April 2026: Die langen Jahre

Wenn der Wind vom Himmel herabwehte, saß er mit seiner kleinen Familie in der Steinhütte und wärmte sich über einem Holzfeuer die Hände. Der Wind wühlte das Wasser des Kanals auf und pustete fast die Sterne vom Firmament, doch Mr. Hathaway saß zufrieden da und sprach zu seiner Frau, und seine Frau antwortete ihm, und er erzählte seinen beiden Töchtern und seinem Sohn von der guten alten Zeit auf der Erde, und sie gingen ebenfalls höflich darauf ein.

Es war im zwanzigsten Jahr nach dem Großen Krieg. Der Mars war ein toter Planet. Ob es mit der Erde ebenso stand, war eine Frage, mit der sich Hathaway und seine Familie in den langen Marsnächten oft beschäftigten.

Auch an diesem Abend war einer der heftigsten marsianischen Staubstürme über die niedrigen Marsfriedhöfe herangefegt, jagte durch alte Dörfer und riß die Plastikwände der neuen amerikanischen Stadt mit sich, die langsam im Sand unterging, verlassen.

Das Unwetter schwächte sich ab. Hathaway trat in die klare Luft hinaus und sah die Erde grün am unruhig bewegten Himmel leuchten. Er hob die Hand, als wollte er an der Decke eines dunklen Raumes eine nur schwach leuchtende Gaslampe heller stellen. Er schaute über den toten Seegrund. Keine Menschenseele auf dem ganzen Planeten, dachte er. Nur ich. Und sie. Er wandte sich um und schaute in die Steinhütte.

Was ging in diesen Tagen auf der Erde vor? Durch sein 75-cm-Teleskop war im Erscheinungsbild der Erde keine äußere Veränderung festzustellen. Na ja, dachte er, wenn ich mich vorsehe, lebe ich noch zwanzig Jahre. Da kommt vielleicht doch mal jemand des Wegs. Entweder über die toten Meere oder aus dem All in einer Rakete auf einer kleinen roten Flammensäule.

Er rief in die Hütte: »Ich gehe noch ein Stück spazieren.«

»Ja«, sagte seine Frau.

Er schlenderte zwischen den Ruinen der Häuser hindurch. »Made in New York«, war auf einem Metallstück zu lesen, an dem er vorüberkam. »Und all die Dinge von der Erde werden noch vor den alten marsianischen Städten wieder verschwunden sein.« Er blickte zu dem fünfzig Jahrhunderte alten Marsdorf hinüber, das in den blauen Bergen lag.

Schließlich erreichte er einen abgelegenen marsianischen Friedhof, eine Reihe kleiner sechseckiger Steine auf einem windgepeitschten Hügel.

Vor vier Gräbern machte er halt, vier Gräber mit groben Holzkreuzen und Namen darauf. Tränen stiegen ihm nicht in die Augen; sie waren längst versiegt.

»Vergebt ihr mir, was ich getan habe?« fragte er die Kreuze. »Ich war so allein. Ihr versteht mich doch, ja?«

Er kehrte zur Steinhütte zurück, und vor dem Eintreten beschirmte er noch einmal die Augen mit der Hand und sah forschend in den schwarzen Himmel.

»Man wartet und wartet und schaut immer wieder«, sagte er, »und eines Nachts kommt vielleicht.«

Eine winzige rote Flamme züngelte am Himmel.

Er verließ den Lichtkreis der Hütte.

».und man schaut ein zweites Mal«, flüsterte er.

Die winzige rote Flamme war nicht verschwunden.

»Das war gestern abend noch nicht da«, flüsterte er.

Er stolperte und fiel hin, rappelte sich wieder auf, rannte hinter die Hütte, drehte das Teleskop herum und richtete es auf den Himmel.

Nach einem langen, prüfenden Blick erschien er in der niedrigen Hüttentür. Die Frau und die beiden Töchter und der Sohn sahen ihn erstaunt an. Endlich konnte er wieder sprechen.

»Gute Nachricht«, sagte er. »Ich habe in den Himmel geblickt. Es kommt eine Rakete, die uns alle nach Hause bringt. Sie wird morgen früh hier sein.«

Er setzte sich, schlug die Hände vors Gesicht und begann leise zu weinen.

Um drei Uhr in der Nacht steckte er die Ruinen Neu-New-Yorks in Brand.

