4

Als sich die Tür schloss, wandte sich Kerim an seinen Diener. »Dickon, ich glaube, Talbot ist in der Nähe. Such ihn, und schick ihn herein, ja?«

»Sehr wohl, Herr.« Dickon verneigte sich und verließ die Kammer.

Kaum drang das leise Klicken des Riegels an Shams Ohren, entspannte sie sich und setzte sich in gemütlicherer Haltung mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden.

Der Vogt musterte sie einen Augenblick, dann begann er, leise zu lachen. Seine Schultern hoben und senkten sich zuckend. »Und ich habe mich gefragt, wie wir das über die Bühne bringen sollen. Du musst schon verzeihen, aber als mir Talbot diesen Vorschlag unterbreitet hatte, da dachte ich, er müsste wahnsinnig sein.«

»Als Dieb benötigt man ein gewisses Maß an Unverfrorenheit und einen Hauch schauspielerischer Begabung«, gab sie zurück und klimperte mit den Wimpern in seine Richtung. »Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass für eine Mätresse ähnliche Anforderungen gelten.«

Er nickte. »Das ist zweifellos richtig, aber ich habe schon Krieger erlebt, die beim Anblick meiner Mutter das Zittern bekommen haben.«

Sie setzte zu einer Antwort an, als ein leises Geräusch aus dem Gang ihre Aufmerksamkeit erregte. Gleich darauf klopfte jemand behutsam an die Tür. Ohne die Füße in dem üppigen Material ihres Rocks zu verheddern, stand sie auf und durchquerte das Zimmer, um Talbot hereinzulassen.

Der ehemalige Seemann trat mit seinen üblichen federnden Schritten ein und richtete ein breites Grinsen auf den Vogt. »Beeindruckend, nicht wahr?« Talbot nickte mit dem Ausdruck einer liebevollen Henne, die ihr Ei betrachtet, in Shams Richtung. »Ich hab ihr gesagt, dass Schwarz nur getragen wird, wenn jemand gestorben ist. Sie hat bloß die Augenbrauen hochgezogen, mich schief angeschaut und gemeint, Schwarz sei erotisch. Als sie dann herauskam und so ausgesehen hat, hab ich noch ein hübsches schwarzes Nachtkleid für das Fräulein gekauft.«

»Ich hatte nicht so bald mit ihr gerechnet.«

»Nun ja, anscheinend braucht sie keine Unterweisung in die Umgangsformen am Hof – sie ist unter dem alten König hier aufgewachsen.«

Kerim drehte sich ihr zu. Sham nickte und sagte scherzhaft: »Ich fürchte, ich mache meiner Erziehung keine große Ehre.«

Der Vogt musterte sie nachdenklich, bevor er die Aufmerksamkeit wieder auf Talbot richtete. »Heute Abend noch nichts gehört?«

Talbots Miene verfinsterte sich. »Nein, Herr, aber das kommt noch.« Mit einem Blick zu Sham erklärte er: »Unser Mörder jagt gern alle acht bis neun Tage: Das ist das einzige Muster, das er erkennen lässt. Gestern war der achte Tag, und es ist niemand gestorben, also muss es heute Nacht so weit sein.«

Shamera legte die Stirn in Falten und versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, was sie über Dämonen wusste. »Ergeben die Zahlen ein Muster? Schlägt er beispielsweise dreimal am achten Tag und dann zweimal am neunten Tag zu?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Talbot und wirkte neugierig. »Mir ist nie der Gedanke gekommen, dass es keine schlichte Laune des Mörders, sondern ein festes Muster sein könnte. Ich sehe mir die Todesfälle noch einmal an und überprüfe das.«

»Ist das wichtig?«, fragte der Vogt.

»Kommt drauf an«, erwiderte Shamera und griff sich ein Brötchen, das unbeachtet auf Kerims Teller lag. Sie suchte sich einen gemütlichen Stuhl und drehte ihn, bis er dem Vogt zugewandt stand. Talbot nahm auf dem nächststehenden Sofa Platz.

»Worauf?« Der Vogt ergriff das Messer seines Bestecks und begann, das Hähnchen zu zerlegen.

»Darauf, ob man an Dämonen glaubt oder nicht«, antwortete sie – obwohl sie sich nicht an ein Muster erinnern konnte, das typisch für Dämonen war. Selbstgefällig wartete sie auf seine Erwiderung. Kluge, gebildete Cybeller glaubten nicht an Dämonen.

»Ich habe schon einige gesehen«, sagte der mutmaßlich kluge, gebildete cybellische Vogt nachdenklich, »aber noch nie in der Nähe der Stadt.«

Sham würgte und hustete, als sie sich an einem Krümel verschluckte.

