17 Das Nahen der dunklen Zeit

Der alte Turm nebst Gartenmauer —

nass-schwarz im Herbstekleid.

Und trostlos künden Wind und Schauer das Nah’n der dunklen Zeit.

Emily Bronte, »Der alte Turm«

Während Charlotte in die Bibliothek stürmte, um die Brigade zu verständigen und auf einen Notfalleinsatz vorzubereiten, blieb Henry zusammen mit Nathaniel und den anderen im Salon zurück. Er war überraschend geduldig mit Tessas Bruder, als dieser auf einem Stadtplan von London den Ort suchte, wo er de Quinceys Versteck vermutete — ein Haus in Chelsea, in unmittelbarer Nähe der Themse.

»Ich weiß nicht, um welches Haus es sich genau handelt«, räumte Nate ein, »daher sollten Sie besser vorsichtig sein.«

»Wir sind immer vorsichtig«, erwiderte Henry und ignorierte Will, der ihm bei dieser Bemerkung einen sarkastischen Seitenblick zuwarf. Doch kurz darauf schickte er Will und Jem in die Waffenkammer, um zusammen mit Thomas eine Auswahl von Seraphklingen und anderen Rüstungsgegenständen zusammenzustellen. Tessa blieb mit Jessamine und Nate im Salon, während Henry in sein Labor in der Krypta eilte, um einige seiner jüngsten Erfindungen zu holen. Sobald die anderen den Raum verlassen hatten, nahm Jessamine ihre Bemühungen um Nate wieder auf: Sie scharwenzelte um ihn herum, legte weitere Holzscheite auf, brachte ihm eine zweite Decke für seine Schultern und bot an, ein Buch zu holen, aus dem sie ihm vorlesen könne — was Nate jedoch dankend ablehnte. Falls Jessamine hoffte, sein Herz gewinnen zu können, indem sie sich viele Umstände machte, stand ihr eine herbe Enttäuschung bevor, überlegte Tessa. Denn Nate erwartete, dass man sich viele Umstände um ihn machte, und würde ihre Gefälligkeiten kaum wahrnehmen.

»So, und was geschieht nun als Nächstes?«, fragte er, halb begraben unter einem Berg von Decken. »Mr und Mrs Branwell ...«

»Ach, nennen Sie sie doch Henry und Charlotte. Das machen wir alle so«, warf Jessamine ein.

»Die beiden werden die Brigade benachrichtigen — das sind sämtliche in London ansässigen Schattenjäger — und ihnen die Position von de Quinceys Versteck mitteilen, damit sie einen Angriff planen können«, erklärte Tessa. »Aber darüber solltest du dir nun wirklich keine Gedanken machen, Nate. Du brauchst Ruhe.«

»Das heißt also, dass nur wir drei hier zurückbleiben«, murmelte Nate mit geschlossenen Augen. »Allein in diesem großen alten Gebäude. Irgendwie unheimlich.«

»Keine Sorge, Will und Jem werden ebenfalls zugegen sein«, beschwichtigte Jessamine ihn. »Als ich eben die Decke geholt habe, bin ich an der Waffenkammer vorbeigekommen und habe gehört, dass die beiden Charlotte und Henry nicht begleiten werden.«

Ruckartig öffnete Nate die Augen. »Ach, nein?«, fragte er erstaunt. »Und warum nicht?«

»Sie sind zu jung«, erläuterte Jessamine. »Schattenjäger werden erst mit achtzehn volljährig — und bei Aktionen, die derart gefährlich sind, dass man die gesamte Brigade dafür benötigt, lässt man die jüngeren in der Regel zu Hause.«

Bei diesen Worten verspürte Tessa ein Gefühl der Erleichterung, das sie selbst überraschte und hastig zu kaschieren versuchte: »Aber das ist ja merkwürdig. Zu de Quincey durften Will und Jem die anderen begleiten ...«

»Und das ist genau der Grund, warum sie jetzt hierbleiben müssen. Anscheinend vertritt Benedict Lightwood die Ansicht, dass die Razzia in de Quinceys Stadtvilla nur deshalb so schlecht verlaufen ist, weil Will und Jem nicht hinreichend ausgebildet seien. Was das Ganze allerdings mit Jem zu tun haben soll, verstehe ich auch nicht. Wenn du mich fragst, sucht Lightwood nur nach einer Ausrede, um Gabriel zu Hause lassen zu können, obwohl der bereits volljährig ist. Er verhätschelt ihn wie ein kleines Kind. Und Charlotte hat er erzählt, dass schon ganze Brigaden in einer einzigen Nacht ausgelöscht wurden und dass die Nephilim die Pflicht hätten, die jüngere Generation aus der Schusslinie zu nehmen, damit diese das Werk ihrer Vorfahren fortsetzen könnten.«

Tessa verspürte einen Stich im Magen, doch bevor sie etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür und Thomas betrat den Raum, einen Stapel zusammengefalteter Kleidung auf dem Arm.

»Hier sind ein paar abgelegte Sachen vom jungen Herrn Jem«, wandte er sich leicht verlegen an Nate.

»Es hat den Anschein, als besäßen Sie ungefähr die gleiche Größe, und irgendetwas müssen Sie ja tragen. Wenn Sie mich zurück auf Ihr Zimmer begleiten wollen, können wir nachsehen, ob Ihnen etwas davon passt.«

Jessamine rollte mit den Augen — aus welchem Grund vermochte Tessa aber nicht zu sagen. Vielleicht fand sie abgelegte Kleidung ja unter Nates Würde.

»Vielen Dank, Thomas«, sagte Nate und erhob sich aus dem Sessel. »Und ich muss mich für mein Verhalten von vorhin entschuldigen, als ich ... äh, als ich mich vor dir versteckt habe. Wahrscheinlich hatte ich einen Fiebertraum — das ist die einzige Erklärung.«

Thomas errötete. »Ich mache nur meine Arbeit, Sir.«

»Vielleicht solltest du dich etwas schlafen legen«, schlug Tessa vor, die die dunklen Ringe unter den müden Augen ihres Bruders bemerkte. »Im Augenblick können wir sowieso nichts tun — jedenfalls nicht, solange sie nicht zurück sind.«

»Ehrlich gesagt«, setzte Nate an und schaute von Jessamine zu Tessa, »habe ich genug geruht. Ein Mann muss schließlich irgendwann mal wieder auf die Beine kommen, oder nicht? Ich könnte jetzt einen Happen vertragen und gegen etwas Gesellschaft beim Essen hätte ich gewiss nichts einzuwenden — falls es Ihnen nichts ausmacht, mich hier wieder zu treffen, sobald ich angekleidet bin?«

»Aber natürlich nicht!«, flötete Jessamine entzückt.

»Ich werde Agatha bitten, uns eine Kleinigkeit zuzubereiten — am besten Sandwiches und Tee. Und vielleicht könnten wir ja nach dem Essen eine Partie Karten spielen.« Aufgeregt klatschte sie in die Hände, und während Thomas und Nate den Raum verließen, wandte sie sich mit leuchtenden Augen an Tessa.

