KAPITEL 20

Eine von Cordelias ersten Anordnungen war, Droushnakovi wieder mit dem Schutz von Gregors Person zu betrauen, seiner emotionalen Kontinuität zuliebe. Dies bedeutete nicht, daß sie auf die Gesellschaft des Mädchens verzichten mußte, auf diesen Beistand, an den sie sich zutiefst gewöhnt hatte, denn auf Illyans erneutes Drängen bezog Aral endlich Wohnräume in der kaiserlichen Residenz. Es erleichterte Cordelias Herz, als Drou und Kou einen Monat nach dem Winterfest heirateten.

Cordelia bot sich als Vermittlerin zwischen den beiden Familien an. Aus irgendeinem Grund lehnten Kou und Drou beide das Angebot hastig ab, allerdings mit überschwenglichem Dank. Angesichts der verwirrenden Fallstricke der gesellschaftlichen Sitten von Barrayar, überließ Cordelia diese Aufgabe ebenso glücklich der erfahrenen älteren Dame, die das Paar engagierte.

Cordelia sah Alys Vorpatril oft, denn sie besuchten sich gegenseitig zu Hause. Der kleine Lord Ivan war für Alys wenn auch nicht gerade ein Trost, so doch sicher eine Ablenkung in ihrer langsamen Genesung von ihrer physischen Zerreißprobe. Er wuchs schnell, trotz einer Neigung zu unnötigen Aufregungen, die Cordelia nach einiger Zeit als iatrogenen Charakterzug erkannte, ausgelöst von dem vielen Wirbel, den Alys um ihn machte. Ivan sollte drei oder vier Geschwister haben, die sich die Aufmerksamkeit seiner Mutter teilten, schloß Cordelia, als sie Alys beobachtete, wie sie Klein-Ivan an ihrer Schulter sein Bäuerchen machen ließ und gleichzeitig laut ihre Pläne verkündete, wie er aufgrund seiner Erziehung mit achtzehn Jahren die schwierigen Aufnahmeprüfungen der Kaiserlichen Militärakademie in Angriff nehmen würde.

Alys Vorpatril wurde von ihrer bitteren Trauer um Padma und ihren detailfreudigen Planungen von Ivans Leben abgelenkt, als sie einen Blick auf ein Bild des Brautkleides werfen durfte, für das Drou sich begeisterte.

»Nein, nein, nein!«, rief sie und schauderte zurück. »All das Spitzenzeug — Sie würden so pelzig wie ein großer weißer Bär aussehen. Seide, meine Liebe, lange Faltenwürfe aus Seide, das ist es, was Sie brauchen!«, und schon war sie unterwegs. Die mutter- und schwesterlose Drou konnte kaum eine kundigere Brautberaterin gefunden haben. Lady Vorpatril machte schließlich das Kleid zu einem ihrer verschiedenen Geschenke, um sich dessen ästhetischer Vollkommenheit gewiß zu sein, zusammen mit einem ›kleinen Ferienhäuschen‹, das sich dann als ein stattliches Haus an der Ostküste herausstellte. Im Sommer würde Drous Traum vom Strand wahr werden. Cordelia grinste und erwarb für das Mädchen ein Nachtgewand und einen Morgenmantel, die mit genügend Schichten von Spitze besetzt waren, um auch das am meisten nach Verzierungen lechzende Herz zu befriedigen.

Aral stellte die Räume für die Hochzeit zur Verfügung: den Roten Salon der Kaiserlichen Residenz und den anschließenden Ballsaal, den mit dem schönen Parkettboden, der zu Cordelias ungeheurer Erleichterung dem Feuer entgangen war. Theoretisch war diese großzügige Geste notwendig, um Illyans Kopfschmerzen bezüglich der Sicherheit zu lindern, da Cordelia und Aral zu den wichtigsten Trauzeugen gehörten. Persönlich dachte Cordelia, daß es eine verheißungsvolle Wende der Ereignisse sei, wenn der Sicherheitsdienst zu einer Cater-Firma für Hochzeitsfeierlichkeiten umfunktioniert wurde.

Aral ging die Gästeliste durch und lächelte. »Hast du gemerkt«, sagte er zu Cordelia, »jede Klasse ist vertreten? Vor einem Jahr noch wäre dieses Ereignis hier nicht möglich gewesen. Der Sohn des Lebensmittelhändlers und die Tochter des Unteroffiziers. Sie haben es mit Blut erkauft, aber vielleicht kann es im nächsten Jahr mit friedlichen Leistungen erkauft werden. Medizin, Erziehung, Ingenieurwesen, Unternehmertum — werden wir eine Party für Bibliothekare haben?«

»Werden diese schrecklichen alten Vor-Weiber, mit denen alle von Piotrs Freunden verheiratet sind, sich nicht über gesellschaftliche Überfortschrittlichkeit beschweren?«

»Mit Alys Vorpatril hinter alldem? Sie würden es nicht wagen.«

Von da an nahm die Sache zu. Eine Woche vorher überlegten Kou und Drou aus reiner Panik, ob sie nicht durchbrennen sollten, da sie die Kontrolle über das Ganze an ihre eifrigen Helfer verloren hatten. Aber das Personal der Residenz bereitete alles mit Erfahrung und Gelassenheit vor.

