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Vereesa wartete nicht gerne. Man sollte meinen, dass Elfen endlose Geduld besitzen, aber jüngere Elfen wie sie, die erst seit einem knappen Jahr ihre Lehre als Waldläufer hinter sich hatte, benahmen sich da eher wie Menschen. Sie hatte schon drei Tage auf diesen Zauberer gewartet, den sie zu einem der östlichen Häfen begleiten sollte, die in das Große Meer mündeten. Im Großen und Ganzen respektierte sie die Zauberer, soweit Elfen denn Menschen respektierten, aber dieser hier irritierte sie einfach. Vereesa wollte gemeinsam mit ihren Brüdern und Schwestern die noch verbliebenen Orks jagen und die mörderischen Bestien ihrem wohlverdienten Tode zuführen. Die Waldläuferin hatte nicht erwartet, bei ihrer ersten größeren Aufgabe für einen trotteligen und offensichtlich völlig vergesslichen alten Magier Altenpflegerin spielen zu müssen.

»Noch eine Stunde«, murmelte sie. »Noch eine Stunde, dann verschwinde ich.«

Ihre schlanke, kastanienbraune Elfenstute schnaubte ganz leise. Nach Generationen der Zucht war das Tier seinen normalen Artgenossen weit überlegen – jedenfalls glaubte Vereesas Volk das. Die Stute war im Einklang mit ihrer Reiterin, und das, was anderen nur als ein simples Schnauben erschienen wäre, ließ die Waldläuferin sofort auf die Beine kommen, den Pfeil schon im Bogen eingelegt.

Aber das Waldland, das sich um sie herum ausbreitete, zeugte nur von Stille, nicht von Verrat, und so tief im Herzen des Lordaeron-Bündnisses konnte es sich kaum um einen Angriff von Orks oder Trollen handeln.

Sie blickte zu dem kleinen Rasthaus, das der Treffpunkt sein sollte, aber außer einem Stalljungen, der Heu karrte, sah Vereesa niemanden. Trotzdem legte sie den Bogen nicht nieder. Ihr Pferd hätte sich nicht gerührt, wenn es nicht irgendetwas gewittert hätte. Banditen vielleicht?

Langsam drehte sich die Waldläuferin auf der Stelle. Der Wind blies ihr ein paar lange, silbrig weiße Haare ins Gesicht, nahm ihr aber nicht die Sicht. Mandelförmige Augen von reinstem Himmelblau registrierten selbst die kleinste Bewegung im Dickicht der Blätter, und die langen spitzen Ohren konnten einen Schmetterling auf einer Blume landen hören.

Doch noch immer konnte sie keinen Grund für die Warnung der Stute finden.

Vielleicht hatte sie den Störenfried schon verjagt. Wie alle Elfen war Vereesa eine beeindruckende Erscheinung. Sie war größer als die meisten Menschen, gekleidet in kniehohe Lederstiefel, waldgrüne Hosen mit gleichfarbenem Hemd und einen eichenbraunen Reiseumhang. Die Hände waren durch Handschuhe geschützt, die fast bis zu den Ellbogen reichten, um ihr den Gebrauch von Schwert und Bogen zu erleichtern.

Über ihrem Hemd trug sie einen Harnisch, der ihre schlanken, aber weiblichen Formen betonte. Einer der Ortsansässigen in dem kleinen Rasthaus hatte den Fehler begangen, ihre weiblichen Vorzüge zu bewundern und dabei ihre kämpferischen zu ignorieren. Doch da er betrunken war und anderenfalls wohl seine rüden Bemerkungen für sich behalten hätte, hatte Vereesa ihm nur ein paar Finger gebrochen.

Die Stute schnaubte erneut. Die Waldläuferin starrte das Tier an und hatte schon Worte der Zurechtweisung auf der Zunge.

»Ihr seid Vereesa Windrunner, nehme ich an«, klang plötzlich eine tiefe, angenehme Stimme hinter ihr auf.

