Kim Stanley Robinson Die wahre Natur von Shangi-La

In Nepal heißt es, ein früher Monsun bringe Glück, doch offensichtlich ist das so gelogen, daß sich die Balken biegen. Wenn Sie mich fragen, ist das einzige, was ein früher Monsun bringt, mehr Regen als üblich im Spätfrühling und Frühsommer. Nehmen Sie zum Beispiel das Jahr 1987, als der Monsun im Mai kam. In diesem Jahr gab es große Probleme für einen Ort, den Sie wahrscheinlich als Shangri-La kennen. Nun ist Shangri-La nicht der echte Name des Tals; so hieß es nur in einem Film, und die Produzenten müssen sich verhört haben, weil der echte Name Shambhala lautet. Shambhala ist die verborgene Stadt Tibets, die Heimat der ältesten Weisheit der Welt und die geheime, geheiligte Hochburg des tibetanischen Buddhismus. Eigentlich sogar der Ursprung aller Religionen der Welt. Ich habe dort eine beträchtliche Weile mit meinem Lehrer Kunga Norbu Rim-poche verbracht, und als Kunga nach Katmandu hinabstieg, um mir zu sagen, daß Shambala in Schwierigkeiten sei, wußte ich, daß es meine Pflicht war, ihm auf jede nur erdenkliche Art und Weise zu helfen.

Anscheinend hatte sich die Nachricht verbreitet, daß die Nepalesen planten, eine ihrer Hügelstraßen zu einem Gebirgsdorf auszuweiten, das Shambhala so nahe lag, daß die Straße eine ernsthafte Gefahr darstellte. Sie würde so viele Menschen in die Gegend bringen, daß das Geheimnis schließlich herauskommen würde, und das wäre dann das Ende des heiligen Tals.

Sobald Kunga Norbu die Natur des Problems erklärt hatte, wußte ich, daß mein Kumpel George Fergusson die Antwort war. George ist ein As in der Kunst, sich den Weg durch die nepalesische Bürokratie zu schmieren, um das zu bekommen, was er für seine Trekking-Unternehmungen brauchte, und so nahm ich an, daß er auch für unsere Belange ein Experte war.

Doch als ich Kunga Norbu in dem tibetanischen Camp in Patan verließ und zum Hotel Star zurückkehrte, um George darauf anzusprechen, zögerte er. »Nichts da«, sagte er. »Keine Chance. Du und dein Guru, ihr habt mich beinahe umgebracht.«

»Ach, komm schon«, sagte ich. »Wir müssen doch nur ein kleines Straßenprojekt aufhalten.«

»Kommt nicht in Frage, Freds! Ich muß mich hier die ganze Zeit über mit den Bürokraten herumschlagen; warum sollte ich mich freiwillig weiteren derartigen Schwierigkeiten aussetzen?«

»Genau das ist es doch, George. Wir brauchen einen Experten. Und hör mal, es steckt mehr dahinter, als ich dir sagen kann. Du weißt schon, mystische Gründe.«

George runzelte die Stirn, »jetzt versuche nicht wieder, mich in irgend etwas hinein zu ziehen, Freds«, sagte er.

»Komm schon«, sagte ich.

»Auf keinen Fall.«

Es stellte sich heraus, daß er wegen irgendeiner Sache, die er in The International Herald Tribüne gelesen hatte, so mieser Laune war. Da lag er nun in seinem Liegestuhl auf der Sonnenterrasse über dem Dach der Lobby des Hotels Star, ließ sich von der Morgensonne braten, war stoned, aß Nebico-Waffeln, trank ein Budweiser, plauderte gelegentlich mit zwei dänischen Schnecken in Bikinis und las seine eine Woche alte Trebbie; es hätte für ihn Katmandu im Monsun-Himmel sein können, doch er saß wegen eines Artikels, den er gerade gelesen hatte, ganz niedergeschlagen da. Er blätterte die Seiten durch, um ihn mir zu zeigen. »Siehst du das? Kannst du dir das vorstellen? Ein paar Jungs von der University of Washington haben einen Satelliten benutzt und verdammt nochmal festgestellt, daß der K2 höher ist als der Everest.«

»Ich hätte gedacht, von einem Satelliten aus kann man das nur schwer abschätzen.«

»Der K2 soll jetzt 8858 Meter hoch sein, während die offizielle Höhe des Everest noch mit 8848 Metern angegeben wird. Kannst du dir das vorstellen?« Er war wirklich bedrückt. »Ich meine, die ganzen Expeditionen zum Everest, all die heldenhaften Besteigungen und die Leute, die dabei umkamen … und das alles nur für den zweithöchsten Berg? Das hältst du doch im Kopf nicht aus, Mann. Das ist schrecklich.«

»Besonders, da du jetzt selbst zu den irregeführten Kletterern gehörst, die alles für die Nummer Zwei riskiert haben«, sagte ich.

»Sei nicht so laut«, sagte er und sah sich um. »Aber klar, daß ich enttäuscht bin. Bist du das nicht auch?«

»Wir mußten deinen Arsch diesen Berg hinaufschleppen, George. Du hast es geradezu gehaßt.«

»Na klar hab’ ich das. Ihr habt es unglaublich dumm angefangen, ohne Unterstützung, ohne Plan. Aber weißt du, wir haben es geschafft, und nur darauf kam es schließlich an. Wir haben den Riesen bezwungen.«

»Wir können dich jederzeit den K2 hochschleppen.«

Keine Antwort von George.

»Ja, genau«, sagte ich, die kleinste Chance nutzend. »Kunga Norbu muß ihn vielleicht besteigen, um die von Dorjee Lama gestellte Aufgabe zu erfüllen. Und seine Gefährten wären natürlich mystisch verpflichtet, ihn zu begleiten.«

»Ha«, sagte George, und die Falte zwischen seinen Augen wurde tiefer.

»Und du weißt ja, daß Kunga unter anderem die Kraft hat, die Leute dazu zu bringen, das zu tun, was er will. Wie damals, als er dich überzeugt hat, den Gipfel des Chomolungma zu besteigen.«

Er runzelte die Stirn. »Erzähl ihm ja nichts über diese neuen Berechnungen.«

»Eigentlich habe ich gar nicht die Zeit, ihm davon zu erzählen. Denn da ist ja diese andere Sache, bei der wir deine Hilfe brauchen. Deine Hilfe hier in Katmandu. Du mußt in deiner Freizeit nur ein paar Regierungsämter abklappern. Während des Monsuns, wo du sowieso nichts zu tun hast und bald vor Langeweile eingehst.«

»Na schön.« Er seufzte. »Wie sieht euer großes Problem also aus?«

»Sie bauen eine Straße nach Chhule.« Ich will das Dorf mal so nennen, obwohl das natürlich nicht sein wirklicher Name ist.

»Na und?«

»George«, sagte ich. »Sie bauen eine Straße in ein unberührtes Gebiet des Himalaja, wo es noch nie zuvor eine gegeben hat!«

»Ah«, sagte er. »Was für ein Mist. Da können wir wieder ein gutes Trekking-Gebiet abschreiben. Aber so beliebt war die Strecke doch gar nicht, oder?«

Das war wieder mal typisch George. Wie viele Abendländer, die im Himalaja kraxeln, sieht er das Land nur als Ultimaten Bergspielplatz mit einer Menge Hasch und einer Menge ziemlich billigem exotischem Lokalkolorit als Dreingabe. Als Ort, wo man ein paar Jahre lang ganz billig leben kann, vorausgesetzt, man hat nichts gegen Krankheiten und schlechtes Essen. Also lag er in der Sonne, führte seine Treks, bestieg die Berge und scherte sich um alles andere einen Dreck, und wie die meisten Abendländer, die schon lange hier lebten, haßte er allmählich die Touristen, weil sie unwissend waren, und verachtete die Einheimischen, weil sie unwissend waren, und kam langsam zur Meinung, daß es niemand in Nepal richtig machte, abgesehen von ihm und seinen Kumpeln, und die waren, wie es so schön heißt, auch noch verdächtig.

Also hatte er gar nichts begriffen. Aber er war nicht so schlecht wie die meisten — das glaubte ich zumindest. »Komm, George, ich lade dich zum Mittagessen im Marco Polo ein, und dann erzähl ich dir unter vier Augen davon. Wie ich schon sagte, die Sache ist ziemlich kompliziert.«

Also zog George sein T-Shirt und seine Vuarnets an, und wir gingen hinunter. Es war kurz vor Mittag, heiß und feucht, und der tägliche Regen würde bald fallen, und alle im Hotel sahen aus, als wandelten sie wie in Trance umher, abgesehen von der Frau mit dem Kind auf dem Rücken, die sich auf Händen und Knien ihrer täglichen Aufgabe widmete, den Innenhof mit einem Handfeger zu säubern. Dann hatten wir die Hotelpforten verlassen und gingen am Tantric Used Book Shop vorbei nach Thamel, dem Hotelzentrum von Katmandu. In diesem Viertel war zur Monsunzeit kaum was los, was aber nur bedeutete, daß die Taxifahrer und Teppichhändler, Haschdealer und Geldwechsler und Bettler es eifriger denn je darauf abgesehen hatten, unsere Aufmerksamkeit zu erregen. »He, Mr. Nein!« riefen sie George zu und lachten, als er über die Pfützen sprang und sein übliches »Nein, nein, nein, nein!« zu jedem sagte, an dem er vorbeikam, ganz gleich, ob er angesprochen wurde oder nicht. Er war entspannt und lebhaft und ließ es sich gutgehen, tat seine Pflicht und war überall beliebt, der typische Abenteurer aus L. A., etwa einsachtzig groß und wie ein Profifootballer gebaut, dunkelhaarig und auf eine lässige Art durchaus gutaussehend und so cool, daß man mit ihm Pferde stehlen konnte, ja in der Tat so cool, daß die Leute auf der Straße sogar ihren Spaß an seinem üblichen »Nein, nein!« hatten. Ich müßte mir das eigentlich auch mal angewöhnen, war bislang aber noch nicht dazu imstande, und so gehe ich normalerweise ohne eine jede Rupie aus dem Haus, damit ich mir kein Geld ablabern ließ, doch diesmal hatte ich genug dabei, um das Essen für George und mich bezahlen zu können, und wem liefen wir über den Weg? Ausgerechnet einem Bettler, den wir ständig sahen, einem Burschen, der mit seiner kleinen Tochter im Schlepptau durch Thamel wanderte. Er entblößte bei seinem Lächeln dann seine Zahnlücken, und das kleine Mädchen von etwa sechs Jahren lächelte ebenfalls, und beide streckten die Hände aus und waren auch ganz gut darin, denn zumindest ich konnte ihnen niemals widerstehen, und nachdem George sein »Nein!« gemurmelt hatte, gab ich ihnen unser Essensgeld, in der Hoffnung, daß ich George anpumpen und dann sagen konnte, er hätte dem Bettler und seiner kleinen Tochter geholfen, während ich ihn wie abgemacht zum Essen eingeladen hätte.

