoch war es Miros Pflicht. Er erhob sich langsam, entknotete sich von seinem Platz zwischen Menschs Wurzeln. Er würde es versuchen. Er würde zu Bischof Peregrino gehen und ihm sagen, was die Pequeninos vorhatten. Bischof Peregrino würde die Nachricht verbreiten, und dann konnten sich die Menschen in dem Wissen besser fühlen, daß Tausende unschuldiger Pequeninokinder als Vergeltung für den Tod eines einzigen Menschen sterben würden. Was sind schließlich schon Pequenino-Babys? Nur Würmer, die im dunklen Bauch eines Mutterbaums leben. Es würde diesen Menschen niemals in den Sinn kommen, daß es kaum einen moralischen Unterschied zwischen diesem Massenmord an Pequeninobabies und König Herodes' Massenmord an Neugeborenen zur Zeit von Jesu Geburt gab. Sie hatten es nur auf Gerechtigkeit abgesehen. Was ist schon im Vergleich dazu die vollständige Auslöschung eines Pequeninostammes?


Grego: Ich stehe in der Mitte des Rasenvierecks, die Menge wachsam um mich herum, jeder von ihnen mit einem straffen, unsichtbaren Draht mit mir verbunden, so daß mein Wille ihr Wille ist, mein Mund ihre Worte spricht, ihre Herzen in meinem Rhythmus schlagen. Ich habe so etwas noch nie zuvor empfunden, diese Art von Leben, Teil einer solchen Gruppe zu sein, und nicht nur Teil davon, sondern auch der Geist, der Mittelpunkt, so daß mein Selbst sie alle umschließt, Hunderte von ihnen, und meine Wut ihre Wut ist, ihre Hände meine Hände sind, ihre Augen nur sehen, was ich ihnen zeige.

Diese Musik, diese Kadenz: Anrufung, Antwort, Anrufung, Antwort.

»Der Bischof sagt, daß wir um Gerechtigkeit beten werden, doch ist das genug?«

»Nein!«

»Die Pequeninos sagen, daß sie den Wald vernichten werden, der meinen Bruder ermordet hat, doch glauben wir ihnen?«

»Nein!«

Sie vervollständigen meine Rede; wenn ich innehalten muß, um einzuatmen, rufen sie für mich, so daß meine Stimme niemals verstummt, sondern sich aus den Kehlen von fünfhundert Männern und Frauen erhebt. Der Bischof kam zu mir, voller Frieden und Geduld. Der Bürgermeister kam zu mir, mit seinen Warnungen vor der Polizei und einem Aufruhr und seinen Andeutungen, mich zu verhaften. Valentine kam zu mir, ganz eiskalter Intellekt, und sprach von meiner Verantwortung. Sie alle kennen meine Macht, Macht, von der ich nie wußte, daß ich sie hatte, Macht, die erst begann, als ich ihnen nicht mehr gehorchte und schließlich die Worte, die in meinem Herzen waren, zu den Leuten selbst sprach. Wahrheit ist meine Macht. Ich hörte auf, die Leute zu täuschen, und gab ihnen die Wahrheit, und nun sehe ich, was aus mir geworden ist, was aus uns allen geworden ist.

»Wenn jemand die Schweine für den Mord an Quim bestrafen sollte, dann wir. Ein Menschenleben sollte von Menschenhand gerächt werden! Sie behaupten, die Strafe für die Mörder sei der Tod – doch nur wir haben das Recht, den Henker zu ernennen! Wir müssen sicherstellen, daß die Strafe vollzogen wird!«

»Ja! Ja!«

»Sie ließen meinen Bruder in den Qualen der Descolada sterben! Sie sahen zu, wie sein Körper von innen verbrannte! Nun werden wir diesen Wald niederbrennen!«

»Verbrannt sie! Feuer! Feuer!«

Sieh, wie sie Streichhölzer anzünden, wie sie Grasbüschel ausreißen und sie anzünden. Die Flamme, die wir gemeinsam anzünden werden!

»Morgen werden wir zu einer Strafexpedition aufbrechen…«

»Heute abend! Heute abend! Sofort!«

»Morgen… wir können heute abend nicht gehen… wir müssen Wasser und Vorräte besorgen…«

»Jetzt! Heute abend! Verbrennt sie!«

»Ich sage euch, wir kommen in einer Nacht nicht dorthin, es ist Hunderte von Kilometern entfernt, wir brauchen Tage für diese Strecke…!«

»Die Schweinchen sind direkt hinter dem Zaun…«

»Nicht die, die Quim getötet haben…«

»Alle Schweinchen sind mörderische kleine Mistkerle!«

»Das sind doch die, die Libo getötet haben, oder?«

»Sie haben Pipo und Libo getötet!«

»Verbrennt sie heute abend!«

»Verbrennt sie alle!«

»Lusitania für uns, nicht für Tiere!«

Sind sie verrückt? Wie können sie glauben, er würde sie diese Schweinchen töten lassen – sie hatten nichts getan. »Es ist Kriegmacher! Kriegmacher und seinen Wald müssen wir bestrafen!«

»Bestraft sie!«

»Tötet die Schweinchen!«

»Verbrennt sie!«

»Feuer!«

Ein kurzes Schweigen. Eine Gelegenheit. Laß dir die richtigen Worte einfallen. Laß dir etwas einfallen, das sie zurückholt. Sie entgleiten dir. Sie waren Teil meines Körpers, sie waren Teil meines Selbst, doch nun entgleiten sie mir, eine Zuckung, und ich habe die Kontrolle verloren, falls ich sie jemals gehabt haben sollte. Was kann ich in diesem Sekundenbruchteil des Schweigens sagen, das sie wieder zur Vernunft bringen wird?

Zu lange. Grego fiel nichts ein, wartete zu lange. Die Stimme eines Kindes erfüllte die kurze Stille, die Stimme eines Jungen, der noch nicht im Mannesalter war, genau die Art von Stimme, die den schwelenden heiligen Zorn in den Herzen zum Ausbruch bringen, sie zu unwiderruflichen Taten anstacheln konnte. Rief das Kind: »Für Quim und Christus!«

»Quim und Christus! Quim und Christus!«

»Nein!« rief Grego. »Wartet! Das dürft ihr nicht!«

Sie rempeln ihn an, reißen ihn zu Boden. Er ist auf allen vieren, jemand tritt auf seine Hand. Wo ist der Stuhl, auf dem er stand? Hier ist er, halte dich daran fest, damit sie dich nicht niedertrampeln, sie werden mich umbringen, wenn ich nicht aufstehe, ich muß mit ihnen, aufstehen und mit ihnen gehen, mit ihnen laufen, oder sie werden mich niedertrampeln.