Die leitende Hausdame eilte geschäftig umher und gluckste: »Und da hatte ich befürchtet, wir hätten nichts mehr zu tun, sobald der Admiral hier einzieht, außer diesen schrecklich langweiligen General-stabsessen.«

Der Tag und die Stunde kamen endlich. Ein großer Kreis aus gefärbter Hafergrütze war auf dem Boden des Roten Salons ausgelegt, umgeben von einem Stern, der eine variable Anzahl von Spitzen haben konnte: an jeder Spitze sollte einer der Elternteile oder der hauptsächlichen Trauzeugen stehen, in diesem Fall also vier. Nach barrayaranischer Sitte traute ein Paar sich selbst, indem beide ihr feierliches Versprechen innerhalb des Kreises sprachen, wozu sie weder einen Priester noch einen Standesbeamten brauchten. Tatsächlich stand ein Helfer, der treffenderweise der Einpauker genannt wurde, außerhalb des Kreises und las den Text vor, damit die Zaghaften oder Aufgeregten ihn wiederholen konnten. Auf diese Weise war das gestresste Paar von der Notwendigkeit höherer neuraler Funktionen wie Lernen oder Erinnern entbunden. Der Verlust der Bewegungs-Koordination wurde ersetzt von je einem Freund bzw. einer Freundin, die das Paar in den Kreis steuerten. Es war alles sehr praktisch, entschied Cordelia, und ebenso prächtig.

Mit einem Grinsen und einer schwungvollen Gebärde plazierte Aral sie auf der ihr zugewiesenen Sternspitze, als arrangierte er ein Blumenbukett, und nahm seinen eigenen Platz ein. Lady Vorpatril hatte auf einem neuen Kleid für Cordelia bestanden, einem schwungvoll langen aus Blau und Weiß mit roten Blumenakzenten, deren Farbe abgestimmt war auf Arals ultraformelle rotblaue Paradeuniform. Drous stolzer und nervöser Vater trug auch seine rot-blaue Uniform und besetzte seine Sternspitze. Es war seltsam, vom Militär, das Cordelia normalerweise mit totalitären Bestrebungen in Zusammenhang brachte, als der Speerspitze des Egalitarismus auf Barrayar zu denken. Das Geschenk der Cetagandaner, nannte es Aral, ihre Invasion hatte zuerst die Förderung der Begabung ungeachtet der Herkunft erzwungen, und die Wellen dieses Wandels bewegten sich immer noch durch die barrayaranische Gesellschaft.

Sergeant Droushnakovi war kleiner und schmächtiger, als Cordelia erwartet hatte. Entweder durch die Gene von Drous Mutter oder durch bessere Ernährung oder aber durch beides waren alle seine Kinder größer geraten als er selbst. Alle drei Brüder, vom Hauptmann bis zum Korporal, hatten Urlaub von ihren militärischen Aufgaben bekommen, um an der Hochzeit teilzunehmen, und standen jetzt in dem größeren äußeren Kreis der anderen Zeugen zusammen mit Kous aufgeregter jüngerer Schwester.

Kous Mutter stand weinend und lächelnd auf der letzten Spitze des Sterns, in einem blauen Kleid, dessen Farbe so vollkommen war, daß Cordelia zu dem Schluß kam, daß auch da Alys Vorpatril ihre Hand im Spiel gehabt haben mußte.

Koudelka kam als erster herein, auf seinen Stock mit einer neuen Hülle und auf Sergeant Bothari gestützt.

Sergeant Bothari trug die prächtigste Version von Piotrs braunsilberner Livree und flüsterte hilfreiche, schrecklich vielsagende Ratschläge wie: »Wenn Ihnen wirklich übel ist, Leutnant, dann halten Sie Ihren Kopf nach unten.« Der bloße Gedanke daran ließ Kous Gesicht grüner werden, ein außerordentlicher Farbkontrast zu seiner rot-blauen Uniform, den Lady Vorpatril zweifellos nicht gebilligt hätte.