George ahnte von meinen Absichten noch nichts, doch als er zurückschaute und sah, was ich tat, war er immer noch sauer auf mich. »Du ermutigst sie nur, Freds.«

»Ja, ich weiß.«

George hatte nicht das geringste Mitgefühl für diesen oder irgendeinen anderen Bettler. Ich erinnere mich noch, wie wir uns einmal durch die schmale Hauptstraße kämpfen mußten, und dann hatte er zurückgeschaut und die ganzen Leute betrachtet, die uns alle anstarrten, und war regelrecht ausgeflippt. »Die stehen da wie Kegel auf einer Kegelbahn, meinst du nicht auch, Freds? Die stehen da und sehen dich an, als könntest du … he, warte mal!« Und er war in die German Pumpernickel Bakery gestürmt und mit einem dieser großen dunklen Brote herausgekommen, die einen mit ihrem Gewicht und ihrer allgemeinen Beschaffenheit tatsächlich an eine Bowlingkugel erinnern. Er drückte Löcher für den Daumen und einen Finger hinein, nahm einen langen Anlauf, bückte sich und kegelte das Brot mitten durch sie hindurch, wobei er wie ein Wahnsinniger lachte.

»Du riskierst es, als kleines und widerwärtiges Geschöpf wiedergeboren zu werden«, sagte ich zu ihm. Doch er hörte nicht auf mich.


Diesmal jedoch erreichten wir das Lokal ohne Schwierigkeiten.

»Hör mal, George«, sagte ich, während wir uns in einer kleinen abgelegenen Fensternische im Marco Polo über unsere Pizza hermachten, »du weißt ja, was passiert, wenn sie eine Straße zu einem der Bergdörfer bauen.«

»Die Leute fahren dahin.«

»Genau! Die Leute fahren dorthin und wieder zurück. Das ganze Dorf geht vor die Hunde. Wird für immer ausgelöscht.«

»Jetzt werd’ nicht melodramatisch, Freds.«

»Werd’ ich nicht! Kennst du Jiri?!«

»Ja.« Er rümpfte die Nase.

»Das war ein wunderschönes Dorf, bis die Straße dorthin gebaut wurde.«

Er glaubte mir nicht. »Freds, die betreiben wie verrückt Studien, bevor sie so eine Straße bauen, und vergewissern sich, daß sowas nicht passieren wird.«

Das war natürlich eine so dumme Antwort, daß ich merken mußte, daß er es nicht ernst meinte. Er wollte mich nur abwimmeln. »Eine Küchenschabe.«

»Wo?«

»Als die wirst du wiedergeboren werden.«

Ich sah aus dem Fenster. Normalerweise genieße ich die Aussicht aus dem Fenster des Marco Polo im dritten Stock, die bunten Teppiche der Händler auf der Straße, die Balkone darüber, auf denen Matratzen und Bettzeug lagen, das schwach in der Sonne dampfte, darüber das Gewirr der Gebetsflaggen und Telefonleitungen in der Luft, die zu so alten Dächern führten, daß grünes Unkraut und gelbes Gras auf ihnen wuchs. Und dann die großen Kiefern des Palastes im Hintergrund, hinter denen man gelegentlich einen Blick auf den Himalaja erhaschen konnte. Doch an diesem Tag hingen die Monsunwolken tief; man hatte die Matratzen und Teppiche hereingeholt, und die Gebäude wirkten in der dunklen, regnerischen Luft heruntergekommen. Und im Halbdunkel des Restaurants mampften die Gäste emsig vor sich hin, um das Gefühl zu unterdrücken, daß es sie in eine triste Welt verschlagen hatte, in der das gesamte Essen wie Pappe schmeckte, nicht nur der Pizzateig, sondern auch die Tomatensoße, der Käse und das Gemüse, einfach alles bis auf die großen krummen chinesischen Pilze, die sich auf den Pizzascheiben wanden und wirklich nach den bizarren Pilzgewächsen aussahen, die sie auch waren, und mit jedem Biß andeuteten, daß jemand in der Dosenfabrik einen schlimmen mykologischen Fehler begangen hatte.

Es war kein erheiternder Anblick. Und ich mußte mich mit einem dickköpfigen, gerissenen, faulen Freund befassen, und es war klar, daß ein ernsthafter Vertrauensbruch nötig war, um ihn dazu zu bringen, das zu tun, was wir wollten. »George«, sagte müde, »kannst du ein Geheimnis bewahren?«

»Klar.«

»Es ist wichtig, George. Wie bei Nathan und Buddha, du weißt schon.«

»Sicher«, sagte er und schaute beleidigt drein. »Habe ich jemals etwas darüber erzählt?«

»Keine Ahnung. Aber von dieser Sache darfst du wirklich niemandem erzählen. Verstehst du, hinter dem Ende der Straße, die sie bauen wollen, direkt im nächsten Tal, liegt ein Dorf. Und es ist kein gewöhnliches Dorf. Es ist Kunga Norbus Dorf.«

»Ich dachte, er wäre Tibetaner.«

»Es ist ein tibetanisches Dorf.«

»Ein tibetanisches Dorf in Nepal?«

»Es liegt da oben an der Grenze, genau dort auf dem Grat, wo die Grenze mehr oder weniger zufällig verläuft. Da oben in —.« Was eins der halbwegs unabhängigen kleinen alten Königreiche ist, die zu Nepal gehören, sich aber nach Tibet erstrecken.

George nickte. Er wußte, daß eine Menge Hochland-Nepali tibetanischer Herkunft waren, die Sherpas im Osten, die Bhutani im Westen (›Bhutan‹ bedeutet auf Nepalesisch ›Tibet‹), so daß solch eine Situation gar nicht ungewöhnlich war. »Das ist doch ganz in der Nähe, wo wir Buddha ausgesetzt haben«, sagte er.

»Genau. Eine ganz besondere Gegend.« Ich erzählte ihm, wie wunderschön sie war, daß der Khumbu noch völlig unberührt sei, Buddha und eine Menge anderer Yetis in den Hochwäldern lebten, es eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt dort gäbe, und er kaute und nickte und machte keineswegs den Eindruck, sich besonders dafür zu interessieren.

»Und was ist das für ein Geheimnis?« fragte er.

Ich merkte, daß er es nur wissen wollte, weil es ein Geheimnis war. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Wissen, das einem aufgezwungen wurde, und Wissen, um das man gebeten hat, und so beugte ich mich schnell vor und sagte wirklich leise:

»Das Dorf ist in Wirklichkeit Shangri-La.«

»Komm schon, Freds. Das ist ein erfundener Name aus einem Film. In den Fesseln von Shangri-La. Neu verfilmt als Der verlorene Horizont.«

»Ja, richtig. Ich hätte nicht gedacht, daß du so viel darüber weißt. Der wirkliche Name lautet Shambhala. Aber wie auch immer man ihn nennt, es bleibt derselbe Ort.«

»Ich dachte, Shambhala läge im nördlichen Tibet oder in der Mongolei.«

»Sie haben gezielte Falschinformationen darüber verbreitet. Aber es liegt da oben an der Grenze und hat große Schwierigkeiten, weil man jetzt eine Straße dorthin bauen will.«

George musterte mich. »Du willst mich verarschen, oder?«

»Habe ich dich verarscht, als ich sagte, Kunga Norbu sei ein Tulku? Haben Nathan und ich dich mit Buddha verarscht?«

Er mampfte vor sich hin und dachte darüber nach. »Ich glaub’ dir nicht.«

»Warum sollte ich lügen?«

»Du würdest nicht lügen, Freds, aber man könnte dich reingelegt haben. Ich meine, woher willst du wissen, daß es wirklich Shambhala ist?«

»Ich war dort. Ich habe etwa ein halbes Jahr lang dort gelebt.«

Er musterte mich erneut. »Freds, wie, zum Teufel, kommst du dazu, sechs Monate in Shambhala zu leben?«


Nun haben Sie sich vielleicht ebenfalls darüber gewundert, und um die Wahrheit zu sagen, ich auch. Wie wurde aus Freds Fredericks, berühmter Verteidiger der Razorbacks und typisch amerikanischer Veterinär mit abgebrochenem Studium, ein tibetanischer buddhistischer Mönch, der auch noch das geheime, verborgene Tal Shambhala gut kennt?

Ich weiß es wirklich nicht. Einige von uns müssen in ihrem Leben seltsame Karmas bewältigen, und mehr kann ich dazu nicht sagen. Doch in gewisser Hinsicht begann es für mich schon, als ich im The Graduate in Davis, Kalifornien, war. Wie ich es George zu erklären versuchte, trank ich mir dort etwa 1976 nach einem Footballspiel ein paar Bierchen und hörte zufällig, wie ein Mädchen an unserem Tisch erklärte, sie könne keinen ihrer hervorragenden Hamburger essen, weil sie Vegetarierin sei, weil ihretwegen keine Tiere sterben sollten, weil sie Buddhistin sei. Und ich dachte: wie interessant. Und dann nahm ich an diesem Abend, noch immer betrunken, aus unserem Labor einen Abfallsack mit, um ihn in die Container hinter dem Gebäude zu werfen, und als ich den Sack hineinwarf, hörte ich, wie aus einem der Container ein Wimmern kam. Ich ging der Sache nach, indem ich die anscheinend verhexten Müllsäcke herausholte, und fand schließlich den Ursprung des Wimmerns, nämlich einen Hund, der in einem der Kurse benutzt worden war. Man betäubt diese Hunde, unterzieht sie einer Vielzahl chirurgischer Arbeiten, um den Studenten zu zeigen, wie das Innere eines lebendigen Tiers aussieht, und tötet sie dann. Sowas gibt es an den veterinärischen Fakultäten ständig. Doch anscheinend hatten sie diesmal Mist gebaut, oder der Hund war besonders zäh, denn er war nicht tot. Er lag ohne seine Hinterbeine da und wimmerte und sah zu mir auf, als könne ich ihm helfen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn von seinem Elend zu erlösen, und er schnappte schwach nach mir, als ich es mit Händen, Stiefeln und Plastiksäcken versuchte, und wehrte jede meiner Bemühungen ab, bis ich ihm mit dem Containerdeckel das Genick brach. Ich lief danach eine Weile ziellos herum, fand mich schließlich auf dem Softball-Feld der Frauen wieder und fühlte mich einfach schrecklich. Und dann schaute ich die Straße entlang und über den Parkplatz und sah das runde Schild des Graduate, das aufblinkte und wieder erlosch, und etwas drehte sich in mir nach innen; später erfuhr ich, daß es mein Bodhi oder mein Erwachen zur wahren Natur der Wirklichkeit war, und ich sagte zu dem rautenförmigen Spielfeld: »Gott verdammt, ich bin Buddhist.«

Ich wußte damals gar nicht, was ich damit meinte. Doch ich gab mein Studium auf, und wie sich herausstellte, fuhren ein paar meiner Kumpel etwa zur gleichen Zeit nach Nepal, um mal ordentlich Hasch rauchen zu können, und ich begleitete sie. Keiner von uns wußte was über Nepal, abgesehen davon, daß es dort Hasch und Buddhismus geben sollte, und mit der ersten Vermutung behielten wir recht, doch nach einer Weile wurde es ziemlich langweilig, und wir beschlossen, auf Trekking zu gehen, wie es damals die große Mode dort zu sein schien. Das war etwa um den ersten August, mitten in einem schlimmen Monsun, doch wir wußten damals noch nicht einmal, daß es eine Trekking- und Nicht-Trekking-Saison gab, und die Ladenbesitzer freuten sich natürlich, uns Ausrüstungen vermieten zu können, und so nahmen wir den Bus nach Lamosangu, um von da aus zum Everest zu trekken. Natürlich war es ständig bewölkt, und die Wege waren überschwemmt, und wir nahmen die falsche Nahrung zu uns und tranken das Wasser aus den Bächen, das so klar und sauber aussah, und so wurden wir schrecklich krank. Wir waren über und über von Blutegeln befallen, und irgendwie hatten wir den Eindruck, daß uns der Reiz dieses »Trekking« irgendwie entging. Ich meine, wir waren so unwissend, daß wir glaubten, die Einheimischen würden ›Money-Mauern‹, also ›Geldmauern‹, sagen, wenn sie ›Mani-Mauern‹ sagten, und jedesmal, wenn wir an einer Mani-Mauer vorbeigingen, dachten wir, wir würden an der Dorfbank vorbeigehen, und jeder Stein sei ein Tausend-Dollar-Schein oder sowas, und wir dachten, sie hätten sich eine sehr clevere Möglichkeit einfallen lassen, einen Bankraub unmöglich zu machen, nur, daß wir uns auch unsere Gedanken machten, nachdem wir an einer Mauer nach der anderen vorbeigekommen waren, und wir uns schließlich fragten, weshalb sich diese Leute keine Toiletten kauften, wenn sie doch soviel Geld hatten. Was natürlich dumm ist, wenn man richtig darüber nachdenkt, doch wir wanderten einfach weiter, krank wie die Hunde, aber entschlossen, den Everest zu sehen oder bei dem Versuch zu sterben, und allmählich bekamen wir den Eindruck, es würde sehr knapp ausgehen.

