2 Kalte Hölle

Zwischen zwei Welten schwebst du, Menschenkind,

Wie zwischen Tag und Nacht der Dämmrung Saum.

Du weißt nicht, was wir werden, was wir sind.

Lord Byron, »Don Juan«

»Du dummes kleines Ding«, fauchte Mrs Black und zog mit einem Ruck das Seil fest, mit dem Tessas Handgelenke an das Bettgestell gefesselt waren. »Was hast du dir dabei gedacht? Einfach so wegzulaufen! Was hast du denn geglaubt, wo du hinkönntest?«

Tessa schwieg eisern, schob das Kinn vor und starrte gegen die Wand. Sie wollte nicht zulassen, dass Mrs Black oder ihre schreckliche Schwester mitbekamen, wie nahe sie den Tränen war und wie tief die Seile, mit denen sie ans Bett gebunden war, ihr in die Fuß- und Handgelenke schnitten.

»Sie ist sich der Ehre, die ihr zuteil wird, überhaupt nicht bewusst«, knurrte Mrs Dark, die in der Tür stand, als wollte sie sichergehen, dass Tessa sich nicht losriss und erneut flüchtete. »Ein wahrhaft widerwärtiger Anblick.«

»Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, um sie für den Magister vorzubereiten«, seufzte Mrs Black. »Ein Jammer, dass wir nur solch minderwertiges Material zum Arbeiten hatten — trotz ihrer Begabung. Sie ist eine kleine, hinterlistige Närrin.«

»In der Tat«, bestätigte ihre Schwester. »Sie ist sich doch wohl im Klaren darüber, was mit ihrem Bruder geschieht, wenn sie erneut versucht, sich uns zu widersetzen? Dieses eine Mal mögen wir ja noch gewillt sein, Gnade walten zu lassen, aber beim nächsten Mal ...« Sie stieß ein böses Zischen aus, das dafür sorgte, dass sich Tessas Nackenhaare aufrichteten. »Beim nächsten Mal wird Nathaniel nicht so viel Glück haben.«

In dem Moment konnte Tessa sich nicht länger zurückhalten. Obwohl sie wusste, dass sie eigentlich nicht mit den Schwestern reden und ihnen diese Genugtuung nicht schenken sollte, platzte sie heraus:

»Wenn Sie mir verraten hätten, wer der Magister ist oder was er von mir will ...«

»Er will dich heiraten, du kleine Närrin.« Mrs Black hatte den letzten Knoten festgezogen und trat einen Schritt zurück, um ihr Werk zu begutachten. »Er will dir alles geben, was ein Mädchen sich nur wünschen kann.«

»Aber warum?«, flüsterte Tessa. »Warum mir?«

»Wegen deiner Begabung«, erwiderte Mrs Dark.

»Aufgrund dessen, was du bist und was du kannst ... was wir dir beigebracht haben. Du solltest uns dankbar sein.«

»Aber was ist mit meinem Bruder?« Tränen stiegen Tessa in die Augen. Ich werde nicht weinen, ich werde nicht weinen, ich werde nicht weinen, ermahnte sie sich wieder und wieder. »Sie haben mir gesagt, wenn ich alles tue, was Sie von mir verlangen, dann würden Sie ihn freilassen ...«

»Wenn du erst einmal mit dem Magister vermählt bist, wird er dir alles geben, was du willst. Und wenn du für deinen Bruder die Freiheit wünschst, wird er dafür sorgen.«

In Mrs Blacks Stimme schwang nicht eine Spur von Reue oder Gefühl mit.

Mrs Dark kicherte. »Ich weiß, was sie jetzt denkt. Sie denkt: Wenn sie alles bekommen kann, was sie will, dann wird sie sich unseren Tod wünschen.«

»Vergeude deine Zeit nicht damit, etwas Derartiges auch nur in Erwägung zu ziehen!« Mrs Black versetzte Tessa einen Kinnstüber. »Wir haben einen hieb- und stichfesten Vertrag mit dem Magister. Er wird uns niemals schaden können, noch würde er das wollen. Schließlich ist er uns zu Dank verpflichtet, weil wir ihm dich überreichen.« Sie beugte sich vor und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern: »Er wünscht, dich gesund und wohlbehalten in Empfang zu nehmen. Du kannst dich also glücklich schätzen — denn ansonsten hätte ich dich grün und blau geprügelt. Wenn du es wagst, dich uns noch einmal zu widersetzen, werde ich seinen Wunsch ignorieren und dich auspeitschen lassen, bis deine Haut sich in Streifen von den Knochen löst. Hast du das verstanden?«

Statt einer Antwort wandte Tessa das Gesicht zur Wand.

An Bord der Main hatte es eine Nacht gegeben, in der Tessa nicht schlafen konnte und an Deck gegangen war, um frische Luft zu schnappen. Das Dampfschiff befand sich gerade auf Höhe von Neufundland und aus der nachtblauen Meeresoberfläche ragten weiß glitzernde Gebirge auf — Eisberge, wie ihr einer der Matrosen verriet. Große Eisbrocken, die sich aufgrund des warmen Wetters von der Eisdecke im Norden gelöst hatten. Langsam segelten sie auf der dunklen Wasserfläche wie die Türme einer versunkenen weißen Stadt. Ihr Anblick war Tessa unfassbar traurig und einsam erschienen.

Aber damals hatte sie nur einen ersten Eindruck von Einsamkeit bekommen, erkannte sie nun. Nachdem die Schwestern gegangen waren, verspürte Tessa nicht länger das Bedürfnis, in Tränen auszubrechen. Der Druck hinter ihren Lidern war verschwunden und einem dumpfen Gefühl der Verzweiflung gewichen. Mrs Dark hatte recht gehabt: Wenn Tessa den Tod der beiden Schwestern hätte veranlassen können, hätte sie keine Sekunde gezögert.

Probeweise zog sie an den Seilen, die ihre Arme und Beine an das Bettgestell fesselten, doch sie gaben nicht nach. Die Knoten waren so fest geknüpft, dass die Seile ihr tief in die Haut schnitten und die Blutzufuhr abschnürten. Ihre Hände und Füße hatten bereits zu prickeln begonnen. Ihr blieben vermutlich nur noch wenige Minuten, bis ihre Extremitäten vollkommen taub geworden waren, überlegte Tessa.