Die Köpfe wandten sich um. Du meine Güte. Alys Vorpatril hatte über Drous Kleid absolut recht gehabt. Sie rauschte herein, so phantastisch elegant wie ein Segelschiff, eine große makellose Perfektion von Form und Funktion, elfenbeinfarbene Seide, goldenes Haar, blaue Augen, weiße, blaue und rote Blumen, so daß man, als sie neben Kou trat, plötzlich erkannte, wie groß er sein mußte. Alys Vorpatril, in Silbergrau gekleidet, entließ Drou am Rand des Kreises mit einer Geste, als schickte eine Jagdgöttin einen weißen Falken los, der aufsteigen und dann auf Kous ausgestrecktem Arm landen sollte.

Kou und Drou schafften ihre Eheschwüre ohne Gestotter und Ohnmacht, und es gelang ihnen auch, ihre gegenseitige Verlegenheit über die öffentliche Erwähnung ihrer verschmähten Vornamen, Clement und Ludmilla, zu verbergen.

(»Meine Brüder pflegten mich Lud zu rufen«, hatte Drou gestern Cordelia bei der Generalprobe anvertraut. »Das reimt sich auf Blut. Und Hut, Wut, Flut.«

»Für mich wirst du immer Drou sein«, hatte Kou versprochen.)

Als Hauptzeuge zerbrach dann Aral den Kreis aus Hafergrütze mit einer fegenden Bewegung seines gestiefelten Fußes und ließ die beiden aus dem Kreis heraus, und dann begannen Musik, Tanzen, Essen und Trinken.

Das Büffet war unglaublich, die Musik live, und das Trinken … der Tradition entsprechend. Nach dem ersten zeremoniellen Glas von dem guten Wein, den Piotr geschickt hatte, näherte Cordelia sich Kou und flüsterte ein paar Worte über betanische Forschungen über die nachteiligen Wirkungen von Äthanol auf die Sexualfunktionen, woraufhin Kou zum Wasser überwechselte.

»Du grausames Weib«, flüsterte Aral lachend in ihr Ohr.

»Nicht gegenüber Drou, ihr gegenüber bin ich’s nicht«, erwiderte sie murmelnd.

Sie wurde offiziell mit den Brüdern bekanntgemacht, die jetzt Schwäger waren und sie mit jenem ehrfürchtigen Respekt betrachteten, der ihre Zähne knirschen ließ. Allerdings konnten sich ihre Kiefernmuskeln ein wenig entspannen, als Papa einem der Brüder, der Verse vortrug, mit einem Wink Schweigen gebot, um einer Bemerkung der Braut über das Thema Handwaffen Raum zu geben. »Still, Jos«, sagte Sergeant Droushnakovi zu seinem Sohn, »du hast noch nie einen Nervendisruptor im Kampf verwendet.« Drou blinzelte, dann lächelte sie, mit einem Funkeln in ihren Augen.

Cordelia nutzte die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit Bothari, den sie jetzt allzuselten sah, seit Aral seinen Haushalt von dem Piotrs getrennt hatte.

»Wie geht es Elena, nun, da sie wieder zu Hause ist? Hat sich Frau Hysopi von all dem schon erholt?«

»Es geht ihnen gut, Mylady«, Bothari senkte den Kopf und lächelte fast. »Ich habe sie vor fünf Tagen besucht, als Graf Piotr hinfuhr, um nach seinen Pferden zu sehen. Elena … hm … krabbelt schon. Wenn man sie auf den Boden setzt und eine Minute wegschaut und dann wieder hinguckt, dann ist sie schon woanders …« Er runzelte die Stirn. »Ich hoffe, Carla Hysopi bleibt auf dem Posten.«

»Sie hat Elena sicher durch Vordarians Krieg gebracht, ich nehme an, sie wird mit dem Krabbeln gleicherweise leicht fertig. Eine mutige Frau. Sie sollte eine von diesen Medaillen bekommen, die jetzt verteilt werden.«

Bothari zog seine Stirn kraus. »Ich weiß nicht, ob diese Medaillen ihr viel bedeuten.«

»Mm. Ich hoffe, sie weiß, daß sie sich an mich wenden kann, wenn sie irgend etwas braucht. Jederzeit.«

»Ja, Mylady. Aber im Augenblick fehlt es uns an nichts.« In dieser Feststellung, daß sie ihr Auskommen hätten, blitzte Stolz auf. »Es ist sehr ruhig dort draußen in Vorkosigan Surleau, im Winter. Sauber. Ein richtiger und passender Ort für ein kleines Kind.« Nicht wie der Ort, an dem ich aufwuchs, konnte Cordelia ihn fast hinzufügen hören. »Ich möchte, daß sie alles richtig und passend hat. Sogar ihren Papa.«