Doch eines Morgens stand ich früh auf, um draußen zu pinkeln, und als ich aus dem Teehaus kam, waren alle Wolken verschwunden. Es war das erste Mal, daß sie uns nicht buchstäblich um die Nasen hingen. Bislang hatten wir nicht über unsere Kapuzenspitzen hinaussehen können und waren durch Nebel und Wald marschiert, als befänden wir uns im dichtesten Amazonas, und hatten nicht die geringste Ahnung gehabt, was um uns herum war. Als ich also an diesem Morgen aus der Tür trat, hatte ich den Himalaja noch nie richtig gesehen. Ich stamme aus Arkansas. Ich glaube, jeder stellt sich nach dem, was er zu Hause in seiner Kindheit gesehen hat, vor, wie groß die Dinge sind, und wo ich herkam, waren die Täler nicht größer als eine Farm, die Flüsse Bäche, die man fast überall durchwaten konnte, und die Berge Hügel, die bestenfalls vielleicht hundert Meter hoch waren. Die Landschaft hatte einen gewissen Maßstab, und für mich mußte es überall so sein; das war die natürliche Ordnung, daran war ich gewöhnt. Als ich also am Dudh Kosi aus diesem Teehaus trat und mich blinzelnd im Licht der Dämmerung umsah, tief hinab in diesen gewaltigen Riß in der Welt, der anscheinend ein Tal war, das zu durchwandern wenigstens einen Tag und hinaufzusteigen eine Woche dauern würde — und dann, als ich hinter diesem fast zwei Kilometer tiefen Tal stand und hoch, hoch, hoch darüber diese gewaltigen, spitzen, schneebedeckten Felstürme sah, die offensichtlich unglaublich hohe Berge waren …! Na ja, wenn ich nicht die Zähne zusammengebissen hätte, wäre mir das Herz glattweg aus dem Mund gesprungen. Und seit diesem Tag habe ich den Himalaja nie wieder verlassen.

Das erklärt natürlich nicht ganz, wie ich zu einem tibetanischen buddhistischen Mönch geworden bin, doch wenn ich die ganze Geschichte erzählen würde, wie ich Kunga Korbu traf, sein Schüler wurde und in Tibet untertauchte, würde ich ewig brauchen, und außerdem schielte George schon nach innen, während ich ihm all das über meine Vergangenheit erzählte. Er war mit dem Essen fertig, und so winkte er mit der Hand und unterbrach mich.

»Shambhala, Freds, Shambhala. Du wolltest mir von Shambhala erzählen.«

»Ja, das tu ich doch.«

»Du könntest mich dorthin führen?«

»Klar. Willst du es dir mal ansehen?«

»Ob ich Shambhala besuchen will? Ob ich Shangri-La sehen will? Verdammt, warum hast du das nicht von vornherein gesagt?«

»Weil es nicht darum geht, Shangri-La zu besuchen. Es geht darum, Shangri-La zu retten, und das muß hier geschehen. Außerdem hättest du mir nicht geglaubt, wenn ich dich einfach aus heiterem Himmel gefragt hätte, ob du Shambhala besuchen willst.«

»Ich glaube dir immer noch nicht, Freds. Aber wir haben Monsunzeit. Ich habe nichts Besseres zu tun. Und wenn du recht behältst … tja …« Er grinste. »Du bringst mich dorthin und zeigst es mir, und dann will ich sehen, ob ich dir helfen kann.«


Also verließen wir ein paar Tage später das Hotel Star im Morgengrauen und weckten einen der Taxifahrer, deren Wagen ihre Burg ist, und ließen uns zum Busbahnhof fahren, und dort schnappten wir uns den richtigen Fahrkartenverkäufer, der uns durch den Schlamm und die wartenden Busse zu einer klapprigen alten Kiste führte, die schon überfüllt war. Zu jeder anderen Jahreszeit wären wir schnurstracks aufs Dach geklettert und dort oben stilgerecht mitgefahren, doch wegen des Monsuns mußten wir uns ins Businnere zwängen. Ein Rawang und seine Frau und Töchter saßen auf unseren Plätzen, und so setzten wir uns zwischen den Vordersitzen und der Querwand, die die Passagiere von der Fahrerkabine trennt, auf den Boden. Etwa eine Stunde später begann die für Katmandu typische Abfahrt. Aus dem Busbahnhof raus und angehalten, um die Tramper abzuschütteln, die während der Fahrt die Lehmrampe hinauf aufs Dach gesprungen waren. Anhalten, um zu tanken. Anhalten, um im südlichen Stadtteil nach einem Motorteil zu suchen. Anhalten, um einen Platten auszuwechseln. Als sie den Ersatzreifen montiert hatten, stellten sie fest, daß sie den beschädigten Reifen nicht in die Halterung unter dem Bus bekamen, aus der sie den Ersatzreifen geholt hatten. Sie verbrachten eine geschlagene Stunde mit dem vergeblichen Versuch, und sogar der Fahrer stieg aus, um es sich anzusehen. Er war ein großer Kerl mit einem dicken schwarzen Schnurrbart und sah wie ein Ex-Gurkha aus. Normalerweise brachte ihn nichts aus der Ruhe. Er fuhr, und seine Leute hatten sich um etwaige Probleme zu kümmern; also war es schon ein echtes Zugeständnis, sich den nicht anbringbaren Reifen anzusehen. Schließlich zuckte er die Achseln und zeigte auf den Bus, und seine Leute nickten, kamen an Bord, drängten die auf dem Gang stehenden Passagiere etwas zurück, hievten den platten Reifen zur Tür hinein und die Stufen hoch und in den Gang, wo er so groß wie ein Mitfahrer stand, aber wesentlich schmutziger.

Also verließen wir Katmandu gegen Mittag, wo wir doch um sieben Uhr hatten losfahren sollen, was wirklich nicht schlecht war. Jede Busfahrt in Nepal ist ein Abenteuer, das ich genieße, doch George findet keinen Gefallen daran. Bei dieser Fahrt war er in eine Trance gefallen, um ihr zu entgehen. Jedesmal, wenn er aus ihr erwachte, schaute er zum Fahrer hinüber und sah, wie der Mechaniker mit einer brennenden Zigarette zwischen den Lippen den Kopf in die Motorhaube steckte und bei laufender Maschine Anpassungen vornahm, und George stöhnte auf und fiel wieder in seine Trance. Ein Drahtkäfig mit Hühnern stand neben dem Reifen im Gang, und jedesmal, wenn die Hühner aufsahen, dachten sie, sie würden überfahren, und kreischten wie verrückt, bis die Panik ihnen zu sehr zusetzte und sie einschliefen, nur, um wieder aufzuwachen und das ganze Trauma von neuem zu durchleben. Direkt neben den Hühnern saßen drei schweizerische Trekker, die den dichten Dunst aus Zigaretten- und Maschinenölrauch einatmeten, als sei er Ambrosia. Sie gehörten zu jener Art schweizerischer Touristen in Asien, denen der Formel-409- Aspekt ihrer Kultur einen solchen Streß bereitet, daß ihr Kompaß den Geist aufgibt und ihnen nichts besser gefällt, als knietief im Schlamm und Mißmanagement irgendeiner zurückgebliebenen asiatischen Region zu wandern, woraufhin sich ein Ludwig van Neunte-Blick der Glückseligkeit bei ihnen einstellt, wenn sie begreifen, daß es ihnen nirgendwo elend Schweiz-untypischer ergehen könnte als hier. Also war diese Busfahrt ein ausgesprochenes Vergnügen für sie.

Mittlerweile fuhren wir gemächlich aus dem Katmandu-Tal hinaus, entweder in östliche oder in westliche Richtung, das werde ich Ihnen nicht verraten, und wie üblich wirkte es überaus verträumt. Die Monsunwolken filterten das Licht, so daß die Grünflächen hervorsprangen wie in Kodak-Anzeigen; die Dörfer in der Ferne waren kleine braune Flecken, umgeben von Bäumen, die in rosa- oder lavendelfarbiger Blüte standen. Felder mit Frühreis wuchsen auf Hunderten von Terrassen in die Wolken hinauf, bis man nicht mehr genau sagen konnte, wie weit ein Hügel entfernt war, weil man nicht glauben mochte, daß jemand so schöne Terrassen auf solch einem Hügel anlegen konnte. Die Hügelkuppen wurden von einer Wolkenschicht abgeschnitten, die tiefer sank und dunkler wurde, bis der schöne Anblick schließlich von einem Wolkenbruch ausgelöscht wurde, einem so dichten Regen, daß es den Anschein hatte, Gott habe den Indischen Ozean ausgeschöpft und leere die Kelle nun auf uns. Ein typischer Monsun-Nachmittag. Ich glaube nicht, daß der Fahrer über die Windschutzscheibe hinaus sehen konnte, doch er beugte sich einfach etwas vor und fuhr mit unveränderter Geschwindigkeit weiter.

Danach konnte man nur noch meditieren oder die Geschicklichkeit des Fahrers bewundern, der blindlings gewaltigen Schlaglöchern auswich und den Bus über Erdrutsche führte, die die ganze Straße unter sich begraben hatten. Solche Erdrutsche wurden niemals abgetragen; man fuhr einfach so oft über sie hinweg, bis eine neue, wenn auch holprige und schiefe, Spur entstanden war. Doch unser Fahrer fuhr im Schrittempo darüber hinweg und nutzte jede Unebenheit aus, um nicht stehenzubleiben, wobei der Motor sich etwa genauso schnell drehte wie die Räder, und jedesmal prallten wir wieder sicher auf die wirkliche Straße auf und setzten den Weg mit unserer Höchstgeschwindigkeit von etwa vierzig Stundenkilometern fort.


