Mit der Liebe geht die Tragödie Hand in Hand. Homer und Euripides, Stendhal und Oscar Wilde haben darüber geschrieben. Nun bin ich an der Reihe.

Bevor ich am eignen Leib erfuhr, was Liebe ist, hielt ich sie für eine spezielle Vergnügung, die schwanzlose Affen im Umgang miteinander pflegen – zusätzlich zum Sex. Dieses Bild hatte sich bei mir durch die vielen Beschreibungen geprägt, denen ich in Versen und Romanen begegnet war. Woher hätte ich wissen sollen, dass Schriftsteller die Liebe durchaus nicht so beschreiben, wie sie in Wirklichkeit ist, sondern in künstlichen Wortschöpfungen, die auf dem Papier vorteilhafter erscheinen? Ich hielt mich für einen Profi in Sachen Liebe, da ich sie seit Jahrhunderten anderen suggerierte. Aber mit einer B-29 Hiroshima anfliegen oder den Bomber vom Stadtzentrum aus auf sich zukommen sehen, das ist eben zweierlei.

Die Liebe war ganz anders, als über sie geschrieben wird. Sie war der Lächerlichkeit näher als dem Ernst – was aber nicht hieß, dass man sie auf die leichte Schulter nehmen konnte. Sie ähnelte keinem Rausch (ein sehr gängiger Vergleich in der Literatur!), doch mit Nüchternheit hatte sie erst recht nichts zu tun. Es war nicht so, dass ich die Welt anders wahrgenommen hätte: Alexander war für mich kein Zauberprinz im schwarzen Maybach. Ich registrierte alle seine gruseligen Seiten, doch konnten diese – wie seltsam! – seinen Charme in meinen Augen nur verstärken. Selbst mit seinen ungereimten politischen Ansichten fand mein Verstand sich ab und wollte eine raue, nördliche Urwüchsigkeit darin erkennen.

Ein Sinn ging dieser Liebe völlig ab. Doch dafür gab sie allem Übrigen Sinn. Sie machte mir das Herz leicht und leer wie ein Luftballon. Ich begriff nicht, was mit mir vorging. Und das war kein besonderer Unverstand – es gab an diesem Vorgang einfach nichts zu verstehen. Man könnte einwenden, eine solche Liebe wäre seicht. Aber etwas, das Tiefe aufweist, ist keine Liebe mehr, denke ich. Es ist Berechnung oder Schizophrenie.

Selbst hätte ich nicht zu sagen gewagt, was Liebe ist – ähnlich wie Gott lässt sie sich wohl nur apophatisch definieren: durch das, was sie nicht ist. Aber auch die Apophase wäre der falsche Weg, denn sie ist alles. Und Schriftsteller, die über die Liebe schreiben, sind gerissene Gauner, allen voran Lew Tolstoi mit einem Knüppel namens Kreutzersonate in Händen. Pardon: Ich schätze Tolstoi.

Wie hätte ich ahnen können, dass unsere romantische Affäre Alexander zum Verhängnis werden sollte? Yet each man kills the thing he loves, hat Oscar Wilde gesagt. Dieser Autor lebte zu Zeiten eines primitiven Anthropozentrismus, so lässt sich das Wort »man« erklären (und Sexismus war damals ohnehin im Schwange, insbesondere bei Homosexuellen). Davon abgesehen, traf er mit seiner Bemerkung ins Schwarze. Ich habe das Tier ins Verderben gestürzt, the Thing. Die Schöne hat das Biest gekillt. Und das Mordinstrument war die Liebe.

Ich entsinne mich genau, wie jener Tag begann. Nach dem Erwachen lag ich noch lange auf dem Rücken und versuchte einen sehr schönen Traum aus den Tiefen zu heben, er wollte mir nicht wieder einfallen. Ich wusste, dass man in solchen Fällen liegenbleiben muss, reglos, die Augen geschlossen, in der Stellung, in der man aufgewacht ist, dann treibt der Traum manchmal von allein an die Oberfläche. Und so geschah es: Ungefähr eine Minute dauerte es, dann erinnerte ich mich.

Ich hatte von einem phantastischen Garten geträumt, sonnenüberflutet, mit viel Vogelgezwitscher. In der Ferne ein Streifen weißer Sand, dahinter das Meer. Vor mir eine steile Felswand, darin eine Höhle, die von einer Steinplatte verschlossen war. Ich musste diese Platte beiseiteschieben, doch sie war schwer, ich kam nicht damit zu Rande. Erst als ich meine Kräfte zusammennahm, die Füße in den Boden stemmte, alle Muskeln anspannte, bekam ich sie vom Fleck. Die Platte rutschte zur Seite, ein schwarzes Loch tat sich auf. Es schlug mir feucht und muffig entgegen. Und auf einmal sah ich aus der Finsternis dort drinnen Hühner ans Licht gelaufen kommen – erst eins, dann noch eins und noch eins … Es wurden so viele, dass ich mich verzählte. Sie kamen in rauen Mengen, nichts konnte sie mehr abhalten herauszukommen, jetzt wo sie wussten, wo der Ausgang war. Mein Huhn war übrigens darunter – braun, an den Seiten weiß – ich winkte ihm mit der Pfote (im Traum hatte ich Fuchspfoten, wie während des supraphysischen Schubs). Es würdigte mich keines Blickes, lief einfach vorbei. Aber das kränkte mich überhaupt nicht.

Was für ein sonderbarer Traum, dachte ich und schlug die Augen auf.

An der Wand flimmerte ein Lichtfleck. Es war mein virtueller Platz an der Sonne, mir kampflos zugefallen – ein kleiner Spiegel lenkte den von oben einfallenden Lichtstrahl für mich an die Wand. Ich dachte an Alexander, an unsere Liebe. Sie war genauso unbezweifelbar wie dieser zitternde gelbe Sonnenfleck an der Wand. Heute würde zwischen uns etwas Unglaubliches geschehen, etwas wirklich Wunderbares, so viel stand fest. Ohne noch zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte, griff ich nach dem Telefon.

»Hallo?«, hörte ich ihn.

»Hallo. Ich möchte dich sehen.«

»Dann komm her«, sagte er. »Aber wir haben wenig Zeit. Heute Abend muss ich wieder in den Norden fliegen. Drei Stunden haben wir.«

»Das reicht mir«, sagte ich.

Das Taxi kam langsam voran, die Ampeln schalteten ewig nicht um, und an jeder Kreuzung schien es mir, als könnte mein Herz sich nur noch Sekunden gedulden, bevor es mir aus der Brust sprang.

Als ich aus dem Fahrstuhl trat, nahm er den Schleier vom Gesicht und schnüffelte.

»An deinen Duft werde ich mich nie gewöhnen. Immer denke ich, dass ich ihn kenne. Und trotzdem zeigt sich jedes Mal, dass ich ihn anders in Erinnerung habe. Ich werde dir wohl ein paar Haare aus dem Schweif zupfen müssen.«

»Und dann?«

»Na … Ich stecke sie in ein Medaillon und trage es auf der Brust«, sagte er. »Dann kann ich es immer mal hervorholen und schnuppern. Wie ein Ritter im Mittelalter.«

Ich lächelte. Seine Vorstellungen von Rittern im Mittelalter stammten offensichtlich aus Witzen. Und kamen wohl eben darum der Wahrheit recht nahe. Natürlich hatten die Ritter damals keine Schweifhaare in ihren Medaillons (woher auch?), sondern … Doch ansonsten war das Bild authentisch.

Neben dem Sofa sah ich einen Gegenstand stehen, den ich noch nicht kannte: ein mit Glühlämpchen besetzter Glaskonus auf langem, dünnem Stiel. Stehlampe in Form eines überdimensionalen Martini-Glases.

»Die ist ja toll. Wo hast du sie her?«

»Von Rentierzüchtern geschenkt bekommen«, sagte er.

»Von Rentierzüchtern!«, staunte ich.

»Naja, genauer gesagt: Rentierzüchterlobby. Witzige Jungs, aus New York. Hübsch, nicht? Wie ein Libellenauge.«

Ich bekam so wahnsinnige Lust, ihn anzuspringen, fest an mich zu drücken … Nur mit Mühe hielt ich mich zurück. Wenn ich noch einen Schritt auf ihn zumachte, so fürchtete ich, gäbe es zwischen uns einen Funkenschlag. Er schien Ähnliches zu fühlen.

»Du bist heute so sonderbar. Hast du was genommen? Gesnifft?«

»Hast wohl Angst vor mir!«, raunte ich, ihn von unten her anblickend.

»Ha!«, sagte er. »Da hab ich aber schon beängstigendere Dinge gesehen!«

Ich ging langsam um ihn herum. Er grinste und nahm im selben Bogen die Gegenrichtung, ohne den Blick von mir zu wenden, so als wären wir das Paar Fechter in dem einen Animatrix-Film, den er so gern sah und sich dabei mit seinem zottigen grauen Haken bei mir einkrallte (das war, nebenbei gesagt, ein echter »Anschluss« – anders als die Genickstöpsel im Film). Gleichzeitig blieben wir stehen. Ich trat vor ihn hin, legte ihm die Hände auf die Achselklappen, zog ihn an mich und küsste ihn zum ersten Mal, seit wir uns kannten, auf den Mund – nach Menschenart.

Ich hatte noch nie so geküsst. Ich meine: leibhaftig, unter Einsatz des Mundes. Es fühlte sich komisch an, so feucht und warm, mit einem leichten Gegeneinanderschlagen der Zähne. Meine ganze Liebe legte ich in diesen ersten Kuss hinein. Und im nächsten Augenblick setzte bei ihm die Transformation ein.

Am Anfang war alles wie sonst: Der Schweif kam aus dem Rückgrat gerutscht (besser gesagt: gefallen), streckte sich, zwischen ihm und Alexanders Kopf baute sich die unsichtbare Energiebrücke auf. Normalerweise dauerte es von da an nur noch Augenblicke, bis er Wolf war. Diesmal aber ging irgendetwas schief. Alexander zuckte wie im Krampf und kippte nach hinten um – als wäre sein Schweif mit einemmal so schwer geworden, dass er Übergewicht bekam. Arme und Beine wurden von einem heftigen Zappeln ergriffen (was furchtbar aussah, wie bei Leuten mit einem Schädeltrauma), und nun verwandelte er sich in Sekundenschnelle in einen schwarzen (nicht mal rassereinen, irgendwie verwahrlost, räudig erscheinenden) … Hund.

Jawohl. Einen Hund. Von der Größe eines Schäferhunds, doch sichtlich eine Promenadenmischung. Seine unedlen Proportionen ließen vielerlei Blut erahnen; die Augen blickten klug, mit unverstellter Wut, beinahe menschlich, so wie bei den streunenden Kötern, die an den Metroeingängen zusammen mit den Obdachlosen nächtigen. Und außerdem die Farbe: bläulich-schwarz, mit einem Stich ins Violette. Haargenau die Farbe von Aslan Udojews Bart.

Ob es an der Farbe lag oder an den aufgerichteten, wie hellhörigen spitzen Lauschern: Dieser Köter hatte etwas Teuflisches. Automatisch dachte man an über dem Galgen kreisende Krähenschwärme, irgendwelches Dämonenzeug. (Ich weiß, es klingt seltsam, wenn meinesgleichen so etwas sagt, aber es war so.) Das Gräulichste aber war – egal, ob es sich um eine Täuschung handelte oder um eine Gegebenheit – dieser von allen Seiten zugleich ans Ohr dringende dumpfe Ton: als stöhnte die Erde.

Ich kreischte vor Schreck. Er prallte ab von mir, drehte sich zum Spiegel zuckte vor dem Anblick zurück und begann zu winseln. Dies war der Moment, in dem ich die Fassung wiedergewann. In dem mir dämmerte, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste, eine Katastrophe, und ich war schuld. Mein Kuss hatte die Katastrophe ausgelöst, jener Stromkreis der Liebe, den ich geschlossen hatte, indem meine Lippen sich an seinen festsaugten.

Ich ging neben ihm in die Hocke, legte meinen Arm um seinen Hals, doch er riss sich los. Beim nächsten Annäherungsversuch biss er mir in die Hand. Nicht sehr – an zwei Stellen blutete es ein bisschen. Ich fuhr ächzend zurück. Der Hund lief zu einer Tür ins Nachbarzimmer, stieß mit den Pfoten dagegen und verschwand.

Die ganze nächste Stunde blieb Alexander dort drinnen. Ich verstand, dass er allein sein wollte, und beherzigte diesen Wunsch. Dabei war mir mulmig zumute, ich hatte Angst, es könnte jeden Moment ein Schuss zu hören sein. (Schon einmal, aus ganz nichtigem Anlass, hatte er gedroht sich umzubringen.) Doch statt eines Schusses ertönte Musik. Er hatte I Follow the Sun aufgelegt. Als das Lied zu Ende war, spielte er es von vorn. Dann noch einmal. Seine Seele brauchte anscheinend eine Sauerstoffdusche.

Ich saß immer noch auf dem Teppich vor dem Sofa. Kaum dass ich mich ein wenig beruhigt hatte, stellten sich mögliche Erklärungen für das Geschehene ein. Als Erstes musste ich an den toten Lord Cricket denken und seinen Vortrag über die Schlangenkraft, die im Schweif ihren Sitz hat. Das bloße Wort Überwertier hatte damals bewirkt, dass ich all seine Gedankengebäude als Schwachsinn verbucht hatte, eine Girlande stinkender Blasen aus dem Sumpf der Trivialesoterik. Doch zumindest ein Aspekt dessen, was hier soeben vorgefallen war, schien den Theorien des Lords Gewicht zu geben.

Kurz vor seiner Verwandlung war Alexander nach hinten umgekippt, als hätte ihn jemand am Schweif gezogen. Oder als wäre dieser plötzlich bleischwer gewesen. Jedenfalls war etwas geschehen, das ihn kalt erwischt hatte – und mit seinem Suggestionsgerät zu tun haben musste. Lord Cricket wiederum hatte gesagt, der Übergang vom Wolf zu dem, was er Überwertier nannte, geschehe dann, wenn die Kundalini bis in das äußerste Ende des Schweifes absacke. Und außerdem …

Das war das Unangenehmste. Er hatte außerdem erwähnt, es bedürfe auch noch einer »Invokation der Finsternis«, der spirituellen Einwirkung eines »übergeordneten dämonischen Wesens« …

Little me?

Schwer vorstellbar. Andererseits, warum sollten die Ausführungen des seligen Lords nicht auch ein zufälliges, von jenem Aleister Crowly entfachtes Fünkchen Wahrheit enthalten? Überall auf der Welt gab es Geheimkonzilien, mystische Rituale, nicht alles musste zwangsläufig Scharlatanerie sein. Und eins stand jedenfalls außer Frage: Bei dem, was hier passiert war, spielte ich eine maßgebliche Rolle. Als Katalysator für irgendeine unklare alchimistische Reaktion vielleicht. Wie Haruki Murakami schreibt: Viel Kraft geht von einer Frau nicht aus, doch das bisschen kann das Herz eines Mannes in Aufruhr bringen …

Am schrecklichsten war die Erkenntnis, dass das Vorgefallene nicht rückgängig zu machen war – für solche Dinge hat ein Werwesen ein sicheres Auge. Alexander würde nie wieder der Alte sein, das spürte ich. Ich musste darüber nicht spekulieren – ich wusste es mit dem Schweif. Es war, als stünde ich vor den tausend Scherben einer kostbaren Vase, die ich fallengelassen hatte. Da war nichts zu kitten.

Ich nahm meinen Mut zusammen und ging zu der Tür, hinter der er verschwunden war, klinkte sie auf.

Hier war ich noch nicht gewesen. Ein winziger Raum, eine Art Ankleidekammer. Darin ein kleiner Tisch, ein Sessel und ein im Halbkreis um die Wände herumlaufender Schrank. Auf dem Tisch stand ein kleines digitales Tonbandgerät. Er ließ zum x-ten Mal seinen Shocking-Blue-Song laufen, worin jemand der Sonne bis zum Ende der Zeiten zu folgen versprach.

Alexander war nicht wiederzuerkennen. Er hatte sich bereits umgezogen, trug nicht mehr die Generalsuniform, sondern ein dunkelgraues Jackett und einen schwarzen Rollkragenpullover. In solchem Aufzug hatte ich ihn noch nie gesehen. Die Hauptsache aber: Irgendetwas Unfassbares war mit seinem Gesicht geschehen. Die Augen schienen enger zu stehen, außerdem heller geworden. Und es hatte einen anderen Ausdruck: Verzweiflung, verhaltene Wut – wobei wahrscheinlich keiner außer mir die aufgesetzte Ruhe in diese Bestandteile hätte sezieren können. Er war es – und war es auch wieder nicht. Mir gruselte.

»Alex«, rief ich ihn leise an.

Er schaute auf.

»Erinnerst du dich an das Märchen von der feuerroten Blume?«, fragte er.

»Klar.«

»Jetzt verstehe ich erst den Sinn.«

»Nämlich?«

»Liebe führt nicht zur Verwandlung. Sie führt dazu, dass Masken fallen. Ich hatte gemeint, ich wäre ein Prinz. Und nun zeigt sich … So sieht sie aus, meine Seele.«

Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen traten.

»So darfst du nicht reden«, flüsterte ich. »Es ist nicht wahr. Gar nichts hast du verstanden. Das hat mit Seele absolut nichts zu tun. Das ist wie … wie …«

»Wie Aus-dem-Ei-Schlüpfen«, sagte er traurig. »Zurückschlüpfen geht nicht.«

Was er da sagte, traf meine Empfindungen erstaunlich genau. Dass der Wandel unumkehrbar war. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wäre am liebsten im Fußboden versunken und in der Erde, tief und tiefer … Dabei schien er nicht mir die Schuld zu geben. Gab mir im Gegenteil zu verstehen, dass er den Grund bei sich selber suchte. Er hat doch ein edelmütiges Herz!, dachte ich.

Er stand auf.

»Mein Flieger nach Norden geht gleich«, sagte er und fuhr mir zärtlich mit den Fingern über die Wange. »Komme, was kommt. Wir sehen uns in drei Tagen.«


Er war schon nach zweien zurück.

Ich erwartete ihn nicht an diesem Morgen, auch mein Instinkt hatte mich nicht vorgewarnt. Das Klopfen an der Tür war seltsam leise. Hätte die Polizei vor der Tür gestanden, Brandschutz- oder Hygieneinspektion, der Stadtteilarchitekt oder sonst irgendwelche Träger nationalen Ideenguts – es hätte anders geklungen. Das Klopfen kenne ich, wenn zur Kasse gebeten wird. Ich tippte auf die alte Putzfrau, die die Tribünen saubermachte. Sie kam manchmal und bat um heißes Wasser. Ich hatte ihr schon zweimal meinen Teekocher angeboten, sie kam lieber vorbei – wohl aus Einsamkeit.

Draußen stand Alexander: totenbleich, mit blauen Ringen um die Augen und einer langen Schramme über die linke Wange. Er trug einen zerknitterten Sommermantel. Außerdem roch er nach Alkohol – keine Schnapsfahne, es roch nach frischem Spiritus, wie aus der Flasche. Das hatte ich an ihm noch nie gerochen.

»Wie hast du mich denn gefunden?«

Eine dümmere Frage ließ sich schwer ausdenken. Er überhörte sie einfach.

»Wir haben keine Zeit. Kannst du mich irgendwo verstecken?«

»Klar«, sagte ich. »Komm rein.«

»Deine Wohnung scheidet aus. Sie ist unseren Leuten bekannt. Fällt dir was anderes ein?«

»Na, bestimmt. Komm erst mal rein, lass uns das in Ruhe besprechen.«

Er schüttelte den Kopf.

»Wir müssen sofort los. In fünf Minuten kann es zu spät sein.«

Ich begriff, dass die Sache ernst war.

»Gut«, sagte ich. »Kommen wir irgendwann zurück?«

»Kaum.«

»Dann packe ich schnell eine Tasche. Und nehme das Fahrrad mit. Kommst du kurz mit rein?«

»Ich warte hier.«

Minuten später waren wir auf dem Pfad, der von der Pferderennbahn in den Park führte. Ich schob das Fahrrad, um meine Schulter hing eine schwere Tasche, Alexander machte keine Anstalten, mir etwas abzunehmen. Das passte gar nicht zu ihm – doch ich merkte, dass er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten.

»Ist es noch weit?«, fragte er.

»Halbe Stunde im normalen Schritt.«

»Was ist das für ein Ort?«

»Wirst schon sehen.«

»Ist er sicher?«

»Bombensicher.«

Ich führte ihn zu meinem persönlichen Luftschutzbunker.

Es geschieht nicht selten, dass die irgendwann für den Kriegsfall getroffenen Vorkehrungen in späteren Zeiten auch zu anderen Zwecken dienlich sind. In den achtziger Jahren rechneten viele damit, dass der Kalte Krieg irgendwann in einen heißen münden würde. Zwei Vorzeichen gab es mindestens, die auf das Bevorstehen einer solchen Wende hindeuteten:


1. In den Auslagen der Geschäfte waren Fleischkonserven aus den eisernen Reserven der Stalinzeit aufgetaucht, die für den dritten Weltkrieg angelegt worden waren. (Zu erkennen waren diese Konserven leicht: am Fehlen jeglicher Haltbarkeitsmarkierungen auf der Dose, an der speziellen, gelblichen Farbe des Bleches, einem dicken Vaselineüberzug und dem absolut geschmacksfreien, sogar farblosen Inhalt.)

2. Der amerikanische Präsident hieß Ronald Wilson Reagan. Jeder einzelne dieser Namen bestand aus sechs Buchstaben. Das ergab die Zahl 666, die apokalyptische Zahl des Tieres, worauf die Zeitschrift Der Kommunist seinerzeit besorgt aufmerksam machte. Noch dazu wurde der Nachname so ausgesprochen, dass er wie »ray gun« klang. Letzteres nun wieder meine ganz persönliche Entdeckung.


Nach ein paar Jahren stellte sich heraus, dass diese Vorzeichen keinen Krieg, sondern den Untergang der UdSSR angekündigt hatten. Der Upper rat hatte sich eingeschissen – womit der erste Teil seiner großen geopolitischen Mission erfüllt war. Damals aber schien ein Krieg sehr wahrscheinlich, sodass ich mir überlegte, was ich tun würde, wenn er ausbrach.

Ich kam auf eine einfache Lösung. Schon damals wohnte ich in der Nähe des Bitza-Parks und hatte in dessen von Gräben durchzogenem Inneren öfter geheimnisvolle Betonröhren, Schächte und Verbindungsgänge entdeckt. Diese unterirdischen Investruinen gehörten verschiedenen Sowjetepochen an, was man an den Betonsorten erkennen konnte. Manches davon war Teil eines geplanten Entwässerungssystems, anderes hatte mit Fernwärmeverbindungen und Kabeltrassen zu tun, noch anderes ließ sich überhaupt nicht zuordnen, mutete aber irgendwie militärisch an.

Der größte Teil dieser Bauten lag offen zutage. Endlich aber fand ich eine Höhle, die mir passte. Sie befand sich inmitten von undurchdringlichem Gestrüpp, außerdem viel zu weit abgelegen von Wohngebieten, als dass jugendliche Alkis oder Liebespärchen sich einfinden würden. Es führten auch keine Wege vorbei, zufällige Spaziergänger konnten sich schwerlich hierher verirren. Von außen gesehen, handelte es sich um eine Betonröhre von etwa einem Meter Durchmesser, die in einen unbefestigten Graben mündete. Nur wenige Schritte trennten die Mündung von der gegenüberliegenden Grabenwand, sodass der Eingang von oben schwer einzusehen war. Drinnen verzweigte sich die Röhre und führte in zwei kleinere Kammern. In einer hing ein Verteilerkasten an der Wand, und es gab sogar eine Lampenfassung, die an einem in die Wand getriebenen Mauerhaken hing. Wahrscheinlich führte hier ein Erdkabel durch.

Als ich den Ort entdeckte, gab es keinerlei Spuren von Leben darin, nur Reste von Bauschutt und einen Gummistiefel mithalb abgerissenem Schaft. Nach und nach schleppte ich Konserven dort hinein, Gläser mit Honig, vietnamesische Bambusmatten und Wolldecken. Doch es kam kein Krieg, es kam die Perestroika, die Notwendigkeit sich einzubunkern entfiel. Trotzdem habe ich »meinen Bunker« (so nannte ich diesen Ort für mich tatsächlich) auch danach noch gelegentlich inspiziert.

Die Vorräte waren natürlich längst vergammelt, doch der Ort selbst war unentdeckt geblieben. All die Jahre der Demokratie hindurch hatte nur ein einziges Mal ein Obdachloser sich hier einzunisten versucht, der anscheinend im Delirium durch den Graben gerobbt und dann in das Loch eingebogen war. Ich musste ihn einer harten Hypnoseséance unterziehen, dabei wird der Ärmste außer dieser Höhle noch manches andere vergessen haben, fürchte ich. Danach hängte ich einen Abwehrtalisman in den Eingang, was ich eigentlich lieber vermeide, weil man magische Eingriffe in den natürlichen Lauf der Dinge früher oder später mit dem Leben bezahlt. Aber dieser war minimal.

Als ich Alexander um ein Versteck bitten hörte, wusste ich sofort, dass dies der ideale Ort für ihn war. Hinzugelangen erwies sich allerdings als Problem: Er lief immer langsamer, musste öfters stehenbleiben, um Luft zu schöpfen.

