III Alles wandelt sich

Alles wandelte sich ganz und gar: Eine Schönheit kam schrecklich zur Welt.

William Butler Yeats, »Ostern 1916«

18 Raziel

»Clary?«

Simon saß auf der hinteren Verandatreppe und blickte von Lukes Farmhaus über den Pfad, der durch den Obstgarten hinunter zum See führte. Isabelle und Magnus standen dort und der Hexenmeister schaute erst zum Wasser und dann hinüber zu den flachen Bergen, die die Gegend säumten. Er machte sich Notizen in einem kleinen Buch, wobei sein Stift immer wieder blaugrün aufglühte. Alec stand ein wenig abseits und blickte hinauf zu den Bäumen auf den Kuppen der Hügelkette, die die Farm von der Straße trennte. Er machte den Eindruck, als hätte er sich so weit wie möglich von Magnus entfernt, ohne sich dabei völlig außer Hörweite zu befinden. Zugegeben, Simon verstand nur wenig von diesen Dingen, dennoch hatte er das Gefühl, dass sich trotz der Scherze während der Autofahrt zwischen Magnus und Alec eine spürbare Distanz aufgebaut hatte – ein innerer Abstand, den er nicht genau benennen konnte, von dem er aber definitiv wusste, dass er da war.

Simon hatte die Hände ineinandergelegt und seine Finger drehten unablässig den dünnen Goldreif an seinem rechten Ringfinger.

Clary, bitte.

Seit Maia ihm erzählt hatte, dass es Luke langsam wieder besser ging, hatte er fast stündlich versucht, sie zu erreichen – jedoch vergeblich. Er hatte keine Antwort erhalten.

Clary, ich bin jetzt am alten Farmhaus und erinnere mich an die schönen Zeiten, die wir hier gemeinsam verbracht haben.

Es war ein außergewöhnlich warmer Herbsttag und eine milde Brise rauschte durch die letzten verbliebenen Blätter an den Ästen der Bäume. Simon hatte sehr lange überlegt, welche Kleidung man bei der Begegnung mit einem Engel wohl tragen sollte – ein Anzug erschien ihm übertrieben, auch wenn er noch einen besaß, den er sich speziell für Jocelyns und Lukes Polterabend zugelegt hatte. Letztendlich hatte er sich jedoch für Jeans und T-Shirt entschieden und spürte nun die noch warme Sonne auf seinen nackten Armen. Er verband viele glückliche, sonnendurchflutete Erinnerungen mit diesem Ort: Fast jeden Sommer war er zusammen mit Clary und Jocelyn hierhergekommen, um gemeinsam die Ferien auf der Farm zu verbringen. Sie hatten oft im See gebadet. Und Simons Haut hatte eine goldbraune Tönung angenommen, wohingegen Clary sich mit ihrem hellen Teint andauernd einen Sonnenbrand eingefangen hatte. Noch dazu waren auf ihren Armen und Schultern im Nu eine Million weiterer Sommersprossen entstanden. Im Obstgarten hatten sie immer »Apfel-Baseball« gespielt – ein matschiges, feuchtfröhliches Vergnügen – und abends dann Scrabble und Poker, wobei Luke jedes Mal gewonnen hatte.

Clary, ich steh kurz davor, etwas zu tun, das ziemlich dumm und gefährlich und möglicherweise selbstmörderisch sein wird. Ist es wirklich so schlimm, dass ich vorher noch ein letztes Mal mit dir reden möchte? Ich tue das hier, um dir zu helfen, und dabei weiß ich nicht einmal, ob du überhaupt noch lebst. Aber wenn du tot wärst, wüsste ich das, oder? Das würde ich doch spüren.

»Okay, es wird Zeit«, sagte Magnus, der am Fuß der Treppe aufgetaucht war. Er warf einen kurzen Blick auf den Ring an Simons Hand, verkniff sich aber jeden Kommentar.

Simon stand auf, klopfte sich die Jeans ab und ging dann voraus. Der Weg wand sich durch den Obstgarten und bald darauf leuchtete der See vor ihnen auf, funkelnd und kalt. Als sie näher kamen, konnte Simon den alten Holzsteg sehen, der in das Wasser hineinragte: Hier hatten Clary und er immer ihre Kajaks festgemacht, bis eines Tages ein großer Teil des Stegs weggebrochen und davongetrieben war. Simon glaubte, das träge Summen der Bienen und die drückende Wärme des Sommers noch immer wahrnehmen zu können… Am Ufer angekommen, drehte er sich noch einmal um und schaute hinauf zur weiß gestrichenen Farm, zu den grünen Fensterläden und der überdachten Terrasse mit den weißen verwitterten Korbmöbeln.

»Du bist hier wirklich gern gewesen, stimmt’s?«, bemerkte Isabelle. Ihre schwarzen Haare flatterten wie eine Fahne in der kräftigen Brise, die vom See herauf wehte.

»Woran erkennst du das?«

»An deinem Gesichtsausdruck«, erklärte Isabelle. »Du hast ausgesehen, als hättest du dich an etwas Schönes erinnert.«

»Stimmt«, bestätigte Simon und wollte gerade die Brille auf der Nase hochschieben. Aber im nächsten Moment fiel ihm ein, dass er gar keine Brille mehr trug, weshalb er seine Hand langsam wieder sinken ließ. »Ich war glücklich hier.«

Isabelle blickte hinunter zum See. Sie trug kleine goldene Kreolen, in denen sich eine Strähne verfangen hatte. Am liebsten hätte Simon die Hand ausgestreckt, um ihre Haare zu befreien und ihre Wange mit seinen Fingern zu berühren. »Bist du das jetzt nicht mehr?«, fragte sie.

Simon zuckte die Achseln. Er beobachtete Magnus, der eine Art lange, biegsame Rute in der Hand hielt und damit etwas in den feuchten Sand am Seeufer zeichnete. Der Hexenmeister hatte ein Zauberbuch aufgeschlagen und psalmodierte leise vor sich hin. Alec sah ebenfalls in Magnus’ Richtung, allerdings mit der Miene eines Menschen, der einen Wildfremden beobachtet.

»Hast du Angst?«, fragte Isabelle und kam einen Schritt auf ihn zu. Simon konnte die Wärme ihrer Haut an seinem Arm spüren.

»Keine Ahnung. Angst zeigt sich vor allem körperlich: das Herz beginnt zu pochen, man schwitzt und der Puls rast. Aber all das spür ich nicht mehr.«

»Echt schade«, murmelte Isabelle und blickte wieder hinaus aufs Wasser. »Schwitzende Kerle sind irgendwie scharf.«

Simon schenkte ihr ein mattes Lächeln – was ihm schwerer fiel als erwartet. Vielleicht hatte er ja doch Angst. »Jetzt reicht’s mir aber mit deinen frechen Antworten, Fräulein.«

Isabelles Mundwinkel kräuselten sich, als wollte sie grinsen, doch dann seufzte sie: »Weißt du, was ich mir früher nie hätte träumen lassen? Dass ich mir mal einen Jungen wünsche, der mich zum Lachen bringt.«

Simon wandte sich ihr zu und griff nach ihrer Hand; es war ihm egal, dass ihr Bruder sie beobachtete. »Izzy…«

»Okay«, rief Magnus in diesem Moment. »Ich wär dann so weit. Simon, komm hier rüber.«

Sofort drehten beide sich wieder zum See. Magnus stand inmitten eines Kreises, der ein schwaches weißes Licht ausstrahlte. Genau genommen handelte es sich um zwei Kreise – ein kleinerer befand sich in einem größeren –, zwischen die der Hexenmeister Dutzende von Symbolen gezeichnet hatte. Diese glühten ebenfalls in einem blauweißen Licht, wie eine Reflexion des Sees.

Simon hörte, wie Isabelle leise die Luft einsog. Ohne sie noch einmal anzuschauen, setzte er sich in Bewegung – sonst hätte das die Sache nur noch schwieriger gemacht. Er lief über den Sand, machte einen großen Schritt über die Symbole am Rand und stellte sich neben Magnus in den Kreis. Der Blick aus der Mitte des Kreises erinnerte Simon an eine Wasserwand: Die Welt dahinter wirkte verschwommen und undeutlich.

»Hier.« Magnus drückte Simon das Buch in die Hand. Das dünne Papier war mit krakeligen Runen übersät, aber der Hexenmeister hatte über die eigentliche Beschwörungsformel eine lautmalerische Aussprachhilfe geklebt. »Sprich das einfach nach«, murmelte er. »Das müsste funktionieren.«

Simon klemmte sich das Zauberbuch unters Kinn, zog den Goldring, der ihn mit Clary verband, vom Finger und reichte ihn Magnus. »Falls es nicht funktioniert«, sagte er und fragte sich, woher er die Ruhe und Gelassenheit nahm, »dann sollte jemand den Ring aufbewahren – er ist unsere einzige Verbindung zu Clary und zu den Informationen, die sie gesammelt hat.«

Magnus nickte und schob sich den dünnen Reif über den Finger. »Bist du so weit, Simon?«

»Hey, du hast dir ja tatsächlich meinen Namen gemerkt«, spottete Simon.

Doch Magnus warf ihm nur einen unergründlichen Blick zu und trat aus dem Kreis hinaus. Sofort wirkte auch er verschwommen und unscharf. Alec stellte sich neben den Hexenmeister, während sich Isabelle auf der gegenüberliegenden Seite positionierte. Sie umklammerte ihre Ellbogen und Simon konnte selbst durch die wabernde Luft erkennen, wie besorgt sie aussah.

Simon räusperte sich und meinte dann: »Ich schätze, ihr solltet jetzt besser gehen.«

Doch die drei rührten sich nicht von der Stelle; sie schienen darauf zu warten, dass er noch irgendetwas sagte.

»Danke, dass ihr mich hierher begleitet habt«, brachte er schließlich hervor und zermarterte sich das Hirn, auf der Suche nach ein paar bedeutungsvollen Worten; zumindest schienen die anderen das zu erwarten. Aber er gehörte nun mal nicht zu den Leuten, die großartige Abschiedsreden schwangen oder theatralische Trennungsszenen liebten. Simon seufzte und wandte sich als Erstes an Alec: »Äh, Alec. Dich hab ich immer mehr gemocht als Jace.« Simons Blick wanderte zu dem Hexenmeister. »Magnus, ich wünschte, ich hätte den Mut, solche Hosen zu tragen wie du.«

Und schließlich Izzy. Er konnte sehen, wie sie ihn durch den Dunst betrachtete; ihre Augen waren schwarz wie Obsidian.

»Isabelle«, setzte Simon an und schaute ihr ins Gesicht. Er sah den fragenden Ausdruck in ihren Augen, doch in Gegenwart von Alec und Magnus schien es nichts zu geben, was er hätte sagen können, nichts, das seine Gefühle auch nur annähernd umschrieben hätte. Schließlich neigte er den Kopf. »Dann also bis bald.«

Er hatte den Eindruck, dass die drei etwas erwiderten, aber der wabernde Dunstschleier verzerrte ihre Worte. Stumm schaute er ihnen nach, als sie sich umdrehten und durch den Obstgarten hinauf zum Farmhaus liefen. Bald erkannte er nur noch drei Flecken und schließlich waren sie überhaupt nicht mehr zu sehen.

Simon konnte nicht fassen, dass er vor seinem Tod nicht noch ein letztes Mal mit Clary reden würde – ihm wollten nicht einmal ihre letzten Worte einfallen. Und dennoch: Wenn er die Augen schloss, konnte er ihr Lachen hören, das vom Obstgarten herüberwehte; er konnte sich daran erinnern, wie vertraut sie miteinander waren, bevor sie älter wurden und sich alles verändert hatte. Wenn er hier sterben würde, wäre das vielleicht sogar ganz angemessen. Denn schließlich verbanden ihn einige seiner schönsten Erinnerungen mit diesem Ort. Falls der Engel ihn in Flammen aufgehen ließ, konnte sich seine Asche über dem Obstgarten und auf dem See verteilen. Irgendetwas an dieser Vorstellung erfüllte ihn mit einem Gefühl tiefen Friedens.

Seine Gedanken wanderten zu Isabelle, danach zu seiner Familie – seine Mutter, sein Vater und Becky. Und zum Schluss dachte er an Clary. Wo auch immer du jetzt sein magst, du bist meine beste Freundin und wirst es immer sein.

Dann hob er das Zauberbuch und begann zu psalmodieren.

»Nein!«, schrie Clary und ließ das feuchte Handtuch fallen. »Jace, das darfst du nicht. Die Ratsmitglieder werden dich töten.«

Jace griff nach dem sauberen Hemd, streifte es über und knöpfte es zu, ohne Clary dabei anzusehen. »Sie werden zuerst versuchen, mich von Sebastian zu trennen«, erwiderte er, obwohl er nicht allzu überzeugt klang. »Erst wenn das nicht funktioniert… werden sie mich töten.«

»Das ist keine Lösung«, wandte Clary ein und versuchte, Jace festzuhalten.

Doch er drehte ihr den Rücken zu und zog seine Stiefel an. Als er sich ihr wieder zuwandte, lag ein grimmiger Ausdruck auf seinem Gesicht. »Mir bleibt keine andere Wahl, Clary. Ich muss das Richtige tun.«

»Das ist vollkommener Wahnsinn. Hier bist du in Sicherheit. Du kannst doch nicht einfach dein Leben wegwerfen…«

»Mich selbst zu retten, wäre Hochverrat. Für den Feind wäre ich die perfekte Waffe.«

»Wen interessiert’s, ob das Hochverrat ist? Oder gegen das Gesetz verstößt?«, fragte Clary fordernd. »Du bist mir wichtiger. Uns fällt schon noch was ein…«

»Es wird uns nichts einfallen.« Jace nahm die Stele vom Nachttisch und steckte sie ein; dann griff er sich den Adamant-Kelch. »Weil ich nämlich nicht mehr lange ich selbst sein werde. Ich liebe dich, Clary.« Er hob ihr Gesicht an und gab ihr einen innigen Kuss. »Bitte tu das für mich«, flüsterte er.

»Auf keinen Fall«, entgegnete Clary. »Ich werde dir nicht dabei helfen, dich selbst umzubringen.«

Doch Jace marschierte bereits mit langen Schritten zur Tür. Dabei zog er Clary mit sich und gemeinsam stolperten sie durch den Flur.

»Das ist vollkommen verrückt«, zischte Clary im Flüsterton. »Dich selbst dieser Gefahr auszusetzen…«

Jace schnaubte aufgebracht. »Als ob du was anderes tun würdest.«

»Stimmt – und das macht dich jedes Mal rasend«, erwiderte sie wispernd, während sie ihm die Treppe hinunter folgte. »Erinnerst du dich noch an das, was du mir in Alicante gesagt hast…?«

Inzwischen hatten sie die Küche erreicht. Jace stellte den Kelch auf die Theke und tastete nach seiner Stele. »Ich hatte nicht das Recht, so etwas zu sagen«, räumte er ein. »Clary, das ist nun einmal der Sinn unseres Daseins. Wir sind Schattenjäger. Das hier ist unsere Aufgabe. Wir müssen gewisse Risiken eingehen und damit meine ich nicht nur die, die mit einem Kampf verbunden sind.«

Clary schüttelte den Kopf und umklammerte Jace’ Handgelenke. »Das lasse ich nicht zu.«

Ein gequälter Ausdruck huschte über sein Gesicht. »Clarissa…«

Clary holte tief Luft – sie konnte kaum glauben, was sie gleich tun würde, aber vor ihrem inneren Auge sah sie die Leichenhalle der Stillen Stadt und die Leichname von Schattenjägern, lang ausgestreckt auf den Marmortischen. Die Vorstellung, dass Jace dazugehören würde, konnte sie einfach nicht ertragen. Alles, was sie getan hatte – überhaupt hierherzukommen und all die Dinge zu erdulden –, diente nur einem einzigen Zweck: Jace’ Leben zu retten. Und sie hatte das alles nicht nur für sich selbst getan: Ihre Gedanken wanderten zu Alec und Isabelle, die ihr geholfen hatten, und zu Maryse, die Jace liebte. Im nächsten Moment hob Clary die Stimme und rief laut: »Jonathan! Jonathan Christopher Morgenstern!«

Jace starrte sie aus großen Augen ungläubig an. »Clary…«, setzte er an, aber es war bereits zu spät.

Clary hatte seine Handgelenke losgelassen und trat einen Schritt zurück. Sebastian würde jeden Moment hier sein – sie hatte nicht einmal mehr Zeit, Jace zu erklären, dass sie ihren Bruder nicht deshalb gerufen hatte, weil sie ihm plötzlich vertraute, sondern weil er das einzige Mittel war, mit dem sie Jace zum Bleiben zwingen konnte.

Einen Sekundenbruchteil später schnellte jemand durch den Raum und Sebastian war zur Stelle. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Treppe zu nehmen, sondern war stattdessen über die Brüstung gesprungen und zwischen Clary und Jace gelandet. Seine Haare waren vom Schlaf zerzaust und er trug ein dunkles T-Shirt und eine schwarze Hose. Einen kurzen Moment fragte Clary sich, ob er wohl in seinen Alltags-Klamotten schlief. Sebastian schaute von Clary zu Jace und wieder zurück, während seine schwarzen Augen die Situation erfassten. »Ärger im Paradies?«, fragte er. Irgendetwas glitzerte in seiner Hand. Ein Messer?

Clarys Stimme zitterte, als sie erwiderte: »Sein Runenmal ist beschädigt. Dieses hier.« Sie legte eine Hand auf ihr eigenes Herz. »Er will fliehen, sich dem Rat stellen…«

Blitzschnell schoss Sebastians Hand vor; er schubste den Kelch auf der Küchentheke außer Reichweite. Jace, der vor Schock noch immer kreidebleich war, stand nur da und rührte sich nicht von der Stelle, als Sebastian näher trat, ihn am Kragen packte und sein Hemd aufriss. Die Knöpfe sprangen auf und gaben den Blick auf sein Schlüsselbein frei. Mit einer raschen Bewegung ritzte Sebastian eine Heilrune tief in die Haut. Jace biss sich auf die Lippe und starrte Sebastian hasserfüllt an, als dieser ihn freigab und einen Schritt zurücktrat, die Stele noch immer in der Hand. »Also wirklich, Jace!«, spottete Sebastian. »Das haut mich echt um! Hast du wirklich gedacht, du könntest mit so was davonkommen?«

Jace’ Hände ballten sich zu Fäusten, während die kohlschwarze Iratze langsam in seine Haut sickerte. Mühsam stieß er hervor: »Wenn du das nächste Mal möchtest… dass dich was umhaut… dann helf ich dir gern. Vielleicht mit einem Ziegelstein.«

Missbilligend schnalzte Sebastian mit der Zunge. »Du wirst mir später dafür danken. Selbst du musst doch zugeben, dass deine Todessehnsucht ein wenig übertrieben ist.«

Clary erwartete, dass Jace ihn erneut anfauchen würde. Doch das tat er nicht. Stattdessen ließ er seinen Blick langsam über Sebastians Gesicht gleiten. In diesem Moment gab es nur ihn und Sebastian im Raum. »Ich werde mich zwar an das hier nicht mehr erinnern«, verkündete er mit klarer, eisiger Stimme, »aber du wirst dich daran erinnern. Deswegen lass dir eines gesagt sein: Dieser Kerl, der so tut, als sei er dein Freund…« Er trat einen Schritt vor und verkürzte damit den Abstand zwischen Sebastian und ihm. »Dieser Kerl, der so tut, als würde er dich mögen… dieser Kerl existiert nicht. Er ist nicht real. Das hier ist real. Das hier ist mein wahres Ich. Und ich hasse dich. Ich werde dich immer hassen. Und weder in dieser noch in irgendeiner anderen Welt gibt es eine Magie oder eine Beschwörungsformel, die jemals etwas daran ändern wird.«

Einen Moment lang schien Sebastian das Grinsen auf dem Gesicht zu erstarren. Jace dagegen löste ungerührt seinen Blick von Sebastian und schaute Clary an: »Ich will, dass du die Wahrheit erfährst. Ich hab dir nicht alles gesagt.«

»Die Wahrheit ist gefährlich«, warf Sebastian ein, der die Stele wie ein Messer in der Hand hielt. »Sei vorsichtig mit dem, was du sagst.«

Jace zuckte zusammen. Seine Brust hob und senkte sich stoßweise; es war ihm anzusehen, dass das Verheilen der Rune auf seiner Brust höllisch wehtun musste. »Der Plan, Lilith heraufzubeschwören und einen neuen Kelch anzufertigen, um eine dunkle Armee zu erschaffen… dieser Plan stammt nicht von Sebastian. Er stammt von mir.«

Clary erstarrte. »Was?«

»Sebastian wusste zwar, was er wollte, aber ich war derjenige, der herausgefunden hat, wie sich das erreichen lässt. Dieser zweite Engelskelch – ich hab ihn auf diese Idee gebracht.« Jace krümmte sich vor Schmerzen; Clary konnte sich ausmalen, was unter dem Gewebe seines Hemds gerade geschah: Seine Haut, die sich wieder schloss, Liliths Rune, die verheilte und in neuem Glanz erstrahlte. »Oder sollte ich lieber sagen, er war es… dieses Wesen, das aussieht wie ich, aber nicht ich selbst bin? Er würde die ganze Welt niederbrennen, wenn Sebastian es von ihm verlangt, und lachend zusehen, wie sie untergeht. Und dieses Wesen rettest du, Clary. Dieses Wesen. Verstehst du es denn nicht? Ich wäre lieber tot…« Jace verstummte abrupt und krümmte sich; seine Schultermuskulatur verkrampfte sich, während er vom Schmerz überrollt wurde.

Clary erinnerte sich daran, wie sie ihn in der Stadt der Stille in den Armen gehalten hatte, als die Stillen Brüder sein Gehirn durchforstet hatten, auf der Suche nach Antworten…

Plötzlich schaute Jace auf, ein verwirrter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Seine Augen suchten nicht sie, sondern Sebastian. Clarys Herz fühlte sich mit einem Mal schwer an, obwohl sie wusste, dass es ihre eigene Schuld war.

»Was ist los?«, fragte Jace.

Sebastian grinste ihn an. »Willkommen daheim.«

Jace blinzelte einen Moment verwundert und wirkte plötzlich in sich gekehrt – wie jedes Mal, wenn Clary etwas zur Sprache gebracht hatte, das er nicht verarbeiten konnte: Max’ Ermordung, die Schlacht in Alicante, der Kummer, den er seiner Familie bereitete. »Ist es schon so weit?«, fragte er.

Mit einer theatralischen Geste warf Sebastian einen Blick auf seine Uhr. »Beinahe. Warum gehst du nicht schon vor und wir kommen nach? Du könntest die ersten Vorbereitungen treffen.«

Rasch schaute Jace sich um. »Der Kelch – wo ist er?«

Sebastian nahm den Kelch von der Küchentheke. »Hier steht er doch. Sind wir heute ein wenig geistesabwesend?«

Ein Lächeln umspielte Jace’ Mund und er schnappte sich den Kelch, entspannt und gut gelaunt. Nichts erinnerte an den jungen Mann, der sich wenige Momente zuvor vor Sebastian aufgebaut und ihm mitgeteilt hatte, dass er ihn hassen würde. »Okay, ich treff dich dann dort«, sagte er, drehte sich anschließend zu Clary um, die noch immer wie erstarrt war, und küsste sie auf die Wange. »Dich natürlich auch.«

Als er sich von ihr löste und ihr zum Abschied zuwinkte, erkannte Clary aufrichtige Zuneigung in seinen Augen – doch das spielte keine Rolle. Dies hier war nicht ihr Jace, ganz eindeutig nicht. Sie schaute ihm benommen nach, während er sich vor die Wand stellte und seine Stele zückte. Im nächsten Moment öffnete sich eine Tür in der Wand und Clary konnte einen kurzen Blick auf den Himmel und eine felsige Landschaft werfen. Dann schloss sich die Tür hinter ihm und er war verschwunden.

Clary grub die Fingernägel in die Handflächen.

Dieses Wesen, das aussieht wie ich, aber nicht ich selbst bin? Er würde die ganze Welt niederbrennen, wenn Sebastian es von ihm verlangt, und lachend zusehen, wie sie untergeht. Und dieses Wesen rettest du, Clary. Dieses Wesen. Verstehst du es denn nicht? Ich wäre lieber tot

Ein Kloß brannte in ihrer Kehle und sie zwang sich mühsam, die Tränen hinunterzuschlucken, als ihr Bruder sie auch schon mit leuchtenden schwarzen Augen betrachtete. »Du hast mich gerufen«, sagte er.