Als unsere Blasen allmählich zu ex- und unsere Gehirne zu implodieren drohten, hielten wir an einem an der Straße liegenden Dorf an. Die Dorfbewohner drängten sich um den Bus, um uns zu begrüßen, und wir brachen wie Footballstürmer durch ihre Reihen und liefen in beide Richtungen die Straße entlang zu den Enden des Dorfs, um uns zu erleichtern. George und ich und die Schweizer wurden von den Kindern des Dorfes besonders dicht belagert, und als wir in die Büsche pinkelten, kicherte eine beträchtliche Zuschauerschaft über unsere Versuche, nicht in die trostlosen und zahlreichen Verdauungsrückstände der Reisenden zu treten, die vor uns hier gewesen waren. Natürlich hat ein Straßendorf ein wesentlich größeres Feld zum Scheißen als ein typisches Bergdorf, und an Georges Gesichtsausdruck erkannte ich, daß ich ihn nicht eigens auf diese Tatsache hinweisen mußte.

Wir kehrten zum Dorfplatz zurück und nahmen an einem Tisch unter einem langen Blechdach Platz. Es war nicht allzu viel Raum zwischen der Straße und einem Fluß, und dieses offene Gebäude beanspruchte den größten Teil davon. Die Gebäude an der Straße und den Hügel hinauf waren verlassen worden und standen im Begriff, abgerissen zu werden. Schweigende Frauen servierten uns große Metallplatten mit breiartigem Dhal Baat, und Kinder drangen auf uns ein und bettelten um Geld. Ein Bursche, der vielleicht wie acht aussah, durchaus aber vierzehn sein konnte, rauchte eine handgedrehte Zigarette und sagte immer wieder: »Bonbons? Kippen? Dollar? Kugelschreiber?« Eine Horde jüngerer Kinder jagte ein Schwein von Pfütze zu Pfütze und zog es am Schwanz, bis sie beinahe von einem vorbeibretternden Jeep überfahren worden wären. Dorfbewohner liefen hinaus, um die Insassen zu begrüßen, doch der Jeep hielt nicht an.

George verzichtete auf sein Dhal Baat und kaufte eine Flasche Limonade und zwei Päckchen Nabico-Waffeln. Das entsprach seiner üblichen kulinarischen Strategie beim Trekking, die er prophylaktische Ernährung nannte. Sie müssen wissen, daß er sich von einer frühen Begegnung mit einem Teller Dhal Baat, bei dem der Reis unzureichend gesäubert war, niemals wirklich erholt hatte; es hatte geschmeckt, als würde man »rohen Schlamm direkt vom Boden fressen«, wie er immer wieder gern erzählte. Danach konnte er das Zeug nicht einmal ansehen, ohne sich übergeben zu müssen, und praktizierte nicht nur prophylaktischen Antibiotikagebrauch, womit gemeint ist, daß er sich täglich ein paar Pillen einschmeißt, um Bakterien zu entmutigen, sich in ihm festzusetzen — sondern auch seine prophylaktische Ernährung, womit gemeint ist, daß er lediglich gekochte Kartoffeln ißt, die er selbst geschält, hartgekochte Eier, die er selbst gepellt, Nebico-Waffeln, die er selbst ausgepackt hat, und Wasser trinkt, das er selbst gefiltert und dreimal jodiert hat. Das hilft zwar nicht, doch er fühlt sich trotzdem besser.

Also saßen wir da, und George aß seine neutrale Diät, und die Wolken pißten auf uns herab, und die Dorfbewohner standen entweder um einen kleinen Holzofen unter dem Blechdach herum oder liefen hinaus, um ein gelegentlich vorbeikommendes Fahrzeug zu begrüßen, und alles in allem war es wie ein Schauspiel namens ›Die Erniedrigung des nepalesischen Straßendorfs‹, das man eigens für George aufführte, nur, daß es echt war. Straßen werden gebaut, und die Leute benutzen sie entweder, um nach Katmandu zu fahren und sich dort zu den Arbeitslosen zu gesellen, oder sie bleiben zurück und versuchen, vom Straßenverkehr zu leben, was klappen könnte, wenn nur ein paar es versucht hätten; doch da es nun alle versuchten, konnte es keinem gelingen, und um sie herum zerfielen die Terrassen im Regen.

Doch ich sagte zu George nie ein Wort darüber. Ich ließ ihn einfach allein, damit er zusehen konnte.

Eine Stunde später kam die Begleitmannschaft des Busses zum Schluß, daß es an der Zeit für die Weiterfahrt sei, und wir alle stiegen wieder ein, drängten uns auf unsere Plätze und fuhren los, etwa zu der Zeit, da wir an der Endstation eintreffen sollten. Kurz darauf bogen wir nach links auf eine Straße ab, die aussah, als sei sie einem Straßenbaulehrbuch entsprungen, eine schmale Asphaltlinie, auf der an der breitesten Stelle vielleicht zwei Busse nebeneinander Platz hatten, schwarz wie Kohle und völlig eben, mit Betonrinnen und Markierungen und Trägern und Abzugsgräben und dichtem Stacheldraht an den zahlreichen Kurven, die die Straße machte. »He«, sagte George schon wieder fröhlicher. »Die Schweizer waren hier.«

»Genau«, sagte ich. »Das ist die Straße, die sie bis nach Chhule führen wollen.«

»Und die Schweizer bauen sie?«

»Nee, die sind schon fertig. Jetzt baut ein anderer weiter, aber niemand weiß genau, wer.«

Die scharfen Kurven verliefen wie Nähmaschinennähte über den Hügel, doch trotzdem war die Straße ziemlich steil, und unsere alte Karre konnte sich nur im Schrittempo hinaufwälzen und wurde in den Kurven sogar noch langsamer. Jede Haarnadelkurve verlangte dem Fahrer das Äußerste ab, denn dieser Bus hatte wie alle indischen Busse ein Lenkrad, das man drei- oder viermal drehen mußte, nur, um einem Fels auf der Straße auszuweichen, geschweige denn, eine S-Kurve zu bewältigen. Unser Fahrer mußte sein großes Lasso wie ein Cowboy auf dem Viehtrieb schwingen, während sich einer seiner Assistenten aus der Tür lehnte, um ihm zu sagen, wieviel Platz noch blieb, bevor wir von der Straße und die Schlucht hinab fielen. Das Signalsystem des Assistenten bestand aus Panikrufen unterschiedlicher Intensität, so daß wir jedesmal, wenn wir eine Rechtskurve nahmen, glauben mußten, es sei das Ende; die Hühner unterstützten uns in dieser Auffassung noch. So ging es den ganzen Nachmittag hindurch. Wir gewannen nur an Höhe, so daß wir drei Stunden, nachdem wir das Straßendorf verlassen hatten, noch immer genau auf seine Dächer hinabsehen konnten, eine Tatsache, mit der sich George anscheinend nicht abfinden konnte. »Sieh dir das an«, stöhnte er nach jeder Kurve, »es ist immer noch da.« Doch dann erreichten wir die Wolkendecke und konnten überhaupt nichts mehr sehen.

Stunden verstrichen, und es wurde dunkler. Der Fahrer starrte über die Abziehbilder auf seiner Windschutzscheibe in dicken Nebel und fuhr mit Telepathie. Mir wurde allmählich richtig warm und behaglich zumute; die Bewegungen des Busses lullten mich ein, als sei ich in einem Teehaus und der Motor ein Ofen. Ich liebe solche Reisen. Ich meine, was macht das Leben denn so schön, wenn man es genau nimmt? Schlechte Tage, wenn Sie mich fragen. Wir waren schließlich auf dem Weg nach Shambhala. Niemand konnte erwarten, daß es einfach sein würde.

Nachdem George schließlich ebenfalls sämtliche vergänglichen Gefühle hinter sich gelassen hatte, wurde er philosophisch. »Du bringst mich besser zu dem echten Ort«, sagte er.

»Ist er«, erwiderte ich.

Er schaute zweifelnd drein. »Ich sehe ja ein, daß ein abgelegenes Tal in den alten Zeiten verborgen bleiben kann, doch wie wollen sie das heutzutage anstellen? Ich meine, wie verhindern sie, daß Satelliten sie aufnehmen?«

»Gar nicht. Sie sind auf den Satellitenfotos.«

»Ich dachte, es sei eine geheime Stadt?«

»Ist es auch, aber heute ist es eher eine getarnte Stadt. Die Regierung in Katmandu weiß, daß es da ist, aber sie glauben, es sei einfach eins ihrer kleinen Hochtaldörfer mit einer tibetanischen Bevölkerung. Jemand aus dem Bezirkspanchajat schaut gelegentlich mal vorbei, und alle sind freundlich zu dem Mann, sagen ihm aber nicht, wo er wirklich ist. Das Kloster sieht gar nicht so bedeutend aus, und wenn Besucher kommen, bleiben die meisten Lamas außer Sicht. Sie bezahlen ihre Steuern, schicken einen Vertreter ins Panchajat und so weiter und werden in Ruhe gelassen wie alle anderen abgelegenen Dörfer auch.«

»Dann sieht es gar nicht magisch aus?«

»Nicht für den Steuereintreiber.«

»Keine goldenen Türme und Kristallpaläste und so weiter?«

»Im Kloster haben sie schon einige Schätze. Aber kaum jemand aus Nepal kommt je vorbei. Katmandu hält es für ein tibetanisches Dorf, das auf die falsche Seite geriet, als sie sich mit China über die Grenze einigten. Was ja im Prinzip auch stimmt. Außerdem schenkt Katmandu Dörfern direkt vor der Haustür keine Beachtung, geschweige denn so abgelegenen wie diesem.«

»Also ist es sicher.«

»Aber wenn zu viele Leute vorbeikämen, würde das Geheimnis auf jeden Fall auffliegen.«

»Daher die Straßenparanoia.«

»Genau.«

Viel später hielten wir in Hochdörfern an, die von Benzinlampen und den Scheinwerfern des Busses erhellt wurden. Bei jeder Haltestelle stiegen ein paar Passagiere aus, und die anderen fielen wieder in ihre Lethargie, bis wir schließlich nach Mitternacht in ein völlig dunkles Dorf rollten, das die Endstation war. Der Fahrer drückte auf die Hupe, und wir taumelten wie Krüppel aus dem Bus hinaus, und die Teehaus-Wirte kamen, um uns aufzulesen.

Nachdem wir unsere Rucksäcke vom Dach des Busses geholt und festgestellt hatten, daß sie völlig durchnäßt waren, folgten George und ich einem Mann in ein Teehaus, in dem ich schon einmal abgestiegen war. Als wir zu dem überfüllten Schlafsaal im Obergeschoß hinaufstiegen, sah ich in die Küche, und dort kauerte im harten Schein einer Coleman-Lampe unser Busfahrer am Ofen; mit gleichmütigem Gesichtsausdruck und regelmäßigen Bewegungen machte er sich über den letzten Rest einer großen Stahlplatte her, schaufelte mit den Händen gekochten Reis in sich hinein und schlang ihn hungrig wie ein Wolf hinab. Für ihn war es ein Arbeitstag wie jeder andere gewesen — siebzehn Stunden lang hatte er in schrecklichem Wetter einen lausigen Bus über schlechte Straßen gesteuert und dabei sicher zehn Trillionen mal das Lenkrad gedreht, und irgendwie machte mich der Gedanke glücklich, daß solche Helden direkt aus Homers Werken noch über das Antlitz dieser Erde wandelten. Wenn wir am nächsten Morgen aufstanden, würden er und seine Leute schon längst wieder unterwegs sein, zurück nach Katmandu, wo sie umdrehen und am nächsten Tag die gleiche Fahrt erneut beginnen würden. Manche Menschen müssen für ihren Lebensunterhalt wirklich arbeiten.


