17. Der Findling

Der Gwythaint hing in den Dornen wie ein zerknitterter schwarzer Fetzen. Er war nicht viel größer als ein Rabe, sehr jung noch und kaum aus der ersten Mauser heraus. Der Kopf schien für seinen Körper ein wenig zu groß zu sein, die Federn waren noch dünn und struppig. Als Taran sich vorsichtig näherte, versuchte der Gwythaint, sich aus dem Busch zu befreien; doch es gelang ihm nicht. Da öffnete er den krummen Schnabel und stieß ein warnendes Zischen aus. Seine Augen blickten stumpf und waren halb geschlossen. Die Gefährten waren Taran gefolgt. Als Gurgi den Gwythaint erkannte, zog er den Kopf ein und verkroch sich schaudernd in den Büschen. Melyngar wieherte ängstlich auf. Das weiße Schwein indessen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Es setzte sich auf die Hinterbacken und schaute freundlich in die Runde.

Fflewddur pfiff beim Anblick des Vogels kurz durch die Zähne. „Ein Glück, daß die Alten nicht da sind“, sagte er. „Bei Gefahr für die Jungen reißen die einen ausgewachsenen Mann in Stücke.“

„Der kleine Gwythaint erinnert mich an Achren“, sagte Eilonwy. „Sie hatte genau solche Augen – besonders an Tagen, an denen sie schlecht gelaunt war.“

Doli löste die Axt vom Gürtel. „Was hast du vor?“ fragte Taran.

Der Zwerg blickte ihn verwundert an. „Was ich vorhabe? Dumme Frage! Dem schlag’ ich den Kopf ab!“

Taran packte den Zwerg am Arm. „Nein!“ rief er. „Siehst du nicht, daß er verwundet ist?“

„Tut er dir etwa leid?“ knurrte Doli entrüstet. „Wäre er nicht verwundet, so stünden wir jetzt nicht hier, weder du noch ich.“

„Ich will nicht, daß er getötet wird“, sagte Taran mit fester Stimme. „Er ist in Not und braucht Hilfe.“

„Recht hast du“, pflichtete ihm das Mädchen bei. „Wir müssen uns seiner annehmen, er sieht elend aus.“

Doli schleuderte die Axt zu Boden und stemmte die Arme in die Hüften. „Ich kann mich nicht unsichtbar machen“, raunzte er, „aber ein Narr bin ich trotzdem nicht. Los doch, hilf diesem grauslichen kleinen Ding! Gib ihm zu trinken, verbinde ihm die Wunden! Du wirst schon sehen, was dabei herauskommt. Sobald es ihm ein wenig bessergeht, wird es auf schnellstem Weg zu Arawn fliegen – und was weiter mit uns geschieht, kann sich jeder an seinen Fingern abzählen.“

„Was Doli gesagt hat, ist leider nur allzu wahr“, meinte Fflewddur Fflam. „Ich für meine Person finde zwar wenig Geschmack daran, jemandem den Kopf abzuhacken – aber was sein muß, muß sein. Weshalb sollten wir einem von Arawns Spionen Mitleid erweisen?“

„Darüber denkt Medwyn anders“, antwortete der Junge. „Außerdem scheint es mir wichtig zu sein, diesen Vogel nach Caer Dathyl zu bringen. Niemand hat je einen Gwythaint lebend gefangen, soweit ich weiß. Vielleicht könnte er uns von Nutzen sein.“

Der Barde kratzte sich am Kopf. „Nun ja, wenn er uns überhaupt etwas nützen kann, dann wohl eher lebend als tot. Trotzdem erscheint mir die Sache ziemlich gewagt.“

Taran gebot den Freunden, ein wenig zurückzutreten. Er sah, daß der Gwythaint verwundet war, jedoch keineswegs nur von Dornen. Hatte vielleicht ein Adler ihn angegriffen? Behutsam trat Taran näher. Wieder zischte der Gwythaint, dann drang ein langes, heiseres Rasseln aus seiner Kehle. „Hoffentlich stirbt er nicht!“ dachte der Junge und schob seine Hand unter den fiebernden Körper. Der Gwythaint versuchte sich mit Schnabel und Krallen zur Wehr zu setzen; doch er war schon zu matt dazu. Taran befreite ihn aus den Dornen und sagte zu Eilonwy: „Ich gehe jetzt ein paar Kräuter holen. Sorge einstweilen für heißes Wasser!“