Bevor der Sprecher mehr sagen konnte, berührte die Spitze ihres Pfeils seine Kehle. Hätte Vereesa den Pfeil losgelassen, wäre er durch den Hals des Mannes gedrungen.

Seltsamerweise schien ihn diese Tatsache nicht zu beeindrucken.

Die Elfe musterte ihn von oben bis unten – keine unangenehme Aufgabe, wie sie zugeben musste – und stellte fest, dass der Ankömmling der Zauberer sein musste, auf den sie gewartet hatte. Es hätte jedenfalls erklärt, warum ihre Stute sich so seltsam benommen hatte, und warum sie selbst seine Gegenwart nicht schon früher bemerkt hatte.

»Ihr seid Rhonin?«, fragte die Waldläuferin schließlich.

»Ich entspreche offenbar nicht Euren Erwartungen«, sagte er mit dem Anflug eines spöttischen Lächelns.

Sie senkte den Bogen und entspannte sich leicht. »Man sagte mir, dass ein Zauberer käme – ein Mensch. Das war alles. Wie könnten da Erwartungen enttäuscht werden?«

»Und mir sagten sie: ein Elf, ein Waldläufer – sonst nichts.« Er bedachte sie mit einem Blick, der sie fast veranlasste, den Bogen wieder anzuheben. »Da wären wir ja quitt.«

»Nicht ganz. Ich habe drei Tage hier gewartet. Drei wertvolle Tage sind vergeudet!«

»Es ging nicht anders. Vorbereitungen mussten getroffen werden.« Mehr sagte der Zauberer nicht zu seiner Rechtfertigung.

Vereesa gab auf. Wie die meisten Menschen schien auch diesem hier nichts wichtig außer ihm selbst. Sie konnte von Glück sagen, dass er sie nicht noch länger hatte warten lassen.

Es erstaunte sie, dass das Bündnis mit solchen wie Rhonin in seinen Reihen überhaupt hatte triumphieren können.

»Nun, wenn Ihr wünscht, die Reise nach Khaz Modan anzutreten, wäre es wohl das beste, wenn wir sofort aufbrechen würden.« Die Elfe spähte hinter ihn. »Wo ist euer Pferd?«

Halb erwartete sie, dass er sagte, er besitze keins und seine bemerkenswerten Kräfte dazu benutzt habe, sich hierher zu begeben … aber wenn das möglich gewesen wäre, wozu hätte Rhonin sie dann noch als Führer zu dem Schiff gebraucht, das auf ihn wartete? Ein Zauberer wie er verfügte sicherlich über beeindruckende Fähigkeiten, aber es gab auch Grenzen. Außerdem sagte ihr das Wenige, was sie über diesen Fall wusste, dass Rhonin jede Unterstützung gebrauchen konnte, die ihm angeboten wurde, um zu überleben. Khaz Modan hieß keine Fremden willkommen. Die Zelte der Orks waren mit den Schädeln unzähliger mutiger Männer geschmückt, und am Himmel patrouillierten ständig Drachen.

Kein Ort, an den Vereesa sich ohne Armee gewagt hätte. Sie war kein Feigling, aber auch keine Närrin.

»Es ist am Trog der Herberge angebunden, damit es trinken kann. Ich bin heute schon weit geritten, Lady.«

Dass er sie mit diesem Titel ansprach, hätte Vereesa schmeicheln können, wäre da nicht gleichzeitig die leichte Andeutung von Sarkasmus in seiner Stimme zu hören gewesen.

Sie rang ihre Verärgerung über diesen Menschen nieder, wandte sich ihrer Stute zu, hängte Pfeil und Bogen zurück und begann, es zu satteln.