»Wie geht es Ihnen selbst?«

»Das neue Medikament ist besser. Jedenfalls fühlt sich mein Kopf nicht mehr an, als wäre er voller Nebel. Und ich schlafe nachts. Abgesehen davon kann ich nicht sagen, was es bewirkt.«

Seinen Zweck, anscheinend, er schien entspannt und ruhig, fast frei von dieser unheimlichen Gereiztheit. Allerdings war er noch der erste im Raum, der zum Büffet hinüberschaute und fragte: »Darf er noch aufbleiben?«

Gregor krabbelte im Pyjama am Rand des kulinarischen Aufgebots entlang und versuchte dabei, unsichtbar zu bleiben und sich ein paar Leckerbissen zu ergattern, bevor man ihn entdeckte und wieder wegbrachte. Cordelia war als erste bei ihm, bevor ein unaufmerksamer Gast auf ihn trat oder er wieder von den Sicherheitskräften in den Gestalten der atemlosen Dienerin und des erschreckten Leibwächters geschnappt wurde, die Drou vertreten sollten. Ihnen folgte Simon Illyan, weiß im Gesicht wie Papier. Glücklicherweise für Illyans Herz war Gregor anscheinend offiziell nur etwa sechzig Sekunden vermißt worden, Gregor versteckte sich in ihren Röcken, als die aufgeregten Erwachsenen ihn drohend umringten.

Drou, die bemerkt hatte, wie Illyan sein Kom-Link berührte, bleich wurde und sich in Bewegung setzte, kam von der Macht der Gewohnheit geführt herbei. »Was ist los?«

»Wie konnte er wegkommen?«, knurrte Illyan Gregors Bewacher an, die etwas Unhörbares stammelten wie dachte, er ist eingeschlafen und habe nie meinen Blick von ihm abgewendet.

»Er ist doch nicht weg«, warf Cordelia scharf ein. »Das hier ist sein Heim. Er sollte doch wenigstens hier drin herumlaufen dürfen, oder warum halten Sie all diese verdammt nutzlosen Wachen auf den Mauern dort draußen in Bereitschaft?«

»Droushie, kann ich nicht zu deiner Party kommen?«, fragte Gregor traurig und blickte sich verzweifelt um nach einer Autorität, die höheren Rang hatte als Illyan.

Drou blickte Illyan an, der mißbilligend dreinschaute. Cordelia überwand den toten Punkt ohne Zögern: »Ja, du kannst.«

So tanzte der Kaiser unter Cordelias Aufsicht mit der Braut, aß drei Stück Cremetorte und wurde dann befriedigt zu Bett gebracht. Fünfzehn Minuten waren alles, was er sich gewünscht hatte, das arme Kind.

Die Party ging weiter, in gehobener Stimmung. »Einen Tanz, Mylady?«, fragte Aral hoffnungsvoll an ihrer Seite.

Durfte sie es versuchen? Man spielte den maßvollen Rhythmus des Spiegeltanzes — sicher konnte sie dabei nichts falsch machen. Sie nickte, und Aral leerte sein Glas und führte sie auf das polierte Parkett. Schritt, Gleiten, Gesten: während sie sich konzentrierte, machte sie eine interessante und unerwartete Entdekkung. Jeder von beiden Partnern konnte führen, und wenn die Tänzer aufmerksam und auf Draht waren, dann konnten die Zuschauer keinen Unterschied feststellen. Sie versuchte ein paar eigene Schritte, und Aral folgte ihr geschmeidig. Vor und zurück wechselte die Führung zwischen ihnen wie ein Ball hin und her, das Spiel nahm sie immer mehr in Anspruch, bis sie mit der Musik und dem Atem am Ende waren.

Der letzte Schnee des Winters schmolz in den Straßen von Vorbarr Sultana, als Hauptmann Vaagen Cordelia vom Militärkrankenhaus aus anrief, »Es ist Zeit, Mylady. Ich habe alles getan, was ich in vitro tun konnte. Die Plazenta ist zehn Monate alt und altert deutlich. Die Maschine kann nicht weiter hochgefahren werden, um das zu kompensieren.«

»Wann also?«

»Morgen wäre gut.«

In dieser Nacht schlief sie kaum. Am nächsten Morgen zogen sie alle zum Kaiserlichen Militärkrankenhaus, Aral, Cordelia, Graf Piotr mit Bothari an seiner Seite. Cordelia war sich gar nicht sicher, ob sie Piotrs Anwesenheit überhaupt wollte, aber solange der alte Mann ihnen nicht den Gefallen tat, tot umzufallen, hatte sie ihn am Hals. Vielleicht würde ein weiterer Appell an seine Vernunft, eine weitere Darstellung der Fakten, ein weiterer Versuch den Ausschlag geben. Ihre unaufgelöste Gegnerschaft bekümmerte Aral, wenigstens sollte die Last für das Schüren der Spannung auf Piotr fallen, nicht auf sie selbst. Tu dein Schlimmstes, alter Mann. Du hast keine Zukunft außer durch mich. Mein Sohn wird dein Opferfeuer entzünden. Sie war allerdings froh, Bothari wieder zu sehen.