Endlich kamen wir am Graben an. Er lag versteckt hinter üppig wuchernden Haselnusssträuchern und irgendwelchen Doldengewächsen, deren Namen ich immer wieder vergaß, sie wuchsen hier in gigantische Höhen, fast baumartig, sodass ich schon fürchtete, irgendwelche radioaktiven oder chemischen Rückstände könnten dafür verantwortlich sein. Alexander kämpfte sich in den Graben hinunter, bückte sich und kroch in das Rohr.

»Rechts oder links?«

»Links«, sagte ich. »Ich mach gleich Licht.«

»Wow, Licht gibts auch. Erste Sahne!«, brummte er.

Kurz darauf war es geschafft: Ich half ihm, den Mantel auszuziehen, bettete ihn auf die Matten. Erst jetzt bemerkte ich, dass das graue Jackett von Blut getränkt war.

»Da stecken Kugeln drin«, sagte er. »Zwei oder drei. Kannst du sie rausholen?«

Zum Glück hatte ich daran gedacht, den Leatherman einzupacken. Eine gewisse Sanitätserfahrung besaß ich auch, gesammelt allerdings vor sehr langer Zeit; damals waren es nicht Kugeln, die ich aus einem Männerkörper hatte entfernen müssen, sondern Pfeilspitzen. Doch war das kein gravierender Unterschied.

»Gut«, sagte ich. »Aber du darfst nicht schreien.«

Während der ganzen sich hinziehenden Prozedur gab er keinen Mucks von sich. Einmal nach einer besonders ungeschickten Handhabung des Operationsbestecks wurde sein Schweigen allerdings so lastend, dass ich befürchtete, er starb mir unter dem Messer weg. Doch er langte nur nach der Flasche mit dem Rest Wodka und nahm einen Schluck. Schließlich war ich fertig. Ich hatte ordentlich an ihm herumgeschnippelt, um die drei Silberklümpchen herauszupulen. An zweien waren kleine schwarze Härchen angebacken, und ich begriff, dass er die Schüsse abgekriegt hatte, während er … Ich wusste nicht, wie ich seine neue Gestalt nennen sollte, das Wort Hund kam mir kränkend vor.

»Fertig!«, sagte ich. »Jetzt bräuchte ich was Steriles zum Verbinden. Bleib hier liegen und ruh dich aus, ich lauf schnell zur Apotheke. Soll ich für dich was mitbringen?«

»Ja. Kauf Halsband und Kette.«

»Wie?«

»Ach, nichts«, sagte er und versuchte zu lächeln. »Nur ein Scherz. Um Medikamente musst du dich nicht kümmern, das heilt von allein. Kauf ein paar Rasierklingen, Rasierschaum. Und Mineralwasser. Hast du Geld?«

»Ja. Keine Sorge.«

»Und lass dich ja nicht in der Nähe deiner Wohnung sehen. Auf gar keinen Fall. Sie warten bestimmt schon.«

»Musst du mir nicht sagen. Aber da fällt mir ein … Michalytsch hat so ein Gerät, mit dem er den Aufenthaltsort ermitteln kann. Über irgendwelche Impulsgeber … Wenn nun so ein Ding noch irgendwo bei mir dranklebt?«

»Nein, nein, keine Bange. Er hat dich auf den Arm genommen. Wir haben dich über die Putzfrau aufgetrieben, die bei dir immer das heiße Wasser holt. Die arbeitet für uns, seit fünfundachtzig schon.«

Man lernte nie aus.

Als ich Stunden später mit zwei Tüten im Arm zurückkehrte, schlief er. Ich setzte mich neben ihn, schaute ihm lange ins Gesicht. Sein Schlaf war ruhig wie bei einem Kind. Auf dem Boden stand das Glas mit den drei blutigen Silberknollen. Einen Werwolf tötet man nicht so leicht. Michalytsch zum Beispiel: Dem konnte man sonst was über den Schädel hauen, der bekam davon nur bessere Laune. Der Champagner ist mir zu Kopf gestiegen, witzelte er hinterher … Ein harter Kerl. Das hier war keine Champagnerflasche, das waren Gewehrkugeln. Für meinen lieben Alex trotzdem eine Bagatelle.

Der alte Mythos, dass man Werwölfe nur mit Silberkugeln zur Strecke bringt – er hat unserer Community schon viel genützt! Denn


1. eitern die Wunden nie, man muss auch nicht desinfizieren – Silber ist ein natürliches Antiseptikum.

2. bekommen wir so überhaupt weniger Kugeln ab; die Menschen geizen mit Edelmetall und nehmen oft nur eine einzige Patrone mit auf die Jagd – in der Annahme, jeder Treffer müsste tödlich sein.


Im wirklichen Leben dagegen bringt ein Schuss sehr viel häufiger dem Schützen den Tod. Würden die Menschen ihr Hirn ein bisschen mehr anstrengen, kämen sie von selber drauf, wer diese Gerüchte über Silberkugeln in die Welt setzt. Doch Menschen denken zwar viel aber selten richtig, und sowieso nicht an das, was anstünde.

In den Tüten, die ich angeschleppt hatte, waren Lebensmittel und noch dieses und jenes nützliche Ding dazu. Während ich in den Graben hinabstieg und mich hinter den Tüten in die dunkle Betonröhre schob, kam mir der Gedanke, dass ich mich nun im Grunde überhaupt nicht mehr von den -zig Tausenden jung-verheirateter russischer Mädchen unterschied, auf deren zarten Schultern ganz allein der Haushalt lastete. All dies war so überraschend geschehen und glich so wenig den verschiedenen Rollen, die ich bisher im Leben gespielt hatte – ich hatte nicht einmal darüber nachdenken können, ob mir das gefiel oder nicht.


Wertieren wird nachgesagt, dass philosophische Probleme sie nicht interessieren. Nach dem Motto: Einer wird zum Werwolf respektive Werfuchs, heult den Mond an, reißt jemandem die Kehle auf, und alle großen Lebensfragen (wer bin ich und wozu auf der Welt, wo komme ich her, wo gehe ich hin?) sind gelöst … So ist das durchaus nicht. Die Rätsel der Existenz plagen uns weit mehr als jeden »marktwirtschaftlich orientierten« Menschen der Gegenwart. Nichtsdestoweniger werden wir im Kino weiterhin als selbstgefällige, phantasielose Vielfraße der immergleichen Sorte hingestellt, armselige, grausame Blutsauger.

Ich glaube übrigens nicht, dass den Menschen etwas daran liegt, uns auf diese Weise zu beleidigen. Es ist vielmehr ein Ausdruck ihrer Beschränktheit. Sie schöpfen uns nach ihrem eigenen Bild, ein anderes Modell haben sie nicht.

Selbst das Wenige, was die Menschen über uns wissen, ist verzerrt und trivial bis dorthinaus. Über Werfüchse beispielsweise erzählt man sich, sie hausten in Menschengräbern. Wenn die Leute so etwas hören, stellen sie sich Gerippe vor, Gestank, verwesende Leichen. Was müssen diese Werfüchse für ein ekles Gezücht sein, dass sie es an so einem Ort aushalten, denken die Leute dann. Etwas wie monströse Grabwürmer.

Das ist natürlich ein Trugschluss. Der Sachverhalt ist, dass das Grab in der Antike eine komplizierte Anlage aus mehreren trockenen, geräumigen Kammern war, über ein System von Bronzespiegeln fiel Sonnenlicht herein (nicht sehr viel, doch für die nötigen Verrichtungen reichte es aus). Solch ein Grab, weitab von menschlichen Behausungen gelegen, war eine ideale Wohnstatt für Geschöpfe wie mich, denen das weltliche Treiben fremd und ein Hang zu einsamen Gedankenausflügen eigen war. Von diesen Grabanlagen gibt es heutzutage kaum noch welche: Sie sind untergepflügt, von Kanälen und Straßen tranchiert. Und in den neuzeitlichen Friedhofs-Kommunalkas ist es selbst den Toten zu eng.

Doch treibt mich die Nostalgie bis heute hin und wieder auf den Moskauer Wostrjakowo-Friedhof: ein bisschen die Alleen entlangschlendern, an die Ewigkeit denken. Man sieht die Kreuze, die Sterne auf den Grabsteinen, liest die Namen, schaut in die Gesichter auf den verblichenen Photographien und denkt: Was wusste Herr Käufer vom Leben? Und was dieser Solonjan? Und die ganze Jagupolskische Sippe? Vermutlich wussten sie sehr viel, das meiste. Nur die Hauptsache nicht.

Vor meiner Übersiedlung nach Russland hatte ich ein paar Jahrhunderte in einem Grab aus der Han-Zeit gelebt, unweit des Ortes, wo sich früher einmal die Stadt Luoyang befand. Das Grab hatte zwei große Kammern, in denen sehr schöne Gewänder aufbewahrt waren, dazu Quin-Zither und Flöte, ein Haufen Geschirr – im Grunde alles, was man für den Haushalt und ein bescheidenes Leben brauchte. Und die Menschen scheuten sich, dem Grab zu nahe zu kommen, denn es ging das Gerücht von einem bösen Geist, der dort sein Unwesen treibe. Was ja, wenn man die Information von ihrer überflüssigen emotionalen Wertung befreite, seine Richtigkeit hatte.

Zu jener Zeit war ich intensiv mit spirituellen Übungen befasst und pflegte Umgang mit gelehrten Menschen aus den umliegenden Dörfern. (Die chinesischen Studenten lebten mitsamt ihren Büchern zumeist auf dem Lande, nur zu den Prüfungen fuhren sie in die Stadt und kehrten später, wenn sie ihre Beamtenzeit abgeleistet hatten, ins väterliche Haus zurück.) Manche von ihnen wussten, wer ich war, und löcherten mich mit vielen, die Vergangenheit betreffenden Fragen: ob die Chroniken denn stimmten, keine Fehler in den Zeittafeln aufwiesen, wer die Palastrevolution vor drei Jahrhunderten angezettelt hatte, und so weiter, und so fort. Ich kam nicht umhin, mein Gedächtnis anzustrengen und Auskunft zu geben, denn dafür gaben mir die gelehrten Männer die alten Texte in die Hand, in denen ich bei meinen Übungen noch mitunter nachschlagen musste.

Andere, die etwas Mutigeren, besuchten mich hin und wieder, um zwischen den alten Gräbern Unzucht zu treiben. Chinesische Maler und Dichter schätzten das Tête-à-tête mit einem Werfuchs, besonders wenn sie nicht mehr ganz nüchtern waren. Und sie mochten es, am anderen Morgen im Gras neben einem bemoosten Grabstein zu erwachen, aufzuspringen und schreiend vor Entsetzen mit aufgelöstem, im Wind flatterndem Haar zum nächstgelegenen Tempel zu laufen. Das sah sehr hübsch aus – ich beobachtete sie von hinter einem Baum und kicherte hinter vorgehaltener Hand … Nach ein paar Tagen kamen sie wieder. Was waren das damals für noble, edelmütige, feinsinnige Menschen! Oft habe ich nicht einmal Geld von ihnen genommen.

Diese idyllischen Zeiten vergingen wie im Fluge, und sie sind mir in bester Erinnerung. Wohin mich das Leben späterhin auch verschlug, immer sehnte ich mich ein bisschen zurück nach meinem gemütlichen Grab. Darum war es für mich ein Grund zur Freude, als wir hierher in die Abgeschiedenheit des Waldes umzogen. Ich hatte das Gefühl, die alten Zeiten wären wieder angebrochen. Selbst im Grundriss erinnerte die Doppelhöhle, in der wir hausten, an mein altes Domizil, auch wenn die Räume kleiner waren und ich meine Tage nicht in Einsamkeit verbrachte, sondern mit Alexander.

Er fand sich am neuen Ort schnell zurecht. Seine Wunden verheilten über Nacht, es genügte, dass er sich in den Hund verwandelte. Am nächsten Morgen blieb er es einfach und machte seinen ersten Ausflug durch den Graben. Ich war froh, dass er sich dieses neuen Körpers nicht mehr zu genieren schien – wahrscheinlich fand er sogar Spaß daran, wie an einem neuen Spielzeug. Es war wohl weniger die äußere Gestalt, die ihm zusagte, doch er genoss die Beständigkeit: Wolf zu sein war ihm immer nur für kürzeste Zeit gelungen, Hund durfte er bleiben, so lange er wollte.

Dieser schwarze Hund konnte sogar ein bisschen sprechen – die Aussprache war freilich kurios, anfangs lachte ich Tränen. Alexander war nicht beleidigt, und nach kurzer Zeit fand ich es normal. Die ersten Tage rannte er viel im Wald umher, inspizierte die neue Umgebung. Ich fürchtete, seine Ambitionen könnten ihn verleiten, ein viel zu großes Waldstück zu markieren, doch wollte ich sein Ehrgefühl nicht verletzen und sagte nichts dazu. Und im Falle des Falles hätten wir uns zu verteidigen gewusst. – Wir! An dieses Pronomen konnte ich mich einfach nicht gewöhnen.

Wahrscheinlich war es die Ähnlichkeit unserer Unterkunft mit dem Ort, an dem ich meinen Geist so viele Jahre geschult und vervollkommnet hatte, weshalb es mich drängte, Alexander meine wesentlichen Erkenntnisse vom Leben mitzuteilen. Ich musste es zumindest versuchen – was war meine Liebe sonst wert? Oder sollte ich ihn etwa so allein im eisigen Glamour der florierenden Hölle, die gleich hinter dem Waldsaum anfing, im Stich lassen? Nein, ich musste ihm die Hand reichen und den Schweif, denn tat ich es nicht, es täte sonst keiner.

Ich beschloss, ihm das wahre Wesen der Dinge zu offenbaren. Das erforderte jedoch ein paar Grundlagen, die neu für ihn waren – um auf ihnen, wie über Stufen, zum Höheren hinaufzugelangen. Schon diese Binsenweisheiten klar zu machen war schwierig.

Dazu muss man wissen: Die Wörter, die die Wahrheit ausdrücken, sind jedem geläufig – und wenn nicht, hat man sie in fünf Minuten ergoogelt. Die Wahrheit selbst aber kennt so gut wie keiner. Sie ist wie ein Magic-Eye-Bild: ein chaotisches Gewirr aus farbigen Linien und Flecken, das, fokussiert man die Augen richtig, sich in ein räumliches Bild verwandeln kann. Dem Anschein nach supereinfach, doch dieses Fokussieren kann dem Betrachter kein noch so wohlmeinender Helfer abnehmen. Die Wahrheit ist genau so ein Bild. Sie ist vor aller Augen – selbst denen schwanzloser Affen. Doch nur die wenigsten sehen sie. Dafür sind es umso mehr, die vorgeben, sie zu wissen. Was natürlich Quatsch ist – Wahrheit ebenso wie Liebe ist nichts für den Verstand. Es ist dann meist nur irgendeine ausgeklügelte Spitzfindigkeit, die dafür gehalten wird.

Einmal fiel mir ein winziges graues Säckchen ins Auge, das Alexander an einem ebenso grauen Band vor der Brust hing. Vermutlich war die Farbe dem Wolfspelz angepasst gewesen – das Säckchen sollte unsichtbar sein, wenn er zum Wolf wurde. Auf dem schwarzen Hundefell fiel es nun doch auf. Ich wollte ihn am Abend danach fragen, wenn er bei Laune war.

Er hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehen eine stinkende kubanische Zigarre zu rauchen, Montecristo No. 3 oder Cohiba Siglo IV, ich kannte die Namen, weil ich sie besorgen musste. Dies war die günstigste Zeit für ein Gespräch. Falls jemand es noch nicht weiß: Rauchen führt zum Dopaminausstoß im Hirn, ein Stoff, der für Wohlbefinden sorgt. Der Raucher nimmt dieses Wohlbefinden von seiner Zukunft als Kredit und baut es ab zu gesundheitlichen Problemen. Am Abend machten wir es uns auf der Schwelle unserer Behausung gemütlich, er paffte seine Zigarre an (drinnen zu rauchen erlaubte ich ihm nicht). Ich wartete, bis sie zur Hälfte aufgeraucht war, dann stellte ich meine Frage.

»Was hast du da eigentlich in dem Säckchen vor deiner Brust, sag mal?«

»Ein Kreuz.«

»Ein Kreuz? Du trägst ein Kreuz?«

Er nickte.

»Und wozu versteckst du es? Muss man doch heute nicht mehr!«

»Muss man nicht«, sagte er. »Aber es glüht mir auf der Brust, wenn ich mich verwandele.«

»Tut es weh?«

»Das nun nicht. Aber es riecht jedes Mal nach versengtem Fell.«

»Wenn du magst, bringe ich dir ein kleines Mantra bei. Dann verbrennt dich kein Kreuz mehr.«

»Na, so weit kommts noch, dass ich deine Höllenmantras aufsage, damit mir das Kreuz nicht die Brust verbrennt. Du weißt wohl gar nicht, was das für eine Sünde wäre?«

Ich sah ihn argwöhnisch an.

»Jetzt sag bloß noch, du bist gläubig?«

»Was denn sonst. Natürlich bin ich gläubig.«

»Mehr so als Reverenz vor dem kulturellen Erbe der Orthodoxie? Oder ganz ernsthaft?«

»Die Fangfrage verstehe ich nicht. Es steht doch über uns in der Heiligen Schrift geschrieben: Sie glauben und zittern. Und das tue ich.«

»Aber du bist ein Werwolf, Alex. Nach allen rechtgläubigen Begriffen kann es für dich nur den Weg in die Hölle geben. Wieso hast du dir ausgerechnet einen Glauben ausgesucht, der die Hölle für dich vorsieht?«

»Den Glauben kann man sich nicht aussuchen«, erwiderte er verdrossen. »Genauso wenig wie das Vaterland.«

»Aber Religion ist doch dazu da, um Hoffnung auf Erlösung zu machen. Oder worauf hoffst du?«

»Dass Gott mir meine dunklen Punkte vergibt.«

»Welche sollen das sein?«

»Es gibt sie zur Genüge. Ich hab mein Bild von Gott verloren. Na, und zum Beispiel das mit dir jetzt …«

»Wie?« Vor Empörung verschluckte ich mich beinahe. »Ich bin also gar nicht der große Lichtblick für dich, die Insel der Reinheit und Unschuld in deinem Wolfsleben, sondern im Gegenteil ein dunkler Punkt, für den du büßen musst? Für mich? Du böser Wolf?«

Er zuckte nur die Achseln.

»Ich liebe dich, das weißt du doch. Das hat nichts mit dir persönlich zu tun. Es ist eben nur, dass wir zwei …«

»Ja?«

Er stieß eine Rauchwolke aus.

»… in Sünde leben.«

Meinem Zorn entwich sofort die Luft. Stattdessen ergriff mich Heiterkeit. So zum Lachen war mir schon lange nicht mehr gewesen.

»Ach, ist ja interessant«, sagte ich und musste ein in der Kehle aufsteigendes Glucksen unterdrücken. »Ich bin also dein Sündenfall, ja?«

»Nicht du«, sagte er leise, »sondern …«

»Ja?«

»Die Schweifbefleckung«, sagte er noch leiser und schlug die Augen nieder.

Ich biss mir auf die Lippe. Ich wusste, ich durfte jetzt auf gar keinen Fall zu lachen anfangen – er vertraute mir gerade etwas sehr Intimes an. Und ich blieb tapfer. Doch die Anstrengung war so gewaltig, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn davon ein neues Silberhaar in meinem Schweif aufgetaucht wäre. Er hatte also auch schon einen Namen dafür!

»Sei bitte nicht beleidigt«, sagte er. »Ich sage es dir ehrlich, so wie ich es empfinde. Ich kann dich auch belügen, wenn dir das lieber ist. Doch dann hätte es keinen Sinn mehr, miteinander zu reden.«

»Ja, natürlich«, sagte ich. »Kam eben alles so überraschend, nicht wahr.«

Ein paar Minuten lang schwiegen wir, schauten zu, wie die hochaufgeschossenen Dolden über uns im Wind schaukelten.

»Und glaubst du … daran schon lange?«, fragte ich.

»Fünf Jahre ungefähr.«

»Ich hatte, ehrlich gesagt, vermutet, dass du mehr so dem nordischen Pantheon anhängst: Fafnir, Naglfar, Fenris, Loki und wie die alle heißen. Balders Träume …«

»Das kommt noch dazu«, sagte er und lächelte verlegen. » Aber mehr so als Hülle. Wie ein schöner Rahmen, wegen der Ästhetik. So wie die Sphinxe am Newaufer, weißt du.«

»Und wie ist das alles in dein Leben getreten?«

»Ich hab in meiner Jugend für Castaneda geschwärmt. Und einmal las ich in einem seiner Bücher: Bewusstheit ist die Speise des Adlers. Der Adler als eine Art finsteres Gegenbild zu Gott, so verstand ich das. Ich bin an sich kein Feigling, aber als ich das las, ging mir die Muffe … So bin ich zum Christentum gewechselt. Trotz meiner etwas zwiespältigen Situation. Ich war ja schon Wolf, drei Jahre zuvor ins Rudel aufgenommen worden. So was hatten wir damals! Als Oberst Lebedenko noch lebte …«

Er winkte ab.

»Bewusstheit ist die Speise des Adlers?«, wiederholte ich.

»Ja. Daran glaubten die Magier im alten Yucatan.«

Nein wirklich, was für ein Junge er doch ist!, dachte ich voller Zärtlichkeit.

»Du Dummer. Nicht Bewusstheit ist die Speise des Adlers. Der Adler ist die Speise für die Bewusstheit, so herum stimmt es.«

»Wie? Welcher Adler?«

»Jeder. Genauso die Magier im alten Yucatan und ihr ganzes Business: Seminare, Workshops, Videokassetten, selbst die tapferen alten Nagual-Führer. Alles Futter für die Bewusstheit. Auch ich und du.«

»Was soll das heißen?«, fragte er.

Ich nahm ihm seine Zigarre ab, paffte einmal in die Luft.

»Siehst du das?«

Er schaute der Rauchwolke in ihrer Evolution hinterher.

»Ich sehe es.«

»Bewusst?«

»Bewusst.«

»Ein Werwesen gleicht einer solchen Wolke. Es lebt, wandelt sich in Form, Farbe und Größe. Dann verschwindet es wieder.

Aber davon, dass der Rauch sich zerstreut, ändert sich das Bewusstsein nicht. Es birgt dann wieder etwas anderes.«

»Und wohin geht das Bewusstsein nach dem Tod?«

»Das hat es nicht nötig, irgendwohin zu gehen«, sagte ich. »Gehst du denn irgendwohin? Du sitzt da und rauchst. So hält es das Bewusstsein auch.«

»Wie ist es dann mit Himmel und Hölle?«

»Das sind Ringe aus Rauch. Das Bewusstsein geht nirgends hin. Im Gegenteil: Alles, was irgendwohin will, wird ihm zum Futter. So wie dieser Rauch. Oder deine Gedanken.«

»Und wem gehört dann dieses Bewusstsein?«

»Auch eine Frage, die vom Bewusstsein gefressen wird.«

»Nein, ich meine es anders. Wessen ist es?«

»Gefressen!«, wiederholte ich geduldig.

» Aber einer muss doch …«

»Auch dies«, fiel ich ihm ins Wort.

»Dann frage ich dich, wer …«

Da endlich hatte er es kapiert – griff sich ans Kinn und verstummte.

Derlei Dinge in abstrakten Begriffen erklären zu wollen ist immer schwierig. Man verstrickt sich in Wörtern: »Die Wahrnehmung hat weder Subjekt noch Objekt, in ihr ist das reine Erleben der transzendenten Natur, es umfasst alles, physische Objekte ebenso wie mentale Konstrukte, auch die Ideen von einem wahrzunehmenden Objekt und einem wahrnehmenden Subjekt …« Puh! Schon nach dem dritten Wort weiß keiner mehr, was gesagt wird. Ein Beispiel ist da viel hilfreicher: Bisschen Rauch in die Luft gepafft, und schon hat ers. Oder jedenfalls beinahe.

»Und hier das alles um uns her, was ist das deiner Meinung nach?«, fragte er, während er mir die Zigarre wieder abnahm. »Alles nur so Matrix-mäßig?«

»Nicht ganz.«

»Wo ist der feine Unterschied?«

»Bei Matrix gibt es eine objektive Realität – das ist dieser Speicher vor der Stadt mit den Körpern der Menschen, die das alles träumen. Sonst hätten die Portfolio-Manager ihr Geld für den Film bestimmt nicht locker gemacht, da nehmen sie es genau. Sonst ist alles wie in Matrix, nur eben ohne diesen Speicher.«

»Wie soll das gehen?«

»Es gibt den Traum, aber keinen, der ihn träumt. Die Träumer sind Teil des Traums. Manche sagen, der Traum träume sich selbst. Aber strenggenommen ist dieses ›selbst‹ auch schon wieder zu viel.«

»Verstehe ich nicht.«

»In Matrix waren alle mit etwas Realem verkabelt. Während in der Wirklichkeit alle irgendwie am GPRS hängen. Aber diese Technik ist genauso Butter in der Sonne wie sie selber. Hält nur so lange, wie sie dranhängen. Ist es vorbei, gibt es keine Hardware, die die Gerichtsvollzieher in ihre Listen aufnehmen könnten. Und keine Leiche, um sie zu beerdigen.«

»Das siehst du falsch. Man stolpert ständig drüber«, sprach er überzeugt.

»Wenn du meinst«, sagte ich. »Sollen die Virtuellen ihre Virtuellen begraben. Leichnam und Trauergäste verhalten sich nur zueinander real.«

»Wie kann das sein?«

Ich hob die Schultern.

»Sieh dich doch um.«

Er schwieg eine Zeitlang und dachte nach. Dann nickte er traurig.