Und dann waren sie weg, an ihm vorbei, brüllend, schreiend. Sie hielten winzige Flammen hoch, riefen »Feuer!« und »Verbrennen!« und »Quim und Christus!« und ergossen sich wie ein Lavastrom von dem Platz zum Wald, der auf dem nicht allzu weiten Hügel auf sie wartete.

»Gott im Himmel, was tun sie?«

Es war Valentine. Grego kniete neben dem Stuhl, stützte sich darauf ab, und sie stand neben ihm und beobachtete sie, wie sie sich von diesem alten, leeren Krater entfernten, an dem das Feuer in Brand gesetzt worden war.

»Grego, du selbstgerechter Hurensohn, was hast du getan?«

Ich? »Ich wollte sie gegen Kriegmacher führen. Ich wollte sie zur Gerechtigkeit führen.«

»Du bist Physiker, du Idiot. Hast du noch nie vom Unsicherheitsprinzip gehört?«

»Partikelphysik. Philotische Physik.«

»Gruppenphysik, Grego. Du hast sie nie beherrscht. Sie haben dich beherrscht. Und jetzt haben sie dich nicht mehr nötig, und sie werden den Wald unserer besten Freunde und Ratgeber unter den Pequeninos vernichten, und wozu wird das führen? Zu einem Krieg zwischen Menschen und Pequeninos, wenn sie nicht über unmenschliche Selbstbeherrschung verfügen, und es wird unsere Schuld sein.«

»Kriegmacher hat Quim getötet.«

»Ein Verbrechen. Aber hier, Grego, hast du eine Greueltat ausgelöst.«

»Ich war es nicht!«

»Bischof Peregrino hat sich mit dir beraten. Bürgermeister Kovano hat dich gewarnt. Ich habe dich gebeten. Und du hast es trotzdem getan.«

»Du hast mich vor einem Aufruhr gewarnt, nicht davor…«

»Das ist ein Aufruhr, du Narr. Schlimmer als ein Aufruhr. Es ist ein Pogrom. Ein Massaker. Das Töten von Babys. Es ist der erste Schritt auf der langen, schrecklichen Straße zum Xenozid.«

»Du kannst mir nicht für alles die Schuld geben!«

Ihr Gesicht ist so schrecklich im Mondlicht, im Licht, das aus den Türen und Fenstern der Bars fällt. »Ich gebe dir nur die Schuld für das, was du getan hast. Du hast trotz aller Warnungen an einem heißen, trockenen, windigen Tag ein Feuer in Brand gesetzt. Dafür gebe ich dir die Schuld, und wenn du nicht die Verantwortung für alle Folgen deiner eigenen Taten auf dich nimmst, bist du der menschlichen Gesellschaft wahrhaftig unwürdig, und ich hoffe, daß du für immer deine Freiheit verlierst.«

Sie ist verschwunden. Wohin? Um was zu tun? Sie kann ihn hier nicht allein lassen. Es ist nicht richtig, ihn allein zu lassen. Vor ein paar Augenblicken war er noch so groß, mit fünfhundert Herzen und Gehirnen und Mündern, tausend Händen und Füßen, und jetzt war alles fort, als sei sein großer, neuer Körper gestorben und er als bebender Geist von Mann übriggeblieben, ein einziger schmaler Wurm von Seele, der das starke Fleisch, das er beherrscht hatte, verloren hatte. Er hatte niemals solch eine Angst empfunden. Sie hatten ihn in ihrer Eile, ihn zu verlassen, beinahe getötet, beinahe im Gras totgetrampelt.

Doch sie gehörten trotzdem ihm. Er hatte sie geschaffen, einen einzigen Mob aus ihnen gemacht, und obwohl sie falsch verstanden hatten, wozu er sie geschaffen hatte, verhielten sie sich noch immer der Wut gemäß, die er in ihren hervorgerufen hatte, und mit dem Plan, den er ihnen eingegeben hatte. Ihr Ziel war schlecht, mehr aber auch nicht – ansonsten taten sie genau das, was er gewollt hatte. Valentine hatte recht. Es war seine Verantwortung. Was sie jetzt taten, hatte er so sicher bewerkstelligt, als wäre er noch an ihrer Spitze und würde sie führen.

Was konnte er also tun?

Sie aufhalten. Wieder die Kontrolle übernehmen. Sich ihnen in den Weg stellen und sie bitten, es nicht zu tun. Sie wollten nicht den fernen Wald des verrückten Vaterbaums Kriegmacher niederbrennen, sie wollten Pequeninos abschlachten, die er kannte, auch wenn er sie nicht besonders mochte. Er mußte sie aufhalten, oder ihr Blut wäre an seinen Händen wie Farbe, die man nicht abwaschen oder abreiben konnte, ein Mal, das er nie loswerden würde.

Also lief er los, folgte dem schlammigen Pfad ihrer Fußabdrücke durch die Straßen, deren Gras in den Dreck niedergetrampelt war. Er lief, bis er Seitenstiche bekam, erreichte die Stelle, an der sie innegehalten hatten, um den Zaun zu durchbrechen – wo war das das Disruptorfeld, als wir es brauchten? Warum hat es niemand eingeschaltet? – und weiter zu dem Hügel, wo bereits Flammen in den Himmel schlugen.

»Hört auf! Macht das Feuer aus!«

»Brennt sie nieder!«

»Für Quim und Christus!«

»Sterbt, Schweine!«

»Da ist eins! Es haut ab!«

»Tötet es!«

»Verbrennt es!«

»Die Bäume sind nicht trocken genug – das Feuer greift nicht über!«

»Doch, es brennt!«

»Fällt die Bäume!«

»Da ist noch eins!«

»He, die kleinen Mistkerle greifen an!«

»Zerreißt sie!«

»Gib mir diese Sichel, wenn du sie nicht benutzen willst!«

»Zerreißt das kleine Schwein!«

»Für Quim und Christus!«

Blut sprüht in einem weiten Bogen auf und spritzt in Gregos Gesicht, als er einen Satz nach vorn macht und sie aufzuhalten versucht. Kannte ich es? Kannte ich die Stimme dieses Pequeninos, bevor sie von einem Schrei des Schmerzes und Todes zerrissen wurde? Ich kann diesen Rücken nicht mehr zusammensetzen, sie haben ihn gebrochen. Sie. Sie gebrochen. Eine Gattin. Eine noch nie zuvor gesehene Gattin. Dann müssen wir fast in der Mitte des Waldes sein, und dieser Riese muß der Mutterbaum sein.