Vaagens neues Labor belegte ein ganzes Stockwerk in dem modernsten Gebäude des Komplexes. Cordelia hatte seinen Umzug aus seinem alten Labor wegen Gespenstern veranlaßt: Als sie zu einem ihrer häufigen Besuche nach ihrer Rückkehr nach Vorbarr Sultana zu ihm gekommen war, hatte sie ihn in einem fast total entnervten Zustand angetroffen, unfähig zur Arbeit. Jedesmal, wenn er den Raum betrat, so hatte er erzählt, spielte sich in seiner Erinnerung Dr. Henris gewaltsamer und sinnloser Tod wieder ab. Er konnte nicht auf den Boden treten an der Stelle, wo Henris Körper hingefallen war, sondern mußte einen weiten Bogen darum machen, schon die geringsten Geräusche ließen ihn zusammenzucken und hochschrecken. »Ich bin ein Mann der Vernunft«, sagte er heiser, »dieser abergläubische Unsinn bedeutet mir nichts.« So hatte Cordelia ihm geholfen, ein privates Opfer für Henri in einem Kohlenbecken auf dem Fußboden des Labors zu entzünden und hatte den Umzug als eine Beförderung getarnt.

Das neue Labor war hell und geräumig und frei von den Geistern Verstorbener. Cordelia fand eine Schar wartender Männer, als Vaagen sie hineinführte: Forscher, die Vaagen zugewiesen worden waren, um die Replikatortechnologie zu ergründen, interessierte zivile Geburtshelfer einschließlich Dr. Ritter, Miles’ eigenen zukünftigen Kinderarzt und seinen beratenden Chirurgen. Der Wachwechsel. Bloße Eltern brauchten Entschlossenheit, um sich mit den Ellbogen ihren Eintritt zu erkämpfen.

Vaagen eilte geschäftig hin und her, in glücklicher Bedeutsamkeit. Er trug immer noch seine Augenklappe, aber er versprach Cordelia, er würde sich jetzt bald die Zeit nehmen für die letzte Runde der Operationen, die sein Sehvermögen wiederherstellen sollten. Ein Medizintechniker brachte den Uterusreplikator auf einem Rollwagen herbei und Vaagen hielt inne, als versuchte er sich zu überlegen, wie er aus dem, was Cordelia als sehr einfaches Ereignis kannte, die passende dramatische Zeremonie machen konnte. Er entschloß sich, es zu einem fachtechnischen Vortrag für seine Kollegen zu machen und erläuterte detailliert die Zusammensetzung der Hormonlösungen, während er sie in die entsprechenden Nährleitungen injizierte, er interpretierte die Anzeigen und beschrieb die plazentale Trennung, die im Innern des Replikators vor sich ging, die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Replikator- und Körpergeburten. Es gab einige Unterschiede, die Vaagen nicht erwähnte. Alys Vorpatril sollte das sehen, dachte Cordelia.

Vaagen blickte auf und sah, daß sie ihn beobachtete, er machte eine verlegene Pause und lächelte. »Lady Vorkosigan.« Er wies mit einer Geste auf die Verschlüsse des Replikators. »Würden Sie uns die Ehre erweisen, es zu tun?«

Sie streckte die Hand aus, zögerte und schaute sich nach Aral um. Da war er, feierlich und aufmerksam am Rande der Schar. »Aral?«

Er trat vor. »Bist du dir sicher?«

»Wenn du eine Picknick-Kühlbox öffnen kannst, dann kannst du auch das hier öffnen.« Sie nahmen beide je einen Verschlußgriff, hoben sie gemeinsam an, brachen so die sterile Abschließung des Replikators und nahmen den Deckel ab. Dr. Ritter hielt ein Vibra-Skalpell hinein, schnitt die dicke Filzmatte der Nährschläuche mit einer so sanften Bewegung durch, daß die darunter liegende amniotische Hülle unverletzt blieb, dann schnitt er Miles frei aus seinem letzten Rest biologischer Verpackung und reinigte seinen Mund und seine Nase von der Flüssigkeit vor seinem ersten überraschten Atemholen. Arals Arm umschlang sie so fest, daß es weh tat. Ein gedämpftes Lachen, nicht mehr als ein Atemstoß, kam von seinen Lippen: er schluckte und blinzelte, um seine Gesichtszüge, auf denen sich Stolz und Schmerz abzeichneten, wieder unter strenge Kontrolle zu bringen.