Das Dorf am Ende der Straße war im gleichen Zustand wie das Straßendorf tags zuvor. Es konzentrierte sich um die große staubige Fahrbahn, die es teilte. Neue Gebäude scharten sich um das Ende der Straße, alte Gebäude wurden abgerissen, um Baumaterial oder Feuerholz aus ihnen zu gewinnen, und die ganze Sache war von Feldern zum Scheißen umgeben, besonders am Fluß, der am anderen Ende des Dorfes vorbeifloß. Das ist wegen des Mangels an Toilettenpapier unumgänglich, ist ihrer Wasserversorgung aber nicht gerade förderlich. Als wir unser morgendliches Geschäft erledigten, sagte George: »Ich verstehe nicht, warum sie nicht an unsichtbare Bazillen glauben können. Luft ist unsichtbar. Ihre Götter sind unsichtbar.«

»Die Bakterientheorie ist einfach nicht intuitiv erkennbar, George.«

»Die Religion auch nicht.«

»Dessen bin ich mir nicht so sicher.«

»Aber warum sollte es da einen Unterschied geben?«

»Vielleicht ist der Grund für die Existenz des Universums für die meisten Menschen eine drängendere Frage als der Grund, weshalb sie einen flotten Otto kriegen.«

»Das ist doch verrückt.«

»Außerdem«, sagte ich, »wenn du eine gute Antwort auf die erste Frage hast, dann ist die zweite doch auch beantwortet, oder?«

Er blinzelte mich nur mit diesem eigentümlich argwöhnischen Blick an, mit dem er mich so oft bedachte.

Wir kehrten zu unserem Teehaus zurück und machten uns nach einem Frühstück aus Nebico-Waffeln und hartgekochten Eiern auf den Weg. Die Rucksäcke auf, den Trail suchen. Endlich auf dem Trek.

Zu den meisten Jahreszeiten hätte es wirklich Spaß gemacht — das Trekking ist eine der schönsten Beschäftigungen, die die Menschheit kennt. Doch im Monsun wird alles sehr naß. Die Trails werden zu Bächen, aus Bächen werden Flüsse, aus Flüssen werden Killerströme. Ungeziefer, Schimmelpilze, Fäulnis, Feuchtigkeit und Krankheiten schnellen sprunghaft in die Höhe.

Ich persönlich wandere gern im Monsun. Aber ich nehme einen kleinen Regenschirm und ein paar Stulpenstiefel mit, deren Sohlen ich so tief eingeschnitten habe, daß sie fast an Gummisohlen erinnern, und so hatte ich weniger Probleme mit den schlüpfrigen Wegen als George, der dieses Zubehör für unter seiner Würde hielt und nun die Konsequenzen tragen mußte. Er rutschte die meisten Hügel hinab, und sein Kopf war immer naß; aus Erfahrung weiß ich, daß dies selten der guten Laune zuträglich ist.

Dennoch marschierten wir. Allerdings mußten wir auf die hervorragende Aussicht verzichten, die zu anderen Jahreszeiten immer solch ein Genuß ist. Im Monsun sieht man nur Wolken, Nebel, Regen und was sonst noch in der kleinen Blase des Sichtfelds auszumachen ist, und alles sieht grün und naß und irgendwie überirdisch aus, nun, da man seine Aufmerksamkeit auf seine unmittelbare Umgebung und nicht auf die Ferne konzentriert. Die moosbewachsenen Bäume sehen fremd und unwirklich aus, der Weg ist ein rötlicher Schlammstreifen, der einen durch tropfnasse grüne Kriechpflanzen führt, und eine gelegentliche Gebets- oder Mani-Mauer erhebt sich aus dem Nebel wie etwas aus dem Bhagavad Gita, was sie gewissermaßen ja auch ist. Und dann und wann erscheinen durch Risse in den Wolken die Berge, als flögen sie über einen hinweg. Oh, es hat schon seinen ganz eigenen Reiz, im Monsum auf Trekking zu gehen, und wenn man einen Regenschirm dabei hat und die richtigen Stiefel und einen Stock, um die Blutegel zur Seite zu schieben, kann es wirklich Spaß machen.

Wenn man jedoch nicht über dieses Zubehör verfügt, ergeht es einem wie George. Keine seiner Gruppen ist je im Monsun auf Trekking gegangen, und so hatte er natürlich auch keine Erfahrung damit, und nun bezahlte er den Preis dafür, weil er vergessen hatte, wie man es richtig anstellt, falls er das überhaupt jemals gewußt haben sollte. Er rutschte immer wieder auf schlüpfrigen Abschnitten aus und trat in die Bäche, bis er selbst ausgestreckt in der Badewanne nicht nasser hätte sein können. Regen lief ihm in die Augen, und da er annahm, es gäbe sowieso nichts zu sehen und folglich nicht aufpaßte, wurde er immer wieder von Blutegeln angesprungen, was zwar schmerzlos und ohne negative Folgen ist, aber unangenehm, wenn man es nicht mag. Wir marschierten an Büschen oder hohem Gras vorbei, und wenn man aufpaßte, sah man, wie einige der kleinen schwarzen Äste wackelten; die Tierchen spüren die Wärme, die man ausstrahlt, und springen dann an Bord und wühlen sich durch Socken, Hosen oder Stiefel und saugen einem das Blut aus. Wann immer George zu seinen Beinen hinabsah und einen erwischte, heulte er laut auf. »Scheiße! O mein Gott, Blutegel!«

»Schütte Insektenpulver auf sie, und sie fallen sofort ab.«

»Das weiß ich.« Und er ließ seinen Rucksack in eine Pfütze fallen und beeilte sich, als hätten sich kleine Klapperschlangen auf ihm festgesetzt.

Ich wollte ihn etwas aufmuntern und sagte: »Als ich zum ersten Mal mit meinen Kumpeln hierher kam, hatten wir auch diese Scherereien, und du weißt ja, wenn manche Leute zu Hause am Unterarm von Moskitos gestochen werden, spannen sie den Unterarmmuskel an. Die Moskitos können dann nicht nur den Stachel nicht hinausziehen, sie haben auch kein Überlaufventil, und so saugen sie dein Blut, bis sie platzen, und in der Gegend, aus der ich komme, halten wir das für einen großen Spaß. Also setzt sich ein Blutegel auf dem Unterarm meines Kumpels fest, und mein Kumpel sagt: ›He, dem werd’ ich beibringen, einen Burschen aus Arkansas zu beißen, ich laß ihn platzen wie einen Moskito!‹, und er spannt den Unterarm an, und wir sehen zu. Aber das war nicht nur ein Blutegel, das war anscheinend so ein Rinderegel, der zehn Millionen mal soviel Blut saugen kann wie ein Moskito. Am Anfang war er so groß wie ein winziger Zweig, aber er wurde immer größer und größer und größer, bis er wie eine schwarze Massermelone am Arm meines Freundes hing. Der klappte ohnmächtig zusammen, und wir drückten an dem Blutegel herum, um ihn dazu zu bringen, einen Teil des Blutes wieder abzugeben, bevor wir ihn wegbrannten, aber mein Kumpel war danach noch eine Woche lang blaß wie ein Bettuch. Ist das nicht lustig?«

Keine Antwort von George.

Wir marschierten drei Tage lang. Die ganze Zeit über nahmen wir den Weg, den auch die geplante Straße nehmen würde, wenn sie gebaut werden würde. Ich wies George des öfteren darauf hin, doch die Aussicht schien ihn nicht zu stören. Ganz im Gegenteil, schließlich schien er der Meinung zu sein, eine Straße wäre doch keine so schlechte Idee.

Am vierten Morgen sagte er: »Komm schon, Freds, wo ist dieser Ort?«

»Wir sind fast da. Nur noch ein paar Tage. Doch zuerst müssen wir uns querfeldein um Chhule schlagen.«

»Was? Warum?«

»Dort ist der nepalesische Armeeaußenposten. Wie du weißt, dürfen Trekker nicht weiter nördlich wandern. Das ist die Zone, die sie mit den Chinesen vereinbart haben.«

»Ah. Die nehmen die Sache ernst, was?«

»Darauf kannst du wetten. Die haben ein ganzes Bataillon in Chhule stationiert, vielleicht hundert Soldaten, um alle bis auf die Einheimischen daran zu hindern, weiter nördlich zu wandern.«

»Aber was ist mit dieser Straße, über die du dir solche Sorgen machst?«

»Sie wollen sie bis nach Chhule bauen. Das liegt Shambhala so nahe, daß es fatal für das Tal wäre.«

»Gut.«

»Was?«

»Ich meine, gut, daß wir es nicht mehr so weit haben.«

»Ja, wir sind fast da.«

Was beinahe den Tatsachen entsprach. Doch.wenn wir den Trail verlassen mußten, um Chhule zu umgehen, mußten wir querfeldein wandern, und es gibt nichts Schwierigeres, als in den Wäldern des Himalaja querfeldein zu wandern. Das Gelände dort ist naß, steil und dicht mit blutegelverseuchtem Buschwerk bewachsen — es ist eine schrecklich harte Arbeit, in einem Land, das normalerweise den Yetis überlassen bleibt, die sich natürlich darüber freuen. Doch es gibt eine Art Gesims hoch über dem Dorf, das man als Weg benutzen kann, wenn man es findet — die Leute aus Shambhala benutzten es seit der Gründung Chhules, doch sie versuchten, keine Spuren zu hinterlassen, so daß man es in den Wolken und dem Nebel nur schwer ausmachen konnte. Am Spätnachmittag hatten wir uns den Weg durch das Unterholz auf dieses Sims gehackt und sogar eine fast ebene Stelle gefunden, auf der wir unser Nachtlager aufschlagen konnten.

George ließ sich jedoch weder überzeugen, daß dies eine brauchbare Lagerstätte war, noch, daß wir wirklich auf dem Weg nach Shambhala waren.

»Was hast du dir vorgestellt?« sagte ich. »Hast du gedacht, es sei leicht, nach Shambhala zu kommen? Es führen keine breiten Autobahnen dorthin. Wir haben soeben das letzte Stück Trail hinter uns gelassen. Der Rest des Weges geht querfeldein.«

Das stimmte, doch nachdem wir Chhule hinter uns gelassen hatten, konnten wir wieder auf den Talgrund hinabsteigen. Dort marschierten wir augenblicklich in den Schutz eines gewaltigen Rhododendron-Waldes, der gute drei Kilometer des Tals ausfüllte. Da der Monsun dieses Jahr so früh gekommen war, stand der ganze Wald noch in Blüte; jeder Baum war eine Explosion üppiger rosa- oder lavendelfarbiger oder weißer Blüten, jede Blüte war groß und hell und schimmerte feucht. Wir schritten unter einem Dach aus Millionen dieser Wunder einher, während der Nebel zwischen den knorrigen schwarzen Ästen wogte, und der Anblick war so seltsam und beeindruckend, daß sogar George die Klappe hielt und mit aufstehendem Mund marschierte.