Während das Mädchen ein Nest von Gras und Blättern herrichtete, mußte Gurgi Feuer anmachen und einen Kessel mit Wasser darüberhängen. Unterdessen begab sich Taran, von Hen Wen gefolgt, auf die Kräutersuche. „Wie lang sollen wir hier denn bleiben?“ schimpfte der Zwerg ihm nach. „Nicht, daß mich’s störte! Ihr seid es ja, die es eilig haben, nicht ich. Aber trotzdem!“ Er hängte die Axt wieder an den Gürtel, zog die Mütze fest ins Gesicht und hielt wütend den Atem an. Wieder einmal war Taran dankbar dafür, daß Coll ihn in der Kräuterkunde unterwiesen hatte. Zum Glück wuchs das meiste, was er für seinen Absud benötigte, ganz in der Nähe. Hen Wen beteiligte sich eifrig an der Suche. Munter grunzend, schnüffelte sie zwischen Blättern und Steinen umher; und es gelang ihr tatsächlich, ein wichtiges Pflänzchen aufzustöbern, das Taran fast übersehen hätte. Der Gwythaint wehrte sich nicht dagegen, als der Junge ihm mit Eilonwys Hilfe einen Verband anlegte. Dann riß Taran sich ein Stück Stoff von der Jacke, tränkte es mit dem Kräutersud und träufelte ihn dem Vogel Tropfen um Tropfen in den Schnabel. „Alles ganz schön und gut“, brummte Doli. „Aber wie willst du das garstige Ding von hier wegbringen? Unterm Arm etwa – oder?“

„Ich weiß noch nicht“, sagte Taran. „Vielleicht sollte ich ihn in den Mantel wickeln.“

Doli verdrehte gequält die Augen. „Immer dasselbe!“ knurrte er. „Ihr großen Tölpel könnt nicht von da bis dort denken. Falls du von mir erwartest, daß ich dir einen Käfig baue, dann irrst du dich!“

„Ein Käfig wäre genau das richtige“, sagte Taran. „Doch sei unbesorgt, ich verzichte auf deine Hilfe, ich baue mir selber einen.“

Der Zwerg schaute Taran verächtlich zu, als er Ruten sammelte und daraus einen Käfig zu flechten versuchte. Schließlich riß ihm die Geduld, und er herrschte den Jungen an. „Aufhören! Aufhören mit der Pfuscherei! Mach mir mal Platz da!“ Er stieß Taran zur Seite, hockte sich auf den Boden nieder und griff nach den Ruten. Dann schabte er sie mit dem Messer glatt, verflocht sie kunstvoll miteinander – und im Handumdrehen war der Käfig fertig.

„Großartig kannst du das!“ sagte Eilonwy. „Das ist sicher mehr wert, als wenn man sich unsichtbar machen kann.“ Der Zwerg gab ihr keine Antwort, er blickte sie nur verdrossen an. Taran polsterte den Boden des Käfigs mit Blättern aus und setzte den Gwythaint vorsichtig hinein. Dann nahmen sie den Marsch wieder auf. Doli schlug eine raschere Gangart an, um die verlorene Zeit einzubringen. Er hastete die Berghänge hinab, ohne sich im mindesten darum zu scheren, ob Taran und die anderen überhaupt imstande waren, ihm zu folgen. Während des Tages erholte sich der Gwythaint zusehends. Bei jedem Halt fütterte ihn der Junge und flößte ihm etwas von seinem Kräutersud ein. Gurgi war noch immer so verstört, daß er es nicht wagte, sich dem Käfig zu nähern. Fflewddur hingegen machte den Versuch, mit dem Vogel Freundschaft zu schließen. Als er jedoch den Finger durchs Gitter steckte, zuckte der Gwythaint zurück und hieb mit dem Schnabel nach ihm. „Das führt zu nichts Gutem!“ rief Doli. „Ich warne euch! Aber ihr braucht euch an meine Warnung ja nicht zu halten.“

Bei Einbruch der Dunkelheit schlugen sie das Nachtlager auf und besprachen die Pläne für den nächsten Tag. Der Gwythaint hatte sich vollends erholt. Gierig verschlang er die Bissen, die Taran ihm durch das Gitter reichte. Nach der Fütterung ließ er sich auf dem Boden des Käfigs nieder; den Kopf aufgerichtet, spähte er in die Runde und verfolgte mit seinen Blicken jede Bewegung. Taran wagte es schließlich, einen Finger durch das Gitter zu schieben und dem Gwythaint den Kopf zu kraulen. Das Tier zischte ihn nicht mehr an und versuchte auch nicht, ihm weh zu tun. Der Gwythaint erlaubte es nun sogar Eilonwy, ihn zu füttern; doch auch ein neuerlicher Versuch des Barden, Freundschaft mit ihm zu schließen, schlug fehl.