»Jace wollte sich dem Rat stellen«, wisperte Clary, wobei sie nicht wusste, wem gegenüber sie sich eigentlich verteidigte. Sie hatte getan, was getan werden musste, mit der einzigen Waffe, die ihr zur Verfügung stand – auch wenn sie diese abgrundtief verabscheute. »Der Rat hätte ihn getötet.«

»Du hast tatsächlich mich gerufen«, wiederholte Sebastian und trat einen Schritt auf sie zu. Langsam nahm er eine von Clarys Haarsträhnen, die ihr ins Gesicht gefallen war, und schob sie ihr hinters Ohr. »Dann hat er dich also eingeweiht? Dir den ganzen Plan erzählt?«

Clary musste sich beherrschen, um nicht vor Abscheu zurückzuzucken. »Nein, nicht den ganzen Plan. Ich weiß zum Beispiel nicht, was heute Abend passieren soll. Was hat Jace mit ›Ist es schon so weit?‹ gemeint?«

Sebastian beugte sich vor und küsste Clary auf die Stirn; sie spürte, wie der Kuss ihr die Haut versengte, wie ein Brandmal. »Das wirst du bald erfahren«, erklärte er. »Denn du hast es dir wirklich verdient, dabei zu sein, Clarissa. Heute Nacht wirst du alles beobachten können, von deinem Platz an meiner Seite. Auf dem Gelände der Siebten Weihestätte. Valentins Kinder, beide vereint… endlich.«

Simon hielt den Blick auf das Papier geheftet und psalmodierte die Laute, die Magnus für ihn niedergeschrieben hatte. Die Worte besaßen einen Rhythmus, der wie Musik klang, leicht, prägnant und lieblich. Das Ganze erinnerte ihn daran, wie er bei seiner Bar Mizwa den Abschnitt aus den Prophetenbüchern vorgelesen hatte. Allerdings wusste er damals, was die Worte zu bedeuten hatten – ganz im Gegensatz zu diesen Lauten.

Während er weiter psalmodierte, spürte er, wie sich die Luft um ihn herum verdichtete und schwerer anfühlte. Sie drückte förmlich auf Schultern und Brust und wurde von Sekunde zu Sekunde wärmer. Wäre er noch ein Mensch gewesen, hätte er die Hitze wahrscheinlich nicht ausgehalten. Zuerst fühlte er nur, wie sie ihm auf der Haut brannte, seine Wimpern versengte und sein T-Shirt ankokelte. Trotzdem blickte Simon weiterhin auf das Buch vor ihm, bis ihm ein Blutstropfen von der Stirn perlte und auf das Papier tropfte.

Kurz darauf hatte er es geschafft; das letzte Wort der Inkantation – »Raziel« – war ausgesprochen und Simon hob den Kopf. Er konnte fühlen, wie ihm das Blut mittlerweile als dünnes Rinnsal über das Gesicht lief. Der Dunst um ihn herum hatte sich gelichtet und vor sich sah er die Fluten des Sees, blau und funkelnd und so klar wie Glas.

Und dann explodierte das Gewässer.

Die Mitte des Sees nahm erst eine goldene und danach eine schwarze Tönung an. Das Wasser wich zur Seite zurück, strömte in Richtung Ufer und schoss schließlich in einer Fontäne in die Luft. Simon starrte auf einen Ring aus Wasser über dem See, wie ein Kreis ununterbrochener Wasserfälle, die schimmernd in die Höhe sprudelten und sich dann nach unten ergossen – ein Anblick von bizarrer, seltsamer Schönheit. Wassertröpfchen sprühten auf ihn herab und kühlten seine glühende Haut. Er legte den Kopf in den Nacken, als sich der Himmel verfinsterte: Das strahlende Blau wurde von einer plötzlich heranrollenden Dunkelheit verschlungen. Dann fiel die Fontäne in sich zusammen und aus ihrer silbernen Mitte erhob sich eine Gestalt aus strahlendem Gold.

Simon bekam einen trockenen Mund. Er hatte zwar schon zahllose Gemälde von Engeln gesehen, seit seiner Kindheit an ihre Existenz geglaubt und Magnus’ warnende Worte deutlich gehört. Dennoch hatte er das Gefühl, von einem Speer durchbohrt zu werden, als sich zwei Schwingen vor ihm ausbreiteten. Sie schienen die gesamte Himmelsspanne zu umfassen. Beide Engelsflügel schimmerten weiß, golden und silbern und auf jeder einzelnen Feder prangte ein großes goldenes Auge. Und diese Augen musterten ihn verächtlich. Dann setzten sich die Schwingen in Bewegung, vertrieben die dunkelgrauen Wolken vor ihnen und falteten sich nach hinten… und ein Mann – besser gesagt die Gestalt eines überdimensional großen Mannes – kam zum Vorschein und stieg aus dem See empor.

Simons Zähne begannen zu klappern. Er konnte nicht genau sagen warum, aber Wogen der Macht – die Urgewalt des Universums – schienen von dem Engel auszugehen, bis er sich schließlich in seiner ganzen Pracht präsentierte. Ein bizarrer Gedanke schoss Simon durch den Kopf: Das Ganze sah aus, als hätte sich jemand Jace geschnappt und ihn auf die Größe einer riesigen Reklametafel aufgeblasen. Nur mit dem Unterschied, dass der Engel nicht ganz wie Jace aussah: Er war über und über mit Gold bedeckt, von den Schwingen über seine Haut bis zu den Augen, wobei die Augäpfel nicht weiß, sondern golden glänzten. Sein fließendes Haar wirkte wie Ketten aus Silber und Gold. Der Anblick des Engels war atemberaubend und Furcht einflößend zugleich. Zu viel von einer Sache kann jemanden zerstören, dachte Simon. Zu viel Dunkelheit mag tödlich sein, aber zu viel Licht kann das Auge erblinden lassen.

Und dann ertönte in Simons Kopf die Stimme des Engels, die wie das Läuten großer Glocken klang: Wer wagt es, mich herbeizurufen?

Eine schwierige Frage, überlegte Simon. Wenn er Jace gewesen wäre, hätte er »einer der Nephilim« antworten können; hätte er in Magnus’ Haut gesteckt, hätte er »einer von Liliths Kindern und Oberster Hexenmeister von Brooklyn« erwidern können. Clary und der Engel waren einander bereits begegnet, deshalb nahm Simon an, dass sie einfach nur ihre Freundschaft vertieft hätten. Aber er war nun mal Simon, ohne jeden Beinamen oder irgendwelche heldenhaften Taten, die er in der Vergangenheit geleistet hatte. »Simon Lewis«, sagte er schließlich, legte das Zauberbuch beiseite und richtete sich auf. »Kind der Nacht und… Euer ergebener Diener.«

Mein ergebener Diener? Eisige Missbilligung sprach aus Raziels Stimme. Du rufst mich herbei wie einen streunenden Hund und wagst es, dich als mein Diener zu bezeichnen? Du sollst aus dieser Welt verbannt werden, auf dass dein Schicksal anderen eine Warnung ist. Meinen eigenen Nephilim ist es untersagt, mich heraufzubeschwören. Warum sollten für dich andere Regeln gelten, Tageslichtler?

Eigentlich sollte es ihn nicht überraschen, dass der Engel wusste, wer er war, überlegte Simon. Aber es war trotzdem verblüffend – genauso verblüffend wie die enorme Größe des Engels. Irgendwie hatte er angenommen, Raziel wäre menschlicher. »Ich…«

Glaubst du, ich müsste Erbarmen mit dir haben, nur weil du das Blut eines meiner Nachfahren in dir trägst? In diesem Falle hast du dein Glück versucht und verloren. Himmlisches Erbarmen wird denjenigen zuteil, die es verdienen. Und nicht denjenigen, die gegen unsere Gesetze verstoßen. Der Engel hob eine Hand und zeigte mit dem Finger direkt auf Simon.

Simon wappnete sich. Dieses Mal versuchte er erst gar nicht, die Worte zu sprechen, sondern dachte sie lieber nur: Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig

Was ist das für ein Mal? Raziel klang verwirrt. Dieses Mal auf deiner Stirn, Kind.

»Es ist das Mal«, stammelte Simon. »Das allererste Runenmal. Das Kainsmal.«

Raziel ließ langsam den Arm sinken. Ich würde dich töten, doch das Mal hindert mich daran. Dieses Mal, das nur von himmlischer Hand zwischen deine Brauen hätte gesetzt werden dürfen. Doch ich weiß, dass dies nicht zutrifft. Wie ist das möglich?

Die offensichtliche Verwirrung des Engels schenkte Simon neuen Mut. »Eines Eurer Kinder, Eurer Nephilim…«, setzte er an. »Eine Nephilim mit einer besonderen Gabe… Sie hat es dort aufgetragen, um mich zu schützen.« Vorsichtig trat er näher an den Rand des Kreises. »Raziel, ich bin hier, um Euch um einen Gefallen zu bitten, im Namen Eurer Nephilim. Sie befinden sich in großer Gefahr. Einer der ihren wurde… wurde von der Dunkelheit erfasst und bedroht nun alle anderen. Die Nephilim benötigen Eure Hilfe.«

Ich mische mich grundsätzlich nicht ein.

»Aber das habt Ihr bereits getan«, widersprach Simon. »Als Jace starb, habt Ihr ihn von den Toten zurückgeholt. Natürlich waren wir alle wahnsinnig glücklich darüber, aber wenn Ihr Euch nicht eingeschaltet hättet, würde das alles nicht passieren. Deshalb seid Ihr im Grunde dafür verantwortlich, das Ganze wieder in Ordnung zu bringen.«

Ich bin zwar nicht in der Lage, dich zu töten, sinnierte Raziel, trotzdem wüsste ich nicht, warum ich dir geben soll, was du von mir verlangst.

»Ich habe doch noch gar nicht gesagt, was ich verlange«, warf Simon ein.

Du willst eine Waffe. Etwas, das Jonathan Morgenstern von Jonathan Herondale trennen kann. Du würdest damit den einen töten und den anderen am Leben erhalten. Natürlich wäre es am leichtesten, wenn man einfach beide tötet. Euer Jonathan war bereits tot und vielleicht sehnt sich der Tod seit diesem Moment nach ihm und umgekehrt. Ist dir dieser Gedanke eigentlich schon einmal gekommen?

»Nein«, räumte Simon ein. »Verglichen mit Euch sind wir zwar nicht so bedeutend, aber wir töten unsere Freunde nicht. Wir versuchen, sie zu retten. Wenn der Himmel das nicht gewollt hätte, dann hätte er uns nicht die Gabe der Liebe schenken dürfen.« Simon schob seine Haare aus der Stirn, sodass sein Mal deutlich zum Vorschein trat. »Ihr habt recht, Ihr braucht mir nicht zu helfen. Aber wenn Ihr das nicht tut, werde ich Euch wieder und wieder herbeirufen, jetzt, da ich weiß, dass Ihr mich nicht töten könnt. Ab sofort werde ich an Eurer himmlischen Türklingel lehnen… auf immer und ewig.«

Bei diesen Worten schien Raziel – unglaublicherweise – leise in sich hineinzulachen. Du bist sehr hartnäckig. Ein wahrhaftiger Krieger deines Volks, genau wie der, dessen Namen du trägst, Simon Makkabäus. Und so wie er alles für seinen Bruder Jonathan gegeben hat, so wirst auch du alles für deinen Jonathan geben. Oder bist du dazu nicht bereit?

»Ich mache das nicht nur für ihn«, erklärte Simon leicht verwirrt. »Aber, okay, ich werde alles tun, was immer Ihr verlangt.«

Wenn ich deinen Wunsch erfülle, gelobst du dann, mich nicht mehr zu belästigen?

»Ich denke nicht, dass das ein Problem sein dürfte«, sagte Simon.

Also gut, beschied der Engel. Ich werde dir verraten, was ich verlange. Ich verlange dieses blasphemische Mal auf deiner Stirn. Ich werde dir das Kainsmal nehmen, denn es war nie deine Aufgabe, es zu tragen.

»Ich… aber wenn Ihr mir das Mal nehmt, dann könnt Ihr mich töten«, meinte Simon. »Das Kainsmal ist schließlich das Einzige, das zwischen mir und Eurem himmlischen Zorn steht, oder?«

Der Engel schwieg einen Moment, um darüber nachzudenken. Ich werde geloben, dir keinen Schaden zuzufügen. Ob du nun das Mal trägst oder nicht.

Simon zögerte.

In dem Augenblick verfinsterte sich die Miene des Engels. Das Gelübde eines himmlischen Engels ist das Heiligste, das diese Welt kennt. Wagst du es wirklich, mir zu misstrauen, Tageslichtler?

»Ich…« Simon zauderte einen qualvollen Moment lang. Vor seinem inneren Auge sah er Clary, die sich auf die Zehenspitzen gestellt hatte und ihm die Stele an die Stirn drückte. Außerdem erinnerte er sich daran, wie das Kainsmal zum ersten Mal seinen Dienst verrichtet hatte. Als die pure Energie mit tödlicher Kraft durch ihn hindurchfuhr, hatte er sich wie ein Blitzableiter gefühlt. Dieses Mal war ein Fluch, der ihm furchtbare Angst einjagte und andere vor ihm erzittern ließ. Er hasste es. Und dennoch… jetzt, da er es aufgeben sollte, dieses Zeichen, das ihn zu etwas Besonderem machte…

Simon musste schlucken. »Okay. Ja. Ich bin einverstanden.«

Der Engel lächelte – ein Furcht einflößendes Lächeln, als würde man direkt in die Sonne blicken. Dann gelobe ich, dir keinen Schaden zuzufügen, Simon Makkabäus.

»Lewis«, sagte Simon. »Mein Nachname ist Lewis.«

Aber du bist vom Blute und Glauben der Makkabäer. Es heißt, die Makkabäer seien von Gottes Hand gezeichnet. Auf jeden Fall bist du ein himmlischer Krieger, Tageslichtler, ob es dir nun gefällt oder nicht, erwiderte der Engel und setzte sich in Bewegung.

Simons Augen begannen zu tränen, denn Raziel schien den Himmel mit sich zu ziehen wie ein Tuch, in schwarzen, silbernen und wolkenweißen Wirbeln. Die Luft um ihn herum erbebte. Plötzlich blitzte über ihm etwas auf, wie gleißendes Metall, dann bohrte sich ein Objekt klirrend neben Simon in den Boden.

Im feuchten Sand steckte ein Schwert, das nach nichts Besonderem aussah – einfach nur ein abgewetztes altes Eisenschwert mit einem schwarz angelaufenen Heft. Die Klinge war zerklüftet, als hätte sich Säure in die Kanten gefressen; lediglich die Spitze schien messerscharf zu sein. Die Waffe sah nach einem Fundstück bei einer archäologischen Grabung aus, das noch nicht sorgfältig gereinigt worden war.

Im nächsten Moment wandte der Engel sich wieder an Simon:

Es begab sich aber, als Josua bei Jericho war, dass er seine Augen erhob und sich umsah; und siehe, ein Mann stand ihm gegenüber, der hatte ein bloßes Schwert in seiner Hand. Und Josua ging zu ihm und sprach zu ihm: Gehörst du uns an oder unsern Feinden? Er sprach: Nein, sondern ich bin der Fürst über das Heer des Herrn; jetzt bin ich gekommen!

Fragend warf Simon einen Blick auf den nicht besonders vielversprechenden Gegenstand auf dem Boden: »Und das soll dieses Schwert sein?«

Dies ist das Flammenschwert des Erzengels Michael, Fürst über das Heer des Herrn. Es besitzt die Kraft des Himmlischen Feuers. Wenn ihr euren Feind damit trefft, wird es alles Böse in ihm ausbrennen. Überwiegt das Böse in ihm, weil er eher ein Geschöpf der Hölle als des Himmels ist, so wird das Schwert ihm zugleich den Lebensatem nehmen. Auf jeden Fall wird es den Bund mit eurem Freund zertrennen. Und es kann nur jeweils einem von beiden Schaden zufügen.

Simon bückte sich und hob das Schwert auf. Die Berührung jagte einen elektrischen Schlag durch seinen Arm, bis hinauf in sein pulsloses Herz. Instinktiv hob er die Waffe und die Wolkendecke über ihm teilte sich. Ein Lichtstrahl fuhr vom Himmel in das matte Metall des Schwerts herab und ließ es sirren.

Der Engel musterte Simon mit kühlem Blick. Der wahre Name dieses Schwertes kann von deiner kümmerlichen, menschlichen Zunge nicht ausgesprochen werden. Du darfst es »Glorious« nennen.

»Ich…«, setzte Simon an. »Vielen Dank.«

Danke mir nicht. Ich hätte dich getötet, Tageslichtler, aber dein Mal und nun mein Gelübde verhindern das. Das Kainsmal hätte nur von Gott aufgetragen werden dürfen und das ist in deinem Falle nicht geschehen. Von nun an soll es von deiner Stirn genommen und sein Schutz dir entzogen sein. Und wenn du mich noch einmal herbeirufst, werde ich dir nicht helfen.

Augenblicklich gewann der Lichtstrahl aus den Wolken an Leuchtkraft; er traf das Schwert wie eine Feuerpeitsche und umgab Simon mit einem Käfig aus grellem, heißem Licht. Im nächsten Moment begann das Schwert zu brennen. Simon schrie auf und sackte zusammen, während ein sengender Schmerz durch seinen Kopf schoss. Er hatte das Gefühl, als würde jemand eine glühende Nadel in seine Stirn bohren. Hilflos schlug er die Hände vors Gesicht, begrub den Kopf unter den Armen und ließ den Schmerz über sich hinwegrollen – die schlimmsten Qualen seit jener Nacht, in der er gestorben war.

Nach einer Weile verebbte der Schmerz. Simon drehte sich auf den Rücken und starrte in den Himmel, sein Schädel brummte. Die dunklen Wolken zogen sich langsam zurück und ließen einen breiten Streifen des blauen Himmels zum Vorschein kommen. Der Engel war verschwunden und der See brandete unter dem anschwellenden Licht, als würde sein Wasser kochen.

Simon setzte sich langsam auf und blinzelte schmerzhaft in die Sonne. Dann sah er, wie jemand über den Weg vom Haus hinunter zum See stürmte.

Eine Gestalt mit langen schwarzen Haaren und einer violetten Jacke, die sich hinter ihr aufbauschte, als hätte sie Flügel. Schließlich erreichte die Gestalt das Ende des Wegs und sprang mit langen Schritten über den seichten Uferbereich, wobei ihre Stiefel kleine Sandwolken aufwirbelten. Dann war sie bei ihm, warf sich förmlich auf ihn und schlang die Arme um ihn. »Simon«, wisperte sie.

Er konnte den kräftigen, gleichmäßigen Schlag von Isabelles Herz an seiner Brust fühlen.

»Ich hab gedacht, du wärst tot«, stieß sie hervor. »Ich hab gesehen, wie du umgekippt bist und… und da dachte ich, du wärst tot.«

Simon stützte sich auf die Hände und ließ sich von Isabelle umarmen. Dabei kam er sich vor wie ein Schiff, das mit einem Loch in der Bordwand zur Seite hing. Er versuchte, sich nicht zu bewegen, weil er fürchtete, sonst umzukippen. »Ich bin tot«, erwiderte er.

»Ich weiß«, fauchte Isabelle. »Ich meinte damit: noch toter als sonst.«

»Izzy.« Simon hob das Gesicht. Die junge Schattenjägerin kniete über ihm, ihre Arme um seinen Hals geschlungen. Irgendwie sah es ziemlich unbequem aus. Deshalb ließ Simon sich nach hinten sinken, bis er mit dem Rücken auf dem kalten Sand auftraf. Isabelle lag nun auf ihm, sodass er in ihre schwarzen Augen schauen konnte, die den ganzen Himmel auszufüllen schienen.

Verwundert berührte Isabelle seine Stirn. »Dein Mal ist verschwunden.«

»Raziel hat es mir genommen. Im Tausch gegen das Schwert.« Simon deutete auf die Waffe. Am Farmhaus konnte er zwei dunkle Gestalten vor der Veranda erkennen, die zu ihnen hinunterschauten. Alec und Magnus. »Das ist das Schwert des Erzengels Michael und es trägt den Namen Glorious.«

»Simon…« Isabelle küsste ihn auf die Wange. »Du hast es geschafft. Du hast den Engel herbeigerufen. Und du hast das Schwert.«

Inzwischen kamen auch Magnus und Alec den Weg zum See hinunter. Erschöpft schloss Simon die Augen.

Isabelle beugte sich über ihn und ihre Haare streichelten seine Wangen. »Versuch, nicht zu reden.« Sie duftete nach Tränen. »Du bist nicht mehr verflucht«, wisperte sie. »Du bist nicht länger verflucht.«

Simon verschränkte seine Finger mit Isabelles. Er hatte das Gefühl, als würde er auf einem dunklen Fluss treiben, dessen Schatten ihn allmählich verschluckten. Nur Isabelles Hand verankerte ihn noch mit dem rettenden Ufer. »Ich weiß.«

19 Liebe und Blut

Sorgfältig und systematisch durchkämmte Clary Jace’ Zimmer. Sie trug noch immer ihr Trägerhemd, hatte sich aber eine Jeans angezogen; ihr Haar war zu einem zerzausten Knoten hochgesteckt und Staub klebte an ihren Fingernägeln. Sie hatte auf der Suche nach einer zweiten Stele unter Jace’ Bett nachgesehen, in allen Schubladen und Kommoden, unter Kleiderschrank und Schreibtisch und in allen Taschen seiner Kleidung – doch vergebens.

Sebastian hatte sie erzählt, sie sei erschöpft und müsse sich unbedingt hinlegen; daraufhin hatte ihr Bruder nur stumm genickt und sie mit einer geistesabwesenden Handbewegung nach oben geschickt. Während Clary jeden Winkel des Zimmers absuchte, tauchten vor ihrem inneren Auge immer wieder Bilder von Jace auf – wie er sie angesehen hatte, als fühlte er sich hintergangen, als würde er sie nicht mehr kennen. Doch es hatte keinen Zweck, jetzt darüber nachzudenken. Natürlich konnte sie sich auf die Bettkante setzen, die Hände vors Gesicht schlagen und heiße Tränen vergießen beim Gedanken an das, was sie getan hatte, doch damit wäre niemandem gedient. Sie war es Jace und sich selbst schuldig weiterzumachen. Weiterzusuchen. Wenn sie doch nur eine Stele finden könnte…

Clary hob gerade die Matratze an, um den Bereich zwischen der Auflage und dem Bettgestell zu überprüfen, als es plötzlich an der Tür klopfte. Resigniert ließ sie die Matratze fallen, zumal sie auch dort keine Stele hatte finden können. Dann ballte sie die Hände zu Fäusten, holte tief Luft, marschierte zur Tür und riss sie auf.

Sebastian stand im Rahmen. Zum ersten Mal trug er etwas anderes als seine übliche schwarze und weiße Kleidung – zwar noch immer seine schwarze Hose und Stiefel, aber darüber eine Uniformjacke aus scharlachrotem Leder, die mit kunstvoll verschlungenen, goldenen und silbernen Runen versehen war und von einer Reihe Metallschnallen zusammengehalten wurde. An beiden Handgelenken schimmerten silberne Armbänder und an seinem Finger funkelte der Morgenstern-Ring.

Verwundert blinzelte Clary ihn an. »Rot?«

»Für Zeremonien«, erwiderte Sebastian. »Farben haben für uns Nephilim eine andere Bedeutung als für Menschen«, fuhr er fort und sprach das letzte Wort voller Verachtung aus. »Du kennst doch den alten Schattenjäger-Kinderreim, oder etwa nicht?

Schwarz für die Jagd in tiefer Nacht

Weiß für Tod und Totenwacht

Gold für die Braut im Hochzeitskleid

Und Rot für Magie und Zauberzeit.

»Schattenjäger heiraten in Gold?«, fragte Clary. Im Grunde war ihr das egal, aber sie versuchte, Sebastian abzulenken, während sie sich so in den Spalt zwischen Tür und Rahmen schob, dass er nicht an ihr vorbeisehen und das Chaos bemerken konnte, in das sie Jace’ normalerweise aufgeräumtes Zimmer verwandelt hatte.

»Tut mir leid, wenn ich deine Träume von einer Hochzeit in Weiß vernichtet habe«, grinste Sebastian. »Apropos, ich hab hier was zum Anziehen für dich«, fügte er hinzu und brachte ein gefaltetes Kleidungsstück zum Vorschein, das er bis dahin hinter dem Rücken verborgen hatte.

Clary nahm es entgegen und faltete es auseinander: ein langes Kleid aus fließendem, scharlachrotem Stoff, das einen seltsamen goldenen Glanz besaß, wie der Rand einer Flamme.