Hinter dem Rhododendron-Wald gerieten wir in das seltsame tropisch-arktische Unterholz, das die Täler des Himalaja in einer Höhe zwischen etwa viertausend bis fünftausend Metern bedeckt. Das ist Gottes Land, wenn Sie mich fragen, Bergwiesen, auf denen Heidekraut wächst, dornige Moosarten, Flechten, kleine Sträucher und Hochgebirgs- und Tundrablumen. Das Tal hier war eindeutig U-förmig, ein Gletscherding mit steilen Felswänden, und wir krochen hinauf wie Ameisen auf dem Boden eines leeren Swimming-Pools. Der Talgrund wurde von zahlreichen silbernen Wasserläufen durchzogen, und als wir neben diesen Gletscherbächen wanderten, konnten wir hören, wie Felsen über ihren Grund rumpelten und die Bäche praktisch umleiteten, während wir zusahen. Und auf beiden Seiten des Tals türmten sich die schneebedeckten steilen Gipfel des Himalaja-Massivs auf, obwohl wir sie auf diesem Trek wegen der Wolken so gut wie nie sahen.

Wir näherten uns der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Im allgemeinen verlaufen die Gebirgszüge von Osten nach Westen, doch es gibt unzählige Ausläufer, alle dermaßen verzogen und verdreht, wie man es nur erwarten kann, wenn ein Kontinent mit hoher Geschwindigkeit unter einen anderen stößt. Die politische Grenze versucht dem Verlauf des Gipfelkamms zu folgen, doch an einigen Stellen bilden die Gebirgszüge praktisch Knoten, und man kann gar nicht mehr so genau erkennen, was eigentlich der ›Kamm‹ ist. In solchen Gegenden wird der Grenzverlauf immer zweifelhaft, und genau an einer dieser zweifelhaften Stellen, an der sechstausend Meter hohe Bergzüge ineinanderstoßen und einige Gipfel auf über siebentausend Meter hochstoßen, liegt das Hochtal von Shambhala.

Doch noch einige Kilometer südlich davon gerieten George und ich an eine Y-förmige Kluft in unserem Tal, die Wege nach Westen und Norden anbot. Die rechte Gabel stieg langsam zu einem Paß an, der jahrhundertelang als bedeutende Handelsstrecke zwischen Nepal und Tibet gedient hat. Wegen diesem Paß, dem Nangpa La, befand sich der Armeeposten in Chhule — er hatte die Aufgabe, ihn zu schließen.

Die linke Gabelung wurde von einer hohen Felswand blockiert, die wir erkletterten, und darüber lag ein langes schmales Hochtal, dessen Grund noch von einem Gletscher erfüllt wurde. Wir folgten dem Gletscher hinauf zu einem hufeisenförmigen Ring spitzer Gipfel. Diese Hufeisenwand war Shambhalas letzter Schutz vor zufälligen Besuchern, und als wir zum Kopf des Gletschers marschierten und auf das Trümmergestein, die Schmelzteiche und blauen Eisnadeln hinabsahen, und dann hinauf zu der großen gebogenen Wand aus zerschmetterten Gestein, sagte George plötzlich: »Verdammt, Freds, bist du sicher, daß du dich nicht verirrt hast?«

Dummerweise war das genau die Stelle, an der ich mich immer verirre. Ich wußte, welche niedrige Stelle in dem hufeisenförmigen Ring unser Paß war, doch den Gletscher und die Schneebetten zu überqueren, um zu seinem Fuß zu gelangen, war nicht einfach, besonders, wenn Wolken aufzogen und das Tal mit Nebel füllten, der so dick wie Erbsensuppe war. Doch schließlich brachte ich uns dorthin, indem ich vereinzelten Spuren von Yetis folgte. Die Yetis nehmen immer den einfachsten Weg über zerrissenes Land, doch sie springen auch über Schluchten, die Menschen nur erschaudernd anstarren können, und so kann man sich nicht immer darauf verlassen, daß sie einen auch zum Ziel führen.

Am Fuß der Wand mußten wir auf einer felsigen Ebene, die wie der Golfplatz des Teufels aussah, unser Lager aufschlagen. Und am nächsten Morgen schneite es heftig, elende Bedingungen für einen Paß von über sechstausend Metern Höhe, doch es war sinnlos, den Sturm abzuwarten, da es vielleicht zwei Monate lang schneien würde, und so legten wir Steigeisen an und machten uns an den Aufstieg. Bald waren wir so hoch, daß nicht einmal Flechten wuchsen. Dann und wann sahen wir Abdrücke im Schnee, von Menschen, Yetis und Schneeleoparden, und noch höher sahen wir gelegentlich Vogelkot. Und am Nachmittag wurden zu Georges Überraschung die Wolken fortgeweht. Der Monsun regnet sich an der nepalesischen Seite der Gebirgszüge ab, und man hat jedes Jahr ein paar tausend Millimeter Niederschlag, doch gut dreißig Kilometer nördlich, in Tibet, liegt die Einöde völlig im Regenschatten und bekommt so gut wie keinen Tropfen ab. Also gibt es auf dem Gebirgszug selbst alle möglichen kleinen Nischen, in denen der Niederschlag zwischen den beiden Extremen liegt und in denen es wesentlich bessere Lebensumstände gibt. Das Tal von Shambhala hat in etwa das bestmögliche Klima, das es in dieser Gegend gibt, und ich bin sicher, daß der Ort nicht zuletzt aus diesem Grund dort errichtet wurde.

Auf jeden Fall hatten wir die Wolken unter uns gelassen und standen nun in strahlendem, kaltem, windigem Sonnenschein über einem Wolkenmeer; hier oben waren die Schatten schwarz wie die Nacht, und jeder Fels stach so deutlich aus dem windgepeitschten Schnee hervor, als sähe man ihn unter einem Mikroskop. Wir waren kaum noch zweihundert Meter unter dem Sattel, und nun ließ sich deutlich eine schwache Linie von Fußabdrücken ausmachen, einzelne Abdrücke, die riesige dicke Zehen enthüllten. »Sieh mal«, sagte ich. »Spuren von Yetis.«

»Komm schon, Freds. Ich glaube nicht an diesen Unsinn.«

»George, du selbst hast in Katmandu einen Yeti gerettet! Du hast ihn angezogen! Du hast ihn Jimmy Carter vorgestellt! Du hast ihm deine Dodgers-Mütze geschenkt!«

»Ja, ja.« Er schien dieser Erinnerung nicht besonders zu trauen. »Aber was hätte ein Yeti hier oben verloren?«

»Was hätte ein Mensch hier oben verloren, der hier barfuß marschiert?«

Keine Antwort von George.

Wir folgten den Fußabdrücken, die einen Zickzackkurs für unter ihrer Würde hielten und zielstrebig dem Paß entgegenstrebten. Die Luft war in der Tat dünn, und wir brauchten eine Weile, um das letzte Stück zu schaffen, doch dann sahen wir in dem Paß Mani-Mauern und Pfosten mit Gebetsflaggen, die schon längst vom unablässigen Wind zerfetzt waren, und dieser Anblick half einem den Paß hinauf; der letzte Abschnitt kam einem vor wie eine Rolltreppe.

Wir konnten es nur ein paar Minuten lang ertragen, im Paß zu bleiben, so kalt war der Wind. Um uns herum liefen alle Gebirgszüge zusammen, nahmen uns die Sicht nach Tibet im Norden und eigentlich auch in jede andere Richtung. Hoch über dem Wind erklang ein kurzes, schriller Schrei, und ich zeigte mit dem Finger auf etwas, das wie ein sich bewegender Schneefleck aussah. Ein Schneeleopard, der half, das heilige Tal zu bewachen. Doch George schenkte diesem Anblick nicht mehr Glauben als seinem Gedächtnis.

Dann begannen wir den Abstieg in ein schmales Tal, ein ziemlich hoch gelegenes, obwohl es in diesem Augenblick nicht so hoch schien, da wir ja schon höher gewesen waren. Auf dem Talgrund lag das übliche Geröll der mäandernden Bäche verstreut, die sich durch winzige, grün und gelb bewachsene Terrassen schnitten. Darüber lagen verlassene Hütten von Yakhirten, ein paar kahle braune Kartoffelfelder, einige von Steinmauern umsäumte Weiden und Mauern mit Gebetsmühlen. Weiter talwärts hockten auf einer uralten Endmoräne ein paar Steingebäude, deren Schindeldächer in der Mittagssonne dampften. Die Gebäude waren von Nomadenzelten umgeben. Kurz gesagt war es ein völlig normales Himalaja-Gebirgsdorf, das sich vielleicht nur durch die Ruinen eines alten Klosters, das im Dzowg-Festungsstil auf einem Felsvorsprung der Seitenwand des Tals erbaut worden war, von jedem anderen unterschied.

Ich fühlte, wie mein Herz im Einklang mit den Gebetsflaggen hinter uns glücklich schlug, und streckte eine Hand aus. »Da ist es«, sagte ich zu George. »Da ist Shambhala, da ist der Palast von Kaiapa, da ist das Lotus-Königreich!«

Er sah mich lange, lange an.

Tja, ich vermute, er hatte ein Disneyland-Schloß oder ein paar Kristallhäuser erwartet, die drei Meter über dem Boden schwebten, doch so ist es nun mal nicht. Ich mußte ihm Zeit geben, sich daran zu gewöhnen, und so marschierte ich den Weg hinab, und er folgte mir.

Kurz über lang sprang Colonel John hinter einem Felsen hervor und brüllte »Halt!«, was seine Lungen hergaben. George erschreckte sich so sehr, daß er beinahe einen Herzschlag bekommen hätte.

Vor uns stand ein kleiner, drahtiger Abendländer mit einem runzligen, schiefen Gesicht. Er trug einen Tarnanzug und hielt ein großes altes Maschinengewehr genau auf uns gerichtet.

»Schon in Ordnung!« sagte ich zu beiden. »Ich bin’s, Colonel. Ich und ein guter Freund.«

Er musterte uns mit einem vogelähnlich starren Blick. Sein Gesicht war seltsam, runzlig wie das eines alten Mönchs, der zu viele Jahre in großer Höhe in der Sonne verbracht hat — oder, um den Kampfanzug zu berücksichtigen, als fechte er seit zwanzig oder dreißig Jahren einen Gebirgskrieg aus. Ein großer, narbiger Riß auf der linken Seite seines Kopfes verstärkte den letzteren Eindruck, wie auch der militärisch kurze Stoppelhaarschnitt der fünfziger Jahre. Doch die Halsbänder mit Türkisen und Korallen und die Amulette auf seinem Tarnanzug sprachen eher für das Mönchsbild, wie auch seine Augen, in denen etwas Asiatisches lag. Alles in allem hatte es den Anschein, als seien ein alter tibetanischer Mönch und ein im Ruhestand lebender Ausbildungsunteroffizier des Marine Corps zu einem Körper verschmolzen. Was mehr oder weniger ja auch der Fall war.

»George«, sagte ich vorsichtig, »das ist Colonel John Harris, ehemals bei der CIA und dem U.S. Marine Corps. Er kümmert sich heutzutage um die Sicherheit des Tales.«

»Ich bin die Sicherheit des Tales«, schnappte der Colonel in einem mittelwestlichen Akzent.

»Na schön. Colonel, das ist George Fergusson. Er ist hier, um uns bei dem Problem der Straße, die nach Chhule geführt werden soll, zu helfen.«

»Beweisen Sie’s«, schnappte der Colonel.

»Na ja«, sagte ich hilflos. Dann wechselte ich ins Tibetanische und sprach langsam und deutlich, da der Colonel einer der wenigen Menschen auf Erden ist, die das Tibetanische noch schlechter sprechen als ich. Ich intonierte ein kurzes Gebet an die Kongchog Sum, die Drei Edlen. »Sannggyela kyabsu chio«, sagte ich, was soviel hieß wie ›Ich suche Zuflucht in Buddha!«.

