Die Wolken hatten sich schon seit Tagen verzogen, und der Rhein funkelte im Sonnenlicht. Siegfrieds Blick glitt über das silberblaue Wasser und über die grünen Wälder an den Ufern. Hier waren sie vollkommen allein. Kein Schiff in der Nähe, kein Fischer, kein Fährmann und kein Flößer. Nur die kleinen Boote mit Siegfried und Grimbert.
Nach den überstandenen Gefahren, dem Tod Reinholds und dem wiederhergestellten Frieden hätte sich Siegfried erleichtert fühlen müssen. Doch dem war nicht so.
Frieden herrschte zwar zwischen den beiden Königreichen, aber keine Freundschaft. König Hariolf hatte erklärt, keinen Krieg zu führen gegen den Mann, der ihm das Leben gerettet hatte, aber der Friese mochte auch keine Freundschaft schließen mit dem Mörder seines Sohnes. Längst waren die Friesen in ihr Land heimgekehrt. Und mit ihnen Amke. Obwohl sie es einander nicht gestanden hatten, war der Abschied für Amke wie für Siegfried schmerzvoll gewesen. Beide hatten gewußt, daß es für sie keine gemeinsame Zukunft gab. Wozu es noch durch Worte erschweren? Die Blicke genügten. Nie würde Siegfried Amkes Augen vergessen.
Siegfried richtete sich im Boot auf und wickelte das Tuch auseinander. Lange blickte er auf das zerbrochene Schwert. Dann packte er den goldenen Griff. Er spürte nichts mehr von der unheimlichen Kraft.
Grimbert hatte die Runen verändert und ihnen den Zauber genommen. Aber das hatte Siegfried nicht genügt.
»Ich danke dir, Wodan«, flüsterte er und schleuderte das halbe Schwert im weiten Bogen aus dem Boot.
Der Rhein verschluckte es. Hier war der Fluß sehr tief. Er würde das Schwert nie wieder hergeben.
Die zweite Schwerthälfte verschwand ebenfalls im Wasser. Siegfried starrte lange auf den Fluß, bevor er sich wieder setzte.
Er hatte nicht nur das Schwert im Fluß versenkt; er wollte auch die Erinnerung an den Mann auslöschen, den er einmal für seinen Freund gehalten und der ihn so sehr getäuscht hatte. Es gab keinen Reinhold von Glander mehr. Der Verlust des väterlichen Freundes mochte schmerzen, doch das Wissen, die Welt von dem rücksichtslosen, grausamen Diener Lokis befreit zu haben, wog den Schmerz mehr als auf.
Grimbert legte eine Hand auf Siegfrieds Schulter. »Ich bin stolz auf dich, Siegfried, und dein Vater Siegmund wäre es auch. Du hast gehandelt wie ein König - wie ein Mann.«
»Noch bin ich keiner.« Siegfried lächelte ein wenig verloren. »Meine Schwertleite wurde durch einen unerwarteten Krieg verhindert.«
»Sie wird bald nachgeholt, und dann wirst du ein neues Schwert an deiner Seite tragen!«
»Ich weiß nicht, ob ich mir das wünschen soll.«
»Aber ein Mann braucht ein gutes Schwert!«
»Ist jemand, der das braucht, wirklich ein Mann?« fragte Siegfried.
Grimbert musterte ihn eingehend. »Du erstaunst mich, Junge. Manch einer benötigt ein ganzes langes Leben, um solche Gedanken zu fassen. Hast du noch mehr kluge Erkenntnisse?«
»Ja«, sagte Siegfried und lächelte plötzlich. »Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, daß wir endlich rudern sollten. Nach Hause, nach Xanten!«