Kerim achtete darauf, sich nichts anmerken zu lassen, allerdings vermeinte sie, einen Anflug von Belustigung in den Linien um seinen Mund zu erkennen, als er fortfuhr: »Diese Morde können unmöglich das Werk von Dämonen sein. Das letzte Opfer ist am helllichten Tag in seinem Zimmer gestorben. Der Mann hatte über dreißig Bedienstete; wäre es ein Dämon gewesen, hätte man die Kreatur gesichtet, lange bevor sie den Weg in Abets Zimmer gefunden hätte.«

»Abets versperrtes Zimmer«, fügte Talbot bedeutungsvoll hinzu und blickte Shamera an.

»Jedenfalls«, sprach der Vogt weiter, »kann ich mir nicht vorstellen, dass einer der Sumpfdämonen seinen Kadaver durch Abets gesamtes Haus hätte schleppen können, ohne jemandem aufzufallen. Sie sind nicht nur laut, sie stinken auch nach wochenaltem Fisch.«

»Ah«, sagte Sham und verstand. »Diese Dämonen, die du meinst, sind sie stark und verdammt schwer zu töten? Von annähernd menschlicher Gestalt?«

Der Vogt nickte. »Klingt ganz nach jenen, denen ich begegnet bin.«

»Uriah«, verkündete sie im Brustton der Überzeugung. »Ich bin noch nie einem begegnet – worüber ich mich nicht beschwere. Trotzdem kann ich dir sagen, dass ich mich lieber hundert von diesen Kreaturen stellen würde, als es mit einem Dämon aufzunehmen. Uriah sind Monster, Ausgeburten, die durch Magie erschaffen wurden. Dämonen sind Magie.«

»Magie«, höhnte der Vogt, womit er sich letztlich so verhielt, wie sie es erwartet hatte. »Jedes Mal, wenn ihr Südwäldler von etwas hört, das sich nicht ohne Weiteres erklären lässt, sitzt ihr weise nickend da und sagt ›Magie‹ – als würde sich die gesamte vermaledeite Welt darum drehen.«

Shamera lachte. »Was sie natürlich auch tut. Nur verblendete Ostländler sind nicht in der Lage, das zu erkennen.«

Kerim schüttelte den Kopf, sah sie an und fuhr mit seiner Ansprache fort. »Ich lebe seit fast zehn Jahren hier und habe noch nie gesehen, wie jemand Magie wirkt. Taschenspielertricks, ja – aber nichts, das sich nicht durch flinke Hände und ein noch flinkeres Mundwerk erklären ließe.«

»Die mit Magie Geborenen sind nicht dumm, Herr«, warf Talbot in nachsichtigem Tonfall ein. »Ihr wart nicht hier, um zu sehen, wie viel Blut nach der Eroberung der Stadt geflossen ist – die Hexenjagden, die wir heute noch erleben, sind nichts im Vergleich dazu. Eure Armeen hatten mächtig Angst vor der Magie und haben jeden Magier abgeschlachtet, den sie finden konnten. Den Zauberern, die überlebt haben, ist es lieber, wenn Ihr denkt, Magie sei das, was die Straßengaukler tun: eine Münze hinter einem Ohr hervorziehen.«

»Und für mich ist es so einfacher«, ergänzte Shamera, um den Vogt wieder wachzurütteln, der bereits begonnen hatte, sich von Talbots ruhiger Stimme einlullen zu lassen. »Einem Dieb verleiht es einen entscheidenden Vorteil, Magie einsetzen zu können, wenn niemand daran glaubt. Wer bin ich denn, dass ich mir diesen Spaß verderben würde?«

»Erinnert Ihr Euch noch daran, wie lange die Feste den Armeen des Propheten trotzen konnte, nachdem Landsend bereits gefallen war?«, fragte Talbot den Vogt und schenkte Shams Einwurf keine Beachtung.

»Neun Monate«, antwortete Kerim zögerlich.

Talbot nickte. »Neun Monate mit den wenigen Vorräten, die wir hier gelagert hatten. Habt Ihr je eine andere Wasserquelle als den Brunnen gefunden, der schon Jahrzehnte vor der Belagerung versiegt war?«

»Nein.«

Shamera fiel auf, dass sich der Vogt allmählich verärgert anhörte. Es schien ganz so, als gefiele ihm die Richtung nicht, in die sich das Gespräch entwickelte. Sie hatte gedacht, Talbot wollte lediglich versuchen, Kerim zu beruhigen, und nicht, ihn umzustimmen.

In einem Anflug plötzlicher Gehässigkeit meinte sie: »Mal abgesehen vom wöchentlichen Bodenwischen in den Geheimgängen …«

»Zweiwöchentlichen«, berichtigte Kerim sie.