»Mein Pferd könnte noch ein paar Minuten Ruhe gebrauchen«, bemerkte der Zauberer, »und ich auch.«

»Ihr werdet schnell lernen, im Sattel zu schlafen … ich werde ein Tempo anschlagen, bei dem Euer Hengst sich erholen kann. Wir haben viel zu lange gewartet. Nur wenige Schiffe, selbst die aus Kul Tiras, können sich mit dem Gedanken anfreunden, nach Khaz Modan zu reisen, nur um einen Zauberer zu seinem Lauschposten zu bringen. Wenn Ihr den Hafen nicht bald erreicht, überlegen sie sich vielleicht, dass sie bessere, und weniger selbstmörderische Dinge in Angriff nehmen könnten.«

Zu ihrer Erleichterung stritt sich Rhonin nicht mit ihr. Stattdessen drehte er sich mit einem Stirnrunzeln um und marschierte in Richtung der Herberge zurück. Vereesa sah ihm nach. Sie hoffte, dass sie nicht in Versuchung geraten würde, ihn zu verprügeln, bevor sie sich wieder trennten.

Sie dachte über den Zweck seiner Mission nach. Es stimmte, Khaz Modan stellte durch die Orks und ihre Drachen noch immer eine Bedrohung dar, doch besaß das Bündnis andere, gut ausgebildete Beobachter über das Land verstreut. Vereesa vermutete, dass Rhonins Aufgabe einen sehr ernsten Hintergrund hatte, sonst hätten die Kirin Tor nicht soviel für diesen arroganten Magier aufs Spiel gesetzt. Aber hatten die Kirin Tor es sich wirklich gut überlegt, ihn dafür auszuwählen? Sicherlich hätte es fähigere Männer gegeben – vertrauenswürdigere. Dieser Zauberer hatte einen Blick an sich, der von Unberechenbarkeit zeugte. Und diese konnte geradewegs ins Verderben führen.

Die Elfe versuchte, ihre Zweifel abzuschütteln. Die Kirin Tor hatten sich in dieser Sache entschieden, und die Führungsspitze des Bündnisses hatte ihnen zugestimmt, sonst wäre sie nicht entsandt worden, um ihn zu begleiten. Am besten legte sie ihre Befürchtungen ab. Sie musste ihn nur zu seinem Schiff begleiten, danach konnte sie ihrer Wege gehen. Was Rhonin nach ihrer Trennung tun oder nicht tun würde, ging sie überhaupt nichts an.


Vier Tage ritten sie dahin, und das Gefährlichste, was ihnen begegnete, waren Insekten. Unter anderen Umständen wäre die Reise fast idyllisch gewesen, außer dass Rhonin und seine Führerin so gut wie nicht miteinander sprachen. Das störte den Zauberer jedoch wenig, dachte er doch unentwegt über die Aufgabe nach, die vor ihm lag. Wenn das Schiff ihn erst einmal an die Küste von Khaz Modan gebracht hatte, würde er auf sich allein gestellt sein in einem Land, das nicht nur immer noch voller Orks war, sondern auch aus der Luft von den gefangenen Drachen bewacht wurde. Er war zwar kein Feigling, aber Rhonin hegte auch nicht den geringsten Wunsch, gefoltert zu werden und eines langsamen, qualvollen Todes zu sterben. Aus diesem Grund hatte sein Wohltäter im Rat der Kirin Tor ihn über die letzten bekannten Manöver des Dragonmaw-Clans in Kenntnis gesetzt. Dragonmaw würde jetzt bestimmt sehr wachsam sein, insbesondere dann, wenn stimmte, was man Rhonin gesagt hatte, und der Schwarze Wurm Deathwing wirklich noch am Leben war.

Doch so gefährlich der Auftrag auch erschien, Rhonin hätte sich ihm niemals entzogen. Ihm war die Gelegenheit gegeben worden, sich nicht nur bei den Kirin Tor wieder zu rehabilitieren, sondern darüber hinaus sogar im Rang aufzusteigen. Dafür würde er seinem Wohltäter, den er nur als Krasus kannte, ewig dankbar sein. Der Titel war vermutlich falsch, das war bei den Regierenden im Rat nicht unüblich. Die Meister von Dalaran wurden im Geheimen gewählt, ihr Aufstieg wurde nur dem Rat bekannt, selbst ihre eigenen Familienangehörigen erfuhren nichts davon. Krasus' Stimme war wahrscheinlich nicht seine wirkliche, und so war nicht einmal sicher, ob er ein Mann war.