»Wenn ich je einen Killerbaum gesehen habe, dann den hier!«

Am Rand der Lichtung, auf der der große Baum stand, schwankten die kleineren Bäume plötzlich und stürzten dann um, unten an den Stämmen abgetrennt. Einen Augenblick lang glaubte Grego, die Menschen hätten sie gefällt, doch dann sah er, daß sich niemand in der Nähe dieser Bäume befand. Sie brachen von allein ab, warfen sich im Tod nieder, um die mörderischen Menschen unter ihren Stämmen und Ästen zu begraben und zu versuchen, den Mutterbaum zu retten.

Einen Augenblick lang funktionierte es. Männer schrien vor Schmerz auf; vielleicht ein oder zwei Dutzend wurden von den fallenden Stämmen zerquetscht oder begraben. Doch dann war alles gefallen, was fallen konnte, und der Mutterbaum stand noch immer da. Ihr Stamm bewegte sich in seltsamen Wellen.

»Laßt sie leben!« rief Grego. »Es ist der Mutterbaum! Sie ist unschuldig!«

Doch seine Stimme ging im Geschrei der Verletzten und Gefangenen unter, und im Schrecken, der die Menschen überkam, als sie begriffen, daß der Wald zurückschlagen konnte, daß dies kein Spiel von Rache und Gerechtigkeit, sondern ein echter Krieg war.

»Brennt ihn nieder! Brennt ihn nieder!« Der Gesang war laut genug, um die Schreie der Sterbenden zu übertönen. Und nun lagen die Blätter und Äste der gefallenen Bäume zum Mutterbaum hin ausgestreckt; sie zündeten diese Äste an, und sie fingen sofort Feuer. Einige wenige Männer kamen so weit zur Vernunft, um zu begreifen, daß ein Feuer, das den Mutterbaum verbrannte, auch die Männer verbrennen würde, die unter den gefallenen Brüderbäumen lagen, und begannen, sie zu bergen. Doch die meisten Männer riß der Erfolg mit sich. Für sie war der Mutterbaum Kriegmacher, der Mörder; für sie war alles fremd in dieser Welt, der Feind, der sie in einer Umzäunung hielt, der Grundeigentümer, der sie auf einer so großen Welt absichtlich auf einen so kleinen Fleck Land beschränkt hielt. Der Mutterbaum stand für Unterdrückung und Macht, für Fremdartigkeit und Gefahr, und sie hatten ihn besiegt.

Grego riß sich von den Schreien der Eingeklemmten los, die sahen, wie das Feuer näher kam, von dem Heulen der Männer, die das Feuer erreicht hatte, dem triumphierenden Gesang der Männer, die diesen Mord begangen hatten. »Für Quim und Christus! Für Quim und Christus!« Fast wäre Grego davongelaufen, unfähig zu ertragen, was er sah und roch und hörte, die hellen, orangefarbenen Flammen, den Geruch verbrannten Menschenfleischs und das Knistern des brennenden lebenden Holzes.

Aber er lief nicht. Statt dessen half er denen, die zum Rand des Feuers stürzten, um Eingeklemmte unter den gefallenen Bäumen hervorzuziehen. Er wurde versengt, und seine Kleidung fing Feuer, doch der heiße Schmerz bedeutete nichts, war fast eine Gnade, weil es sich um eine Strafe handelte, die er verdient hatte. Er sollte eigentlich hier an diesem Ort sterben. Er wäre vielleicht sogar gestorben, hätte sich so tief in das Feuer gestürzt, daß er erst herausgekommen wäre, wenn sein Verbrechen aus ihm hinausgebrannt worden und nur noch Knochen und Asche übriggeblieben wäre, doch er mußte weitere Verletzte aus der Reichweite des Feuers ziehen, weitere Menschenleben retten. Außerdem schlug jemand die Flammen auf seiner Schulter aus und half ihm, einen Baum hochzuheben, damit sich der Junge, der darunter lag, befreien konnte.

»Für Quim und Christus!« wimmerte der Junge, als er aus den Flammen kroch.

Hier war er, der Junge, dessen Worte die Stille erfüllt und die Menge hierher gelenkt hatten. Du warst es, dachte Grego. Du hast sie mir entrissen.

Der Junge sah zu ihm auf und erkannte ihn. »Grego!« rief er und sprang zu ihm. Seine Arme schlangen sich um Gregos Schenkel, sein Kopf drückte sich gegen Gregos Hüfte. »Onkel Grego!«

Es war Olhados ältester Sohn, Nimbo.

»Wir haben es getan!« rief Nimbo. »Für Onkel Quim!«

Die Flammen knisterten. Grego hob den Jungen hoch und trug ihn fort, stolperte mit ihm von den heißesten Flammen in die Dunkelheit, an einen Ort, an dem es kühl war. Alle Männer wurden in diese Richtung getrieben; die Flammen leiteten sie, und der Wind trieb die Flammen. Die meisten waren, wie Grego, erschöpft, verängstigt, hatten Schmerzen oder halfen Verletzten.

Doch einige waren noch unberührt. »Brennt sie alle nieder!« Die Stimmen hier und da, kleinere Mobs wie winzige Strudel in einem größeren Strom, doch sie hielten nun brennende Äste und Fackeln von dem Feuer in den Händen, das im Herz des Waldes tobte. »Für Quim und Christus! Für Libo und Pipo! Keine Bäume! Keine Bäume!«

Grego taumelte weiter.

»Setz mich ab«, sagte Nimbo.

Und weiter.

»Ich kann gehen.«

Doch Gregos Auftrag war zu dringend. Er konnte wegen Nimbo nicht anhalten, und er konnte den Jungen nicht gehen lassen, konnte nicht auf ihn warten und konnte ihn nicht zurücklassen. Man läßt den Sohn seines Bruders nicht in einem brennenden Wald zurück. Also trug er ihn, und nach einer Weile ließ er erschöpft den Wald hinter sich und gelangte auf die Wiese vor dem alten Tor, wo sich der Weg von dem Wald zu dem von den Xenobiologie-Labors hinabwand.