»Schade, dass du damals nicht in der Nähe warst, um es mir zu erklären. Was soll ich jetzt noch damit … Das Leben ist gelaufen.«

»Armer schwarzer Kater!«, seufzte ich. »Und jetzt bitte den Montagepunkt auf die Position »Erlangung des Heiligen Geistes« bewegen.«

»Machst du dich lustig?«, fragte er. »Ja, mach dich ruhig lustig über mich, Füchslein. Es ist dumm, das gebe ich zu. Glaubst du selber denn an Gott?«

Die Frage brachte mich in Verlegenheit.

»Sag, bist du gläubig?«, bedrängte er mich.

»Werfüchse pflegen den Adonai-Kult«, gab ich diplomatisch zur Antwort.

»Pflegen – das meine ich nicht. Kannst du nicht sagen, ob du gläubig bist oder nicht?«

»Werfüchse haben einen eigenen Glauben.«

»Und woran glauben sie?«

»An ein Überwerwesen.«

»Das, von dem Lord Cricket sprach?«

»Lord Cricket hat nur davon läuten hören. Und das auch nur kurz. Vom Überwerwesen hatte der keine Ahnung.«

»Und wer ist es, dieses Überwerwesen?«

»Es existieren Auffassungen auf verschiedenen Ebenen. Auf der primitivsten Ebene ist es ein Messias, der kommt und den Werwesen erklärt, wie es läuft. Eine solche Interpretation ist beeinflusst von der Religion der Menschen. Sogar das auf dieser Ebene maßgebliche Profansymbol ist von den Menschen abgekupfert.«

»Und welches ist das auf dieser Ebene maßgebliche Profansymbol?«

»Der auf einer Spitze stehende fünfzackige Stern. Die Menschen verstehen ihn falsch. Schreiben einen Bocksschädel ein, sodass die beiden Zacken oben Hörner ergeben. Sie sehen den Teufel in allem, nur nicht im Spiegel und im TV.«

»Und was hat der Stern in Wirklichkeit zu bedeuten?«

»Er ist ein Werfuchskruzifix. Ein Andreaskreuz mit Querbalken für den Schweif. Wir haben selbstverständlich nicht vor, jemanden zu kreuzigen. Wir sind ja keine Menschen. Es handelt sich um ein Bußezeichen für die Werfuchssünden, deren hauptsächliche die Unwissenheit ist.«

»Und das Überwerwesen nimmt diese Sünden auf sich?«

»Ja. Es wird den Werfüchsen das Heilige Buch übergeben.«

»Was für ein Heiliges Buch?«

»Es heißt, darin würde das Urgeheimnis der Werwesen offenbart. Jedes Werwesen, das es liest, wird imstande sein, es fünfmal zu verstehen.«

»Und wie soll das Buch heißen?«

»Das weiß ich nicht. Das weiß noch keiner. Manche sagen, anstelle eines Namens wird es ein Zeichen tragen, ein magisches Pentagramm, das alle Schranken beseitigt. Aber das sind Legenden. Der Begriff Überwerwesen hat einen tieferen Sinn, der mit all diesen Ammenmärchen nichts gemein hat.«

Ich erwartete die Nachfrage nach dem tieferen Sinn, doch es kam eine andere.

»Was soll das heißen: ein Geheimnis fünfmal verstehen? Wenn es einmal kapiert ist, wozu dann noch viermal? Man weiß doch schon Bescheid.«

»Ganz im Gegenteil. In den meisten Fällen führt ein Verstehen dazu, dass du es kein zweites Mal verstehen wirst, und zwar gerade weil du es schon zu wissen glaubst. Die Wahrheit ist nicht so beschaffen, dass sie sich ein für alle Mal verstehen ließe. Insofern wir sie nicht mit den Augen sehen, sondern nur mit dem Verstand, sagen wir: Ich verstehe. Doch in dem Moment, da wir meinen, wir hätten sie verstanden, ist sie uns in Wirklichkeit entglitten. Um im Besitz der Wahrheit zu sein, müsste man sie sich beständig vor Augen führen – oder anders gesagt, immer wieder neu verstehen, von Sekunde zu Sekunde, unentwegt. Dazu sind die wenigsten in der Lage.«

»Klar«, sagte er, »das leuchtet ein.«

»Was nicht heißt, dass es dir in zwei Tagen immer noch einleuchten wird. Dir bleiben allenfalls leere Worthülsen, und du meinst, sie wären gefüllt. Alle Menschen bilden sich das ein. Sie glauben im Ernst, sie hätten sie gehortet, die geistigen Schätze, heiligen Texte und so weiter.«

»Du meinst also, Worte können die Wahrheit gar nicht ausdrücken?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Aber zweimal zwei ist vier«, sagte er. »Das ist doch eine Wahrheit, oder nicht?«

»Nicht unbedingt.«

»Wieso nicht?«

»Na, du hast zum Beispiel zwei Eier und zwei Nasenlöcher. Zweimal zwei. Ich kann beim besten Willen keine Vier darin erkennen.«

»Und wenn man beide zusammenzählt?«

»Zeig mir, wie du das anstellen willst: Eier und Nasenlöcher zusammenzählen? Überlass das den Menschen.«

Er dachte nach.

»Wann soll denn das Überwerwesen erscheinen?«, fragte er dann.

»Das Überwerwesen erscheint jedes Mal, wenn einer die Wahrheit sieht.«

»Und was ist die Wahrheit?«

Ich schwieg.

»Ich meine: was ist die Wahrheit?«, wiederholte er.

Ich schwieg.

»Was ist denn?«, fragte er.

Ich verdrehte die Augen. Diese Grimasse steht mir wahnsinnig gut.

»Ich hab dich was gefragt, Füchslein.«

»Noch nicht klar? Schweigen ist die beste Antwort.«

»Gehts nicht auch mit Worten? Das verstünde ich, glaube ich, besser.«

»Da gibt es aber nichts zu verstehen«, antwortete ich. »Wenn dir die Frage gestellt wird: Was ist die Wahrheit?, gibt es nur eine Möglichkeit zu antworten, ohne zu lügen. Du musst die Wahrheit vor dir sehen. Und äußerlich Schweigen bewahren.«

»Siehst du denn die Wahrheit vor dir?«, fragte er.

Ich schwieg.

»Gut, dann stelle ich die Frage anders. Wenn du die Wahrheit vor dir siehst, was genau siehst du?«

»Nichts«, sagte ich.

»Nichts? Und das soll die Wahrheit sein?«

Ich schwieg.

»Wenn da nichts ist, warum reden wir dann überhaupt drüber?«

»Du verwechselst Ursache und Folge. Wir reden nicht deshalb von Wahrheit, weil da etwas ist. Umgekehrt: Wir denken, da müsste etwas sein, weil das Wort Wahrheit existiert.«

»Ja, eben! Das Wort existiert. Warum existiert es?«

»Darum. Alle Wortspulen aufzudröseln, dafür reicht die Ewigkeit nicht. Fragen und Antworten lassen sich beliebig viele ausdenken, Wörter kann man so oder anders zueinander stellen, und jedes Mal pappt irgendein Sinn daran fest. Sinnlos! Ein Sperling zum Beispiel stellt niemandem Fragen. Aber ich denke nicht, dass er deswegen von den Wahrheit weiter entfernt ist als Lacan und Foucault.«

Vielleicht weiß Alexander gar nicht, wer Lacan und Foucault sind, fiel mir ein. Obwohl, hatte er nicht von dieser Antigehirnwäscheschulung erzählt? … Egal. Ich musste einfacher sprechen.

»Pass auf, ich machs kurz: Vor allem der Wörter wegen sind die Menschen voll am Arsch, ey! Und wir Werwesen mit. Denn obwohl wir Werwesen sind, sprechen wir ja ihre Sprache.«

»Aber es hat doch seinen Grund, wozu Sprache existiert«, sagte er. »Wenn die Leute am Arsch sind, muss für sie rauszukriegen sein, warum und wieso.«

»Wenn du am Arsch bist, hast du zwei Möglichkeiten. Entweder du versuchst rauszukriegen, wieso du am Arsch bist. Oder du siehst zu, dass du wegkommst von da. Manche Leute, mitunter auch ganze Völker machen den Fehler und denken, diese beiden Verrichtungen hingen irgendwie zusammen. Dem ist nicht so. Und vom Arsch zu springen ist bei weitem einfacher als zu verstehen, wie man drangekommen ist.«

»Wieso?«

»Abspringen ist ein einmaliger Akt, dann ist man weg und kann das Ganze vergessen. Um zu verstehen, wie man in diese Lage gekommen ist, braucht es ein ganzes Leben. Das man dann eben in dieser Lage verbringt.«

Wieder schwiegen wir eine Zeit lang und blickten in die Dunkelheit. Dann stellte Alexander noch eine Frage.

»Trotzdem. Wozu haben die Menschen eine Sprache, wenn sie doch nur Scherereien macht?«

»Erstens braucht man sie zum Lügen. Zweitens, um Giftpfeile aufeinander zu schießen. Drittens, um über Dinge zu diskutieren, die es gar nicht gibt.«

»Und was ist mit denen, die es gibt?«

Ich hob den Finger.

»He-he, was soll das? Warum zeigst du mir den Finger?«

»Ich zeige dir nicht den Finger. Der Finger zeigt dir etwas. Über das, was existiert, muss man nicht diskutieren. Es ist da, vor deiner Nase, du kannst es sehen. Es genügt, mit dem Finger darauf zu zeigen.«

Mehr wurde an dem Abend nicht gesprochen. Doch ich wusste, die ersten Samenkörner waren auf fruchtbaren Boden gefallen. Die nächste Gelegenheit würde sich bieten.


Sollte unsere Art, Liebe zu machen, irgendjemandem pervers erscheinen (Schweifbefleckung hat er es genannt – joi! ein unvergessliches Wort), so empfehle ich, genauer hinzuschauen, was Menschen sich dabei antun. Erst waschen sie ihre Körper, entfernen die Haare, sprühen sich Essenzen auf, die den natürlichen Geruch ausmerzen (das regte den Grafen Tolstoi immer besonders auf, erinnere ich mich) – und das alles, um kurzzeitig fuckable zu sein. Nach dem Liebesakt versinken sie gleich wieder in die peinlichen Petitessen der persönlichen Hygiene.

Außerdem genieren sich die Menschen ihrer Körper oder sind damit unzufrieden: Die Männer pumpen ihre Bizepse auf, die Frauen nehmen gewaltsam ab und lassen sich Silikonprothesen einsetzen. Plastische Chirurgen haben sich extra eine Krankheit dafür ausgedacht: Mikromastie – das ist, wenn die Brüste Melonengröße unterschreiten. Den Männern wiederum wird angeboten, ihren Penis zu verlängern, und damit er hinterher wieder funktioniert, bekommen sie spezielle Pillen verkauft. Ohne einen Krankheitsmarkt gäbe es keinen Arzneimittelmarkt – das ist das hippokratische Geheimnis, das nicht auszuplaudern die Ärzte schwören müssen.

Der menschliche Liebesdrang ist ein extrem instabiles Gefühl. Ein dummer Satz, ein schlechter Geruch, ein unkorrekt aufgetragenes Make-up, ein zufälliger Darmkrampf, was nicht noch – und die Liebe ist dahin. Das kann blitzartig geschehen, keiner hat es in der Hand. Überhaupt wohnt diesem Trieb wie allem Menschlichen eine bodenlose Absurdität inne, und der Geist überwindet den tragikomischen Abgrund nur deshalb mit so viel Leichtigkeit, weil er von seiner Existenz nichts weiß.

Die beste Beschreibung für diesen Abgrund, an die ich mich erinnern kann, lieferte ein roter Kommandeur im Herbst 1919; ich hatte ihn mit Lachpilzen bewirtet, buchstäblich neben den Rädern seines Panzerzuges aus dem Sand geklaubt. Er drückte sich so aus: »Irgendwie leuchtet mir nicht mehr ein, wieso ich, nur weil ich das Gesicht eines Mädchens edel und schön finde, unbedingt ihre feuchte, wollige Möse ficken muss!« Das ist auf die grobe, männliche Art gesagt, aber das Wesen ist trefflich erfasst. Übrigens hat der Mann, bevor er auf ewig im Felde entschwand, noch einen weiteren interessanten Gedanken von sich gegeben: »Wenn ich es recht bedenke, hängt die Anziehungskraft einer Frau weniger von ihrer Frisur oder von der Beleuchtung ab als vom Zustand meiner Eier.«

Die Menschen haben trotzdem Sex miteinander – wenn auch in den letzten Jahren meist nur noch mit einem Gummisäckchen dazwischen, damit ihre Einsamkeit nicht in Gefahr gerät. So wird dieser ohnehin fragwürdige Sport immer mehr zu einer Art Abfahrtslauf: mit vergleichbar hohem Risiko, nur dass der Fahrer weniger auf den Pistenverlauf achtgeben muss als darauf, dass er den Skianzug nicht verliert. Ein Mensch, der sich solcher Beschäftigung hingibt, kommt mir als Moralist lächerlich vor; darüber zu urteilen, was pervers ist und was nicht, steht ihm einfach nicht zu.

Die Leidenschaft, die Werwesen füreinander empfinden, hängt nicht so sehr von flüchtigen Äußerlichkeiten ab – obwohl auch die natürlich eine gewisse Rolle spielen. Dass das, was Alexander zugestoßen war, auf unsere intimen Beziehungen Einfluss haben würde, hatte ich vermutet. Doch das Trauma war unerwartet tief. Alexander war immer noch zärtlich zu mir, doch an einer bestimmten Grenze machte er Halt: Wo die Zärtlichkeit früher fließend in Intimität übergegangen war, schien jetzt eine Barriere aus Stacheldraht errichtet zu sein. Vielleicht glaubte er in der neuen Gestalt kein Interesse mehr bei mir finden zu können. Und ganz von der Hand zu weisen war der Gedanke nicht: Ich hätte lügen müssen, wenn ich hätte behaupten wollen, dass die schwarze Töle bei mir dieselben Gefühle weckte wie der mächtige nordische Wolf, von dessen Anblick allein der Atem stockte. Der Hund war lieb und nett, das schon. Er fand meine Sympathie – Leidenschaft ist etwas anderes.

Doch das tat überhaupt nichts. Wir hatten auf die vulgären Sexspiele der Menschen schon vorher verzichtet – nachdem wir gemerkt hatten, wohin wir durch das bloße Verflechten der Schweife abzuheben in der Lage waren. Darum hätte seine Metamorphose kein größerer Hinderungsgrund für unsere Leidenschaft sein müssen als, sagen wir, schwarze Unterwäsche anstelle von grauer. Aber das schien er nicht zu verstehen – in der Annahme, ich identifizierte ihn mit seinem physischen Behältnis. Oder der Schock von alledem und ein hinzukommendes irrationales Schuldgefühl waren so groß, dass er sich den Gedanken an Lust von vornherein verbot. Männer, ob mit oder ohne Schweif, sind psychisch sehr viel verwundbarer als wir, worüber ihr brutales Gebaren nur hinwegtäuscht.

Auch ich ergriff nicht die Initiative. Und dies nicht, weil er mir nun etwa zuwider gewesen wäre. Es ist üblich, dass der Mann den ersten Schritt tut, und ich befolgte diese Regel instinktiv. Vielleicht ist seine Stimmung nicht danach, dachte ich, er braucht noch Zeit, um zu sich zu kommen. Aber dann stellte er mir eine Frage, die seine wahren Probleme erkennen ließ.

»Du hast mir mal was von diesem Philosophen Berkeley erzählt«, sagte er beiläufig. »Der gemeint hat, dass alles nur in Form von Wahrnehmung existiert.«

»Hab ich.«

Tatsächlich hatte ich ihm die Sache zu verklickern versucht – nicht ohne Erfolg, wie es schien.

»Das hieße, Sex und Masturbation laufen auf dasselbe hinaus?«

Ich war verdutzt.

»Wie kommst du darauf?«

»Na ja. Wenn alles nur in Form von Wahrnehmung existiert, dann wäre es kein Unterschied, Sex mit einem Mädchen zu haben oder sich dieses Mädchen nur einzubilden.«

»Stimmt nicht so ganz. Berkeley sagt: Die Objekte existieren nur in der Wahrnehmung Gottes. Der Gedanke an ein schönes Mädchen ist dein eigener. Das Mädchen selbst ist Gottes Gedanke.«

»Beides sind Gedanken. Warum soll es o.k. sein, mit Gottes Gedanken zu schlafen, und mit dem eigenen Gedanken nicht?«

»Damit wären wir bei Kants kategorischem Imperativ.«

»Ich seh schon, bei dir ist alles in trockenen Tüchern«, brummte er unzufrieden und ging in den Wald.

Nach diesem Gespräch wusste ich, dass er dringend Hilfe benötigte. Und dies, ohne dass sein Selbstgefühl darunter litt.

Als er von seinem Waldspaziergang nach Hause kam und sich auf der Matte in der Ecke meines Zimmerchens ausstreckte, sagte ich: »Du, ich hab mal die DVDs durchgesehen, die ich mitgenommen habe. Da ist ein Film dabei, den du noch nicht kennst.«

»Und wie wollen wir den gucken?«

»Auf meinem Notebook. Der Bildschirm ist klein, die Qualität umso besser. Wir gehen einfach näher ran.«

Er sagte eine Weile nichts.

»Was ist das für ein Film?«, fragte er dann.

»In The Mood For Love von Wong Kar-Wai. Auf Hongkong der sechziger Jahre gemacht.«

»Und worum geht es?«

»Um uns«, sagte ich. »Zwei wohnen Tür an Tür. Und allmählich erfüllt sie Zärtlichkeit füreinander.«

»Machst du Witze?«

Ich nahm die Schachtel und las ihm den Werbetext vor:

»Su und Chow ziehen in einem Mietshaus nebeneinander ein. Ihre Ehepartner sind ständig auf Dienstreise. Chow erkennt die Handtasche, die Su von ihrem Mann geschenkt bekommen hat. Seine Frau besitzt auch so eine. Su wiederum erkennt Chows Krawatte wieder, die er von seiner Frau bekommen hat. Ihr Mann hat die gleiche. Ohne Worte wird klar, dass ihre Ehepartner sie miteinander betrügen. Was tun? Vielleicht sich einfach treiben lassen und hingeben der Süße des mood for love?«

»Ich verstehe nur Bahnhof«, sagte Alexander. »Aber von mir aus, geben wir uns hin.«

Ich stellte mein Notebook auf den Boden und schob die DVD ins Laufwerk.

Die ersten zwanzig Filmminuten sah er zu, ohne Reaktionen zu zeigen. Ich kannte den Film auswendig, deshalb schielte ich mehr zu ihm hin, als dass ich auf den Bildschirm blickte. Alexander wirkte ruhig und entspannt. Ich passte den Moment ab und rückte näher zu ihm, versenkte meine Pfote in sein Fell und zog ihn so herum, dass er auf der Seite zu liegen kam, mit dem Schweif zu mir. Ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, knurrte er leise, sagte aber nichts.

Kein schlechter Satz über einen Werwolf: »knurrte leise, sagte aber nichts.« Aber so war es! Ich gab mir Mühe, ihn nicht zu erschrecken, ließ meine Jeans herunter, löste den Schweif …

Hach, was war das für ein Abend! Nie zuvor hatten wir uns so tief fallengelassen. Früher während unserer Liebeshalluzinationen hatte ich doch immer noch gewusst, wo ich mich befand und was geschah. Was ich diesmal erlebte, ließ mich für Momente vollkommen vergessen, wer ich war: die Frau aus Hongkong mit dem russischen Namen Su (na gut, Flugzeuge heißen hier so) oder ein russischer Werfuchs mit dem chinesischen Namen A Huli. Ein paarmal bekam ich einen richtigen Horror – so als hätte ich mir ein Ticket für die schärfste amerikanische Achterbahn gekauft.

Der Grund lag bei Alexander. Von ihm ging diesmal eine so gewaltige hypnotische Welle aus, dass ich nicht widerstehen konnte. Zumindest für kurze Zeit erlag ich selbst einer Halluzination, versank restlos in ihr. Einmal biss er mich sanft ins Ohrläppchen und sagte: »Nicht schreien.« Dabei hatte ich überhaupt nicht bemerkt, dass ich schrie. Mit einem Wort, es war der totale Flash. Erst jetzt konnte ich verstehen, was bei unseren Kunden jedes Mal abging, wenn wir unseren Schweif zum Einsatz brachten. Die Menschen hatten wahrlich allen Grund, sich vor uns in Acht zu nehmen! Andererseits, wenn ich gewusst hätte, mit was für Extremerfahrungen wir sie beglückten, ich hätte mindestens das Dreifache dafür verlangt.

Als das Ganze vorüber war, blieb ich neben ihm auf der Matte liegen und ließ mir Zeit, mich wieder einzukriegen. Es war, als wäre der ganze Körper ertaubt – die Blutzirkulation musste erst wieder in Gang kommen. Schließlich fühlte ich mich auch zum Sprechen wieder in der Lage. Er hatte sich in der Zwischenzeit zum Menschen zurückverwandelt.

»Hats dir gefallen?«, fragte ich.

»Ach, doch. Gute Überwachungskameras. Und der Regisseur scheint auch nicht ganz blöd zu sein.«

»Ich rede gerade von was anderem.«

»Wovon denn?«, fragte er und zog verwundert eine Braue nach oben.

Es war zu merken, dass er guter Laune war.

»Davon, Alex, davon.«

»Ach so, da-a-von … Na, wenn wir grad da-a-von reden: Mir hat das eine Lied besonders gut gefallen. Könnten wir das nicht noch mal laufen lassen?«

»Welches meinst du?«

»Ja, sieh paar Zahnlos-Dias.«

»Hä?« Ich zog die Stirn kraus.

»Der Text geht so ähnlich«, sagte er ein bisschen verlegen. »Natürlich singt er was anderes, aber es klingt genau so.«

»Paar Zahnlos-Dias? Was soll das denn … Ah! Ich weiß: Y así pasan los días, y yo desesperando … Das ist spanisch und heißt: So vergehen die Tage, und ich bin verzweifelt …«

»Ach ja?«

»Und du dachtest wahrscheinlich, Lichtbildervortrag im Seniorenheim …«

»Mach du nur immer deine Witze«, sagte er friedfertig. »Legen wirs noch mal ein? Am besten gleich noch mal den ganzen Film …«

Am nächsten Tag guckten wir den Film schon wieder, und so noch viele Male. Und jedes Mal wurde dieser Wirbelsturm der Gefühle aufs Neue entfacht und räumte die Seele so wonniglich leer wie beim ersten Mal. Anschließend lagen wir lange beieinander und ruhten aus. Dabei wurde nicht geredet – es gab nichts zu bereden, und zum Sprechen fehlte ohnehin die Kraft.

Mir gefiel es, meine Sohlen an ihn zu legen, wenn er zum schwarzen Knäuel zusammengerollt lag – der Form halber knurrte er manchmal, doch wusste ich, es war ihm genauso angenehm wie mir. Mit welch zärtlichen Gefühlen ich heute an diese Tage zurückdenke! Es ist so wunderbar, wenn zwei Geschöpfe einen Weg finden, einander Glück und Freude zu schenken. Und was muss einer für ein Frömmler sein, um sie deswegen anzuprangern, nur weil sie es ein wenig anders tun als andere!

Wie viele dieser seligen Augenblicke mögen es gewesen sein, die wir erschöpft beieinander auf der Matte lagen, nicht imstande, uns zu rühren? Ich meine, zusammengenommen eine ganze Ewigkeit. Jedes Mal löste die Zeit sich auf, und bis sie wieder in ihr übliches Maß zurückgefunden hatte, das konnte dauern. Wie klug das Leben doch eingerichtet ist, dachte ich mit träger Befriedigung, während Nat King Cole unser Lieblingslied sang. Erst war da einer, groß, grau und grob, wollte unbedingt die Sonne verschlingen. Hätte es vermutlich auch zuwege gebracht. Und lag nun als friedliches schwarzes Hündchen zu meinen Füßen, still und zahm, darum bittend, nicht ausgelacht zu werden. Da war er, der wohltuende Einfluss der Frau als Hüterin des heimischen Herdes. Von wo Kultur und Zivilisation ihren Ausgang nahmen. Ich hatte nicht gedacht, mich einmal in dieser Rolle wiederzufinden.

Ach, mein lieber Alex, dachte ich, schade, dass du nie über so was sprichst, und ich traue mich nicht, danach zu fragen, aber … du wirst dein voriges Leben – das einsame, raue, wölfische – doch hoffentlich nicht vermissen? Mit mir ist es doch viel besser als allein – nicht wahr, Liebster?

Wie?


… Y tú, tú contestando:

Quizás, quizás, quizás …


Mehr als einmal dachte ich darüber nach, was dieser Hund, der sich angeblich vom Werwolf genausosehr unterschied wie ein Werfuchs, nun eigentlich für einer war. Mythologische Parallelen ließen sich viele finden, aus eigener Erfahrung war mir solch seltsame Abart eines Werwesens bisher unbekannt. Dieser blauschwarze Köter machte einen harmlosen Eindruck, doch mein Instinkt sagte mir, dass er ein düsteres Geheimnis barg. Zufällig kam es heraus.

Der Tag hatte mit einem kleinen Streit begonnen. Wir hatten uns zu einem Waldspaziergang aufgemacht, rasteten auf einem umgestürzten Baumstamm, und ich kam auf die Idee, ihn mit einem alten chinesischen Lied auf Verse von Li Bo zu unterhalten: Der Mond über dem Grenzgebirge. Es klang, denke ich, gar nicht übel, ein bisschen zu hoch vielleicht, aber das hatten sie im alten China immer besonders gemocht. Doch meine Sangeskunst prallte frontal gegen die Cross-Culture-Barriere.