»Wäre das nicht ein wundervolles Vergnügen?«

»Karten spielen?«, fragte Tessa schockiert — Jessamines Vorschlag hatte ihr förmlich die Sprache verschlagen. »Denkst du ernsthaft, wir sollten jetzt Karten spielen? Während Henry und Charlotte in die Nacht hinausmüssen, um gegen de Quincey zu kämpfen?«

Jessamine warf den Kopf in den Nacken. »Als ob es ihnen irgendetwas nutzen würde, wenn wir Trübsal blasen. Ich bin mir sicher, dass sie es lieber sähen, wenn wir während ihrer Abwesenheit heiter und vergnügt sind, statt tatenlos und sauertöpfisch herumzusitzen.«

Tessa runzelte die Stirn. »Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee war, Nate zum Kartenspielen aufzufordern, Jessamine«, gab sie zu bedenken. »Du weißt ganz genau, dass er ... Schwierigkeiten ... mit Glücksspielen hat.«

»Hier geht es nicht um Glücksspiel, sondern um eine harmlose Partie Karten«, erwiderte Jessamine blasiert. »Also wirklich, Tessa, musst du denn immer solch ein Miesepeter sein?«

»Ein was? Jessamine, ich weiß, dass du nur versuchst, Nate bei guter Laune zu halten. Doch das ist nicht der richtige Weg ...«

»Ach, wirklich? Aber du verstehst dich ja ganz vorzüglich darauf, das Herz eines Mannes zu gewinnen, nicht wahr?«, schnappte Jessamine mit entrüstet funkelnden Augen. »Glaubst du, ich hätte nicht bemerkt, wie du Will mit großen Hundeaugen ansiehst? Als ob er überhaupt ... Ach, vergiss es!« Aufgebracht warf sie die Hände in die Luft. »Du machst mich krank. Ich werde jetzt mit Agatha reden, und zwar ohne dich.«

Damit erhob sie sich, rauschte aus dem Salon und hielt nur noch einen kurzen Moment in der Türöffnung inne. »Es ist mir ja bekannt, dass du keinen allzu großen Wert auf dein Äußeres legst, Tessa, aber du solltest dir wenigstens einmal die Haare kämmen! Sie sehen aus, als würden Vögel darin nisten!«, bemerkte sie spitz und warf die Tür krachend hinter sich zu. Obwohl Tessa es eigentlich besser wusste, versetzten Jessamines Worte ihr dennoch einen Stich. Eilig lief sie auf ihr Zimmer, spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und fuhr sich mit der Bürste durch die wirren Haare. Während sie ihr eigenes bleiches Antlitz im Spiegel betrachtete, versuchte sie, sich nicht mit der Frage zu beschäftigen, ob sie noch immer wie die kleine Schwester aussah, die Nate in Erinnerung haben musste — oder wie sehr sie sich möglicherweise verändert hatte.

Als sie mit dem Kämmen fertig war, stürmte sie hinaus in den Flur — und wäre fast mit Will zusammengestoßen, der an der gegenüberliegenden Wand lehnte und eingehend seine Nägel studierte. Wie üblich schenkte er der Etikette nicht die geringste Beachtung: Statt Weste und Gehrock trug er nur ein weißes Hemd, über dessen Brust kreuzweise breite Ledergurte verliefen. Offenbar hatte er sich eine lange, schmale Klinge auf den Rücken geschnallt — Tessa konnte das Heft der Waffe über seiner Schulter aufragen sehen — und auch in seinen Gürtel hatte er weitere lange weiße Seraphschwerter geschoben.

»Ich ...«, setzte Tessa an, doch dann fielen ihr wieder Jessamines Worte ein: »Glaubst du, ich hätte nicht bemerkt, wie du Will mit großen Hundeaugen ansiehst?« Die Elbenlichter im Korridor flackerten leise. Tessa hoffte inständig, dass ihr Licht nicht ausreichte, um Will die verräterische Röte auf ihren Wangen zu zeigen. »Ich dachte, du würdest die Brigade heute Abend nicht begleiten«, presste sie schließlich hervor, um wenigstens irgendetwas zu sagen.

»Das habe ich auch nicht vor. Ich bringe lediglich diese Waffen hinunter zu Charlotte und Henry, die bereits im Innenhof warten. Benedict Lightwood hat angeboten, seine Kutsche zu schicken; die ist deutlich schneller als unsere. Sie müsste jeden Moment hier eintreffen.« Tessa glaubte, ein Lächeln um Wills Lippen zu sehen, war sich aufgrund des Dämmerlichts im Flur aber nicht vollkommen sicher. »Sorgst du dich etwa um meine Sicherheit? Oder wolltest du mir vielleicht sogar ein Andenken als Zeichen deiner Gunst überreichen, das ich dann wie Wilfred of Ivanhoe mit in die Schlacht tragen kann?«

»Dieses Buch habe ich nie gemocht«, erwiderte Tessa. »Rowena war ja so eine dumme Nuss. Ivanhoe hätte sich für Rebecca entscheiden sollen.«

»Für die dunkelhaarige Maid und nicht für das blonde Edelfräulein? Wirklich?«, entgegnete Will und Tessa war sich nun ziemlich sicher, dass er lächelte.

»Will ...?«

»Ja?«

»Glaubst du, der Brigade wird es gelingen, ihn zu töten? De Quincey, meine ich.«

»Ja«, verkündete Will ohne das geringste Zögern.

»Die Zeit der Verhandlungen ist vorüber. Wenn du jemals einen Terrier beim Rattenbeißen erlebt hast ... nun ja, vermutlich hattest du bisher keine Gelegenheit dazu. Aber genau so wird es heute Abend ablaufen:

Die Brigade wird einen Vampir nach dem anderen erledigen, bis sie alle vernichtet sind.«

»Du meinst, in London wird es keine Vampire mehr geben?«

»Vampire wird es immer geben«, erwiderte Will achselzuckend. »Aber de Quinceys Clan wird von der Erdoberfläche verschwunden sein.«

»Und wenn alles vorüber ist, wenn der Magister nicht mehr existiert, dann gibt es für Nate und mich vermutlich auch keinen Grund mehr, noch länger im Institut zu bleiben, oder?«

»Ich ...« Will schien aufrichtig bestürzt. »Ich vermute ... nun ja, das ist wahrscheinlich richtig. Ich könnte mir vorstellen, dass du es vorziehst, an einem weniger ... gewaltbeherrschten Ort zu wohnen. Vielleicht bekommst du ja sogar ein paar der schöneren Ecken Londons zu sehen. Westminster Abbey ...«

»Am liebsten würde ich nach Hause zurückkehren«, sagte Tessa. »Nach New York.«

Will schwieg.

Das Elbenlicht im Korridor war inzwischen fast erloschen und in den Schatten konnte Tessa Wills Gesicht kaum noch wahrnehmen.

»Es sei denn, es gäbe für mich einen Grund hierzubleiben«, fuhr sie fort, selbst ein wenig verwundert, was sie damit gemeint haben mochte. Es fiel ihr deutlich leichter, auf diese Weise mit Will zu reden — wenn sie sein Gesicht nicht sehen und nur seine Anwesenheit dicht vor ihr im dunklen Flur spüren konnte.

Im nächsten Moment fühlte sie, wie seine Finger leicht über ihren Handrücken streiften. »Tessa«, sagte er leise. »Bitte mach dir keine Sorgen. Schon bald wird alles geregelt sein.«

Tessas Herz pochte wild und schmerzhaft gegen ihre Rippen. Schon bald würde was geregelt sein? Er konnte unmöglich das Gleiche im Sinn haben wie sie — er musste irgendetwas anderes gemeint haben.

»Verspürst du denn nicht den Wunsch, nach Hause zurückzukehren?«, fragte sie atemlos.

Will bewegte sich nicht. Seine Finger berührten noch immer ihren Handrücken. »Ich werde niemals nach Hause zurückkehren können.«

»Aber warum denn nicht?«, wisperte Tessa, doch es war bereits zu spät. Sie spürte, wie er sich innerlich von ihr entfernte und einen Sekundenbruchteil später auch seine Hand zurückzog. »Ich weiß, dass deine Eltern hierher zum Institut gekommen sind, als du gerade zwölf warst, und dass du dich geweigert hast, mit ihnen zu sprechen. Aber warum? Was haben sie dir angetan, das so schrecklich war?«

»Sie haben gar nichts getan.« Will schüttelte den Kopf. »Ich muss gehen. Henry und Charlotte erwarten mich.«

»Will«, setzte Tessa an, doch er hatte sich schon abgewandt und schritt davon — eine schlanke dunkle Gestalt, die in Richtung Treppe eilte. »Will«, rief sie ihm hinterher. »Will, wer ist Cecily?«

Aber der junge Schattenjäger war bereits verschwunden.

Als Tessa in den Salon zurückkehrte, saßen Nate und Jessamine wieder beieinander. Tessa marschierte direkt zum Fenster und schaute hinaus: Jem, Henry, Will und Charlotte hatten sich unten im Innenhof versammelt und warfen in der Abendsonne lange dunkle Schatten auf die Stufen zur Institutstür. Henry trug sich gerade eine weitere Heilrune auf, während Charlotte den beiden jungen Männern letzte Anweisungen zu erteilen schien. Jem nickte, doch selbst aus der Entfernung konnte Tessa erkennen, dass Will, der mit verschränkten Armen dastand, nur widerstrebend zuhörte. Er möchte sie gern begleiten, schoss es ihr durch den Kopf. Er will nicht hierbleiben. Vermutlich verspürte Jem den gleichen Wunsch, doch er würde sich deswegen niemals beschweren. Das war der große Unterschied zwischen den beiden ... jedenfalls einer der Unterschiede, überlegte sie.