Der Mob hatte sich hier versammelt. Viele trugen Fackeln, doch aus irgendeinem Grund hielten sie einen gewissen Abstand von den beiden Bäumen, die hier Wache hielten: Mensch und Wühler. Grego drängte sich mit Nimbo durch die Menge; sein Herz raste, und er war von Furcht und Schmerz und doch auch einem Funken Hoffnung erfüllt, denn er wußte, warum die Männer mit den Fackeln stehengeblieben waren. Und als er den Mob erreichte, sah er, daß er recht hatte.

Um diese letzten beiden Vaterbäume hatten sich vielleicht zweihundert Pequeninobrüder und -gattinnen geschart. Sie würden an dieser Stelle eher bis zum Tod kämpfen, als zuzulassen, daß diese Bäume niedergebrannt wurden.

Zwischen den Schweinchen und den Menschen stand Miro, verglichen mit den Pequeninos ein Riese. Er hatte keine Waffe, und doch hatte er die Arme ausgebreitet, als wolle er die Pequeninos beschützen oder vielleicht zurückhalten. Und mit seiner schwerfälligen, kaum verständlichen Sprache trotzte er dem Mob.

»Tötet mich zuerst!« sagte er. »Wenn ihr morden wollt, tötet mich zuerst! Genau, wie sie Quim getötet haben! Tötet mich zuerst!«

»Nicht dich!« sagte einer der Männer, die Fackeln trugen. »Aber diese Bäume werden sterben. Und die Schweinchen auch, wenn sie nicht genug Grips haben, um zu fliehen.«

»Mich zuerst«, sagte Miro. »Das sind meine Brüder! Tötet mich zuerst!«

Er sprach laut und langsam, so daß man seine schleppenden Worte verstehen konnte. Der Mob war noch immer wütend, doch es befanden sich auch etliche darunter, die sich bereits schämten, bereits im Herzen wußten, welch schreckliche Dinge sie an diesem Abend angerichtet hatten. Grego fühlte noch immer diese Verbundenheit mit den anderen, und er wußte, daß es so oder so ausgehen konnte – vielleicht entzündeten die, die noch heiß vor Wut waren, das letzte Feuer dieses Abends; oder es würden die obsiegen, deren einzige innere Hitze ein Anflug von Scham war.

Grego hatte diese eine letzte Chance zur Wiedergutmachung. Und so trat er vor; noch immer hatte er Nimbo im Arm.

»Mich auch«, sagte er. »Tötet auch mich, bevor ihr eine Hand gegen diese Brüder und diese Bäume hebt!«

»Aus dem Weg, Grego, sowohl du wie auch der Krüppel!«

»Wie unterscheidet ihr euch von Kriegmacher, wenn ihr diese Kleinen tötet?«

Nun stand Grego neben Miro.

»Aus dem Weg! Wir werden die letzten niederbrennen und erledigen!« Doch die Stimme klang nicht mehr so sicher.

»Hinter euch tobt ein Feuer«, sagte Grego, »und zu viele sind bereits gestorben, Menschen wie auch Pequeninos.« Seine Stimme war heiser, doch er konnte sich noch Gehör verschaffen. »Der Wald, der Quim getötet hat, ist weit entfernt, und Kriegmacher ist noch unverletzt. Wir haben hier keine Gerechtigkeit getan. Wir haben gemordet und ein Massaker angerichtet.«

»Schweinchen sind Schweinchen!«

»Ach ja? Würde euch das andersherum auch gefallen?« Grego machte ein paar Schritte auf einen Mann zu, der müde und unwillig aussah, die Sache fortzusetzen, und wandte sich direkt an ihn, während er auf den Sprecher des Mobs zeigte. »Du! Würdest du gern bestraft werden für etwas, das er tat?«

»Nein«, murmelte der Mann.

»Wenn er jemanden umgebracht hätte, hältst du es dann für richtig, daß jemand in dein Haus kommt und dafür deine Frau und Kinder erschlägt?«

»Nein.«

»Warum nicht? Menschen sind Menschen, oder nicht?«

»Ich habe keine Kinder getötet«, sagte der Mann.

»Wir haben den Mutterbaum niedergebrannt«, sagte Grego.

Hinter ihm erklang ein scharfes Geräusch, dann ein weiches, hohes Winseln. Für die Brüder und überlebenden Gattinnen war es die Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen. Der Mutterbaum hatte gebrannt.

»Dieser riesige Baum in der Mitte des Waldes – darin waren all ihre Kinder. Alle. Der Wald hat uns nichts getan, und wir sind hingegangen und haben ihre Kinder getötet.«

Miro trat vor und legte die Hand auf Gregos Schulter. Stützte sich Miro auf ihn? Oder half er ihm stehen?

Dann sprach Miro, nicht zu Grego, sondern zu der Menge. »Ihr alle. Geht nach Hause.«

»Vielleicht sollten wir zuerst versuchen, das Feuer zu löschen«, sagte Grego. Doch der gesamte Wald stand bereits in Flammen.

Es war noch immer etwas Zorn übrig. »Willst du uns sagen, was wir tun sollen?«

»Bleibt in der Umzäunung«, sagte Miro. »Es kommt jemand, um die Pequeninos zu beschützen.«

»Wer? Die Polizei?« Mehrere Männer lachten verbittert auf, da so viele von ihnen zur Polizei gehörten oder Polizisten unter der Menge gesehen hatten.

»Hier sind sie«, sagte Miro.

Ein tiefes Summen war zu vernehmen, zuerst leise, doch dann immer lauter, bis fünf Flugplattformen in Sicht kamen. Sie glitten über die Spitzen der Gräser, während sie den Mob umkreisten, hoben sich manchmal als schwarze Silhouetten vor dem brennenden Wald ab, leuchteten manchmal auf, wenn sie auf der anderen Seite das Feuer reflektierten. Schließlich kamen sie zur Ruhe, und alle fünf sanken auf das hohe Gras hinab. Erst dann, als von jeder Plattform sechs Passagiere stiegen, konnten die Menschen eine schwarze Gestalt von der anderen unterscheiden. Was sie für schimmernde Maschinenteile auf den Geräten gehalten hatten, waren gar keine Maschinen, sondern Lebewesen, nicht so groß wie Menschen, aber auch nicht so klein wie Pequeninos, mit großen Köpfen und Facettenaugen. Sie machten keine bedrohenden Gesten, bildeten einfach Linien vor jeder Flutplattform; doch Gesten waren auch überflüssig. Ihr Anblick reichte aus, um Erinnerungen aus uralten Alpträumen und Schauergeschichten zu wecken.