»Womit habe ich, ein russischer Offizier, das verdient? So auf den Hund zu kommen!«, murmelte er kopfschüttelnd, als ich fertig mit Singen war.

Vor Kränkung schoss mir das Blut in den Kopf.

»Du und ein russischer Offizier? Machs halblang. Du bist Brigadier eines Rollkommandos.«

»Wir töten keine unschuldigen Menschen«, stellte er nüchtern fest.

»Und den Puschkinologen Schietmüller, habt ihr den etwa nicht in den Tod geschickt? Meinst du, das weiß keiner?«

»Schietmüller – wer soll das sein?«

»Oder wie der hieß … Der den Leuten für ne Kippe einen geblasen hat …«

»Irgendwie tickst du nicht richtig. Mal kommst du mir mit nem Fischkopf als Bärendienst, dann stirbt irgendein Schietmüller, und immer soll ich schuld sein.«

»Sagen will ich damit bloß, dass du reichlich Dreck am Stecken hast, darüber weiß ich Bescheid. Und liebe dich trotzdem.«

»Das ist ja das Problem«, sagte er leise.

Ich traute meinen Ohren nicht.

»Wie bitte? Sag das noch mal!«

»Nur ein Scherz«, sagte er schnell. »Du machst die ganze Zeit Witze, dann darf ich wohl auch mal.«

Das Schreckliche war, dass seine Worte kein Scherz waren. Wir wussten es beide. Ein lastendes Schweigen machte sich breit.

»Und den Schietmüller haben wir nicht in den Tod geschickt, sondern in den unsterblichen Ruhm«, sagte er nach einer Weile. »Es gehört sich nicht, sein Andenken in den Schmutz zu ziehen.«

Richtig. Ein Themenwechsel war angesagt.

»Soll das heißen, er hat es gewusst?«, fragte ich.

»Mit einem Eckchen seines Bewusstseins wird er es gewusst haben.«

»Und das bedeutet, man hat sich nichts vorzuwerfen, ja?«

Alexander zuckte die Achseln.

»Erstens hatten wir eine Verpflichtungserklärung von ihm, die er in der Klapsmühle unterschrieben hat: Ich möchte einmal London sehen und sterben, Datum und Unterschrift. Und zweitens haben wir zu den humanitären Aspekten der Aktion vorher einen Fachberater konsultiert. Der meinte, es wäre o.k.«

»Wohl Pawel Iwanowitsch?«, fragte ich ahnungsvoll.

Alexander nickte.

»Wie hat der überhaupt zu euch gefunden? Pawel Iwanowitsch, meine ich?«

»Ihm lag irgendwie daran, dass wir von seiner Reue erfuhren. Seltsamer Fall natürlich, aber warum so einen vor den Kopf stoßen? Besonders wenn die Reue echt ist. Informationen können wir immer gebrauchen – gerade auch auf kulturellem Gebiet: dass man ungefähr weiß, wer dafür ist, wer dagegen. Das bedeutet wieder neue Konsultationen. So hat sich das eingespielt … Na gut, wir kommen vom Thema ab. Gott hab ihn selig, den Schietmüller. Falls die Imame nicht flunkern, heißt das.«

Danach wechselten wir bis zum Abend kein einziges Wort mehr. Ich schmollte, er schmollte – es war von beiden Seiten reichlich ausgeteilt worden. Am Abend, als ihm das Schweigen zu viel wurde, sollte ich ihm dann für sein Kreuzworträtsel vorsagen.

Er war an dem Abend in menschlicher Gestalt, wodurch es in meiner Klause immer besonders gemütlich war. Ich lag unter der Lampe auf der Matte und las Stephen Hawkings neuestes Opus Eine kurze Geschichte des Universums, worin er eine Theorie von allem entwarf. (Unter dem machte er es nicht.) Alexanders Fragen lenkten ab, doch ich gab geduldig Antwort. Manche erheiterten mich noch mehr als mein Buch.

»Wie schreibt sich Gynäkologie? Mit h hinterm ä?«

»Ohne.«

»Na, ein Glück. Dann passt es. Ich dachte immer, mit h.«

»Das kommt, weil du dir Frauen am liebsten an der Nähmaschine vorstellst.«

»Stimmt nicht«, protestierte er. Dann lachte er plötzlich auf. »Ha! Das kommt auch gut.«

»Was kommt auch gut?«

»Stomagynäkologie.«

»Was soll das sein?«

»Hier in dem Rätsel kreuzen sich zwei Wörter: Stomatologie und Gynäkologie. Wenn man das um die Ecke liest … Ist doch lustig, oder?«

»Das kommt dir lustig vor, weil du nichts darüber weißt«, sagte ich. »So eine Kulturtheorie existiert tatsächlich. Es gibt eine US-amerikanische Schriftstellerin Camille Paglia, die hat … Nein, sie hat nicht, aber sie operiert gern mit dem Begriff Vagina dentata – gezähnte Vagina. Ein Symbol für das formlose, allesverschlingende Chaos, wie es dem männlich-apollinischen Prinzip entgegensteht, für das ein Streben nach konturierter Form typisch ist.«

»Kenn ich doch«, sagte er.

»Aha? Woher denn?«

»Hab ich gelesen. Viele Male.«

Ich wollte es nicht glauben. »Du hast Camille Paglia …«

»Nicht doch.«

»Woher dann?«

»Aus der FSB-Akademie.«

»Die Gegengehirnwäsche?«

»Nein.«

»Woher denn dann, sag doch mal!«, ließ ich nicht locker.

»Von der Wandzeitung«, erteilte er widerstrebend Auskunft. »Da gab es so eine Spalte: Heute schon gelacht? Und da stand einmal ein Witz: Was ist schrecklicher als ein Atomkrieg? Eine Möse mit Zähnen.«

»Ah ja.« Mit etwas Ähnlichem hatte ich gerechnet. »Und wieso viele Male?«

»Die Wandzeitung hat ein Vierteljahr nicht gewechselt.«

»Tja«, sagte ich. »Das lässt tief blicken.«

Mein Tonfall schien ihn zu ärgern.

»Ich frage mich, wieso du mir ständig Unbildung vorwirfst?«, warf er gereizt hin. »Du kennst dich natürlich in diesen ganzen Diskursen besser aus. Aber ganz blöd bin ich auch nicht. Meine Kenntnisse liegen mehr auf praktischem Gebiet. Und sind darum viel besser brauchbar als deine, das mal nebenbei.«

»Darüber ließe sich streiten.«

»Versuch es nur. Nehmen wir an, ich hätte diese Camillappalia von vorne bis hinten auswendig gelernt. Was brächte mir das?«

»Das hinge von deinen Interessen ab. Von deiner Phantasie.«

»Kannst du mir auch nur einen einzigen Fall nennen, wo das Lesen eines Buches von Camillappalia jemandem im realen Leben geholfen hätte?«

Ich dachte nach.

»Kann ich.«

»Da bin ich aber gespannt.«

»Ich hatte mal einen spiritistisch veranlagten Kunden. Der hat während einer Sitzung dem Geist des russischen Dichters Igor Sewerjanin Camille Paglia vorgelesen. Und Igor Sewerjanin hat über die Untertasse geantwortet, dass es ihm sehr gefällt und dass er schon die ganze Zeit etwas Ähnliches im Geiste bewegt hat, nur dass er es nicht so gut ausdrücken konnte. Er hat sich sogar mit ein paar Versen revanchiert: Unsre Begegnung, Vagina dentata, / ist nur ein einziges Mal erblüht. / Vorher und nachher dem Mann, dem Soldaten, / gibt sich das Leben einsam und prüd' …«

»Siehst du«, entgegnete er, »dieses einsame Soldatenleben habe ich geführt, ohne deine Frauenzahnkunde. Und hab mich um die Heimat verdient gemacht.«

»Und sie hat es dir heimgezahlt. Wie üblich.«

»Nicht ich muss mich dafür schämen.«

»Keiner schämt sich dafür. Weißt du denn immer noch nicht, wo du lebst. Mann?«

»Nein«, sagte er. »Und ich will es auch gar nicht wissen. Die Welt, in der ich lebe, schaffe ich mir selbst. Durch meiner Hände Arbeit.«

»Wow, was für ein mustergültiger Held! Wenn deine Schnüffelbrüder das hören könnten, sie würden dir gleich noch einen Orden anheften. Diesen Ort hier hast du uns also auch mit deiner Hände Arbeit geschaffen?«

»Nein, das warst du.«

Ich pfiff mich innerlich zur Ordnung.

»Ja. Du hast Recht. Entschuldige bitte.«

»Keine Ursache«, sagte er und vertiefte sich in sein Kreuzworträtsel.

Ich schämte mich. Ging zu ihm hin, setzte mich daneben, legte den Arm um ihn.

»Wozu streiten wir eigentlich, Alex. Wollen wir nicht lieber ein bisschen miteinander heulen?«

»Jetzt nicht«, sagte er. »Nachts, wenn der Mond aufgeht.«

Ich blieb, den Arm um seine Schultern gelegt, neben ihm sitzen. Er schwieg. Nach ein, zwei Minuten spürte ich, wie sein Körper kaum merklich zu beben anfing.

Er weinte. Das hatte ich noch nie gesehen.

»Was ist denn los, was hast du?«, bemühte ich mich liebevoll um ihn. »Wer hat meinem kleinen Jungen ein Leid getan?«

»Niemand«, sagte er. »Mir war so. Wegen deiner Camillappalia, die unten Zähne hat.«

»Ihretwegen musst du heulen? Aber warum denn?«

»Weil sie dort Zähne hat und ich … neuerdings … Krallen.«

»Wo?«

»Na eben … da. Wenn ich mich verwandle. So was wie eine fünfte Pfote. Ich hab mir nicht getraut, es dir zu sagen.«

Nun war alles klar. Seine neue Verschlossenheit, die Aura einer irrationalen Grausigkeit, die ihn umgab, solange er Hund war. Alles passte zueinander. Der Ärmste, wie sehr muss er gelitten haben!, dachte ich. Vor allem sollte ich ihm zu verstehen geben, dass er mir auch so lieb und teuer war – falls er das noch nicht gemerkt hatte.

»Du Dummer!«, begann ich. »Was tut das? Von mir aus kann dir dort ein Kaktus wachsen. Hauptsache, der Schweif ist heil.«

»Dir ist das wirklich nicht wichtig?«, fragte er.

»Natürlich nicht, Liebster.«

»Und dir genügt es … ich meine, so wie wir es machen?«

»Es genügt mir nicht nur.«

»Ehrlich?«

»Na gut, wenn du schon so fragst: Ich würde auch gerne mal tauschen. Dass du ab und zu Su bist und ich Chow. Bis jetzt bin ich immer nur Su gewesen.«

»Nein, entschuldige. Du musst mich nicht auch noch zum Homo machen. Es reicht mir schon mit den Krallen …«

»Wie du meinst. Ich bestehe nicht drauf. Es war ja nur, weil du gefragt hast.«

»Können wir mal ganz offen darüber reden?«

Ich nickte. »Das tun wir doch schon.«

»Warum hast du mir in der ganzen Hongkong-Zeit kein einziges Mal einen geblasen? Ist es, weil ich in Wirklichkeit ein schwarzer Hund bin?«

Ich zählte im Stillen bis zehn. Dass ich dieses Thema verbal nicht ertrug, war letztlich nicht sein Problem, sondern meines. Ich durfte es ihm nicht übelnehmen.

»Du glaubst also, dass du in Wirklichkeit ein schwarzer Hund bist?«, fragte ich.

»Nein«, antwortete er, »aber der schwarze Hund glaubt, dass ich in Wirklichkeit er bin.«

»Bist du deshalb in letzter Zeit so selten Mensch?«

Er nickte.

»Mir liegt auch nicht mehr so viel dran. Außer dir habe ich ja hier nichts mehr. Alles ist dort geblieben … Also ich meine, hier, aber nicht bei mir, sondern bei ihm … Mann, mit der Sprache, da hast du Recht, sie macht einen ganz wirr im Kopf. Aber wie ist das mit dem Blasen, sag mal?«

Noch einmal zählte ich bis zehn, aber es half nichts.

»Dürfte ich darum bitten, dieses Thema in meiner Gegenwart nicht mehr anzuschneiden?«, platzte ich heraus.

Er zuckte die Achseln und grinste schief.

»Jetzt darf man schon nicht mal mehr alles sagen. Nur du hast die Sondergenehmigung, wie? Du treibst mich ziemlich in die Enge, Füchslein, ist dir das klar?«

Ich seufzte. Unterm Strich nehmen die Kerle sich doch nicht so viel. Alle wollen sie von uns nur das eine. – Und man kann froh sein, wenn sie überhaupt wollen, gab eine meiner inneren Stimmen zu bedenken.

»Egal. Mach uns Kino. Aber nicht von vorne, fang an bei Track 3 …«

Wie nach jedem unserer unbändig schamlosen Hongkong-Rendezvous ruhten wir lange aus. Ich blickte zur Decke auf den rissigen Beton, der im scharfen elektrischen Licht wie die Oberfläche eines uralten Himmelskörpers erschien. Alexander lag neben mir. Du mein Süßer!, dachte ich, was für ein rührender Liebhaber du bist! Dabei war er in diesen Dingen vollkommen unerfahren. Wenigstens im Vergleich zu mir. Ich musste übrigens aufpassen, ihn nicht versehentlich tatsächlich Süßer zu nennen, das hätte er wieder in den falschen Hals bekommen. Mit diesen Krallen, das war nun wirklich Pech für ihn. Irgendwo hatte ich schon einmal etwas gehört von einem Hund mit fünf Pfoten. Aber wo, wie, was? Es fiel mir nicht ein.

»He!« gab er Laut. »Gehts dir gut?«

»Ja«, sagte ich. »Und dir? Hats dir gefallen?«

Er blickte mich an.

»Willst dus ehrlich wissen?«

»Aber ja.«

»Es ist der Anschiss.«

Ruckartig setzte ich mich auf. Bei »Anschiss« fiel bei mir der Groschen.

»Jetzt weiß ich es wieder!«

»Was weißt du wieder?«

»Wer du bist.«

»Wer bin ich?«

»Ich hab mal was gelesen über einen Hund mit fünf Beinen. Der heißt Pisdez. Schläft im ewigen Schnee und erwacht immer dann, wenn Russland vom Feind angegriffen wird, dann geht er hin und tritt ihm drauf … Genau! In den Mythen des Nordens kommt er, glaube ich, unter dem Namen Garm vor. Schon mal gehört von dem? Das nordische Projekt schlägt doch eher in dein Fach.«

»Nein«, sagte er. »Nie gehört. Ist ja interessant. Erzähl mehr!«

»Ein grausiger Köter, Doppelgänger des Wolfes Fenris. Tritt während der Ragnarök in Erscheinung. Bis dahin bewacht er das Totenhaus.«

»Hast du noch mehr Informationen?«

»Nichts Genaues … Mir ist, als sollte er den Männern heimlich beim Feuermachen zuschauen und das Geheimnis den Frauen verraten …«

»Abgelehnt«, brummte Alexander. »Sonst noch was?«

»Das ist alles, was ich noch weiß.«

»Und was lassen sich daraus für praktische Schlüsse ziehen?«

»Zu Garm kann ich nichts sagen. Da müsstest du in Island Erkundigungen einziehen. Und was den Pisdez betrifft … Probiers doch mal, irgendwo draufzutreten.«

Das war im Scherz gesagt, aber er nahm meine Worte vollkommen ernst.

»Wo denn drauf?«

Seine Ernsthaftigkeit steckte mich an. Ich ließ den Blick durch den Raum gehen. Notebook? Kam nicht in Frage. Wasserkocher? Nein. Die Lampe?

»Versuch mal die Lampe«, sagte ich.

Es brauchte nur einen Moment, dann flammte aus der Glühbirne ein greller, bläulicher Blitz, und sie erlosch. Finsternis trat ein, doch die auf der Netzhaut abgebildete Spirale versorgte meine innere Welt noch ein paar Sekunden länger mit dem Echo des erloschenen Lichts. Als auch dieser Abdruck verblasst war, wurde die Finsternis vollkommen. Ich stand auf, ertastete die Taschenlampe auf der Holzkiste, die uns als Tisch diente, knipste sie an. Ich war allein.

Er blieb zwei Tage weg. Ich verging fast vor Sorge und Ungewissheit. Doch als er dann hereinkam, machte ich ihm keine Vorwürfe. Das Lächeln auf seinem Gesicht entschädigte mich ausreichend für alle meine Zustände. Tschechow hat schon Recht gehabt: Die weibliche Seele ist ihrer Natur nach ein leeres Gefäß, gefüllt mit Freud und Leid des Geliebten.

»Und? Wie wars? Erzähle!«

»Was gibt es da zu erzählen«, erwiderte er. »Das muss man zeigen.«

»Weißt du jetzt, wie es geht?«

Er nickte.

»Und wo kannst du überall drauftreten?«

»Überall«, verkündete er.

»Allem und jedem?«

Erneutes Nicken.

»Mir auch?«

»Wenn du mich sehr darum bittest …«

»Und dir selber?«

»Das hab ich als Erstes probiert«, sagte er nach einem komischen Räuspern. »Gleich nach der Glühbirne. Was wäre ich sonst für ein Pisdez?«

Meine Neugier war geweckt. Ein bisschen Bangigkeit war allerdings auch dabei: Es handelte sich um einen nicht zu unterschätzenden metaphysischen Akt.

»Und was für einer bist du?«, fragte ich mit von Ehrfurcht gedämpfter Stimme.

»Ein hundertprozentiger.«

In diesem Augenblick ging so viel Kraft und romantisches Geheimnis von ihm aus, dass ich nicht an mich halten konnte: Ich streckte die Hände nach ihm aus, um ihn an mich zu ziehen und zu küssen. Er erblasste, fuhr zurück – doch dann muss ihm eingefallen sein, dass Machos sich nicht so aufführen, und er ließ mich gewähren. Alle Muskeln seines Körpers waren angespannt, doch es geschah nichts Schreckliches.

»Wie sehr ich mich für dich freue, Liebster!«, sagte ich.

Unter den Werwesen wissen die wenigsten, was es heißt, sich für einen anderen zu freuen. Die schwanzlosen Affen wissen es noch viel weniger; sie setzen ihr strahlendes Lachen auf, wenn dies geraten scheint, um ihre soziale Anpassungsfähigkeit unter Beweis zu stellen und somit die Verkaufszahlen zu erhöhen. Der schwanzlose Affe mimt Freude für den anderen und fühlt doch nur Neid oder weiß bestenfalls die Contenance zu wahren. Ich aber empfand diese Freude tatsächlich – ein Gefühl, wie ein Bergquell so lauter und rein.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich für dich freue!«, musste ich gleich noch einmal sagen und ihn küssen.

Diesmal wich er nicht aus.

»Tatsächlich?«, fragte er. »Aber warum denn?«

»Weil du endlich mal gute Laune hast. Dir geht es besser. Und ich liebe dich.«

Seine Miene verdüsterte sich ein wenig.

»Ich dich auch. Aber ich kann mir nicht helfen: Ich denke die ganze Zeit, du wirst mich verlassen. Und dass es dir dann besser gehen wird. Doch das würde mich gar nicht für dich freuen.«

»Erstens habe ich nicht die Absicht, dich zu verlassen«, sagte ich. »Und zweitens ist das Gefühl, von dem du sprichst, keine Liebe, sondern ein Ausfluss von Egoismus. Für den Chauvi in dir bin ich nur ein Spielzeug, Eigentum, Statussymbol, Trophäe. Und du fürchtest mich zu verlieren, wie ein Besitzer fürchtet, ein wertvolles Ding könnte ihm abhanden kommen. So wirst du nie für einen anderen Freude empfinden können.«

»Was muss ich tun?«

»Man darf nichts für sich selber wollen.«

»Willst du behaupten, dass du nichts für dich selber haben willst?«, fragte er ungläubig.

Ich nickte.

»Wie kann das sein?«

»Ich dachte, ich hätte es dir schon erklärt. Schaut man lange genug in sich hinein, merkt man, dass da gar nichts ist. Wie könnte man für dieses Nichts etwas beanspruchen wollen?«

»Aber wenn in dir schon nichts ist, dann in den anderen doch erst recht nicht?«

»Genau genommen ist tatsächlich nirgendwo was drin«, sagte ich. »Man hat nur die Wahl, womit man die Leere füllt. Und freust du dich für einen anderen, so füllst du sie mit Liebe.«

»Wessen Liebe ist das? Wenn niemand da ist, wessen Liebe könnte es sein?«

»Das ist der Leere egal. Und auch du solltest dir darüber nicht den Kopf zerbrechen. Aber wenn du nach einem Sinn für dein Leben suchst – einen Bessren findst du nicht!«

»Und was ist Liebe anderes als Leere?«

»Sie ist Leere.«

»Wo ist dann der Unterschied?«

»In der Leere.«

Er dachte eine Weile nach.

»Könnte man die Leere nicht auch … sagen wir: mit Gerechtigkeit füllen?«

»Wenn du damit anfängst, wirst du sehr schnell zum Kriegsverbrecher.«

»Ich glaube, da verwechselst du was, Füchslein. Wieso zum Kriegsverbrecher?«

»Na, wer soll denn deiner Meinung nach entscheiden, was gerecht ist und was nicht?«

»Die Menschen.«

»Und wer entscheidet, was die Menschen entscheiden sollen?«

»Kommt Zeit, kommt Rat«, sagte er und blickte auf eine an ihm vorbeischwirrende Fliege, die im nächsten Moment zu Boden fiel.

»He, da lässt aber einer das Tier raushängen … Eiferst wohl denen nach?«, fragte ich, mit dem Kopf in Richtung Stadt deutend.

»Ich gehöre zu ihnen«, sagte er.

»Zu wem?«

»Zum Volk.« »Hallo, ich hör wohl nicht recht. Volk?«

Das dem Wort innewohnende Pathos schien ihn selbst verlegen zu machen, er wechselte eilig das Thema.

»Ich überlege, ob ich nicht mal auf Arbeit vorbeigehe. Um nach dem Rechten zu sehen.«

Ich war sprachlos.

»Meinst du das im Ernst? Waren drei Kugeln noch nicht genug? Brauchst du mehr?«

»Es könnte ein Versehen gewesen sein. Mangelnde Koordination, so was gibt es.«

»Mangelnde Koordination!«, stöhnte ich. »Das hat System! Und wenn du denkst, dieses System kann Solisten gebrauchen … Da wird im Chor gegrunzt!«

»Notfalls kann ich auch das. Überleg doch mal selbst: Was machen wir, wenn das Geld alle ist?«

»Ha, wenns weiter nichts ist! Mach dir darüber keine Sorgen. Die Stadt ist keinen Kilometer entfernt. Ich geh vor dem Einkaufen schnell auf den Strich.«

Er zog die Stirn in Falten.

»Untersteh dich, so zu reden!«

»Und du untersteh dich, ›untersteh dich!‹ zu sagen!«

»Mein Mädel geht auf den Strich, so weit kommts noch … Ich fass es nicht!«

»Mein Mädel. Wenn ich das schon höre! Wann hast du mich denn privatisiert?«

»Du willst mit Prostitution Geld verdienen! Und ich soll von dem Geld leben! Das ist doch der blanke Dostojewski!«

»Den hab ich gefickt, deinen Dostojewski!«, entfuhr es mir.

Er sah mich neugierig an.

»Und? Wie war's?«

»Ging so.«

Wir mussten beide lachen. Ich weiß nicht, wieso er, für mich gab es einen Grund. Aus Respekt vor der russischen Literatur mag ich ihn hier nicht anführen, nur so viel: Die kleine rote Spinne aus den Dämonen ist mir seinerzeit über den Rockzipfel gekrochen … Ach, wie vielen Titanen des Geistes habe ich im Laufe der Zeit mein bescheidenes kleines Präsent gemacht! Das Einzige, was mir richtig Leid tut: dass es mir nicht persönlich vergönnt war, den Becher an Vladimir Nabokovs Lippen zu führen, den er so meisterlich ausgemalt hat. Die SU machte damals Probleme bei der Ausreise. Noch so eine Missetat, die dem finsteren kommunistischen Regime schwer auf dem Gewissen lasten möge.

Bloß gut, dass wir mit diesem Gelächter unseren Streit begruben. Beinahe hätte ich einen Fehler begangen: Man soll einem Mann nie frontal an den Karren fahren, schon gar nicht, wenn sein Selbstwertgefühl angeschlagen ist. Ich musste erst einmal herauskriegen, was in seinem Kopf vorging.

»Zieht es dich an die Ölpumpen zurück?«

»Das nun gerade nicht. Da ist jetzt Michalytsch am Heulen.«

Es sah ganz danach aus, als hätte er während seiner Abwesenheit Kontakt zur Außenwelt aufgenommen – sich vielleicht mit jemandem getroffen oder telefoniert. Doch ich mochte ihm in diesem Punkt nicht unnötig nachspionieren.

»Michalytsch? Bei seinem Geheul sind dem Schädel neulich nicht die Tränen gekommen.«

»Sie haben eine neue Technologie ausgetüftelt. Ein Mix aus fünf Kubik Ketamin und drei Kubik Pervitin, und anschließend noch ein Elektroschock.«

»Auf den Schädel?«

»Auf Michalytsch.«

»Mann, ist das pervers.«

»Das kannst du laut sagen. So ist er in einem Jahr ruiniert.«

»Du meinst, Michalytsch?«

»Michalytsch? Dem ist das egal. Nein, der Schädel. Er hat sowieso schon überall Risse von den vielen Tränen … Neureiche Banausen sind das. Hauptsache, das Öl läuft, sie scheffeln ihr Geld – und fertig ist die Laube. Was morgen wird, daran verschwenden die keinen Gedanken.«

»Was ist das eigentlich für ein Schädel, sag mal?«, wagte ich die Frage zu stellen, die mich schon lange beschäftigte. Darauf reagierte er gleich wieder fad.