Es war möglich herauszufinden, wer sich zumindest hinter einigen der Magier des Rates verbarg – aber Krasus blieb sogar seinem wissbegierigen Schützling ein Rätsel. Allerdings interessierte Rhonin ohnehin mehr, wie er seine Träume mit Hilfe seines Mentors verwirklichen konnte, und weniger, wer dieser Mentor eigentlich war.

Aber die Träume würden unerfüllt bleiben, wenn er das Schiff verpasste. Er beugte sich im Sattel vor und fragte: »Wie weit ist es noch bis Hasic?«

Ohne sich umzudrehen, erwiderte Vereesa: »Mindestens noch drei Tage. Sorgt Euch nicht, wir werden rechtzeitig am Hafen sein, wenn wir dieses Tempo halten können.«

Rhonin lehnte sich wieder zurück. Das war nun ihre zweite Unterhaltung überhaupt für heute. Das Einzige, was womöglich schlimmer war als mit einem Elf zu reisen, wäre vielleicht ein Ritt mit den sauertöpfischen Rittern der Silbernen Hand gewesen. Trotz ihrer unanfechtbaren Höflichkeit, machten die Paladine gerne deutlich, dass sie Magie als ein gelegentliches, notwendiges Übel betrachteten, eines, das sie normalerweise nicht vermissten. Der Letzte, den Rhonin getroffen hatte, war der Meinung gewesen, dass die Seele eines Magiers nach dem Tod in den gleichen Abgrund aus Dunkelheit fiel, wie die mythischen Dämonen des Altertums. Gleichgültig, wie rein seine Seele auch sonst sein mochte.

Die späte Nachmittagssonne begann zwischen den Baumwipfeln zu versinken, und es entstanden tief kontrastreiche Flächen aus Licht und dunklen Schatten zwischen den Bäumen. Rhonin hatte gehofft, den Rand des Waldes noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen, aber das würden sie nun nicht mehr schaffen. Nicht zum ersten Mal hielt er sich seine inneren Karten vor Auge, um zu prüfen, wo sie sich befanden, und ob sie, wie seine Begleiterin behauptet hatte, noch rechtzeitig zum Schiff gelangen würden. Seine Verspätung bei der Herberge war unvermeidbar gewesen, denn er hatte zunächst die nötige Ausrüstung und Vorräte besorgen müssen. Nun hoffte er, dass dies nicht die ganze Mission in Gefahr brachte.

Die Drachenkönigin zu befreien …

Für manche eine unmögliche, unerfüllbare Aufgabe und für die meisten der sichere Tod. Dennoch hatte Rhonin es schon während des Krieges vorgeschlagen. Denn es war sicher, wenn die Drachenkönigin erst einmal frei war, würden die Orks eines ihrer stärksten Machtmittel verlieren. Doch es hatte sich keine Gelegenheit ergeben, diesen fundamentalen Plan auszuführen.

Rhonin wusste, dass die meisten im Rat hofften, dass er versagen würde. Ihn loszuwerden würde in ihren Augen einen schwarzen Fleck aus der Geschichte ihres Ordens tilgen.

Diese Mission war eine zweischneidige Klinge: Einerseits wären sie erstaunt gewesen, wenn er zurückkehrte, andererseits erleichtert, sollte er scheitern und umkommen.

Wenigstens konnte er Krasus vertrauen. Der Zauberer war zu ihm gekommen, um sein jüngeres Gegenstück zu fragen, ob es immer noch glaubte, dass es das Unmögliche schaffen könne. Der Dragonmaw-Clan würde für immer an Khaz Modan festhalten, so lange Alexstrasza bei ihnen war – und solange die dortigen Orks das Werk der Horde weiterführten, konnten sie immer wieder mit den Bewohnern der bewachten Enklaven aneinander geraten. Niemand wollte den Krieg wieder aufleben lassen. Das Bündnis hatte genug damit zu tun, Streit in den eigenen Reihen zu führen.