»Unsere Mutter hat dieses Kleid immer bei den Zeremonien des Kreises getragen, ehe sie unseren Vater hintergangen hat«, erklärte Sebastian. »Zieh es an. Ich möchte, dass du es heute Nacht trägst.«

»Heute Nacht?«

»Na ja, du kannst ja wohl schlecht in den Sachen, die du jetzt trägst, bei der Zeremonie auftauchen.« Sein Blick streifte über Clarys Körper, von den nackten Füßen über das verschwitzte Trägerhemd, das an ihrer Haut klebte, bis hin zu ihrer staubigen Jeans. »Es ist wichtig, wie du heute Nacht aussiehst… welchen Eindruck du auf unsere neuen Gefolgsleute machst. Also zieh es an.«

Clarys Gedanken überschlugen sich förmlich. Die Zeremonie heute Nacht. Unsere neuen Gefolgsleute. »Wie viel Zeit hab ich… um mich umzuziehen?«, fragte sie.

»Eine Stunde, wenn überhaupt. Wir sollten um Mitternacht an der Weihestätte sein. Die anderen werden sich dort versammeln. Und es empfiehlt sich nicht, zu spät zu kommen.«

Eine Stunde. Mit pochendem Herzen warf Clary das Kleid auf das Bett, wo es wie ein Kettenhemd schimmerte und glänzte. Als sie sich wieder umdrehte, stand Sebastian noch immer in der Tür, ein schiefes Lächeln im Gesicht. Es sah so aus, als beabsichtigte er, dort stehenzubleiben und zu warten, während Clary sich umzog. Resolut versuchte Clary, die Tür zu schließen.

Doch Sebastian packte sie am Handgelenk. »Heute Nacht wirst du mich mit Jonathan ansprechen. Jonathan Morgenstern. Dein Bruder.«

Clary jagte ein Schauer über den Rücken und sie senkte rasch den Blick, damit Sebastian den Hass darin nicht sehen konnte. »Von mir aus«, murmelte sie.

Als Sebastian gegangen war, schnappte Clary sich eine von Jace’ Lederjacken, streifte sie über und fand Trost in der Wärme und Jace’ vertrautem Geruch. Dann zog sie ihre Schuhe an, schlich sich hinaus in den Flur und wünschte sich sehnlichst eine Stele, um sich erneut mit einer Unhörbarkeitsrune versehen zu können. Aus dem Erdgeschoss drang das Geräusch von fließendem Wasser und Sebastians unmelodisches Pfeifen, doch ihre eigenen Schritte klangen in ihren Ohren noch immer wie Kanonenschüsse. Vorsichtig huschte sie weiter, immer dicht an der Wand entlang, bis sie Sebastians Zimmer erreichte und hineinschlüpfte.

Der Raum war dunkel – durch die Fenster fiel lediglich etwas Licht von den Straßenlaternen – und unaufgeräumt, genau wie bei Clarys erstem Erkundungsrundgang. Sie begann ihre Suche beim Schrank, der bis zum Rand mit teurer Kleidung vollgestopft war: Seidenhemden, Lederjacken, Armani-Anzüge und Schuhe von Bruno Magli. Auf dem untersten Regalboden lag ein weißes Hemd, zusammengeknüllt und blutverschmiert. Allerdings war das Blut so alt, dass es inzwischen nicht mehr rot, sondern bräunlich geworden war. Clary betrachtete es lange und schloss dann den Schrank.

Als Nächstes durchsuchte sie den Schreibtisch, jede einzelne Schublade, und stöberte in den Dokumenten, die darauf herumlagen. Eigentlich hatte sie gehofft, einen eindeutigen Hinweis zu finden, wie etwa eine linierte Notizblockseite mit der Überschrift »Mein teuflischer Plan«, doch vergebens. Stattdessen stieß sie auf Dutzende Zettel mit komplizierten numerischen und alchemistischen Berechnungen und sogar auf einen Briefbogen, der in Sebastians krakeliger Handschrift mit »Meine Schöne« begann. Einen Moment fragte Clary sich, wer um alles auf der Welt Sebastians Schöne sein mochte – in ihren Augen war er niemand, der gegenüber irgendjemandem romantische Gefühle entwickeln konnte. Dann wandte sie sich dem Nachttisch an seinem Bett zu.

Sie zog die Schublade auf. Darin stapelten sich haufenweise Zettel. Obenauf lag etwas Glänzendes… ein rundes Objekt aus Metall.

Ihr Elbenring.

Isabelle hatte einen Arm um Simon gelegt, während sie gemeinsam nach Brooklyn zurückfuhren. Er war erschöpft, sein Schädel brummte und sein ganzer Körper schmerzte. Magnus hatte ihm zwar den Ring zurückgegeben, doch er hatte Clary noch immer nicht erreichen können. Aber das Schlimmste war der nagende Hunger. Obwohl es ihm gefiel, dass Isabelle dicht neben ihm saß und ihre Hand feine Muster auf seinen Unterarm bis hinunter zum Handgelenk malte, ließ ihr Duft – Parfüm und Blut – seinen Magen hungrig knurren.

Draußen wurde es allmählich dunkel; die spätherbstliche Sonne stand bereits sehr tief und tauchte das Innere des Transporters in ein schummriges Licht. Alecs und Magnus’ Stimmen drangen gedämpft aus den Schatten neben ihm. Simon spürte, wie ihm die Lider zufielen, und sah vor seinem inneren Auge den Engel Raziel wie eine Explosion aus gleißendem Licht.

Simon!

Clarys Stimme explodierte förmlich in seinem Kopf und riss ihn aus seinem Dämmerzustand.

Simon! Hörst du mich?

Keuchend setzte Simon sich auf. Clary? Ich hab mir solche Sorgen gemacht

Sebastian hatte mir den Ring weggenommen. Simon, uns bleibt vielleicht nicht viel Zeit, aber ich muss dir unbedingt etwas sagen: Sebastian und Jace haben einen zweiten Engelskelch. Sie wollen Lilith heraufbeschwören und eine Armee Dunkler Nephilim erschaffen Krieger mit denselben Kräften wie die Schattenjäger, aber mit der Dämonenwelt verbündet.

»Das ist doch nicht dein Ernst!«, stieß Simon hervor und erkannte erst nach einem Moment, dass er das laut ausgesprochen hatte.

Isabelle setzte sich unruhig neben ihm auf und Magnus warf ihm einen neugierigen Blick zu. »Alles in Ordnung, Vampir?«

»Ich rede gerade mit Clary«, erklärte Simon, woraufhin ihn die drei mit großen, verwunderten Augen anschauten. »Sie will mir was sagen.« Simon hielt sich die Hände über die Ohren, rutschte tiefer in den Sitz und versuchte, sich auf Clarys Worte zu konzentrieren. Wann werden sie diesen Plan umsetzen?

Heute Nacht. Schon bald. Ich weiß nicht, wo wir im Moment sind, aber hier ist es ungefähr zehn Uhr abends.

Dann seid ihr etwa fünf Stunden vor unserer Zeit. Befindet ihr euch in Europa?

Ich hab keine Ahnung. Sebastian hat irgendeinen Ort erwähnt die Siebte Weihestätte. Ich weiß nicht, was das ist, aber ich habe ein paar von seinen Notizen gefunden und anscheinend handelt es sich um ein steinzeitliches Grabmal. Das Ganze sieht aus wie eine Art Portal, durch das man Dämonen heraufbeschwören kann.

Clary, davon hab ich noch nie gehört

Aber Magnus vielleicht oder die anderen. Bitte, Simon, rede so schnell wie möglich mit ihnen: Sebastian plant, Lilith wiederzuerwecken. Er will einen Krieg, einen Krieg gegen die Nephilim. Und er hat etwa vierzig Schattenjäger auf seine Seite gezogen. Sie werden ebenfalls an dieser Weihestätte sein. Simon, Sebastian will die ganze Welt in Schutt und Asche legen. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um ihn aufzuhalten.

Wenn die Situation so gefährlich ist, musst du zusehen, dass du da wegkommst.

Das versuche ich ja. Clary klang erschöpft. Aber es könnte bereits zu spät sein.

Vage nahm Simon wahr, dass die anderen drei ihn besorgt anstarrten. Aber es war ihm egal. Clarys Stimme in seinem Kopf erschien ihm wie ein Seil, das sich über eine tiefe Schlucht erstreckte: Wenn er nur kräftig genug an seinem Seilende zog, gelang es ihm vielleicht, Clary in Sicherheit zu bringen oder zumindest vor einem Absturz zu bewahren.

Clary, hör mir gut zu: Ich kann jetzt nicht ins Detail gehen, dafür ist die Geschichte zu lang, aber wir haben eine Waffe. Ein Schwert, das entweder bei Jace oder Sebastian angewendet werden kann, ohne den jeweils anderen zu verletzen. Und laut laut der Person, die uns das Schwert gegeben hat, ist diese Waffe möglicherweise in der Lage, die beiden voneinander zu trennen.

Voneinander zu trennen? Wie soll das funktionieren?

Uns wurde gesagt, das Schwert würde alles Böse in demjenigen ausbrennen, gegen den wir es verwenden. Wenn wir es also gegen Sebastian einsetzen, würde es meiner Vermutung nach die Verbindung zwischen ihm und Jace zerstören, denn dieser Bund ist böse. Simon spürte, wie sein Kopf dröhnte, und hoffte inständig, zuversichtlicher zu klingen, als er sich fühlte. Ich bin mir nicht ganz sicher. Auf jeden Fall ist dieses Schwert sehr mächtig. Es heißt übrigens »Glorious«.

Man könnte es gegen Sebastian einsetzen? Es würde die Verbindung zwischen den beiden zerstören, ohne sie zu töten?

Na ja, das ist zumindest der Plan. Natürlich besteht die Chance, dass das Schwert Sebastian vernichtet. Das hängt davon ab, ob das Böse in ihm überwiegt und er »eher ein Geschöpf der Hölle als des Himmels« ist. Ich glaube, so oder so ähnlich hat der Engel es formuliert

Der Engel? Clarys Bestürzung war förmlich zu spüren. Simon, was habt ihr?

Plötzlich brach ihre Stimme ab und Simon nahm eine Fülle heftiger Gefühle wahr: Überraschung, Wut, Angst. Schmerz. Er schrie auf und setzte sich ruckartig auf. Clary?

Doch in seinem Kopf herrschte nur lähmende Stille.

Clary!, rief er und wandte sich dann an die anderen: »Verdammt. Ich hab sie schon wieder verloren.«

»Was ist passiert?«, drängte Isabelle. »Geht es ihr gut? Was läuft da ab?«

»Ich fürchte, wir haben viel weniger Zeit als gedacht«, erklärte Simon wesentlich ruhiger, als er tatsächlich war. »Magnus, halt an. Wir müssen reden. Sofort.«

»Also«, setzte Sebastian an und versperrte den Türrahmen, während er auf Clary hinabblickte. »Könnte man das jetzt als Déjà-vu bezeichnen, wenn ich dich frage, was du in meinem Zimmer machst, Schwesterherz?«

Clary musste schlucken; ihre Kehle war plötzlich wie ausgetrocknet. Wegen des hellen Lichts im Flur konnte Clary nur Sebastians Silhouette erkennen, nicht aber den Ausdruck auf seinem Gesicht. »Ich hab dich gesucht…«, erwiderte sie auf gut Glück.

»Du sitzt auf meinem Bett«, bemerkte er. »Hast du gedacht, ich liege darunter?«

»Ich…«

Sebastian löste sich von der Tür und kam ins Zimmer, schlenderte regelrecht, als wüsste er etwas, das Clary nicht wusste. Etwas, das niemand anderes wusste. »Also, warum hast du nach mir gesucht? Und weshalb bist du noch nicht umgezogen?«

»Das Kleid… es… passt nicht«, log Clary.

»Selbstverständlich passt es«, entgegnete Sebastian, setzte sich neben sie auf das Bett und schaute sie an. »Alle anderen Kleidungsstücke passen dir doch. Also sollte dieses auch passen.«

»Aber das hier ist aus Chiffon und dieses Seidengewebe lässt sich nicht dehnen.«

»Du bist so ein kleines, mageres Ding. Das Kleid müsste eigentlich auch so sitzen.« Sebastian nahm Clarys rechtes Handgelenk, woraufhin sie hastig die Finger krümmte im verzweifelten Versuch, den Ring zu verbergen. »Meine Finger können dein Handgelenk locker umfassen.«

Seine Haut fühlte sich heiß an und prickelte wie tausend Nadelstiche. Clary erinnerte sich wieder an jenen Moment in Idris, als ihr Handgelenk nach Sebastians Berührung furchtbar gebrannt hatte. »Diese Siebte Weihestätte…«, setzte sie an, ohne Sebastian dabei anzuschauen, »… ist das der Ort, zu dem Jace aufgebrochen ist?«

»Ja, ich hab ihn vorausgeschickt. Er bereitet alles für unsere Ankunft vor. Wir treffen ihn dort.«

Clary sank der Mut. »Dann kommt er nicht hierher zurück?«

»Nein, jedenfalls nicht vor der Zeremonie.«

Aus dem Augenwinkel nahm Clary das matte Lächeln wahr, das Sebastians Mundwinkel umspielte.

»Und das ist auch gut so, denn er wäre furchtbar enttäuscht, wenn ich ihm hiervon erzählen würde«, fuhr Sebastian fort, schob seine Hand blitzschnell über Clarys und bog ihre Finger auseinander. Der Goldring strahlte ihnen entgegen wie ein Leuchtfeuer. »Hast du etwa geglaubt, ich würde einen von Elfenhand gefertigten Ring nicht erkennen? Hältst du die Königin des Lichten Volkes tatsächlich für solch eine Närrin, dass sie dich losschickt, um diese Ringe für sie zu holen, ohne gleichzeitig genau zu wissen, dass du sie für dich behalten wirst? Die Königin wollte, dass du diesen Ring hierherbringst, wo ich ihn dann finden würde.« Mit einem hämischen Grinsen riss Sebastian Clary den goldenen Reif vom Finger.

»Du hast mit der Königin gesprochen?«, fragte Clary fordernd. »Wie?«

»Mithilfe dieses Rings«, säuselte Sebastian.

Clary erinnerte sich wieder an das, was die Elbenkönigin mit ihrer hohen, lieblichen Stimme gesagt hatte: Jonathan Morgenstern könnte ein mächtiger Verbündeter werden. Das Lichte Volk ist sehr alt; wir treffen keine unüberlegten Entscheidungen, sondern warten erst einmal ab, in welche Richtung der Wind sich dreht.

»Hast du ernsthaft gedacht, sie würde dir ein Objekt in die Hände spielen, das dir die Kommunikation mit deinen kleinen Freunden erlaubt, ohne gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie alles mithören kann? Seit dem Moment, in dem ich dir den Ring abgenommen habe, stehen wir in ständigem Kontakt. Es war dumm von dir, ihr zu vertrauen, Schwesterherz. Die Königin des Lichten Volkes zieht es vor, auf Seiten der Gewinner zu stehen. Und das wird unsere Seite sein, Clary. Unsere«, erklärte er mit tiefer, leiser Stimme. »Vergiss deine Schattenjäger-Freunde. Dein Platz ist an unserer Seite. An meiner Seite. Dein Blut schreit nach Macht, genau wie meines. Ganz egal, was deine Mutter mit deinem Verstand angestellt hat: Tief in dir drin weißt du genau, wer du bist.« Sebastian packte Clary erneut am Handgelenk und zog sie zu sich heran. »Jocelyn hat ausschließlich falsche Entscheidungen getroffen: Sie hat sich mit dem Rat gegen ihre Familie verbündet. Das hier ist deine Chance, ihre Fehler wiedergutzumachen.«

Clary versuchte, ihm ihr Handgelenk zu entziehen. »Lass mich los, Sebastian. Das ist mein Ernst.«

Seine Hand glitt zwar von ihrem Gelenk, aber nur, um Jace’ Jacke hinaufzuwandern und Clary dann fest am Oberarm zu packen. »Du bist so ein winziges Ding. Wer hätte gedacht, dass in dir trotzdem ein kleiner Vulkan steckt? Vor allem im Bett.«

Ruckartig sprang Clary auf und riss sich von ihm los. »Was hast du gerade gesagt?«, fauchte sie.

Auch Sebastian erhob sich, ein spöttisches Grinsen um die Lippen. Er war so viel größer als Clary, dass er sie um Haupteslänge überragte. Dann beugte er sich zu ihr hinunter und stieß mit leiser, heiserer Stimme hervor: »Jede noch so kleine Verletzung, die Jace zugefügt wird, spüre auch ich. Auch die deiner Fingernägel… Acht parallele Kratzer auf meinem Rücken, Schwesterherz. Oder stammen die etwa nicht von dir?«

In Clarys Kopf machte es »Plopp« wie bei einem verpufften Feuerwerk. Sie starrte in sein grinsendes Gesicht und musste an Jace denken und dann an Simon und ihr Gespräch wenige Minuten zuvor. Wenn die Königin wirklich alles mithören konnte, dann wusste sie vermutlich bereits von dem Schwert. Aber Sebastian nicht. Und er durfte unter keinen Umständen davon erfahren.

Blitzschnell riss sie ihm den Ring aus der Hand und warf ihn auf den Boden. Sie hörte zwar noch, wie Sebastian aufbrüllte, aber sie hatte bereits mit dem Schuh auf den Ring getreten und fühlte, wie er nachgab und unter ihrem Absatz zu Goldstaub zerbröselte.

Ungläubig starrte er sie an, während Clary ihren Fuß wegnahm. »Du…«, stieß er hervor.

Doch Clary wartete nicht länger: Sie holte mit ihrer rechten Hand aus und rammte ihm die Faust in den Magen.

Sebastian war größer, breiter und stärker als sie, aber sie hatte das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Röchelnd krümmte er sich zusammen, während Clary sich die Stele aus seinem Gürtel schnappte. Und dann rannte sie los.

Magnus riss das Lenkrad so ruckartig herum, dass die Reifen quietschten. Isabelle schrie auf und Sekunden später holperten sie auch schon auf den Seitenstreifen und hielten im Schatten mehrerer fast kahler Bäume.

Dann flogen die Türen auf und alle Insassen taumelten hinaus auf den Asphalt. Die Sonne war fast untergegangen, weshalb Magnus die Scheinwerfer des Transporters eingeschaltet hatte und sie nun in ein unheimliches Licht getaucht wurden.

»Okay, Vampir«, stieß Magnus hervor und schüttelte den Kopf derart heftig, dass Glitter in alle Richtungen flog. »Was zum Teufel ist hier los?«

Alec lehnte sich gegen den Wagen, während Simon rasch die Situation erklärte und das Gespräch mit Clary möglichst genau wiederholte, bevor ihm wichtige Details wieder entfielen.

»Hat sie irgendetwas darüber gesagt, dass sie und Jace abhauen?«, fragte Isabelle, als Simon seinen Bericht beendet hatte; ihr Gesicht wirkte bleich im gelblichen Licht der Scheinwerfer.

»Nein«, sagte Simon. »Und… und ich glaube auch nicht, dass Jace abhauen will, Izzy. Er will genau dort sein, wo er gerade ist.«

Isabelle verschränkte die Arme und schaute auf ihre Stiefel. Die schwarzen Haare fielen ihr ins Gesicht.

»Was hat es eigentlich mit dieser Siebten Weihestätte auf sich?«, hakte Alec nach. »Ich kenne zwar die Sieben Weltwunder, aber von den Sieben Weihestätten hab ich noch nie gehört.«

»Diese Weihestätten sind für Hexenwesen interessanter als für Nephilim«, erläuterte Magnus. »Es handelt sich dabei um besondere Orte, an denen mehrere Kraftlinien – sogenannte Ley-Linien – zusammenkommen und eine Matrix bilden, eine Art Netz, in dem Zauber- und Beschwörungsformeln verstärkt werden. Die Siebte Weihestätte ist eine steinerne Grabkammer in Irland: Poll na mBrón. Der Name bedeutet ›Höhle der Sorgen‹. Das Grabmal liegt in einer sehr rauen, menschenleeren Gegend namens Burren. Ein geeigneter Ort zum Heraufbeschwören eines Dämons, insbesondere eines sehr mächtigen.« Nachdenklich zupfte er an einer seiner abstehenden Haarspitzen. »Das ist schlecht. Richtig schlecht.«

»Meinst du, Sebastian ist dazu in der Lage, Dunkle Schattenjäger zu erschaffen?«, fragte Simon.

»Alles ist mit bestimmten Kräften verbunden: Die Nephilim besitzen seraphische Kräfte, aber würde man diese in dämonische verwandeln, dann wären sie noch genauso stark und mächtig wie jetzt, würden sich aber der Ausrottung der Menschheit widmen statt deren Rettung.«

»Wir müssen unbedingt dorthin«, sagte Isabelle. »Wir müssen sie aufhalten.«

»›Ihn‹ meinst du wohl«, warf Alec ein. »Wir müssen ihn aufhalten. Sebastian.«

»Jace ist jetzt sein Verbündeter. Das musst du endlich akzeptieren, Alec«, erklärte Magnus. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt und die Tropfen schimmerten im Scheinwerferlicht wie Gold. »Irland ist fünf Stunden vor unserer Zeit. Die Zeremonie soll um Mitternacht stattfinden. Wir haben hier jetzt fünf Uhr nachmittags, das heißt, uns bleiben eineinhalb – maximal zwei – Stunden, um sie aufzuhalten.«

»Dann sollten wir hier nicht länger herumstehen, sondern uns auf den Weg machen«, sagte Isabelle, mit einem Anflug von Panik in der Stimme. »Wenn wir sie stoppen wollen…«

»Izzy, wir sind nur zu viert«, gab Alec zu bedenken. »Wir wissen ja noch nicht einmal, mit wie vielen Schattenjägern wir es aufnehmen müssen…«

Simon warf Magnus einen Blick zu, der die Diskussion zwischen Alec und Isabelle mit seltsam distanzierter Miene beobachtete, und fragte ihn dann: »Warum haben wir uns eigentlich nicht hierher teleportiert? Du hast schließlich halb Idris durch ein Portal zur Brocelind-Ebene geschickt.«

»Ich wollte dir die Chance geben, deine Meinung zu ändern«, erklärte Magnus, ohne dabei den Blick von seinem Freund abzuwenden.

»Aber wir könnten uns von hier aus nach Irland teleportieren«, sagte Simon. »Ich meine, dazu wärst du doch in der Lage, oder?«

»Ja, schon, aber wie Alec bereits sagte, wissen wir nicht, mit wie vielen wir es zu tun haben. Ich bin zwar ein ziemlich mächtiger Hexenmeister, aber Jonathan Morgenstern ist kein gewöhnlicher Schattenjäger und das Gleiche gilt für Jace. Und wenn es ihnen gelingt, Lilith heraufzubeschwören… Sie wird zwar deutlich geschwächt sein, aber sie bleibt immer noch Lilith.«

»Aber sie ist doch tot«, warf Isabelle ein. »Simon hat sie getötet.«

»Dämonenfürsten sterben nicht«, erwiderte Magnus. »Simon hat… sie zwischen den Welten zerstreut. Es wird sehr lange dauern, bis sie sich wieder zusammengesetzt hat, und sie wird viele Jahre lang ziemlich schwach sein. Es sei denn, Sebastian ruft sie erneut herbei«, fügte er hinzu und fuhr sich mit der Hand durch die feuchten, spitzen Haare.

»Wir haben das Schwert«, sagte Isabelle. »Damit können wir Sebastian ausschalten. Und wir haben Magnus und Simon…«

»Aber wir wissen nicht einmal, ob das Schwert tatsächlich funktioniert«, entgegnete Alec. »Und es nutzt uns nicht viel, wenn wir nicht an Sebastian herankommen. Außerdem ist Simon nicht länger Mister Unzerstörbar. Er kann genau wie wir anderen getötet werden.«

Alle Augen richteten sich auf Simon. »Wir müssen es trotzdem versuchen«, sagte er. »Mag sein, dass wir die Anzahl der Gegner nicht kennen, aber wenn Magnus uns teleportiert, bleibt uns zwar nicht viel, aber dennoch genügend Zeit, um Verstärkung zu holen.«

»Verstärkung? Und woher soll die kommen?«, fragte Isabelle fordernd.