Er nahm eine Fackel, zündete sie an, ging in die Plastikstadt und berührte da und dort die Wände mit der Flamme. Die Stadt erblühte in gewaltigen Licht- und Hitzeeruptionen - eine illuminierte Quadratmeile, die auch aus dem All zu sehen sein mußte. Sie würde die Rakete zu Mr. Hathaway und seiner Familie führen.

Schmerzhaft raste das Herz in seiner Brust, als er zur Hütte zurückkehrte. »Seht!« Er hielt eine staubige Flasche ins Licht. »Ein Wein, den ich extra für heute abend aufgehoben habe. Ich wußte, daß uns eines Tages jemand finden würde! Zur Feier trinken wir ein Glas!«

Fünf Gläser schenkte er voll.

»Lang ist es her«, sagte er und schaute feierlich in sein Glas. »Erinnert ihr euch an den Tag, an dem der Krieg ausbrach? Zwanzig Jahre und sieben Monate ist es jetzt her. Und unsere Raketen wurden vom Mars nach Hause beordert. Und du und ich und die Kinder - wir waren gerade in den Bergen mit archäologischen Ausgrabungen beschäftigt; wir versuchten die Methoden der alten marsianischen Chirurgie zu erforschen. Wir jagten unsere Pferde fast zu Tode, um noch mitgenommen zu werden, wißt ihr noch? Trotzdem erreichten wir die Stadt eine Woche zu spät. Amerika war schon vernichtet; die Raketen waren abgeflogen, ohne auf Verstreute zu warten, erinnert ihr euch? Und wißt ihr noch, wie wir dann feststellten, daß wir die einzigen waren, die man hier oben auf dem Mars zurückgelassen hatte? Gott, wie die Jahre vergehen! Ohne euch alle hätte ich nicht ausgehalten. Ohne euch hätte ich mich umgebracht. In eurer Gesellschaft hat sich die Zeit gelohnt. Auf uns.« Er hob sein Glas. »Und auf unser langes gemeinsames Warten.« Er trank.

Die Frau und die beiden Töchter und der Sohn hoben die Gläser an die Lippen.

Der Wein rann ihnen über das Kinn, allen vieren.

Am Morgen wehte die Stadt in großen schwarzen Flocken über den Meeresgrund. Das Feuer war erloschen, aber es hatte seinen Zweck erfüllt; der rote Fleck am Himmel wurde größer.

Aus dem Haus drang frischer brauner Honigkuchenduft. Als Hathaway eintrat, stand seine Frau am Tisch und setzte das heiße Kuchenblech ab. Die beiden Töchter fegten mit Reisigbesen den Boden, und der Sohn polierte das Silber.

»Ein Riesenfrühstück machen wir für die Besucher!« lachte Hathaway. »Zieht eure besten Sachen an!«

Er eilte zu dem großen Werkstattschuppen, in dem sich ein Kühlaggregat und eine Stromversorgungsanlage befanden, die er im Laufe der Jahre mit tüchtigen, kleinen, nervösen Fingern repariert und zusammengebastelt hatte, und zahlreiche Uhren, Telefone und Tonbandgeräte. Der Schuppen war voller Dinge, die er gebaut hatte; zum Teil ganz sinnlose Apparate, deren Funktion selbst ihm ein Geheimnis war, als er sie nun betrachtete.

Aus der Tiefkühltruhe nahm er reifbedeckte Kartons mit Bohnen und Erdbeeren, zwanzig Jahre alt. Lazarus, komm heraus, dachte er und holte auch ein gefrorenes Hühnchen heraus.

Mannigfaltige köstliche Küchendüfte hingen in der Luft, als die Rakete landete.

Hathaway rannte wie ein Junge den Hügel hinab. Einmal hielt er inne, als ein unangenehmer Schmerz durch seine Brust zuckte. Er setzte sich auf einen Felsen, um wieder zu Atem zu kommen, dann legte er den Rest des Wegs im Laufschritt zurück.

Er stand in der heißen Luft, die das Feuer der Raketenmotoren verbrannt hatte. Eine Luke öffnete sich. Ein Mann schaute heraus.

Hathaway legte die Hand über die Augen und sagte: »Kapitän Wilder!«

»Wer sind Sie?« fragte Kapitän Wilder, sprang herab und starrte dem alten Mann ins Gesicht. Er streckte die Hand aus - »Gütiger Himmel -Hathaway!«

»Ja.« Sie sahen sich von oben bis unten an.