»Deus nos perdoe!« riefen mehrere Menschen. Gott vergib uns. Sie schlossen mit ihrem Leben ab.

»Geht nach Hause«, sagte Miro. »Bleibt in der Umzäunung.«

»Was ist das?« Nimbos kindliche Stimme sprach für alle.

Die Antwort kam als Flüstern. »Teufel.«

»Racheengel.«

»Der Tod.«

Und dann sagte Grego die Wahrheit, denn er wußte, was sie sein mußten, obwohl es unvorstellbar war. »Krabbler«, sagte er. »Krabbler, hier auf Lusitania.«

Sie flohen nicht von dem Ort, sondern wichen langsam vor den Geschöpfen zurück, deren Existenz niemand von ihnen vermutet hatte, deren Macht sie sich nur vorstellen konnten. Sie erinnerten sich an uralte Videos, die sie in der Schule gesehen hatten. Die Krabbler, die einst beinahe die gesamte Menschheit vernichtet hätten, bis sie ihrerseits von Ender dem Xenoziden vernichtet worden waren. Das Buch mit dem Titel Schwarmkönigin behauptete, sie seien eigentlich wunderschön gewesen und hätten nicht zu sterben brauchen. Doch als sie sie nun sahen, schwarze, schimmernde Exoskelette, tausend Linsen in ihren funkelnden grünen Augen, nahmen sie keine Schönheit wahr, sondern Entsetzen. Und als sie nach Hause gingen, gingen sie im Bewußtsein, daß nun diese Wesen und nicht die zwergenhaften, primitiven Schweinchen direkt außerhalb des Zauns auf sie warteten. Wenn sie zuvor in einem Gefängnis eingekerkert gewesen waren, waren sie nun mit Sicherheit in einem der Kreise der Hölle gefangen.

Schließlich befanden sich von allen Menschen nur noch Miro, Grego und Nimbo dort. Um sie herum beobachteten auch die Schweinchen die Neuankömmlinge voller Ehrfurcht – doch nicht voller Entsetzen, denn in ihren limbischen Knoten lauerten keine insektoiden Alpträume wie bei den Menschen. Außerdem waren die Krabbler als Retter und Beschützer zu ihnen gekommen. Sie beschäftigte weniger die Neugier auf diese Fremden als die Trauer um das, was sie verloren hatten.

»Mensch bat die Schwarmkönigin, ihnen zu helfen, doch sie hat gesagt, sie könne keine Menschen töten«, erklärte Miro. »Dann sah Jane über die Satelliten im Himmel das Feuer und unterrichtete Andrew Wiggin. Er sprach mit der Schwarmkönigin und sagte ihr, was zu tun sei. Daß sie niemanden töten muß.«

»Sie werden uns nicht töten?« fragte Nimbo.

Grego begriff, daß Nimbo in diesen letzten Minuten erwartet hatte, er müsse sterben. Dann kam ihm in den Sinn, daß auch er damit gerechnet hatte – daß er erst jetzt, mit Miros Erklärung, sicher war, daß sie nicht gekommen waren, um ihn und Nimbo für das zu bestrafen, was sie heute abend in Bewegung gesetzt hatten. Oder eher, was Grego in Bewegung gesetzt hatte, bereit für den kleinen Anstoß, den Nimbo in aller Unschuld gegeben hatte.

Langsam kniete Grego nieder und setzte den Jungen ab. Seine Arme gehorchten kaum noch seinem Willen, und der Schmerz in seiner Schulter war unerträglich. Er begann zu weinen, doch nicht vor Schmerz.

Die Krabbler bewegten sich nun sehr schnell. Die meisten blieben auf dem Boden und eilten davon, um Beobachtungsposten um die Stadt zu beziehen. Einige kehrten zu den Flugplattformen zurück, einer zu jeder Maschine, und zogen sie wieder hoch, flogen über den brennenden Wald und versprühten etwas, das das Feuer bedeckte und langsam erstickte.


Bischof Peregrino stand auf der niedrigen Grundmauer, die erst an diesem Morgen gezogen worden war. Die Bürger Lusitanias hatten sich allesamt versammelt und saßen im Gras. Er benutzte einen kleinen Verstärker, damit niemand seine Worte überhören konnte. Doch er hätte ihn wahrscheinlich nicht gebraucht – alle schwiegen, selbst die kleinen Kinder, die die ernste Stimmung mitzubekommen schienen.

Hinter dem Bischof lag der Wald, geschwärzt, aber nicht völlig leblos – ein paar Bäume grünten schon wieder. Vor ihm lagen die mit Planen bedeckten Leichen, eine jede neben ihrem Grab. Die erste war die Quims – Vater Estevãos. Die anderen waren die der Menschen, die vor zwei Abenden unter den Bäumen und im Feuer gestorben waren.

»Diese Gräber werden der Boden der Kapelle sein, so daß wir immer, wenn wir sie betreten, auf die Körper der Toten treten werden. Die Leichen jener, die starben, während sie Mord und Zerstörung zu unseren Brüdern, den Pequeninos, brachten. Über allen die Leiche Vater Estevãos, der bei dem Versuch starb, einem Wald von Ketzern das Wort Jesu Christi zu bringen. Er starb als Märtyrer. Die anderen starben mit Mord in ihren Herzen und Blut an ihren Händen.

Ich spreche offen, so daß dieser Sprecher für die Toten nichts hinzufügen muß. Ich spreche offen, wie Moses zu den Kindern Israels sprach, nachdem sie das goldene Kalb angebetet und ihren Vertrag mit Gott bereut hatten. Von uns allen haben nur eine Handvoll keinen Teil an der Schuld für dieses Verbrechen. Vater Estevão, der rein starb und dessen Namen doch auf den blasphemischen Lippen jener Mörder war. Der Sprecher für die Toten, und die, die mit ihm fuhren, um die Leiche dieses Märtyrers nach Hause zu holen. Und Valentine, die Schwester des Sprechers, die den Bürgermeister und mich davor gewarnt hat, was passieren würde. Valentine kennt die Geschichte, sie kennt die Menschheit, doch der Bürgermeister und ich glaubten, euch zu kennen und zu wissen, daß ihr stärker seid als die Geschichte. Zu unserem Leidwesen seid ihr so unwürdig wie alle anderen Menschen auch, und das gilt auch für mich. Die Sünde liegt auf jedem von uns, der versucht haben könnte, dies aufzuhalten, und es nicht tat! Auf den Frauen, die nicht versucht haben, ihre Männer zu Hause zu halten. Auf den Männern, die zugesehen, aber nichts gesagt haben. Und auf allen, die die Fackeln in den Händen gehalten und einen verbrüderten Christenstamm für ein Verbrechen getötet haben, das dessen weitläufige Vettern einen halben Kontinent entfernt verübt haben.