Shamera ging nicht darauf ein. »… würde ich wetten, dass es noch andere Wege aus der Feste gibt, von denen niemand weiß. Meister Talbot, wenn der Vogt fest entschlossen ist, nicht an Magie zu glauben, scheint mir der Versuch, ihn umzustimmen, reine Zeitverschwendung zu sein.«

»Wenn seine Unwissenheit eine Bedrohung für sein Leben darstellt, muss er umgestimmt werden«, schoss Talbot hitzig zurück. »Dieser Mörder schlägt in der Feste zu und könnte ohne Weiteres beschließen, sich als Nächstes den Vogt zu holen.«

»Wer könnte ihn in dem Fall aufhalten?«, erwiderte Shamera und wurde schlagartig ernst. »Wenn ich schon nicht weiß, wie man gegen einen Dämon vorgeht, wie könnte es dann ein magieloser Cybeller – ob er nun an Dämonen glaubt oder nicht?«

»Es haben schon andere versucht, mich über Magie zu belehren«, ergriff Kerim in unverbindlichem Tonfall das Wort. »Warum klärst du mich nicht stattdessen über Dämonen auf?«

»Na schön«, willigte Sham ein. In der besten Manier einer geheimnisvollen Hexerin sagte sie: »Dämonen sind magische Kreaturen, die durch Tod und Verderben in diese Welt gelockt werden.« Sie grinste über den Ausdruck im Gesicht des Vogts und wechselte in einen sachlicheren Tonfall, als sie fortfuhr. »In Wirklichkeit werden sie durch schwarze Magie heraufbeschworen.«

»Wie kommst du darauf, dass wir einen Dämon und keinen Menschen jagen?«

»Weil mein Freund – den nach Hirkins Meinung ich ermordet habe – von einem Dämon getötet worden ist.«

Sham musterte den Vogt aufmerksam und versuchte zu erahnen, was ihm durch den Kopf ging, aber seine Züge blieben so unverbindlich wie seine Stimme. »Wieso bist du dir da so sicher?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Er hat es mir gesagt, bevor er gestorben ist.«

Talbot mischte sich ein, um zu verhindern, dass der Vogt beleidigend wurde, indem er seinen Unglauben zum Ausdruck brachte. »Ich bezweifle, dass Ihr ihm je begegnet seid, Herr, Ihr seid erst später nach Landsend gekommen; aber der alte Mann, der da gestorben ist … Das war Maur, der Berater des letzten Königs.«

Kerim runzelte nachdenklich die Stirn. »Der Hexer des Königs wurde gefoltert, bevor er in den Verliesen der Feste verschwand, aber ich hätte nicht gedacht, dass er so alt war, wie der Verstorbene ausgesehen hat.«

»Zauberer«, warf Sham ein und bemühte sich, die Verbitterung aus ihrer Stimme zu verbannen, »vor allem so mächtige wie Maur, leben länger als gewöhnliche Menschen. Als er nicht mehr auf seine Magie zugreifen konnte, ist er jedoch rasant gealtert.«

Kerim sah ihr in die Augen. »Ich war nicht hier, als er gefoltert wurde, und ich hätte ein solches Tun nicht geduldet. Magier oder nicht, wenn die Aufzeichnungen über seine Worte bei den Ratsversammlungen des Königs zutreffend sind, war er ein Mann von seltener Weisheit.«

Sham ließ zu, dass seine Antwort sie beschwichtigte. »Er wurde von einem Dämon namens Chen Laut angegriffen. Er hat ihn vertrieben, allerdings wurde er tödlich verwundet, bevor die Kreatur geflüchtet ist.«

»Wie hat er ihn vertrieben?«, fragte Kerim, wobei man ihm offensichtliche Ungeduld mit ihren barbarischen Südwäldler-Überzeugungen anmerkte.

Sie lächelte zuckersüß. »Mit Magie.«

»Ich dachte, Maur konnte keine Magie mehr wirken«, meldete sich Talbot mit gerunzelter Stirn zu Wort.

Sham zuckte die Schultern und sah keine Notwendigkeit, den Unterschied zwischen dem Heraufbeschwören von Magie und dem Wirken von Magie zu erklären.

»Wie sieht ein Dämon aus?«, wollte Kerim wissen. Er überging ihren Versuch, ihn zu ködern, und aß die letzten Reste seiner Mahlzeit auf.

Sham lächelte in freudiger Erwartung seiner nächsten Antwort. »Das weiß ich nicht. Ich konnte ihn nicht sehen.«

Kerim hielt kurz inne, dann schüttelte er den Kopf und vermittelte den Eindruck eines Mannes, dessen Geduld auf eine harte Probe gestellt wurde. »Dämonen sind also unsichtbar. Was kannst du mir sonst noch über sie erzählen?«

Shamera zuckte erneut die Schultern und hatte ihren Spaß. »Sogar in Südwald glauben die meisten Menschen so wenig an sie, wie ihr Ostländler an Magier glaubt. Man hält sie für Ammenmärchen, die dafür sorgen sollen, dass sich Kinder vor Angst nachts nicht rausschleichen. Du weißt schon …« Sie wechselte in eine Singsang-Stimme und zitierte:

»Der Abend kommt, die Sonne, sie flieht.