Happy birthday, dachte Cordelia, eine gute Farbe …

Unglücklicherweise war dies so ziemlich alles, was wirklich gut war. Der Kontrast zu dem Baby Ivan war überwältigend. Trotz der extra Wochen künstlicher Schwangerschaft, zehn Monate im Vergleich zu Ivans neuneinhalb, war Miles kaum halb so groß wie Ivan bei seiner Geburt und viel faltiger und schrumpeliger. Sein Rückgrat war merklich deformiert, und seine Beine waren hochgezogen und in einer festen Krümmung verschränkt. Allerdings war er zweifellos ein männlicher Erbe, keine Frage.

Sein erster Schrei war dünn und schwach, überhaupt nicht wie Ivans ärgerliches, hungriges Gebrüll. Hinter ihr hörte Cordelia Piotr enttäuscht zischen.

»Hat er genügend Nahrung bekommen?«, fragte sie Vaagen. Es war schwer, ihren Ton frei von jeder Anklage zu halten.

Vaagen zuckte hilflos die Schultern. »Alle, die er aufnehmen würde.«

Der Kinderarzt und sein Kollege legten Miles unter ein warmes Licht und begannen mit ihrer Untersuchung, Cordelia und Aral zu beiden Seiten.

»Diese Krümmung wird von selbst verschwinden, Mylady«, führte der Kinderarzt aus. »Aber das untere Rückgrat sollte so früh wie möglich chirurgisch korrigiert werden. Sie hatten recht, Vaagen, die Behandlung zur Optimierung der Schädelentwicklung hat auch seine Hüftgelenkspfannen verschmolzen. Das ist der Grund, weshalb die Beine in dieser seltsamen Stellung verschränkt sind, Mylord. Er wird chirurgische Behandlung brauchen, um diese Knochen zu lockern und herumzudrehen, bevor er anfangen kann, zu krabbeln oder zu laufen. Ich empfehle das noch nicht für das erste Jahr, zusätzlich zur Arbeit am Rückgrat, lassen Sie ihn zuerst Kraft und Gewicht zulegen …«

Der Chirurg, der die Arme des Kindes untersuchte, fluchte plötzlich und griff nach seinem Diagnoseprojektor. Miles wimmerte. Arals Hand ballte sich an seiner Hosennaht zur Faust. Cordelia wurde es flau im Magen.

»Zum Teufel!«, sagte der Chirurg. »Sein Oberarmknochen ist gerade gebrochen. Sie hatten recht, Vaagen, die Knochen sind abnorm spröde.«

»Wenigstens hat er Knochen«, seufzte Vaagen. »Zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte er fast keine.«

»Seien Sie vorsichtig«, sagte der Chirurg, »besonders mit dem Kopf und dem Rückgrat. Wenn die übrigen genauso schlecht sind wie die langen Knochen, dann werden wir uns irgendeine Art von Verstärkung ausdenken müssen …«

Piotr stapfte zur Tür. Aral blickte auf, preßte seine Lippen zu einem Ausdruck der Mißbilligung zusammen und entschuldigte sich, dann folgte er Piotr. Cordelia war hin- und hergerissen, aber nachdem ihre Beobach tung sie vergewissert hatte, daß das Einrichten der Knochen in Angriff genommen wurde und daß die neue Vorsicht der Ärzte Miles vor weiteren Schäden schützen würde, ließ sie die Köpfe der Kapazitäten über ihn gebeugt zurück und folgte Aral.

Piotr ging im Korridor auf und ab. Aral stand in ›Rührt-euch!‹Stellung, unbewegt und ohne sich zu bewegen. Bothari war ein schweigender Zeuge im Hintergrund.

Piotr drehte sich um und sah sie. »Du! Du hast mich eingewikkelt! Ist es das, was du ›große Wiederherstellung‹ genannt hast? Pfff!«

»Es sind große Verbesserungen. Miles ist ohne Frage viel besser beieinander, als er war. Niemand hat Vollkommenheit versprochen.«

»Du hast gelogen. Vaagen hat gelogen.«

»Wir haben nicht gelogen«, widersprach Cordelia. »Ich habe versucht, dir die ganze Zeit genaue Zusammenfassungen von Vaagens Experimenten zu geben. Was herausgekommen ist, ist in etwa das, was seine Berichte uns erwarten ließen. Überprüf mal deine Ohren.«

»Ich sehe, was du versuchst, und es funktioniert nicht. Ich habe es ihm gerade gesagt«, er zeigte auf Aral, »hier mache ich halt. Ich möchte diesen Mutanten nicht mehr sehen. Niemals. Solange er lebt, falls er lebt, und er sieht mir verdammt ziemlich kränklich aus, bringt ihn nicht zu meiner Tür. Gott ist mein Zeuge, Weib, du wirst keinen Narren aus mir machen.«

»Das wäre überflüssig«, versetzte Cordelia.