»Das darf ich nicht sagen. Staatsgeheimnis. Und überhaupt mag ich nicht über die Arbeit reden.«

Dass er diesen Verein immer noch als seine Arbeit ansah, wunderte mich nicht. Es gibt Stellen, die man nicht von sich aus kündigen kann. Was mich erstaunte, war nur, dass er sich nach den Leuten zurücksehnte, die ihm drei Silberkugeln auf den Pelz gebrannt hatten. Übrigens hatte ich immer noch keine Ahnung, wer dies getan hatte und warum – Alexander hatte nichts erzählt.

»Wohin dann, wenn nicht zum Öl?«, fragte ich.

»Ein Überwerwolf findet immer Beschäftigung.«

»Wie bitte?« Ich verzog das Gesicht. »Welcher Überwerwolf ist gemeint?«

»Na, ich«, erwiderte er verwundert.

»Seit wann bist du denn ein Überwerwolf?«

»Wie, seit wann? Du warst doch dabei!«

»Und du glaubst im Ernst, du bist der Überwerwolf?«

»Was heißt hier glauben? Ich weiß es.«

»Was verschafft dir die Gewissheit?«

»Na, zum Beispiel das hier«, sagte er. »Pass auf.«

Prompt stürzte eine weitere Fliege ab, die eben noch unter der Decke gekreist war. Es sah lustig aus: Die Fliegen fielen nicht senkrecht, sondern in Parabeln, aus der vollen Bewegung, es sah aus wie winzig kleine Kamikazes, die im Sturzflug auf den Feind hinabstießen.

»Hör doch auf, den wilden Mann zu markieren«, sagte ich. »Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«

»Wie meinen?«

»Na, nehmen wir an, du kannst Fliegen von der Decke holen. Nehmen wir an, du bist Pisdez und Garm in einem. Wozu musst du unbedingt auch noch Überwerwolf sein?«

»Wer sollte es sonst sein, wenn nicht ich?«

»Wie oft muss ich es dir noch sagen: Das Überwerwesen ist eine Metapher. Es auf ein konkretes Wesen zu beziehen wäre primitiv, eine Auslegung auf unterstem Niveau.«

»Dann lass es mich einfach auf unterstem Niveau sein«, sagte er in versöhnlichem Ton. »Oder gönnst du es mir nicht, Füchslein?«

»Nein, komm mir jetzt nicht so. Lass uns die Sache ausdiskutieren.«

»Von mir aus«, sagte er seufzend.

»Stell dir vor, ich gehe auf den Arbat und kaufe mir beim Straßenhändler eine Uniform. In der laufe ich durch die Stadt und bilde mir ein, ich wäre General beim Geheimdienst. Du sagst: Du bist doch gar kein General. Darauf ich: Komm schon, lass mich General sein, oder gönnst du es mir etwa nicht?«

»Das ist etwas völlig anderes. General, das ist ein Rang, der von einer bestimmten Institution zuerkannt wird.«

»Genau das meine ich. Überleg mal, woher du von dem Überwertier überhaupt weißt. Doch nicht von Michalytsch, oder?«

»Natürlich nicht.«

»Es muss ein bestimmtes weltanschauliches System geben, dem dieser Begriff entstammt. Das Überwertier ist darin ein genausolcher Rang wie ein General. Zuerkannt von der Tradition. Einer, mit der du so viel am Hut hast wie ich mit deinem Verein. Verstehst du, was ich meine, Grauer?«

»Wohingegen du natürlich einen heißen Draht zu dieser Tradition hast, Füchslein, hab ich Recht?«

»Nicht bloß einen Draht«, sagte ich. »Ich bewahre sie. Als ein Linienhalter, das ist der exakte Begriff dafür.«

»Um welche Linie geht es?«

»Die Übertragungslinie.«

»Soso. Du bist also hier wieder mal die absolute Autorität, wie? Reißt du die Klappe nicht ein bisschen weit auf? Kannst du so viel wegtragen auf deinen schmalen Schultern, sag mal?«

»Du darfst die mystische Tradition nicht mit dem Shangri-La Casino verwechseln. Linienhalter heißen nicht so, weil sie sich eine Linie unter den Nagel reißen. Sie halten daran fest, das ist es.«

Meine Antwort schien ihn zu verblüffen.

»Was ist das, eine Übertragungslinie?«, fragte er. »Was wird da übertragen?«

»Nichts.«

»Wie?«

»Übertragen wird das Nichts. Ich habe es dir schon so oft erklärt, die Teekanne da dürfte es auch langsam begriffen haben.«

»Woran halten sich die Linienhalter dann fest?«

»An der Übertragungslinie jedenfalls nicht.«

»Dann verstehe ich gar nichts mehr.«

»Weil es nichts zu verstehen gibt. Man sieht etwas. Und das heißt, dass man daran festhält.«

»Na gut. Sag mir noch eins, und das möglichst klar: Hat irgendwer auf der Welt das formale Recht, sich in dieser Tradition als Überwertier zu bezeichnen? Und sei es auf unterstem Niveau?«

»Ja«, sagte ich.

»Und wer ist das?«

Ich schlug verlegen die Augen nieder.

»Sag schon!«

»Ich weiß, es wird deinen Ehrgeiz empfindlich treffen«, sagte ich. »Aber wir haben ja einander versprochen, uns immer die Wahrheit zu sagen …«

»Doch nicht etwa schon wieder du?«

Ich nickte. Er stieß einen leisen Fluch aus.

»Und von wem her kommt diese Übertragungslinie?«

»Erzähle ich dir bei Gelegenheit.«

»Nein, ich will es jetzt wissen. Damit du dir nicht wieder Märchen ausdenkst.«

Na schön, dachte ich. Die Wahrheit lässt sich nicht verbergen. Irgendwann hätte er es sowieso erfahren.

»Gut. Dann hör zu und unterbrich mich bitte nicht. Eines Abends vor ungefähr eintausendzweihundert Jahren reiste ich in dem Land, das heute unter dem Namen China bekannt ist, in meiner Sänfte von einer Stadt in die andere. Was für Städte und wozu die Reise, ist erst einmal nebensächlich. Worauf es ankommt, ist, dass wir an jenem Abend vor den Toren eines Klosters auf dem Gelben Berg Halt machten …«


Abende gab es im alten China, Stunden in Nebel und Stille, da zeigte die Welt gewissermaßen ihr Kindergesicht, führte vor, wie sie ganz zu Anfang gewesen war. Alles ringsum – Häuser, Zäune, Bäume, das Bambusdickicht, die Stäbe mit den aufgesteckten Lampen – verwandelte sich auf wundersamste Weise, schon kam es einem so vor, als hätte man diese Welt eben erst eigenhändig aus Buntpapier ausgeschnitten und sorgfältig um sich ausgelegt, worauf sie nun den Anschein der großen, großen Welt mit den vielen in ihr lebenden Menschen erweckte, man konnte hineinspazieren, wenn man wollte … An einem solchen Abend vor zwölf Jahrhunderten befand ich mich in meiner Sänfte vor den Toren eines Klosters auf dem Gelben Berg. Die Welt rundumher war wunderschön, der Blick durch das Fensterchen stimmte mich abwechselnd traurig und froh, von beidem standen mir Tränen in den Augen.

Es war die Musik, die so auf mich wirkte. Da spielte schon seit geraumer Zeit eine Flöte – sang von dem, was mir am Herzen lag. Von den zauberhaften Spielen, die wir einst im großen Haus meiner Kindheit gespielt hatten. In die wir uns so sehr vertieften, bis wir selbst an unsere Einfälle glaubten, zum Spaß mit den Puppen spazierengingen und uns verliefen, sodass keine Macht uns mehr nach Hause zurückbringen konnte, solange uns nicht einfiel, dass wir nur spielten. Und darauf zu kommen war beinahe unmöglich, so prickelnd und bezaubernd war dieses Spiel …

Ich weiß nicht, ob Musik »von etwas« handeln kann oder nicht, darüber wird seit Ewigkeiten gestritten. Das erste Gespräch zu diesem Thema, an das ich mich entsinne, fand zu Zeiten von Ying Zheng statt. Viele Jahrhunderte später, als ich einmal in Gestalt einer nihilistischen Studentin zu Lew Tolstoi nach Jasnaja Poljana kam, machte sich der Alte während des Abendessens über diese Idee lustig, insbesondere Beethoven war Zielscheibe seines Spottes: dass es unbedingt eine Mondscheinsonate hatte sein müssen! Kurzum, ich bestehe nicht darauf, dass die Flötenklänge meine Erinnerungen zum Inhalt hatten. Oder überhaupt einen Inhalt. Doch eines wusste ich: Mit dem Flötenspieler musste ich sprechen, und zwar sofort.

Dabei hätte ich mir sagen können, dass es besser war, in meinem Palankin sitzen zu bleiben. Hört man eine Flöte spielen, noch dazu schön, sollte man den Klängen lauschen und nicht die Gesellschaft des Flötisten suchen. Denn spricht man ihn an, so wird die Musik in diesem Moment aufhören. Und ob er einem wirklich etwas Interessantes zu sagen hat, steht dahin. Aber hintenheraus ist man immer schlauer. (Wir Werfüchse besonders – kraft unserer Anatomie …)

Überall war Nebel, die Leute saßen zu Hause, ein besonderes Risiko ging ich also nicht ein. Ich hüpfte aus der Sänfte und begab mich in die Richtung, aus der die Töne kamen; ab und zu blieb ich stehen und ging buchstäblich in die Knie vor der unvergleichlichen Schönheit dieses Abends. Solche hat es überhaupt nur bis ins achtzehnte Jahrhundert gegeben. Später, heißt es, habe sich die chemische Zusammensetzung der Luft verändert. Vielleicht hatte es auch schwerwiegendere Gründe.

Das Kloster bestand aus einer Vielzahl von Gebäuden, die sich um das große, schöne, sehr kostbar aussehende Haupttor drängten. Ein Zaun schloss sich an das Tor nicht an. Darin kam die Sektendoktrin allegorisch zum Ausdruck, wie gelehrte Mönche zu erläutern wussten: Das Tor symbolisiere den Weg, der dorthin führt, wo er beginnt, und das kann jeder beliebige Punkt sein. Ein Tor, das keines ist: vollkommene Offenheit, nach allen Seiten Raum, ein großes Leuchten. Selbst an die Hieroglyphen erinnere ich mich. Damals dachte ich, das Geld hätte für den Zaun nicht gereicht. Was durchaus sein kann: Hätten sich Spender gefunden, die Doktrin wäre womöglich geändert worden.

Das Flötenspiel kam aus dem Haupthaus, da wo sich der Saal der Übertragung der Lehre befand. Trotz aller Romantik, wie sie dem fliederfarbenen Nebel entstieg, wäre es mir normalerweise nicht eingefallen, einfach so meine Nase dort hineinzustecken – doch die Musik machte mich waghalsig.

Wer den Tiger fürchtet, sollte nicht in den Wald gehen!, dachte ich bei mir. Mag kommen, was will …

Ich raffte die Schöße meines Gewandes, um den Schweif für unliebsame Überraschungen in Bereitschaft zu halten, und lief los. Im alten China trug man bequeme weite Gewänder, von einer zufälligen Begegnung mit dem einen oder anderen stieläugigen Passanten ging also keine Gefahr aus – wahrscheinlich hätten sie mich in dem Nebel nicht einmal gesehen. Die Halluzinationen, die ich für solche Fälle in petto hatte, waren nicht sonderlich originell: Sie zeigten die Welt, wie sie war, nur ohne die kleine A Huli.

Das kommt vor, dass mich einer sieht und die Augen ihm aus den Höhlen quellen beim Anblick meiner roten Pracht, und eine Sekunde später fragt er sich, was für eine Fata Morgana ihn da eben heimgesucht hat, denn da ist ja nichts außer dem nackten Feld, über das der Wind die dürren Blätter fegt … Es klingt simpel, ist aber in seiner Komplexität eine der avanciertesten Werfuchsnummern, und wenn einem mehr als drei Personen entgegenkommen, kann es schon heikel werden. Aus keinem anderen Grund übrigens war es seit der Qin-Dynastie in Kriegszeiten Vorschrift, eine mindestens vierköpfige Wache an die Festungstore zu stellen: Meine Schwestern waren gefürchtet, und das nicht umsonst.

Ein einziges Fenster im Haupthaus war erleuchtet. Genau dort spielte die Flöte, ein Irrtum war ausgeschlossen. Es handelte sich um ein Eckzimmer im ersten Stock, zu dem hinaufzugelangen nicht schwer schien: Man brauchte nur auf ein ziegelgedecktes Vordach zu springen und konnte auf ihm entlang die Front der dunklen Fenster passieren. Ich tat es leichtfüßig, ohne Mühe. An dem Fenster, hinter dem die Flöte spielte, waren die Läden hochgeklappt. Ich ging in die Hocke und lugte hinein.

Der Flötenspieler saß mit dem Rücken zu mir auf dem Boden. Er trug einen Kittel aus nachtblauer Seide und einen kleinen kegelförmigen Strohhut. Man sah, dass der Kopf darunter rasiert war, obwohl die Kleidung sonst nicht nach einem Mönch aussah. Seine Schultern waren breit, der Körper sehnig, leicht und offenbar kräftig – für so etwas habe ich ein Gespür. Auf dem Boden vor ihm sah ich eine Teeschale stehen, ein Tuschfass, daneben lag ein Stoß Papier. Zwei Öllämpchen brannten an der Wand.

Er wird kalligraphiert und als Ausgleich zur Flöte gegriffen haben, dachte ich mir … Bin gespannt, was ich zu ihm sage!

Ich hatte, ehrlich gesagt, keinen Plan. Nur vage Vorstellungen gingen mir im Kopf herum: zuerst vielleicht ein offenherziges Gespräch und hinterher blauer Dunst, anders kann man ja mit Menschen nicht. Obwohl ich mit etwas mehr Überlegung selbst hätte zu dem Schluss kommen können, dass es so nicht ging: Keiner führte mit mir ein offenherziges Gespräch, wenn er wüsste, dass hinterher doch nur blauer Dunst kommt. Und finge man an mit blauem Dunst, wie sollte das Herz dann noch aufgehen?

Doch mir blieb leider keine Zeit, darüber nachzudenken: Unten vor dem Haus tanzte Fackelschein, Schritte und Stimmen ertönten. Es waren an die zehn Mann – zu viele für eine Umerziehung im Handstreich. Ich zögerte keine Sekunde länger und hechtete zum Fenster hinein.

Mein Entschluss war, den Flötisten schnell in mein Garn zu locken und, wenn das Volk unten sich verlaufen hatte, zu meiner Sänfte zurückzukehren; zum Glück war es inzwischen schon beinahe ganz dunkel. Lautlos war ich auf allen vieren gelandet, richtete den Schweif auf und rief den Sitzenden leise von hinten an.

»Verehrter Herr!«

Gemessen legte er die Flöte auf dem Boden ab und wandte sich um. Ich straffte mein buschiges Organ, versammelte all meinen Geist in seiner obersten Spitze – und es geschah etwas, das völlig neu und überraschend für mich war: Anstatt auf wabbelnde, schmatzende Sülze, als die mein Schweif den menschlichen Geist wahrzunehmen gewohnt war (das kann keiner verstehen, der es nicht selbst schon erfahren hat), stieß ich hier auf … gar nichts.

Vielen Menschen war ich schon begegnet, beherzten ebenso wie bedripsten. Mit ihnen zu arbeiten war, als bohrte man Löcher in Wände. Zu bohren ging alles, man musste die Technik nur ein bisschen an das jeweilige Material anpassen. Hier aber fand ich überhaupt keine Wand vor. Nichts, was der Willenskraft, die in den knisternd unter Strom stehenden Grannen über meinem Kopf steckte, einen Angriffspunkt bot. Vor Überraschung verlor ich buchstäblich das Gleichgewicht und landete wie ein dummes Kind auf dem Hintern: Schweif eingeknickt, Beine unzüchtig abgespreizt. In diesem Moment fühlte ich mich wie ein Jongleur auf dem Marktplatz, dem sämtliche Kugeln und Bänder in den Matsch geklatscht sind.

»Sei gegrüßt, A Huli«, sprach der Mann und neigte den Kopf zu einem höflichen Gruß. »Ich freue mich, dass du ein Minütchen Zeit gefunden hast, bei mir hereinzuschauen. Du kannst mich übrigens Gelber Herr nennen.«

Gelber Herr!, dachte ich, während ich die Beine unterschlug: Das kommt bestimmt vom Gelben Berg, auf dem das Kloster steht. Falls er nicht vorhat, Kaiser zu werden …

»Nein«, sprach er lächelnd, »Kaiser möchte ich nicht werden. Aber mit dem Gelben Berg hast du richtig geraten.«

»Nanu. Habe ich etwa laut gedacht?«

»Deine Gedanken stehen dir so überdeutlich im Gesicht geschrieben, es bereitet keine Mühe, sie zu lesen«, sprach er und lachte.

Bestürzt verbarg ich das Gesicht hinter dem Ärmel. Dann aber fiel mir ein, dass in diesem Ärmel ein Riss war. Vollends beschämt, hielt ich den anderen Arm davor. Ich besaß damals ein sehr schönes Gewand, ererbt von des Kaisers Konkubine, nur eben nicht mehr ganz neu; hier und da klafften Löcher.

Natürlich war meine Scham gespielt. Tatsächlich suchte ich fieberhaft nach einem Ausweg, bedeckte mein Gesicht nur, damit er meine Gedanken nicht weiterlas. Dass ich mich von einem einzelnen Menschen aufs Kreuz legen ließ, durfte einfach nicht sein. Ich kam bei ihm an keinen Geist heran – was nicht heißen musste, dass da keiner war. Vermutlich kannte er irgendeinen gemeinen Zaubertrick … Ob er sich an anderer Stelle zeigte, als er in Wirklichkeit war? Von so etwas hatte ich schon gehört … Doch er war nicht der Einzige, der Tricks auf Lager hatte.

Werfüchse beherrschen eine Methode, mittels derer man Halluzinationen rundum, in alle Richtungen zugleich ausschicken kann und dabei jeden menschlichen Willen augenblicklich lähmt. Wir fokussieren dabei nicht auf den konkreten Kunden, sondern werden gewissermaßen zu einem großen, schweren Stein, der auf die Oberfläche des Hier und Jetzt aufschlägt und konzentrische Wellen schlägt, die des Menschen Geist trüben, sodass er, vollkommen desorientiert, nach dem ersten sich bietenden Strohhalm greift. Drücke ich mich verständlich aus? Gewitter über dem Himmelspalast heißt diese Technik.

Ich brachte sie unverzüglich zum Einsatz. Sprang auf alle viere, schlug das Gewand zurück und schüttelte wütend den Schweif über meinem Kopf. Hierbei gilt es nicht nur die Spitze zu schütteln, sondern ebenso den Schweifansatz, was dem ganzen eine zweideutige, wenn nicht eindeutig obszöne Note gibt, besonders wenn der Kittel auch noch Löcher hat. Doch fällt es uns Werfüchsen hierbei nicht allzu schwer, die angeborene Schamhaftigkeit zu überwinden, da der Mensch sowieso nicht dazu kommt, auch nur das Geringste zu sehen.

Der normale Mensch, muss ich einschränken. Der Gelbe Herr sah nicht nur alles, er lachte auch noch aus vollem Halse, was überaus kränkend war.

»Du bist ja eine ganz Hübsche!«, sagte er. »Aber vergiss nicht, dass ich Mönch bin.«

Ich mochte noch nicht aufgeben. Steigerte die Willensanspannung bis zum Äußersten – worauf er, mit einer gequälten Grimasse wie von Kopfschmerz, seinen Hut abnahm und in meine Richtung schleuderte. Der Hut verfing sich mit dem schwarzen Schnürband in meinem Schweif und drückte ihn urplötzlich zu Boden – als wäre es kein Kegel von trocken Stroh, sondern ein schwerer Mühlstein.

Hierauf hob der Gelbe Herr zwei mit Hieroglyphen bemalte Blätter auf, rollte sie zusammen und warf sie gleichfalls in meine Richtung. Bevor ich auch nur einen Gedanken fassen konnte, klammerten sie meine Handgelenke wie eiserne Krampe am Boden fest. Ich versuchte, eine der Rollen mit den Zähnen wegzuzerren (man erinnere sich: bei heftigem Erschrecken widerfährt uns das Gleiche wie auf der Hühnerjagd, unser menschliches Antlitz zieht sich in die Länge, wird in Sekundenschnelle zum scharfzähnigen Schnäuzchen), doch es ging nicht. Zauberei, ganz ohne Frage. Einige der Hieroglyphen auf dem Papier konnte ich entziffern: Es gibt kein Alter, keinen Tod, hieß es da, und kein Entkommen vor ihnen …

Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn dies war das buddhistische Herz-Sutra – es konnte also kein Füchse jagender Dao-Zauberer sein, der da vor mir stand. Alles konnte noch gut werden. Ich hörte auf zu zappeln.

Der Gelbe Herr hob die Teeschale zum Mund und trank einen Schluck, wobei er mich betrachtete wie ein Maler sein kurz vor der Vollendung stehendes Bild: darüber nachsinnend, wo noch ein letzter Pinselstrich angebracht wäre. Ich begriff, dass ich mit unzüchtig entblößtem Unterleib vor ihm auf dem Rücken lag. So viel Erniedrigung trieb mir die Schamröte ins Gesicht. Zugleich packte mich die Angst. Wer konnte wissen, was dieser Magier als Nächstes im Sinn hatte? Das Leben kann furchtbar sein und gnadenlos. Manchmal, wenn es den Menschen gelingt, eine von unseren Schwestern zu fangen, tun sie Dinge mit ihr, an die man lieber gar nicht denken möchte.

»Ich warne Euch«, sagte ich mit brüchiger Stimme, »solltet Ihr vorhaben, mit meiner Jungfräulichkeit Schindluder zu treiben … Himmel und Erde würden von dieser Schandtat erbeben! Die Ruhe Eures Alters wäre ein für alle Mal dahin!«

Er lachte so herzlich, dass ihm der Tee aus der Schale schwappte. Die Scham wurde unerträglich, ich wandte den Kopf ab, und wieder fielen mir die Hieroglyphen auf dem Papier ins Auge, das meine Hand am Boden festhielt. Diesmal war es das andere Blatt, mit anderen Zeichen: Kein Haften, kein Festhalten … Weisheit, die über alles hinausführt …

»Wollen wir uns unterhalten?«, fragte der Gelbe Herr.

»Ich bin kein Animiermädchen aus dem Freudenhaus, dass ich mit geschürztem Rock Gespräche führe«, sagte ich.

»Du hast ihn doch selber geschürzt«, erwiderte er ungerührt.

»Mag sein. Aber herablassen kann ich ihn im Moment leider nicht von allein.«

»Versprichst du mir, nicht wegzulaufen?«

Ich ließ den Anschein eines quälenden inneren Kampfes über mein Gesicht gehen. Seufzte und sprach: »Gut. Ich verspreche es.«

Der Gelbe Herr murmelte leise den letzten Satz aus dem Herz-Sutra, und zwar auf Chinesisch. Alle gelehrten Männer, die ich bis dahin kannte, waren der Meinung gewesen, man dürfe dieses Sutra nur auf Sanskrit aufsagen, weil die Stimme des Siegreichen es so das erste Mal ausgesprochen habe. Theorie hin, Theorie her, die Fesseln um meine Handgelenke lösten sich augenblicklich und waren nun wieder zwei zerknitterte Rollen Papier.

Ich richtete den Saum meines Gewands, setzte mich in würdevolle Positur und sagte: »Das ist ja erbaulich! Der Herr benutzt ein und dasselbe Sutra einmal als Schloss und einmal als Schlüssel. Oder soll man es so verstehen, dass dieses Mantra, wie von Buddha verheißen, tatsächlich von jeglichem Leiden befreit?«

»Hast du das Herz-Sutra gelesen?«, fragte er.

»Stellenweise«, antwortete ich. »Form ist Leere, Leere ist Form …«

»Dann weißt du vielleicht sogar, was diese Worte bedeuten?«

Ich schätzte die Entfernung zum Fenster ab. Zwei Sprünge bis dorthin. Und wenn er der Leibwächter des Kaisers wäre! so mein Gedanke. Mich hält er hier um keinen Preis!

»Natürlich weiß ich das«, gab ich zurück, während sich mein Leib zur Feder spannte. »Hier zum Beispiel sitzt vor Euch der Werfuchs A Huli. Erscheint wie echt, hat eine Form. Doch bei näherem Hinschauen zeigt sich vor Euch keine A Huli, sondern gähnende Leere!«

Mit diesen Worten sprang ich auf das schwarze Quadrat der Freiheit zu, in dem schon die ersten Sterne leuchteten.

Vorauseilend möchte ich sagen, dass diese Erfahrung mir später geholfen hat, Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat zu verstehen. Nur ein paar winzige bläulich-weiße Punkte hätte ich an des Meisters Stelle dem Bild noch hinzugefügt. Doch Malewitsch, wiewohl er sich Suprematist nannte, hielt sich an die Wahrheit des Lebens: Am Himmel über Russland ist nun einmal selten Licht. Und der Seele bleibt nichts weiter übrig, als unsichtbare Sterne aus sich selbst hervorzuzaubern – so die Botschaft des Bildes. Der Gedanke kam mir allerdings erst viele Jahrhunderte später. In dieser Sekunde ging ich einfach zu Boden – aus einem unerträglichen, mit nichts zu vergleichenden Gefühl der Scham heraus. Ich fühlte mich so schlecht, dass ich nicht einmal schreien konnte.