Schatten herrschen, kein Licht sich hält.

Lass Furcht begleiten deine leisen Schritt’,

wenn Dämonen wandeln in nächtlicher Welt.«

»Das habe ich noch nie gehört.« Der Vogt biss unwirsch die Zähne zusammen. »Also, erzähl mir eine Geschichte.«

Shamera antwortete ihm mit einem Lächeln. »Dämonen sind, so wie Drachen, Kreaturen aus Magie und benutzen die Magie nicht einfach nur. Sie sind fast immer bösartig, obwohl es Erzählungen gibt, nach denen manche schon Hilfe oder Schutz gewährt haben. Dämonen erscheinen niemals, ohne gerufen zu werden, und es ist schwierig, sie wieder loszuwerden. Der Magierrat hat die Verwendung von Opferungen oder menschlichen Überresten beim Wirken von Magie kurz nach den Magierkriegen vor etwa tausend Jahren verboten. Anscheinend benötigt man derlei Dinge sowohl, um Dämonen loszuwerden, als auch, um sie zu rufen.«

Eigentlich hatte sie vorgehabt, an der Stelle aufzuhören. Das hatte sie wirklich. Wenn er nur nicht diesen selbstgerechten Ausdruck im Gesicht gehabt hätte, der besagte: Siehst du, was für ahnungslose Wilde ihr seid?

Sie beugte sich vor und senkte dramatisch die Stimme. »Die Zauberer suchten dafür einen geeigneten jungen Mann und entführten ihn. Dämonen besitzen in unserer Welt keine Gestalt. Man muss ihnen eine geben. Die Zeremonie ist lang, brutal und gipfelt im Tod des jungen Mannes, wenn der Dämon seinen Körper übernimmt.« Das stimmte durchaus, soweit sie wusste. Allerdings beschloss Sham, als Zugabe noch einige der deftigeren Gerüchte hinzuzufügen. »Manchmal jedoch ist der Körper des Opfers wegen der grausamen Riten, mit denen man den Dämon beschwört, nicht mehr verwendbar. Die Todesbanne, die verhindern sollen, dass sich der Wirtskörper des Dämons fortpflanzen kann, neigen dazu, den Menschen umzubringen, wenn er zu schwach ist.« Sie grinste vergnügt und bemerkte, dass sogar Talbot verbissen dreinschaute. »Wird jedoch alles erfolgreich abgeschlossen, hat der Beschwörende einen Dämon, der seinem Willen unterworfen ist.«

»Und was geschieht nach dem Tod des Zauberers?«, hakte Kerim nach, der kurz nach dem Beginn ihrer jüngsten Ausführungen wieder einen neutralen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte. Wie unterhaltsam, jemanden zu finden, der ihrem Köder widerstehen konnte …

»Der Dämon wird durch eine Nebenbedingung der ursprünglichen Bindung vernichtet«, erwiderte Shamera. »Es sei denn, der Dämon tötet den Zauberer. In dem Fall herrscht der Dämon danach über sich selbst.«

»Ah«, sagte Kerim. »Und jetzt die Geschichten.«

»Tybokk«, begann sie, »ist wohl der Bekannteste. Der Name seines Beschwörers ist im Verlauf der Zeit untergegangen, aber etwa vierhundert Jahre lang schloss er sich regelmäßig einem Händlerclan beim Überqueren eines bestimmten Gebirgspasses an …«

»Und hat alle getötet?«, warf Kerim ein.

Shamera schüttelte den Kopf. »Nein, Tybokk war erfindungsreicher. Die Reisenden erreichten ihr Ziel, jeder einzelne, und leierten tagein, tagaus einen einfachen Reim runter, bis sie sich einer nach dem anderen das Leben nahmen.«

»Und der Reim enthielt den Hinweis darauf, wie der Dämon zerstört werden kann?«, schlug Kerim vor.

Wieder schüttelte sie den Kopf. »Das würde eine gute Geschichte abgeben, aber nein. Soweit ich gehört habe, ging der Reim so:

Der Wind mag wehen, bald so, bald so,

wir aber werden nie mehr umherziehen so froh.

Tybokk, Tybokk, Tybokk-O!

Wahrscheinlich würde er immer noch Händler auslöschen, wenn er nicht den Familienclan des Mannes getötet hätte, der damals der ae’Magi war.«

»Der was?«, fragte der Vogt.