»Tessie, bist du sicher, dass du nicht mitspielen möchtest?«, wandte Nate sich an seine Schwester. Er saß wieder in seinem Lehnsessel, eine Decke über den Beinen. Zwischen ihm und Jessamine stand ein kleiner Beistelltisch, auf dem Tessa neben einem silbernen Teeservice und einem Teller mit Sandwiches ein Kartenspiel entdeckte. Nates Haare wirkten feucht, als hätte er sie gewaschen, und er trug Jems Kleidung. Tessa konnte zwar deutlich sehen, dass Nathaniel abgenommen hatte, doch Jem besaß eine solch schlanke Statur, dass sein Hemd ihrem Bruder an Hals und Manschetten noch immer etwas zu eng war — trotz der Tatsache, dass Jem breitere Schultern hatte, wodurch Nate in Jems Gehrock wiederum ein wenig verloren wirkte.

Langsam wandte Tessa sich wieder dem Fenster zu:

Inzwischen war eine große schwarze Kutsche vorgefahren, auf deren Schlag ein Wappen mit zwei brennenden Fackeln prangte. Während Henry und Charlotte einstiegen, waren Will und Jem längst aus der Sicht verschwunden.

»Natürlich ist sie sich sicher«, rümpfte Jessamine die Nase, als Tessa nicht antwortete. »Sehen Sie sie sich doch nur mal an: ein Abbild unverhohlener Missbilligung.«

Tessa riss sich vom Fenster los. »Missbilligung wäre zu viel gesagt — es erscheint mir nur nicht richtig, jetzt Karten zu spielen, während Henry und Charlotte und die anderen da draußen ihr Leben riskieren.«

»Jaja, das sagtest du bereits.« Jessamine legte ihre Karten nieder. »Also wirklich, Tessa. Diese Situation erleben wir hier im Institut andauernd: Sie ziehen in den Kampf hinaus, sie kehren zurück. Weiß Gott nichts, worüber man sich den Kopf zerbrechen müsste.«

Tessa biss sich auf die Lippe. »Ich habe das Gefühl, dass ich mich wenigstens hätte verabschieden oder viel Glück wünschen sollen, aber bei den ganzen hektischen Vorbereitungen ...«

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sagte Jem, der in dem Moment den Salon betrat, dicht gefolgt von Will. »Schattenjäger verabschieden sich nicht, jedenfalls nicht kurz vor einer Schlacht. Und ›viel Glück‹ wünschen wir uns auch nicht. Stattdessen verhalten wir uns so, als sei die Rückkehr eine Gewissheit und keine Glückssache.«

»Wir brauchen kein Glück«, ergänzte Will und warf sich neben Jessamine in einen Sessel, die ihm daraufhin einen wütenden Blick zuschoss. »Schließlich erfüllen wir einen himmlischen Auftrag. Mit Gott an unserer Seite, welche Rolle spielt da schon Glück?«, fügte er überraschend bitter hinzu.

»Ach, nun sei doch nicht so deprimierend, Will«, mäkelte Jessamine. »Wir wollen hier in Ruhe Karten spielen. Entweder du machst mit oder du hältst den Mund.«

Skeptisch hob Will eine Augenbraue. »Was spielt ihr denn?«

»Pope pan«, erwiderte Jessamine kühl und teilte die Karten aus. »Ich war gerade dabei, Mr Gray die Regeln zu erklären.«

»Miss Lovelace meinte, man gewinne, indem man möglichst schnell sämtliche Karten ablegt. Das erscheint mir widernatürlich«, bemerkte Nate und warf Jessamine über den Beistelltisch ein strahlendes Lächeln zu, das diese mit tiefen Grübchen in den Wangen erwiderte.

Gereizt zeigte Will auf die dampfende Tasse neben Nathaniels Ellbogen. »Ist da auch Tee drin?«, erkundigte er sich sarkastisch, »oder handelt es sich um puren Brandy?«

Nate errötete. »Brandy ist der Gesundheit sehr beförderlich.« »Genau«, bestätigte Jem mit einer leichten Schärfe in der Stimme. »Und viele Männer befördert er direkt ins Armenhaus.«

»Also wirklich! Ihr beide seid ja solche Heuchler! Es ist doch nicht so, als ob Will niemals trinken würde und Jem ...« Jessamine verstummte und biss sich auf die Lippe. »Ihr zwei macht nur deshalb so viel Aufhebens, weil Henry und Charlotte euch nicht mitnehmen wollten«, verkündete sie abschließend. »Weil ihr nämlich zu jung seid.« Dann drehte sie sich zu Nate und warf ihm unter gesenkten Wimpern einen koketten Blick zu: »Ich persönlich bevorzuge ja die Gesellschaft reiferer Herren.«

Nate ist gerade einmal zwei Jahre älter als Will, dachte Tessa indigniert, und als »reif« kann man ihn beim besten Willen nicht bezeichnen. Doch ehe sie etwas erwidern konnte, hallte das Dröhnen eines großen Gongs durch die Flure des Instituts.

Überrascht hob Nate die Augenbrauen. »Ich dachte, dies wäre keine richtige Kirche. Und hier gäbe es keine Glocken.«

»Das war auch kein Kirchengeläut«, erwiderte Will und erhob sich unverzüglich. »Das ist der Klang der Türglocke. Es bedeutet, dass jemand vor dem Tor steht und eine Unterredung mit den Schattenjägern wünscht. Und da James und ich die einzigen zurzeit anwesenden Nephilim sind ...« Will warf Jessamine einen bedeutungsvollen Blick zu und Tessa erkannte, dass er darauf wartete, dass das Mädchen ihm widersprach und protestierte, auch sie sei eine Nephilim. Doch Jessamine war zu sehr damit beschäftigt, Nate anzulächeln, der sich nun vorbeugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Keiner der beiden schien sich auch nur im Geringsten dafür zu interessieren, was um sie herum vorging.

Jem schaute zu Will und schüttelte den Kopf. Dann wandten sich beide zum Gehen, und kurz bevor Jem die Tür hinter sich schloss, sah er Tessa quer durch den Raum in die Augen und zuckte resigniert die Achseln. Ich wünschte, du wärst eine Schattenjägerin, glaubte sie in seinem Blick zu lesen, aber vielleicht erhoffte sie sich das ja auch bloß. Vermutlich lächelte er ihr nur freundlich zu, ohne jede tiefere Bedeutung. Nate schenkte sich selbst eine weitere Tasse heißen Brandy ein. Er und Jessamine gaben nicht länger vor, Karten zu spielen; stattdessen hatten sie die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten miteinander. Tessa verspürte ein dumpfes Gefühl der Enttäuschung. Irgendwie hatte sie erwartet, Nates Martyrium hätte ihn nachdenklicher gemacht — aufgeschlossener gegenüber der Tatsache, dass es in der Welt wichtigere Dinge gab als die sofortige Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Von Jessamine hatte sie nichts anderes erwartet, doch die Eigenschaften ihres Bruders, die Tessa einst als liebenswürdig empfunden hatte, zerrten nun auf eine Weise an ihren Nerven, die sie selbst überraschte.

Erneut lehnte sie sich gegen die Fensterscheibe und schaute hinunter in den Innenhof, wo nun eine Kutsche vorgefahren war. Will und Jem standen auf den Treppenstufen, in Begleitung eines elegant gekleideten Mannes — schwarzer Frack, hoher Hut aus teurer Seide und eine weiße Weste, die im Schein der Elbenlichtfackeln aufleuchtete. Auf Tessa wirkte der Mann wie ein Irdischer, obwohl sich das aufgrund der Entfernung nur schwer sagen ließ. Während sie zusah, hob der Mann beide Arme und machte eine ausladende Geste, worauf Will Jem anschaute und dieser nickte. Worüber um alles in der Welt reden die drei?, fragte Tessa sich.