„Er scheint sich gemerkt zu haben, daß du fürs Kopfabschlagen gewesen bist“, sagte Eilonwy. „Wenn jemand dafür gestimmt hätte, daß man mir den Kopf abschlägt, und hinterher käme er, um sich bei mir anzubiedern – auf den würde ich auch loshacken.“

„Gwydion hat mir erzählt, daß Arawn die Gwythaints von klein auf zum Bösen abrichte“, sagte Taran. „Ich wünschte, der Fürst wäre hier und zeigte uns, wie man das Tier behandeln muß, um ihm die Bosheit zu nehmen. Nun, vielleicht gibt es einen guten Falkner in Caer Dathyl, der sich auf solche Dinge versteht und uns weiterhilft …“


Am nächsten Morgen war der Käfig leer. Doli, der vor den anderen aufgestanden war, hatte es als erster entdeckt. Wütend hielt er Taran den Käfig unter die Nase. Der Gwythaint hatte die Rutenstäbe des Gitters mit seinem Schnabel in Stücke gehackt. „Da hast du nun die Bescherung!“ schrie Doli. „Ich hab’ dir’s ja gleich gesagt, aber du hast ja nicht auf mich hören wollen. Jetzt ist der Bursche gewiß schon auf halbem Weg nach Annuvin – und wenn Arawn bisher nichts von uns gewußt haben sollte: Nun weiß er es bald! Ich muß sagen, das hast du schlau gemacht, mehr als schlau. Darauf kannst du dir was einbilden, du Narr!“ Taran konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Fflewddur sagte nichts, aber er blickte grimmig drein.

„Ich habe wieder einmal, wie gewöhnlich, das Falsche getan“, gestand Taran niedergeschlagen. „Doli hat recht, ich bin wirklich ein unverbesserlicher Narr.“

„Das mag sein“, stimmte Eilonwy zu, und ihre Bemerkung war nicht gerade dazu angetan, den Jungen aufzuheitern. „Aber“, fuhr sie fort, „ich kann Leute nicht ausstehen, die immer behaupten: ›Das habe ich gleich gesagt!‹ Das ist schlimmer, als wenn einer kommt und dir das Essen wegschnappt, bevor du dich richtig zu Tisch gesetzt hast. – Nun ja“, fügte sie im gleichen Atem hinzu, „Doli meint es natürlich gut mit uns, auch wenn er ein bißchen ruppig tut. Er kommt mir vor wie ein Stachelschwein, das nach außen von Stacheln strotzt; aber wenn man es auf den Rücken dreht, ist es sehr kitzlig. Wenn er doch endlich aufhörte, sich unsichtbar machen zu wollen! Ich bin überzeugt, daß dies seiner Laune gewaltig zugute käme.“

Es blieb ihnen keine Zeit zu weiteren Auseinandersetzungen, Doli drängte zu raschem Aufbruch. Sie folgten bis gegen Mittag den Höhenzügen im Osten des Ystrad-Tales und wandten sich dann nach Westen, zum Fluß hinüber. Der Himmel hatte sich zunehmend verfinstert, heftige Windstöße peitschten das Land. Melyngar wieherte ängstlich auf. Hen Wen, die bis dahin gelassen und freundlich gewesen war, begann die Augen zu rollen und knurrte unentwegt vor sich hin. Während die Gefährten eine kurze Rast hielten, ging Doli ein Stück voraus, um das Gelände zu erkunden. Dann führte er Taran und seine Begleiter an eine Stelle, wo sie das Tal des Ystrad gut überblicken konnten. Flach auf dem Boden liegend, hielten sie Ausschau. Das Bild, das sich ihnen bot, war entmutigend. In der Niederung wimmelte es von Kriegern zu Roß und zu Fuß. Schwarze Banner wehten im Wind, Waffen klirrten und Hufe klapperten. An der Spitze des Heeres ritt der Gehörnte König.

Mit seiner Riesengestalt überragte er alle Reiter. Das schwarze Geweih mit den mächtigen Schaufeln war weithin sichtbar. Plötzlich, so schien es dem Jungen, wandte der Kopf des Gehörnten sich langsam zu ihm herüber. Taran fühlte, wie ihm der Atem stockte. Der König, davon war er überzeugt, vermochte ihn nicht zu sehen. Dennoch war es ihm, als richte er seine glühenden Augen auf ihn und stoße ihm seine Blicke wie Dolche ins Herz.

„Sie haben uns eingeholt“, sagte Taran mit matter Stimme.