»Hathaway, aus meiner alten Mannschaft - von der vierten Expedition.«

»Das ist lange her, Kapitän.«

»Zu lange. Mann, wie ich mich freue, Sie wiederzusehen!«

»Ich bin alt geworden«, sagte Hathaway schlicht.

»Auch ich bin nicht mehr jung. Zwanzig Jahre lang bin ich draußen auf Jupiter, Saturn und Neptun gewesen.«

»Wie man hörte, wurden Sie hinausgeschickt, damit Sie hier auf dem Mars nicht die Kolonialpolitik stören konnten.« Der alte Mann sah sich um. »Sie sind so lange unterwegs gewesen, daß Sie natürlich nicht wissen, was geschehen ist. «

Wilder sagte: »Es läßt sich erraten. Wir sind zweimal um den Mars gekreist. Dabei haben wir nur Sie hier und noch einen anderen Menschen gefunden, etwa zehntausend Meilen von hier - er heißt Walter Gripp. Wir wollten ihn mitnehmen, aber er hatte kein Interesse. Beim Start sahen wir ihn noch mitten auf der Landstraße in einem Schaukelstuhl sitzen und seine Pfeife rauchen; er winkte uns zu. Der Mars ist also ziemlich verlassen - auch keine Marsianer sind mehr am Leben. Wie steht es mit der Erde?« »Da weiß ich auch nicht mehr als Sie. Von Zeit zu Zeit kriege ich mal einen Radiosender zu hören, aber nur sehr schwach und in irgendwelchen fremden Sprachen. Leider kann ich als einzige Fremdsprache nur Latein und deshalb verstehe ich nur wenig von den Nachrichten. Danach ist der größte Teil der Welt ein Trümmerfeld, doch der Krieg geht weiter. Fliegen Sie dorthin zurück, Sir?«

»Ja, wir sind natürlich neugierig. So weit draußen im All hatten wir keinen Radiokontakt mehr. Wir wollen die Erde sehen, was auch geschehen sein mag.«

»Nehmen Sie uns mit?«

Der Kapitän fuhr zusammen. »Natürlich, Ihre Frau, ich erinnere mich. Vor fünfundzwanzig Jahren, nicht wahr? Als die erste Stadt gegründet wurde und Sie aus dem Dienst ausschieden und sie heraufkommen ließen. Und da waren doch auch Kinder. «

»Ein Sohn und zwei Töchter.«

»Ja, ich erinnere mich. Und sie sind hier?«

»Oben in der Hütte. Wir haben ein herrliches Frühstück für Sie bereitet, für Sie alle. Sie kommen doch?«

»Ist uns eine Ehre, Mr. Hathaway.« Kapitän Wilder wandte sich zur Rakete um.

»Alle Mann von Bord!«

Sie gingen den Hügel hinauf, Hathaway und Kapitän Wilder, gefolgt von den zwanzig Mannschaftsmitgliedern, die die dünne, kühle Morgenluft in vollen Zügen genossen. Die Sonne ging auf, und es versprach ein schöner Tag zu werden.

»Erinnern Sie sich an Spender, Kapitän?«

»Ich habe ihn nie vergessen.«

»Etwa einmal im Jahr komme ich an seinem Grab vorbei. Nun scheint sich sein Wunsch doch noch erfüllt zu haben. Er wollte nicht, daß wir den Mars besiedelten, und ist jetzt sicher glücklich und zufrieden, daß wir wieder abgezogen sind.«

»Was ist aus - wie hieß er doch gleich? - Parkhill, Sam Parkhill, geworden?«

»Er hat einen Würstchenstand aufgemacht.«

»Das sieht ihm ähnlich.«

»Und ist eine Woche darauf zur Erde zurückgeflogen.« Hathaway hob jäh die Hand an die Brust und lehnte sich schweratmend an einen Felsen. »Es tut mir leid. Die Aufregung. Das plötzliche Wiedersehen nach all den Jahren. Muß mich ausruhen.« Er spürte sein Herz bis zum Hals schlagen. Er zählte die Schläge. Es schlug sehr schnell.

»Wir haben einen Arzt dabei«, sagte Wilder. »Entschuldigen Sie, Hathaway, ich weiß, daß Sie selbst Mediziner sind, aber wir sollten Sie trotzdem mal untersuchen.« Der Arzt wurde gerufen.