»Ah!« sagte der Colonel und hängte sich das Gewehr um die Schulter. Er legte die Hände zusammen und verbeugte sich nach Art der Novizen. »Geehrt durch Ihre Anwesenheit«, sagte er auf Tibetanisch. »Gendunla kyabsu chio«, was soviel heißt wie ›Ich nehme Zuflucht im Mönchtum!‹ Was für John allerdings zutraf.

»Wir sind zum Tal unterwegs«, sagte ich, im Tibetanischen bleibend. »Kommen Sie heute abend hinab?«

»Ich habe Wache«, sagte er. Er runzelte die Stirn und fuhr auf Englisch fort: »Bin morgen um null achthundert unten!«

»Dann sehen wir Sie beim Frühstück«, sagte ich und eilte den Weg hinab; George blieb mir dicht auf den Fersen.

»Wer, zum Teufel, war das?« fragte George, als wir außer Hörweite waren.

»Tja, weißt du, in Shambhala leben Menschen aus der ganzen Welt. Wenn sie über das Tal stolpern und die richtige Gesinnung dafür haben, bleiben sie. Wenn sie nicht die richtige Gesinnung haben, erkennen sie es nicht einmal. Du wärest überrascht, wie viele Trekker zufällig über den Paß kommen, einfach glauben, sie wären in einem x-beliebigen, entlegenen Dorf, und wieder verschwinden.«

Keine Antwort von George.

»Und wann ist dieser Colonel John eingetroffen?« sagt er schließlich.

»Er war beim CIA, als sie in den sechziger Jahren den Tibetanern halfen, den Widerstand gegen China zu organisieren. Du weißt darüber Bescheid?«

»Nein.«

»Sie halten es echt geheim. John verbrachte ein paar Jahre mit einer Guerilla-Gruppe in Mustang. Also muß er irgendwann Anfang der Siebziger hierher gekommen sein. Jetzt ist er ein Mönch, und gewissermaßen auch Shambhalas Verteidigungsministerium.«

»Verteidigungsministerium«, sagte George.

Wir preschten wie eine Lawine zu Tal und trafen kurz nach Sonnenuntergang mit pochenden Knien dort ein. Ich führte George direkt zum Haus von Kunga Norbus Familie, und als ich zwischen den vertrauten dreistöckigen Gebäuden die schmalen Steinstraßen entlangschritt, atmete ich die Gerüche von Milchtee und Rauch und nasser Yakwolle ein, und sie drangen wie ein Messer direkt ins Herz meiner Erinnerungen, und ich lachte und begrüßte die Menschen, denen wir begegneten. Es hatte leicht zu schneien begonnen; die Flocken schimmerten wie Katzensilber in der Luft, und ich ertappte mich, wie ich über die Straßen tanzte, trunken vor Freude, nach Hause gekommen zu sein.

Kunga Norbus älteste Schwester Lhamo begrüßte uns an der Tür mit einem breiten Lächeln, brachte uns hinauf in die Küche, ließ uns auf einer breiten Bank vor einer getäfelten Wand Platz nehmen und schickte sich an, uns zu bewirten. Der größte Teil der Familie kam herein, um George zu betrachten und mit mir zu sprechen — Kunga Norbus uralte Mutter, seine jüngeren Schwestern und deren Familien, ein paar entferntere Verwandte, die sie aufgenommen hatten, und die Verwandten dieser Verwandten, bis wir dicht gedrängt saßen. Ich wärmte mir am Feuer die Füße und versuchte, mir mein Tibetanisch in Erinnerung zurückzurufen, um mich mit ihnen zu unterhalten. Lhamo tischte ein Festmahl auf, Tsampa und Buttertee natürlich, aber auch Yakkäse, Margambutter, eine trockne Creme namens Pumar und eine Art Käsekuchen, den sie Thud nennen, vielleicht wegen des Geräuschs, mit dem er unten im Magen aufschlägt. All die vertrauten Geschmackserfahrungen und Gesichter und der Geruch des Yakdungfeuers ließen mich vor Zufriedenheit schnurren, und ich versuchte, ihnen von unserer Reise zu erzählen.

George schwieg natürlich während der Mahlzeit, und er trank keinen Buttertee und aß so wenig, wie es ihm möglich war, ohne seine Gastgeber zu beleidigen. Doch selbst mit den paar Bissen war seine prophylaktische Diät hinfällig, und ich hatte den Eindruck, als mache ihm das schwer zu schaffen; er lauschte seiner Verdauungstätigkeit und schien im Geiste zu überlegen, wieviel Antibiotika er mitgenommen hatte. Er sah sich im Zimmer um, musterte die Teppiche und Schärpen und die Schüsseln und Töpfe aus hellem verbeultem Kupfer und den schwarzen gußeisernen Topf und die Vorhänge und die flache Kohlenpfanne und die großen Butterfässer und die Nyindrog- Truhen und den Webstuhl in der Ecke, und er sah müde und geknickt aus, als habe er mit etwas völlig anderem gerechnet. Ich schätze, er sah einen überfüllten, rauchigen kleinen Holz- und Ziegelraum, und war deshalb so niedergeschlagen.


Nun ja, ich vermute, das Leben in einem buddhistischen Dorf im Himalaja enthüllt seine Schönheit nicht auf den ersten Blick, besonders im Monsun nicht, obwohl, wie ich schon sagte, das Tal, in dem Shambhala liegt, vor dem schlimmsten Wetter geschützt ist. Trotzdem regnete oder schneite es fast jeden Tag eine oder zwei Stunden. Und seit die Chinesen Tibet eingenommen haben, leidet Shambhala unter Überbevölkerung, da es gewissermaßen als geheimes Flüchtlingslager dient. Deshalb umgeben die großen Zelte aus Yakwolle der Bergnomaden das Dorf, und deshalb waren die alten Steinhäuser und das Kloster Kaiapa so überfüllt. So viele Menschen schaffen natürlich Probleme, und der Zustand des Ortes war nicht angeten, George zu beeindrucken. Lhamo versuchte es, indem sie uns das beste Schlafzimmer im Haus gab, direkt über der Küche, wo es am wärmsten war, doch George hatte immer wieder Alpträume, daß das Haus abbrannte, da der Rauch vom Küchenofen in unser Zimmer quoll und es riechen ließ, als brenne das Haus ab. Also stolperte er jeden Morgen sprachlos und erschöpft hinaus, und vor ihm lag dann ein seltsam überfülltes Gebirgsdorf, als sei Markttag, was natürlich nicht der Fall war, und kranke Kinder weinten, weil sie Grippe hatten, und Dr. Choendrak, der Arzt des Klosters, wanderte händeringend durch den Regen, weil all die hervorragenden Planzen- und Mineralmedizinen von Mendzekhang, dem Klosterkrankenhaus in Lhasa, schon längst verbraucht waren.

Georges Eindruck von den Dingen wurde auch nicht besser, als Kunga Norbu hinabkam, um uns zu begrüßen, und auf seine übliche Art durch George hindurchsah und uns dann beauftragte, mit ein paar Leuten Terrassenwände zu erneuern, was eine Sträflingsarbeit ist, da man die Felsen wie Figuren in einem Zeichentrickfilm mit einem Vorschlaghammer aufbrechen muß. Einen oder zwei Tage solche Arbeit, und George war unzufrieden. »Gottverdammt, Freds, ich könnte in Thamel in der Sonne liegen, und hier kloppe ich Steine. Das ist nicht Shambhala, und du weißt es auch.«

Ich versicherte ihm, daß es Shambhala sei.

»Weshalb ist es denn hier so überfüllt? In jedem Haus leben zwei- oder dreimal soviel Menschen, wie es eigentlich der Fall sein sollte, und dann sind da noch die Zelte. Die Sherpas würden niemals so leben.«

Ich erzählte ihm von dem Flüchtlingsproblem. Von Menschen, die unüberquerbare Pässe überquerten, um den Chinesen zu entkommen, oder die unbegehbare Schlucht hinaufkrochen, die von dem Tal zum tibetanischen Plateau abfiel, und für die Hoffnung auf Flucht den Tod in Kauf nahmen und ihn oftmals auch fanden.

»Also leben sie hier behelfsmäßig«, sagte George überrascht.

»Wenn man es nach vierzig Jahren noch so nennen kann.«

An diesem Abend sah sich George etwas aufmerksamer um. Und zum erstenmal bemerkte er, daß bei uns im Haus Kranke lebten. Eine Kusine Lhamos namens Sindu hatte einen kleinen Jungen, der vor Durchfall ganz geschwächt war. Und diese Kusine Sindu war eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, mit einer Menge nepalesischem Blut in ihren Adern, so daß ihr Gesicht schärfer geschnitten war als das der Tibetanerinnen, eins jener Trans-Himalaja-Gesichter, die so schön sind, daß man es fast nicht glauben kann. Und kein Ehemann in der Nähe. Also saß George da und beobachtete sie, als sie sich in der Küche um ihr krankes Baby kümmerte, und ich sah, wie er im Geiste seine Pillen zusammenrechnete.

Am nächsten Tag zwangsverpflichtete uns Colonel John zu einem Feuerholz-Trieb, was bedeutete, daß wir den ganzen Morgen eine Herde Yaks zusammen- und ins Tal hinabtreiben mußten, zum oberen Ende der Schlucht, die sich nach Tibet erstreckte. Yaks sind große, haarige Zeitgenossen, verdrossen, unkooperativ und jederzeit zu einer plötzlichen Auflehnung fähig, doch der Colonel trieb sie hinab, als seien sie Kadetten in einem Ausbildungslager, schlug sie heftig mit seinem Spazierstock und wurde dafür nur mit Blicken ihrer großen, runden, verdrossenen Augen bedacht.

Am Mittag ließen wir die Yaks auf der Wiese zurück und erkletterten den steilen Südhang des Tals, bis wir ein Kiefernwäldchen erreichen. Colonel John holte drei kleine Äxte aus seinem Rucksack, Eisenzeit-Werkzeuge ohne jedes Gewicht, und wir schickten uns an, die Bäume zu fällen, auf die er zeigte. »Mann«, sagte George unglücklich, während er drauflosschlug, »das ist schrecklich! Sowas nennt man doch Abforstung, oder?«

Der Colonel und ich hielten inne und sahen ihn an.

»Keine Wahl«, sagte der Colonel. »Yakdung brennt nicht ohne etwas Holz im Feuer.«

»Aber die Erosion …«

»Ich weiß über die Erosion Bescheid!« schrie der Colonel und hätte beinahe seine Axt gegen George geschwungen. »Wir lassen den Stumpf und die Wurzeln zurück, damit sie soviel Erde wie möglich halten, und pflanzen neue Sämlinge an.« Er schlug wütend auf den Baum ein, an dem er arbeitete. »Dreitausend Jahre hat dieses Tal eine stabile Bevölkerung gehabt, doch was kann der Dalai Lama bei einem versklavten Tibet schon machen? Das ist eine der wenigen Fluchtmöglichkeiten.«

George fragte zögernd, ob man nicht einige Flüchtlinge in tibetanische Dörfer und indische Siedlungen umsiedeln könne.