Der Gelbe Herr hatte mir die Fesseln von den Händen gelöst. Das Fenster war ganz nahe. Doch den Hut, der meinen Schweif zu Boden drückte, den hatte ich schlicht vergessen.


Kein physischer Schmerz, nicht einmal ein seelischer, ließe sich vergleichen mit dem, was ich hier erlitt. Alles, was ein Einsiedler in jahrelanger Buße durchmacht, passte in eine Sekunde dieses Gefühls, es war von nie dagewesener Intensität, fuhr wie ein Blitzschlag hinein in die dunkelsten Winkel meiner Seele. Ich sank zu Boden wie eine Handvoll Staub, Tränenströme stürzten mir aus den Augen. Vor meiner Nase lag eines der zerknitterten Blätter mit dem Herz-Sutra, die Zeichen blickten mich gleichmütig an: Ich, meine verunglückte Flucht, die unaussprechlichen Qualen, die ich in dieser Sekunde über mich ergehen ließ – alles nur leerer Schein, wollten sie besagen.

Der Gelbe Herr lachte nicht mehr, blickte auf mich sogar mit einem gewissen Mitgefühl, doch ich spürte, er konnte sich das Lachen gerade so verbeißen. Was mein Selbstmitleid nur noch steigerte, ich heulte Rotz und Wasser, von dem die Hieroglyphen vor meiner Nase zu formlosen schwarzen Klecksen zerflossen.

»Tut es so weh?«, fragte der Gelbe Herr.

»Nein«, stieß ich unter Tränen hervor, »ich … ich …«

»Was ist mit dir?«

»Ich … bin es nicht gewohnt, mit Menschen offen zu reden.«

»Bei deiner Erwerbstätigkeit kein Wunder!«, sagte er lächelnd. »Aber sag schon, warum weinst du?«

»Ich schäme mich«, flüsterte ich.

Mir war so elend, dass an irgendwelche Tricks nicht mehr zu denken war. Die Anteilnahme, die der Gelbe Herr mir entgegenbrachte, kam mir unangemessen vor, immerhin wusste ich genau, was mir für all meine Taten gebührte. Wäre er darangegangen, mir das Fell bei lebendigem Leib über die Ohren zu ziehen, ich hätte wohl nicht viel dagegen unternommen.

»Wofür schämst du dich?«

»Für alles, was ich begangen habe … Ich habe Angst.«

»Wovor?«

»Dass die Rachegeister mich in die Hölle schicken«, sprach ich so leise, dass man es kaum hören konnte.

Dies war nicht geflunkert. Unter den Visionen, die gerade vor meinem inneren Auge vorübergezogen waren, fand sich diese: In einem Eisloch drehte sich ein schwarzes Rad und wickelte meinen Schweif auf, zerrte ihn aus mir hervor, der Schweif riss nicht ab, er wurde lang und länger, zog sich wie der Spinnfaden aus dem Spinnenbauch, und jede Sekunde in diesem Alptraum bereitete mir unsägliche Pein. Am schrecklichsten aber war die Gewissheit, dass es nie, nie enden würde … Grässlicheres kann sich kein Werfuchs ausdenken.

»Glauben Werfüchse denn an Vergeltung?«, fragte der Gelbe Herr.

»Ob wir dran glauben oder nicht, tut nichts dazu. Die Vergeltung ereilt uns jedes Mal, wenn wir kräftig am Schweif gezogen werden.«

»So ist das also«, sagte er nachdenklich. »Ich hätte sie damals nur am Schweif ziehen müssen …«

»Wen?«

»Ach, vor Jahren kam manchmal ein äußerst pfiffiger Werfuchs aus der Hauptstadt hierher, um Vergebung für seine Sünden zu erbeten. Im Unterschied zu dir fürchtete das Mädchen die Hölle kein bisschen – im Gegenteil, sie suchte mir zu beweisen, dass sowieso alle dorthin kommen. Ihr Gedanke war der, dass, selbst wenn Menschen mitunter Güte zeigen, die irdische Barmherzigkeit von der himmlischen weit übertroffen wird! Es sei völlig klar, dass der Oberste Ahn ausnahmslos allen vergebe und sie geradenwegs ins Paradies schicke. Denn die Menschen machen das Paradies sowieso zur Hölle – so wie vorher die Erde …«

Meine Neugier ist normalerweise unbezähmbar, doch in diesem Augenblick ging es mir so mies, dass ich nicht nachfragte, wer dieser Werwolf aus der Hauptstadt gewesen war. Das Argument kam mir jedenfalls einleuchtend vor. »Heißt das, es ist alles vollkommen hoffnungslos?«, flüsterte ich, meine Tränen hinunterschluckend.

Der Gelbe Herr zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht. Gegen das Wissen, dass alles eine Ausgeburt des Geistes ist, kommt die ärgste Hölle nicht an«, sagte er.

»Das Wissen ist das eine«, erwiderte ich. »Ich habe die heiligen Bücher gelesen und kenne mich ziemlich gut darin aus. Doch ich vermute, dass die Bosheit in meinem Herzen sitzt. Und ein böses Herz, da hat der Werfuchs aus der Hauptstadt ganz recht, ein böses Herz schafft unweigerlich eine Hölle um sich herum. Ganz gleich, wo es sich gerade befindet.«

»Hättest du ein böses Herz, wärest du nicht den Klängen meiner Flöte gefolgt. Dein Herz ist nicht böse. Es ist nur schlau – wie bei allen Werfüchsen.«

»Und ist einem schlauen Herzen zu helfen?«

»Man sagt, bei redlichem Lebenswandel lässt sich ein schlaues Herz in drei Kalpas heilen.«

»In drei was?«

»Ein Kalpa ist die Zeit, die zwischen der Entstehung eines Universums und seinem Untergang verstreicht.«

»Aber so lange Zeit lebt kein Werfuchs!«, sagte ich.

»Das ist wahr. Ein schlaues Herz kuriert sich nicht so leicht, es lässt sich schwer überzeugen, dass es moralischen Prinzipien folgen muss. Gerade weil es schlau ist, wird es einen Weg finden, diese Prinzipien zu umgehen und allen ein Schnippchen zu schlagen. Im Laufe von drei Kalpas wird es vielleicht einsehen, dass es sich dabei nur selbst etwas vormacht.«

»Und die Sache lässt sich durch nichts beschleunigen?«

»Unter Umständen schon«, erwiderte er. »Für den, der unbedingt will und entschlossen genug ist, gäbe es einen Weg.«

»Und der wäre?«

»Buddha hat eine Menge verschiedener Lehren vorgegeben. Darunter solche für Menschen, für Geister, sogar für Götter, die nicht gestürzt werden wollen. Eine Lehre für auf Erden wandelnde Zauberfüchse gibt es auch. Doch wirst du ihr trauen, wenn ein Mensch dir von ihr kündet?«

Ich nahm die ehrerbietigste Pose ein, die mir zur Verfügung stand, und sagte: »Ich begegne den Menschen mit Hochachtung, glaubt mir! Wenn ich mich hin und wieder dazu hinreißen lasse, etwas von ihrer Lebenskraft abzuzweigen, so ist das meine Natur, gegen die ich nichts ausrichten kann. Anders wüsste ich für meinen Lebensunterhalt auch nicht zu sorgen.«

»Gut«, sprach der Gelbe Herr. »Ein glücklicher Zufall will es, dass ich in die geheime Lehre für unsterbliche Werfüchse eingeweiht bin, und ich bin bereit, sie an dich zu übertragen. Besser gesagt, ich bin verpflichtet dazu. Denn bald werde ich diese Welt verlassen, und es wäre schade, wenn diese vorzügliche Kenntnis mit mir abhanden käme. Noch einen Werfuchs werde ich bis dahin wohl kaum treffen.«

»Was ist mit Euerm Gast aus der Hauptstadt? Warum habt Ihr die Lehre nicht schon an ihn übertragen?«

»I Huli ist nicht geeignet dafür«, beschied er.

Sie also! Begab sich klammheimlich hierher, um ihre Sünden wegzubeten. Während sie nach außen hin bestritt, dass es so etwas wie Sünden überhaupt gab.

»Warum sollte meine Schwester I Huli nicht geeignet sein?«, fragte ich. »Ihr erwähntet doch selbst, dass sie hier erscheint, um ihre Taten zu bereuen.«

»Sie ist viel zu durchtrieben. Zeigt immer nur dann Reue, wenn sie eine ganz üble Missetat plant. Dann sucht sie ihre Seele zu erleichtern, damit wieder mehr Bosheit hineingeht.«

»Dazu wäre ich genauso fähig«, gab ich zu.

»Ich weiß«, sprach der Gelbe Herr. »Doch du wirst immer dessen eingedenk sein, dass du ein Verbrechen begehst. Falsche Reue würde bei dir gar nicht funktionieren. I Huli hingegen kann, während sie ihre nächste Untat plant, die vorige so inbrünstig bereuen, dass ihr die Seele davon tatsächlich leichter wird. Sie ist viel zu schlau, um irgendwann in den Regenbogenstrom einzugehen.«

Die letzten Worte sprach er besonders feierlich.

»Wohin einzugehen?«, fragte ich nach.

»In den Regenbogenstrom«, wiederholte er das schillernde Wort.

»Was ist das?«

»Du sagst, du hättest die heiligen Bücher gelesen. Dann müsstest du wissen, dass das Leben ein Spaziergang durch einen Garten illusionärer Formen ist, die nur jenem Geist real erscheinen, der seine wahre Natur noch nicht erkannt hat. Der Verstand kann sich in die Welt der Götter ebenso verlaufen wie in die Welt der Dämonen, die Menschenwelt, die Tierwelt, die Welt der hungrigen Geister und in die Hölle. Beim Durchschreiten all dieser Welten haben die Siegreichen den Bewohnern Lehren hinterlassen, wie man sich von Toden und Geburten befreit …«

»Pardon«, unterbrach ich ihn, da ich eine Möglichkeit sah, ihm meine Gelehrsamkeit unter Beweis zu stellen, »in den Sutren heißt es aber doch, eines Menschen Geburt sei das Wertvollste, was es gibt, denn nur ein Mensch sei imstande, seine Befreiung zu erwirken. Stimmt das nicht?«

Der Gelbe Herr lächelte.

»Den Menschen würde ich das Geheimnis nicht verraten, aber du als Werfuchs solltest es wissen: Man bekommt in allen Welten dasselbe erzählt. In der Hölle behaupten sie, nur ein Höllenbewohner sei in der Lage, sich von allem zu befreien, da die Geschöpfe in den übrigen Welten ihr Leben auf der Jagd nach Annehmlichkeiten verbrächten, die in der Hölle eher seltener vorkommen. In der Welt der Götter wiederum heißt es, nur Götter könnten die Befreiung erlangen, denn für sie sei der Sprung in die Freiheit am kürzesten und die Furcht vor dem Absturz in die Unterwelt am größten. In jeder Welt bekommt man zu hören, sie sei die geeignetste, um Erlösung zu finden.«

»Und wie ist es bei den Tieren? Dort wird einem das vermutlich nicht gesagt?«

»Nein, ich spreche von Welten, deren Bewohner ein Erlösungskonzept haben. Dort, wo es kein solches Konzept gibt, muss logischerweise auch niemand erlöst werden.«

Sieh an, dachte ich. Schlau wie ein Fuchs.

»Und diese Erlösung, von der Ihr sprecht – ist sie in allen Welten dieselbe oder überall verschieden?«

»Für die Menschen bedeutet Befreiung, ins Nirwana abzuwandern. Für die Höllenbewohner, im lila Rauch aufzugehen. Für die Asura-Dämonen, das Schwert der Leere zu erobern. Für die Götter, mit dem Diamantglanz zu verschmelzen. Betrachtet man die Form, so ist die Erlösung in jeder dieser Welten unterschiedlich. Doch dem innersten Wesen nach ist sie überall gleich, insofern die Konstitution des Geistes, der all diese Welten imaginiert, sich niemals ändert.«

»Und was lässt sich über die Werfüchse sagen?«

»Formell gesehen, gehören Werwesen in keine der sechs erwähnten Kategorien. Ihr seid ein Sonderfall. Es besteht die Meinung, hin und wieder werde ein in die Welt der Dämonen hineingeborener Geist von deren Grausamkeit abgestoßen und verziehe sich an ihre Ränder, dahin, wo die dämonische Realität an die Welt der Menschen und die der Tiere grenzt. Solch ein Wesen gehört keiner der genannten Welten richtig an, es wechselt zwischen allen dreien – Menschen, Tieren und Dämonen – hin und her. Werfüchse sind Wesen ebendieser Kategorie.«

»So ist es«, sagte ich betrübt, »wir sitzen zwischen drei Stühlen, weil das Leben uns graust. Seht Ihr denn für uns einen Ausweg?«

»Ja. Einst wurden Buddha und seine Schüler von einem Werfuchs auf das Feinste bewirtet, wobei der Gastgeber allerdings nicht ganz uneigennützig handelte, er hatte es auf die Schüler abgesehen. Doch Buddha war sehr hungrig gewesen und seine Dankbarkeit groß, er belohnte den Werfuchs mit einer Lehre, die seinesgleichen die Befreiung während eines Lebens ermöglicht – wobei man berücksichtigen muss, dass Werwesen bis zu vierzigtausend Jahre alt werden. Buddha hatte nicht viel Zeit, darum ist es eine kurze Lehre geworden. Doch da der Siegreiche in Person sie erschuf, hat sie trotz allem magische Wirkung. Wenn du, A Huli, sie befolgst, kannst du nicht nur dich selbst erlösen, sondern sämtlichen auf der Erde wohnenden Werwesen den Weg zur Befreiung weisen.«

Vor Aufregung wurde mir schwindlig. Von so etwas hatte ich mein Leben lang geträumt.

»Was beinhaltet diese Lehre?«, fragte ich im Flüsterton.

»Sie spricht vom Regenbogenstrom«, antwortete der Gelbe Herr ebenso flüsternd. Mir schien, er äffte mich nach, doch ich war ihm nicht böse.

»Ach ja, der Regenbogenstrom – was ist das nun genau?«, fragte ich mit normaler Stimme.

»Der letzte Hafen des Überwerwesens.«

»Und was ist ein Überwerwesen?«

»Das ist jenes Werwesen, dem es gelingt, in den Regenbogenstrom einzugehen.«

»Ja, gut, und was lässt sich noch darüber sagen?«

»Äußerlich gleicht es den anderen Werwesen, innerlich geht es eigene Wege. Aber das sehen die anderen ihm nicht im Geringsten an.«

»Und wie wird man es?«

»Man muss in den Regenbogenstrom eingehen.«

»Ja, aber ich weiß immer noch nicht, was das ist.«

Der Gelbe Herr schaute verwundert.

»Ich sagte es doch eben. Es ist der letzte Hafen des Überwerwesens.«

»Kann man den Regenbogenstrom nicht noch irgendwie näher beschreiben? Um sich das Ziel vor Augen zu führen?«

»Nein. Der Regenbogenstrom ist so beschaffen, dass jedwede Beschreibung nur hinderlich ist, da sie falsche Vorstellungen von ihm weckt. Es lässt sich nichts Verlässliches darüber sagen, außer dass man in ihn eingehen kann.«

»Und was muss ein Überwerwesen tun, um in den Regenbogenstrom einzugehen?«

»Es muss eingehen. Das ist alles.«

»Und wie?«

»Auf jede beliebige Weise, die ihn dazu befähigt.«

»Aber ein Überwerwesen muss doch irgendwelche Instruktionen erhalten haben?«

»Keine weiteren.«

»Das soll alles sein?«

Der Gelbe Herr nickte.

»Das Überwerwesen ist also das, was in den Regenbogenstrom eingeht. Der Regenbogenstrom ist das, wohin das Überwerwesen eingeht – richtig?«

»Jawohl.«

»A definiert sich durch B, und B definiert sich durch A. Was soll das für einen Sinn haben?«

»Einen tieferen kann es nicht geben. Der Regenbogenstrom ebenso wie der Pfad des Überwerwesens zu ihm hin liegen außerhalb dieser Welt und sind einem normalbemittelten Verstand nicht zugänglich. Nicht einmal ein Werfuchs hat Einblick. Doch dafür beziehen sich Regenbogenstrom und Überwerwesen unmittelbar aufeinander. Zu Ersterem lassen sich Aussagen nur in Bezug auf Letzteres treffen. Zu Letzterem nur in Bezug auf Ersteren.«

»Und dem ist nichts hinzufügen?«

»Etwas schon.«

»Ja?«

»Der Regenbogenstrom ist in Wirklichkeit gar kein Strom, so wie das Überwerwesen gar kein Werwesen ist. Man muss die Wörter nicht so genau nehmen. Sie dienen nur als ein vorübergehender Anhaltspunkt. Wer versucht, sie einzustecken und mitzunehmen, den locken sie in den Abgrund. Das Beste ist, man wirft sie gleich wieder weg.«

Ich brauchte einige Zeit, das Gehörte zu überdenken.

»Das ist schon putzig. Die letzte Weisheit für Werfüchse besteht nur aus zwei Wörtern, die sich ausschließlich aufeinander beziehen und keine Erklärung zulassen. Und selbst die soll man gleich nach dem Aussprechen wegschmeißen. Der Werfuchs, der Buddha da beköstigt hat, scheint kein sonderlich gutes Karma gehabt zu haben. Hat er es denn selber bis in den Regenbogenstrom geschafft?«

Der Gelbe Herr nickte.

»Allerdings erst vor kurzem. Und ohne irgendwelche Wegweisungen für andere Werwesen hinterlassen zu haben. Deswegen muss ich dir die Lehre weitergeben.«

»Eine solche Lehre scheint mir nicht besonders glaubhaft.«

»Darum wird sie ja auch die höchste Lehre genannt: weil sie anders ist als das, woran du gewöhnt bist. Was dir in deinem Bezugssystem glaubhaft vorkommt, darf schon deshalb als Lüge angesehen werden.«

»Wieso?«

»Andernfalls hättest du keine Lehren mehr nötig. Du wüßtest die Wahrheit.«

Das hatte eine gewisse Logik. Nichtsdestoweniger erinnerten mich seine Ausführungen an jene Syllogismen in der Philosophie, die den Geist auf den Holzweg führen wollen.

»Ich begreifs trotzdem nicht«, ließ ich nicht locker. »Wie kann eine Lehre nur aus zwei Wörtern bestehen?«

»Je höher die Lehre, desto weniger Wörter, auf die sie baut. Wörter sind wie Anker. Man meint, mit ihnen könnte man sich fest in der Wahrheit niederlassen, doch in Wirklichkeit halten sie den Geist nur gefangen. Die vollkommensten Lehren kommen darum ganz ohne Wörter und Zeichen aus.«

»Das mag sein«, erwiderte ich. »Doch schon um die Vorzüge einer wortlosen Lehre zu erläutern, habt Ihr eine Menge Wörter gebraucht. Wie könnten ganze zwei ausreichen, um einen durchs Leben zu geleiten?«

»Die höchsten Lehren sind solchen Wesen vorbehalten, die über höchste Fähigkeiten verfügen. Für die, die ihrer entbehren, existiert der gesammelte Schwachsinn in x Bänden, den zu wälzen man getrost sein ganzes Leben verbringen kann.«

»Und ich? Habe ich denn diese höchsten Fähigkeiten?«, fragte ich leise.

»Sonst säßest du nicht hier.«

Die Situation erschien mit einem Mal in neuem Licht.

»Gibt es auf der Welt viele Überwerwesen?«

»Immer nur eines. Das bist jetzt du. Wenn du willst, kannst du in den Regenbogenstrom eingehen. Aber es wird dich einige Anstrengungen kosten.«

Wer wäre nicht geschmeichelt, wenn man ihm höchste Fähigkeiten attestiert? Und die Aussicht, zu einer weltweit exklusiven Instanz aufzusteigen, war überhaupt atemberaubend. Ich dachte nach.

»Dieser Werfuchs, der schon in den Regenbogenstrom eingegangen ist – was weiß man über ihn?«

»Recht wenig. Deine Vorgängerin hat in einem winzigen Bergdorf gewohnt, strengste Askese gehalten und jeden Kontakt zu Menschen abgelehnt.«

»Wie hat sie sich zum Beispiel ernährt?«

»Sie benutzte ihren Schweif, um dem Kürbisbeet zu suggerieren, dass Frühling war. Und anschließend saugte sie den Lebenssaft der Kürbisse in sich auf …«

»Igitt …«, flüsterte ich. »Und was geschah weiter mit ihr?«

»Eines Tages war sie weg, das ist alles.«

»Hat sie keine Aufzeichnungen hinterlassen?«

»Nein.«

»Das finde ich ziemlich egoistisch von ihr.«

»Vielleicht könntest du etwas aufschreiben.«

»Muss ich unbedingt von Männern auf Gemüse umsteigen?«

»Buddha hat diesbezüglich keine Wegweisungen erteilt. Hör einfach auf das, was dein Herz dir sagt. Und komm nicht vom Pfad ab.«

Ich verneigte mich zweimal.

»Hiermit gelobe ich, fleißig auf mein Ziel hinzuwirken, so Ihr mir die Übertragung, von der Ihr spracht, angedeihen lassen wollt.«

»Schon passiert.«

»Wann?«

»Gerade eben.«

»Wie? Das soll es gewesen sein?«

Ich muss sehr verdutzt ausgesehen haben.

»Es genügt vollkommen. Alles Übrige würde unter deinem Rotschopf nur Verwirrung stiften.«

»Und was muss ich nun tun?«

Der Gelbe Herr seufzte.

»Wärest du ein Mensch, ich würde dir eins mit dem Stecken überziehen«, sagte er, auf seinen Knotenstock deutend, »und dich zur Gartenarbeit verdonnern. Das ist überhaupt die höchste Lehre, die sich erteilen lässt, das wirst du eines Tages auch noch verstehen. Doch für Werwesen gibt es einen Sonderweg.

Und da du mich so inständig fragst, sage ich dir, was zu tun ist. Du musst den Schlüssel finden.«

»Den Schlüssel wozu?«

»Zum Regenbogenstrom.«

»Wie sieht dieser Schlüssel aus?«

»Keine Ahnung. Ich bin doch kein Überwerwesen. Ich bin nur ein einfacher Mönch. Geh jetzt – deine Sänfte wartet auf dich.«


»Seitdem bin ich unterwegs«, endete ich und verstummte.

Mein Bericht schien auf Alexander Eindruck gemacht zu haben.

»Und?«, fragte er. »Hast du den Schlüssel gefunden?«

»Natürlich.«

»Was war es?«

»Die Erkenntnis der eigenen wahren Natur. All das, was ich dir seit einiger Zeit zu erklären versuche.«

»Heißt das, du bist schon in den Regenbogenstrom eingegangen?«

»Gewissermaßen.« »Und, wie ist es?«

»Mal langsam. Zuerst musst du begriffen haben, was ein Überwerwesen ist.«

»Dann sag noch mal: Was ist es?«

»Du bist es.«

»Na, sag ich doch!«, rief er in vorwurfsvollem Ton. »Und du willst es mir die ganze Zeit ausreden. Behauptest, du wärest es. Immer nur du!«

»Du kapierst schon wieder was nicht. Du glaubst, nur weil du mit Blicken Glühbirnen durchknallst und Fliegen abschießt, müsstest du ein Überwerwesen sein …«

»Nicht bloß Fliegen«, sagte er. »Und nicht bloß mit Blicken. Wenn du wüsstest, was ich alles kann.«

»Ach ja? Was denn?«

»Ich muss nicht mal hingucken, verstehst du? Ein Gedanke reicht schon. Gestern Abend zum Beispiel hab ich mir den Polittechnologen Tatarski vorgenommen. Schon mal gehört von dem?«

»Ja. Was ist mit ihm? Ist er …?«

»Wie kommst du darauf. Er hat im Schlaf was gemurmelt und sich auf die andere Seite gedreht. Nein, ich hab ihn auf die kalte Art abserviert.«

»Was soll das heißen?«

»Der kriegt von jetzt an keine Aufträge mehr, fertig. Sitzt in seiner Stiftung und wird allmählich zum Tapetenmuster. Vorausgesetzt, wir lassen ihm das Büro.«

»Mann, du bist ja echt ein cooler Typ«, sagte ich. »Wie machst du das nur?«

Er musste überlegen.

»Es ist wie Sex, nur umgekehrt. Schwer zu erklären. Augen zu und durch, wie man sagt. Obwohl, man kann die Augen getrost offen lassen, sehen tut man sowieso nix. Hinter die Details bin ich bis jetzt noch nicht gestiegen … du gibst es jedenfalls zu, dass ich das Überwerwesen bin?«

»Du begreifst nichts, aber auch gar nichts. Die Fähigkeit, Fliegen und Polittechnologen zu Fall zu bringen, macht dich noch lange nicht zum Überwerwesen. Nicht einmal die Einbildung steht dir vorläufig zu!«

»Aber dir, was?«

»Ja«, sagte ich nüchtern, aber bestimmt.

»Dass du in letzter Zeit immer so dicktun musst, Füchslein! Mir bleibt kaum noch Platz auf dieser Welt.«

»Die ganze Welt gehört dir, Chéri. Du solltest nur wissen, wer du in Wirklichkeit bist.«

»Ich bin das Überwerwesen.«

»Gut. Und was ist ein Überwerwesen?«

»Das bin ich.«

»Da haben wirs. Und ich dachte, du wärest ein scharfäugiger Löwe, dabei bist du nur ein blinder Hund.«

Er zuckte zusammen wie von einem Peitschenhieb.