»Ich werd Maia und Jordan fragen«, erklärte Simon, während er in Gedanken rasch alle Möglichkeiten durchging. »Vielleicht kann Jordan ja die Unterstützung von den Praetor Lupus anfordern. Magnus, du teleportierst dich zur alten Polizeiwache und versuchst, möglichst viele Rudelmitglieder zu mobilisieren. Isabelle und Alec…«

»Du willst uns aufteilen?«, hakte Isabelle mit erhobener Stimme nach. »Warum schicken wir denn keine Flammenbotschaften oder…?«

»Weil niemand einer Flammenbotschaft mit einem derartigen Inhalt trauen würde«, erläuterte Magnus. »Außerdem ist diese Kommunikationsform den Nephilim vorbehalten. Willst du wirklich eine derart brisante Information dem Rat per Flammenbotschaft übermitteln, statt das Institut persönlich aufzusuchen?«

»Also gut.« Isabelle marschierte zur Beifahrertür, riss sie auf, stieg aber nicht ein, sondern holte Glorious hervor. Das Schwert schimmerte in der Dämmerung wie ein schwarzer Blitz und die in die Klinge geprägten Worte leuchteten im Scheinwerferlicht auf: Quis ut Deus?

Isabelles schwarze Haare waren inzwischen vom Nieselregen feucht geworden und klebten an ihrem Hals. Die junge Schattenjägerin sah unglaublich eindrucksvoll aus, während sie zu den anderen zurückkehrte. »Dann lassen wir den Wagen hier stehen, teilen uns auf und treffen uns in einer Stunde im Institut. Von dort aus brechen wir auf, egal wer uns dann begleitet.« Herausfordernd schaute sie in die Runde. »Simon, du nimmst das hier an dich«, kommandierte sie und hielt ihm Glorious mit dem Heft entgegen.

»Ich?«, rief Simon verblüfft. »Aber ich… ich hab noch nie ein Schwert in der Hand gehabt… ich weiß gar nicht, wie man damit umgeht.«

»Du hast es herbeigerufen«, erwiderte Isabelle mit glänzenden dunklen Augen. »Der Engel hat es dir übergeben, Simon, und du wirst auch derjenige sein, der es führt.«

Clary rannte durch den Flur und flog förmlich die Stufen hinunter, um die Stelle an der Küchenwand zu erreichen, die laut Jace der einzige Ein- und Ausgang der Wohnung war.

Dabei gab sie sich keinerlei Illusionen hin, dass ihr die Flucht gelingen würde. Sie brauchte nur ein paar Sekunden, um das zu tun, was getan werden musste. Hinter sich hörte sie Sebastians schwere Stiefel auf der Glastreppe und sie beschleunigte ihre Schritte, sodass sie fast gegen die Wand prallte. Hastig rammte sie die Spitze der Stele in das Mauerwerk und zeichnete fieberhaft: eine Rune so schlicht wie ein Kreuz und so frisch auf dieser Welt wie ein Neugeborenes

Sebastian packte Clary an Jace’ Jacke im Rücken und riss sie so heftig zurück, dass ihr die Stele aus der Hand flog. Keuchend schnappte sie nach Luft, als er sie hochhob und mit voller Wucht gegen die Wand schleuderte. Er warf einen kurzen Blick auf die Zeichnung und verzog spöttisch die Lippen. »Eine Entriegelungsrune?«, höhnte er. Dann beugte er sich vor und zischte ihr ins Ohr: »Und du hast sie noch nicht einmal fertiggestellt. Nicht, dass es irgendeine Rolle spielen würde. Glaubst du ernsthaft, auf dieser Welt gäbe es auch nur einen Ort, an dem ich dich nicht finden würde?«

Clary reagierte mit einem Schimpfwort, das ihr an ihrer alten Highschool einen Klassenverweis eingehandelt hätte. Als Sebastian zu lachen begann, holte Clary aus und verpasste ihm eine derart schallende Ohrfeige, dass ihre eigenen Finger prickelten. Überrascht lockerte Sebastian seinen Griff und Clary riss sich los, machte einen Salto über den Tisch und stürmte in Richtung ihres Zimmers, das zumindest ein Türschloss hatte…

Doch im nächsten Moment verstelle Sebastian ihr den Weg, packte sie am Jackenkragen und wirbelte sie herum. Clarys Füße verloren den Halt und sie wäre gestürzt, wenn Sebastian sie nicht mit seinem Körper an die Wand gepresst hätte, seine Arme links und rechts von ihr, sodass sie wie in einem Käfig gefangen war.

Ein sardonisches Grinsen verzerrte seine Züge – der elegante Junge, der mit ihr an der Seine entlanggeschlendert war, heiße Schokolade getrunken und von Zugehörigkeit gesprochen hatte, war verschwunden. Seine Augen waren absolut schwarz… bodenlos wie tiefe Brunnen. »Was ist los, Schwesterherz? Du wirkst betrübt.«

Clary bekam kaum Luft und stieß mühsam hervor: »Hab mir… beim Ohrfeigen… deiner nichtsnutzigen Visage… den Nagellack ruiniert… siehst du?« Sie zeigte ihm ihren Finger – den Mittelfinger.

»Ach, wie niedlich.« Sebastian schnaubte. »Weißt du, woher ich gewusst habe, dass du uns verraten würdest? Dass du gar nicht anders konntest? Ich wusste es, weil du mir zu ähnlich bist.« Er presste ihren Rücken noch fester gegen die Wand.

Clary konnte spüren, wie sich seine Brust an ihrer hob und senkte. Sie befand sich auf Augenhöhe mit seinem geraden, kantigen Schlüsselbein. Sein Körper nagelte sie fest. »Ich bin dir kein bisschen ähnlich. Lass mich los…«

»Du bist haargenau wie ich«, knurrte er ihr ins Ohr. »Du hast dich bei uns eingeschlichen. Hast Freundschaft vorgetäuscht und Zuneigung.«

»Bei Jace brauchte ich keine Zuneigung vorzutäuschen.«

In dem Moment blitzte etwas in Sebastians Augen auf – eine düstere Eifersucht, wobei Clary nicht einmal wusste, auf wen er eifersüchtig war. Dann brachte er seine Lippen an ihre Wange, so nah, dass sie deren Bewegungen fühlen konnte, als er heiser erwiderte: »Du hast es uns ordentlich besorgt.« Seine Hand lag wie ein Schraubstock um Clarys linken Arm und bewegte sich nun langsam nach unten. »Hast es Jace vermutlich im wörtlichen Sinne besorgt…«

Clary zuckte zusammen – sie konnte einfach nichts dagegen tun – und spürte im nächsten Moment, wie Sebastian scharf die Luft einzog.

»Also stimmt es: Du hast mit ihm geschlafen.« Er klang fast, als hätte sie ihn betrogen.

»Das geht dich nichts an«, konterte Clary.

Doch Sebastian packte sie grob am Kinn und drehte ihren Kopf zu sich, damit sie ihn ansah. »Selbst die beste Nummer holt deinen Jace nicht wieder zurück. Trotzdem ein hübsch herzloser Versuch.« Sein Mund verzog sich zu einem kalten Lächeln. »Du weißt, dass er sich daran nicht erinnern wird, oder? Hat er dich wenigstens ordentlich rangenommen? Weil ich das nämlich getan hätte.«

Bei dieser Bemerkung schmeckte Clary, wie ihr bittere Gallenflüssigkeit in die Kehle stieg. »Du bist mein Bruder«, stieß sie hervor.

»Das ist in unserem Fall völlig bedeutungslos. Wir sind keine Menschen. Deren Regeln gelten nicht für uns. Dumme Vorschriften darüber, wessen DNA mit wem vermischt werden darf. Und heuchlerisch, wenn man es genau betrachtet: Schließlich sind wir bereits Experimente. Übrigens haben schon die Herrscher im alten Ägypten sich mit ihren Geschwistern vermählt. Cleopatra hat ihren Bruder geheiratet. Das stärkt die Blutlinie.«

Clary musterte ihn voller Verachtung. »Ich hab ja gewusst, dass du nicht mehr alle Tassen im Schrank hast. Aber mir war nicht klar, dass du total durchgeknallt bist.«

»Nein, meines Erachtens ist daran nichts verrückt. Zu wem gehören wir denn, wenn nicht zueinander?«

»Jace«, stieß Clary hervor. »Ich gehöre zu Jace.«

Sebastian schnaubte verächtlich. »Vor mir aus kannst du ihn haben.«

»Ich dachte, du würdest ihn brauchen?«

»Das tu ich auch. Aber nicht für das, wofür du ihn brauchst.« Seine Hände umfassten plötzlich Clarys Taille. »Wir können ihn teilen. Es ist mir egal, was du mit ihm treibst – solange du nur weißt, dass du mir gehörst.«

Clary hob die Hände, um ihn wegzustoßen. »Ich gehöre dir nicht. Ich gehöre nur mir selbst.«

Doch der Ausdruck in seinen Augen ließ sie erstarren. »Ich denke, du weißt genau, dass das nicht stimmt«, entgegnete er – und dann presste er seinen Mund hart auf ihre Lippen.

Einen Moment lang fühlte Clary sich nach Idris zurückversetzt, als Sebastian sie auf dem Hügel oberhalb der Ruinen des niedergebrannten Fairchild-Herrenhauses geküsst und sie den Eindruck gehabt hatte, in tiefe Dunkelheit zu fallen, in einen endlosen Tunnel. Damals hatte sie gedacht, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmen würde… dass sie niemanden außer Jace küssen könnte… dass sie völlig verkorkst war.

Doch inzwischen wusste sie es besser. Sebastians Mund bewegte sich über ihren Mund, hart und kalt wie eine Rasierklinge, und im nächsten Augenblick stellte Clary sich auf die Zehenspitzen und biss ihm kräftig in die Lippe.

Sebastian schrie auf und drehte sich von ihr weg, eine Hand an seinem Mund. Clary schmeckte sein Blut, wie bitteres Kupfer; es tropfte ihm vom Kinn, während er sie ungläubig anstarrte. »Du…«, setzte er an.

Aber Clary wirbelte herum und trat ihm mit voller Kraft in den Magen, der nach ihrem vorherigen Faustschlag hoffentlich noch empfindlich war. Als Sebastian sich zusammenkrümmte, stürmte sie an ihm vorbei, in Richtung Glastreppe. Doch bevor sie die Stufen erreichte, spürte sie, wie er sie erneut am Kragen packte, sie herumschleuderte wie einen Baseballschläger und dann mit voller Wucht gegen die Mauer schmetterte. Der Aufprall ließ Clary auf die Knie sinken und verzweifelt nach Luft schnappen.

Wütend marschierte Sebastian auf sie zu, ballte und dehnte die Hände an seinen Hüften; seine Augen glänzten schwarz und Furcht einflößend wie bei einem Hai.

Clary wusste, dass sie eigentlich Angst hätte haben sollen, aber eine kalte, klare Wut hatte sie erfasst. Sie hatte das Gefühl, alles in Zeitlupe wahrzunehmen, und sie erinnerte sich an den Kampf in dem Prager Trödelladen und daran, wie sie in ihre eigene Welt eingetaucht war, in der all ihre Handlungen so präzise ineinandergegriffen hatten wie das Räderwerk einer Uhr. Als Sebastian sich zu ihr hinunterbeugte, drückte Clary sich vom Boden ab, machte eine Scherenbewegung mit den Beinen und fegte ihm die Füße unter dem Körper weg.

Sebastian stürzte nach vorn, doch Clary rollte sich blitzschnell auf die Seite und sprang auf die Beine. Dieses Mal versuchte sie erst gar nicht fortzulaufen. Stattdessen schnappte sie sich die Porzellanvase vom Tisch und zog sie Sebastian über den Schädel, als dieser sich gerade aufrappelte. Die Vase zersplitterte in tausend Scherben und verteilte Wasser und Blätter in alle Richtungen, während Sebastian rückwärtstaumelte und sich ein dunkler Blutfleck in seinem silberhellen Haar ausbreitete.

Er stieß ein heiseres Knurren aus und warf sich mit einem Sprung auf sie. Clary hatte das Gefühl, von einer Abrissbirne getroffen zu werden: Sie flog rückwärts auf den Tisch, krachte durch die Glasplatte hindurch und fiel in einem Hagel aus Scherben auf den Boden. Als Sebastian auf ihr landete und ihren Rücken in die Glassplitter drückte, schrie sie vor Schmerz auf. Mit wutverzerrten Lippen holte er aus und schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. Blut und Tränen schossen ihr in die Augen und nahmen ihr die Sicht; sie würgte und hustete und dann riss sie das Knie hoch und rammte es ihm in den Magen. Aber es hatte den Anschein, als würde sie gegen eine Wand treten.

Sebastian packte ihre Hände und drückte sie mit eisernem Griff neben ihre Hüften. »Clary, Clary, Clary«, stieß er keuchend hervor. Wenigstens hatte sie ihn ganz schön außer Puste gebracht. Blut rann in einem dünnen Strom aus einer Wunde an seiner Schläfe und färbte seine Haare scharlachrot. »Wirklich nicht schlecht. In Idris hattest du als Kämpferin nicht viel drauf«, höhnte er.

»Lass mich los…«

Doch er senkte den Kopf und seine Zunge schoss ruckartig hervor. Clary versuchte noch, das Gesicht wegzudrehen, aber er war schneller und leckte ihr grinsend das Blut von der Wange. Sein Grinsen ließ seine Lippe aufplatzen, sodass weiteres Blut von seinem Kinn tropfte. »Du hast mich gefragt, zu wem ich gehöre«, flüsterte er heiser. »Ich gehöre zu dir. Dein Blut ist mein Blut, deine Knochen sind meine Knochen. Schon bei unserer allerersten Begegnung bin ich dir bekannt vorgekommen, stimmt’s? Genau wie du mir.«

Fassungslos starrte Clary ihn an. »Du hast völlig den Verstand verloren.«

»Aber so steht es in der Bibel, im Hohelied Salomos: ›Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, meine Braut, mit einem einzigen deiner Blicke, mit einem einzigen Kettchen von deinem Hals!‹« Sebastians Finger strichen über Clarys Kehle und hakten sich in ihre Kette, die Kette, an der immer der Morgenstern-Ring gehangen hatte.

Einen Moment lang fragte Clary sich, ob er ihr die Luftröhre zudrücken würde.

»Ich schlafe, aber mein Herz wacht. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft! Tue mir auf, meine Schwester, meine Freundin.« Sebastians Blut tropfte auf ihr Gesicht. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte machte Clary sich steif, als seine Hand von ihrer Kehle über ihre Schulter und Seite bis hinunter zur Taille wanderte. Dann schob er seine Finger in den Bund ihrer Jeans. Seine Haut glühte und Clary konnte fühlen, dass er sie wollte.

»Du liebst mich nicht«, brachte sie mit dünner Stimme hervor, da er ihr die Luft aus der Lunge presste. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter: Jedes Gefühl, das Sebastian zeigt, ist nur vorgetäuscht. Plötzlich war Clary hellwach und dankte stumm ihrem Kampfesrausch dafür, dass sie einen klaren Kopf behielt, obwohl Sebastians Berührungen ihr Übelkeit bereiteten.

»Und dir ist es doch völlig egal, ob ich dein Bruder bin oder nicht«, entgegnete er. »Ich weiß, was du für Jace empfunden hast, selbst als du dachtest, er sei dein Bruder. Mir kannst du nichts vormachen.«

»Jace ist besser als du.«

»Niemand ist besser als ich.« Ein hämisches Grinsen, das nur aus weißen Zähnen und Blut zu bestehen schien, breitete sich auf seinem Gesicht aus. »›Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut; ein verschlossener Born, ein versiegelter Quell.‹ Aber das stimmt nicht mehr, hab ich recht? Dafür hat Jace bereits gesorgt«, stieß Sebastian hervor und fummelte an ihrem Jeansknopf herum.

Clary nutzte die Gelegenheit, dass er einen Moment abgelenkt war, und griff nach einer großen, dreieckigen Glasscherbe, die neben ihr auf dem Boden lag. Dann rammte sie ihm die zerklüftete Spitze in die Schulter, wobei ihr das Glas tief in die Finger schnitt.

Sofort schrie Sebastian auf und wich zurück, aber offenbar mehr vor Überraschung als vor Schmerz, denn seine Kampfmontur schützte ihn. Erneut holte Clary aus; dieses Mal jagte sie ihm die Scherbe in den Oberschenkel, und als er zurückfuhr, rammte sie ihm den Ellbogen gegen den Kehlkopf. Pfeifend fiel Sebastian auf die Seite, während Clary sich wegrollte, auf ihn warf und ihm die blutige Scherbe aus dem Bein riss. Blitzschnell hob sie den Arm, zielte auf die pulsierende Ader an seinem Hals… und hielt abrupt inne.

Sebastian lachte. Er lag unter ihr und lachte; sein Gelächter vibrierte durch Clarys Körper. Seine Haut war blutverschmiert – von Clarys Blut, das auf ihn herabtropfte, und seinem eigenem Blut, aus der Wunde an seinem Kopf, an der seine verfilzten silberweißen Haare klebten. Er ließ die Hände fallen und breitete die Arme wie Schwingen aus – ein aus dem Himmel gefallener, gebrochener Engel.

»Töte mich, Schwesterherz«, stieß er hervor. »Töte mich und du tötest auch Jace.«

Wütend ließ Clary die Scherbe herabsausen.

20 Eine Tür ins Dunkel

Clary schrie aus purer Frustration laut auf, als sich die Glasscherbe in den Holzboden bohrte, nur wenige Zentimeter von Sebastians Kehle entfernt. Sie spürte, wie er unter ihr lachte.

»Du schaffst es nicht«, grinste er. »Du schaffst es nicht, mich zu töten.«

»Du kannst von mir aus zur Hölle fahren«, knurrte Clary. »Aber Jace kann ich nicht töten.«

»Das läuft auf dasselbe hinaus«, erwiderte er und setzte sich derartig schnell auf, dass Clary es kaum wahrnahm. Dann schlug er ihr mit solcher Wucht ins Gesicht, dass sie über den mit Glassplittern übersäten Boden rutschte und gegen die Wand prallte. Keuchend schnappte sie nach Luft und spuckte Blut. Sie hielt sich ihren Arm vor den Kopf; vom Geruch und metallischen Geschmack ihres eigenen Blutes wurde ihr übel. Einen Sekundenbruchteil später krallte sich Sebastians Faust in ihre Jacke und riss sie auf die Beine.

Clary wehrte sich nicht. Wozu auch? Warum sollte sie gegen jemanden kämpfen, der gewillt war, sie umzubringen – und der genau wusste, dass sie selbst nicht dazu bereit war, ihn zu töten oder auch nur ernsthaft zu verletzen? Dieser Kampf war von vornherein verloren. Reglos stand sie da, während er sie begutachtete.

»Könnte schlimmer sein«, bemerkte er. »Sieht so aus, als hätte dich die Jacke vor ernsthaften Verletzungen gerettet.«

Vor ernsthaften Verletzungen?, dachte Clary. Ihr Körper fühlte sich an, als hätten ihn Tausende von dünnen Messern aufgeschlitzt. Wütend funkelte sie Sebastian an, als er sie schließlich auf seine Arme hob. Das Ganze war fast wie in Paris, als er sie nach dem Angriff der Dahak-Dämonen in den Park gebracht hatte. Allerdings hatte sie damals etwas völlig anderes empfunden – vielleicht nicht gerade Dankbarkeit, aber zumindest Verwirrung. Doch jetzt war sie von abgrundtiefem Hass erfüllt. Sie machte sich so steif wie möglich, während Sebastian sie mit schweren Schritten die Glastreppe hinauftrug. Außerdem versuchte sie zu vergessen, dass er sie berührte, dass sein Arm unter ihren Oberschenkeln lag und seine Hände besitzergreifend an ihrem Rücken.

Ich werde ihn umbringen, dachte sie. Ich werde einen Weg finden und dann bring ich ihn um.

Sebastian marschierte in Jace’ Zimmer und stellte Clary ruckartig auf die Beine. Sie taumelte einen Schritt zurück, doch er fing sie auf und zog ihr die Jacke aus. Darunter trug sie nur ihr Top – so blutbeschmiert und zerfetzt, als hätte sie es mit einer Käsereibe traktiert.

Sebastian pfiff spöttisch. »Du siehst ziemlich mitgenommen aus, Schwesterherz«, bemerkte er. »Es wäre besser, wenn du ins Bad gehst und dir das Blut abwäschst.«

»Nein. Sollen mich doch alle so sehen! Dann wissen sie wenigstens gleich, wie du mich dazu gebracht hast, dich zu begleiten.«

Sofort zuckte Sebastians Hand vor, packte Clarys Kinn und drehte ihren Kopf zu ihm. Ihre Gesichter trennten nur wenige Zentimeter. Am liebsten hätte Clary die Augen geschlossen, doch diese Genugtuung wollte sie ihm nicht gönnen. Hasserfüllt erwiderte sie seinen Blick, sah die silbernen Ringe in seinen schwarzen Augen und das Blut an seiner Lippe, dort, wo sie ihn gebissen hatte. »Du gehörst mir«, wiederholte Sebastian finster. »Und ich will, dass du an meiner Seite stehst – und wenn ich dich dazu zwingen muss!«

»Warum?«, wollte Clary wissen, während ohnmächtige Wut in ihr aufstieg, so bitter wie der Geschmack ihres eigenen Bluts. »Was kümmert es dich überhaupt? Du kannst Jace zwar nicht töten, dafür aber mich. Warum tust du es dann nicht einfach?«

Einen kurzen Moment schauten seine Augen geistesabwesend in die Ferne, als würde er etwas sehen, das Clary nicht wahrnehmen konnte. »Diese Welt wird bald von den Flammen der Hölle verschlungen werden«, erwiderte er. »Aber dich und Jace werde ich davor beschützen, sofern du tust, was ich dir sage – eine Gunst, die ich niemand anderem gewähre. Begreifst du denn nicht, wie dumm es ist, mein Angebot abzulehnen?«

»Jonathan«, setzte Clary an, »begreifst du denn nicht, dass du mich unmöglich bitten kannst, an deiner Seite zu kämpfen, wenn du die ganze Welt niederbrennen willst?«

Sein Blick heftete sich wieder auf ihr Gesicht. »Aber wieso?«, fragte er fast verzweifelt. »Warum ist dir diese Welt so wichtig? Du weißt doch, dass es noch andere gibt.« Sebastians Gesicht war noch bleicher als sonst. »Sag mir, dass du mich liebst. Sag mir, dass du mich liebst und zusammen mit mir kämpfen wirst.«

»Ich werde dich niemals lieben. Du lagst vollkommen falsch, als du behauptet hast, wir besäßen dasselbe Blut. Dein Blut ist Gift. Pures Dämonengift«, entgegnete Clary und spie die beiden letzten Worte förmlich hervor.

Sebastian lächelte nur, doch seine Augen funkelten düster. Plötzlich spürte Clary ein Brennen an ihrem Oberarm und zuckte zusammen, denn er trug ihr mit seiner Stele eine Iratze auf die Haut auf. In diesem Moment wallte ein glühender Hass in Clary auf, selbst als der Schmerz langsam verebbte. Während er geschickt mit der Stele die Heilrune vollendete, klirrte sein Armband leise.

»Ich wusste, dass du gelogen hast«, sagte sie unvermittelt.

»Ich erzähle so viele Lügen, wenn der Tag lang ist, Schwesterherz. Was meinst du denn genau?«

»Dein Armband«, entgegnete Clary. »Die Gravur Acheronta movebo… das heißt nicht ›So soll es immer den Tyrannen ergehen!‹ Denn das wäre Sic semper tyrannis. Das da auf deinem Armband ist von Vergil: Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo. ›Wenn ich die Götter nicht bewegen kann, so leg ich’s auf die Macht der Hölle an.‹«

»Dein Latein ist besser, als ich dachte.«

»Ich lerne schnell.«

»Aber nicht schnell genug.« Sebastian ließ Clarys Kinn los. »Und jetzt geh ins Bad und mach dich frisch«, befahl er und schob sie in Richtung der Tür. Mit der anderen Hand schnappte er sich Jocelyns festliches Kleid vom Bett und drückte es Clary in die Arme. »Es ist schon spät und allmählich verliere ich die Geduld. Wenn du nicht in zehn Minuten wieder hier draußen bist, komm ich rein und helf dir. Und glaub mir: Das wird dir nicht gefallen.«

»Ich hab einen Mordshunger«, sagte Maia. »Ich fühle mich, als hätte ich seit Tagen nichts gegessen.« Sie öffnete den Kühlschrank und schaute hinein. »Igitt.«

Jordan zog sie zurück, schlang die Arme um sie und drückte ihr zärtlich die Nase in den Nacken. »Wir könnten was bestellen: Pizza, Thailändisch, Mexikanisch, was immer du willst. Solange es nicht mehr als fünfundzwanzig Dollar kostet.«

Lachend drehte Maia sich zu ihm um. Sie trug eines seiner T-Shirts, das selbst ihm zu groß war und ihr fast bis zu den Knien reichte. Ihre Haare hatte sie zu einem wilden Knoten hochgesteckt. »Wow, hast du heute deine Spendierhosen an?«, grinste sie.