Das Gesetz tut seinen kleinen Teil zur Gerechtigkeit dazu. Gerao Gregorio Ribeira von Hesse ist im Gefängnis, aber wegen eines anderen Verbrechens – des Verbrechens, unser Vertrauen verletzt und Geheimnisse verraten zu haben, die er nicht verraten durfte. Er ist nicht im Gefängnis wegen des Massakers an den Pequeninos, denn er hat keinen größeren Anteil an der Schuld als die anderen von euch, die ihm gefolgt sind. Versteht ihr mich? Die Schuld liegt auf uns allen, und wir alle müssen gemeinsam bereuen und gemeinsam Buße tun und beten, daß Jesus uns allen gemeinsam für die schreckliche Tat vergeben wird, die wir mit seinem Namen auf den Lippen begangen haben!

Ich stehe auf der Grundmauer dieser neuen Kapelle, die nach Vater Estevão benannt werden wird, dem Apostel der Pequeninos. Die Steine dieser Grundmauer wurden aus den Mauern unserer Kathedrale gebrochen – dort gibt es jetzt klaffende Löcher, durch die der Wind blasen und der Regen auf uns fallen kann, während wir beten. Und so wird die Kathedrale bleiben, beschädigt und aufgebrochen, bis diese Kapelle fertiggestellt ist.

Und wie werden wir sie fertigstellen? Ihr werdet nach Hause gehen und werdet die Mauern eurer eigenen Häuser aufbrechen und die herausfallenden Steine hierher bringen. Und auch ihr werdet eure Mauern aufgebrochen lassen, bis diese Kapelle fertiggestellt ist.

Dann werden wir Löcher in die Mauern jeder Fabrik reißen, in jedes Gebäudes unserer Kolonie, bis es keins mehr gibt, das nicht die Wunde unserer Sünde zeigt. Und all diese Wunden werden bleiben, bis die Mauern hoch genug sind, daß wir das Dach daraufsetzen können, was aus den versengten Stämmen bestehen wird, die im Wald fielen, als sie versuchten, ihr Volk vor unseren mörderischen Händen zu bewahren.

Und dann werden wir alle zu dieser Kapelle gehen und sie auf unseren Knien betreten, einer nach dem anderen, bis jeder von uns über die Gräber unserer Toten gekrochen ist, und unter den Leichen dieser uralten Brüder, die als Bäume im dritten Leben lebten, das unser gnädiger Gott ihnen gegeben hatte, bis wir es beendeten. Dort werden wir alle um Vergebung beten. Wir werden beten, daß unser verehrter Vater Estevão für uns spricht. Wir werden beten, daß Jesus unsere schreckliche Sünde in seine Buße einschließt, damit wir nicht die Ewigkeit in der Hölle verbringen müssen. Wir werden beten, daß Gott uns läutert.

Erst dann werden wir unsere beschädigten Mauern reparieren und unsere Häuser wiederherstellen. Das ist unsere Buße, meine Kinder. Laßt uns beten, daß sie ausreicht.«


In der Mitte einer mit Asche bestreuten Lichtung standen Ender, Valentine, Miro, Ela, Quara, Ouanda und Olhado und sahen zu, wie die geehrteste aller Gattinnen lebendig gehäutet und in den Boden gepflanzt wurde, damit aus dem Leichnam ihres zweiten Lebens ein neuer Mutterbaum wuchs. Als sie starb, griffen die überlebenden Gattinnen in einen Spalt im alten Mutterbaum und holten die Leichen der toten Kinder und kleinen Mütter heraus, die dort gelebt hatten, und legten sie auf den blutenden Körper, bis sie einen Hügel bildeten. Innerhalb von ein paar Stunden würde sich ihr Schößling durch die Leichen erheben und nach dem Sonnenlicht greifen.

Sie würde rasch wachsen, bis sie dick und hoch genug war, um eine Öffnung in ihren Stamm zu bilden. Wenn sie sich schnell genug öffnete, konnten die wenigen überlebenden Babys, die sich in der klaffenden Öffnung des alten, toten Mutterbaums festklammerten, in den kleinen neuen Hafen übersiedelt werden, den der neue Mutterbaum ihnen anbieten würde. Sollte es sich bei einigen der überlebenden Babys um kleine Mütter handeln, würde man sie zur Paarung zu den überlebenden Vaterbäumen Mensch und Wühler tragen. Sollten in ihren winzigen Körpern neue Babys empfangen werden, würde der Wald, der das Beste und Schlechteste erfahren hatte, was Menschen ihm antun konnten, überleben.

Falls nicht – falls die Babys alle männlich waren, falls die weiblichen unter ihnen unfruchtbar waren oder falls alle zu stark von den Hitze des Feuers verletzt worden waren oder falls die Tage des Hungers, die sie überstehen mußten, bis der neue Mutterbaum für sie bereit war, sie zu sehr schwächten –, würde der Wald mit diesen Brüdern und Gattinnen sterben, und Mensch und Wühler würden etwa ein Jahrtausend als stammlose Vaterbäume weiterleben. Vielleicht würden andere Stämme sie ehren und kleine Mütter zur Paarung zu ihnen bringen. Aber sie würden keine Väter ihres eigenen Stammes sein, umgeben von ihren Söhnen. Sie würden einsame Stämme ohne einen eigenen Wald sein, die einsamen Monumente der Arbeit, für die sie gelebt hatten: Menschen und Pequeninos zusammenzubringen.