Ein — nicht gerade geringer — Teil von ihr hätte am liebsten aufgegeben und einfach nur dagelegen, bis der Magister gekommen wäre und sie abgeholt hätte. Der Himmel vor dem kleinen Fenster wirkte bereits dunkel; es konnte also nicht mehr lange dauern. Vielleicht wollte er sie ja wirklich heiraten. Vielleicht wollte er ihr ja tatsächlich alles geben, was ein Mädchen sich nur wünschen konnte.

Doch plötzlich hörte Tessa die Stimme ihrer Tante Harriet in ihrem Kopf: Wenn du einen Mann gefunden hast, den du heiraten möchtest, Tessa, dann denk daran: Nicht an seinen Worten, sondern an seinen Taten wirst du erkennen, welch eine Sorte Mann er ist.

Und natürlich hatte Tante Harriet recht: Kein Mann, den sie jemals würde heiraten wollen, hätte dafür gesorgt, dass sie wie eine Gefangene und eine Sklavin behandelt wurde. Und er hätte auch nicht ihren Bruder eingesperrt oder sie im Namen ihrer »Begabung« foltern lassen. Das Ganze war ein Hohn und ein Witz. Gott allein wusste, was dieser Magister mit ihr vorhatte, wenn er sie erst einmal in seine Finger bekam. Und falls er sie am Leben ließ, würde sie sich wahrscheinlich bald wünschen, lieber tot zu sein.

Himmel, was für eine nutzlose Begabung sie doch besaß! Die Macht, ihr Erscheinungsbild zu verändern. Wenn sie doch nur die Macht besäße, Dinge in Flammen aufgehen oder Metall zerbersten oder Messer aus ihren Fingern wachsen zu lassen! Oder wenn sie die Macht hätte, sich selbst unsichtbar zu machen oder auf die Größe einer Maus zu schrumpfen ...

Plötzlich wurde Tessa still, so still, dass sie das Ticken des Klockwerk-Engels an ihrer Brust hören konnte. Sie brauchte sich doch gar nicht auf die Größe einer Maus zu schrumpfen, oder? Sie musste sich lediglich so klein machen, dass die Fesseln um ihre Handgelenke locker herabhingen.

Sie wusste, dass sie sich ein zweites Mal in eine bestimmte Person verwandeln konnte, ohne irgendeinen Gegenstand zu berühren, der diesem Menschen gehört hatte. Die Dunklen Schwestern hatten ihr eingebläut, wie das funktionierte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Tessa froh über eine ihrer Zwangslektionen. Sie drückte sich fest in die harte Matratze und rief sich die Bilder wieder vor Augen: die Gasse, die Küche, die tanzende Nadel, den Schein der Gaslaterne. Durch reine Willensanstrengung leitete Tessa die Verwandlung ein. Wie heißt du? Emma. Emma Bayliss ...

Die Verwandlung überrollte sie wie ein rasender Zug, nahm ihr fast den Atem, während sich ihre Haut veränderte und ihre Knochen sich neu zusammensetzten. Tessa unterdrückte den Schrei in ihrer Kehle und bäumte sich auf ...

Und dann war es vollbracht. Blinzelnd starrte sie an die Decke, anschließend zur Seite auf ihr Handgelenk und die Fesseln. Da waren sie: Emmas Hände, zart und zerbrechlich, und das Seil lag locker um ihre dünnen Gelenke. Triumphierend riss Tessa ihre Hände aus den Fesseln, setzte sich auf und rieb sich die roten Striemen auf der Haut.

Ihre Füße waren jedoch noch nicht freigekommen. Rasch beugte Tessa sich vor und fingerte fieberhaft an den Knoten herum. Wie sich herausstellte, war Mrs Black im Umgang mit Tauwerk geschickt wie ein Seemann: Als sich das Seil endlich löste, waren Tessas Finger eingerissen und blutig. Hastig richtete sie sich auf und sprang vom Bett.

Da Emma wesentlich dünnere und feinere Haare als Tessa besessen hatte, waren mehrere Strähnen aus den Klammern gerutscht, die Tessas Locken zurückgehalten hatten. Ungeduldig warf sie sie nach hinten und schüttelte sich, um Emmas Gestalt abzulegen. Die Verwandlung fiel von ihr herab und es dauerte nicht lange, bis Tessa wieder ihre eigenen, kräftigen Haare zwischen den Fingern spürte. Ein Blick in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand verriet ihr, dass die kleine Emma Bayliss tatsächlich verschwunden und sie wieder sie selbst war.

Ein Geräusch hinter ihr ließ sie herumwirbeln. Der Knauf ihrer Zimmertür drehte sich — vor und zurück, als hätte die Person auf der anderen Seite Schwierigkeiten, die Tür zu öffnen.

Mrs Dark, durchfuhr es Tessa. Die Dunkle Schwester war zurückgekehrt, um sie auspeitschen zu lassen. Um sie zum Magister zu bringen. Tessa stürmte durch das Zimmer, schnappte sich den Porzellankrug vom Waschtisch und huschte lautlos neben die Tür. Dabei hielt sie den Krug so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Der Knauf drehte sich erneut und die Tür sprang auf. In der Dunkelheit konnte Tessa lediglich einen Schatten sehen, der nun das Zimmer betrat. Verzweifelt stürzte sie aus ihrem Versteck hervor und schwang den Krug mit aller Kraft ...

Die schemenhafte Gestalt bewegte sich schnell, so schnell wie ein Peitschenschlag, aber nicht schnell genug: Der Krug traf den ausgestreckten Arm des Schattens, ehe er Tessas Hand entglitt und krachend gegen die Wand schlug. Ein Hagel aus Porzellanscherben prasselte auf den Boden, während der Schemen aufschrie.

Der Schrei stammte unverkennbar von einem Mann. Genau wie der darauf folgende Schwall von Flüchen.

Tessa wich einen Schritt zurück und stürmte dann zur Tür, doch diese war wieder ins Schloss gefallen und ließ sich nicht öffnen, so sehr sie auch an dem Knauf rüttelte. Plötzlich erfüllte ein strahlendes Licht den Raum, so als wäre die Sonne aufgegangen. Tessa wirbelte herum, blinzelte gegen die Tränen in ihren Augen an und erstarrte.