»Für dich ist mir nichts zu teuer.« Jordan umfasste ihre Taille, hob sie hoch und setzte sie auf einen der Barhocker an der Küchentheke. »Du kannst einen Taco haben«, sagte er und küsste sie.

Seine Lippen schmeckten süß und leicht nach Pfefferminze, vermutlich von der Zahnpasta. Maia spürte wieder dieses elektrisierende Prickeln – wie immer, wenn Jordan sie berührte –, das tief in ihrem Inneren begann und dann schlagartig durch ihren ganzen Körper schoss. Sie lachte leise an seinem Mund und verschränkte die Arme in seinem Nacken. Doch plötzlich durchschnitt ein schriller Klingelton das angenehme Gefühl, das sich in ihr ausbreitete…

Jordan löste sich von ihr und murmelte: »Mein Handy.« Während er Maia festhielt, fummelte er mit der anderen Hand auf der Küchentheke herum, bis er das Telefon fand. Inzwischen hatte das Klingeln zwar aufgehört, trotzdem warf er stirnrunzelnd einen Blick auf das Display: »Ein Anruf der Praetor.«

Normalerweise rief die Wolfsgarde nicht an – oder zumindest nur dann, wenn es sich um eine äußerst dringliche Angelegenheit handelte. Maia seufzte und setzte sich aufrecht. »Ruf sie zurück.«

»Okay.« Jordan, der das Handy schon halb zum Ohr geführt hatte, nickte und sprach dann mit gedämpfter Stimme ins Telefon. Maia rutschte vom Barhocker und schlenderte langsam zum Kühlschrank, an dem die Speisekarten der verschiedenen Lieferservices mit Magneten befestigt waren. Sie griff danach, blätterte sie durch, bis sie die Karte ihres Lieblings-Thailänders fand, und drehte sich mit dem Zettel um.

Jordan stand in der Mitte des Wohnzimmers; er war kreidebleich und hatte das Handy in seiner Hand offenbar völlig vergessen. Maia konnte eine blecherne, weit entfernte Stimme hören, die aus dem Gerät drang und Jordans Namen rief.

Sofort ließ Maia die Speisekarte fallen und lief zu ihm. Sie nahm ihm das Telefon aus der Hand und legte es auf den Sofatisch, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. »Jordan? Was ist passiert?«

»Mein Zimmergenosse… Nick… erinnerst du dich an ihn?«, stammelte er mit einem ungläubigen Ausdruck in den grünbraunen Augen. »Du hast ihn zwar nicht persönlich kennengelernt, aber…«

»Ich hab die Fotos von ihm gesehen«, bestätigte Maia. »Ist ihm was passiert?«

»Er ist tot.«

»Aber… wie das denn?«

»Jemand hat ihm die Kehle aufgerissen und ihm dann sämtliches Blut ausgesaugt. Man nimmt an, dass er seinen Schützling aufgespürt hatte und sie ihn getötet hat.«

»Maureen?«, fragte Maia geschockt. »Aber sie war doch noch ein kleines Mädchen.«

»Jetzt ist sie jedenfalls eine Vampirin.« Gequält holte Jordan Luft. »Maia…«

Die junge Werwölfin starrte ihn an. Seine Augen waren glasig, seine Haare wild durcheinander. Plötzlich stieg Panik in ihr auf: Küssen, kuscheln und sogar Sex waren eine Sache, aber jemanden zu trösten, der vor Kummer kaum Luft bekam, war etwas völlig anderes. Es bedeutete, dass man eine Bindung einging, dass man sich sorgte, dass man den Schmerz des anderen lindern wollte… und Gott gleichzeitig dafür dankte, dass das schlimme Geschehen – worum es sich dabei auch immer handeln mochte – nicht dem geliebten Menschen zugestoßen war.

»Jordan«, sagte Maia sanft, stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang die Arme um ihn. »Es tut mir so leid.«

Jordans Herz schlug schnell an ihrer Brust. »Nick war doch erst siebzehn.«

»Er war ein Praetor, genau wie du«, gab Maia leise zu bedenken. »Er wusste, wie gefährlich dieser Auftrag ist. Du bist auch erst achtzehn.«

Schweigend drückte Jordan sie fester an sich, erwiderte aber nichts.

»Jordan«, setzte Maia an. »Ich liebe dich. Ich liebe dich und es tut mir so unendlich leid.« Sie spürte, wie er erstarrte. Es war das erste Mal, dass sie diese Worte gesagt hatte – zumindest seit ihrer Verwandlung.

Jordan schien die Luft anzuhalten. Schließlich ließ er sie keuchend entweichen. »Maia«, krächzte er. Doch bevor er irgendetwas hinzufügen konnte, klingelte Maias Handy.

»Schon gut«, sagte sie. »Ich ignorier es einfach.«

Behutsam löste sich Jordan von ihr; auf seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Trauer und Verwunderung. »Nein«, erwiderte er ruhig. »Nein, es könnte wichtig sein. Geh ran.«

Maia seufzte und ging zur Küchentheke. Ihr Telefon läutete zwar nicht länger, aber auf dem Display blinkte eine SMS. Im nächsten Augenblick drehte sich ihr der Magen um.

»Was ist los?«, fragte Jordan, als würde er ihre plötzliche Anspannung wahrnehmen.

»Ein Notfall.« Maia drehte sich mit dem Handy zu ihm um. »Ein Aufruf zum Kampf. Diese Nachricht ist an alle Rudelmitglieder rausgegangen. Sie stammt von Luke… und Magnus. Wir müssen sofort los.«

Clary saß auf dem Badezimmerboden, den Rücken gegen die Wanne gelehnt und die Beine von sich gestreckt. Sie hatte sich das Blut abgewaschen, die verklebten Haare im Waschbecken ausgespült und das Festgewand ihrer Mutter angezogen. Der Saum des Kleides hatte sich bis zu den Oberschenkeln hochgeschoben, sodass Clary die Kälte der Bodenfliesen unter ihren nackten Beinen spürte.

Langsam blickte sie auf ihre Hände. Eigentlich müssten sie anders aussehen, dachte sie. Aber es waren immer noch dieselben dünnen Finger mit kurzen Nägeln – Künstler konnten keine langen Fingernägel gebrauchen – und etlichen Sommersprossen auf den Knöcheln. Auch ihr Gesicht wirkte vollkommen unverändert. Alles an ihr erschien gleich, aber das stimmte nicht: Die vergangenen Tage hatten sie auf eine Weise verändert, die sie nicht einmal selbst vollständig erfassen konnte.

Mühsam stand sie auf und betrachtete sich im Spiegel. Ihre bleiche Haut bildete einen deutlichen Kontrast zu ihren feuerroten Haaren und dem scharlachroten Kleid. Auf beiden Schultern und an ihrer Kehle zeichneten sich Blutergüsse ab.

»Bewunderst du dich im Spiegel?«

Clary hatte nicht gehört, wie Sebastian die Badezimmertür geöffnet hatte. Mit seinem üblichen, unerträglichen Grinsen lehnte er am Türrahmen. Mittlerweile hatte er die vom Kampf zerfetzte Kleidung gegen eine Schattenjägermontur getauscht, die vollständig in Scharlachrot gehalten war und wie frisches Blut leuchtete. Dazu hielt er lässig eine Armbrust in nur einer Hand, obwohl die Waffe ziemlich schwer sein musste. »Du siehst gut aus, Schwesterherz. Eine angemessene Begleitung für mich.«

Clary verbiss sich eine Antwort, schluckte die unausgesprochenen Worte mit dem Blut hinunter, das sie noch immer im Mund schmeckte, und ging auf ihn zu. Gerade als sie sich an ihm vorbei durch die Tür zwängen wollte, packte er ihren Arm.

Seine Hand streifte über ihre nackte Schulter. »Das gefällt mir«, sagte er. »Du trägst hier keine Runenmale. Ich hasse es, wenn Frauen ihre Haut mit Narben verschandeln. Sie sollten sich dabei auf Arme und Beine beschränken.«

»Mir wäre es lieber, wenn du mich nicht anfassen würdest.«

Sebastian schnaubte verächtlich und schwang die Armbrust hoch, die mit einem Bolzen versehen und somit schussbereit war. »Geh vor«, kommandierte er. »Ich bin direkt hinter dir.«

Clary musste sich zusammenreißen, um nicht zurückzuzucken. Stattdessen machte sie kehrt und ging in Richtung der Zimmertür. Dabei glaubte sie, ein Brennen zwischen ihren Schulterblättern zu spüren, an der Stelle, auf die der Bolzen wahrscheinlich gerichtet war.

Auf diese Weise bewegten sie sich durch den Flur, die Treppe hinunter und durch das Erdgeschoss. Als Sebastian Clarys Rune an der Küchenwand sah, knurrte er und griff an ihr vorbei. Eine Sekunde später erschien unter seiner Hand eine Tür, die aufschwang und den Blick auf eine rechteckige dunkle Fläche freigab.

Die Armbrust stieß Clary hart in den Rücken. »Vorwärts.«

Sie holte tief Luft und trat dann hinaus in die Schatten.

Alec hämmerte mit der Hand auf den Knopf im Inneren des kleinen Aufzugs und ließ sich gegen die Wand sinken. »Wie viel Zeit haben wir noch?«

Isabelle warf einen Blick auf das leuchtende Display ihres Handys. »Etwa vierzig Minuten.«

Während sich der Aufzug ruckelnd in Bewegung setzte, musterte Isabelle ihren Bruder verstohlen. Er sah erschöpft aus, mit dunklen Ringen unter den Augen. Trotz seiner Größe und Kraft wirkte Alec mit seinen blauen Augen und den weichen schwarzen, fast schulterlangen Haaren deutlich zierlicher, als er tatsächlich war. »Mir geht’s gut«, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. »Du bist diejenige, die Ärger bekommen wird, weil sie sich tagelang nicht zu Hause hat blicken lassen. Ich dagegen bin über achtzehn und kann tun, was ich will.«

»Ich hab Mom jeden Abend eine SMS geschickt und ihr gesagt, dass ich bei dir und Magnus bin«, erwiderte Isabelle, während der Aufzug quietschend zum Stehen kam. »Es ist ja nicht so, als ob sie nicht gewusst hätte, wo ich war. Und da wir gerade von Magnus sprechen…«

Gereizt griff Alec über sie hinweg und schob das Aufzuggitter auf. »Was ist mit ihm?«

»Ist bei euch beiden alles in Ordnung?«

Alec warf ihr einen ungläubigen Blick zu, während er aus dem Aufzug in den Eingangsbereich trat. »Hier geht bald alles in die Binsen und du willst wissen, wie es zwischen Magnus und mir läuft?«

»Diese Redensart kam mir schon immer komisch vor«, meinte Isabelle nachdenklich, während sie ihrem Bruder durch den Flur folgte. Alec hatte wirklich lange Beine, und obwohl Isabelle ziemlich schnell war, musste sie sich anstrengen, um mit ihm mitzuhalten. »Wieso eigentlich Binsen? Was ist das überhaupt?«

Alec, der lange genug Jace’ Parabatai war, um genau zu wissen, wie man solche abweichenden Gesprächsthemen ignorierte, erwiderte lediglich: »Zwischen Magnus und mir… ist alles okay, glaube ich.«

»Oh-oh«, meinte Isabelle. »Du glaubst? Ich weiß, was das bedeutet. Was ist passiert? Habt ihr euch gestritten?«

Während sie weitereilten, streifte Alec unruhig mit den Fingern über die Wand – ein sicheres Zeichen dafür, dass er sich unbehaglich fühlte. »Hör auf, dich in mein Liebesleben einzumischen, Izzy. Was ist denn mit dir und Simon? Warum seid ihr noch kein Paar? Du magst ihn doch ganz offensichtlich.«

Isabelle stieß einen kleinen Schrei aus. »Ich bin nicht offensichtlich!«

»Doch, das bist du«, erklärte Alec in einem Ton, als wunderte er sich selbst darüber – jetzt, wo er darüber nachdachte. »Du starrst ihn ständig mit diesem verliebtem Dackelblick an. Und dann erst die Art und Weise, wie du am See ausgeflippt bist…«

»Ich dachte, Simon wäre tot!«

»Was, noch toter als sonst?«, fragte Alec herzlos. Doch als er den Ausdruck auf dem Gesicht seiner Schwester sah, meinte er achselzuckend: »Hör zu, wenn du ihn magst – wunderbar. Ich kapier nur nicht, warum ihr zwei nicht zusammen seid.«

»Weil er mich nicht mag.«

»Aber natürlich mag er dich. Alle Jungs mögen dich.«

»Nimm’s mir nicht übel, aber du bist nun mal voreingenommen.«

»Isabelle«, setzte Alec in freundlicherem Ton an – so wie es Isabelle von ihrem Bruder gewohnt war: eine Mischung aus Zuneigung und Herablassung. »Du weißt, dass du umwerfend bist. Dir sind die Kerle doch schon immer nachgerannt – warum also sollte Simon anders sein?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Isabelle. »Aber er ist nun mal anders. Ich schätze, jetzt liegt es an ihm. Er weiß, was ich für ihn empfinde. Aber ich hab nicht den Eindruck, dass er es unbedingt darauf anlegt, den nächsten Schritt zu machen.«

»Fairerweise muss man ihm zugutehalten: Es ist ja nicht so, als ob er im Moment nichts anderes zu tun hätte.«

»Ich weiß, aber… So war er schon immer. Clary…«

»Meinst du, er ist noch immer in Clary verliebt?«

Nachdenklich biss Isabelle sich auf die Lippe. »Ich… nein, nicht direkt. Ich glaube, sie ist das Einzige, was ihm aus seiner Zeit als Mensch übrig geblieben ist. Er kann sie einfach nicht loslassen. Und solange er sie nicht loslassen kann, weiß ich nicht, ob da noch Platz für mich ist.«

Inzwischen hatten sie fast die Bibliothek erreicht. Alec warf seiner Schwester einen Seitenblick zu. »Aber wenn sie doch nur Freunde sind…«

»Alec.« Isabelle hielt eine Hand hoch, um ihn zum Schweigen zu bringen. Laute Stimmen drangen aus der Bibliothek, eine davon schneidend und unverkennbar:

»Was soll das heißen, sie ist verschwunden?«, fragte Maryse fordernd.

»Seit zwei Tagen hat sie niemand mehr gesehen«, erwiderte die andere weibliche Stimme in sanftem, fast entschuldigendem Ton. »Sie lebt allein, deshalb war man sich nicht sicher… Aber wir haben uns gedacht, wo du doch ihren Bruder kennst…«

Ohne große Umschweife drückte Alec die Tür der Bibliothek auf. Isabelle drängte sich hinter ihn und warf einen Blick auf ihre Mutter, die hinter dem wuchtigen Mahagonischreibtisch in der Mitte des Raums thronte. Vor dem Tisch standen zwei vertraute Gestalten, die sich überrascht umschauten: Aline Penhallow in Schattenjägerkluft und neben ihr Helen Blackthorn mit zerzausten Ringellocken und bleichem Gesicht unter den zahlreichen Sommersprossen. Auch sie trug die schwarze Kampfmontur, wodurch ihre Haut noch blasser wirkte.

»Isabelle«, stieß Maryse hervor und stand auf. »Alexander. Was ist passiert?«

Aline tastete nach Helens Hand. Silberne Ringe blitzten an den Fingern der beiden jungen Frauen auf: an Helens Finger der Penhallow-Ring mit der Gravur einer Gebirgslandschaft, und das kunstvoll verwobene Dornendesign des Blackthorn-Familienrings an Alines Hand.

Isabelle zog die Augenbrauen hoch: Der Tausch der Familienringe war eine ernsthafte Angelegenheit.

»Falls wir ungelegen kommen, können wir auch später…«, setzte Aline an.

»Nein, bitte bleibt«, erklärte Izzy und trat an den Schreibtisch. »Möglicherweise brauchen wir euch.«

Maryse setzte sich wieder auf ihren Bürostuhl und lehnte sich zurück. »Sieh mal einer an«, sagte sie, »meine Kinder beehren mich mit ihrer Anwesenheit. Wo habt ihr beide gesteckt?«

»Das hab ich dir doch geschrieben«, erwiderte Isabelle. »Wir waren bei Magnus.«

»Warum?«, hakte Maryse fordernd nach. »Und diese Frage stelle ich nicht dir, Alexander, sondern meiner Tochter.«

»Weil die Ratsmitglieder die Suche nach Jace eingestellt haben – aber wir nicht«, erwiderte Isabelle.

»Magnus war bereit, uns zu helfen«, fügte Alec hinzu. »Er hat sich die letzten Nächte um die Ohren geschlagen und zig Zauberbücher durchgeforstet, um herauszufinden, wo Jace sein könnte. Mithilfe einer Beschwörungsformel hat er sogar…«

»Warte!« Maryse hob rasch eine Hand hoch, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Nein, sag es mir nicht. Ich will es gar nicht wissen.«

Plötzlich begann das schwarze Telefon auf dem schweren Schreibtisch zu läuten und alle Anwesenden starrten wie gebannt darauf – der Anruf konnte nur aus Idris kommen. Doch niemand rührte sich, bis das Klingeln wenige Sekunden später wieder aufhörte.

»Und warum seid ihr jetzt hier?« Maryse widmete ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Kindern und musterte sie stirnrunzelnd.

»Wir haben nach Jace gesucht…«, setzte Isabelle erneut an.

»Das ist die Aufgabe des Rats«, fauchte Maryse. Sie sah erschöpft aus: Die Haut unter ihren Augen wirkte dünn und durchscheinend und die Falten an ihrem Mund verliehen ihren Lippen eine grimmige Note. Außerdem war sie so mager, dass die Knöchel ihrer Handgelenke sich deutlich unter der Haut abzeichneten. »Und nicht eure!«, fügte sie hinzu.

Bei diesen Worten schlug Alec so fest mit der Hand auf den Tisch, dass die Schubladen klapperten. »Hörst du jetzt endlich mal zu?! Die Ratsmitglieder haben Jace nicht gefunden, aber wir schon. Und Sebastian gleich dazu. Wir wissen jetzt, was sie vorhaben, und uns bleibt…« Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. »… kaum noch Zeit, sie aufzuhalten. Wirst du uns nun helfen oder nicht?«

Das schwarze Telefon läutete erneut. Und ein weiteres Mal rührte Maryse keinen Finger, um das Gespräch anzunehmen. Stattdessen starrte sie Alec an, mit kreidebleichem Gesicht. »Ihr habt was?«

»Wir haben Jace gefunden, Mom, oder zumindest wissen wir, wo er sich bald aufhalten wird. Und was er vorhat«, sprudelte Isabelle hervor. »Wir kennen jetzt Sebastians Plan – und er muss unbedingt daran gehindert werden. Und, ach ja, wir wissen übrigens auch, wie wir Sebastian töten können, ohne Jace zu verletzen…«

»Halt.« Maryse schüttelte den Kopf. »Alexander, erklär du mir das Ganze. Knapp und präzise und ohne hysterische Anflüge. Danke.«

Mit wenigen Worten fasste Alec die Ereignisse zusammen. Dabei ließ er nach Isabelles Meinung zwar alle interessanten Details aus, aber am Ende seines Berichts starrten Aline und Helen ihn sprachlos an, während Maryse vollkommen reglos dasaß und ihn mit unbewegter Miene musterte.

»Warum habt ihr das alles getan?«, brachte sie schließlich mit tonloser Stimme hervor.

Alec schaute sie verwirrt an.

»Für Jace«, warf Isabelle ein. »Um ihn zurückzuholen.«

»Euch ist doch wohl bewusst, dass ihr mich damit in eine heikle Lage gebracht habt? Ihr lasst mir keine andere Wahl, als den Rat zu informieren«, erwiderte Maryse, eine Hand bereits auf dem schwarzen Telefon. »Wärt ihr doch bloß nicht hierhergekommen.«

Isabelles Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. »Bist du ernsthaft sauer auf uns, nur weil wir dir erzählt haben, was hier wirklich läuft?«

»Wenn ich den Rat in Kenntnis setze, wird er alle verfügbaren Kräfte mobilisieren. Jia bleibt gar keine andere Wahl, als den Truppen den Auftrag zu erteilen, Jace auf der Stelle zu töten. Wisst ihr ungefähr, wie viele Schattenjäger Valentins Sohn um sich geschart hat?«

Alec schüttelte den Kopf. »Schätzungsweise um die vierzig.«

»Angenommen, wir tauchen dort mit der doppelten Anzahl an Nephilim auf. Dann dürften wir recht zuversichtlich sein, dass wir seine Truppen schlagen, aber welche Chance hätte Jace dabei? Die Wahrscheinlichkeit, dass er überlebt, ist äußerst gering. Unsere Nephilim würden ihn ebenfalls töten, um jedes Risiko auszuschließen.«

»Deshalb dürfen wir die Ratsmitglieder erst gar nicht informieren«, warf Isabelle ein. »Wir gehen allein. Wir ziehen das ohne den Rat durch.«

Doch Maryse betrachtete sie nur kopfschüttelnd. »Aber das Gesetz schreibt vor, dass wir den Rat informieren müssen.«

»Ich pfeif auf das Gesetz…«, hob Isabelle wütend an, verstummte dann aber, als sie sah, dass Aline sie mit großen Augen anschaute.

»Keine Sorge«, versicherte Aline jedoch. »Ich werde meiner Mutter nichts erzählen. Schließlich bin ich euch noch was schuldig. Vor allem dir, Isabelle«, fügte sie hinzu und presste die Kiefer zusammen. Sofort erinnerte sich Isabelle wieder an den dunklen Ziegelsteinweg unter der Brücke in Idris und daran, wie ihre Peitsche den Dämon getroffen hatte, der auf Aline hockte. »Außerdem hat Sebastian meinen Cousin umgebracht. Den echten Sebastian Verlac. Ich hab also genug eigene Gründe, ihn zu hassen.«

»Und dennoch…«, widersprach Maryse. »Wenn wir die Ratsmitglieder nicht informieren, verstoßen wir gegen das Gesetz. Man könnte Sanktionen gegen uns verhängen oder sogar Schlimmeres.«

»Schlimmeres?«, hakte Alec nach. »Wovon reden wir hier? Dass sie uns ins Exil schicken?«

»Ich weiß es nicht, Alexander«, sagte seine Mutter. »Über unsere Bestrafung würde Jia Penhallow entscheiden und derjenige, der die Wahl um die Stelle des Inquisitors gewinnt.«

»Möglicherweise wäre das dann ja Dad«, murmelte Izzy. »Vielleicht würde er uns mit einem blauen Auge davonkommen lassen.«

»Wenn wir den Rat in dieser Situation nicht informieren, dann besteht für deinen Vater keine Chance, zum Inquisitor ernannt zu werden. Nicht die geringste«, erwiderte Maryse.

Isabelle holte tief Luft. »Würde man uns die Runenmale wegnehmen?«, fragte sie. »Würden wir… das Institut verlieren?«

Maryse warf ihr einen langen Blick zu. »Wir könnten alles verlieren, Isabelle. Alles.«

Clary blinzelte, während sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten. Sie stand auf einer felsigen, windgepeitschten Ebene, die keinerlei Schutz gegen die heftigen Sturmböen bot. Grasbüschel wuchsen zwischen den grauen Felsplatten. In der Ferne erhoben sich karge, mit Geröll bedeckte Hügel, die sich schwarz und eisengrau vor dem Nachthimmel abzeichneten. Einzelne Lichter schienen weit entfernt in der Dunkelheit auf und ab zu hüpfen. Clary erkannte den typisch weißen Schein von Elbenlicht, als im selben Moment die Tür der Wohnung hinter Sebastian und ihr krachend ins Schloss fiel.

Keine Sekunde später ertönte der gedämpfte Knall einer kleinen Explosion. Clary wirbelte herum und sah, dass sich die Tür in Luft aufgelöst hatte – an ihrer Stelle kohlten nur noch ein paar Grasbüschel und etwas Gestrüpp vor sich hin.

Ungläubig starrte Sebastian auf die versengte Fläche. »Was…?«

Clary lachte. Der Ausdruck auf seinem Gesicht löste dunkle Schadenfreude in ihr aus. Nie zuvor hatte sie ihn derartig geschockt gesehen: Seine Maske war gefallen und in seiner Miene spiegelte sich nacktes Entsetzen.

Zornig riss er die Armbrust hoch, nur wenige Zentimeter von Clarys Brust entfernt. Wenn er die Waffe aus dieser Nähe abfeuerte, würde sich der Bolzen direkt durch ihr Herz bohren und sie auf der Stelle töten. »Was hast du getan?«, stieß er hervor.