Nachdenklich sah sie an dem Mann vorbei, bis ihr Blick an seiner Kutsche haften blieb, und sie erstarrte. Statt eines Wappens prangte der Name eines Unternehmens auf dem Schlag: Mortmain & Company.

Mortmain. Der Mann, für den ihr Vater gearbeitet hatte, der Mann, den Nathaniel erpresst hatte und der ihren Bruder in die Verborgene Welt eingeführt hatte. Was hatte er hier zu suchen?

Erneut betrachtete Tessa ihren Bruder und ihre anfängliche Verärgerung wich dem überwältigenden Gefühl, ihn beschützen zu müssen: Falls er erfuhr, dass Mortmain hier war, würde ihn das zweifellos sehr belasten. Deshalb erschien es ihr sinnvoller, erst einmal herauszufinden, was Nathaniels ehemaliger Arbeitgeber eigentlich wollte. Leise rutschte sie von der Fensterbank und ging ruhig zur Tür. Nate, der mit Jessamine angeregt ins Gespräch vertieft war, schien ihr Gehen kaum zu bemerken.

Mit erstaunlicher Mühelosigkeit fand Tessa den Weg zu der massiven Wendeltreppe, die sich im Zentrum des Instituts vom obersten Stock bis zum Erdgeschoss erstreckte. Offenbar kannte sie sich inzwischen im Inneren des großen Gebäudes doch recht gut aus, konstatierte sie, während sie die Stufen hinunterlief und vor dem Eingangsportal auf Thomas stieß.

Er hielt ein gewaltiges Schwert in den Händen, die Spitze auf den Steinboden gestützt, und zog eine todernste Miene. Die wuchtige, doppelflügelige Institutstür stand weit offen und zeigte einen rechteckigen Ausschnitt der blauschwarzen Abenddämmerung, nur erhellt von den flackernden Elbenlichtfackeln im Innenhof. Als Thomas Tessa bemerkte, drehte er sich verblüfft zu ihr um. »Miss Gray?«

Tessa senkte ihre Stimme. »Was geht da draußen vor, Thomas?«

Der junge Mann zuckte die Achseln. »Das ist Mr Mortmain«, erwiderte er leise. »Eigentlich wollte er mit Mr und Mrs Branwell sprechen, aber da beide nicht im Haus sind ...«

Entschlossen marschierte Tessa auf die Tür zu. Einen winzigen Moment schaute Thomas verblüfft, setzte sich dann aber rasch in Bewegung, um sie daran zu hindern. »Miss Gray, ich glaube nicht ...«

»Du wirst schon dein Schwert benutzen müssen, um mich aufzuhalten, Thomas«, beschied Tessa ihm in kühlem Ton, woraufhin Thomas nach kurzem Zögern einen Schritt beiseitetrat. Tessa, die plötzlich Gewissensbisse verspürte, hoffte inständig, dass sie seine Gefühle nicht verletzt hatte, doch der junge Mann wirkte eher erstaunt als gekränkt.

Fast geräuschlos schob sie sich an ihm vorbei, hinaus auf die Stufen der Eingangstreppe, und blieb oberhalb von Will und Jem stehen. Eine kräftige Brise wehte vom Fluss herüber, fuhr ihr durch die Haare und ließ sie erschaudern. Am Fuß der Steintreppe stand der Mann, den sie vom Fenster aus betrachtet hatte. Er war nicht annähernd so groß, wie er von oben ausgesehen hatte: klein und drahtig, mit einem wettergegerbten, freundlichen Gesicht unter dem hohen Hut. Trotz seiner eleganten Kleidung besaß er die natürliche Ausstrahlung eines Seemanns oder Handwerkers — rau, aber aufrichtig.

»Ja«, bestätigte er gerade, »Mr und Mrs Branwell waren so freundlich, mir letzte Woche einen Besuch abzustatten. Und offensichtlich besaßen sie die noch größere Güte, Stillschweigen über unser Treffen zu bewahren.«

»Sie haben der Brigade nichts von Ihren okkulten Experimenten erzählt, falls es das ist, was Sie meinen«, erwiderte Will kurz angebunden.

Mortmain errötete. »Ja, damit haben sie mir einen großen Gefallen erwiesen. Und ich dachte, ich könnte mich dafür revanchieren, indem ich ...« Er verstummte und schaute an Will vorbei zu Tessa. »Wer ist das denn? Eine weitere Schattenjägerin?«

Will und Jem drehten sich gleichzeitig um und bemerkten Tessa auf dem obersten Treppenabsatz. Jem schien erfreut, sie zu sehen, während Will — wie nicht anders zu erwarten war — verstimmt und leicht sarkastisch reagierte. »Konntest wohl wieder nicht umhin, deine Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken, Tessa«, spöttelte er und wandte sich dann an Mortmain. »Dies ist Miss Gray. Nathaniel Grays Schwester.«

Mortmain wirkte betroffen. »Du meine Güte! Das hätte ich eigentlich erkennen müssen: Sie sind ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Miss Gray ...«

»Ehrlich gesagt, bin ich da ganz anderer Ansicht«, bemerkte Will so leise, dass Tessa bezweifelte, dass Mortmain ihn gehört hatte.

»Sie können Nate nicht sprechen, Mr Mortmain«, verkündete Tessa. »Ich weiß zwar nicht, ob das der Grund Ihres Besuchs ist, aber mein Bruder befindet sich nicht in bester Verfassung. Er muss sich in Ruhe von den Torturen erholen können, statt daran erinnert zu werden.«

Die Falten um Mortmains Mundwinkel vertieften sich. »Ich bin nicht gekommen, um Ihren Bruder zu sprechen«, sagte er betrübt. »Es ist mir bewusst, dass ich ihm gegenüber versagt ... meine Pflicht vernachlässigt habe. Daran hat Mrs Branwell keinen Zweifel gelassen ...«

»Sie hätten nach ihm suchen müssen«, stieß Tessa hervor. »Sie haben zugelassen, dass mein Bruder in die Tiefen der Verborgenen Welt gezogen werden konnte.« Ein kleiner Teil ihres Verstandes wunderte sich darüber, dass sie so kühn auftrat, doch das hinderte sie nicht, ungerührt fortzufahren: »Als Nathaniel Ihnen mitteilte, er würde fortan für de Quincey arbeiten, hätten Sie etwas unternehmen müssen. Sie wussten, um welche Sorte Mensch es sich bei de Quincey handelt — wenn man ihn überhaupt als einen Menschen bezeichnen kann.«

»Ich weiß.« Mortmain wirkte grau im Gesicht.

»Das ist auch der Grund meines Kommens. Ich möchte versuchen, meine Unterlassungen wiedergutzumachen.«

»Und was genau schlagen Sie diesbezüglich vor?«, fragte Jem, mit klarer, kräftiger Stimme. »Und warum ausgerechnet jetzt?«

Mortmain wandte sich an Tessa. »Ihre Eltern waren gute, ehrliche Menschen. Ich habe es all die Jahre bedauert, dass sie durch mich mit der Verborgenen Welt in Berührung gekommen sind. Damals habe ich das Ganze für ein amüsantes Spiel gehalten, ein harmloses Vergnügen. Doch inzwischen wurde ich eines Besseren belehrt. Um diese Schuld, die ich auf mich geladen habe, ein wenig zu kompensieren, werde ich Ihnen alles erzählen, was ich weiß — selbst wenn das bedeutet, dass ich England verlassen muss, um de Quinceys Zorn zu entgehen.« Er seufzte und fuhr dann fort: »Vor einiger Zeit gab de Quincey bei mir eine Reihe mechanischer Kleinteile in Auftrag — Zahnräder, Nocken, Getriebe und dergleichen. Ich habe nicht nachgehakt, wofür er sie benötigt; derartige Fragen stellt man dem Magister nicht. Erst als die Nephilim mich aufsuchten, dämmerte mir, dass diese mechanischen Teile möglicherweise einem sinisteren Zweck dienen könnten. Also zog ich Erkundigungen ein und ein Informant innerhalb des Clubs erzählte mir, dass de Quincey eine Armee zu schaffen beabsichtigte, eine Armee aus mechanischen Monstern, die die Schattenjäger vernichten sollen.« Bedrückt schüttelte er den Kopf. »De Quincey und seinesgleichen mögen die Nephilim verachten, aber ich nicht. Ich bin bloß ein kleines Menschlein und weiß nur zu gut, dass die Schattenjäger die Einzigen sind, die zwischen mir und einer Welt stehen, in der ich und alle anderen Menschen zum Spielball von Dämonen würden. De Quinceys Taten kann ich einfach nicht gutheißen.«

»Das klingt ja alles sehr schön«, erwiderte Will mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme, »aber bisher haben Sie uns noch nichts erzählt, was wir nicht bereits wussten.«

»Habt ihr denn auch gewusst, dass de Quincey zwei Hexen namens die Dunklen Schwestern beauftragt hat, eine Verquickungsformel zu entwickeln, mit deren Hilfe diese Kreaturen mit Dämonenenergie belebt werden sollen?«, fragte Mortmain.