Vor ihr stand ein junger Mann. Er konnte nicht viel älter sein als sie selbst — siebzehn, möglicherweise achtzehn — und trug augenscheinlich Arbeiterkleidung: eine ausgefranste schwarze Jacke und Hose und dazu robuste Stiefel, allerdings keine Weste. Breite Lederbänder liefen kreuzweise über seine Brust und Hüfte, Ledergurte, an denen Waffen befestigt waren — Dolche und Klappmesser und irgendwelche Objekte, die an Klingen aus Eis erinnerten. In der rechten Hand hielt der Eindringling eine Art Stein, der hell leuchtete und das Licht erzeugte, das Tessa fast geblendet hatte. Aus seiner anderen schlanken Hand mit den langen Fingern strömte Blut ... aus einer Wunde, wo Tessa ihn mit dem Porzellankrug getroffen hatte. Doch nicht die klaffende Wunde ließ Tessa wie gebannt auf die Erscheinung starren — der Mann besaß das attraktivste Gesicht, das sie je gesehen hatte: ein wilder schwarzer Haarschopf, strahlende, wie blaues Glas leuchtende Augen mit dichten, langen Wimpern, elegante Wangenknochen und ein voller, sinnlicher Mund. Selbst die Wölbung seiner Kehle wirkte perfekt. Er sah genau so aus, wie sie sich die Helden in ihren Lieblingsbüchern immer ausgemalt hatte. Allerdings hätte sie sich nie vorgestellt, dass einer dieser Helden sich jemals so heftig fluchend beschweren würde, während er anklagend seine blutende Hand in ihre Richtung streckte.

Im nächsten Moment schien er ihren starren Blick zu bemerken, denn er unterbrach seine Verwünschungen. »Sie haben mir eine Schnittwunde zugefügt«, sagte er. Seine Stimme klang angenehm. Britisch. Durch und durch normal. Mit einem kritischen Blick musterte er seine Hand. »Eine möglicherweise tödliche Schnittwunde.«

Tessa schaute ihn weiterhin mit großen Augen an.

»Sind Sie der Magister?«

Der junge Mann ließ die Hand herabsinken. Blut strömte nach unten, tropfte auf den Boden. »Du meine Güte, massiver Blutverlust. Jeden Moment könnte der Tod eintreten.«

»Sind Sie der Magister?«

»Magister?« Die Vehemenz in Tessas Stimme ließ ihn leicht überrascht aufschauen. »Das bedeutet ›Meister‹ auf Lateinisch, nicht wahr?«

»Ich ... äh ...« Tessa kam sich vor wie in einem seltsamen Traum. »Ich schätze schon.«

»Ich habe in meinem Leben bereits viele Dinge gemeistert: mühelos durch das Straßengewirr Londons navigieren, Quadrille tanzen, die japanische Kunst des Blumensteckens, bei Scharaden lügen, ohne rot zu werden, einen starken Rauschzustand verbergen, junge Damen mit meinem Charme entzücken ...«

Tessa starrte ihn ungläubig an.

»Doch leider Gottes hat mich bisher noch niemand als ›der Meister‹ oder ›der Magister‹ bezeichnet«, fuhr er fort. »Da muss ich bedauerlicherweise passen ...«

»Sind Sie im Moment denn stark berauscht?« Tessa meinte diese Frage ernst, erkannte aber in dem Augenblick, als die Worte über ihre Lippen kamen, dass sie schrecklich grob geklungen haben musste — oder, schlimmer noch, kokett. Der Mann wirkte ohnehin zu sicher auf den Beinen, als dass er betrunken sein konnte. Tessa hatte Nate oft genug berauscht erlebt, um den Unterschied genau zu kennen. Aber vielleicht war er ja auch einfach nur verrückt.

»Wie erfrischend unverblümt! Aber ich vermute einmal, alle Amerikaner sind so direkt wie Sie, habe ich recht?« Der junge Mann wirkte belustigt. »Jaja, Ihr Akzent hat Sie verraten. Wie heißen Sie denn?«

Tessa schaute ihn fassungslos an. »Wie ich heiße?«

»Ja, wissen Sie das denn nicht?«

»Sie ... Sie platzen einfach so in mein Zimmer, erschrecken mich fast zu Tode und jetzt wollen Sie meinen Namen wissen? Wie um alles in der Welt heißen Sie denn? Und wer sind Sie überhaupt?«

»Mein Name ist Herondale«, erwiderte der Junge unbekümmert. »William Herondale, aber alle nennen mich Will. Ist das wirklich Ihr Zimmer? Nicht sehr einladend, muss ich sagen.« Er spazierte in Richtung Fenster, hielt kurz inne, um die Bücherstapel auf Tessas Nachttisch zu studieren, und wandte sich dann dem Bett zu. »Schlafen Sie öfter ans Bett gefesselt?«, fragte er und deutete mit einer Handbewegung auf die Seile.

Tessa spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, und war gleichzeitig verwundert, dass sie unter diesen Umständen tatsächlich noch die Kraft hatte, peinlich berührt zu reagieren. Sollte sie ihm die Wahrheit sagen? Bestand vielleicht die Möglichkeit, dass er doch der Magister war? Andererseits hätte ein Mann mit seinem Äußeren es wohl kaum nötig gehabt, ein Mädchen fesseln und einsperren zu lassen, damit sie ihn heiratete.