Ein fernes Donnergrollen störte Rhonins Überlegungen. Er schaute hoch, sah aber nur ein paar Wattewölkchen. Mit einem Stirnrunzeln wandte sich der junge Mann der Elfe zu, um sie zu fragen, ob sie den Donner auch gehört habe.

Ein zweites, heftigeres Grollen ließ ihn jeden Muskel anspannen. Gleichzeitig sprang Vereesa ihn an!

Irgendwie hatte die Waldläuferin es geschafft, sich im Sattel umzudrehen und sich auf ihn zu katapultieren.

Ein riesiger Schatten lag über der Umgebung. Die Waldläuferin und der Zauberer prallten gegeneinander. Das Gewicht der Elfenrüstung warf beide von Rhonins Pferd. Ein ohrenbetäubendes Brüllen erschütterte die Luft und eine Kraft, einem Tornado gleich, schien die Landschaft zu zerreißen.

Als Rhonin auf den harten Boden prallte, hörte er durch den Schmerz hindurch das kurze Wiehern seines Pferdes – ein Geräusch, das im nächsten Augenblick abbrach.

»Bleib unten!«, schrie Vereesa über den Wind und das Brüllen hinweg. »Bleib unten!«

Aber Rhonin drehte sich um, wollte zum Himmel hinaufblicken – und starrte stattdessen in eine höllische Fratze.

Ein Drache von der Farbe wütenden Feuers füllte sein Blickfeld aus.

In seinen Vorderkrallen hielt er, was von Rhonins Pferd und den teuren, sorgfältig zusammengesuchten Vorräten übrig geblieben war. Der feuerrote Wurm verschluckte den Rest des Kadavers und dann fixierten seine Augen auch schon die lächerlich kleinen Figuren am Boden.

Auf den Schultern der Bestie saß eine groteske, grünliche Gestalt mit Stoßzähnen. Sie hielt eine Streitaxt, die fast so groß war wie der Zauberer, und bellte Befehle in einer rauen Sprache, während sie mit dem Finger direkt auf Rhonin wies.

Mit aufgerissenem Maul und gespreizten Krallen stob der Drache zu ihm herab.


»Ich danke Euch noch einmal für die Zeit, die Ihr mir schenkt, Euer Majestät«, sagte der hochgewachsene, schwarzhaarige Adlige mit einer Stimme voller Kraft und Verständnis. »Vielleicht können wir Euer gutes Werk noch davor bewahren, zunichte gemacht zu werden.«

»Wenn das so sein sollte«, erwiderte der ältere, bärtige Mann, der in eine elegante weiße und goldfarbene Staatsrobe gekleidet war, »werden Euch Lordaeron und das Bündnis einiges zu danken haben, Lord Prestor. Nur durch Euer Bemühen, dessen bin ich überzeugt, werden Gilneas und Stromgarde noch Vernunft annehmen.« Obwohl er kein kleiner Mann war, fühlte König Terenas sich ein wenig von der Größe seines Freundes überwältigt.

Der jüngere Mann lächelte und entblößte dabei perfekte Zähne. Es hätte König Terenas äußerst überrascht, wenn er einer eindrucksvolleren Erscheinung als Lord Prestor begegnet wäre. Mit seinem kurzen, gut geschnittenen schwarzen Haar, den glatt rasierten, habichtähnlichen Gesichtszügen, die viele der Frauen bei Hofe in helles Verzücken versetzten, seinem klugen Geist und einem Auftreten, das prinzlicher war als das irgendeines anderen Prinzen im Bündnis, war es absolut nicht überraschend, dass jeder, der mit der Alterac-Sache zu tun hatte, sich an ihn gewandt hatte, Genn Greymane eingeschlossen. Prestor hatte ein einnehmendes Wesen, das sogar den Regenten von Gilneas einmal zum Lächeln gebracht hatte, wie aus den Kreisen von Terenas' Diplomaten zu hören war.