Piotrs Lippen verzogen sich zu einem stummen Knurren. Da er um ein willfähriges Ziel gebracht war, wandte er sich Aral zu. »Und du, du rückgratloser Pantoffelheld — wenn dein älterer Bruder noch lebte …«

Piotr schloß abrupt den Mund, zu spät, Arals Gesicht nahm eine graue Färbung an, die Cordelia nur zweimal vorher an ihm gesehen hatte, beide Male war er nur einen Atemzug davon entfernt gewesen, einen Mord zu begehen. Piotr hatte sich über Arals berühmte Wutanfälle lustig gemacht. Erst jetzt erkannte Cordelia, daß Piotr, obwohl er seinen Sohn im Zustand der Gereiztheit erlebt haben mochte, nie einen wirklichen Wutanfall gesehen hatte. Piotr schien dies jetzt auch bewußt zu werden. Seine Augenbrauen senkten sich, und er starrte, aus dem Gleichgewicht geraten, vor sich hin.

Aral verschränkte seine Hände hinter seinem Rücken. Cordelia sah, wie sie zitterten, mit weißen Knöcheln. Sein Kinn hob sich, und er sprach flüsternd: »Wenn mein Bruder noch lebte, dann wäre er vollkommen gewesen. So dachtest du, so dachte ich, so dachte auch Kaiser Yuri. Also mußtest du danach mit dem zurechtkommen, was von jenem blutigen Bankett übrigblieb, mit dem Sohn, den das Todeskommando von Yuri dem Wahnsinnigen übersehen hat. Wir Vorko-sigans, wir können uns behelfen.« Seine Stimme wurde noch leiser. »Aber mein Erstgeborener wird leben. Ich werde ihn nicht im Stich lassen.«

Diese eisige Aussage war ein nahezu tödlicher Schnitt über den Unterleib, ein Streich so exakt, wie ihn Bothari hätte mit Koudelkas Schwert führen können, und sehr genau plaziert. Wahrlich, Piotr hätte nicht das Niveau dieses Disputs senken sollen. Ungläubig und voller Schmerz stieß er den Atem aus.

Arals Ausdruck war nach innen gerichtet. »Ich werde ihn nicht wieder im Stich lassen«, korrigierte er sich leise. »Ein zweite Chance wurde dir nie gegeben, Sir.« Hinter seinem Rücken lokkerten sich seine Hände. Ein kleiner Ruck seines Kopfes verabschiedete Piotr und alles, was Piotr vielleicht sagen mochte.

Zweimal abgeblockt, sichtlich unter seinem großen Fehlgriff leidend, schaute sich Piotr nach einem möglichen anderen Ziel um, an dem er seine Frustration auslassen konnte. Sein Blick fiel auf Bothari, der ihn mit ausdruckslosem Gesicht beobachtete.

»Und du. Deine Hand war in diesem Spiel vom Anfang bis zum Ende. Hat dich mein Sohn als Spion in meinem Haushalt plaziert? Wo liegt deine Loyalität? Gehorchst du mir oder ihm?«

Ein seltsames Funkeln erschien in Botharis Augen. Er neigte seinen Kopf in Richtung auf Cordelia. »Ihr.«

Piotr war so verblüfft, daß er einige Sekunden brauchte, bis er seine Sprache wiederfand. »Schön«, sprudelte er zuletzt heraus, »sie kann dich haben. Ich will dein häßliches Gesicht nie wieder sehen. Komm nicht wieder ins Palais Vorkosigan zurück. Esterhazy wird dir noch vor Anbruch der Nacht deine Sachen bringen.«

Er drehte sich herum und marschierte davon. Sein großer Abgang, der schon schwach war, wurde dadurch verdorben, daß er über seine Schulter zurückblickte, bevor er die Ecke umrundete.

Ara gab einen sehr erschöpften Seufzer von sich.