»Hier. Halten Sie das mal.« Er reichte ihr den glühenden Stein. Als Tessa ihn entgegennahm, erwartete sie fast, sich die Finger daran zu verbrennen, doch der Stein fühlte sich kühl an. In dem Moment, als er ihre Handfläche berührte, erlosch das Licht zu einem schimmernden Flackern. Bestürzt sah Tessa in Richtung des Jungen, aber der war bereits auf die Fensterbank geklettert und schaute hinaus, scheinbar ungerührt. »Ein Jammer, dass wir im dritten Geschoss sind. Mir würde ein Sprung nach unten zwar gelingen, aber Sie würden das vermutlich nicht überleben. Nein, wir müssen durch die Tür und unser Glück durch das Haus versuchen.«

»Durch das Haus versuchen ... wie bitte?« Tessa, die von einem Zustand der Verwirrung in den nächsten fiel, schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht ganz.«

»Wie können Sie das denn nicht verstehen?« Er deutete auf ihre Bücher. »Sie lesen Romane. Da ist es doch offensichtlich, dass ich hier bin, um Sie zu retten. Oder sehe ich etwa nicht aus wie Sir Galahad?«

Theatralisch hob er die Arme. »›Meine Stärke ist die Stärke von zehn, denn mein Herz ist rein ...‹«

Plötzlich ertönte ein schwacher Hall, der aus den Tiefen des Hauses zu kommen schien ... das Echo einer zuschlagenden Tür.

Im nächsten Moment stieß Will ein Wort aus, das Sir Galahad niemals gesagt hätte, und sprang von der Fensterbank. Mit einem schmerzverzerrten Zucken landete er auf dem Boden und warf einen wehmütigen Blick auf seine verletzte Hand. »Darum werde ich mich später kümmern müssen. Kommen Sie, Miss ...«

Er warf ihr einen fragenden Blick zu.

»Miss Gray«, ergänzte Tessa matt. »Miss Theresa Gray.«

»Miss Gray«, wiederholte er. »Folgen Sie mir, Miss Gray.« Er lief an ihr vorbei zur Tür, drehte den Knauf, zog daran und ... Nichts passierte.

»Das geht so nicht«, erklärte Tessa. »Diese Tür lässt sich nicht von innen öffnen.«

Will grinste spöttisch. »Ach nein?« Blitzschnell griff er nach seinem Ledergurt und zückte eines der daran befestigten Objekte, das an einen langen, dünnen Zweig aus einem silbrig weißen Material erinnerte. Dann drückte er den Stab gegen die Tür und begann zu zeichnen. Dicke schwarze Linien flossen aus der Spitze des biegsamen Stabs und erzeugten ein deutliches Zischen, während sie sich wie verschüttete Tusche über die Holzoberfläche der Tür ausbreiteten.

»Sie wollen eine Zeichnung anfertigen?«, fragte Tessa skeptisch. »Ich wüsste wirklich nicht, was das bewirken sollte ...«

Im nächsten Moment ertönte ein Geräusch wie von splitterndem Glas. Der Türknauf, der mit der Stabspitze nicht in Berührung gekommen war, drehte sich ... erst langsam, dann schneller und schließlich sprang die Tür auf, während von ihren Angeln dünne schwarze Rauchfahnen aufstiegen.

»Jetzt wissen Sie es«, sagte Will, steckte das merkwürdige Objekt wieder ein und bedeutete Tessa, ihm zu folgen. »Lassen Sie uns von hier verschwinden.«

Unerklärlicherweise zögerte Tessa einen Moment und wandte sich dem Zimmer zu, das während der vergangenen Wochen ihr Gefängnis gewesen war.

»Meine Bücher ...«

»Ich besorge Ihnen neue Bücher«, erwiderte Will, drängte sie in den Korridor vor ihm und zog die Tür fest zu. Dann packte er sie am Handgelenk und schob sie durch den Flur und um eine Ecke herum. Vor ihnen lag die Treppe, die Tessa so viele Male mit Miranda hinabgestiegen war. Will nahm zwei Stufen auf einmal und zog sie hinter sich her.

Plötzlich ertönte aus dem Geschoss über ihnen ein Schrei — unverkennbar Mrs Darks Stimme.

»Man hat Ihr Verschwinden bemerkt«, stellte Will fest. Inzwischen hatten sie die erste Etage erreicht. Tessa verlangsamte ihre Schritte, wurde aber von Will weitergezerrt, der keine Pause zu dulden schien.

»Wollen wir denn nicht durch die Haustür hinaus?«, fragte Tessa aufgebracht.

»Das geht nicht. Das Gebäude ist umstellt. Vor dem Eingang sind eine ganze Reihe von Kutschen vorgefahren. Offenbar bin ich zu einem unerwartet geschäftigen Zeitpunkt hier eingetroffen.« Dann stürmte er die nächste Treppe hinunter und Tessa folgte ihm.

»Wissen Sie, welche Pläne die Dunklen Schwestern für den heutigen Abend hegten?«, rief er über seine Schulter.

»Nein.«

»Aber Sie haben jemanden namens ›der Magister‹ erwartet, richtig?«

Sie befanden sich nun im Kellergeschoss, wo die verputzten Wände plötzlich feuchten Steinmauern wichen. Ohne Mirandas Laterne erschien der Gang Tessa ausgesprochen dunkel. Dafür schlug ihnen bald eine Hitzewoge entgegen.

»Beim Erzengel, hier unten ist es ja wie im neunten Höllenkreis ...«

»Der neunte Kreis der Hölle ist kalt«, erwiderte Tessa automatisch.

Will blinzelte verwirrt. »Wie bitte?«

»In Dantes Inferno ist die Hölle kalt«, erklärte Tessa. »Sie ist mit Eis bedeckt.«

Will starrte sie eine ganze Weile sprachlos an — dann zuckten seine Mundwinkel und er streckte ihr die Hand entgegen. »Geben Sie mir das Elbenlicht.«

Als er ihren ratlosen Blick sah, schnaubte er ungeduldig. »Den Stein. Geben Sie mir den Stein.«

In dem Moment, in dem er seine Hand um den Stein schloss, flammte das Licht erneut auf und sandte leuchtende Strahlen zwischen seinen Fingern hindurch. Jetzt sah Tessa zum ersten Mal, dass auf Wills Handrücken ein Symbol prangte, als wäre es mit schwarzer Tusche aufgetragen worden — eine Art weit geöffnetes Auge.