»Der ae’Magi«, antwortete Talbot in gedämpftem Tonfall. »Das ist ein alter Titel, der dem Erzmagier verliehen wird. Bei ihm handelt es sich um den Zauberer, der dem Magierrat vorsteht. Er ist das ernannte Oberhaupt aller Magier, und in der Regel ist er auch der Mächtigste von ihnen, wenn auch nicht zwangsläufig.«

Sham wartete, bis die beiden Männer zu Ende geredet hatten, bevor sie fortfuhr. »Der ae’Magi war in den Händlerclans geboren worden. Als ihn die Kunde vom Tod seiner Familie erreichte, begab er sich auf die Jagd. Drei Jahre lang reiste er über den Gebirgspass, den der Dämon regelmäßig heimsuchte. Dabei begleitete er verschiedene Clans, da keiner gegenüber einem anderen bevorzugt zu werden schien. Jedes Mal, wenn sich ein Fremder dem Tross anschloss, was durchaus vorkam, stellte ihn der ae’Magi auf die Probe, um herauszufinden, ob er der Dämon war.«

»Wie hat er das gemacht?«, fragte der Vogt.

Sham zuckte die Schultern. »Das weiß ich nicht. Seit der Ächtung der Dämonenbeschwörung sind auch viele der Zauber im Zusammenhang mit Dämonen verloren gegangen.« Sie räusperte sich und fuhr fort. »Eines Tages, so lautet zumindest die Geschichte, stieß der Clan, mit dem der ae’Magi zu der Zeit reiste, auf einen dürren jungen Burschen, der gerade den letzten Stein auf ein frisch ausgehobenes Grab legte. In der Nähe befand sich ein umgekippter Wagen. Die beiden Pferde, die ihn gezogen hatten, lagen tot in den Wagenspuren. Der Junge selbst hatte einige Kratzer, davon abgesehen jedoch war er den Wölfen unversehrt entgangen, die seine Familie getötet hatten, während er vom Ast eines Baumes aus dabei zusehen musste.

Der Junge wurde ohne Fragen vom Clan aufgenommen – Kinder werden von Händlerclans besonders geschätzt. Er erwies sich als ernstes Kind, aber das konnte natürlich am Tod seiner Angehörigen liegen. Wie die Händler hätte auch der ae’Magi eher vermutet, selbst ein Dämon zu sein, als ein Kind zu verdächtigen.

Eines Nachts saß der ae’Magi nachdenklich vor einem kleinen Feuer, während seine Mitreisenden tanzten und sich Geschichten erzählten. Nach und nach gingen die Erzählungen von Heldentaten zu furchterregenderen Inhalten über, wie es bei solchen geselligen Runden meistens der Fall ist. Natürlich erzählte bald jemand die Geschichte von Tybokk.

Der ae’Magi wandte sich gerade zum Gehen, da bemerkte er einen ungewöhnlichen Ausdruck im Gesicht des fremden Knaben. Der Junge lächelte, allerdings nicht so, wie es gewöhnliche Jungen tun – seinem Lächeln haftete etwas Raubtierhaftes an.

Dem ae’Magi lief ein eiskalter Schauder über den Rücken, als er erkannte, wie gut der Dämon von demjenigen getarnt worden war, der ihn einst beschworen hatte, und wie dicht er selbst davor gestanden hatte, von der Kreatur besiegt zu werden, die er jagte.

Es folgte ein großes Gefecht, von dem die Nachkommen der Händler, die es bezeugt haben, noch heute voll Ehrfurcht sprechen. Letzten Endes wurde der Körper des Jungen zerstört. Der Dämon blieb ohne Gestalt zurück und konnte nicht mehr tun, als dabei zuzusehen, wie der Clan wohlbehalten die Berge verließ.

Der Pass heißt immer noch Dämonenpass oder Tybokks Grat, und manch einer behauptet, dort herrsche ein ungewöhnlicher Nebel, der bisweilen jene verfolgt, die diesen Pfad des Nachts beschreiten.«

Eine kurze Stille folgte auf die Geschichte, dann meinte der Vogt: »Du hättest lieber Geschichtenerzählerin als Diebin werden sollen. Damit würdest du mehr Geld verdienen.«

Shamera lächelte höflich. »Offensichtlich weißt du nicht, wie viel ich als Diebin verdiene.«

»Du denkst also, wir haben es mit einem weiteren Tybokk zu tun?«, fragte der Vogt.

Sie zuckte die Schultern. »Wenn Maur recht hatte, als er ihn Chen Laut nannte, dann schon.«

»Chen Laut ist das Ungeheuer, das Kinder frisst, die ihre Aufgaben nicht erledigen«, erklärte Talbot. »Meine Mutter hat uns früher immer mit ihm gedroht.«

»Was, wenn sich der Hexer des Königs geirrt hat?«, wollte Kerim wissen.