»Ja, davon wissen wir«, bestätigte Jem. »Obwohl ich der Überzeugung bin, dass nur noch eine der Dunklen Schwestern existiert — die andere hat Will getötet.«

»Aber ihre Schwester hat sie mithilfe eines Beschwörungszaubers wieder zum Leben erweckt«, entgegnete Mortmain. In seiner Stimme lag ein triumphierender Unterton, als sei er erleichtert, dass er doch noch über eine Information verfügte, die den Schattenjägern bisher gefehlt hatte. »Genau in diesem Moment hocken die beiden Schwestern in einem Herrenhaus in Highgate — das einem anderen Hexenmeister gehörte, bis de Quincey ihn umbringen ließ — und arbeiten an der Verquickungsformel. Und wenn meine Quellen mich richtig informiert haben, werden die Dunklen Schwestern noch heute Nacht versuchen, die Formel anzuwenden.«

Will betrachtete Mortmain aus dunkelblauen, nachdenklichen Augen. »Vielen Dank für diese Informationen«, sagte er, »aber de Quincey wird schon bald keine Bedrohung mehr für uns darstellen — weder er noch seine mechanischen Monster.«

Erstaunt weiteten sich Mortmains Pupillen. »Geht der Rat denn gegen den Magister vor? Vielleicht gar heute Nacht?«

»Du meine Güte«, spöttelte Will. »Sie kennen ja wirklich alle Begriffe — sehr beunruhigend aus dem Munde eines Irdischen«, fügte er hinzu und lächelte freundlich.

»Sie meinen, Sie wollen es mir nicht verraten«, erwiderte Mortmain wehmütig. »Nein, natürlich nicht. Aber Sie sollten wissen, dass de Quincey Hunderte dieser Klockwerk-Kreaturen zur Verfügung stehen. Eine ganze Armee. In dem Moment, in dem die Dunklen Schwestern die Formel sprechen, wird sich diese Armee erheben und de Quincey anschließen. Wenn die Brigade ihn besiegen will, täte sie gut daran sicherzustellen, dass diese Armee nicht zum Einsatz kommt — ansonsten wird es nahezu unmöglich sein, de Quincey und seine Truppen zu schlagen.«

»Wissen Sie etwas Genaueres über den Aufenthaltsort der Dunklen Schwestern — abgesehen von der Tatsache, dass sich das Gebäude in Highgate befindet?«, fragte Jem.

Mortmain nickte. »Gewiss weiß ich das«, erwiderte er und rasselte einen Straßennamen und eine Hausnummer herunter.

»Nun, wir werden all diese Informationen in unsere Überlegungen einfließen lassen«, sagte Will. »Unseren verbindlichsten Dank.«

»In der Tat«, pflichtete Jem ihm bei. »Gute Nacht, Mr Mortmain.«

»Aber ...« Mortmain wirkte bestürzt. »Aber wollen Sie denn gar nichts unternehmen, nach allem, was ich Ihnen erzählt habe?«

»Ich sagte ja bereits, dass wir dies in unsere Überlegungen einbeziehen werden«, teilte Will ihm ungerührt mit. »Und was Sie betrifft, Mr Mortmain, so machen Sie auf mich den Eindruck eines Mannes, der noch eine Verabredung hat.«

»Wie meinen?«, fragte Mortmain. Dann schaute er an sich herab und lachte beim Anblick seines eleganten Fracks leise auf. »Da haben Sie wohl recht. Es ist nur so: Falls der Magister herausfindet, dass ich Ihnen all dies erzählt habe, könnte mein Leben in Gefahr sein.«

»Dann wäre jetzt vielleicht ein günstiger Moment für eine längere Urlaubsreise«, schlug Jem vor. »Ich habe gehört, Italien soll zu dieser Jahreszeit ganz reizend sein.«

Mortmain schaute von Will zu Jem und wieder zurück. Dann schien er aufzugeben, ließ die Schultern hängen und wandte sich an Tessa. »Wenn Sie Ihrem Bruder bitte meine Entschuldigung übermitteln würden ...«

»Ich denke, eher nicht«, entgegnete Tessa. »Aber trotzdem vielen Dank, Mr Mortmain.«

Nach einer langen Pause nickte Mortmain und wandte sich schließlich ab. Tessa, Will und Jem schauten zu, wie er in seine Kutsche kletterte. Dann erschallte lautes Hufgeklapper durch den Innenhof, während das Pferdegespann einen Bogen beschrieb und schließlich durch das Institutstor fuhr.

»Was werdet ihr jetzt tun?«, fragte Tessa in dem Moment, als die Kutsche außer Sicht war. »Ich meine, wegen der Dunklen Schwestern?«

»Der Sache nachgehen, natürlich«, verkündete Will mit glühenden Wangen und vor Begeisterung funkelnden Augen. »Dein Bruder hat gesagt, dass de Quincey Dutzende dieser Kreaturen zur Verfügung stehen, und Mortmain spricht sogar von Hunderten. Falls Mortmain mit seiner Behauptung richtig liegt, müssen wir uns die Dunklen Schwestern vorknöpfen, ehe sie ihre Verquickungsformel anwenden können, denn sonst könnte die Brigade sich unversehens in einem Gemetzel wiederfinden.«

»Aber ... wäre es nicht besser, ihr würdet Henry und Charlotte und die anderen warnen?«

»Und wie?« Will gelang es, dieser kurzen Gegenfrage einen schneidenden Ton zu verleihen. »Vermutlich könnten wir Thomas losschicken, um die Brigade zu warnen, aber wir haben keine Garantie, dass er es rechtzeitig bis dorthin schafft. Und wenn es den Dunklen Schwestern gelingt, die Armee zum Leben zu erwecken, würde er schlichtweg mit den anderen getötet werden. Nein, wir müssen uns die Dunklen Schwestern allein vorknöpfen. Eine der beiden habe ich schon mal getötet, also sollten Jem und ich in der Lage sein, es mit beiden aufzunehmen.«

»Aber vielleicht hat Mortmain sich ja geirrt«, gab Tessa zu bedenken. »Ihr habt schließlich nur sein Wort; möglicherweise hat man ihn bewusst falsch informiert.«

»Möglicherweise«, räumte Jem ein. »Aber kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn er sich nicht irrt? Und wir seine Warnung ignorieren? Die Konsequenzen sind nicht abzusehen und könnten die völlige Vernichtung der Brigade nach sich ziehen.«

Tessa wusste, dass er recht hatte. Ihr sank der Mut.

»Vielleicht könnte ich ja auch helfen. Schließlich habe ich schon mal mit euch zusammen gegen die Dunklen Schwestern gekämpft. Wenn ich euch begleiten würde ...«

»Nein«, sagte Will entschlossen. »Das kommt nicht infrage. Uns steht derart wenig Zeit zur Vorbereitung zur Verfügung, dass wir uns völlig auf unsere Kampffähigkeiten verlassen müssen. Und du besitzt keinerlei Erfahrung.«

»Bei der Soiree ... da habe ich gegen de Quincey gekämpft ...«

»Ich habe Nein gesagt.« Wills Ton war endgültig. Tessa schaute zu Jem, doch auch der zuckte nur entschuldigend mit den Achseln, als wollte er damit sagen, dass er es zwar bedaure, Will jedoch recht habe. Erneut wandte Tessa sich an Will. »Aber was ist mit Boadicea?«

Einen Moment lang hatte es den Anschein, als hätte Will vergessen, was er ihr in der Bibliothek erzählt hatte. Doch dann zuckten seine Mundwinkel, als wollte er ein Lächeln unterdrücken, allerdings ohne Erfolg.