»Wie bitte?«

»Das ist die Lehre vom Löwenblick«, erklärte ich hastig, da ich spürte, dass ich zu weit gegangen war. »Wenn man einem Hund einen Knüppel vorwirft, dann schaut der Hund auf den Knüppel. Wirft man ihn einem Löwen hin, so hält er unverwandt den Blick auf den Werfenden gerichtet. Das ist als Redensart überliefert, vom alten China her: Man gebrauchte sie in Disputen, wenn einer der Beteiligten am einzelnen Wort klebenblieb und das Wesentliche aus den Augen verlor.«

»Gut«, sagte er, »das haken wir mal ab. Aber vielleicht kannst ja du mir sagen, was ein Überwerwesen ist?«

»Das Überwerwesen ist das, was du siehst, wenn du lange genug in dich hineinschaust.«

»Sagtest du nicht, da wäre nichts?«

»Stimmt. Da ist nichts. Und genau das macht das Überwerwesen aus.«

»Wieso denn nur?«

»Weil dieses Nichts zu allem und jedem werden kann.«

»Wie soll das gehen?«

»Schau mal: Wir beide sind Werwesen. Du, weil du zum Wolf werden kannst. Ich, weil ich als Fuchs in Menschengestalt auftrete. Ein Überwerwesen aber könnte der Reihe nach zu dir, zu mir, der Tüte Äpfel da, der Tasse, der Kiste, zu überhaupt allem werden, was dir gerade ins Auge fällt. Das ist schon mal ein Grund, es Überwerwesen zu nennen. Dazu kommt, dass man jedes Werwesen, bildlich gesprochen, am Schwanz packen kann.«

»Bildlich gesprochen.«

»Ein Überwerwesen kann man nicht am Schwanz packen. Weil es körperlos ist. Dies wäre der zweite Grund, weshalb es den Namen verdient. Leuchtet das ein?«

»Nicht ganz.«

»Weißt du noch, du hast mal erzählt, du hättest als Kind von einem Raumanzug geträumt, in dem man sich auf die Sonne abseilen könnte, bis zum Meeresgrund tauchen, in ein schwarzes Loch springen und dann wieder nach Hause gehen?«

»Und ob ich das noch weiß.«

»Also dann nimm mal an, das Überwerwesen trägt so einen Anzug. Es ist die Leere, die sich beliebig füllen lässt. Dieser Leere haftet nichts an. Nichts kann ihr was anhaben; entfernt man das, womit man sie gefüllt hat, ist sie wieder genau wie zuvor. Der Revierbulle wüsste nicht, wo er seinen Meldestempel hinsetzen sollte, und dein Michalytsch fände nichts, um seine Wanze dranzukleben.«

»Ah ja … Ich glaube, jetzt hab ichs gerafft«, sagte er. Das Blut war ihm aus dem Gesicht gewichen. »Das ist ja verschärft. So einen Werwolf kriegt kein Geheimdienst zu fassen!«

»Freut mich, dass dir das gefällt.«

»Und wie wird man so einer?«

»Gar nicht«, sagte ich.

»Wieso das nun wieder?«

»Überleg doch mal.«

»Etwa weil es nur ein Superwerwesen geben kann, und das bist du? Liege ich richtig, Füchslein?«

»Nein, Grauer. Man wird es nicht, man ist es. Schon immer gewesen! Das Überwerwesen ist dein eigener Geist – der, mit dem du von früh bis spät Schwachsinn ausheckst.«

»Also bin ich es doch?«

»Du nicht.«

»Na gut, mein Geist. Wo ist das Problem?«

»Darin, dass dein Geist in Wirklichkeit nicht dir gehört.«

»Aha. Wem dann?«

»Man kann nicht sagen, dass irgendwem. Zu sagen, er gehöre dem und dem, befinde sich da und da, geht nicht. Diese Begriffe entstehen ja in ihm, das heißt, er geht alledem voraus. Verstehst du? Was immer du dir vorstellst – er hat es für dich schon getan.«

»Du sprichst vom Gehirn?«

»Nein. Das Gehirn ist ein Begriff, der aus dem Geist herrührt.«

»Aber Geist entsteht doch nur, wenn ein Gehirn da ist, oder sehe ich das falsch?«, fragte er unsicher.

»Das haben dir diese Halunken schön eingebläut«, seufzte ich. »Die Menschen wissen überhaupt nicht, was Geist ist, stattdessen gucken sie mal ins Gehirn, mal in die Psyche, mal in Freuds Briefe an Einstein. Diese Wissenschaftler glauben im Ernst, der Geist käme daher, dass im Hirn irgendwelche chemischen und elektrischen Prozesse ablaufen. Knalltüten, die! Genauso gut könnte man glauben, der Fernseher wäre der Grund für die Filme, die in ihm laufen. Oder für die Existenz des Menschen gleich gar.«

»Manche Ökonomen denken so.«

»Stimmt. Sollen sie! Sollen sie ruhig weiter ihre Hirnströme generieren, Kredittranchen separieren, offiziell protestieren, Amplituden und Geschwindigkeiten quantifizieren, extrapolieren, fellationieren … Und hinterher ihr Rating definieren. Die Welt kann von Glück reden, dass es in ihr außer Clowns auch noch Werfüchse gibt. Wir kennen das Geheimnis. Du kennst es nun auch. Jedenfalls so gut wie.«

»Von wegen«, sagte er. »Wer außer euch Werfüchsen weiß eigentlich noch davon?«

»Nur Auserwählte dürfen es wissen.«

»Und du hast keine Bedenken, es mir zu verraten?«

»Nein.«

»Warum nicht, wenn man fragen darf? Hältst du mich für auserwählt?«

»Nur der Geist kann das Geheimnis wirklich kennen. Und er muss es ohnehin vor niemandem verbergen. Er ist ja allein.«

»Wie allein?«

»Ganz allein. Einer in allen, und alle aus einem.«

»Und wer sind dann diese Auserwählten?«

»Auserwählt sind jene, die wissen, dass jeder Wurm, jeder Schmetterling und jeder Grashalm am Straßenrand ebenso auserwählt ist, nur gerade nichts davon weiß, und dass man sich sehr vorsehen muss, um keinen von ihnen versehentlich zu kränken.«

»Ich glaube, ich hab immer noch nicht begriffen, was Geist eigentlich ist«, sagte er.

»Das geht allen so. Obwohl andererseits alle im Bilde sind. Weil der Geist ja jetzt zum Beispiel vernimmt, was ich sage.«

»Ah ja«, sagte Alexander. »Verstehe … Das heißt: nicht so ganz. Aber ein Rest bleibt sowieso immer, wenn ich es richtig verstehe …«

»Bei Gott, jetzt hat ers!«, sagte ich. »Warum nicht gleich so.«

»Gut. Nehmen wir an, das Überwerwesen hätten wir. Was ist nun dieser Regenbogenstrom?«

»Die Welt um uns her«, sagte ich. »Du kannst doch Farben sehen, nicht? Blau, rot, grün? Sie entstehen und vergehen in deinem Geist. Das ist er, der Regenbogenstrom! Und ein jeder von uns ist in ihm das Überwerwesen.«

»Das hieße, wir sind schon drin?«

»Ja und nein. Einerseits ist das Überwerwesen von Anfang an im Regenbogenstrom. Andererseits wird es niemals dort eingehen können, denn der Regenbogenstrom ist eine Illusion. Doch das ist nur ein scheinbarer Widerspruch – du und die Welt, ihr seid ohnehin eins.«

»Aha«, sagte er. »Wer hätte das gedacht. Na gut, weiter.«

»Das Überwerwesen ist ein Himmelswesen. Ein Himmelswesen verliert zum Himmel niemals den Kontakt.«

»Was bedeutet das?«

»In dieser Welt ist alles Sand und Staub. Ein Himmelswesen denkt an das Licht, das den Staub sichtbar macht. Wohingegen der schwanzlose Affe sich und den anderen Sand in die Augen streut. Stirbt ein Himmelswesen, wird es folglich zu Licht. Stirbt ein schwanzloser Affe, wird er zu Staub.«

»Licht, Staub, ich weiß nicht«, entgegnete Alexander. »Da ist doch wohl noch ein bisschen mehr! So was wie Persönlichkeit. Du zum Beispiel hast sie ganz bestimmt, Füchslein. Fällt mir in letzter Zeit besonders auf … Willst du das bestreiten?«

»Diese Persönlichkeit mit all ihren Macken und Extravaganzen tanzt und springt wie ein Puppe im klaren Licht meines Geistes. Und je dümmer die Macken, desto strahlender das Licht, das ich immer wieder neu erfahre.«

»Jetzt sagst du selbst: mein Geist. Eben hast doch noch behauptet, es wäre nicht deiner.«

»So ist Sprache nun einmal beschaffen. Es ist die Wurzel, aus der die menschliche Beschränktheit in den Himmel wächst. Wir Werwesen haben darunter auch zu leiden, denn wir reden ja immerzu. Man kann gar nicht den Mund aufmachen, ohne zu irren. Es lohnt darum nicht, an den Wörtern herumzuklauben.«

»Na schön: Aber diese tanzende Puppe Persönlichkeit – das bist doch du?«

»Nein, das bin ich nicht. Ich fühle mich mit dieser Persönlichkeit nicht eins, ich bin durchaus keine Puppe. Ich bin das Licht, das die Puppe sichtbar macht. Aber Licht und Puppe sind auch nur Vergleiche, halte dich bitte nicht daran fest.«

»Hut ab, Füchslein«, sagte er, »das hast du alles fein gründlich ausklamüsert … Aber nun sag doch endlich mal, wie alt du eigentlich bist?«

»Alt genug«, sagte ich und wurde rot. »Das mit dem Hund und dem Löwen nimm mir bitte nicht krumm. Es ist eine klassische Allegorie, wirklich uralt, glaub mir. Der Hund schaut auf den Stock, der Löwe auf den Werfer. Wenn man das begriffen hat, lassen sich übrigens auch unsere Zeitungen viel leichter lesen …«

»Das mit dem Hund und dem Löwen hatte ich begriffen, aber vielen Dank für die Wiederholung«, erwiderte er sarkastisch. »Und über die Presse weiß ich auch ohne dich Bescheid. Sag mir lieber, wo die Werfüchse hinschauen?«

Ich lächelte ertappt.

»Wir Werfüchse schauen mit einem Auge auf den Stock, mit dem anderen auf den Werfer. Denn wir sind zarte Geschöpfe, und außer dass wir an unserer Selbstvervollkommnung arbeiten, hängen wir auch an unserem bisschen Leben. Darum haben wir diesen Silberblick …«

»Ich werd dir zum Test mal paar Knüppel vor die Füße werfen müssen …«

»Gut gebrüllt, Löwe!«

Alexander kratzte sich das Kinn. »Ich frage mich nur noch: Wo ist bei alledem der Punkt?«

»Der Punkt?«

»Na ja. Wo soll man den Daumen draufhalten, meine ich? Damit man was davon hat?«

»Den Daumen draufhalten … Tja. Das ist schwierig.«

»Wieso?«

»Wo nimmt man so schnell einen Daumen her …«

»Wahrscheinlich hast du Recht«, sagte er. »Und ich bin mir gar nicht sicher, ob mir das alles zusagt.«

»Was passt dir denn nicht?«

»Regenbogenstrom, Überwerwesen – alles schön und gut. Das mit dem Daumen können wir auch abhaken. Aber ich verstehe die Hauptsache noch nicht. Wer verzapft das alles? Wer hat das in der Hand? Der liebe Gott?«

»Wir selbst«, entgegnete ich. »Wir verzapfen doch auch den lieben Gott.«

»Jetzt schwindelst du aber, Füchslein«, lachte er. »Den lieben Gott musst du nicht auch noch verzapfen. Wie denn? Mit dem Schweif oder was?«

Ich saß wie vom Donner gerührt.

Diese Sekunde entzieht sich jeder Beschreibung. Die Geistesblitze und Spekulationen der zurückliegenden Monate, mein chaotisches Denken, die Vorahnungen – plötzlich ergab sich aus alledem ein sonnenklares Bild der Wahrheit. Zwar konnte ich die Folgen meiner Erleuchtung in diesem Moment nicht absehen, doch dass das Geheimnis jetzt in meiner Hand war, wusste ich sofort. Mir schwindelte. Vermutlich war ich totenbleich.

»Was hast du?«, fragte er. »Ist dir nicht gut?«

»Doch, doch«, sagte ich und gab mir Mühe zu lächeln. »Ich müsste nur einmal einen Moment für mich allein sein. Am besten jetzt gleich. Bitte nicht stören! Es ist sehr, sehr wichtig.«

Die Welt ist rätselhaft und unergründlich. Um die Frösche vor der Grausamkeit der Kinder zu bewahren, erzählen die Erwachsenen, dass man Frösche nicht töten darf, weil sonst Regen kommt – mit dem Ergebnis, dass es den ganzen Sommer lang regnet, weil die Kinder einen Frosch nach dem anderen platt machen. Manchmal wiederum geschieht es, dass man sich ein Bein ausreißt, um jemandem die Wahrheit zu verklickern – und plötzlich versteht man sie selbst.

Letzteres ist für Werfüchse übrigens weniger die Ausnahme als die Regel. Dass wir, wenn wir etwas nicht verstehen, es am besten den anderen erklären, sagte ich schon. Es hängt mit den Eigenarten unseres Verstandes zusammen, der so angelegt ist, dass er menschliche Persönlichkeiten simulieren kann und in jeder Kultur zur Mimikry befähigt ist. Einfacher gesagt: Unser Wesen liegt in der permanenten Verstellung. Wenn wir jemandem etwas erklären, tun wir so, als hätten wir es bereits verstanden. Und da wir von Natur aus ziemlich helle sind, macht es bei uns früher oder später tatsächlich klick! – trotz aller Ausweichmanöver. Die Silberhärchen in unserem Schweif kommen angeblich davon.

Wenn ich mich verstelle, wirke ich stets sehr natürlich. Darum verstelle ich mich eigentlich immer, weil das viel glaubhafter rüberkommt, als wenn ich mir plötzlich Mühe gäbe, authentisch zu sein. Und was heißt schon authentisch! Soll wohl heißen, dass man sein Wesen im Verhalten unmittelbar zum Ausdruck bringt. Liegt aber nun mein Wesen in der Verstellung, heißt das, für mich führt der einzige Weg zur Authentizität über die Heuchelei. Womit ich nicht sagen will, dass ich mich nie ungezwungen benähme, im Gegenteil: Meine Ungezwungenheit ist so aufrichtig geheuchelt, wie ich es nur vermag. Aber ich merke, die Wörter führen mich schon wieder aufs Glatteis: Ich spreche von ganz einfachen Dingen, und dabei kommt es so an, als wäre ich ein Trickbetrüger, und alles hätte bei mir einen doppelten Boden. Das stimmt nicht. Es hat überhaupt keinen Boden.

Weil die Verstellungskünste eines Werfuchses grenzenlos sind, erkennt er auch die absolute Wahrheit in dem Moment, wo er so tut, als hätte er sie erkannt. Am besten geschieht das im Gespräch mit einem weniger gereiften Gesprächspartner. Doch hatte ich hier, während ich mit Alexander redete, überhaupt nicht an mich gedacht. Ihm wollte ich auf die Sprünge helfen und strengte mich richtig an. Und am Ende zeigte sich, dass er mir geholfen hatte. Welch ein erstaunliches, unbegreifliches Paradoxon … Es ist das Grundgesetz unseres Lebens.

Ich hatte mich der Wahrheit schrittweise genähert.


1. hatte ich Alexander beobachtet und dabei erkannt, dass ein Werwolf Selbsthypnose betreibt. Der Werwolf suggeriert sich selbst die Verwandlung in einen Wolf, worauf er sich tatsächlich in ihn verwandelt.

2. war mir während der Hühnerjagd aufgefallen, dass auch mein Schweif auf mich einen Einfluss ausübte. Was ich mir suggerierte, war mir da aber noch nicht klar. Ich vermutete eine Art Rückkopplung, die für die Verwandlung zum Werfuchs sorgt. Hiermit war ich zwei Schritte von der Wahrheit entfernt und vermochte sie doch nicht zu sehen.

3. gelangte ich Alexander gegenüber im Zuge meiner Aufklärungsversuche zu der Formulierung, er und die Welt seien eins. Nun hatte ich alles für die endgültige Erleuchtung beisammen. Doch Alexander musste die Dinge erst beim Namen nennen, damit ich die ganze Wahrheit begriff.


Die Welt und ich sind eins. Was also spiegelt mein Schweif mir vor? Dass ich ein Werfuchs bin? O nein! ging mir auf im Sekundenblitz der Erkenntnis: Mit ihm mache ich mir die Welt im Ganzen weis!

Allein im Raum zurückgeblieben, sank ich in den Lotossitz und meditierte. Wie viel Zeit darüber verging, weiß ich nicht – ein paar Tage werden es gewesen sein. In diesem Zustand gibt es zwischen einem Tag und einer Stunde nicht viel Unterschied.

Nun, da ich zum Wesentlichen vorgedrungen war, wusste ich auch, warum mir dieser Uroboros (nicht umsonst hatte ich das Wort ständig im Munde geführt!) nicht früher aufgefallen war. Ich hatte die Wahrheit nicht gesehen, wie man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht! Der Hypnosestrom, den der Schweif an mein Bewusstsein sandte, enthielt die ganze Welt. Genauer: Dieser Strom war das, was ich als die Welt ansah.

Ich hatte schon immer den Verdacht, dass Stephen Hawking nicht weiß, was das Wort Reliktstrahlung (es steht bei ihm auf jeder zweiten Seite) eigentlich meint. Es ist kein Funksignal, das man mit Hilfe einer aufwendigen, teuren Apparatur empfangen könnte. Reliktstrahlung – das ist die Welt, so wie wir sie sehen, ganz gleich, wer wir sind, ob Werwesen oder Menschen.

Jetzt wo ich wusste, wie ich die Erschaffung der Welt bewerkstelligte, hätte ich diesen Effekt natürlich gern ein wenig zu steuern gelernt. Doch so sehr ich meinen Geist auch zusammennahm, es kam nichts dabei heraus. Alle mir bekannten Techniken probierte ich aus: von den schamanischen Visualisierungen, wie die Wilden im hohen Tibet sie praktizieren, bis zum verborgenen Feuer im mikrokosmischen Orbit, das die Daoisten anwenden. Alles umsonst – es glich dem Versuch, einen Berg zu verrücken, indem man sich mit der Schulter dagegenstemmte.

Da aber fiel mir der Schlüssel ein. Natürlich, der Gelbe Herr hatte von einem Schlüssel gesprochen … Ich hatte immer eine Metapher darin gesehen, die besagte, dass man das Wesen der Dinge richtig oder falsch verstehen konnte. Doch wenn ich beim Eigentlichen ein so dickes Brett vor dem Kopf (beziehungsweise Schweif) gehabt hatte, konnte es hier ebenso sein. Wie also ließ sich dieser Schlüssel verstehen? Ich hatte keine Idee. Tappte ich womöglich immer noch ganz im Dunkeln?

Meine Konzentration schwand, die Gedanken fingen an zu schweifen. Ich dachte an Alexander, der geduldig nebenan wartete – die ganze Zeit meiner Meditation über hatte er nicht einen Ton von sich gegeben, um meinen Frieden nicht zu stören. Wie immer rief der Gedanke an ihn eine heftige Welle der Zuneigung in mir hervor.

Und so kam es, dass mir zu guter Letzt doch noch das Wichtigste vom Wichtigsten aufging:


1. Nichts war in mir, was stärker war als diese Liebe. Und da aus mir und meinem Schweif die ganze Welt erstand, konnte das nur heißen: Nichts Stärkeres gab es auf der Welt.

2. In dem Strom von Energie, den mein Schweif aussandte und den mein Geist als Welt ansah, kam Liebe nicht vor – das führte zu dem Erscheinungsbild der Welt, wie ich es vor mir hatte.

3. Die Liebe war somit der Schlüssel, den ich so lange nicht hatte finden können.


Warum hatte ich das nicht gleich gesehen? Die Liebe war die einzige Kraft, die die vom Schweif kommende Reliktstrahlung aus meinem Bewusstsein herauskicken konnte. Ich konzentrierte mich also von neuem, visualisierte meine Liebe in Form eines helllodernden Herzchens und senkte es behutsam gegen den Schweif. Führte es bis fast ganz hinunter an die Wurzel. Und da …

Etwas Außerordentliches geschah. In meinem Kopf, irgendwo zwischen den Augen, entstand ein Regenbogenschillern und breitete sich aus. Ich nahm es nicht mit dem physischen Gesichtssinn wahr, es erschien eher wie ein Traum, den ins Wachsein herüberzuschmuggeln mir geglückt war. Dieses Schillern kannte ich von Flussläufen im Frühlingssonnenlicht. Es blinkte darin in allen Farben. Und in dieses liebliche Licht konnte man hineingehen … Damit das Regenbogenschillern den ganzen Raum ringsumher flutete, musste ich den Feuerball der Liebe noch tiefer senken, noch hinter die Große Grenze, die sich beim Werfuchs in drei Zoll Entfernung von der Schweifwurzel befindet. Das ließ sich machen. Doch ahnte ich, in all den Strömen von Regenbogenlicht würde die winzige Stadt mit dem dort verbliebenen Alexander nachher nicht mehr wiederzufinden sein. Nein, wir sollten gemeinsam von hier aufbrechen, dachte ich. Was wäre unsere Liebe sonst wert gewesen? Und er war es doch, der mir den Schlüssel zum neuen Universum in die Hand gegeben hatte – ohne es zu wissen …

Ich beschloss, ihm sofort davon zu berichten. Aufzustehen war allerdings gar nicht so einfach – nach der langen Zeit im Lotossitz waren meine Beine eingeschlafen. Ich wartete, bis der Blutkreislauf wieder in Gang gekommen war, kämpfte mich hoch und ging nach nebenan. Dort war es finster. »Alex!«, rief ich. »He! Alex? Wo steckst du?« Keine Reaktion. Ich ging ganz hinein, machte Licht. Er war nicht da. Auf der Holzkiste, die uns als Tisch diente, lag ein beschriebener Zettel. Ich nahm ihn zur Hand. Blinzelnd im grellen elektrischen Licht, las ich.


Adèle!

Es hat mir nichts ausgemacht, dass Du Dein wahres Alter geheimhältst, obwohl mir in letzter Zeit schon schwante, dass Du keine siebzehn mehr sein kannst – dafür bist Du einfach zu klug. Wer weiß, hab ich gedacht, vielleicht hat sie sich gut gehalten und ist in Wahrheit schon Mitte oder gar Ende zwanzig und hat Komplexe deswegen, wie die meisten Nutten in dem Alter. Auch darauf dass Du vielleicht schon über die dreißig weg bist, war ich gefasst. Womöglich hätte ich mich auch mit vierzig abgefunden. Aber tausendundzweihundert Jahre! Ich sage es Dir lieber gleich in aller Offenheit: Sex mit Dir zu haben kann ich mir nicht mehr vorstellen. Verzeih. Und ich verzeihe Dir den blinden Hund. Vielleicht bin ich ja wirklich blind im Vergleich zu Dir. Aber doch nicht ganz. Ab morgen gehe ich wieder arbeiten. Kann sein, dass ich diesen Entschluss noch mal bereue. Oder gar nicht mehr dazu komme, ihn zu bereuen. Doch wenn alles läuft wie geplant, werde ich als Erstes ein paar akute Fragen klären, die in unserer Abteilung anstehen. Anschließend werde ich zur Klärung der Fragen übergehen, die anderswo anstehen. Die wunderbare Kraft, die Du mir zum Geschenk gemacht hast, möchte ich in den Dienst des Vaterlands stellen. Hab vielen Dank dafür – im Namen unserer ganzen Organisation, der Du so voreingenommen gegenüberstehst. Und nochmals vielen Dank für all das Erstaunliche, das zu begreifen Du mir geholfen hast – wenn auch nicht restlos und nur vorübergehend, nicht wahr. Als meine Seelenverwandte werde ich Dich ewig lieben. Leb wohl für immer. Und danke auch, dass Du mich bis zuletzt immer Grauer genannt hast.

Sascha Tschorny8


»Mein Kopf eine dunkle Laterne mit eingeschlagenen Scheiben …« Ich erinnere mich sehr gut an diesen Moment. Fassungslosigkeit war es nicht. Ich hatte immer gewusst, dass ich ihn nicht ewig würde halten können, der Tag würde kommen. Dass es so wehtat, hatte ich nicht erwartet.

Mein Mondkind! Traumtänzer! Tanze nur, tanze ruhig noch ein Weilchen weiter, dachte ich mit ergebener Zärtlichkeit. Wirst schon noch k!ug werden irgendwann. Schade nur, dass ich dir das Urgeheimnis nun nicht mehr verraten kann. Obwohl … Vielleicht schreibe ich dir ja auch einen Brief? Er wird freilich länger werden als deiner, und du musst ihn zu Ende lesen, wenn du wissen willst, was es war, das ich dir vor deinem Weggang nicht mehr sagen konnte. Vielleicht kann ich dir damit die Freiheit vergelten, die du mir, ohne es zu wissen, geschenkt hast?