»Dann ist es vermutlich ein Mensch, der gerne tötet«, gab Sham zurück. »Er geht sieben oder acht Tage hintereinander seiner gewöhnlichen Arbeit nach und nimmt sich den achten oder neunten Tag zum Morden frei. Vielleicht besucht am achten oder neunten Tag seine Frau auch regelmäßig ihre Mutter. Er bewegt sich ungehindert in der Oberschicht – möglicherweise irgendein Diener oder gar selbst ein Adeliger. Er kann Schlösser knacken und sich so geschickt in Schatten hüllen, dass ich ihn nicht gesehen habe, als ich die Hütte des alten Mannes betrat.«

Eine kurze Pause entstand, dann nickte Kerim. »Solange du bereit bist, auch nach einem menschlichen Übeltäter zu suchen, werde ich mir alles anhören, was du in Hinblick auf Dämonen zu sagen hast.«

»Einverstanden. Darf ich dir jetzt eine Frage stellen?«

»Gewiss«, erwiderte Kerim zuvorkommend.

»Wer genau ist dieser Lord Ervan, und wie bin ich zu seiner Witwe geworden?«


Es war spät am Abend, als sie damit fertig waren, ihre jeweiligen Geschichten aufeinander abzustimmen und man Sham zu der Kammer geleitete, die der Vogt ihr zugedacht hatte. Nachdem sie die Tür hinter dem Diener des Vogts geschlossen hatte, streckte sie sich müde und sah sich um.

Das Zimmer war kleiner als das von Kerim, aber durch eine geschickte Anordnung der Einrichtung wirkte es in etwa gleich groß. Anders als beim Vogt zierten dicke Teppiche den Boden, um den kalten Steinboden von den nackten Zehen zu trennen. Sham zog die Schuhe aus und ließ die Füße in den Flor eines besonders dicken Läufers sinken.

Probeweise spähte sie auf die Oberfläche des Nachttisches neben dem Bett; das Spiegelbild, das ihr entgegenblickte, wirkte weniger verschwommen als das des kleinen, polierten Bronzespiegels, den sie aus Gewohnheit mit sich herumtrug. Die Kerzen, die ihre Kammer erhellten, schienen von höchster Güte zu sein und erfüllten den Raum mit einem zarten Rosenduft. In den Gemächern des Vogts wurde die Beleuchtung mit Hilfe mehrerer großer Silberspiegel verstärkt. Ohne die Spiegel oder Fenster herrschte in den Winkeln dieses Zimmers tiefe Dunkelheit.

Sie hatte noch nie inmitten solchen Prunks geschlafen, nicht einmal, als sie noch mit ihrem Vater hier gewohnt hatte. Wenn sie genau überlegte, konnte sie sich nicht mal daran erinnern, wann sie überhaupt das letzte Mal in einem Bett übernachtet hatte. Die Witwe von Lord Ervan hätte das als nicht mehr betrachtet, als ihr zustand. Doch ohne jemanden, vor dem Shamera sich verstellen musste, war sie nur eine bürgerliche Diebin an einem Ort, an den sie nicht gehörte.

Wie in Kerims Raum nahm das Mauerwerk des Kamins den Großteil der Wand ein. Zu beiden Seiten daneben prangten Wandteppiche. Als sie diese genauer in Augenschein nahm, bemerkte sie eine Tür, die sich hinter einem der kunstvoll gewobenen Behänge in jenem Teil der Wand verbarg, den der ausladende Kamin nicht für sich beanspruchte.

Der Anblick der geheimen Öffnung munterte sie auf und erinnerte sie daran, weshalb sie hier war. Dickon hatte sie durch mehrere verschlungene Korridore und Abzweigungen geführt, doch das Diebeshandwerk hatte Sham einen ausgesprochen guten Orientierungssinn verliehen. Sie vermutete, dass die Tür zu einem Zugang in die Gemächer des Vogts führte – passend für seine Mätresse.

Sham kehrte zum Bett zurück und trat die zu ihrem schwarzen Kleid passenden Schuhe beiseite. Die Verschlüsse des Kleids befanden sich an der Vorderseite, deshalb hatte sie das Angebot einer Zofe ausgeschlagen. Sie ließ das Kleid dort auf dem Boden liegen, wo es gelandet war, denn sie wusste, dass jemand, der an solch kostspielige Bekleidung gewöhnt war, achtlos damit umgehen würde. Shamera löschte die Kerzen, kletterte ins Bett, verbarg ihr Messer unter dem Kissen und widerstand erfolgreich dem Drang, sich auf den Boden zu legen, bis sie einschlief.