»Eines Tages wirst du wie Boadicea sein, Tessa«, sagte er, »aber nicht heute Abend.« Dann drehte er sich zu Jem um: »Wir sollten Thomas informieren, damit er die Kutsche vorbereitet. Highgate liegt nicht gerade um die Ecke und wir müssen uns beeilen.«

Der dunkle Nachthimmel lag bereits über der ganzen Stadt, als Will und Jem hinaus in den Innenhof traten, bereit, die Kutsche zu besteigen. Thomas überprüfte noch ein letztes Mal das Zaumzeug der Pferde, während Will ein Runenmal auf Jems entblößten Unterarm auftrug, wobei seine Stele in der Dunkelheit hell aufblitzte.

Tessa stand schweigend und missmutig auf den Stufen und schaute den dreien zu — mit einem unbehaglichen Gefühl im Magen.

Nachdem Thomas sich vergewissert hatte, dass das Pferdegeschirr sicher befestigt war, machte er kehrt und lief leichtfüßig die Stufen hinauf. Doch Tessa stoppte ihn mit einer Handbewegung.

»Brechen sie jetzt auf?«, fragte sie. »War das jetzt alles?«

Thomas nickte. »Es ist alles zum Aufbruch bereit, Miss.« Er hatte versuchte, Jem und Will zu überreden, ihn mitzunehmen. Aber Will machte sich anscheinend nun doch Sorgen, dass Charlotte auf Thomas wütend sein könnte, wenn er sich an ihrem Unterfangen beteiligte, und hatte ihm deshalb aufgetragen, im Institut zu bleiben.

»Außerdem brauchen wir einen Mann im Haus«, hatte Will gesagt, »jemanden, der das Institut schützt, solange wir fort sind. Und Nathaniel zählt in dieser Hinsicht nicht«, hatte er mit einem Seitenblick auf Tessa hinzugefügt.

Nun zog Will Jems Ärmel hinunter und bedeckte die frisch aufgetragenen Runenmale, während Jem ihn anschaute und ruhig wartete, bis sein Freund seine Stele wieder eingesteckt hatte. Im Licht der Fackeln wirkten ihre Gesichter wie weiße Flecken.

Unwillkürlich hob Tessa die Hand, ließ sie dann aber langsam wieder sinken. Was hatte Jem noch mal gesagt? »Schattenjäger verabschieden sich nicht, jedenfalls nicht kurz vor einer Schlacht. Und ›viel Glück‹ wünschen wir uns auch nicht. Stattdessen verhalten wir uns so, als sei die Rückkehr eine Gewissheit und keine Glückssache.«

Offenbar hatten die beiden jungen Männer Tessas Geste bemerkt und schauten nun gleichzeitig zu ihr. Tessa glaubte, Wills blaue Pupillen selbst aus dieser Entfernung sehen zu können. Ein seltsamer Ausdruck lag in seinen Augen, als sich ihre Blicke trafen — der Ausdruck eines Menschen, der gerade aufgewacht ist und sich fragt, ob das, was er vor sich sieht, Traum oder Wirklichkeit ist.

Jem löste sich als Erster aus seiner Starre und lief die Stufen zu Tessa hinauf. Als er näher kam, erkannte sie seine glühenden Wangen und die funkelnden, fiebrigen Augen und fragte sich, wie hoch die Dosis des Substrats gewesen sein mochte, die Will seinem Freund zugestanden hatte, damit er kampfbereit war.

»Tessa ...«, setzte Jem an.

»Ich wollte mich gar nicht verabschieden«, erwiderte sie hastig. »Aber ... es erschien mir so merkwürdig, euch ohne jeden Gruß gehen zu lassen.«

Jem musterte sie mit einem eigenartigen Blick und tat dann etwas, das Tessa überraschte: Er nahm ihre Hand, drehte den Handrücken nach oben, sodass Tessa ihre eingerissenen Fingernägel und die noch nicht vollständig verheilten Wunden auf ihren Fingern deutlich sehen konnte, und hauchte einen Kuss auf ihre Hand ... nur eine leichte Berührung seiner Lippen. Als seine seidenweichen Haare dabei ihr Handgelenk streiften, verspürte sie einen elektrisierenden Schlag, der sie zusammenzucken ließ. Sprachlos schaute sie zu, wie Jem sich wieder aufrichtete und ein kleines Lächeln seinen Mund umspielte.

»Mizpa«, sagte er.

Leicht verwirrt blinzelte sie ihn an. »Wie bitte?«

»Das ist eine Art Abschiedsgruß, ohne sich tatsächlich zu verabschieden«, erklärte Jem. »Er bezieht sich auf eine Stelle in der Bibel: ›Und Mizpa, weil er sprach: Jehova sei Wächter zwischen mir und dir, wenn wir einer vor dem anderen verborgen sein werden!‹« Tessa erhielt keine Chance, irgendetwas darauf zu erwidern — denn Jem hatte bereits auf dem Absatz kehrtgemacht und sprang die Stufen hinunter zu Will, der reglos wie eine Statue am Fuß der Treppe stand. Tessa glaubte zu erkennen, dass seine schwarz behandschuhten Hände zu Fäusten geballt waren, aber vielleicht handelte es sich auch nur um eine optische Täuschung im flackernden Licht der Fackeln. Denn als Jem ihn leicht an der Schulter berührte, drehte Will sich lachend um und schwang sich — ohne weiteren Blick in Tessas Richtung — auf den Kutschbock. Dann nahm er die Peitsche, ließ sie einmal über den Köpfen der Pferde durch die Luft knallen und lenkte die Kutsche durch das Tor, dessen Flügel, wie von unsichtbaren Händen bewegt, lautlos hinter dem Gespann zuschwangen. Tessa hörte lediglich, wie das Schloss einrastete — ein lautes Klicken in der Abendstille — und wie einen Moment später irgendwo in der Stadt Glocken läuteten.

Sophie und Agatha erwarteten sie in der Eingangshalle, als Tessa ins Gebäude zurückkehrte. Die Köchin sagte irgendetwas in Sophies Richtung, doch das Dienstmädchen schien gar nicht zuzuhören. Stumm schaute sie Tessa an; in ihrem Blick lag etwas, das Tessa an die Art und Weise erinnerte, wie Will sie Minuten zuvor im Innenhof angesehen hatte. Aber das war einfach lächerlich: Es gab auf der Welt wohl kaum zwei Menschen, die einander weniger ähnlich waren als Sophie und Will.

Als Agatha sich daranmachte, die großen, schweren Portaltüren zu schließen, trat Tessa einen Schritt beiseite. Die Köchin hatte die beiden Flügel gerade schwer schnaufend ins Schloss gedrückt, als sich der Knauf der linken Tür langsam zu drehen begann. Sophie runzelte die Stirn. »So schnell können sie doch nicht wieder zurück sein, oder?«

Verwirrt starrte Agatha auf den sich drehenden Knauf, die Hände noch gegen das Holz der Tür gedrückt — und trat hastig einen Schritt zurück, als der linke Türflügel weit aufgestoßen wurde.

Auf der Schwelle stand eine Gestalt, nur vom Schein der Fackeln im Innenhof beleuchtet. Einen Augenblick lang konnte Tessa lediglich erkennen, dass es sich um eine große, männliche Gestalt in einer zerrissenen Jacke handelte. Dann brachte Agatha, die den Kopf in den Nacken gelegt hatte, um dem Fremden ins Gesicht zu schauen, mit stockender Stimme hervor: »Oh, mein Gott ...«

Einen Sekundenbruchteil später machte die Gestalt eine Handbewegung: Metall blitzte auf und Agatha stieß einen gellenden Schrei aus und taumelte. Sie schien vor dem Fremden zurückweichen zu wollen, doch irgendetwas hielt sie davon ab.