Was die Wut gegen Kriegmacher betraf, so war sie verebbt. Die Vaterbäume Lusitanias waren übereingekommen, daß jegliche moralische Schuld, die sie durch den Tod Vater Estevãos auf sich geladen hatten, durch das Gemetzel an den Wäldern Wühlers und Menschs mehr als beglichen worden war. In der Tat hatte Kriegmacher viel neue Gefolgschaft für seine Ketzerei gewonnen – denn hatten die Menschen nicht bewiesen, daß sie des Wortes Christi unwürdig waren? Die Pequeninos, so sagte Kriegmacher, waren auserwählt als Gefäße des Heiligen Geistes, während die Menschen eindeutig keinen Teil Gottes in sich trugen. Wir müssen keine weiteren Menschen mehr töten, sagte er. Wir müssen nur warten, und der Heilige Geist wird sie alle töten. Bis dahin hat Gott uns die Schwarmkönigin geschickt, um uns Sternenschiffe zu bauen. Wir werden den Heiligen Geist mit uns tragen, damit er über jede Welt urteilt, die wir besuchen. Wir werden der Racheengel sein. Wir werden Josua und die Israeliten sein, die Kanaan säubern, um Platz für Gottes auserwähltes Volk zu schaffen.

Viele Pequeninos glaubten ihm nun. Kriegmacher kam ihnen nicht mehr verrückt vor: Sie waren Zeugen der ersten Anzeichen der Apokalypse gesehen, als ein unschuldiger Wald in Flammen aufging. Viele Pequeninos hatten von der Menschheit nichts mehr zu lernen. Gott hatte keine weitere Verwendung für die Menschen.

Hier jedoch, in dieser von Asche übersäten Lichtung im Wald, glaubten die Brüder und Gattinnen, die über ihren neuen Mutterbaum Wache hielten, nicht an Kriegmachers Lehren. Sie, die die Menschen am besten von allen kannten, hatten sogar gewünscht, daß bei ihrem Versuch der Wiedergeburt Menschen als Zeugen und Helfer anwesend waren.

»Weil wir wissen«, sagte Pflanzer, der nun der Sprecher der überlebenden Brüder war, »daß nicht alle Menschen gleich sind, genau wie nicht alle Pequeninos gleich sind. In einigen von euch lebt Jesus, in anderen nicht. Wir sind nicht alle wie Kriegmachers Wald, und ihr seid nicht alle Mörder.«

So kam es, daß Pflanzer an dem Morgen, als es dem neuen Mutterbaum gelang, in ihrem schlanken Stamm eine Öffnung zu bilden und die Gattinnen vorsichtig die schwachen und hungrigen Kinder in ihr neues Heim trugen, Miros und Valentines Hände hielt. Es war noch zu früh, um es mit Sicherheit zu sagen, doch es bestand Grund zur Hoffnung: Der neue Mutterbaum hatte sich in nur anderthalb Tagen vorbereitet, und über drei Dutzend Kinder überlebten die Umsiedlung. Vielleicht war ein volles Dutzend davon weiblich und fruchtbar, und wenn nur ein Viertel davon so lange lebte, daß sie Junge bekamen, mochte der Wald wieder gedeihen.

Pflanzer zitterte. »Brüder haben so etwas noch nie gesehen, noch nie in der Geschichte der Welt.«

Mehrere Brüder knieten nieder und bekreuzigten sich. Viele hatten die gesamte Wache über gebetet. Das erinnerte Valentine an etwas, was Quara ihr erzählt hatte. Sie trat zu Miro und flüsterte: »Ela hat auch gebetet.«

»Ela?«

»Vor dem Feuer. Quara war am Schrein der Venerados. Sie hat zu Gott gebetet, uns einen Weg zur Lösung all unserer Probleme zu öffnen.«

»Dafür betet doch jeder.«

Valentine dachte daran, was in den Tagen seit Elas Gebet geschehen war. »Ich kann mir vorstellen, daß Gottes Antwort sie ganz schön enttäuscht hat.«

»Das ist meistens so.«

»Aber vielleicht ist der Umstand, daß der Mutterbaum sich so schnell geöffnet hat, der Beginn ihrer Antwort.«

Miro sah Valentine verwirrt an. »Bist du gläubig?«

»Sagen wir, ich bin argwöhnisch. Ich habe den Argwohn, daß es jemanden gibt, dem es nicht gleichgültig ist, was mit uns passiert. Das ist ein Schritt mehr als lediglich ein Wunsch. Und ein Schritt weniger als Hoffnung.«

Miro lächelte leicht, doch Valentine wußte nicht, ob es bedeutete, daß er zufrieden oder amüsiert war. »Was wird Gott dann als nächstes tun, um Elas Gebet zu beantworten?«

»Warten wir ab«, sagte Valentine. »Unsere Aufgabe ist die Entscheidung, was wir als nächstes tun. Wir müssen ja nur die tiefsten Geheimnisse des Universums lösen.«

»Tja, das sollte uns direkt auf den Weg zu Gott führen«, sagte Miro.

Dann traf Ouanda ein; als Xenologin hatte auch sie Wache gehalten, und obwohl sie jetzt keine Schicht hatte, war sie sofort losgeeilt, als man ihr die Nachricht von der Öffnung des Mutterbaums gebracht hatte. Ihre Ankunft hätte eigentlich Miros raschen Aufbruch bedeutet. Aber diesmal nicht. Valentine stellte zufrieden fest, daß Miros Blick weder auf Ouanda ruhte noch ihrem auswich; sie war einfach da und arbeitete genau wie er mit den Pequeninos. Zweifellos bemühte er sich, den Eindruck von Normalität vorzutäuschen, doch nach Valentines Erfahrung war Normalität immer eine Vortäuschung; die Menschen benahmen sich so, wie man es ihrer Meinung zufolge von ihnen erwartete. Miro hatte einfach einen Punkt erreicht, an dem er bereit war, sich Ouanda gegenüber normal zu benehmen, auch wenn es nicht seinen wirklichen Gefühlen entsprach. Und vielleicht war das auch gar nicht so falsch. Sie war jetzt doppelt so alt wie er und nicht mehr das Mädchen, das er geliebt hatte.

Sie hatten einander geliebt, aber nie miteinander geschlafen. Valentine war froh gewesen, als Miro ihr dies sagte, wenn auch mit wütendem Bedauern. Valentine hatte schon vor langem beobachtet, daß in einer Gesellschaft wie auf Lusitania, die Keuschheit und Treue erwartete, die Heranwachsenden, die ihre jugendliche Leidenschaft beherrschten und in die richtigen Kanäle leiteten, zu starken und zivilisierten Erwachsenen heranwuchsen. Heranwachsende in solch einer Gemeinschaft, die entweder zu schwach waren, um sich zu beherrschen, oder zu große Verachtung für die Normen der Gesellschaft empfanden, endeten normalerweise als Schafe oder Wölfe – entweder als geistlose Mitglieder der Herde oder als Raubtiere, die nahmen, was sie konnten, und nichts gaben.