Für einen jungen Adligen, von dem bis vor fünf Jahren noch niemand etwas gehört hatte, hatte sich der Gast des Königs ein erstaunliches Ansehen erworben.

Prestor stammte aus der abgelegensten, gebirgigsten Region von Lordaeron, war aber auch mit dem Hause Alterac blutsverwandt. Sein winziges Reich war beim Angriff eines Drachen während des Krieges zerstört worden, und er war zu Fuß in die Hauptstadt gekommen, ohne einen einzigen Diener. Seine Notlage und was er aus sich gemacht hatte, war inzwischen Legende. Darüber hinaus hatte sein Rat dem König oftmals geholfen, auch während der Dunklen Tage, als der ergrauende Monarch darüber entschieden hatte, was mit Lord Perenolde zu geschehen habe. Prestor hatte dabei den Ton angegeben. Er hatte Terenas ermutigt, die Macht in Alterac zu ergreifen und das Kriegsrecht einzuführen. Stromgarde und die anderen Königreiche hatten zwar Verständnis für eine militärische Aktion gegen den verräterischen Perenolde gezeigt, nicht aber dafür, dass Lordaeron auch noch nach dem Krieg über Alterac verfügen wollte. Jetzt sah es endlich so aus, als sei Prestor derjenige, der ihnen alles erklären und sie dazu bringen konnte, eine endgültige Lösung zu akzeptieren.

Dies alles hatte den König dazu gebracht, über eine mögliche Lösung nachzudenken, die sogar sein scharfsinniges Gegenüber sprachlos machen würde.

Terenas verweigerte die Rückgabe Alteracs an Perenoldes Neffen, der von Gilneas unterstützt wurde. Auch hielt er es nicht für weise, das besagte Königreich zwischen Lordaeron und Stromgarde aufzuteilen. Das würde den Zorn von Gilneas und sogar Kul Tiras heraufbeschwören. Alterac völlig aufzulösen kam ebenfalls nicht in Frage.

Doch was, wenn er die Herrschaft über die Region in die fähigen Hände eines Mannes legte, der von allen bewundert wurde und der gezeigt hatte, dass er nichts mehr als Frieden und Eintracht wollte? Ein fähiger Verwalter, wenn Terenas sich nicht irrte, und nicht zu vergessen jemand, der mit Gewissheit ein treuer Verbündeter und Freund von Lordaeron bleiben würde …

»Nein, wirklich, Prestor.« Der König reckte sich, um dem erheblich stattlicheren Lord auf die Schulter zu klopfen. Prestor war über zwei Meter groß, aber obwohl schlank, konnte man ihn nicht schlaksig nennen. Die blauschwarze Uniform stand Prestor vortrefflich, er sah wirklich wie der Inbegriff eines kämpferischen Helden aus.

»Ihr habt allen Grund, stolz zu sein … und verdient es, belohnt zu werden! Ich werde nicht so bald vergessen, welche Rolle Ihr gespielt habt, glaubt mir!«

Prestor strahlte, vermutlich glaubte er, er würde bald sein winziges Reich zurückerhalten. Terenas würde dem Jungen seinen kleinen Traum lassen. Wenn der Herrscher über Lordaeron ihn als den neuen König von Alterac ausrief, würde Prestors Gesichtsausdruck noch viel erheiternder sein. Es geschah nicht jeden Tag, dass man zum König gekrönt wurde … es sei denn, natürlich, man erbte diese Position.

Terenas' Ehrengast grüßte ihn ehrerbietig und zog sich mit einer graziösen Verbeugung aus dem königlichen Gemach zurück. Der alte Mann runzelte die Stirn, nachdem Prestor gegangen war, es kam ihm vor, als ob weder die seidenen Vorhänge, die goldenen Lüster, noch der reinweiße Marmorfußboden das Gemach zu erhellen vermochten, nun, da der junge Adlige es verlassen hatte. Lord Prestor war ohne Zweifel aus einem anderen Holz geschnitzt als die verhassten Höflinge, die in Scharen zum Palast strömten. Hier war ein Mann, an den jeder glauben konnte, dem man in allen Dingen zu vertrauen und Respekt entgegenzubringen vermochte. Terenas wünschte, sein eigener Sohn wäre ein wenig mehr wie Prestor gewesen.