»Es geht gleich wieder«, winkte Hathaway ab. »Das Warten, die Aufregung.« Er konnte kaum noch atmen. Seine Lippen waren blau. »Wissen Sie«, sagte er, als ihn der Arzt mit dem Stethoskop abhorchte, »es kommt mir vor, als hätte ich all die Jahre nur für diesen Tag gelebt, als war ich’s zufrieden, daß Sie gekommen sind und mich zur Erde zurückbringen, und könnte mich nun hinlegen und sterben.«

»Hier.« Der Arzt reichte ihm eine gelbe Kapsel. »Sie sollten sich etwas Ruhe gönnen.«

»Unsinn. Lassen Sie mich nur einen Augenblick hier sitzen. Es tut gut, Sie alle hier zu haben, mal wieder neue Stimmen zu hören.«

»Wirkt die Kapsel?«

»Ausgezeichnet. Gehen wir weiter!«

Und sie setzten ihren Weg fort.

»Alice, sieh mal, wer da gekommen ist!«

Hathaway runzelte die Stirn und beugte sich in die Hütte. »Alice, hast du gehört?«

Seine Frau erschien. Gleich darauf kamen auch die beiden Töchter aus der Hütte, groß und anmutig, gefolgt von einem noch größeren Sohn.

»Alice, du erinnerst dich doch sicher an Kapitän Wilder?«

Sie zögerte und blickte Hathaway an, als warte sie auf Anweisungen, dann lächelte sie. »Aber natürlich - Kapitän Wilder!«

»Ich erinnere mich noch genau. Wir haben am Abend vor meinem Start zum Jupiter noch zusammen gesessen, Mrs. Hathaway.«

Sie schüttelte ihm kräftig die Hand. »Meine Töchter Marguerite und Susan. Mein Sohn John. Ihr erinnert euch doch an den Kapitän, ja?«

Händeschütteln, Gelächter, lebhafte Unterhaltung.

Kapitän Wilder schnüffelte. »Ist das etwa Honigkuchen!«

»Möchten Sie eine Scheibe?«

Alles geriet in Bewegung. Klapptische wurden aus dem Haus getragen, mit Tellern und Damastservietten gedeckt, das gute Silber aufgelegt und heiße Speisen herbeigeschleppt. Kapitän Wilder musterte Mrs. Hathaway und ihren Sohn und ihre beiden großen, umsichtig arbeitenden Töchter. Er betrachtete ihre Gesichter, als sie an ihm vorbeihuschten, und nahm jede Bewegung ihrer jugendlichen Hände und jeden Ausdruck ihrer faltenlosen Gesichter in sich auf. Er setzte sich auf den Stuhl, den ihm der Junge brachte, und fragte: »Wie alt sind Sie, John?«

Der Sohn erwiderte: »Dreiundzwanzig.«

Wilder rückte ungeschickt seine Bestecke zurecht. Er war bleich geworden. Sein Nachbar flüsterte: »Kapitän Wilder, das kann nicht stimmen.«

Der Sohn entfernte sich, um weitere Stühle zu holen.

»Was war das, Williamson?«

»Ich bin jetzt dreiundvierzig, Kapitän, und vor zwanzig Jahren bin ich mit dem jungen John Hathaway, mit dem Mann da drüben, zur Schule gegangen. Er behauptet, nur dreiundzwanzig zu sein; er sieht auch nur wie dreiundzwanzig aus. Aber das stimmt nicht. Er müßte mindestens dreiundvierzig sein. Was bedeutet das alles, Sir?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie sind ja ganz blaß, Sir.«

»Mir ist nicht gut. Mit den Töchtern ist es nämlich das gleiche. Ich habe sie vor zwanzig Jahren kennengelernt, und sie haben sich überhaupt nicht verändert. Würden Sie mir einen Gefallen tun? Ich möchte, daß Sie einen kleinen Gang für mich erledigen, Williamson. Ich sage Ihnen, wohin Sie gehen und wonach Sie Ausschau halten müssen. Wenn wir mit dem Frühstück fast fertig sind, machen Sie sich davon. Mehr als zehn Minuten brauchen Sie bestimmt nicht. Die Stelle ist nicht weit von hier entfernt; ich habe sie bei der Landung von der Rakete aus gesehen.«