»Gütiger Gott im Himmel«, wisperte Sophie. »Was ist das?«

Einen Moment lang sah Tessa die gesamte Szenerie wie erstarrt vor sich, als handelte es sich um ein Gemälde: die offene Tür und der Klockwerk-Automat ... der Mann mit den gehäuteten Metallhänden und der abgewetzten grauen Jacke, noch immer Jems Blut an den Fingern — schwarzrot getrocknete Krusten auf der grauen, zerfetzten Haut, unter der dicke Kupferstränge schimmerten. Seine blutbefleckte Hand umklammerte Agathas Handgelenk; in der anderen hielt er ein langes, dünnes Messer. Tessa machte einen Schritt nach vorn, doch sie kam zu spät: Die Kreatur schwang die Klinge mit schwindelerregender Schnelligkeit und rammte sie der Köchin tief in die Brust. Agatha rang nach Luft und griff mit beiden Händen nach dem Heft der Waffe. Reglos schaute der zerlumpte, Furcht einflößende Klockwerk-Mann zu, wie sie die Klinge verzweifelt zu entfernen versuchte, dann riss er das Messer mit einer raschen, ruckartigen Bewegung zurück, woraufhin Agatha auf die Knie fiel und zusammenbrach. Doch der Automat wartete nicht ab, bis sie vollends zu Boden gegangen war — er wirbelte herum und marschierte durch die Portaltür hinaus in die Dunkelheit.

Schlagartig erwachte Sophie aus ihrer Schockstarre. Sie schrie Agathas Namen und eilte zu ihr. Gleichzeitig stürmte Tessa zur Eingangstür. Der KlockwerkMann stakste die Stufen hinunter zum verlassenen Innenhof. Entsetzt starrte Tessa ihm nach. Wozu, um alles in der Welt, war die Kreatur hierher gekommen und warum verschwand sie jetzt wieder? Doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt für lange Überlegungen. Resolut griff Tessa nach dem Seil der Türglocke und zog kräftig daran. Als das dröhnende Läuten durch das Gebäude hallte, stemmte sie sich gegen die Portaltür, bis diese ins Schloss fiel. Dann schob sie den Riegel vor und stürzte zu Sophie, um ihr zu helfen.

Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, Agatha auf die andere Seite der Eingangshalle zu schleppen, wo sie sie auf den Boden legten und sich neben sie knieten. Sophie riss mehrere Stoffstreifen von ihrer weißen Schürze, presste sie auf Agathas Wunde und stieß mit panikerfüllter Stimme hervor: »Ich verstehe das nicht, Miss. Eigentlich dürfte niemand in der Lage sein, dieses Portal zu berühren — niemand ohne Schattenjägerblut dürfte die Tür öffnen können.«

Aber der Mann hatte Schattenjägerblut gehabt, erkannte Tessa in plötzlichem Entsetzen: Jems Blut klebte wie rote Farbe an seinen Metallhänden. War das vielleicht der Grund, warum er sich an jenem Abend über Jem gebeugt und ihm die Brust aufgerissen hatte? Und warum er geflohen war, nachdem er bekommen hatte, was er wollte — das Blut des jungen Schattenjägers? Und bedeutete das nicht auch, dass der Klockwerk-Mann jederzeit zurückkehren konnte? Tessa wollte sich gerade aufrichten, doch es war bereits zu spät: Der Riegel, der die beiden Flügel der Portaltür verschlossen hatte, zerbarst mit lautem Krachen in zwei Teile, die polternd zu Boden fielen. Entsetzt schaute Sophie hoch und schrie erneut auf — doch sie wich nicht von Agathas Seite, als die beiden Flügel weit aufflogen und ein rechteckiges Fenster in die dunkle Nacht öffneten.

Der Innenhof lag nicht länger verlassen da: Auf dem Pflaster wimmelte es von Klockwerk-Männern, die mit ungelenken Bewegungen und starren, ausdruckslosen Mienen die Stufen hinaufströmten. Allerdings besaßen sie nicht mehr viel Ähnlichkeit mit den Automaten, die Tessa bisher gesehen hatte. Diese Kreaturen wirkten, als wären sie in größter Eile zusammengeschustert worden: Statt Gesichtern zeigten sie nur glatte Metallovale, die hier und dort mit schuppigen Hautfetzen bedeckt waren. Und einige der Automaten besaßen anstelle von Gliedmaßen lediglich metallene Gerätschaften — eine Sichel statt einer Hand oder eine Säge, die wie eine Parodie eines richtigen Arms aus einem schlaff herunterhängenden Jackenärmel herausschaute.

Tessa rappelte sich auf und warf sich gegen die weit geöffnete Tür, im Versuch, sie zu schließen. Die schweren Flügel ließen sich nur quälend langsam bewegen. Hinter ihr schrie Sophie wieder und wieder Agathas Namen, während diese erschreckend still dalag. Mit dem Mut der Verzweiflung stemmte Tessa sich ein weiteres Mal gegen die Tür ...

Und wich entsetzt zurück, als diese ihr im nächsten Moment aus den Händen und ruckartig aus den Angeln gerissen wurde wie ein aus der Erde gerupftes Grasbüschel. Der Automat schleuderte die schwere Holztür beiseite und stampfte auf Tessa zu, die taumelte und das Gleichgewicht verlor. Die wuchtigen Metallfüße des Klockwerk-Mannes dröhnten dumpf auf dem Steinboden, gefolgt von weiterem Klirren und Rasseln, als mindestens ein Dutzend seiner mechanischen Brüder über die Türschwelle drängte und alle mit ausgestreckten Metallarmen auf Tessa zumarschierten.

Der Mond war bereits aufgegangen, als Will und Jem Highgate erreichten — einen Stadtteil auf einem Hügel im Norden Londons mit einem weiten Ausblick über das still daliegende Häusermeer der Metropole. Das fahle Mondlicht verwandelte den dichten Nebel und den rußigen Kaminqualm, der schwer über der Stadt hing, in eine silberne Wolke. Eine Traumstadt, dachte Will, schwebend in den Sphären. Eine Zeile aus einem Gedicht drängte sich an den Rand seines Bewusstseins ... irgendetwas über das Furcht einflößende Wunder London ... doch die Anspannung des unmittelbar bevorstehenden Kampfes verhinderte, dass er sich an den genauen Wortlaut erinnern konnte. Das georgianische Herrenhaus, dessen Adresse Mortmain Will und Jem gegeben hatte, lag in einer weitläufigen Parklandschaft, die von einer hohen Ziegelmauer umgeben war. Von der Straße aus konnte man lediglich die Spitze des dunklen Mansardendachs erkennen. Ein kalter Schauer jagte Will über den Rücken, als sie sich dem Anwesen näherten, doch das verwunderte ihn nicht weiter. Sie befanden sich in der Nähe eines Waldgebietes namens »Gravel Pit Woods« am Rande der Stadt, wo man zwei Jahrhunderte zuvor, während der verheerenden Pestepidemie, Tausende von Leichnamen einfach auf riesige Haufen geworfen hatte. Bis heute geisterten die zornigen Schatten der Toten, denen ein anständiges Begräbnis verwehrt geblieben war, durch das Viertel und Will hatte aufgrund ihrer Umtriebe mehr als einmal nach Highgate reiten und für Ruhe sorgen müssen.

Ein schwarzes Gittertor in der Gartenmauer verhinderte das unbefugte Betreten des Anwesens, doch Jems Entriegelungsrune machte kurzen Prozess mit dem Schloss. Die beiden Schattenjäger stellten die Kutsche in der Nähe des Tors ab und schlichen die gewundene Auffahrt hinauf, die zum Haupteingang des Herrenhauses führte. Der Weg war von Unkraut überwuchert und in den angrenzenden Gartenanlagen erkannte man die Umrisse zerfallener Nebengebäude und die schwarzen Stümpfe abgestorbener Bäume. Mit fiebrig glänzenden Augen wandte Jem sich an Will. »Wollen wir?«, raunte er.

Sofort zog Will eine Seraphklinge aus dem Gürtel.