Der König rieb sein bärtiges Kinn. Ja, er war der perfekte Kandidat, um die Ehre seines Landes wiederherzustellen und gleichzeitig die Harmonie zwischen den Mitgliedern des Bündnisses wiederherzustellen. Neues, starkes Blut …

Terenas musste an Valia, seine Tochter, denken. Sie war noch ein Kind, würde aber sicherlich bald zur Schönheit erblühen. Vielleicht konnte eines Tages, wenn alles gut ging, die Freundschaft und das Bündnis zwischen ihm und Prestor durch eine Hochzeit gefestigt werden. Nun, er würde zu seinen Beratern gehen und ihnen seine königliche Meinung mitteilen. Terenas war sicher, dass sie ihm zustimmen würden. Er hatte noch niemanden getroffen, der den jungen Adligen nicht mochte.

König Prestor von Alterac. Terenas versuchte, sich das Gesicht seines Freundes vorzustellen, wenn dieser das wahre Ausmaß seiner Belohnung erfuhr …


»Ihr habt den Schatten eines Lächelns auf dem Gesicht – ist jemand eines schrecklichen, grausamen, blutrünstigen Todes gestorben, Euer Giftigkeit?«

»Spar dir deine Witze, Kryll«, entgegnete Lord Prestor, als er die große eiserne Tür hinter sich schloss. Über ihm, in der Villa, die sein Gastgeber ihm zur Verfügung gestellt hatte, standen von Prestor eigens ausgesuchte Diener Wache, um sicher zu stellen, dass keine ungebetenen Besucher auftauchten. Ihr Herr hatte zu tun, und wenn auch niemand der Diener genau wusste, was in den unterirdischen Räumen vor sich ging, wussten sie doch, dass sie ihr Leben verwirkt hätten, würde er gestört werden.

Prestor erwartete keine Störungen und wusste, dass die Lakaien ihm bis in den Tod gehorchen würden. Der Zauber, der auf ihnen lag, eine Variante des Zaubers, der den König und seinen Hof dazu gebracht hatte, den gut aussehenden Flüchtling so sehr zu bewundern, erlaubte kein eigenständiges Denken. Er hatte ihm im Laufe der Zeit den letzten Schliff verliehen.

»Meine demütigste Entschuldigung, oh Prinz der Doppelzüngigkeit!«, krächzte die kleine drahtige Gestalt vor ihm. Der Ton in seiner Stimme klang irgendwie unmenschlich, voller Bosheit und Irrsinn. Kein Wunder, denn Prestors Gefährte war ein Goblin.

Sein Kopf reichte gerade bis an die Gürtelschnalle des Adligen, doch das kleine smaragdgrüne Geschöpf war alles andere als schwach oder dumm. Das verrückte Grinsen entblößte extrem scharfe, lange Zähne und eine blutrote, fast gegabelte Zunge. Seine schmalen, gelben Augen ohne sichtbare Pupillen funkelten vor Fröhlichkeit, aber es war eher die Art von Fröhlichkeit, die aufkam, wenn man Fliegen die Flügel oder Vierbeinern die Gliedmaßen ausriss. Aus seinem Nacken spross stumpf braunes Fell, das nach vorne über den Kopf wuchs und in einem wilden Kamm über der gedrungenen Stirn der scheußlichen Kreatur endete.

»Immerhin, es gibt Grund zum Feiern.« Das Gewölbe war einmal der Vorratskeller gewesen. Damals hatte die Kühle der Erde Regale voller Wein stets perfekt temperiert. Heutzutage jedoch fühlte sich der große Raum dank Krylls Einwirkungen an, als läge er im Inneren eines tosenden Vulkans.