Als sie Miro kennengelernt hatte, hatte sie befürchtet, er sei ein Schwächling voller Selbstmitleid oder ein ichbezogenes Raubtier, das seine Beschränkungen bedauerte. Dem war jedoch nicht so. Er mochte nun seine Keuschheit als Heranwachsender bedauern – es war ganz natürlich, daß er sich wünschte, mit Ouanda geschlafen zu haben –, doch Valentine bedauerte es nicht. Es zeigte, daß Miro innere Stärke und ein Gefühl der Verantwortung für seine Gemeinde hatte. Valentine hatte voraussagen können, daß Miro den Mob in jenem kritischen Augenblick, der Wühler und Mensch schließlich retten sollte, ganz allein zurückhalten würde.

Genauso voraussagbar war, daß Miro und Ouanda nun die große Anstrengung unternehmen würden, so zu tun, als wären sie einfach zwei Menschen, die ihre Arbeit machten – daß alles ganz normal zwischen ihnen war. Innere Stärke und Respekt nach außen. Das sind die Menschen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten, die führen. Im Gegensatz zu den Schafen und Wölfen spielen sie eine viel bessere Rolle, als das Drehbuch ihrer inneren Ängste und Begehren eigentlich für sie vorsah. Sie führten ein Drehbuch des Anstands, der Selbstopferung, der öffentlichen Ehre aus – der Zivilisation. Und so wird aus dem Vortäuschen Wirklichkeit. Es gibt wirklich Zivilisation in der menschlichen Geschichte, dachte Valentine, aber nur wegen solchen Leuten. Den Schäfern.


Novinha traf ihn auf der Schwelle der Schule. Sie stützte sich auf den Arm Dona Cristas, der vierten Prinzipalin der Kinder des Geistes Christi, seit Ender nach Lusitania gekommen war.

»Ich habe dir nichts zu sagen«, sagte Novinha. »Dem Gesetz nach sind wir noch verheiratet, aber das ist auch alles.«

»Ich habe deinen Sohn nicht getötet«, sagte er.

»Aber du hast ihn auch nicht gerettet.«

»Ich liebe dich«, sagte Ender.

»Soweit du überhaupt lieben kannst«, erwiderte sie. »Und dann auch nur, wenn du etwas Zeit hast, weil du gerade nicht auf alle anderen aufpassen mußt. Du hältst dich für eine Art Schutzengel, der für das ganze Universum verantwortlich ist. Ich habe dich nur gebeten, die Verantwortung für meine Familie zu übernehmen. Du bist gut darin, Billiarden Menschen zu lieben, aber nicht so gut bei einem Dutzend, und bei einem einzigen bist du ein völliger Versager.«

Es war ein hartes Urteil, und er wußte, daß es nicht stimmte, doch er wollte nicht streiten. »Bitte, komm nach Hause«, sagte er. »Du liebst mich und brauchst mich so sehr, wie ich dich brauche.«

»Das ist jetzt mein Heim. Ich habe aufgehört, dich oder sonstwen zu brauchen. Und wenn das alles ist, was du mir sagen willst, verschwendest du nur meine und deine Zeit.«

»Nein, das ist nicht alles.«

Sie wartete.

»Die Unterlagen im Labor. Du hast sie alle versiegelt. Wir müssen eine Lösung des Descolada-Problems finden, bevor es uns alle vernichtet.«

Sie bedachte ihn mit ihrem verbitterten Lächeln. »Warum belästigst du mich damit? Jane kommt doch an meinem Paßwort vorbei, oder nicht?«

»Sie hat es noch nicht versucht«, sagte er.

»Zweifellos, um Rücksicht auf meine Gefühle zu nehmen. Aber sie kann es, nicht wahr?«

»Wahrscheinlich.«

»Dann soll sie es tun. Sie ist alles, was du jetzt brauchst. Du hast mich eigentlich nie gebraucht, nicht, solange du sie hattest.«

»Ich habe versucht, dir ein guter Mann zu sein«, sagte Ender. »Ich habe nie gesagt, ich könne dich vor allem beschützen, aber ich habe getan, was ich konnte.«

»Wenn du alles getan hättest, würde mein Estevão noch leben.«

Sie wandte sich ab, und Dona Crista begleitete sie in die Schule zurück. Ender sah ihr nach, bis sie um eine Ecke bog. Dann drehte er sich um und verließ die Schule. Er war sich nicht sicher, wohin er ging, nur, daß er dorthin mußte.

»Es tut mir leid«, sagte Jane leise.

»Ja.«

»Wenn ich tot bin«, sagte sie, »wird Novinha vielleicht zu dir zurückkommen.«

»Wenn ich es verhindern kann, wirst du nicht sterben.«

»Aber du kannst es nicht. Sie werden mich in ein paar Monaten abschalten.«

»Halt den Mund«, sagte er.

»Es ist nur die Wahrheit.«

»Halt den Mund und laß mich nachdenken.«

»Was ist, willst du mich retten? Du hast in letzter Zeit nicht viel Erfolg damit, den Retter zu spielen.«

Er antwortete nicht, und sie schwieg den Rest des Nachmittags über. Er ging durch das Tor, wanderte aber nicht in den Wald. Statt dessen verbrachte er den Nachmittag im Grasland, allein, unter der heißen Sonne.

Manchmal dachte er nach, versuchte, sich mit den Problemen zu befassen, die noch über ihnen schwebten: die Flotte, die gegen sie zu Felde zog, der Tag, an dem man Jane abschalten würde, die ständigen Versuche der Descolada, die Menschen von Lusitania zu vernichten, Kriegmachers Plan, die Descolada in der gesamten Galaxis zu verbreiten, die heikle Lage in der Stadt, nun, da die Schwarmkönigin ständig Wache über den Zaun hielt, und ihre bittere Buße, die sie an den Mauern ihrer eigenen Häuser reißen ließ.

Und manchmal war sein Geist fast bar aller Gedanken, während er im Gras saß oder lag, zu betäubt, um zu weinen, während ihr Gesicht durch sein Gedächtnis glitt, seine Lippen, die Zunge und die Zähne ihren Namen bildeten, er stumme Bitten an sie richtete und doch wußte, daß sie ihm, selbst wenn er rief, selbst wenn sie seine Stimme hören sollte, nicht antworten würde.

Novinha.

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