»Was die Temperatur der Hölle anbelangt, Miss Gray«, setzte er nun an, »so lassen Sie mich Ihnen den folgenden Rat geben: Der stattliche junge Kavalier, der Sie vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren versucht, liegt niemals falsch. Selbst wenn er behaupten würde, der Himmel sei violett und von Igeln bevölkert.«

Er ist tatsächlich verrückt, dachte Tessa, äußerte diese Vermutung aber nicht laut, denn zu ihrer Beunruhigung steuerte Will auf die breite Flügeltür zum Büro der Dunklen Schwestern zu. »Nein! Nicht!« Sie packte ihn am Arm und riss ihn zurück. »Nicht da entlang. Dort gibt es keinen Ausgang, das ist eine Sackgasse.«

»Korrigiert mich erneut ... verstehe.« Will machte auf dem Absatz kehrt und marschierte in die andere Richtung, auf den dunklen Gang zu, den Tessa immer gefürchtet hatte.

Tessa schluckte einmal kräftig und folgte ihm widerstrebend.

Während sie weiterliefen, wurde der Gang immer enger und die Mauern schienen von beiden Seiten heranzurücken. Mit jedem Schritt stieg die Temperatur und die Hitze sorgte dafür, dass sich Tessas Haare kringelten und ihr an den Schläfen und im Nacken klebten. Die Luft war drückend und bereitete ihr Atemprobleme. Eine Weile lief sie schweigend hinter Will her, dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie musste diese Frage stellen, auch wenn sie wusste, dass die Antwort Nein lauten würde.

»Mr Herondale«, setzte sie an, »hat mein Bruder Sie geschickt, um mich zu befreien?« Fast erwartete sie irgendeinen verrückten Kommentar statt einer Antwort, doch Will warf ihr nur einen erstaunten Blick zu.

»Habe noch nie von Ihrem Bruder gehört«, erwiderte er, was Tessa vor Enttäuschung einen Stich versetzte. Sie wusste zwar, dass Nate den Jungen nicht geschickt haben konnte — denn dann hätte er zumindest ihren Namen gekannt, oder nicht? Aber dieser Gedanke schmerzte trotzdem. »Und auch von Ihnen hatte ich bis zu unserem Kennenlernen vor zehn Minuten noch nie vernommen, Miss Gray. Seit etwa zwei Monaten verfolge ich die Spuren eines toten Mädchens. Sie wurde ermordet — verblutete allein in einer Gasse. Sie muss vor ... vor irgendetwas geflohen sein.« Inzwischen hatten sie eine Stelle erreicht, wo der Gang sich in zwei Wege gabelte, und nach kurzem Zögern entschied Will sich für die linke Abzweigung. »Neben der Toten lag ein Dolch, mit ihrem Blut befleckt. Und darunter befand sich ein Symbol: zwei Schlangen, die einander in den Schwanz beißen.«

Tessa spürte, wie ein Schock durch ihren Körper jagte. Verblutete allein in einer Gasse. Neben ihr lag ein Dolch. Dann musste die Tote die kleine Emma gewesen sein. »Das ist dasselbe Symbol, das auch auf der Kutsche der Dunklen Schwestern prangt ... So nenne ich die beiden, Mrs Dark und Mrs Black.«

»Da sind Sie nicht die Einzige: Die ganze Schattenwelt nennt sie so«, verkündete Will. »Das habe ich bei meinen Nachforschungen herausgefunden. Ich muss diesen Dolch durch etwa hundert Schattenwesen-Lokalitäten geschleppt haben, auf der Suche nach jemandem, der das Symbol wiedererkannte. Habe sogar eine Belohnung für jegliche Informationen ausgesetzt. Und schließlich ist mir der Name der Dunklen Schwestern zu Ohren gekommen.«

»Schattenwelt?«, wiederholte Tessa verwirrt. »Ist das ein Viertel von London?«

»Ach, nicht weiter wichtig«, entgegnete Will. »Ich rühme mich gerade meiner Ermittlerfähigkeiten und würde es vorziehen, dabei nicht unterbrochen zu werden. Wo war ich stehen geblieben?«

»Der Dolch ...«, half Tessa aus, verstummte dann aber, als eine Stimme durch den Gang hallte, eine hohe, süßliche und unverkennbare Stimme.

»Theresa.« Es war Mrs Darks Stimme, die wie dünne Rauchfahnen aus den Mauerritzen zu dringen schien. »Oh, Theresaaa. Wo steckst du?«

Tessa erstarrte. »Mein Gott, sie haben uns eingeholt ...«

Will packte sie erneut am Handgelenk und gemeinsam stürmten sie weiter, wobei das Elbenlicht in Wills anderer Hand wild tanzende Muster auf die Mauern warf. Der Gang wand sich immer tiefer in die Erde und die Steinplatten unter ihren Füßen wurden mit jedem Meter feuchter und rutschiger, während die Luft um sie herum heißer und drückender erschien. Tessa kam es so vor, als würden sie direkt in die Hölle laufen. Gleichzeitig hallten die Stimmen der Dunklen Schwestern von den Mauern. »Theresaaa! Wir werden dich nicht entkommen lassen. Du kannst dich vor uns nicht verstecken! Wir werden dich finden, Schätzchen. Das weißt du doch genau.«

Will und Tessa hasteten um eine Ecke und blieben abrupt stehen: Der Gang endete vor zwei hohen Metalltüren. Will gab Tessas Hand frei und stemmte sich mit der Schulter gegen die Türen ... die ruckartig aufflogen, sodass Will hindurchtaumelte. Tessa folgte ihm auf dem Fuß und wirbelte herum, um die schweren Flügel hinter ihnen zu schließen, was ihr aufgrund des hohen Gewichts jedoch erst gelang, als sie sich mit dem Rücken dagegenstemmte.

Der Raum war vollkommen dunkel und wurde lediglich von Wills glühendem Stein erhellt, der nur noch ein schwaches Glimmen ausstrahlte und sein Gesicht beleuchtete wie ein Scheinwerfer auf einer Theaterbühne. Will griff um Tessa herum, um den Riegel vorzuschieben. Der Metallschieber war sperrig und rostig und Tessa spürte Wills Anspannung, der nun dicht vor ihr stand und angestrengt an dem Riegel zog und zerrte, bis dieser endlich nachgab und die Türen fest versperrte.