Für Lord Prestor fühlte er sich an wie Heimat.

»Feiern, oh Meister der Täuschung?«, kicherte Kryll. Er kicherte oft, vor allem, wenn Bösartigkeiten bevorstanden. Die beiden größten Leidenschaften der grünhäutigen Kreatur waren das Experiment und die Zerstörung – und wann immer möglich, verband er beides miteinander. Aus diesem Grund war die hintere Hälfte des Raumes mit Werkbänken, Flaschen, Pudern, seltsamen Mechanismen und makabren Gegenständen angefüllt, die der Goblin gesammelt hatte.

»Ja, feiern, Kryll.« Prestors stechende Ebenholzaugen fixierten den Goblin, der sein Lächeln und sein komisches Gehabe plötzlich fallen ließ. »Du würdest doch gerne bei den Feierlichkeiten dabei sein, nicht wahr?«

»Ja … Herr.«

Der uniformierte Adlige hielt inne, um die erstickend heiße Luft einzuatmen. Ein Ausdruck von Erleichterung lag auf seinen Zügen. »Oh, wie ich das vermisse …« Seine Gesichtszüge verhärteten sich. »Aber ich muss warten. Man geht nur, wenn es notwendig ist, richtig, Kryll?«

»Wie Ihr wünscht, Herr.«

Erneut zierte ein bösartiges Lächeln Prestors Gesicht. »Du stehst vermutlich gerade vor dem künftigen König von Alterac. Das solltest du wissen.«

Der Goblin neigte seinen hageren, aber muskulösen Körper dem Boden entgegen. »Preiset Ihre königliche Majestät, König –«

Ein Quietschen ließ beide nach rechts blicken. Ein kleinerer Goblin schob sich hinter einem Metallgitter, das einen alten Ventilationsschacht abdeckte, hervor. Nervös verließ das kleine Wesen die Öffnung und lief zu Kryll. Der Neuankömmling zeigte einen bösartig amüsierten Gesichtsausdruck, der unter Prestors intensivem Blick jedoch rasch verschwand.

Der zweite Goblin flüsterte etwas in Krylls großes spitzes Ohr. Kryll fauchte und entließ die andere Kreatur mit einer knappen Handbewegung. Der Neuankömmling verschwand durch das offene Gitter.

»Was ist los?« Die Worte des Aristokraten klangen zwar ruhig und sanft, verlangten jedoch deutlich nach einer sofortigen Antwort des Goblins.

»Oh, Eure Großmütigkeit«, begann Kryll und zeigte wieder das irre Lächeln auf seinem Bestiengesicht, »das Glück ist an diesem Tag mit Euch. Vielleicht solltet Ihr über eine Wette nachdenken, denn die Sterne scheinen auf Euer –«

»Was ist los?«

»Jemand … jemand versucht Alexstrasza zu befreien.«

Prestor stierte ihn an. Er starrte so lange und mit solcher Intensität, dass Kryll unter seinem Blick zu vergehen glaubte. Sicherlich, dachte der Goblin, würde nun der Tod zu ihm kommen. Dabei gab es noch so viele Experimente, die er versuchen wollte und so viele Sprengstoffe, die er noch nicht getestet hatte …

Im gleichen Moment brach der große, schwarze Adlige vor ihm in ein tiefes, dunkles und nicht ganz natürlich klingendes Gelächter aus.

»Perfekt!« Lord Prestor gelang es, dieses Wort zwischen seinen Heiterkeitsausbrüchen hervorzustoßen. Er streckte seine Arme aus, als wolle er die Luft selbst einfangen. Seine Finger erschienen viel zu lang, fast schon wie Klauen. »So perfekt!«

Er setzte sein Gelächter fort, und der Goblin lehnte sich zurück. Er betrachtete den seltsamen Anblick und schüttelte leicht den Kopf.

»Und da behauptet man, ich sei verrückt«, murmelte er leise.

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