Dunkler Triumph leuchtete in Clarys Augen. »Diese Rune, die du für eine unfertige Entriegelungsrune gehalten hast… Das war keine Rune zum Öffnen von Türen. Und auch nichts was du schon mal gesehen hättest. Das war eine von mir neu erschaffene Rune.«

»Und wozu dient sie?«

Clary erinnerte sich daran, wie sie die Spitze der Stele an die Wand gedrückt und die Konturen der Rune aufgetragen hatte. Sie hatte sie in jener Nacht erfunden, als Jace sich mit ihr in Lukes Gästezimmer getroffen hatte. »Die Rune diente dazu, die Wohnung zu zerstören, und zwar in dem Moment, in dem jemand die Tür öffnete. Deine Wohnung ist weg. Du wirst sie nie wieder nutzen können. Niemand kann sie je wieder nutzen.«

»Weg?« Die Armbrust zitterte; Sebastians Lippen zuckten und seine Augen funkelten wild. »Du Miststück. Du kleines…«

»Töte mich doch«, erwiderte Clary. »Nur zu. Und dann kannst du ja mal versuchen, das Jace anschließend zu erklären. Los, trau dich.«

Sebastian musterte sie finster, während seine Brust sich stoßweise hob und senkte und seine Finger auf dem Abzug zitterten. Nach einem langen Moment ließ er die Waffe sinken und presste verächtlich hervor: »Es gibt schlimmere Dinge als den Tod. Sobald du von dem Kelch getrunken hast, wirst du sie alle kennenlernen, Schwesterherz, das versprech ich dir. Und es wird dir gefallen.«

Als Clary ihn anspuckte, stieß er ihr die Armbrust fest und schmerzhaft gegen den Brustkorb. »Dreh dich um«, knurrte er.

Clary gehorchte und taumelte benommen und mit einer Mischung aus Angst und Triumph den steinigen Hang hinunter. Durch die dünnen Sohlen ihrer Schuhe spürte sie jeden Kiesel und jeden Riss im Gestein. Als sie sich den Elbenlichtern näherten, konnte Clary die vor ihnen liegende Szenerie erkennen.

Der Boden stieg allmählich zu einem niedrigen Hügel an, auf dessen Kuppe ein wuchtiges, nach Norden ausgerichtetes, steinzeitliches Grabmal aufragte. Der Anblick erinnerte Clary ein wenig an Stonehenge: Ein flacher Deckstein ruhte auf mehreren aufrecht stehenden Steinblöcken, wodurch der Eindruck eines Tors entstand. Vor dem Grabmal erstreckte sich eine weitere flache Steinplatte wie eine Bühne. Und davor hatte sich eine Gruppe von etwa vierzig Nephilim im Halbkreis aufgestellt, alle in Rot gekleidet und alle mit einer Elbenlichtfackel in der Hand. Innerhalb des Halbkreises brannte ein blauweißes Pentagramm, das sich deutlich vom dunklen Untergrund abhob.

Jace stand auf der flachen Steinplatte; er trug dieselbe scharlachrote Schattenjägermontur wie Sebastian. Nie zuvor hatten sie einander ähnlicher gesehen. Clary erkannte seine leuchtenden Haare schon aus der Ferne. Er lief unruhig auf und ab und Clary konnte bereits hören, was er sagte: »… dankbar für eure Loyalität, selbst während der vergangenen, schwierigen Jahre, und dankbar für das Vertrauen, das ihr in unseren Vater gesetzt habt und nun auch in seine Söhne. Und seine Tochter.«

Ein Raunen ging durch die Menge. Sebastian schob Clary durch die Dunkelheit weiter vorwärts und dann stiegen sie hinter Jace auf die Steinplatte. Jace warf ihnen einen kurzen Blick zu, ehe er sich wieder den rot gekleideten Nephilim zuwandte. »Ihr seid die Auserkorenen, die gerettet werden«, sagte er lächelnd. »Vor eintausend Jahren hat uns der Engel sein Blut gegeben, um uns zu etwas Außergewöhnlichem zu machen – zu wahren Kriegern. Aber das hat nicht gereicht. Inzwischen ist ein ganzes Jahrtausend vergangen und wir müssen uns noch immer in den Schatten verstecken. Wir beschützen irgendwelche unbedeutenden Irdischen vor Mächten, von denen sie nichts wissen. Und ein veraltetes Gesetz hindert uns daran, uns ihnen als ihre Retter zu offenbaren. Wir sterben zu Hunderten, ohne auch nur ein Wort der Dankbarkeit; ohne eine Träne der Trauer und ohne jede Möglichkeit, uns an den Engel wenden zu können, der uns erschuf.« Langsam trat er an den Rand der Steinplatte, näher an die noch immer im Halbkreis postierten Schattenjäger. Sein Haar leuchtete wie blasse Flammen. »Ja, ich wage es, Folgendes laut auszusprechen: Der Engel, der uns erschuf, wird uns nicht helfen – wir sind auf uns allein gestellt. Und zwar in noch stärkerem Maße als die Irdischen. Denn wie sagte einst einer ihrer bedeutendsten Gelehrten: Sie sind wie Kinder, die am Meeresrand mit Kieseln spielen, während der große Ozean der Wahrheit in seiner Unermesslichkeit unerforscht vor ihnen liegt. Doch wir kennen die Wahrheit. Wir sind die Erlöser dieser Erde und wir sollten auch über sie herrschen.«

Jace war ein guter Redner, dachte Clary mit stechendem Herzen, genau wie Valentin. Sie und Sebastian standen nun hinter ihm, die Gesichter der Ebene und der Menge zugewandt, deren Blicke sie deutlich spüren konnte.

»Ja genau – herrschen.« Jace lächelte, ein gewinnendes, freundliches Lächeln, voller Charme, aber mit einem Hauch von Härte. »Raziel ist grausam und interessiert sich nicht für unsere Probleme. Es wird Zeit, dass wir uns von ihm trennen und uns Lilith zuwenden – die Große Mutter, die uns Macht ohne Bestrafung verleihen wird und Führung ohne Gesetze. Diese Macht ist unser Geburtsrecht. Es wird Zeit, dass wir es einfordern.«

Lächelnd schaute er zur Seite, als Sebastian vortrat. »Und nun werdet ihr den Rest von Jonathan erfahren, der diesen Traum schon seit vielen Jahren verfolgt«, erklärte Jace eloquent und zog sich zurück, während Sebastian mühelos seinen Platz einnahm. Dann trat Jace einen weiteren Schritt zurück, sodass er neben Clary stand. Seine Finger tasteten nach ihrer Hand.

»Gute Rede«, murmelte Clary. Sebastian hatte sich inzwischen an die Menge gerichtet, doch Clary ignorierte ihn und konzentrierte sich stattdessen auf Jace. »Sehr überzeugend.«

»Findest du? Eigentlich wollte ich ja mit ›Freunde, Römer, Missetäter…‹ anfangen, aber dann hab ich mir gedacht, dass sie den Humor darin wahrscheinlich nicht verstehen würden.«

»Du hältst sie für Missetäter?«

»Der Rat käme bestimmt zu diesem Urteil«, erwiderte Jace achselzuckend, wandte den Blick von Sebastian ab und schaute zu Clary. »Du siehst hübsch aus«, sagte er, allerdings mit merkwürdig tonloser Stimme. »Was ist passiert?«

Diese Frage überrumpelte Clary. »Was meinst du?«

Jace öffnete seine Jacke, unter der er ein weißes Hemd trug. Das Gewebe hatte sich an den Seiten und den Ärmeln rot verfärbt. Clary bemerkte, dass er sich sorgfältig von der Menge wegdrehte, als er ihr das Blut zeigte. »Ich fühle alles, was er fühlt. Oder hast du das etwa vergessen? Ich musste mir heimlich eine Iratze auftragen, damit niemand was davon mitbekam. Es hat sich angefühlt, als würde mir jemand mit einer Rasierklinge die Haut abziehen.«

Clary blickte ihn ruhig an. Es war sinnlos, ihn anzulügen, oder? Denn für sie alle gab es kein Zurück mehr – im wahrsten Sinne des Wortes. »Sebastian und ich hatten eine kleine Auseinandersetzung.«

Eindringlich musterte Jace Clarys Gesicht. »Okay«, sagte er und ließ die Jacke wieder zufallen, »ich hoffe, ihr habt das Problem aus der Welt geschafft, worum es dabei auch immer ging.«

»Jace…«, setzte Clary an, doch er hatte sich wieder auf Sebastian konzentriert. Sein Profil zeichnete sich im Mondlicht streng und klar vor dem dunklen Hintergrund ab, fast wie ein Scherenschnitt.

Vor ihnen hatte Sebastian inzwischen seine Armbrust abgestellt und hob nun theatralisch die Arme. »Steht ihr zu mir?«, rief er.

Ein Raunen ging durch die Menge und Clary versteifte sich. Einer der Nephilim, ein älterer Mann, schlug seine Kapuze zurück und knurrte mürrisch: »Dein Vater hat uns viele Versprechungen gemacht. Und keine einzige davon eingehalten. Warum sollten wir jetzt dir vertrauen?«

»Weil ich dafür sorgen werde, dass meine Versprechen erfüllt werden. Und zwar noch heute Nacht«, erwiderte Sebastian und zog den nachgemachten Engelskelch unter seiner Jacke hervor. Das Gefäß schimmerte weißlich im Mondschein.

Beim Anblick des Kelchs wurde die Menge lauter, sodass Jace leise murmelte: »Hoffentlich verläuft alles glatt. Ich hab das Gefühl, als hätte ich letzte Nacht kein Auge zugekriegt.« Sein Gesicht, das im Schein der Elbenlichtfackeln schimmerte, richtete sich gespannt auf die Nephilim und das Pentagramm.

Clary konnte die Narbe auf seiner Wange erkennen, die Vertiefungen an den Schläfen, den sanften Schwung seiner Lippen. Ich werde mich an das hier nicht erinnern, hatte er gesagt. Wenn ich mich zurückverwandelt habe wieder unter Sebastians Kontrolle stehe, werde ich mich nicht daran erinnern können, dass ich kurzfristig wieder ich selbst gewesen bin. Und er hatte recht behalten: Jace hatte tatsächlich alles vergessen. Obwohl Clary darauf vorbereitet gewesen war und mit eigenen Augen gesehen hatte, wie ihm alles entfiel, versetzte ihr die Erkenntnis dennoch einen heftigen Stich ins Herz.

Sebastian stieg nun von der Steinplatte und trat an den Rand des Pentagramms, wo er zu psalmodieren begann: »Abyssum invoco. Lilith invoco. Mater mea, invoco.« Dann zückte er einen dünnen Dolch, klemmte den Kelch in seine Armbeuge und schlitzte sich mit der Klinge die Handfläche auf. Blut quoll aus der Wunde, das im Mondschein schwarz schimmerte. Er steckte den Dolch wieder in seinen Gürtel und hielt seine blutende Hand über den Kelch, während er weiterhin auf Lateinisch sang.

Clary hatte das Gefühl: jetzt oder nie! »Jace«, wisperte sie. »Ich weiß, das hier ist nicht dein wahres Ich. Ich weiß, tief in dir drin steckt ein Teil von dir, der mit dem, was hier passiert, nicht einverstanden sein kann. Versuch, dich daran zu erinnern, wer du wirklich bist, Jace Lightwood.«

Ruckartig wandte Jace ihr den Kopf zu und musterte sie verwundert. »Wovon redest du?«

»Bitte versuch, dich zu erinnern, Jace. Ich liebe dich. Und du liebst mich…«

»Natürlich liebe ich dich, Clary«, erklärte er angespannt. »Du hast gesagt, du würdest es verstehen. Das hier ist der entscheidende Moment. Der Moment, auf den wir so lange hingearbeitet haben.«

Vor ihnen warf Sebastian den Inhalt des Kelches mit Schwung in die Mitte des Pentagramms. »Hic est enim calix sanguinis mei.«

»Nein, nicht wir«, flüsterte Clary zurück. »Ich bin nicht Teil dieser Ereignisse. Und du auch nicht…«

Jace zog scharf die Luft ein. Für einen Augenblick dachte Clary, dass sie ihn vielleicht mit ihren Worten erreicht hätte. Dass es ihr irgendwie gelungen wäre, durch seinen Panzer zu ihm durchzudringen. Doch dann folgte sie seinem Blick und sah, dass in der Mitte des Pentagramms eine wirbelnde Feuerkugel etwa von der Größe eines Baseballs erschienen war. Diese wuchs mit jeder Sekunde und veränderte ihre Gestalt, bis sich schließlich die Umrisse einer Frau herausbildeten, vollständig aus Flammen geformt.

»Lilith«, setzte Sebastian mit lauter, theatralischer Stimme an. »So wie du mich zurückgerufen hast, rufe auch ich dich in die Welt zurück. So wie du mir neues Leben gespendet hast, spende auch ich dir neues Leben.«

Langsam nahmen die Flammen einen dunkleren Ton an. Und dann stand Lilith vor ihnen: etwa halb so groß wie ein Mensch, splitternackt und mit langen schwarzen Haaren, die ihr über den Rücken fielen und bis zu den Fußknöcheln hinabreichten. Ihr Körper war aschgrau und von schwarzen Rissen durchzogen wie erkaltende Lava. Sie heftete ihre Augen, in deren Höhlen schwarze Schlangen wimmelten, auf Sebastian. »Mein Kind«, hauchte sie.

Sebastian schien innerlich zu glühen wie ein Elbenlichtstein – leuchtend blasse Haut und helle Haare. Nur seine Kleindung wirkte im Mondlicht schwarz. »Mutter, ich habe dich heraufbeschworen, so wie du es von mir verlangt hast. Aber heute Nacht wirst du nicht nur einfach meine Mutter sein, sondern die Mutter einer vollkommen neuen Rasse.« Er deutete auf die Schattenjäger, die reglos dastanden – vermutlich vor Schock. Es war eine Sache, auf das Erscheinen eines Dämonenfürsten zu warten, aber etwas völlig anderes, einen solchen Dämon leibhaftig zu sehen. »Der Kelch«, sagte Sebastian laut und hielt Lilith das Gefäß entgegen, dessen heller Rand mit seinem Blut verschmiert war.

Lilith lachte in sich hinein; das Geräusch klang wie das Knirschen schwerer Steine. Dann nahm sie den Kelch – und im nächsten Moment schlug sie mit ihren Zähnen eine klaffende Wunde in ihr aschgraues Handgelenk, so beiläufig, als würde sie ein Insekt von einem Blatt heben. Langsam sickerte zähflüssiges schwarzes Blut aus der Wunde hervor und klatschte in den Kelch, der unter ihrer Berührung die Farbe zu ändern schien – das helle, transparente Material hatte eine trübe Tönung angenommen. »So wie der Engelskelch den Nephilim Talisman und Mittel zur Transformation zugleich gewesen ist, so soll dieser Höllenkelch euch dienen«, fauchte sie mit ihrer rauchigen Stimme. Dann kniete sie nieder und hielt Sebastian den Kelch entgegen. »Dies ist mein Blut – nehmet und trinket davon.«

Sebastian legte die Hände um den Kelch und hob ihn hoch. Inzwischen hatte sich das Gefäß vollständig in ein schimmerndes Schwarz verfärbt.

»In dem Maße, in dem deine Armee wächst, in dem Maße wird auch meine Kraft zurückkehren«, zischelte Lilith. »Bald werde ich stark genug sein, um leibhaftig zurückzukehren, und dann werden wir das Feuer der Macht teilen, mein Sohn.«

Langsam neigte Sebastian den Kopf. »Deinen Tod, o Mutter, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir.«

Lilith lachte und hob die Arme. Flammen züngelten über ihren Körper und sie schwang sich in die Lüfte und explodierte in einem Dutzend wirbelnder Lichträder, die wie die Glut eines verlöschenden Feuers verblassten. Als der letzte Funke verschwunden war, zerstörte Sebastian mit dem Fuß den Rand des Pentagramms und hob dann den Kopf. Ein Furcht einflößendes Lächeln lag auf seinen Zügen.

»Cartwright«, befahl er. »Bring mir den Ersten.«

Die Menge teilte sich und ein Mann in einer Robe drängte nach vorn, eine taumelnde Frau an seiner Seite. Sie war mit einer Kette an ihn gefesselt und ihre langen, verfilzten Haare verdeckten ihr Gesicht.

Clary versteifte sich. »Jace, was soll das? Was passiert hier?«

»Nichts, nichts«, erwiderte er geistesabwesend und schaute gebannt auf die Geschehnisse. »Es wird niemand verletzt. Nur verwandelt. Sieh einfach zu.«

Cartwright, an dessen Namen sich Clary vage aus ihrer Zeit in Idris erinnerte, drückte der Gefangenen die Hand auf den Schädel und zwang sie auf die Knie. Dann packte er sie an den Haaren und riss ihren Kopf nach hinten. Die Frau starrte Sebastian an, mit einer Mischung aus Angst und Trotz. Im Schein des Monds war ihr Gesicht nun deutlich zu sehen.

Bestürzt schnappte Clary nach Luft. »Amatis.«

21 Die Macht der Hölle

Lukes Schwester schaute auf und heftete ihre blauen Augen, die denen ihres Bruders so sehr ähnelten, fest auf Clary. Amatis wirkte benommen, geschockt und verwirrt, als hätte man ihr Drogen verabreicht. Sie versuchte, sich aufzurappeln, aber Cartwright stieß sie wieder auf den Boden, während Sebastian zu den beiden hinüberging, den Kelch in den Händen.

Clary wollte zu Amatis stürmen, doch Jace bekam sie am Arm zu fassen und zog sie zurück. Wütend versuchte Clary, nach ihm zu treten, aber er hatte bereits seine Arme um sie geschlungen und ihr eine Hand auf den Mund gepresst.

Sebastian redete leise und hypnotisch auf Amatis ein, woraufhin sie heftig den Kopf schüttelte. Doch Cartwright packte sie erneut an ihren langen Haaren und riss ihren Kopf zurück. Clary hörte, wie Amatis aufschrie – ein dünnes Heulen über dem Brausen des Windes.

Clary musste an jene Nacht denken, in der sie neben Jace gelegen und beobachtet hatte, wie sich sein Brustkorb ruhig hob und senkte. Wie sie überlegt hatte, dass sie alles mit einem einzigen Messerstich beenden könnte. Damals hatte diese Idee kein Gesicht, keine Stimme, keinen konkreten Plan gehabt. Doch nun, da die Geschichte das Gesicht von Lukes Schwester bekommen hatte und Clary den Plan kannte, war es zu spät.

Sebastian hatte eine Hand in Amatis’ Haare gekrallt und presste ihr den Kelch an die Lippen. Als er sie zum Trinken zwang, würgte und hustete sie und schwarze Flüssigkeit lief an ihrem Kinn herab. Dann riss Sebastian den Kelch zurück, dessen Inhalt bereits seine Wirkung zeigte: Amatis röchelte grauenhaft, ihr ganzer Körper fuhr in die Höhe und versteifte sich. Ihre Augen traten aus den Höhlen und verfärbten sich durchgehend schwarz, genau wie bei Sebastian. Sie schlug die Hände vors Gesicht, stieß ein gequältes Heulen aus – und dann sah Clary voller Entsetzen, wie die Voyance-Rune auf ihrer Hand erst verblasste und schließlich vollständig verschwand.

Amatis ließ die Hände herabsinken. Ihre Züge wirkten nun ruhig und sie richtete ihre Augen, die wieder blau waren, auf Sebastian.

»Mach sie los«, befahl Clarys Bruder dem Schattenjäger, den Blick weiterhin auf Amatis fixiert. »Lass sie zu mir kommen.«

Cartwright löste die Kette, die Amatis an ihn fesselte, und trat zurück, eine seltsame Mischung aus Furcht und Faszination auf dem Gesicht.

Einen Augenblick lang verharrte Amatis reglos; ihre Arme hingen schlaff an ihrem Körper herab. Dann stand sie auf, ging zu Sebastian und kniete vor ihm nieder, wobei ihre Haare durch den Staub streiften. »Gebieter«, sagte sie, »wie kann ich Euch dienen?«

»Erhebe dich«, befahl Sebastian.

Amatis richtete sich anmutig auf. Sie schien sich plötzlich ganz anders zu bewegen. Natürlich zeichneten sich alle Schattenjäger durch geschickte, gewandte Bewegungen aus, doch Amatis’ Körperhaltung strahlte nun eine lautlose Agilität aus, was Clary einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Amatis stand kerzengerade vor Sebastian und Clary erkannte, dass es sich bei ihrem Gewand, das sie für ein langes weißes Kleid gehalten hatte, in Wahrheit um ein Nachthemd handelte – als hätte man Amatis mitten in der Nacht aus ihrem Bett gezerrt. Was für ein Albtraum, nun hier aufzuwachen, inmitten maskierter Gestalten, an diesem finsteren, gottverlassenen Ort.

»Komm näher«, befahl Sebastian und winkte sie mit einer Handbewegung heran.

Amatis trat noch einen Schritt vor. Sie war mindestens einen Kopf kleiner als Clarys Bruder und musste sich etwas recken, während er ihr etwas ins Ohr flüsterte. Dann breitete sich ein kaltes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

Sebastian hob eine Hand. »Würdest du gern gegen Cartwright kämpfen?«

Cartwright – ein junger Mann mit hellem Haar und einem breiten, kantigen Gesicht – ließ die Kette fallen, die er noch immer festgehalten hatte, und seine Hand zuckte zu seinem Waffengürtel unter dem Umhang. »Aber ich…«

»Eine kleine Demonstration ihrer Kräfte wäre jetzt sicherlich angebracht«, bemerkte Sebastian. »Komm schon, Cartwright, sie ist doch nur eine Frau und älter als du. Oder hast du etwa Angst?«

Cartwright wirkte bestürzt, zückte aber dennoch einen langen Dolch. »Jonathan…«

In dem Moment blitzten Sebastians Augen auf. »Er gehört dir, Amatis!«

Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen. »Es ist mir ein Vergnügen«, erwiderte sie und sprang. Mit verblüffender Geschwindigkeit hechtete sie hoch in die Luft, stieß den Fuß vor und trat dem verwirrten Schattenjäger den Dolch aus der Hand. Verwundert beobachtete Clary, wie Amatis an Cartwrights Körper hochschnellte und ihm das Knie in den Magen rammte. Als er rückwärtstaumelte, verpasste sie ihm einen Kopfstoß, wirbelte um ihn herum, packte ihn am Rücken seiner Robe und riss ihn zu Boden. Mit einem grässlichen, knackenden Geräusch landete er vor ihren Füßen und stöhnte vor Schmerz.

»Das war dafür, dass du mich mitten in der Nacht aus dem Bett gezerrt hast«, knurrte Amatis und wischte sich mit dem Handrücken über die leicht blutende Lippe. Ein nervöses Lachen ging durch die Menge.

»Jetzt habt ihr es mit eigenen Augen gesehen«, rief Sebastian. »Selbst eine Nephilim ohne besondere Fähigkeiten oder Kräfte – nichts für ungut, Amatis – kann stärker und geschickter werden als ihr mit seraphischen Kräften ausgestattetes Gegenüber.« Theatralisch schlug er sich die rechte Faust in die linke Hand. »Macht. Echte Macht. Wer ist dazu bereit?«

Die Schattenjäger zögerten einen Moment, doch dann rappelte Cartwright sich auf, eine Hand schützend auf seinen Magen gepresst. »Ich! Ich bin dazu bereit«, sagte er und warf Amatis einen giftigen Blick zu, die jedoch nur kalt lächelte.

Sebastian hielt den Höllenkelch in die Höhe. »Dann tritt vor.«

Cartwright ging auf Sebastian zu, während hinter ihm die anderen Schattenjäger aus ihrer Erstarrung erwachten. Sie folgten Cartwright und stellten sich hinter ihm in einer lockeren Reihe auf. Amatis stand gelassen daneben, die Hände vor dem Körper verschränkt.

Clary starrte sie an und versuchte, die ältere Frau dazu zu bewegen, in ihre Richtung zu schauen. Amatis war Lukes Schwester – wenn sich die Dinge wie geplant entwickelt hätten, dann wäre sie inzwischen Clarys Stieftante.

Amatis. Clary erinnerte sich an das schmale Kanalhaus in Idris und daran, wie freundlich Amatis zu ihr gewesen war und wie sehr sie Jace’ Vater geliebt hatte. Bitte sieh mich an, dachte Clary. Bitte zeig mir, dass du noch immer du selbst bist.