»Glaubst du, er meint das diesmal so?«, fragte Cordelia. »All das Zeug über ›niemals wieder‹?«

»Regierungsangelegenheiten werden es erforderlich machen, daß wir miteinander kommunizieren. Er weiß das. Laß ihn heimgehen und ein bißchen dem Schweigen lauschen. Dann werden wir sehen.« Er lächelte düster. »Solange wir leben, können wir nicht voneinander loskommen.«

Sie dachte an das Kind, dessen Blut sie nun verband, sie mit Aral, Aral mit Piotr, und Piotr mit ihr selbst. »So scheint es.« Sie blickte entschuldigend zu Bothari. »Es tut mir leid, Sergeant. Ich wußte nicht, daß Piotr einen durch Eid gebundenen Gefolgsmann feuern konnte.«

»Nun ja, genaugenommen kann er auch nicht«, erklärte Aral. »Bothari wurde gerade einem anderen Zweig des Haushalts zugewiesen. Dir.«

»Oh.« Genau das, was ich immer schon wollte, mein eigenes Monster. Was envartet man von mir, daß ich ihn in meinem Wandschrank aufhebe? Sie rieb sich den Nasenrücken und betrachtete dann ihre Hand. Die Hand, die Botharis Hand auf dem Schwertgriff umfaßt hatte. So. Und so. »Lord Miles wird einen Leibwächter brauchen, nicht wahr?«

Aral neigte interessiert den Kopf. »In der Tat …«

Bothari sah plötzlich so gespannt hoffnungsvoll aus, daß Cordelia den Atem anhielt. »Einen Leibwächter«, sagte er, »und eine Rückendeckung.

Kein Rüpel könnte ihm etwas zuleide tun, wenn … lassen Sie mich ihm helfen, Mylady.«

Lassen Sie mich helfen. Das reimt sich mit Ich liebe Sie, nicht wahr? »Das wäre …« — unmöglich, verrückt, gefährlich, unverantwortlich — »mir ein Vergnügen, Sergeant.«

Sein Gesicht leuchtete auf wie eine Fackel. »Kann ich schon jetzt damit anfangen?«

»Warum nicht?«

»Ich werde also da drin auf Sie warten«, er nickte in Richtung auf Vaagens Labor. Dann schlüpfte er zurück durch die Tür. Cordelia konnte sich ihn genau vorstellen, wie er wachsam an der Wand lehnte — sie hoffte, daß seine argwöhnische Anwesenheit nicht die Ärzte so nervös machen würde, daß sie ihren zerbrechlichen Patienten fallen ließen.

Aral atmete laut und vernehmlich aus und nahm sie in seine Arme. »Habt ihr Betaner irgendwelche Kindergeschichten über die Namenstagsgeschenke der Hexe?«

»Die guten und die bösen Feen scheinen für dieses Kind alle in großer Zahl unterwegs zu sein, nicht wahr?« Sie lehnte sich gegen den kratzenden Stoff seiner uniformierten Schulter. »Ich weiß nicht, ob Piotr Bothari für einen Segen oder für einen Fluch hielt. Aber ich wette, er wird wirklich die Rüpel fernhalten. Wer auch immer die Rüpel sein mögen. Es ist eine seltsame Liste von Geburtstagsgeschenken, die wir unserem Kleinen überreicht haben.«

Sie kehrten ins Labor zurück und lauschten aufmerksam dem Rest des Vortrags des Doktors über Miles’ besondere Bedürfnisse und Verletzlichkeiten, arrangierten den Zeitplan für die erste Behandlungsrunde und wickelten ihn warm für die Fahrt nach Haus ein.

Er war so klein, ein Stücklein Fleisch, leichter als eine Katze, fand Cordelia, als sie ihn endlich in ihre Arme nahm, Haut an Haut zum erstenmal, seit er aus ihrem Leib geschnitten worden war. Einen Moment lang überkam sie Panik.

Legt ihn nochmals für achtzehn Jahre zurück in sein Faß, ich kann damit nicht umgehen … Kinder mochten ein Segen sein oder nicht, aber sie zu schaffen und dann im Stich zu lassen, das war sicher Verdammnis. Selbst Piotr wußte das. Aral hielt die Tür für sie auf.

Willkommen auf Barrayar, mein Sohn. Hier fängst du an, empfange eine Welt aus Wohlstand und Armut, aus heftigem Wandel und eingewurzelter Geschichte. Du bist geboren, zweimal geboren. Empfange einen Namen.

Miles bedeutet ›Soldat‹, aber laß dich nicht von der suggestiven Kraft dieses Namens überwältigen. Empfange eine verzerrte Gestalt in einer Gesellschaft, die die Mutationen verabscheut und fürchtet, die ihre tiefste Seelenangst gewesen sind. Empfange einen Titel, Wohlstand, Macht, und all den Haß und Neid, die sie anziehen werden. Nimm es an, daß dein Leib auseinandergeschnitten und wieder zusammengefügt wird. Erbe eine Schar Freunde und Feinde, die du selber dir nie gemacht hast. Empfange einen Großvater aus der Hölle. Ertrage den Schmerz, finde Freude, und schaffe dir deine eigene Bedeutung, denn das Universum wird sie dir sicher nicht liefern. Sei immer ein bewegliches Ziel. Lebe! Lebe! Lebe!

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