„Schnell!“ rief der Zwerg. „Jetzt ist nicht die Zeit, um zu jammern und mit dem Schicksal zu hadern! Wir haben bis Caer Dathyl einen knappen Tagesmarsch – wie sie auch. Doch zum Unterschied von ihnen können wir uns rascher fortbewegen. Hätten wir mit dem Gwythaint kurzen Prozeß gemacht, so wären wir jetzt bedeutend weiter als sie. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!“

„Wir sollten die Waffen griffbereit halten“, meinte der Barde. „Vielleicht sind die Kundschafter des Gehörnten Königs näher, als wir vermuten.“

Taran schnallte die Waffen von Melyngars Rücken los. Jeder bekam einen Bogen, einen Köcher mit Pfeilen und einen kurzen Speer. Gurgi gürtete sich ein Schwert um. Von allen Gefährten war er am meisten aufgeregt. „Ja, ja!“ schrie er. „Nun ist auch der kühne, tapfere Gurgi ein mächtiger Krieger! Er hat einen Speer und ein Schwert. Jetzt kann’s losgehen mit Hauen und Stechen und Knochenbrechen, der mutige Gurgi ist darauf vorbereitet!“

„Und ich auch!“ erklärte Fflewddur. „Nichts auf der Welt vermag dem Angriff eines Fflam zu widerstehen – insbesondere dann, wenn er zornig ist!“ Der Zwerg schlug die Hände über dem Kopf zusammen und knirschte mit den Zähnen. „Hört auf mit dem dummen Gerede, bewegt euch lieber!“ drängte er. Diesmal war er so wütend, daß er nicht einmal daran dachte, die Luft anzuhalten.

Taran hängte Bogen und Köcher über die Schulter. Hen Wen duckte sich zu Boden und grunzte verstört. „Ich weiß, du hast Angst“, meinte Taran verständnisvoll. „Doch bald sind wir in Caer Dathyl, und dort bist du in Sicherheit.“

Das Schwein folgte ihnen nur widerwillig. Immer wieder blieb es zurück, sein Rüssel zitterte vor Angst, seine Augen irrten unstet hin und her. Taran mußte ihm unentwegt gut zureden, damit es nicht vollends den Mut verlor.

Beim nächsten Halt stellte Doli den Jungen zur Rede. „Mach nur so weiter!“ rief er. „Erst hält uns ein Gwythaint auf, und jetzt dieses weiße Schwein.“

Taran versuchte dem ärgerlichen Zwerg klarzumachen, daß man es Hen Wen beim besten Willen nicht übelnehmen könne, wenn sie verschreckt sei. „Sie spürt die Nähe des Gehörnten Königs“, sagte er achselzuckend, „das lähmt sie.“

„Dann binde ihr einfach die Pfoten zusammen und lade sie Melyngar auf den Rücken!“ schlug Doli vor.

Taran nickte. „Hen Wen wird nicht mögen, aber uns bleibt keine andere Wahl – Eben noch hatte das weiße Schwein sich die Schwarte an einem Baumstrunk gescheuert – jetzt war es mit einemmal nicht mehr zu sehen.

„Hen!“ rief Taran. Er wandte sich an den Barden und fragte: „Wo steckt sie bloß?“

Fflewddur schüttelte das Haupt. Weder er noch Eilonwy hatten sie weglaufen sehen. Gurgi hatte Melyngar mit Wasser versorgt und das Schwein überhaupt nicht beachtet.

„Sie kann doch nicht schon wieder ausgerissen sein!“ Taran rannte ein Stück in den Wald hinein. Als er wiederkam, war er kreidebleich im Gesicht.

„Sie ist fort“, keuchte er. „Sie muß sich irgendwo versteckt haben, ich kenne das.“

Er warf sich zu Boden und machte sich bittere Vorwürfe, weil er Hen Wen aus den Augen gelassen hatte. „Ich bin schuld daran, daß sie weg ist!“ rief er. „Zum zweitenmal bin ich schuld daran!“

„Laß die anderen weiterziehen“, schlug Eilonwy vor. „Wir beide werden Hen suchen und ihnen dann folgen.“ Ehe Taran dem Mädchen antworten konnte, vernahm er ein Geräusch, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Von fern her war das Gebell einer Hundemeute zu hören, gefolgt von dem langgezogenen Ruf eines Jagdhorns.

Die Gefährten erstarrten vor Schreck. Wie versteinert standen sie da und rührten sich nicht. Das Horn verklang in der Ferne, ein Schatten geisterte über den bleigrauen Himmel.

„Gwym, der Jäger“, murmelte Fflewddur Fflam. „Wo er reitet, da ist auch der Tod nicht fern.“

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