In dem Moment hob Amatis den Kopf, als hätte sie Clarys stummes Flehen gehört, und blickte sie direkt an. Dann schenkte sie ihr ein Lächeln – allerdings kein freundliches oder aufmunterndes, sondern ein finsteres, kaltes und leicht belustigtes Lächeln. Das Lächeln eines Menschen, der zusah, wie jemand anderes ertrank, und nicht einen Finger zu dessen Rettung krümmte, dachte Clary. Das hier war nicht Amatis’ Lächeln, denn das hier war nicht Amatis – Amatis existierte nicht mehr.

Inzwischen hatte Jace die Hand von Clarys Mund genommen, aber sie verspürte nicht länger das Bedürfnis zu schreien. Niemand würde ihr hier zu Hilfe kommen und die Person, die die Arme um sie geschlungen hatte und sie wie in einem Schraubstock festhielt, war nicht Jace. So wie Kleidungsstücke selbst nach Jahren noch die Konturen ihres ehemaligen Besitzers beibehielten oder ein Kissen den Abdruck der Person, deren Kopf einst darauf gelegen hatte, genau so war auch dieser Jace. Er war eine leere Hülle, die sie mit ihren Wünschen, ihrer Liebe und ihren Träumen ausgestopft hatte.

Damit hatte sie dem echten Jace ein schreckliches Unrecht zugefügt. In ihrem Bestreben, ihn zu retten, hatte sie fast vergessen, wen sie hier eigentlich rettete. Sie erinnerte sich wieder an seine Worte, als er für kurze Zeit er selbst gewesen war: Ich hasse die Vorstellung, dass er mit dir zusammen ist. Er. Dieser andere Teil von mir. Jace hatte gewusst, dass es sich um zwei verschiedene Personen handelte – dass er ohne seine Seele nicht mehr er selbst war.

Er hatte versucht, sich dem Rat zu stellen, aber sie hatte ihn daran gehindert. Sie hatte nicht auf seinen eigenen Wunsch gehört, sondern diese Entscheidung für ihn getroffen – zwar in blinder Panik, aber sie hatte sie einfach an seiner Stelle gefällt. Dabei war ihr nicht bewusst gewesen, dass ihr Jace lieber sterben würde, als so weiterzuleben, und dass sie ihm nicht das Leben gerettet, sondern ihn zu einem Dasein verdammt hatte, das er verabscheute.

Resigniert ließ Clary sich gegen Jace sinken, der ihre plötzlich veränderte Körperhaltung als Zeichen dafür wertete, dass sie sich ihm nicht länger widersetzte, und seinen Griff etwas lockerte. Mittlerweile stand der letzte der rot gekleideten Schattenjäger vor Sebastian und streckte begierig die Hände nach dem Höllenkelch aus.

»Clary…«, setzte Jace an.

Doch Clary sollte nicht mehr herausfinden, was er hatte sagen wollen. Denn im nächsten Augenblick ertönte ein Schrei und der Schattenjäger, der den Kelch entgegennehmen wollte, taumelte zurück, mit einem Pfeil im Hals. Ungläubig riss Clary den Kopf herum und entdeckte Alec, der in Kampfmontur und mit dem Bogen in der Hand auf dem Deckstein des Grabmals stand. Er grinste zufrieden und griff sich über die Schulter, um den nächsten Pfeil aus dem Köcher zu ziehen.

Und dann tauchten hinter ihm die anderen auf: Ein Rudel Wölfe lief geduckt über die Ebene; ihr scheckiges Fell glänzte im Schein des Monds. Clary vermutete, dass sich auch Maia und Jordan unter ihnen befanden. Nach ihnen trat eine Reihe vertrauter Nephilim durch das Portal: Isabelle und Maryse Lightwood, Helen Blackthorn und Aline Penhallow sowie Jocelyn, deren rotes Haar selbst aus der Entfernung deutlich zu erkennen war. Neben ihnen tauchte Simon auf, hinter dessen Schulter das Heft eines silbern schimmernden Schwerts aufragte, und schließlich Magnus, dessen Hände knisternde blaue Flammen versprühten.

Clarys Herz machte vor Erleichterung einen Satz. »Ich bin hier!«, rief sie ihnen zu. »Ich bin hier drüben!«

»Kannst du sie sehen?«, fragte Jocelyn unruhig. »Ist sie irgendwo in der Menge?«

Simon versuchte, sich auf das Gewimmel in der Dunkelheit vor ihm zu konzentrieren. Der deutliche Geruch von Blut stimulierte seine Vampirsinne so sehr, dass er sogar unterschiedliche Blutsorten erkennen konnte – Schattenjägerblut, Dämonenblut und die bittere Note von Sebastians Blut. »Ja, ich sehe sie«, bestätigte er. »Jace hält sie fest. Er zieht sie hinter die Linien der Schattenjäger.«

»Wenn sie Jonathan so treu ergeben sind wie einst Valentin, dann werden sie mit ihren Körpern einen Schutzwall um ihn herum bilden – und um Clary und Jace ebenfalls.« Eine kalte, mütterliche Wut sprach aus Jocelyn und ihre grünen Augen funkelten zornig. »Wir werden ihre Reihen durchbrechen müssen, um zu ihnen zu gelangen.«

»Wir müssen zuallererst zu Sebastian vordringen«, erwiderte Isabelle. »Simon, wir werden dir eine Schneise freischlagen. Du schnappst dir Sebastian und rammst ihm Glorious in die Brust. Sobald er erst einmal gefallen ist…«

»… werden die anderen sich wahrscheinlich in alle Winde zerstreuen«, ergänzte Magnus. »Oder – je nachdem, wie eng sie mit Sebastian verbunden sind – an seiner Seite sterben. Das können wir zumindest hoffen.« Er hob den Kopf und schaute zum Deckstein. »Apropos hoffen: Habt ihr den Schuss gesehen, den Alec mit seinem Bogen abgefeuert hat? So kenne ich meinen Freund.« Der Hexenmeister strahlte und bewegte seine Fingerspitzen, woraufhin blaue Funken in alle Richtungen stoben und er von Kopf bis Fuß aufleuchtete.

Nur Magnus war in der Lage, sich eine paillettenbesetzte Kampfmontur zu besorgen, dachte Simon ergeben.

Isabelle wickelte sich die Peitsche vom Handgelenk und ließ sie wie eine goldene Flamme nach vorn schnellen. »Okay, Simon«, sagte sie. »Bist du bereit?«

Simon straffte die Schultern. Sie standen noch immer ein Stück von den Reihen der gegnerischen Armee entfernt – er wusste nicht, wie er die anderen, schwer bewaffneten Nephilim in ihren roten Roben und Kampfmonturen sonst hätte bezeichnen sollen. Als einige von ihnen verwirrte Rufe ausstießen, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen.

»Beim Erzengel, Simon, was gibt es da zu grinsen?«, fragte Izzy.

»Ihre Seraphklingen funktionieren nicht mehr«, erklärte Simon. »Sie versuchen herauszufinden, warum. Sebastian hat ihnen gerade zugebrüllt, sie sollen andere Waffen benutzen.«

Erneut ertönte ein Aufschrei aus der Gruppe der Nephilim um Sebastian, als ein weiterer Pfeil in hohem Bogen vom Grabmal flog und sich in den Rücken eines stämmigen, rot gekleideten Schattenjägers bohrte, der daraufhin nach vorn kippte. Die Reihen der Schattenjäger bewegten sich ruckartig zur Seite und dazwischen öffnete sich ein Spalt. Simon erkannte seine Chance und stürmte vorwärts, dicht gefolgt von den anderen.

Das Ganze kam ihm wie der Versuch vor, bei Nacht in einen Ozean einzutauchen – in eine tiefschwarze See, in der es von Haien und Meeresungeheuern mit rasiermesserscharfen Zähnen nur so wimmelte. Dies war zwar nicht Simons erster Kampf, aber während der Großen Schlacht hatte Clary ihn gerade erst mit dem Kainsmal versehen gehabt. Obwohl das Mal noch nicht seine volle Wirkung entfaltet hatte, waren viele Dämonen schlagartig vor ihm zurückgewichen. Er hätte nicht gedacht, dass er das Zeichen auf seiner Stirn einmal vermissen würde – doch nun, als er versuchte, sich durch die dichten Reihen der rot gekleideten Schattenjäger zu kämpfen, die mit ihren Waffen nach ihm schlugen, fehlte es ihm gewaltig.

Isabelle und Magnus flankierten ihn, schützten ihn und schützten Glorious. Izzys Peitsche knallte kräftig durch die Luft und Magnus’ Hände sprühten rotes, grünes und blaues Feuer, das die getroffenen Dunklen Nephilim in Flammen aufgehen ließ. Andere Schattenjäger brüllten auf, als Lukes Wölfe, die sich zwischen sie gestohlen hatten, ihnen an die Kehle sprangen.

Plötzlich flog ein Dolch mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf Simon zu und traf ihn an der Seite. Vor Schmerz schrie er auf, lief aber weiter, weil er wusste, dass die Wunde innerhalb weniger Sekunden verheilen würde. Simon drängte vorwärts – und erstarrte. Ein vertrautes Gesicht tauchte vor ihm auf: Lukes Schwester, Amatis. Als sich ihre Blicke trafen, sah er, dass sie ihn wiedererkannte. Doch was tat sie hier? War sie hergekommen, um an ihrer Seite zu kämpfen? Aber…

Im nächsten Augenblick stürzte Amatis sich auf ihn, einen dunkel schimmernden Dolch in der Hand. Sie war zwar schnell – aber eigentlich hätten seine Vampirreflexe Simon vor Schaden bewahrt, wenn er nicht so überrascht gewesen wäre. Amatis war Lukes Schwester, er kannte sie doch…

Dieser Moment ungläubigen Zögerns hätte möglicherweise Simons Ende bedeutet, wenn Magnus ihn nicht aus dem Weg gestoßen hätte. Blaue Flammen sprühten von seinen Händen, doch Amatis war schneller als der Hexenmeister. Sie wich dem Feuer aus, tauchte unter Magnus’ Arm hindurch und einen Sekundenbruchteil später blitzte die Klinge ihres Dolchs im Mondlicht auf. Magnus’ Augen weiteten sich vor Entsetzen, als Amatis ihre mitternachtsschwarze Waffe herabsausen ließ und durch die Kampfmontur hindurch in seinen Körper rammte. Dann riss sie die Hand mit dem Dolch zurück, die Klinge verschmiert mit spiegelndem Blut.

Isabelle schrie auf, als Magnus zusammenbrach und auf die Knie fiel. Simon versuchte, zu ihm zu gelangen, doch die Woge der Kämpfenden riss ihn fort. Hilflos brüllte er Magnus’ Namen, als Amatis sich über den zu Boden gegangenen Hexenmeister beugte, den Dolch ein weiteres Mal anhob und auf sein Herz zielte.

»Lass mich los!«, schrie Clary und versuchte, sich zappelnd und tretend aus Jace’ Griff zu winden. Sie konnte kaum etwas von dem erkennen, was sich vor der hin und her wogenden Menge der rot gekleideten Schattenjäger abspielte, die Jace, Sebastian und sie vor ihrer Familie und ihren Freunden abschirmten. Die drei befanden sich ein paar Schritte hinter der Kampflinie; Jace hielt Clary fest, die wild strampelte, während Sebastian das Kampfgeschehen mit einer finsteren Wut in den Augen verfolgte. Seine Lippen bewegten sich unaufhörlich, aber Clary wusste nicht, ob er fluchte, betete oder eine weitere Beschwörungsformel murmelte. »Lass mich endlich los!«, brüllte Clary.

In diesem Moment wandte Sebastian sich ihr zu, mit einem Furcht einflößenden Ausdruck auf dem Gesicht – eine Mischung aus Grinsen und Zähnefletschen. »Bring sie zum Schweigen, Jace!«

Doch Jace, der Clary noch immer festhielt, erwiderte: »Wollen wir hier nur rumstehen und tatenlos zusehen, wie uns die anderen beschützen?« Er deutete mit dem Kinn auf die Reihen der roten Schattenjäger.

»Ganz genau«, bestätigte Sebastian. »Denn wir, du und ich, sind zu wichtig. Uns darf nichts zustoßen.«

Jace schüttelte den Kopf. »Das gefällt mir nicht. Auf der anderen Seite kämpfen zu viele.« Er reckte den Hals, um über die Menge hinwegzuschauen. »Was ist mit Lilith? Kannst du sie nicht zurückrufen, damit sie uns hilft?«

»Was? Etwa hier?« Verachtung sprach aus Sebastians Stimme. »Nein. Außerdem ist sie noch zu schwach, um uns beizustehen. Früher hätte sie eine ganze Armee vernichten können, aber dieser Dreckskerl von Schattenweltler mit dem Kainsmal hat ihre Essenz in der Leere zwischen den Welten zerstreut. Es hat sie schon ihre ganze Kraft gekostet, hier zu erscheinen und uns ihr Blut zu geben.«

»Du Feigling«, fauchte Clary Sebastian an. »Du hast diese Nephilim in deine Sklaven verwandelt und rührst keinen Finger, um sie zu beschützen…«

Wütend hob Sebastian die Hand, als wollte er sie ohrfeigen. Clary wünschte sich, er würde sie schlagen, damit Jace es sehen konnte. Stattdessen ließ Sebastian die Hand sinken und verzog die Lippen zu einem hämischen Grinsen. »Wenn Jace dich losließe, würdest du sicher kämpfen, oder?«

»Selbstverständlich würde ich das…«

»Und auf wessen Seite?« Blitzschnell trat Sebastian auf Clary zu und hob den Höllenkelch. Clary konnte einen Blick hineinwerfen: Obwohl so viele Nephilim bereits davon getrunken hatten, war die Menge an Blut, die darin schwappte, unverändert. »Heb ihren Kopf an, Jace.«

»Nein!« Clary verdoppelte ihre Anstrengungen und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Jace’ Finger schoben sich unter ihr Kinn, doch Clary glaubte, ein Zögern in seiner Handbewegung zu spüren.

»Sebastian«, setzte er an. »Nicht…«

»Tu es! Jetzt!«, befahl Sebastian. »Für uns besteht kein Grund, noch länger hierzubleiben. Wir sind wichtig, nicht dieses Kanonenfutter. Wir haben bewiesen, dass der Höllenkelch funktioniert – das ist das Einzige, was zählt.« Höhnisch grinsend krallte er seine Hand in Clarys Kleid. »Aber wir können wesentlich leichter fliehen, wenn dieses Miststück nicht die ganze Zeit schreit und strampelt und um sich tritt.«

»Wir können sie doch später aus dem Kelch trinken lassen…«

»Nein«, knurrte Sebastian. »Und jetzt halt sie gefälligst fest.« Damit hob er den Kelch, drückte ihn Clary an den Mund und versuchte, ihre Lippen auseinanderzuzwängen.

Erbittert setzte Clary sich zur Wehr und biss die Zähne zusammen.

»Trink!«, flüsterte Sebastian bedrohlich und so leise, dass Clary bezweifelte, ob Jace ihn hören konnte. »Ich hab dir ja gesagt, dass du am Ende dieser Nacht alles tun würdest, was ich von dir verlange. Also trink!« Seine schwarzen Augen verfinsterten sich und er presste ihr den Kelch fester gegen die Lippen und schob ihre Unterlippe nach unten.

Clary schmeckte Blut, während sie gleichzeitig hinter sich griff, Jace an den Schultern packte und seinen Körper dazu nutzte, Sebastian mit beiden Beinen einen Tritt zu verpassen: Sie spürte, wie erst der Saum und dann die Seitennaht ihres Kleides rissen, als sie ihre Füße mit Wucht in Sebastians Brustkorb rammte und er pfeifend zurücktaumelte. Währenddessen riss Clary ruckartig den Kopf zurück und hörte dann ein Knirschen, als ihr Schädel gegen Jace’ Gesicht schlug. Er schrie auf und lockerte seinen Griff lange genug, dass Clary sich losreißen konnte. Sie wirbelte herum und stürzte sich in das Kampfgetümmel, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Maia hetzte über den felsigen Untergrund; Sternenlicht streifte mit kühlen Fingern ihr Fell, während der Kampf ihre empfindliche Nase mit Gerüchen bombardierte: Blut, Schweiß und der Gestank brennender Gummireifen – das Zeichen Schwarzer Magie.

Ihr Rudel hatte sich über die gesamte Ebene verteilt und schlug mit todbringenden Zähnen und Klauen breite Lücken in die Reihen des Feinds. Maia hielt sich dicht neben Jordan – aber nicht, weil sie seinen Schutz brauchte, sondern weil sie festgestellt hatte, dass sie Seite an Seite besser und effektiver kämpfen konnten. Bisher hatte sie nur an einer einzigen Schlacht teilgenommen, auf der Brocelind-Ebene, und damals hatte um sie herum ein furchtbares Chaos aus Dämonen und Schattenweltlern geherrscht. Hier in dieser kargen Gegend standen ihnen zwar weniger Feinde gegenüber, aber die Dunklen Nephilim waren hervorragende Krieger und schwangen ihre Schwerter und Dolche mit Furcht einflößender Kraft und Geschicklichkeit. Maia hatte gesehen, wie ein schlanker Schattenjäger einem angreifenden Werwolf mitten im Sprung den Kopf abgetrennt hatte, woraufhin ein menschlicher Rumpf auf den Boden gefallen war, blutig und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Als Maia gerade daran zurückdachte, tauchte vor ihnen ein rot gekleideter Schattenjäger auf, mit einem zweischneidigen Schwert in den Händen. Die Klinge glitzerte im Mondlicht feucht und schwarzrötlich. Jordan knurrte, aber Maia attackierte den Mann als Erste. Er tauchte jedoch unter ihrem Angriff hinweg und versetzte ihr einen Hieb mit seinem Schwert. Maia spürte einen stechenden Schmerz an der Schulter und landete auf allen vieren. Als hinter ihr ein Klirren ertönte, wusste sie, dass sie dem Dunklen Nephilim bei ihrem Angriff die Waffe aus der Hand getreten hatte. Mit einem zufriedenen Knurren wirbelte sie herum, nur um festzustellen, dass Jordan bereits zum Sprung ansetzte, um dem Mann an die Kehle zu gehen…

Doch der Krieger packte ihn einfach am Nackenfell, als würde er einen ungezogenen Welpen mitten aus der Luft greifen. »Du Schattenweltabschaum!«, fauchte er, und obwohl Maia eine derartiges Schimpfwort nicht zum ersten Mal hörte, jagte ihr der eisige Hass in der Stimme des Mannes einen Schauer über den Rücken. »Dir sollte man das Fell abziehen! Ich sollte dich als Mantel tragen!«

Wütend schlug Maia dem Mann ihre Zähne ins Bein. Bitter-metallisch schmeckendes Blut explodierte in ihrem Mund, während der Nephilim vor Schmerz aufschrie, rückwärts taumelte, seinen Griff um Jordans Nacken lockerte und nach Maia trat. Die junge Werwölfin verstärkte ihren Biss und Jordan attackierte erneut. Und dieses Mal erstarben dem Schattenjäger die wüsten Beschimpfungen jäh auf den Lippen, als ihm die Krallen des Werwolfs die Kehle aufrissen.

Amatis wollte ihren Dolch in Magnus’ Herz stoßen – als ein Pfeil durch die Luft flog, sich in ihre Schulter bohrte und sie mit solcher Wucht zur Seite riss, dass sie sich um hundertundachtzig Grad drehte und mit dem Gesicht auf den felsigen Untergrund stürzte. Sie kreischte laut, doch ihre Schreie gingen schon bald im Tosen der klirrenden Waffen unter.

Isabelle kniete sich neben Magnus, während Simon rasch aufschaute und Alec auf dem Deckstein sah, der mit dem Bogen in der Hand wie erstarrt dastand. Vermutlich war er zu weit entfernt, um Magnus deutlich zu erkennen. Isabelle hatte dem Hexenmeister beide Hände auf den Brustkorb gepresst, um die Blutung zu stillen, aber Magnus – sonst ständig in Bewegung und voller Energie – lag vollkommen reglos da. Die junge Schattenjägerin hob den Blick und sah, dass Simon sie und Magnus fassungslos anstarrte; und obwohl ihre Hände bereits voller Blut waren, schüttelte sie heftig den Kopf und rief: »Lauf weiter! Such Sebastian!«

Simon gab sich einen Ruck, wirbelte herum und tauchte wieder in das Getümmel ein. Die dichten Reihen der rot gekleideten Schattenjäger hatten sich bereits gelichtet. Die Wölfe sprangen zwischen ihnen umher und trieben einzelne Nephilim von den anderen fort. Jocelyn befand sich in einem Schwertkampf mit einem knurrenden Mann, von dessen linkem Arm Blut tropfte – und Simon machte eine eigenartige Feststellung, während er weitertaumelte und sich durch die schmalen Lücken zwischen den Kämpfenden hindurchmanövrierte: Kein einziger der roten Nephilim trug ein Runenmal.

Als er aus dem Augenwinkel sah, wie einer der feindlichen Schattenjäger Aline mit einem Streitkolben angriff, aber von Helen niedergestreckt wurde, erkannte Simon, dass diese Schattenjäger außerdem wesentlich schneller waren als alle anderen Nephilim, die er kannte, von Jace und Sebastian einmal abgesehen. Sie bewegten sich mit der Schnelligkeit von Vampiren, überlegte er, als einer von ihnen einen Wolf mitten im Sprung erwischte und ihm den Unterleib aufschlitzte. Der tote Werwolf stürzte zu Boden – als Leichnam eines stämmigen Mannes mit lockigen hellen Haaren. Also weder Maia noch Jordan. Erleichterung durchströmte Simon, dicht gefolgt von Schuldgefühlen. Er stolperte weiter, umgeben vom intensiven Blutgeruch, der die Luft erfüllte. Erneut musste er an sein Kainsmal denken: Wenn es noch auf seiner Stirn leuchten würde, könnte er alle feindlichen Schattenjäger auf der Stelle vernichten…

Plötzlich tauchte einer der Dunklen Nephilim vor ihm auf und schwang ein einschneidiges Schwert. Simon duckte sich blitzschnell, doch das wäre eigentlich nicht mehr nötig gewesen. Denn der Mann hatte kaum mit der Waffe ausgeholt, als ihn auch schon ein Pfeil in den Hals traf und er blutspuckend zu Boden ging. Ruckartig hob Simon den Kopf und sah Alec, der noch immer auf dem Grabmal stand. Sein Gesicht wirkte wie versteinert, aber er schoss seine Pfeile mit maschinenartiger Präzision: Seine Hand griff mechanisch über die Schulter, zog einen Pfeil aus dem Köcher, legte ihn auf den Bogen und ließ ihn durch die Luft sirren, woraufhin dieser sich unfehlbar in sein Ziel bohrte. Das schien Alec aber kaum wahrzunehmen, denn sobald er einen seiner Pfeile abgeschickt hatte, griff er bereits nach dem nächsten. Simon hörte, wie ein weiterer Pfeil an ihm vorbeizischte und sich in einen der roten Nephilim bohrte, während er selbst vorwärtsstürmte, um zu einem weniger umkämpften Bereich des Schlachtfelds zu gelangen…

Im selben Moment erstarrte er. Dort drüben war sie: Clary. Eine winzige Gestalt, die sich mit bloßen Händen einen Weg durch die Menge kämpfte und dabei wie wild um sich schlug und trat. Sie trug ein zerrissenes rotes Gewand und ihre Haare waren vollkommen zerzaust. Als sie Simon entdeckte, huschte ein Ausdruck ungläubigen Erstaunens über ihre Züge und ihre Lippen formten seinen Namen.

Direkt hinter ihr war Jace mit blutüberströmtem Gesicht. Die Menge teilte sich, als er hindurchstürmte, und ließ ihn passieren. Hinter ihm, in der entstandenen Lücke, konnte Simon einen rot und silbern schimmernden Schemen ausmachen – eine vertraute Gestalt, mit inzwischen wieder weißblonden Haaren, dieselbe Farbe wie einst Valentins Haar.

Sebastian. Clarys Bruder, der sich noch immer hinter der letzten Verteidigungslinie der Dunklen Schattenjäger versteckte. Dieser Anblick veranlasste Simon, über seine Schulter zu greifen und Glorious aus der Scheide zu ziehen. Eine Sekunde später trieb eine Woge im Gedränge ihm Clary entgegen. Ihre Augen wirkten vor lauter Adrenalin fast schwarz, aber ihre Freude bei seinem Anblick war ungetrübt. Enorme Erleichterung durchströmte Simon und ihm wurde bewusst, dass er sich die ganze Zeit gefragt hatte, ob Clary wohl noch sie selbst war – oder aber verwandelt, so wie er es bei Amatis erlebt hatte.