Blut tropfte von der Hand des Mannes auf den glatten Granitboden und ließ eine dunkle, zähflüssige Lache entstehen. Dieses Opfer hatte sich als überaus befriedigend erwiesen; seine Überraschung, sein Grauen versüßten die Mahlzeit, die der Mann so großzügig zur Verfügung gestellt hatte. Der Dämon lächelte, als er sein Werk betrachtete.


Die Zofe mit dem ausdruckslosen Gesicht, die das Zimmer am nächsten Morgen betrat und damit begann, die Kerzen anzuzünden, bekam das Messer nie zu Gesicht, das Sham instinktiv beim Geräusch der sich öffnenden Tür ergriffen hatte.

»Guten Morgen, Lady Shamera. Mein Name ist Jenli, und mein Onkel Dickon hat mir gesagt, dass Ihr eine Zofe braucht. Falls ich nicht zufriedenstellend bin, sollt Ihr ihm Bescheid geben, dann sucht er jemand anderen.« Die Worte wurden zum Bettüberzug gesprochen, den die junge Frau ordentlich zurückschlug, und sie ertönten auf Südwäldisch mit so starkem Akzent, dass man sie kaum verstehen konnte.

Mit leichter Verzögerung erinnerte sich Sham an ihre Rolle als Mätresse des Vogts und antwortete entsprechend – auf Cybellisch mit Akzent. »Solange du die Zunge über meine persönlichen Angelegenheiten hütest und das tust, was ich sage, wird ein Ersatz nicht nötig sein.«

»Nein, Herrin … Ich meine, ja, Herrin.«

Sham bedachte die Zofe mit einem abwägenden Blick. Jenli ähnelte Lord Kerims Kammerdiener nicht einmal ansatzweise. Er war groß und schlank, sie klein und rundlich. Jeder Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, zeigte sich zuerst in ihrem Gesicht. Es würde lange dauern, falls sie es überhaupt je schaffte, sich den von Dickon bevorzugten, tadellosen Bedienstetenblick anzueignen – den Gezeiten sei Dank.

Sham ließ das Messer in der Hand verschwinden, damit die Zofe es nicht zu sehen bekam, stieg aus dem Bett und schlenderte träge zur Truhe am Fußende. Als sie völlig ungezwungen das weiche Spitzennachtkleid zu Boden gleiten ließ, errötete Jenli und widmete dem Bettüberzug noch eingehendere Beachtung.

Sham öffnete die frisch für Lady Shameras Güter des täglichen Bedarfs erworbene Truhe und nahm den Inhalt in Augenschein: die wenigen Kleidungsstücke, die ihr die Schneiderin sofort zur Verfügung stellen konnte; ihr Bündel mit der Kluft für Fegfeuer; die Flöte, die sie in der Todesnacht des Alten Mannes gestohlen hatte; und mehrere Segeltuchsäcke voll Sand, damit die Truhe so viel wog, wie sie wiegen sollte. Vermutlich wäre es klüger gewesen, die Flöte in ihrer Höhle zu lagern, aber sie stellte eine Verbindung zu Maur dar, und Shamera hatte es nicht übers Herz gebracht, sich von ihr zu trennen.

Als Jenli an sie herantrat, um ihr zu helfen, warf Sham ein ordentlich zusammengelegtes Kleid quer durch den Raum. Wie ein sterbender Schmetterling segelte es zu Boden. Jenli hob die Hände an die Wangen und hastete los, um das teure Material zu retten.

»Oh, Herrin, die Kleider hätten aufgehängt werden sollen und … wartet, lasst mich das nehmen.«

Flink wie eine Taschendiebin riss ihr die scheue, sanftmütige Zofe das Goldbrokat-Überkleid aus den Händen. Als ihr die Zofe den Rücken zukehrte, um das Kleidungsstück in den Schrank zu hängen, holte Sham aus der Truhe das Kleid, das sie eigentlich haben wollte, schloss den Deckel und versiegelte ihn mit einer Prise Magie.

Das von ihr gewählte Kleid wies einen so dunklen Blauton auf, dass es beinahe schwarz wirkte, was ihre Augen perfekt betonte. Das helle Gelb der Bordüren entsprach der Farbe ihrer Haare. Die Ärmel bedeckten die Arme und Schultern vollständig, der Rücken besaß einen hohen Ausschnitt, und der Kragen umgab eng ihren Hals. Jenli stand hinter ihr und schloss die Vielzahl der Knöpfe, die sich über den Rücken des Kleids erstreckten. Als sich Sham umdrehte, weiteten sich die Augen der Zofe ein wenig.

»Wo ist das Unterkleid, Herrin?«, fragte die junge Frau unsicher.