»Miss Gray?« Will lehnte sich gegen Tessa, die ihrerseits mit dem Rücken gegen die geschlossenen Türen lehnte. Sie konnte den rasenden Rhythmus seines Pulsschlags fühlen — oder war es ihr eigenes Herz, das so wild schlug? Das seltsame weiße Licht des Steins ließ die scharfen Konturen von Wills Kinnpartie hervortreten und die feinen Schweißperlen auf seinem Schlüsselbein. Auch hier waren diese eigenartigen schwarzen Zeichnungen zu erkennen — sie erstreckten sich über seine Brust hinauf zum aufgeknöpften Hemdkragen, als hätte jemand mit dicker schwarzer Tusche auf seine Haut gemalt.

»Wo sind wir?«, wisperte sie. »Sind wir hier in Sicherheit?«

Statt einer Antwort drückte er sich von der Wand ab und hob die rechte Hand. In dem Moment erstrahlte das Licht wieder heller und beleuchtete den Raum. Sie befanden sich in einer Art Zelle, allerdings von erstaunlicher Größe. Sowohl die Mauern als auch die Decke und der Boden waren mit Steinplatten versehen, die zur Raummitte hin abfielen und zu einer breiten Abflussrinne führten. Bis auf ein Fenster, das in der gegenüberliegenden Wand hoch unter der Decke eingelassen war, gab es keinen anderen Ausgang aus dem Raum — keine weiteren Fenster, keine anderen Türen. Doch nicht dieser Gedanke verschlug Tessa den Atem, sondern der Anblick, der sich ihnen bot:

Dieser Ort war ein Schlachthaus. Lange Holztische erstreckten sich von Wand zu Wand. Und darauf lagen Leichname — menschliche, entkleidete, bleiche Leichname, mit einem tiefen, y-förmigen Einschnitt im Brustkorb. Die Köpfe der Toten baumelten über die Tischkanten und lange Frauenhaare streiften wie Besen über den Steinboden. Auf dem mittleren Tisch stapelten sich blutverschmierte Messer und Maschinenteile — Kupferzahnräder, Messinggetriebe und scharfe Metallsägen.

Entsetzt presste Tessa sich eine Hand in den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken, und schmeckte Blut, als sie sich in die eigenen Finger biss — was Will jedoch nicht zu bemerken schien. Mit aschfahlem Gesicht sah er sich um und murmelte irgendetwas vor sich hin, das Tessa aber nicht verstehen konnte. Plötzlich ertönte ein Krachen und die Metalltüren erbebten, als hätte sich etwas Schweres mit Wucht dagegengeworfen. Tessa ließ ihre blutende Hand sinken und schrie auf: »Mr Herondale!«

Will wirbelte herum, während die Metalltüren erneut bebten. Und dann drang eine Stimme von der anderen Seite zu ihnen: »Miss Gray! Wenn Sie jetzt herauskommen, werden wir Ihnen kein Haar krümmen!«

»Sie lügt«, warf Tessa rasch ein.

»Ach nein, wirklich?«, erwiderte Will sarkastisch, steckte sein glühendes Elbenlicht ein und sprang auf den mittleren Tisch mit den blutbespritzten Maschinenteilen. Dann bückte er sich, nahm ein schweres Messingzahnrad, wog es in der Hand und warf es mit einem angestrengten Ächzen in Richtung des hohen Fensters. Sekundenbruchteile später splitterte die Glasscheibe und Will rief mit erhobener Stimme:

»Henry! Ich könnte etwas Hilfe gebrauchen! Henry!«

»Wer ist Henry?«, fragte Tessa, doch in diesem Moment erbebten die Türen ein drittes Mal und dünne Risse zeichneten sich im Metall ab. Die Türen würden nicht sehr viel länger standhalten. Tessa stürzte zum Tisch in der Raummitte und schnappte sich willkürlich eine Waffe — eine zerklüftete Metallsäge, mit der Metzger normalerweise Knochen durchtrennten. Es blieb ihr gerade noch Zeit, sich umzudrehen, als die Türen auch schon aufflogen.

Im Türrahmen standen die Dunklen Schwestern:

Mrs Dark in einem schimmernden hellgrünen Kleid, so lang und hager wie ein Rechen, und Mrs Black, mit hochrotem Gesicht und die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen. Ein leuchtender Kranz aus blauen Funken umgab die beiden wie ein winziges Feuerwerk. Ihr Blick streifte Will, der noch immer auf dem Tisch stand und eine seiner eisklaren Klingen gezückt hatte, und wanderte dann zu Tessa. Mrs Blacks Mund, ein roter Schlitz in ihrem bleichen Gesicht, verzog sich zu einem Grinsen.

»Aber, aber, Miss Gray«, höhnte sie. »Sie hätten es nun wirklich besser wissen müssen: Wir haben Ihnen doch gesagt, was geschieht, falls Sie noch einmal zu fliehen versuchen ...«

»Dann tun Sie es von mir aus! Peitschen Sie mich aus. Schlagen Sie mich zu Tode. Es ist mir egal!«, schrie Tessa und stellte mit Genugtuung fest, dass die Dunklen Schwestern wenigstens ein bisschen verblüfft wirkten. Einen solchen Ausbruch hatten die beiden wohl nicht erwartet, denn bisher hatte Tessa sich immer viel zu sehr vor ihnen gefürchtet, um die Stimme gegen sie zu erheben. »Aber ich werde nicht zulassen, dass Sie mich dem Magister übergeben! Eher sterbe ich!«

»Welch unerwartet scharfe Zunge Sie doch haben, meine liebe Miss Gray«, erwiderte Mrs Black und streifte bedächtig den Handschuh von ihrer rechten Hand, sodass Tessa zum ersten Mal einen Blick darauf werfen konnte: Die Haut war grau und dick wie Elefantenleder und an den Fingerspitzen saßen lange dunkle Krallen, die scharf wie Messer wirkten. Mrs Black musterte Tessa mit einem starren Grinsen.

»Aber wenn wir Ihnen die Zunge aus Ihrem hübschen Köpfchen herausschneiden, lernen Sie vielleicht, sich anständig zu benehmen.«

Dann bewegte sie sich zielstrebig auf Tessa zu, wurde aber umgehend von Will gebremst, der vom Tisch heruntersprang, sich zwischen die beiden stellte und »Malik« rief. Sofort leuchtete die eisweiße Klinge in seiner Hand auf und strahlte wie eine Sternschnuppe.