»Na, was sollen denn die ernsten Gesichter?« Mit schnellen Bewegungen schöpfte Mrs. Hathaway Suppe in die Teller. »Lächeln Sie; wir sind alle endlich wieder beieinander, die Reise ist vorbei, und es ist fast schon wie zu Hause!«

»Ja.« Kapitän Wilder lachte. »Sie sehen auch wirklich sehr gesund und jugendlich aus, Mrs. Hathaway!«

»Sie Schmeichler!«

Er sah zu, wie sie weiterging; ihr warmes rosa Gesicht war so glatt wie ein Apfel, faltenlos und sanft getönt. Nach jedem Scherz ließ sie ihr melodisches Lachen ertönen, teilte den Salat aus und gönnte sich keine Atempause. Und der hagere Sohn und die wohlgerundeten Töchter waren schlagfertig und fröhlich wie ihr Vater und erzählten von den langen Jahren und ihrem abgeschiedenen Leben, während der Vater jedem seiner Kinder stolz zunickte.

Williamson eilte den Hügel hinab.

»Wohin will der!« fragte Hathaway.

»Er muß nach der Rakete sehen«, sagte Wilder. »Wie ich eben schon sagte, Hathaway, der Jupiter bietet nichts, absolut nichts für den Menschen. Das gilt ebenso für Saturn und Pluto.« Wilder redete mechanisch, ohne seine Worte zu hören, während er an Williamson dachte, der den Hügel hinablief und bald zurückkehren mußte mit dem Bericht über seinen Fund.

»Danke.« Marguerite Hathaway füllte sein Wasserglas. Impulsiv berührte er ihren Arm. Sie schien die Geste gar nicht wahrzunehmen. Ihr Fleisch fühlte sich warm und weich an.

Auf der anderen Seite des Tisches verstummte Hathaway von Zeit zu Zeit, fuhr sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Brust und lauschte dann wieder auf das Murmeln der Stimmen, die manchmal plötzlich lauter zu werden schienen und sich wieder abschwächten, und von Zeit zu Zeit sah er Wilder bekümmert an, dem der Honigkuchen nicht zu schmecken schien.

Williamson kehrte zurück. Er setzte sich und aß ein paar Bissen, bis sich der Kapitän flüsternd an ihn wandte: »Na?«

»Ich hab’s gefunden, Sir.«

»Und?«

Williamsons Gesicht war blaß. Seine Augen waren starr auf die lachenden Menschen gerichtet. Die Töchter lächelten feierlich, und der Sohn erzählte gerade einen Witz. Williamson sagte: »Ich bin also zu dem Friedhof gegangen.«

»Und da sind vier Kreuze?«

»Ja, da sind vier Kreuze, Sir. Die Namen stehen drauf. Um sicherzugehen, hab ich sie aufgeschrieben.« Er las sie von einem Stück Papier ab: »Alice, Marguerite, Susan, John Hathaway, gestorben im Juli 2007 an einem unbekannten Virus.«

»Danke, Williamson.« Wilder schloß die Augen.

»Neunzehn Jahre ist das her, Sir.« Williamsons Hand zitterte.

»Ja.«

»Wer sind dann die da drüben?« »Ich weiß es nicht.«

»Was wollen Sie tun?«

»Das weiß ich auch nicht.«

»Sagen wir’s den anderen?«

»Später. Essen Sie weiter, als ob nichts geschehen wäre.«

»Ich bin aber nicht mehr hungrig, Sir.«

Zum Abschluß des Essens gab es Wein aus den Beständen der Rakete. Hathaway erhob sich. »Ein Toast auf Sie alle - es tut gut, wieder unter Freunden zu sein. Und auf meine Frau und meine Kinder, ohne die ich nicht hätte überleben können. Nur ihrer Freundlichkeit und Fürsorge ist es zu verdanken, daß ich weiterleben, daß ich auf Ihr Kommen warten konnte.« Er hob das Weinglas und trank seiner Familie zu, die seinen Blick unsicher erwiderte und schließlich zu Boden sah, als alle tranken.