Au ja, das mache ich!, sagte ich mir. Ich schreibe ein Buch, das ganz sicher eines Tages in deine Hände gelangt. Du wirst ihm entnehmen können, wie man sich aus der eisigen Finsternis befreit, in der Oligarchen und Staatsanwälte, Liberale und Konservative, Homos und Heteros, Online-Kolumnisten, Werwölfe in Uniform und Portfolio-Manager mit den Zähnen knirschen. Und vielleicht können außer dir noch andere edle Geschöpfe mit Herz und Schweif aus dem Buch ihre Schlüsse ziehen …

Fürs Erste leb wohl! Und danke für die Hauptsache, die du mir eröffnet hast. Danke für die Liebe …

Dann ließ ich es geschehen: Bäche von Tränen rannen mir über die Wangen, ich saß auf der Kiste und konnte lange nicht aufhören zu weinen, den Blick auf das quadratische weiße Papier mit seiner regelmäßigen Handschrift gerichtet. Ja, bis zum letzten Tag hatte ich ihn Grauer genannt, um ihm nicht wehzutun. Doch er war stark. Er hatte kein Mitleid nötig.

Es war einmal im stickigen Moskau, da trafen sich zwei einsame Existenzen. Die eine erzählte, sie sei zweitausend Jahre alt, die andere gab zu, Krallen an einer gewissen Stelle zu haben. Sie verflochten für kurze Zeit ihre Schweife, sprachen über die höchsten Dinge, heulten den Mond an, und dann zogen sie wieder ihrer Wege, wie zwei Schiffe im weiten Meer …

Je ne regrette rien. Doch ich weiß, ich werde nie wieder so glücklich sein wie im Hongkong der sechziger Jahre am Rande des Bitza-Parks, mit einer seligen Leere im Herzen und seinem schwarzen Schweif in der Hand.


Dieses Buch war schon beinahe zu Ende geschrieben, als ich auf einem Fahrradausflug Michalytsch begegnete. Müde vom Pedalentreten, ruhte ich auf einer jener massiven Holzbänke aus, die auf der Brache nächst dem Bitza-Park standen, und sah gebannt den von der Rampe springenden Bikern zu. Aus irgendeinem Grund hatten ihre Räder auffällig tiefe Sättel – spezielle Sprungräder, nahm ich an. Obwohl sie ansonsten wie normale Mountain-Bikes aussahen. Als ich mich von den Springern abwandle, stand Michalytsch neben mir.

Er hatte sich äußerlich sehr verändert, trug einen modernen Haarschnitt und nicht mehr diesen Retro-Banditenlook, sondern einen eleganten schwarzen Anzug aus der rebel share-holder-Kollektion von Diesel. Unter dem Jackett ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift I Fucked Andy Warhol. Noch darunter lugte eine Goldkette hervor, nicht zu dick, auch nicht zu dünn – angemessen. Runde Armbanduhr im Stahlgehäuse. Nike-Air-Sneakers, wie ein Mick Jagger sie trug. Wenn man sich überlegte, was für einen weiten Weg die Firma doch gegangen war seit der Zeit, da ich zu Volkskommissar Jeshow auf die Datscha gefahren war, um den neuesten Nabokov abzustauben! …

»Hallo, Michalytsch«, sagte ich.

»Grüß dich, Adèle.«

»Wie hast du mich denn gefunden?«

»Du weißt doch. Das Gerät.«

»Gib nicht so an, du hast gar kein Gerät. Das weiß ich von Alex.«

Er ließ sich neben mir auf der Bank nieder.

»O doch, meine liebe Adèle. Und ob ich eins habe! Aber es ist streng geheim. Der Genosse Generaloberst hat so mit dir geredet, wie es in den Dienstvorschriften steht. Nur ich, als ich es dir damals zeigte, habe die Vorschriften verletzt. Wofür mir der Genosse Generaloberst anschließend den Kopf gewaschen hat. Jetzt gerade verletze ich die Vorschriften übrigens schon wieder. Während der Genosse Generaloberst sich immer streng daran hält.«

Ich war mir nicht mehr sicher, wer von den beiden log.

»Und die Putzfrau von der Pferderennbahn, arbeitet die trotzdem bei euch?«

»Wir sind in unseren Methoden sehr flexibel«, wich Michalytsch einer Antwort aus. »Das ginge auch gar nicht anders. Ist ja doch ein großes Land.«

»Das ist wahr.«

Ein, zwei Minuten schwiegen wir. Interessiert schaute Michalytsch den Springern an der Rampe zu.

»Wie geht es Pawel lwanowitsch?«, fragte ich für mich selbst überraschend. »Macht er immer noch Fachberatung?«

Michalytsch nickte.

»Er war erst neulich wieder bei uns. Hat ein Buch empfohlen, wie hieß das noch mal …« Michalytsch griff sich in die Jacketttasche, zog einen Zettel hervor und reichte ihn mir. Martin Wolf. Why Globalization Works, stand mit Kugelschreiber darauf geschrieben. »Ist alles in Wirklichkeit gar nicht so von der Hand zu weisen, hat er gemeint.«

»Ach so?«, sagte ich. »Na, umso besser. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Apropos, was ich schon lange fragen wollte: Diese ganzen Weltbankfunktionäre, der Wolfensohn und jetzt dieser Wolfowitz – sind die etwa alle …?«

»Wölfe gibt es verschiedene, genau wie Menschen«, sagte Michalytsch. »Aber uns können die sowieso nicht mehr das Wasser reichen. Die Firma hat jetzt ganz andere Möglichkeiten. Nagual Rinpoche gibt es nur einen auf der Welt.«

»Wen?«

»So nennen wir unseren Genossen Generaloberst.«

»Wie gehts ihm eigentlich?«, konnte ich mir die Frage nicht verkneifen.

»Gut.«

»Was treibt er so?«

»Steckt in der Arbeit bis über die Ohren. Und sitzt anschließend noch im Archiv. Quellenstudium.«

»Was denn für Quellen?«

»Er studiert die Erfahrungen von Genossen Bellow.«

»Ach, der aus dem Buch. Leiter der Unterabteilung Säuberung …«

»Sprich nicht über Dinge, von denen du keine Ahnung hast«, rügte Michalytsch mich streng. »Über ihn sind jede Menge Gerüchte im Umlauf. Alles Lüge und Verleumdung. Die Wahrheit weiß keiner. Wie der Genosse Generaloberst das erste Mal in der neuen Uniform auf Arbeit kam, haben unsere dienstältesten Mitarbeiter geweint vor Rührung! So was hatten sie seit anno neunundfünfzig nicht mehr gesehen, nachdem Genosse Bellow tot war. Das ging damals alles den Bach runter. Weil nur er es zusammengehalten hatte.«

»Wie ist er eigentlich zu Tode gekommen?«

»Er wollte unbedingt als Erster ins Weltall fliegen. Und kaum hatten sie eine Kabine entwickelt, wo ein Hund reinpasste, hat ers gemacht. So einen kannst du nicht halten … Es war ein riesiges Risiko – in der ersten Zeit ging jeder zweite Start in die Binsen. Er wollte es trotzdem. Und so kam es …«

»So ein Idiot«, sagte ich. »Viel Ruhmsucht und nichts dahinter.«

»Das hat mit Ruhmsucht nicht das Geringste zu tun. Hast du eine Ahnung, warum Genosse Bellow ins Weltall geflogen ist! Er wollte dem Nichts auf den Schwanz treten, bevor es ihm drauftritt, das war es. Aber er hat ihn verfehlt. Um drei Winkelsekunden …«

»Weiß Alexander von diesem Bellow?«, fragte ich.

»Inzwischen schon. Ich sag doch, er sitzt nächtelang im Archiv.«

»Und was meint er dazu?«

»Der Genosse Generaloberst hat es so formuliert: Auch Titanen haben ihre Grenzen.«

»Alles klar. Und was wollen die Titanen von mir?«

»Eigentlich nicht viel. Ich soll dir nur was ausrichten.«

»Na, dann.«

»Du reißt angeblich das Maul ziemlich weit auf – von wegen, du wärest ein Überwertier …«

»Hm. Was dagegen?«

»Allerdings. In diesem Land sollte jeder wissen, wohin er gehört und wem er untersteht. Das betrifft die Menschen genauso wie die Wertiere.«

»Bin ich irgendwie im Weg?«

»Das kann man so nicht sagen. Aber Überwertier kann nur einer sein. Was wäre er sonst für ein Überwertier?«

»Das ist eine haltlose Auffassung vom Überwerwesen. Das riecht nach Nietzscheanismus in der Knastversion. Ich für mein Teil …«

»Du, lass mal«, unterbrach mich Michalytsch und hob die Hand, »ich bin nicht zum Quasseln gekommen. Es ging uns nur um die Mitteilung.«

»Ah ja«, seufzte ich. »Und was soll ich jetzt machen? Leine ziehen?«

»Nein, wieso? Deine Zunge hüten sollst du, das ist alles. Immer schön dran denken, wer hier das Überwertier ist. Und keinen Scheiß mehr erzählen, was das angeht. Damit erst gar kein Kuddelmuddel in den Kopien entsteht … Kapito?«

»Fragt sich, wer hier den Kuddelmuddel im Kopf hat«, sagte ich. »Am Anfang, da …«

»Fragen sind nicht zugelassen«, unterbrach mich Michalytsch schon wieder. »Wie Nagual Rinpoche zu sagen pflegt: Triffst du Buddha, lass ihn am Leben, aber ja nicht zu Wort kommen …«

»Na gut, dann eben nicht. Wars das?«

»Nein. Ich hätte noch eine Bitte. Privat.«

»Ja?«

»Heirate mich.«

Das kam überraschend. Er meinte es ernst, das war mir sofort klar. Ich musterte ihn aufmerksam.

Vor mir saß ein Mann, der auf die sechzig zuging. Immer noch kräftig und auf dem Sprung, vielleicht dem letzten großen in seinem Leben – ohne einstweilen zu wissen, wohin (was nur gut für ihn war). Solche wie ihn habe ich schon viele hinter mir. Immer sehen sie in mir ihre letzte Chance. Erwachsene Männer, und begreifen nicht, dass die letzte Chance nur bei ihnen selbst liegen kann. Aber sie wissen ja nicht einmal, worin diese Chance besteht … Alex hatte immerhin etwas kapiert. Der hier ganz bestimmt nicht.

Michalytsch sah mich an, in seinen Augen flackerte die Hoffnung eines Wahnsinnigen. Auch diesen Blick kannte ich. Wie lange ich schon auf dieser Welt bin, mein Gott!, dachte ich wehmütig.

»Du hättest ein Leben wie auf einer Insel«, palaverte Michalytsch mit rauer Stimme. »Und wenn du magst, kannst du sie haben, die Insel – ganz real. Dein eigenes Kokos-Bounty. Für dich tue ich alles.«

»Und wie heißt sie?«, fragte ich.

»Wer?«

»Na, die Insel. Sie muss doch einen Namen haben. Ultima Thule zum Beispiel oder Atlantis, was weiß ich.«

»Ganz wie du möchtest«, grinste er. »So ein Name ist doch kein Problem, oder?«

Es war Zeit, das Thema zu wechseln.

»Gut, Michalytsch«, sagte ich. »Das will ernsthaft überlegt sein. Ich denk drüber nach, o.k.? Gib mir ein, zwei Wochen Zeit dafür.«

»Denk drüber nach«, sagte er. »Aber bedenke eins. Erstens bin ich, was das Öl angeht, jetzt real die Nummer eins im Apparat. Sämtliche Oligarchien hängen bei mir am Nippel. Ich meine, am Ölhahn. Na, woanders auch, wenns drauf ankommt, da brauche ich bloß mit dem kleinen Finger zu winken. Und zweitens solltest du wissen … Du stehst doch auf Wölfe, nicht wahr? Ist mir zu Ohren gekommen. Ich bin einer, und zwar ein realer. Der Genosse Generaloberst, ich meine … Er hat bei uns den wichtigsten Posten, Superverantwortung und so. Die ganze Firma betet ihn an. Aber unter uns gesagt … Meiner ist größer.«

»Auf Details kommts mir jetzt erst mal nicht so an.«

»Gut, dann eben ohne Details. Aber überleg dir das. Vielleicht machts ja mit einem größeren Detail noch mehr Spaß? Was den Genossen Generaloberst angeht, da weißt du ja selber am besten …«

»Jaja.«

»Und bedenke außerdem, er hat ein Gelöbnis abgelegt. Er hat gesagt, er verwandelt sich nicht eher in einen Menschen zurück, bis alle inneren und äußeren Feinde des Vaterlands ausgemerzt sind. So wie damals Genosse Bellow … Die ganze Firma hat geweint. Aber, ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es was mit den Feinden zu tun hat. Menschsein langweilt ihn einfach im Moment.«

»Ich versteh schon, Michalytsch. Musst du mir nicht sagen.«

»Du bist ein kluges Kind, ich weiß«, sagte er.

»Gut«, sagte ich. »Dann verzieh dich jetzt mal. Ich wäre ganz gern allein.«

»Wenn du mir das beibringen könntest«, sagte er träumerisch, »das mit dem Schweif und so …«

»Hat er davon auch erzählt?«

»Ach wo, er erzählt überhaupt nichts. An dich zu denken fehlt uns momentan sowieso die Zeit. Die Arbeit steht uns bis zum Hals, musst du wissen.«

»Was liegt denn so Dringliches an?«

»Das Land braucht eine Reinigung. Solange wir diese ganzen Off-Shore-Kater nicht im Sack haben, kommen wir nicht zum Verschnaufen.«

»Off-Shore und im Sack, wie soll das gehen?«

»Nagual Rinpoche hat den Riecher, musst du wissen. Er wittert sie durch die Wand. Aber du, das mit dem Schweif, das hat er wirklich nicht erzählt. Ich hab's über das Gerät mitbekommen, wie ihr diskutiert habt: Wie verknoten wir die jetzt am besten, und so …«

»Ach so, über das Gerät, na klar … Geh jetzt lieber mal, du böser Wolf!«

»Ich warte auf deinen Anruf. Sieh zu, dass du mit uns in Kontakt bleibst. Denk immer daran, wo du lebst.«

»Als ob man das vergessen könnte.«

»Na, dann machs gut. Ruf an.«

Er stand auf und lief los in Richtung Park.

»He, Moment noch, Michalytsch«, rief ich ihn zurück, als er schon einige Meter weg war.

Er drehte sich um. »Was ist?«

»Zieh dieses T-Shirt lieber nicht an. Andy Warhol ist 1987 gestorben. So sieht man gleich, dass du nicht mehr der Jüngste bist.«

»Ach weißt du … Scheint ja eher dein Problem zu sein, wie man hört«, reagierte er kaltblütig. »Aber du gefällst mir, so wie du bist. Was geht mich dein Alter an? Ich muss ja nicht deinen Pass ficken, was? Zumal der sowieso gefälscht ist.«

Ich lächelte. Diese Brachialität hatte trotz allem ihren Reiz. Wertier bleibt Wertier.

»Nein, Michalytsch, musst du nicht. Fick du lieber den toten Andy Warhol.«

Er lachte.

»Dagegen hab ich ja im Grunde nichts«, legte ich noch eins drauf. »Aber dass du mit der Idee zu mir kommst, das macht mich doch ein bisschen schwach, weißt du. Trotz aller Sympathien. Für dich als Menschen, meine ich.«

Ich warf ihm die furchtbarste Beleidigung an den Kopf, die sich in unseren Kreisen denken ließ – und er wieherte wie ein Hengst.

Wahrscheinlich hatte es ihn gar nicht erreicht. Ich musste noch deutlicher werden.

»Jedenfalls, Michalytsch, lass dieses Shirt lieber im Schrank. Virtuell-gay-nekrophil, das ist keine gute Positionierung.«

»Ginge das vielleicht auch in unserer schönen Muttersprache?«

»Aber bitte. Schwuchtel und Kadaverficker.«

Er räusperte sich kurz. Dann streckte er die Zunge heraus, züngelte mit ihr obszön in der Luft herum.

»Vergiss nicht anzurufen«, wiederholte er. »Bis dahin hat die Firma sich eine feine Antwort für dich ausgedacht.«

Damit drehte er um und lief auf den Park zu. Ich sah dem schwarzen Quadrat seines Rückens hinterher, bis es sich im Grün verlor. Malevich sold here … Aber wem halfen sie jetzt noch, diese Konvergenzen.


Mir bleibt nur noch wenig zu sagen. Ich habe lange genug in diesem Land gelebt, um zu wissen, was solche Treffen, solche Gespräche zu bedeuten haben. Der Ratschlag, mit den »Organen« in Kontakt zu bleiben … Die letzten Tage habe ich damit zugebracht, alte Manuskripte zu sichten und zu verbrennen. Das Sichten beschränkte sich darauf, dass ich die Seiten diagonal überflog, bevor ich sie ins Feuer warf. Besonders Gedichte haben sich bei mir in letzter Zeit angesammelt:


Sei nicht die flügellose Fliege, lost in Thule,

Fürcht' nicht die alles unter sich begrabende Nacht.

In ihr sind zwei (ich selbst, die Werfüchsin A Huli,

Und Hund Pisdez, mein dunkler Freund) und haben acht …


Die Gedichte zu verbrennen deprimiert mich besonders: Hat nicht sein sollen, dass ich sie jemandem vorlese. Mein dunkler Freund ist zu beschäftigt. Nun bleibt nur noch eine Sache zu tun, und deren Vollendung steht kurz bevor. (Sie merken, die Erzählzeit wechselt von der Vergangenheit in die Gegenwart.) Es geht um das, was der Gelbe Herr mir vor zwölf Jahrhunderten angeraten hat. Ich soll den Werfüchsen allen erklären, wie man die Freiheit erlangt. Eigentlich ist dies schon beinahe erledigt – nur will ich das Gesagte noch einmal bündeln zu einer griffigen und klaren Instruktion.

Ich sprach bereits davon, dass die Werfüchse sich mit Hilfe ihres Schweifes eine Illusion von der Welt verschaffen. Ein Symbol hierfür ist der Uroboros, an dem sich meine Phantasie über die Jahrhunderte immer wieder entzündet hat, da ich das große in ihm verborgene Mysterium spürte. Eine Schlange beißt sich selbst in den Schwanz …

Die unverbrüchliche Verbindung zwischen Schweif und Bewusstsein ist das Fundament, auf dem die Welt ruht, wie wir sie kennen. Nichts kann diesen Kausalring sprengen. Mit einer Ausnahme: der Liebe.

Wir Werwesen sind den Menschen in jeder Beziehung weit voraus. Doch gleich ihnen erfahren wir höchst selten die wahre Liebe. Deshalb entzieht sich der verborgene Pfad, dieser Welt zu entkommen, unseren Blicken. Und dabei ist er so einsichtig, dass man es nicht glauben mag: Die Kette der Selbsthypnose lässt sich mit einer einzigen Regung des Geistes zerreißen.

Ich gebe diese unübertreffliche Lehre nun weiter in der Hoffnung, dass sie die Grundlage bilden möge für die endgültige Befreiung all derer mit Herz und Schweif. Diese vor undenklichen Zeiten verlorengegangene Technik ward von mir, dem Werfuchs A Huli, unter den in diesem Buch beschriebenen Umständen zum Wohle aller Wesenheiten wiederentdeckt. Hier nun die vollständige Darlegung der im Altertum einmal als Schweif der Leere bekannt gewesenen Geheimtechnik.


1. Zuerst muss ein Werwesen erfahren haben, was Liebe ist. Die Welt, die wir tagtäglich erschaffen, wie es unsere Gewohnheit ist, steckt voller Übel. Doch wir vermögen aus dem Teufelskreis nicht auszubrechen, weil wir uns auf eine andere Art Schöpfung nicht verstehen. Liebe hingegen ist von grundsätzlich anderer Natur, darum haben wir davon im Leben wenig. Besser gesagt, unser Leben ist, wie es ist, weil in ihm keine Liebe ist. Das, was die Menschen für Liebe halten, ist in den meisten Fällen nur schnöder Trieb und Fortpflanzungsinstinkt, multipliziert mit sozialem Durchsetzungsdrang. Du, Werwesen, mögest dich dem schwanzlosen Affen nur ja nicht anpassen! Gedenke, wer du bist!

2. Hat ein Werwesen einmal erfahren, was Liebe ist, so kann es diese Sphäre verlassen. Doch muss es zuvor noch seine Rechnungen begleichen: denen danken, die ihm bis hierher geholfen haben, und denen helfen, die der Hilfe bedürftig sind. Sodann muss das Werwesen zehn Tage fasten, dabei drehen sich seine Gedanken um das unergründliche Mysterium der Welt und ihre grenzenlose Schönheit. Außerdem muss das Werwesen seiner dunklen Punkte gedenken und sie bereuen. Mindestens zehn der schwärzesten Punkte im Leben sollten ihm einfallen und jeder Einzelne seine Reue finden. Dabei sollten dem Werwesen wenigstens dreimal aufrichtig die Tränen kommen. Das hat nichts mit billigem Sentiment zu tun – Tränen reinigen die psychischen Kanäle, die in der dritten Etappe gebraucht werden.

3. Sind die vorbereitenden Exerzitien abgeschlossen, wird das Werwesen den nächsten Tag nach Vollmond erwarten. An diesem Tag wird es früh aufstehen, eine Waschung vollziehen und sich an einen entlegenen Ort begeben, wo es von keinem Menschen gesehen werden kann. Dort wird es den Schweif lösen und den Lotossitz einnehmen. Wer am Lotossitz scheitert, kann genauso gut auf einem Stuhl oder einem Stubben Platz nehmen. Wichtig nur, dass der Rücken gerade und der Schweif entspannt ist. Dann wird das Werwesen ein paarmal tief ein- und ausatmen, in seinem Herzen ein Maximum an wahrer Liebe erwecken und diese unter Ausrufung des eigenen Namens in seinen Schweif versenken, so weit und so tief es geht.


Jedes Werwesen wird sofort wissen, was das heißt: die Liebe in den Schweif versenken. Doch es muss ihm so unsinnig, undenkbar und über den Rahmen jeder Konvention hinausgehend erscheinen, dass ich fürchte, man könnte mich für verrückt erklären. Nichtsdestoweniger verhält sich alles ganz genau so: Hier entlang führt der verborgene Pfad in die Freiheit. Der Vorgang lässt sich mit dem vergleichen, was geschieht, wenn ein Luftbläschen in ein zum Herzen führendes Blutgefäß gerät. Es genügt, um den Motor des sich selbst reproduzierenden Alptraums lahmzulegen, in dem wir seit Anbeginn der Zeiten herumirren.

Wenn die im Herzen gekeimte Liebe die wahre Liebe war, so hört der Schweif nach dem Schrei des Werwesens für eine Sekunde auf, Welt zu produzieren. Diese Sekunde ist der Augenblick der Freiheit – lange genug während, um das Martyrium für immer zu verlassen. Wenn diese Sekunde eintritt, wird das Werwesen unfehlbar wissen, was zu tun ist.

Nebenher habe ich auch erfahren, wie ein schwanzloser Affe dieser Welt entrinnen kann. Ursprünglich hatte ich vor, auch für ihn eine ausführliche Instruktion zu verfassen, doch dazu reicht nun die Zeit nicht mehr. Darum hier das Wichtigste in aller Kürze: Die Knackpunkte der Lehre sind die gleichen wie oben. Zunächst muss der schwanzlose Affe die Liebe in seiner Seele keimen lassen, beginnend bei ihren einfachsten Formen, allmählich aufsteigend bis zur wahren Liebe, die weder Subjekt noch Objekt kennt. Alsdann muss er sein Leben überdenken, die Nichtswürdigkeit seiner Ziele und die Infamie seiner Wege erkennen. Und da seine Anstalten, Buße zu tun, meist nur geheuchelt und von kurzer Dauer sind, soll er nicht weniger als dreißig Mal für seine Untaten Tränen vergießen. Zuletzt hat der Affe eine magische Handlung analog zu der unter Punkt 3 beschriebenen zu vollziehen, die nur insofern abweicht, als er keinen Schweif besitzt (er besitzt ja nicht einmal einen Schwanz). Darum muss der schwanzlose Affe sich zuerst einmal vergegenwärtigen, wie er seine Welt erschafft, woher er die entsprechenden Halluzinationen bezieht. Die Dinge liegen hier sehr einfach, aber mir fehlt die Zeit, darauf einzugehen.

Etwas Wichtigeres sei noch gesagt. Geht ein Werwesen den Weg, findet es den Pfad zur Wahrheit, so soll es ihn tunlichst nicht gleich wieder mit allerlei wirren Symbolen und Ritualen verstellen, wie das die schwanzlosen Affen tun. Es soll vielmehr unverzüglich seine Entdeckung den anderen Werwesen mitteilen, und dies so einfach und klar wie nur möglich. Und dabei stets an eines denken: Auf die Frage »Was ist die Wahrheit?« gibt es nur eine richtige Antwort – zu schweigen. Wer zu sprechen anhebt, zeigt, dass er nichts weiß.

So. Dies war es wohl nun. Nat King Cole hat sein Lied gleich zu Ende gesungen. Auf den letzten zahnlosen Dias wird das Folgende zu sehen sein: Ich tippe die Seite zu Ende, speichere ab, schiebe das Notebook in meinen Rucksack und schwinge mich aufs Fahrrad. Um diese frühe Zeit liegt die Rampe am Rand des Bitza-Parks verwaist. Es hat mich immer gereizt, einmal den Sprung zu wagen, doch die Zweifel, was die Landung betraf, hatten überwogen. Nun aber weiß ich, wie ich es machen muss.


Ich fahre genau in die Mitte der menschenleeren Brache im Morgenlicht, nehme alle in meinem Herzen wohnende Liebe zusammen, trete an und flitze den Hang hinab, auf die Rampe zu. In dem Moment, da sich die Räder vom Boden lösen, brülle ich laut meinen Namen und höre auf, diese Welt zu erschaffen. Ein Moment wird eintreten, über den ich staunen werde, so unvergleichlich wird er sein. Darauf wird diese Welt verschwinden. Und dann, endlich, werde ich erfahren, wer ich wirklich bin.

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