»Welches Unterkleid?«

Jenli räusperte sich. »Heute Morgen sind einige Päckchen von der Schneiderei eingetroffen. Soll ich sie heraufbringen lassen, Herrin?«

Sham nickte abwesend und rückte das Kleid zurecht, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. »Danke. Wo ist der Vogt heute Morgen?«

»Das weiß ich nicht, Herrin, tut mir leid. Soll ich Euch nun die Haare richten?«

»Bürste sie einfach durch«, gab Sham zurück, dann fügte sie in quengeligem Tonfall hinzu: »Ich muss Kerim finden.«

Die Zofe führte sie zu einer zierlichen Bank, die vor einem kleinen Bronzespiegel stand. Während sie die dichte blonde Mähne bürstete, nahm Shamera zufrieden das Kleid in Augenschein.

Es war tatsächlich dafür gedacht, mit einem Unterkleid getragen zu werden. Die Seide endete unmittelbar unter der Wölbung ihrer Brüste, was einen fesselnden Anblick von deren Unterseiten bot, sobald sie sich bewegte. Es gelang dem Kleid, ihren Busen auf eine Weise zu betonen, durch die er wesentlich üppiger wirkte, als er in Wirklichkeit war. Das Material beschrieb an den Seiten einen anmutigen Bogen und ließ ihren Nabel frei, bevor es an den Hüften wieder zusammen verlief.

Für südwäldische Verhältnisse handelte es sich keineswegs um einen anstößigen Schnitt. Abseits der kühlen Meeresluft von Landsend entsprachen ein besticktes Mieder und ein Rock, die als Ensemble den Bauch entblößt ließen, einem der traditionellen Bekleidungsstile. Empörend wurde das Kleid vielmehr durch den Gegensatz, den der schlichte Schnitt und die Farbe des Stoffes zur nackten Haut bildeten.

Als die Zofe mit den Haaren fertig war, trug Shamera ihre Schminke selbst auf, schattierte die Lider mit grauem Puder und färbte die Lippen rot. Gesichtspuder hatte sie noch nie für längere Zeit ertragen, deshalb ließ sie ihn weg. Nachdem sie ihre morgendliche Toilette abgeschlossen hatte, begab sie sich anmutig zur Tür neben dem Kamin und achtete nicht auf jene, die hinaus auf den Gang führte.

»Mein Lord?«, sagte sie leise und öffnete die Tür einen Spalt, damit der Vogt sie hören konnte.

»Komm nur herein.«

Sie duckte sich geziert unter dem schweren Material der Wandbehänge hindurch und betrat den Raum. Kerim unterhielt sich mit mehreren Adeligen, doch als Shamera über den weichen Teppich schlenderte, verstummte das Gespräch.

»Herrin.«

Shamera schaute hinter sich und erblickte die geduckt zur Tür hereinkommende Zofe. In den Händen hielt sie ein Paar Satinpantoffel, die zu dem blauen Kleid passten.

»Wie dumm von mir, meine Pantoffeln zu vergessen. Danke.« Sie nahm die Schuhe entgegen und zog sie an.

»Guten Morgen, meine Lady.« In der Stimme des Vogts schwang Belustigung mit. »Es dauert nur einige Augenblicke, dann können wir frühstücken.«

»Danke, Kerim … mein Lord.«

Shamera näherte sich ihm und küsste ihn auf die Wange, bevor sie neben ihn auf den Boden sank und zu seinem Gesicht aufschaute. Eine leichte Röte zeichnete sich an seinem Wangenknochen ab. Sie war nicht sicher, ob es an unterdrückter Heiterkeit, Verlegenheit oder etwas anderem lag. Die Stille im Raum zog sich unangenehm lange hin, bevor einer der Männer wieder das Wort ergriff. Als die anderen letztlich den Raum verließen, war Shamera dankbar, dass niemand zurückschaute und sah, wie sich Kerim förmlich in Gelächter auflöste.

»Dieses Kleid …«, stieß er japsend hervor, als er genug Luft dafür bekam.

Ahnungslosigkeit heuchelnd sah sie ihn mit geweiteten Augen an. »Was meinst du nur? Stimmt etwas nicht damit?«

Er lachte immer noch zu ausgelassen, um mühelos eine Erwiderung rauszubekommen. »Hast du Corads Gesicht gesehen, als du den Raum betreten hast? Er ist Kerlaner. Bei ihnen müssen die Frauen zu Hause bleiben und einen Schleier tragen. Ich dachte, ihm würden gleich die Augen herausfallen und sich auf dem Boden zu seinen Füßen gesellen.« Er lehnte sich entspannt im Stuhl zurück, aber seine Schultern zitterten immer noch, als er mit einem Finger auf sie zeigte. »Und du warst mir überdies nicht die geringste Hilfe, Fräulein Umwerfend. Jedes Mal, wenn ich den Blick von Corads schwitzendem Gesicht abgewandt habe, musste ich unweigerlich dich ansehen.«

»Selbstbeherrschung«, erwiderte Shamera grinsend, »tut dir gut.«

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