Hathaway leerte sein Glas. Er gab keinen Laut von sich, als er plötzlich nach vorn über den Tisch fiel und zu Boden stürzte. Mehrere Männer eilten sofort herbei und legten ihn auf den Rücken. Der Arzt beugte sich über ihn und lauschte. Wilder berührte den Arzt an der Schulter. Der Arzt schaute auf und schüttelte den Kopf. Der Kapitän kniete hin und nahm die Hand des alten Mannes. »Wilder?« Hathaways Stimme war kaum zu verstehen. »Ich hab allen die Stimmung verdorben.«

»Unsinn.«

»Sagen Sie Alice und den Kindern für mich Lebewohl.«

»Einen Moment, ich rufe sie.«

»Nein, nicht!« sagte Hathaway schweratmend. »Sie würden es nicht verstehen. Ich möchte auch nicht, daß sie es verstehen. Nicht!«

Wilder rührte sich nicht von der Stelle.

Hathaway war tot.

Wilder verharrte sehr lange. Dann stand er auf und verließ die Gruppe, die starr und stumm um Hathaway herumstand. Er ging zu Alice Hathaway, blickte ihr in die Augen und fragte: »Wissen Sie, was eben geschehen ist?«

»Etwas mit meinem Mann?«

»Er ist gestorben; sein Herz«, sagte Wilder und ließ ihren Blick nicht los.

»Es tut mir leid«, sagte sie.

»Wie ist Ihnen zumute?« fragte er.

»Er wollte nicht, daß wir uns grämen. Er hat gesagt, daß es eines Tages passieren würde und daß wir dann nicht weinen sollten. Er hat es uns auch gar nicht beigebracht. Er wollte nicht, daß wir weinen konnten. Er sagte, das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren könnte, wären Einsamkeit und Traurigkeit und Tränen. Also sollten wir nicht wissen, was Weinen ist oder Traurigsein.«

Wilder betrachtete ihre Hände, die weichen, wannen Hände und die gepflegten Nägel und ihre schmalen Handgelenke. Er betrachtete ihren schlanken, glatten weißen Hals und sah ihr in die intelligenten Augen. Schließlich sagte er: »Hathaway hat mit Ihnen und den Kindern etwas Großartiges geschaffen.«

»Dieses Urteil hätte ihm sicher große Freude gemacht. Er war so stolz auf uns. Mit der Zeit vergaß er sogar, daß er uns gebaut hatte. Und schließlich liebte er uns und sah uns als seine wirkliche Familie an. Und in gewisser Hinsicht sind wir das ja auch.«

»Sie haben ihm viel Trost gespendet.«

»Ja, jahrelang haben wir dagesessen und uns unterhalten. Er redete so gern. Er mochte die Steinhütte und das offene Feuer. Wir hätten in einem ganz normalen Haus in der Stadt wohnen können, aber es gefiel ihm hier oben, wo er sich je nach Laune primitiv oder modern geben konnte. Er erzählte mir alles über sein Laboratorium und die Dinge, die er darin tat.

Überall in der toten amerikanischen Stadt da unten brachte er Lautsprecher an. Wenn er auf einen Knopf drückte, wurde die Stadt erleuchtet, und es wurden Geräusche erzeugt, als ob sie zehntausend Einwohner hätte; Flugzeug- und Autolärm und Stimmengewirr. Dann saß er da und zündete sich eine Zigarre an und unterhielt sich mit uns, und die Geräusche der Stadt drangen herauf, und ab und zu klingelte das Telefon, und eine Stimme auf Tonband stellte Mr. Hathaway wissenschaftliche und medizinische Fragen, und er beantwortete sie. Und das klingelnde Telefon und wir und die Geräusche der Stadt und seine Zigarre - all das machte Mr. Hathaway sehr glücklich. Nur eins konnte er uns nicht vermitteln«, sagte sie. »Und das war das Altwerden. Er selbst wurde von Tag zu Tag älter, während wir uns nicht veränderten. Ich nehme an, es hat ihm nichts ausgemacht. Er wollte es wohl so.«

»Wir werden ihn unten auf dem Friedhof begraben, wo die anderen vier Kreuze sind. Ich glaube, daß das in seinem Sinne ist.«

Sie legte ihm sanft die Hand auf den Arm. »Ganz bestimmt sogar.«

Befehle wurden erteilt. Die Familie folgte der kleinen Prozession den Hügel hinab. Zwei Männer trugen Hathaway auf einer zugedeckten Bahre, trugen ihn vorbei an der Steinhütte und dem Schuppen, in dem Hathaway vor vielen Jahren mit seiner Arbeit begonnen hatte. Wilder blieb in der Tür zur Werkstatt stehen.