»Geh mir aus dem Weg, kleiner NephilimKrieger«, fauchte Mrs Black. »Und nimm deine Seraphklingen mit. Dies ist nicht dein Kampf.«

»Da irren Sie sich.« Will kniff die Augen zusammen. »Ich habe schon so manches über Sie gehört, meine Damen. Gerüchte, die fließen wie ein Strom schwarzen Gifts durch die Schattenwelt. Man hat mir erzählt, dass Sie beide ein hübsches Sümmchen für menschliche Leichname zahlen und sich nicht viel darum scheren, wie diese Menschen ihr Leben verloren haben.«

»So viel Wirbel wegen ein paar toter Irdischer«, kicherte Mrs Dark und gesellte sich zu ihrer Schwester, woraufhin Will mit seinem flammenden Schwert einen Schritt zur Seite machte, um sich zwischen Tessa und den beiden Frauen zu postieren. »Wir haben nichts gegen dich, Schattenjäger, es sei denn, du legst es auf einen Streit an. Du bist in unser Territorium eingedrungen und hast damit gegen den Bündnisvertrag verstoßen. Wir könnten dich beim Rat anzeigen ...«

»Sosehr der Rat widerrechtliches Betreten auch missbilligt, so vertritt er sonderbarerweise eine noch viel schärfere Haltung gegenüber dem Enthaupten und Häuten von Personen. In dieser Hinsicht ist er wirklich ein wenig eigentümlich«, erwiderte Will.

»Personen?«, fauchte Mrs Dark. »Du meinst wohl Irdische. Die interessieren euch doch auch nicht mehr als uns.« Dann schaute sie Tessa an: »Hat er dir erzählt, wer er wirklich ist? Er ist kein menschliches Wesen.«

»Das sagen ausgerechnet Sie«, erwiderte Tessa mit zitternder Stimme.

»Und hat sie dir erzählt, wer sie ist?«, wandte Mrs Black sich an Will. »Hat sie dir von ihrer Begabung berichtet? Davon, wozu sie fähig ist?«

»Wenn ich eine Vermutung anstellen sollte, dann würde ich sagen: Es hat gewiss etwas mit dem Magister zu tun«, entgegnete Will.

Mrs Dark musterte ihn misstrauisch. »Du weißt von dem Magister?« Ihr Blick wanderte wieder zu Tessa.

»Ah, verstehe. Du weißt nur das, was sie dir erzählt hat. Der Magister, mein kleiner Engelsknabe, ist ein viel gefährlicherer Mann, als du dir jemals vorstellen kannst. Und er hat schon sehr lange auf jemanden mit Tessas Fähigkeiten gewartet. Man könnte sogar behaupten, er ist derjenige, der dafür gesorgt hat, dass sie überhaupt geboren wurde ...«

Der Rest ihrer Worte ging in einem kolossalen Getöse unter, als die gesamte Ostwand des Raums plötzlich in sich zusammenbrach. Der Anblick erinnerte Tessa an die Darstellungen vom Fall der Mauern Jerichos in ihrer alten Kinderbibel: Wo vorher eine massive Wand gestanden hatte, klaffte nun eine riesige rechteckige Öffnung, aus der sich eine dicke Staubwolke durch den Raum wälzte.

Mrs Dark stieß einen spitzen Schrei aus und raffte mit knochigen Fingern ihre Röcke. Offenbar hatte sie ebenso wenig mit dem Einsturz der Mauer gerechnet wie Tessa.

Will packte Tessas Hand und zog sie an sich, um sie mit seinem Körper vor dem Hagel aus Steinen und Mörtel zu schützen, der auf sie herabprasselte. Als sich seine Arme um sie schlossen, konnte Tessa Mrs Black kreischen hören, und sie drehte den Kopf, um zu sehen, was passierte: Mrs Dark stand wie eine Statue da und zeigte mit einem behandschuhten, zitternden Finger auf das dunkle Loch in der Wand. Inzwischen hatte sich der Staub etwas gelegt und mehrere Schatten, die oberhalb des Trümmerhaufens aufgetaucht waren, nahmen nun Gestalt an: Die schemenhaften Konturen zweier Männer wurden sichtbar, jeder mit einer Klinge bewaffnet, die genau wie Wills Waffe ein seltsames, bläulich weißes Licht ausstrahlten. Engel, dachte Tessa verwundert, sprach ihren Gedanken aber nicht aus. Dieses strahlende Licht — wer oder was konnten die beiden sonst sein?

Mrs Black kreischte erneut schrill auf und stürzte sich mit ausgestreckten Händen, aus denen blaue, explodierende Funken flogen, auf die beiden Gestalten. Tessa hörte, wie jemand einen Schrei ausstieß — einen sehr menschlichen Schrei. Gleichzeitig gab Will sie frei, wirbelte herum und schleuderte sein hell brennendes Schwert in Mrs Blacks Richtung. Die Klinge drehte sich kopfüber um die eigene Achse und bohrte sich tief in ihre Brust. Die Dunkle Schwester schrie auf und zuckte, taumelte rückwärts und fiel krachend auf einen der grässlichen Metzgertische, der in einer Wolke aus aufspritzendem Blut und splitterndem Holz unter ihr zusammenbrach.

Will grinste — allerdings kein freundliches Grinsen. Dann drehte er sich zu Tessa um und sie schauten sich über den Raum hinweg einen kurzen Moment schweigend in die Augen. Sekundenbruchteile später stürmten die beiden Gefährten zu ihm — zwei Männer in eng sitzenden dunklen Anzügen, die sich mit ihren flammenden Waffen so schnell bewegten, dass Tessa das Gefühl hatte, ihre Sicht würde verschwimmen. Sofort wich Tessa zur anderen Wand zurück, um dem Tumult in der Raummitte zu entgehen, wo Mrs Dark wüste Verwünschungen ausstieß und ihre Angreifer mit den brennenden Funken auf Abstand hielt, die sie wie einen feurigen Regen aus ihren Fingern schleuderte. Unterdessen wand Mrs Black sich auf dem Boden. Schwarze Rauchfahnen stiegen aus ihrem Körper auf, als würde sie von innen schwelen. Langsam bewegte Tessa sich auf die offene Tür zu, die zum Gang führte, als zwei kräftige Hände sie packten und zurückrissen. Tessa schrie auf und wehrte sich verzweifelt, doch die Hände, die ihre Oberarme festhielten, waren stark wie Eisen. Entschlossen drehte sie den Kopf zur Seite und schlug ihre Zähne in die Hand, die ihren linken Arm umklammerte. Im nächsten Moment stieß jemand einen Schrei aus und gab sie frei. Als Tessa herumwirbelte, sah sie einen Mann mit einem wirren kupferroten Haarschopf, der sie mit vorwurfsvollem Blick musterte und sich die blutende linke Hand hielt.