»Israfel« wisperte er und die Waffe flammte auf wie das Zucken eines Blitzes. Alle Engelsschwerter leuchteten derartig hell, dass Will jedes Mal erwartete, die Klinge würde eine entsprechende Hitzemenge abstrahlen, doch wie üblich fühlte sie sich auch jetzt eiskalt an. Im nächsten Moment erinnerte er sich daran, wie Tessa ihm erklärt hatte, die Hölle sei kalt, und konnte nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken. Damals waren sie um ihr Leben gelaufen und Tessa hätte eigentlich Todesangst haben müssen, aber sie hatte ruhig dagestanden und ihm Dantes Inferno erläutert.

»Ganz meiner Meinung — es wird Zeit«, bestätigte er Jems Frage leise.

Geräuschlos stiegen sie die Stufen hinauf und untersuchten die Tür, die sich im Gegensatz zu Wills Erwartung als nicht verschlossen entpuppte und mit einem vernehmlichen Quietschen aufschwang. Vorsichtig schoben sich die beiden Schattenjäger ins Haus, wobei das Licht ihrer Seraphklingen ihnen den Weg wies.

Wachsam schauten Will und Jem sich in der imposanten Eingangshalle um: Die hohen Bogenfenster hinter ihnen mussten einst prachtvoll gewesen sein, doch nun wechselten sich intakte Scheiben mit zerborstenen ab und durch die spinnwebartigen Risse im Glas waren die verwilderten und überwucherten Gartenanlagen zu erkennen. Der Marmorboden unter ihren Füßen knirschte bei jedem Schritt und in den zahlreichen Spalten und Rissen wuchsen Unkraut und Gras, genau wie in der Auffahrt. Unmittelbar vor Will und Jem führte eine breite, geschwungene Treppe nach oben, in die Schatten des ersten Geschosses.

»Irgendetwas an Mortmains Angaben kann nicht stimmen«, flüsterte Jem. »Es scheint, als wäre seit Jahrzehnten niemand mehr hier gewesen.«

Doch kaum hatte er seinen Satz beendet, ertönte auch schon ein Klang — ein Klang, der dafür sorgte, dass sich Wills Nackenhaare aufrichteten und die Runenmale auf seinen Schultern schmerzhaft brannten. Eine Art Gesang schwebte durch die kalte Nachtluft, aber kein liebliches Lied, sondern die Schwingungen einer Stimme, die derart hohe Töne erreichte, wie kein menschliches Organ sie zu produzieren vermochte. Über den Köpfen der beiden jungen Männer begannen die Glasanhänger des Kristallleuchters, wie vibrierende Weingläser zu klirren und sirren.

»Offenbar ist doch irgendjemand hier«, erwiderte Will leise. Und dann drehten sich die beiden blitzschnell und ohne jedes weitere Wort so um, dass sie Rücken an Rücken standen. Jem schaute in Richtung der offenen Eingangstür, während Will das breite, geschwungene Treppenhaus ins Auge fasste.

Irgendetwas erschien am oberen Treppenabsatz. Zunächst sah Will nur ein flüchtiges Muster aus dunklen und helleren Flächen, ein Schatten, der sich gleitend bewegte. Als die Erscheinung die Stufen hinunterschwebte, schwoll der Gesang an und Wills Nackenhaare prickelten noch heftiger. Schweißperlen bildeten sich an seinen Schläfen und liefen ihm den Rücken hinunter, trotz der eisigen Luft.

Die schemenhafte Gestalt legte fast die Hälfte der Stufen zurück, ehe er sie erkannte - Mrs Dark. Ihr hochgewachsener, hagerer Körper steckte in einer Art Nonnentracht, ein formloses dunkles Gewand, das von ihrem Hals bis zu den Füßen herabfiel. In einer ihrer Klauen baumelte eine nicht entzündete Laterne. Sie war allein -oder auch nicht, wie Will in dem Moment erfasste, als sie auf dem mittleren Treppenabsatz stehen blieb. Denn bei dem Ding, das sie in der Hand hielt, handelte es sich keineswegs um eine Laterne, sondern um den abgetrennten Kopf ihrer Schwester.

»Beim Erzengel«, wisperte Will. »Sieh dir das an, Jem.«

Sein Freund schaute sich rasch um und stieß einen unterdrückten Fluch aus.

Mrs Blacks Schädel baumelte an einem grauen Haarzopf, den Mrs Dark umklammerte, als sei er ein Objekt von unschätzbarem Wert. Die weit aufgerissenen Augen schimmerten durchgehend weiß, wie hart gekochte Eier. Auch der Mund stand weit offen und ein dünnes Rinnsal getrockneten schwarzen Blutes war bis zu ihrem Kinn hinabgelaufen.

Im nächsten Moment unterbrach Mrs Dark ihren Gesang und kicherte wie ein Schulmädchen. »Böse, böse Jungs«, gurrte sie. »Einfach so in mein Haus einzubrechen. Ihr ungezogenen kleinen Schattenjäger.«

»Hieß es nicht, die andere Schwester sei ebenfalls am Leben?«, murmelte Jem seinem Freund leise zu.

»Vielleicht hat diese hier ja ihre Schwester wiederbelebt und ihr dann erneut den Kopf abgeschlagen?«, raunte Will zurück. »Das erscheint mir zwar wie viel Arbeit für wenig Brot, aber ...«

»Mörder«, fauchte Mrs Dark und fixierte Will. »Es reicht dir wohl nicht, dass du meine Schwester schon einmal umgebracht hast, wie? Nein, du musst zurückkehren und mich daran hindern, ihr ein zweites Leben zu schenken. Weißt du eigentlich ... hast du auch nur die geringste Ahnung ... wie es ist, ganz allein zu sein?«

»Besser als Sie sich jemals vorstellen können«, konterte Will knapp und sah, wie Jem ihm einen verwunderten Seitenblick zuwarf. Das war dumm. Ich hätte so etwas nicht sagen sollen, überlegte Will. Mrs Dark stand schwankend auf dem Treppenabsatz. »Du gehörst zu den Sterblichen. Du bist nur einen winzigen Moment allein, einen einzigen kosmischen Atemzug lang. Aber ich bin für alle Ewigkeit allein«, stieß sie hervor und drückte den abgetrennten Kopf fest an sich. »Was spielt es für euch schon für eine Rolle? Sicherlich gibt es in London dunklere Verbrechen, die die Aufmerksamkeit der Schattenjäger dringender erfordern, als meine jämmerlichen Versuche, meine Schwester wieder zurückzuholen?«

Rasch schaute Will zu Jem, der jedoch nur die Achseln zuckte. Offensichtlich war er genauso verwirrt wie Will.

»Es stimmt zwar, dass Totenbeschwörung gegen das Gesetz verstößt«, sagte Jem, »aber das gilt auch für die Verquickung von Dämonenenergie. Und dieser Tatbestand erfordert unsere Aufmerksamkeit — und zwar ziemlich dringend, würde ich meinen.«

Mrs Dark starrte ihn entgeistert an. »Verquickung von Dämonenenergie?«

»Leugnen hat keinen Zweck — wir kennen Ihre Pläne bis ins Detail«, erwiderte Will. »Wir wissen von den Automaten, von der Verquickungsformel, vom Auftrag des Magisters — den die restliche Brigade genau in diesem Moment in seinem Versteck aufspürt. Sobald sich die Nacht dem Ende entgegenneigt, wird er für immer von der Erdoberfläche verschwunden sein. Und dann gibt es niemanden mehr, an den Sie sich wenden können, und keinen Ort, wo Sie noch Zuflucht finden.«

Bei diesen Worten erbleichte Mrs Dark. »Der Magister?«, wisperte sie. »Ihr habt den Magister gefunden? Aber wie ...?«

»Ganz recht«, bestätigte Will. »De Quincey ist uns einmal entwischt, aber diesmal wird das nicht geschehen. Wir wissen, wo er steckt, und ...«

Doch seine Worte wurden übertönt ... von kreischendem Gelächter. Mrs Dark hielt sich am Treppengeländer fest, krümmte sich vor Lachen und konnte gar nicht mehr aufhören zu wiehern. Verwirrt starrten Will und Jem sie an, bis die Hexe sich endlich wieder fing und langsam aufrichtete. Dunkelgraue Lachtränen liefen ihr über die Wangen. »De Quincey, der Magister?!«, prustete sie. »Dieser tuntige, herausgeputzte Vampir? Oh, welch ein Witz! Ihr Narren, ihr dummen kleinen Narren!«

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