Wie ist einem Mann zumute, fragte er sich, der mit seiner Frau und drei Kindern auf einem Planeten lebt und sie plötzlich verliert, so daß er mit dem Wind und der Stille allein ist? Was tut er? Er begräbt sie unter Kreuzen und geht dann in seine Werkstatt, nimmt all seine Geisteskräfte zusammen und sein Erinnerungsvermögen, seine handwerkliche Geschicklichkeit und sein Genie, und er beginnt damit, all das, was einmal Frau und Sohn und Tochter gewesen ist, in einem anderen Material zu formen. Mit einer gesamten amerikanischen Stadt in Reichweite, die die benötigten Teile liefern konnte, war einem brillanten Mann wie ihm nichts unmöglich.

Das Geräusch der Schritte wurde im Sand erstickt. Als sie den Friedhof erreichten, waren zwei Männer schon dabei, das Grab zu schaufeln.

Am späten Nachmittag kehrten sie zur Rakete zurück.

Williamson deutete mit einer Kopfbewegung zur Steinhütte hinüber. »Was machen wir mit denen?«

»Ich weiß nicht«, sagte der Kapitän.

»Wollen Sie sie abschalten?«

»Abschalten?« Der Kapitän wandte sich überrascht um. »Darauf wäre ich gar nicht gekommen.«

»Sie wollen sie doch nicht etwa mitnehmen?«

»Nein, das wäre sinnlos.«

»Sie wollen sie also hier zurücklassen, einfach so - so wie sie sind?«

Der Kapitän reichte Williamson seine Pistole. »Wenn Sie eine andere Lösung durchsetzen können, sind Sie besser als ich.«

Fünf Minuten später kehrte Williamson zurück; er schwitzte. »Hier, nehmen Sie Ihre Pistole. Ich weiß jetzt, was Sie meinen. Als ich mit der Waffe in der Hand die Hütte betrat, lächelte mich eine der Töchter an und die anderen ebenfalls. Die Frau bot mir eine Tasse Tee an. Gott, das wäre wirklich Mord!«

Wilder nickte. »So etwas Vorzügliches wird es wahrscheinlich nicht noch einmal geben. Sie sind stabil gebaut und halten bestimmt zehn, fünfzig, zweihundert Jahre. Ja, sie haben ein Recht zu - zu leben wie Sie oder ich oder sonst jemand hier im Schiff.« Er klopfte seine Pfeife aus. »Na ja, gehen Sie an Bord. Wir starten. Mit der Stadt ist es aus, wir werden sie nicht mehr bewohnen können.«

Der Abend war nahe. Ein kalter Wind sprang auf. Die Männer gingen an Bord, während der Kapitän zögerte. Williamson sagte: »Sie wollen doch nicht etwa hingehen und - Lebewohl sagen?«

Der Kapitän blickte Williamson düster an: »Das geht Sie gar nichts an.«

Wilder ging langsam durch den stärker werdenden Wind auf die Hütte zu. Die Männer sahen seinen Schatten in der Tür verweilen. Sie sahen auch den Schatten einer Frau. Sie sahen, wie der Kapitän ihr die Hand schüttelte.

Sekunden später kam er auf die Rakete zugerannt.

In der Nacht, wenn der Wind über den toten Seegrund und den sechseckigen Friedhof streicht, über vier alte Kreuze und ein neues, dann brennt Licht in der niedrigen Steinhütte, und im Innern, während der Wind dröhnt und der Staub aufgewirbelt wird und die kalten Sterne brennen, sitzen vier Gestalten - eine Frau, zwei Töchter und ein Sohn -vor dem Feuer, um das sie sich völlig grundlos kümmern, und sie unterhalten sich und lachen.

Abend für Abend, Jahr für Jahr, völlig sinnlos, kommt die Frau aus dem Haus und schaut mit erhobenen Händen eine Zeitlang zum Himmel auf und betrachtet die grünschimmernde Erde, sie weiß nicht, warum sie hinauf schaut; dann geht sie wieder in die Hütte und wirft ein Stück Holz ins Feuer, völlig sinnlos, und der Wind weht stärker, und der Grund des ausgetrockneten Meeres erstreckt sich bis zum Horizont, leblos wie eh und je.

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