»Will!«, rief er. »Will, sie hat mich gebissen!«

»Tatsächlich, Henry?« Wie ein heraufbeschworener Flaschengeist tauchte Will aus dem Chaos von Rauch und Flammen auf und wirkte wie üblich äußerst amüsiert.

Hinter ihm konnte Tessa nun den zweiten seiner Gefährten erkennen: einen muskulösen, braunhaarigen jungen Mann, der die strampelnde Mrs Dark festhielt. Mrs Black war nur noch eine dunkle, bucklige Gestalt auf dem Boden.

Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte Will sich an Tessa: »Es gilt als äußerst unhöflich, andere zu beißen«, teilte er ihr mit. »Alles andere als damenhaft. Hat Ihnen das noch niemand gesagt?«

»Und es gilt als ebenso unhöflich, nach jungen Damen zu grapschen, denen man noch nicht einmal vorgestellt wurde«, entgegnete Tessa förmlich. »Hat Ihnen das noch niemand gesagt?«

Der rothaarige Mann, den Will mit »Henry« angesprochen hatte, schüttelte seine blutende Hand und lächelte reumütig. Er hatte ein freundliches Gesicht, dachte Tessa und bekam fast schon ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn gebissen hatte.

»Will! Pass auf?«, brüllte der Mann mit den braunen Haaren plötzlich. Sofort fuhr Will herum, als auch schon etwas Schweres durch die Luft flog, Henrys Kopf knapp verfehlte und hinter Tessa gegen die Mauer knallte: Ein großes Messingzahnrad, das mit solcher Wucht auf die Wand auftraf, dass es darin stecken blieb wie eine Murmel in einem Teigstück. Tessa wirbelte herum und sah, dass Mrs Black auf sie zustürzte. Ihre fiebrigen Augen wirkten wie feurige Kohlestücke in dem faltigen weißen Gesicht und schwarze Flammen züngelten um den Schwertgriff herum, der aus ihrer Brust herausragte.

»Verdammt ...« Will griff nach dem Heft einer weiteren Klinge in seinem Ledergurt. »Ich dachte, wir hätten dieses Ding erledigt ...«

Mrs Black fletschte die Zähne und machte einen Satz. Will sprang geschickt zur Seite, aber Henry war nicht schnell genug. Die Dunkle Schwester packte ihn, sodass er rückwärts zu Boden ging, und klammerte sich wie eine Zecke an ihn. Fauchend grub sie ihm ihre langen Krallen in die Schultern, woraufhin Henry vor Schmerz aufschrie. Will hatte inzwischen die Waffe gezückt und hoch über den Kopf gehoben. Als er »Uriel!« brüllte, leuchtete das Schwert in seiner Hand auf wie eine brennende Fackel. Tessa taumelte rückwärts gegen die Wand, während er die Klinge durch die Luft sausen ließ. Mrs Black bäumte sich auf, streckte die ausgefahrenen Krallen nach ihm aus ... Doch die Klinge durchschnitt ihr die Kehle: Ihr sauber abgetrennter Kopf fiel herab und rollte über den Boden, während Henry angewidert aufschrie, die Überreste von Mrs Blacks Körper fluchend von sich stieß und hektisch auf die Beine kam, über und über mit schwarzem, dickflüssigem Blut besudelt.

Im nächsten Moment hallte ein ohrenbetäubender Schrei durch den Raum: »NEEEEIIIINNNN!«

Blaue Flammen schlugen aus Mrs Darks Händen und Augen und der braunhaarige Mann, der sie festhielt, musste sie ruckartig freigeben. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fiel er zur Seite, während die Dunkle Schwester auf Will und Tessa zustürmte. Ihre Augen funkelten wie schwarze Fackeln und sie zischte etwas in einer Sprache, die Tessa noch nie gehört hatte — die Worte klangen wie das Knistern von Feuer. Dann hob Mrs Dark eine Hand und schleuderte einen blauen Blitz in Tessas Richtung. Mit einem wütenden Schrei sprang Will vor Tessa, das glühende Schwert weit vor sich ausgestreckt. Der Blitz prallte von der Klinge ab und schlug krachend in eine der Steinmauern ein, die daraufhin in einem seltsamen Licht jäh aufleuchtete.

»Henry«, rief Will, ohne sich umzudrehen, »wenn du Miss Gray bitte an einen sicheren Ort bringen könntest — und zwar bald ...«

Henry legte Tessa gerade eine Hand auf die Schulter, als Mrs Dark einen weiteren Lichtstrahl nach ihr schleuderte. Warum versucht sie, mich zu töten?, überlegte Tessa benommen. Warum mich und nicht Will? Und dann, als Henry sie zu sich heranzog, prallte ein noch stärkerer Blitz von Wills Schwert ab und zerteilte sich in ein Dutzend grell strahlender Lichtzungen. Wie gebannt starrte Tessa auf die unwirkliche Schönheit dieser Lichterscheinung — doch als sie Henrys Stimme hörte, der ihr zubrüllte, sie solle sich auf den Boden werfen, kam seine Warnung zu spät: Eine der lodernden Lichtscherben hatte sich bereits mit unglaublicher Kraft in ihre Schulter gebohrt. Tessa hatte das Gefühl, von einem rasenden Zug überrollt zu werden. Die Wucht riss sie von Henry fort, hob sie in die Höhe und ließ sie rückwärts gegen die Mauer prallen, wobei ihr Kopf mit brutaler Gewalt gegen die Steine schlug. Tessa konnte gerade noch Mrs Darks hohes keckerndes Gelächter hören — dann verlor sie das Bewusstsein und um sie herum wurde alles schwarz.

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