»Gib mir das Schwert!«, brüllte Clary, deren Stimme fast vom ohrenbetäubenden Klirren der Schwerter übertönt wurde. Sie streckte Simon ihre Hand entgegen – und in diesem Augenblick war sie nicht länger Clary, seine Freundin seit Kindergartenzeiten, sondern eine Schattenjägerin, ein Racheengel, dem dieses Schwert zustand.

Blitzschnell hielt Simon ihr das Schwert entgegen, mit dem Heft voran.

Der Kampf wogte hin und her wie ein aufgewühltes Meer, dachte Jocelyn und bahnte sich einen Weg durch das Getümmel, wobei sie mit Lukes Kindjal auf alles einschlug, das auch nur irgendwie rot leuchtete. Die Gegner tauchten so schnell aus der Menge auf und wieder darin unter, dass sie kaum etwas anderes wahrnahm als ein Gefühl konstanter Gefahr und den unbedingten Willen, nicht unterzugehen und am Leben zu bleiben.

Jocelyns Blick glitt fieberhaft über die wild aufeinanderprallenden Kämpfer, immer auf der Suche nach ihrer Tochter, nach rot leuchtenden Haaren – oder gegebenenfalls nach Jace. Denn wo er war, würde auch Clary sein. Mehrere Felsbrocken waren über die Ebene verstreut. Rasch erklomm Jocelyn die raue Kante eines dieser Blöcke, um sich einen besseren Überblick über das Schlachtfeld zu verschaffen. Aber sie konnte nur dicht aneinandergedrängte Körper, aufblitzende Waffen und die dunklen, tief geduckten Gestalten der Werwölfe im Getümmel ausmachen.

Resigniert wandte sie sich ab und kletterte wieder hinunter… nur um am Fuß des Felsbrockens jemanden vorzufinden, der bereits auf sie wartete. Abrupt hielt Jocelyn inne und starrte den Mann an.

Er trug eine scharlachrote Robe und auf seiner Wange prangte eine zerklüftete, blasse Narbe, ein Andenken an eine frühere Schlacht. Sein Gesicht wirkte verkniffen und längst nicht mehr jugendlich, doch es bestand kein Zweifel an seiner Identität.

»Jeremy«, sagte Jocelyn langsam, wobei ihre Stimme im Kampfgetümmel kaum zu hören war. »Jeremy Pontmercy.«

Der Mann, der einst das jüngste Mitglied in Valentins Kreis gewesen war, schaute sie aus blutunterlaufenen Augen an. »Jocelyn Morgenstern. Bist du hier, um dich uns anzuschließen?«

»Mich euch anschließen? Nein, Jeremy…«

»Du hast einst auch dem Kreis angehört«, erwiderte er und kam näher. Er hielt einen langen Dolch mit einer rasiermesserscharfen Klinge in der rechten Hand. »Du warst eine von uns. Nun folgen wir deinem Sohn.«

»Ich habe mich von euch abgewendet, als ihr meinem Mann gefolgt seid«, erklärte Jocelyn. »Wieso kommst du auf die Idee, dass ich mich euch jetzt anschließen würde, wenn mein Sohn euch anführt?«

»Entweder bist du für uns oder gegen uns, Jocelyn.« Jeremys Gesicht verfinsterte sich. »Aber du kannst dich nicht gegen deinen eigenen Sohn stellen.«

»Jonathan ist das größte Verbrechen, das Valentin je begangen hat«, erwiderte Jocelyn leise. »Ich könnte niemals an seiner Seite stehen. Letztendlich habe ich auch nie an Valentins Seite gestanden. Also was verleitet dich zu der Annahme, mich jetzt vom Gegenteil überzeugen zu können?«

Jeremy schüttelte den Kopf. »Du hast mich missverstanden. Ich meinte, dass du dich ihm nicht entgegenstellen kannst. Denn du hast keine Chance gegen uns. Auch der Rat hat keine Chance; seine Mitglieder sind nicht auf uns vorbereitet… auf das, was wir können und wozu wir bereit sind. Schon bald wird in jeder Stadt Blut durch die Straßen fließen. Die ganze Welt wird brennen. Alles, was du gekannt hast, wird zerstört werden. Wir werden aus den Trümmern eures Untergangs auferstehen wie ein Phönix aus der Asche. Das hier ist deine einzige Chance, denn ich bezweifle, dass dir dein Sohn noch eine weitere geben wird.«

»Jeremy«, setzte Jocelyn an, »du warst noch so jung, als Valentin dich rekrutiert hat. Du könntest dich lossagen, sogar in die Reihen des Rats zurückkehren. Man würde sich dir gegenüber bestimmt nachsichtig zeigen…«

»Ich kann nie mehr in die Reihen des Rats zurückkehren«, erwiderte Jeremy mit dunkler Genugtuung. »Verstehst du das denn nicht? Diejenigen von uns, die zu deinem Sohn stehen, sind keine Nephilim mehr.«

Keine Nephilim mehr. Jocelyn hob zu einer Antwort an, doch bevor sie etwas sagen konnte, quoll Blut aus Jeremys Mund. Dann brach er zusammen. Hinter ihm stand Maryse, ein Breitschwert in der Hand.

Die beiden Frauen warfen sich über Jeremys toten Körper einen kurzen Blick zu. Dann wandte Maryse sich um und kehrte in das Kampfgetümmel zurück.

In dem Moment, in dem Clarys Finger sich um das Heft schlossen, erstrahlte das Schwert in einem goldenen Licht. Flammen züngelten über die Klinge, ließen mehrere darin eingravierte Worte aufblitzen – Quis ut Deus? – und erfüllten das Heft mit einem Leuchten, als wäre das Licht der Sonne darin gefangen. Beinahe hätte Clary das Schwert fallen gelassen, in der Annahme, es sei in Flammen aufgegangen. Doch das Feuer schien innerhalb der Waffe zu lodern, denn das Metall fühlte sich weiterhin kühl in ihren Händen an.

Danach spielte sich alles wie in Zeitlupe ab: Clary drehte sich um, das flammende Schwert fest in den Händen. Fieberhaft suchte sie die Menge nach Sebastian ab. Sie konnte ihn nirgends entdecken, aber sie wusste, dass er sich hinter der dichten Reihe roter Nephilim befand, durch die sie sich hindurchgekämpft hatte. Das Schwert vor sich ausgestreckt, bewegte sie sich auf die Nephilim zu. Doch jemand versperrte ihr den Weg.

Jace.

»Clary«, sagte er. Eigentlich hätte sie ihn unmöglich hören können, da um sie herum ohrenbetäubender Lärm herrschte: laute Schreie und das Knurren von Wölfen, das Klirren und Knirschen von Metall auf Metall. Aber die Wogen der kämpfenden Gestalten hatten sich offenbar wie das Rote Meer geteilt und um Jace und sie herum eine freie Fläche gelassen.

Das Schwert brannte in Clarys feuchten Fingern. »Jace. Geh mir aus dem Weg!«, stieß sie hervor und hörte, wie Simon hinter ihr etwas rief.

Jace schüttelte den Kopf. Seine goldfarbenen Augen schauten sie ausdruckslos und unergründlich zugleich an. Sein Gesicht war blutverschmiert – Clary hatte ihm mit dem Schädel den Wangenknochen gebrochen, über dem die Haut bereits anschwoll und sich zu verfärben begann. »Gib mir das Schwert, Clary«, befahl er.

»Nein.« Heftig schüttelte Clary den Kopf und wich einen Schritt zurück. Glorious beleuchtete den Bereich, in dem sie standen, beleuchtete das niedergetrampelte, blutgetränkte Gras um Clary herum und beleuchtete Jace, der sich auf sie zubewegte. »Jace. Ich kann dich von Sebastian trennen. Ich kann ihn töten, ohne dich dabei zu verletzen…«

Sein Gesicht zuckte. Seine Augen leuchteten in derselben Farbe wie das Feuer des Schwerts. Oder reflektierten sie nur das Licht? Clary war sich nicht sicher.

Doch als sie ihn musterte, erkannte sie, dass es keine Rolle spielte. Denn sie sah Jace und dann auch wieder nicht: ihre Erinnerungen an ihn, den wunderschönen Jungen, den sie vor Monaten kennengelernt hatte und der am Anfang rücksichtslos gegen sich und andere gewesen war und erst im Laufe der Zeit gelernt hatte, fürsorglich und vorsichtig zu sein. Clary erinnerte sich wieder an jene Nacht, die sie in Idris gemeinsam verbracht hatten, die Hände über dem schmalen Bett verschränkt. Dann an den blutüberströmten Jungen, der sie in Paris mit gehetzten Augen angesehen und ihr gestanden hatte, dass er jemanden umgebracht hatte.

»Sebastian töten?«, herrschte der Jace, der nicht Jace war, sie nun an. »Hast du völlig den Verstand verloren?«

Clarys Gedanken kehrten zu jenem Abend am Lyn-See zurück, als Valentin Jace das Schwert in die Brust gerammt und sie mit dem Gefühl zurückgelassen hatte, dass mit Jace’ Blut auch ihr Leben endete.

Sie hatte ihn dort sterben sehen, am Ufer dieses Sees in Idris. Und nachdem sie ihn zurückgeholt hatte, war er zu ihr gekrochen und hatte sie angeschaut, mit seinen Augen, die so brannten wie dieses Schwert – wie das weiß glühende Blut eines Engels.

Ich war in der Dunkelheit, hatte er gesagt. Dort gab es nichts außer Schatten und auch ich war ein Schatten Doch dann hörte ich deine Stimme.

Aber seine Worte wurden von anderen überlagert, von Worten, die Jace erst kurz zuvor ausgesprochen hatte: Im Wohnzimmer von Valentins Wohnung, wo er Sebastian gegenübergestanden und Clary erklärt hatte, er wäre lieber tot als so weiterzuleben.

Auch jetzt konnte sie ihn hören: Er befahl ihr, das Schwert freiwillig herauszurücken, andernfalls würde er es ihr einfach wegnehmen. Seine Stimme klang hart, ungeduldig – der Ton eines Menschen, der mit einem ungezogenen Kind spricht. In diesem Moment wusste Clary, dass nicht nur Jace nicht mehr er selbst war, sondern auch sie nicht mehr die Clary, die er liebte. Dieses Mädchen war nur eine Erinnerung, ein verschwommenes, verzerrtes Bild einer gefügigen, folgsamen Person; einer Person, die nicht verstand, dass Liebe, die nicht freiwillig und ehrlich geschenkt wurde, in Wahrheit keine Liebe war.

»Gib mir das Schwert.« Er hatte die Hand ausgestreckt, das Kinn angehoben und befahl herrisch: »Gib mir endlich das Schwert, Clary!«

»Du willst das Schwert?« Clary hob Glorious an, so wie er es ihr beigebracht hatte, und balancierte es in den Händen, obwohl es sich sehr schwer anfühlte. Im nächsten Augenblick begann die darin eingeschlossene Flamme aufzulodern, bis zur Spitze und dann darüber hinaus, als würde das Feuer bis zu den Sternen reichen.

Jace war nur eine Schwertlänge von Clary entfernt; seine goldenen Augen funkelten ungläubig. Selbst jetzt schien er nicht glauben zu können, dass sie ihn ernsthaft verletzen würde.

Clary atmete tief ein. »Dann hol’s dir doch.«

Sie sah seine Augen aufblitzen wie damals am See – und dann rammte sie ihm das Schwert in die Brust, exakt wie Valentin es getan hatte. Clary verstand nun, dass es auf diese Weise getan werden musste. Denn genau so war er gestorben. Sie hatte ihn den Klauen des Todes entrissen, doch nun war dieser zurückgekehrt.

Man kann den Tod nicht betrügen. Letztendlich wird er sein Recht einfordern.

Glorious versank tief in Jace’ Brust und Clary spürte, wie ihre blutigen Hände über das Heft rutschten, als sich die Klinge zwischen die Rippen seines Brustkorbs bohrte und durch ihn hindurchfuhr, bis ihre Faust gegen seinen Rumpf stieß und sie erstarrte. Jace hatte sich nicht gerührt und Clary stand nun direkt vor ihm und umklammerte Glorious, während das Blut aus der Wunde in seiner Brust hervorzusickern begann.

Gleichzeitig ertönte ein gellender Schrei – eine Mischung aus Wut und Schmerz und Angst, das Kreischen einer Person, die brutal auseinandergerissen wurde. Sebastian, dachte Clary sofort. Sebastian, der laut brüllte, als sein Bund mit Jace durchtrennt wurde.

Aber Jace… Jace gab keinen Mucks von sich. Trotz allem wirkte sein Gesicht ruhig und friedlich – wie das einer Statue. Er schaute auf Clary hinab und seine Augen funkelten, als füllten sie sich mit Licht.

Dann ging er in Flammen auf.

Alec konnte sich nicht erinnern, wie er vom Deckstein des Grabmals heruntergeklettert war oder sich einen Weg zwischen den Gefallenen hindurch gesucht hatte, die überall auf der felsigen Ebene verstreut lagen: Dunkle Schattenjäger, tote und verwundete Werwölfe. Seine Augen suchten nur nach einer einzigen Person. Er taumelte vorwärts und wäre fast hingefallen. Als er wieder hochschaute, entdeckte er Isabelle, die neben Magnus auf dem steinigen Boden kniete.

Plötzlich hatte Alec das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Nie zuvor hatte er Magnus so bleich und so reglos gesehen. Blut schimmerte auf seiner Ledermontur und auch auf den Felsen unter ihm. Aber das war unmöglich! Magnus lebte doch schon so lange. Er war immer da gewesen. Eine Konstante. Alec konnte sich keine Welt vorstellen, in der Magnus vor ihm starb.

»Alec.« Izzys Stimme drang gedämpft zu ihm vor wie durch eine Wasserwand. »Alec, er atmet noch.«

Langsam ließ Alec die angehaltene Luft aus den Lungen entweichen, streckte seiner Schwester die Hand entgegen und stieß keuchend hervor: »Dolch. Gib mir deinen Dolch!«

Schweigend reichte Isabelle ihm die Waffe. Sie hatte im Erste-Hilfe-Kurs nicht so gut aufgepasst wie ihr Bruder, weil sie immer die Ansicht vertreten hatte, Heilrunen würden schon genügen. Jetzt schaute sie zu, wie Alec mit zusammengebissenen Zähnen Magnus’ Ledermontur und dann das darunterliegende Hemd aufschlitzte. Möglicherweise war die Kampfmontur das Einzige, was den Hexenmeister noch zusammenhielt.

Vorsichtig klappte er das aufgetrennte Leder beiseite, selbst überrascht, dass seine Hände nicht unkontrolliert zitterten. Blut hatte sich über den gesamten Oberkörper verteilt und unter dem rechtem Rippenbogen entdeckte Alec eine breite Stichwunde; aber die gleichmäßige Atmung verriet ihm, dass Magnus’ Lunge nicht punktiert war. Rasch riss Alec sich die Jacke vom Körper, knüllte sie zusammen und drückte sie fest auf die noch immer blutende Wunde.

Magnus’ Lider hoben sich flatternd. »Aua«, stöhnte er kläglich. »Nicht auf mich stützen.«

»Dem Engel sei Dank. Du lebst«, stieß Alec erleichtert hervor. Er schob eine Hand unter Magnus’ Kopf und streichelte ihm mit dem Daumen die blutige Wange. »Ich hab gedacht…«, setzte er an und schaute kurz zu seiner Schwester hoch, ehe er irgendetwas sagte, das peinlich gewesen wäre. Doch Isabelle hatte sich bereits lautlos entfernt. »Ich hab gesehen, wie du getroffen wurdest«, flüsterte Alec leise, beugte sich vor und küsste Magnus leicht auf den Mund, um ihm keine zusätzlichen Schmerzen zu bereiten. »Ich hab gedacht, du wärst tot.«

Magnus grinste schief. »Was, von dem kleinen Kratzer?« Er warf einen Blick auf Alecs Jacke auf seinem Brustkorb, die sich inzwischen rot verfärbt hatte. »Okay, okay, ein großer Kratzer. Wie von einer richtig großen Miezekatze.«

»Fantasierst du?«, fragte Alec besorgt.

»Nein.« Magnus runzelte die Stirn. »Amatis hat auf mein Herz gezielt, aber glücklicherweise keine lebenswichtigen Organe getroffen. Das Problem ist nur, dass mich der Blutverlust Energie kostet und meine Selbstheilungskräfte.« Er holte tief Luft und begann dann zu husten. »Bitte gib mir deine Hand«, sagte er, als der Hustenanfall vorüber war. Alec verschränkte seine Finger mit Magnus’ und presste ihre Handflächen fest zusammen. »Erinnerst du dich noch an die Nacht auf Valentins Jacht, als ich während des Kampfes etwas von deiner Kraft benötigte?«

»Brauchst du auch jetzt Kraft?«, fragte Alec. »Denn du kannst sofort welche haben.«

»Ich brauche deine Kraft immer, Alec«, erwiderte Magnus und schloss die Augen, während ihre verschränkten Hände zu leuchten begannen, als umfassten sie einen strahlenden Stern.

Ein weiß glühendes Licht explodierte im Heft des Engelsschwertes und setzte sich augenblicklich über die Klinge fort. Die Flamme schoss wie ein elektrischer Schlag durch Clarys Arm und riss sie von den Füßen. Schmerz zuckte wie ein heller Blitz durch ihre Adern; Clary krümmte sich zusammen und schlang die Arme um sich, als könnte sie auf diese Weise verhindern, dass ihr Körper in tausend Stücke gerissen wurde.

Jace fiel auf die Knie. Glorious durchbohrte ihn noch immer, ging aber nun in weißgoldenen Flammen auf. Das Feuer erfüllte seinen Körper wie Tinte eine klare Glaskaraffe. Goldene Funken schossen durch seinen Leib und ließen ihn transparent schimmern. Sein Haar leuchtete bronzefarben und seine harten Knochen traten wie glühender Zunder unter der Haut hervor. Das Schwert brannte lichterloh und löste sich wie schmelzendes Gold zu Tropfen auf. Jace hatte den Kopf in den Nacken geworfen und sein Körper war gespannt wie ein Bogen, während der Feuersturm durch ihn hindurchraste.

Clary wollte über den steinigen Boden auf ihn zukriechen, aber die Hitze, die von ihm abstrahlte, war einfach zu groß. Er griff sich mit beiden Händen an die Brust und ein Strom goldenen Blutes rann durch seine Finger. Der Fels, auf dem er kniete, begann zu verkohlen, bekam dunkle Risse und zerfiel schließlich zu Asche. Dann explodierte der Rest des Schwertes wie ein Feuerwerk in einem glühenden Funkenregen und Jace brach zusammen und kippte vornüber auf das Geröll.

Sofort versuchte Clary, sich aufzurappeln, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Ihre Adern fühlten sich noch immer an, als stünden sie in Flammen, und Schmerz wanderte über ihre Haut, als würde jemand mit der weiß glühenden Spitze eines Schürhakens darüberfahren. Mühsam schleppte sie sich vorwärts, bis ihre Fingernägel blutig einrissen, ihr Festgewand endgültig in Fetzen hing und sie Jace endlich erreichte.

Er war auf die Seite gerollt; sein Kopf ruhte auf einem Arm, während der andere weit abgespreizt dalag. Clary sank neben ihm zusammen. Hitze strahlte von seinem Körper ab wie von der Glut eines erlöschenden Feuers; doch das kümmerte sie nicht. Sie konnte den Riss in seiner Kampfmontur erkennen, wo sich Glorious hindurchgebohrt hatte. Unter die Asche der versengten Steine hatte sich das Gold seiner Haare und sein Blut gemischt.

Langsam und mit schmerzenden Gliedern, die sich bei jeder Bewegung qualvoll bemerkbar machten – als wäre Clary mit jeder Sekunde, die Jace in Flammen stand, um ein Jahr gealtert – zog sie ihn zu sich heran, bis er mit dem Rücken auf dem blutgetränkten und schwarz verkohlten Boden lag. Dann betrachtete sie sein Gesicht, das nicht länger golden leuchtete, sondern vollkommen ausdruckslos war – und noch immer wunderschön.

Vorsichtig legte Clary eine Hand auf seine Brust, wo sich das helle Rot seines Bluts vom dunkleren Rotton seiner Kampfmontur abhob. Sie hatte gespürt, wie sich die Klinge des Schwertes durch seine Rippen gebohrt hatte. Sie hatte gesehen, wie das Blut zwischen seinen Fingern hervorgequollen war – solche Mengen von Blut, dass es den Fels unter ihm schwarz verfärbt und seine Haare verklebt hatte.

Und dennoch. Nicht wenn er eher ein Geschöpf des Himmels ist als der Hölle.

»Jace«, wisperte sie. Um sie herum herrschten Chaos und Panik: Die zersprengten Reste von Sebastians Truppe rannten in alle Richtungen und ließen ihre Waffen fallen. Doch Clary ignorierte sie. »Jace.«

Er rührte sich nicht. Sein Gesicht blieb reglos, fast friedlich im Mondschein. Seine Wimpern warfen dunkle, spinnenartige Schatten auf seine Wangenknochen.

»Bitte«, brachte Clary hervor. Ihre Stimme fühlte sich an, als würde sie ihr aus der Kehle geschabt, und jeder Atemzug brannte wie Feuer. »Bitte, sieh mich an.«

Clary schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, kauerte ihre Mutter neben ihr und berührte sie vorsichtig an der Schulter.

Tränen strömten über Jocelyns Gesicht. Aber das konnte doch nicht sein… Warum sollte ihre Mutter weinen?

»Clary«, flüsterte Jocelyn. »Lass ihn gehen. Er ist tot.«

In der Ferne sah Clary, dass Alec neben Magnus kniete. »Nein«, erwiderte sie. »Das Schwert… es verbrennt alles Böse in ihm. Er… er könnte es überleben.«

Jocelyn strich ihr über den Rücken, wickelte ihre Finger in Clarys zerzauste Locken. »Clary, nein…«

Jace, dachte Clary mit eiserner Entschlossenheit und krallte ihre Hände um seinen Arm. Du bist stärker. Wenn das hier wirklich dein wahres Ich ist, dann öffnest du jetzt die Augen und siehst mich an.

Plötzlich war Simon neben ihr und kniete sich auf die andere Seite von Jace’ reglosem Körper; sein Gesicht war mit Blut und Dreck verschmiert und er streckte ihr die Hände entgegen. Ruckartig hob Clary den Kopf und funkelte ihn an – ihn und ihre Mutter. Dann entdeckte sie hinter ihnen Isabelle, die mit großen Augen und zögernden Schritten näher kam. Ihre Kampfmontur starrte vor Blut. Unfähig, Izzy ins Gesicht zu schauen, wandte Clary den Blick ab und heftete ihn auf Jace’ goldblonde Haare.

»Sebastian«, brachte Clary krächzend hervor. »Jemand sollte ihn verfolgen.« Und mich in Ruhe lassen.

»Man sucht bereits nach ihm.« Jocelyn beugte sich vor und musterte sie mit besorgten Augen. »Clary, lass ihn gehen. Clary, Süße…«

»Lass sie in Ruhe«, hörte Clary Isabelles scharfe Stimme. Und sie hörte auch, wie ihre Mutter protestierte, aber jedes Wort schien wie aus großer Entfernung zu ihr zu dringen, als würde sie ein Theaterstück von der letzten Sitzreihe aus verfolgen. Alles um sie herum war vollkommen unwichtig, für sie zählte nur eines: Jace. Jace, der in Flammen aufgegangen war. Tränen brannten in ihren Augen. »Jace, verdammt noch mal«, stieß sie mit heiserer Stimme hervor. »Du bist nicht tot!«

»Clary«, setzte Simon sanft an. »Die Chance war sehr gering…«

Lass ihn los. Das war die eigentliche Bitte hinter Simons Worten, doch sie konnte es nicht. Wollte es nicht.

»Jace«, wisperte sie. Sein Name war wie ein Mantra, genau wie er sie einst in Renwicks Ruine in den Armen gehalten und ihren Namen wieder und wieder gemurmelt hatte. »Jace Lightwood…«

Plötzlich erstarrte sie. Da! Eine Bewegung, die so winzig war, dass sie eigentlich kaum als eine Bewegung bezeichnet werden konnte: das Flattern einer Wimper. Clary beugte sich vor, verlor dabei fast das Gleichgewicht und presste ihre Hand auf den zerrissenen scharlachroten Stoff seiner Jacke, als könnte sie die Wunde in seiner Brust heilen – die Wunde, die sie ihm selbst zugefügt hatte. Stattdessen spürte sie etwas unter ihren Fingerspitzen, so wundervoll, dass sie es einen Moment lang selbst nicht begreifen konnte: den Rhythmus von Jace’ Herzschlag.

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