»Wen wollen Sie denn aussuchen?« fragte der Colonel. »Wollen Sie sie vom letzten freien Fleck Erde fortschicken? Auf irgendeine Landwirtschaft in Madras, wo sie an der Tiefenkrankheit sterben? Ich habe sie da unten gesehen und sie zu einem Berg geführt, wie damals, als wir den Widerstand nach Colorado brachten, und sie liefen los und sprangen in den Schnee! Wir hatten dort einen Yak aus einem Zoo, und sie liefen zu ihm und umarmten ihn!« Mit einem wütenden Schlag fällte er den Baum. »Ich würde nicht bestimmen wollen, wer von hier verschwinden muß.«

»Erzählen Sie George von Ihren Khampa-Guerillas«, schlug ich vor.

John seufzte. »Ich brachte diese Burschen zu der Zeit nach Colorado, als man doch darauf zählen konnte, daß die amerikanische Regierung gegen die Kommunisten kämpft, und ich fragte ein Zimmer voll von ihnen: Wer von euch will aus einem Flugzeug springen und gegen die Chinesen kämpfen, und sie hatten nicht die geringste Ahnung von Fallschirmen und so, doch alle hoben die Hand. Und ich sagte, das sind Jungs nach meinem Geschmack. Genauso war das Marine Corps, bevor es verweichlicht wurde! Wir kamen her und heizten diesen Mördern ein! Bis Birendra uns dann verriet!«

Damit ging er einen weiteren Baum an und hackte drauflos, als habe er die Knie des Königs von Nepal vor sich. Er murmelte zusammenhanglose Phrasen, mit denen George, wie ich sah, nur wenig anfangen konnte. »Suppe und Kaffee aus Blechdosen und gelaufen, bis ihre Herzen hämmerten!« Hack hack hack. »Hans auf einer Seite und Gurkhas auf der anderen! In alle zwölf Winde verstreut!« Hack hack hack. »Dalai Lama sagt aufhören, aber wer kann sich Birendra ergeben! Pachen schnitt ihm statt dessen die Kehle durch, und ich kann es ihm nicht verdenken! Hätte es selbst tun sollen!« Und er fällte den Baum mit einem wilden Schlag.

In der Hoffnung, ihn ablenken zu können, erwähnte ich auf Tibetanisch, daß wir schon soviel Holz gehackt hatten, wie die Yaks tragen konnten.

»Wir tragen ebenfalls!« schnaubte er mich auf Englisch an und arbeitete weiter wie eine Kettensäge.

Also war es schon später Nachmittag, bevor wir uns in einem kalten Regen wieder talaufwärts schleppten, beladen mit kleinen Kiefern. Ich ließ den Colonel vorausgehen, damit ich die Fragen beantworten konnte, mit denen George mich dann auch bombardierte. Der Colonel und ein paar Khampas, so erklärte ich ihm, hatten den Kampf fortgesetzt, nachdem sich König Birendra Mao unterworfen und der nepalesischen Armee befohlen hatte, den Chinesen zu helfen, die tibetanischen Guerillas in Mustang zu vernichten. Nach diesem Unglück hatten der Colonel und einige Khampas sich in die Berge Tibets zurückgezogen, bis sie in einen Hinterhalt oder so gerieten — der Colonel erinnerte sich nur noch ungenau daran, da er dabei am Kopf verletzt wurde. Er wanderte eine Weile ziellos durch die tibetanische Wildnis, bis er dann über den Paß nach Shambhala kam. Dort hatte Dr. Choendrak ihn geheilt und sein Gedächtnis bis zu einem gewissen Ausmaß wiederhergestellt. »Aber er ist immer noch etwas durcheinander«, sagte ich.

»Das habe ich gemerkt.«

»Je nachdem, in welcher Sprache man mit ihm spricht, benimmt er sich völlig anders.«

George betrachtete die kleine, baumbeladene Gestalt, die vor uns die Yaks trieb. »Ich wette, sein Sprachzentrum wurde beschädigt, und wenn er den größten Teil seines Tibetanisch nach der Verletzung gelernt hat, muß er es auf der anderen Seite seines Gehirns ablegen. Je nachdem, in welcher Sprache man sich mit ihm unterhält, ist eine andere Hälfte seines Gehirns dominant.«

»Hier glaubt man, es sei vielleicht eine Frage der Inkarnation.«

»Er glaubt, er sei ein tibetanischer Mönch, der in einem Marine-Corps-Soldaten wiedergeboren wurde?«

»Manchmal.«

Wir stiegen die alte Endmoräne hinauf und erhaschten einen Blick auf das Dorf über uns. Eine Lanze aus Sonnenlicht schnitt durch die Wolken und erhellte die Steinmauern und die Grasnarbe, die Gebäude mit ihren dampfenden Schindeldächern, die Yaks, die hier und da in den braunen Kartoffelfeldern wie zottelige schwarze Felsbrocken standen, und es sah aus wie das Mittelalter auf einem kälteren Planeten. Wir hatten den ganzen Tag damit verbracht, Holz zu sammeln, das das Dorf kaum durch die Nacht bringen würde, und Tag für Tag mußten die Leute losziehen und ebenfalls sammeln, wobei sie sich immer weiter vom Dorf entfernen mußten. »Mann«, sagte George und ließ seine Bäume auf den steingepflasterten Stallhof von Lhamos Haus fallen. Er wußte nicht, was er sonst sagen sollte.

Lhamo hatte eine richtig große Mahlzeit für uns vorbereitet, und wir waren kaputt und am Verhungern, und auch George kam nicht umhin, das Essen in sich hineinzuschaufeln. Er mußte sich nicht mit Dhal Baat abgeben, doch in der Suppe schwamm ein Gemüse, das man in den tieferen Tälern zieht, ein Gemüse, dessen Namen ich nie erfahren habe, doch das an den Pflanzen aussieht wie ein fußballgroßer Eibisch, mit langen, biegsamen Zacken, die überall aus ihr hervorwuchsen. Zerhackt und in der Suppe treibend, war es nicht gerade ein erfreulicher Anblick, wenngleich seine Beschaffenheit in Ordnung war und es kaum Eigengeschmack hatte. Als Beilage gab es ein so scharfes Curry, daß es einem den Gaumen verbrannte, und nach ein paar Versuchen widmete sich George wieder schwitzend seiner Suppe und nippte sogar an seinem Buttertee, der einen ganz eigentümlichen Geschmack hat und ihm Probleme zu bereiten schien. Dieses Getränk war für George, was Scylla und Charybdis für Odysseus gewesen waren, doch er riß sich tapfer zusammen und beendete die Mahlzeit.

Und so gab er aus Notwendigkeit seine prophylaktische Ernährung auf. Gleichzeitig beobachtete er, wie Kusine Sindu an diesem Abend mit geringem Erfolg versuchte, ihr Baby zu füttern. Und am Morgen grub er in seinem Rucksack und holte seine Antibiotika hervor, eine Fünf-Liter-Ziploc-Tasche voller Pillen. »Freds, wir müssen diesen Leuten helfen«, sagt er. »Ich habe wirklich nicht genug dabei, um allen zu helfen, doch für ein paar wird es schon reichen.«

»Wir müssen Dr. Choendrak davon erzählen«, sagte ich zu ihm. Also brachten wir die Antibiotika ins Kloster, und George erzählte Dr. Choendrak von ihnen, und er untersuchte die Pillen und beriet sich mit dem Manjushri Rimpoche, dem Führer von Shambhala, und der Rimpoche entschied, daß jedes kranke Kind gleichviel Pillen bekommen würde, womit, nachdem sie es ausgerechnet hatten, vier Pillen pro Kind kamen. Als George das hörte, rief er: »Nein! Das ist zu wenig, um etwas zu nutzen! Damit helfen Sie keinem von ihnen!«

Dr. Choendrak erklärte ihm, daß ihnen die Wirkungsweise von Antibiotika durchaus bekannt sei, sie jedoch annahmen, daß sie im Zusammenhang mit den Heilpflanzen, die hier wuchsen, doch etwas helfen würden und wichtig sei, dafür zu sorgen, daß jeder Kranke etwas von der abendländischen Medizin bekäme.

George war furchtbar wütend, doch ich versuchte, ihn zu beruhigen. »Sie versuchen es mit der Plazebo-Theorie, George, und du kannst dir gar nicht so sicher sein, daß das so falsch ist. Diese Antibiotika sind doch sowieso hauptsächlich Plazebos.«

Er bedachte mich nur mit diesem blinzelnden Blick.

Also hatte er all seine Antibiotika unter die Leute gebracht, und er aß das Essen, das es hier im Tal gab, was zwar in Ordnung war, aber mit Sicherheit andere Bakterien enthielt als die, die er gewöhnt war. Und so wurde er krank. Die üblichen Beschwerden — Durchfall, Fieber, Appetitlosigkeit, ein allgemeines Unwohlsein. Und er war gelangweilt, reizbar und bedrückt. Drei oder vier Tage, und er würde im Haus glatt verrückt werden, und so schlug ich vor, er solle mit Lhamo und Sindu zum Bach gehen, um Kleider zu waschen.

Nun habe ich mich hauptsächlich auf die Probleme konzentriert, die Shambhala hatte, und sie waren beträchtlich, doch Shambhala war immer noch Shambhala, mystische Hauptstadt der Welt, und abgesehen vom Kloster Kaiapa, den Lamas und der Geschichte des Ortes gab es hier noch einige andere Besonderheiten. Oben im Hof des Klosters zum Beispiel schoß eine ewige heilige Flamme aus der Bergflanke hinaus, in der Dämmerung oder Dunkelheit ein seltsamer und beeindruckender Anblick, und besonders bei einer Feier. Und auf der Talsohle, in der Nähe der Schlucht, bestand ein ganzes Bachufer aus reinem Türkis; es stach aus dem Berg hervor wie ein Hügel aus versteinertem Himmel und ergoß sich mit blauen Kieseln und Felsbrocken flußabwärts.

Und am wichtigsten für das tägliche Leben dort ist, daß der Bach mit einer heißen Quelle beginnt, die wie die ewige Quelle festem Felsgestein entspringt. Das Loch, aus dem das Wasser herauskommt, war völlig kreisrund, und das Wasser dampft vor Wärme und hält die ganze Gegend feucht, so daß überall hellgrüne Farne und Moose wachsen. Mauern mit Gebetsmühlen und Mani-Steine und Gebetsflaggen stehen überall um die Quelle, und Gebetsräder drehen sich im Bach, Holz- und Blechzylinder, mit hellen Mandalas bemalt, die knirschend die Gebete mahlen. Moos hatte die geschwungenen Sanskrit-Buchstaben bedeckt, die man in die Mani-Steine und Felsen gemeißelt hatte, so daß ich fast den Eindruck hatte, als würde das Moos selbst Om mani padme hum buchstabieren. Alles in allem ein toller Ort.

Sie benutzten den Bach auch für ihre Wäsche, indem sie einen Teil des Wassers in einen geschwungenen Kanal umleiteten, der zu einem flachen Teich mit steinernem Grund und glattgeschlagenen Seiten führte. Hier wuschen die Leute an sonnigen Morgenden ihre Kleidung, hauptsächlich Frauen, wenngleich sich auch oft Mönche und andere Männer zu ihnen gesellten. Die Frauen kamen in ihren langen schwarzen Wickelkleidern mit bunten Schürzen; die Kinder hatten sie sich auf den Rücken gebunden, oder sie ließen sie frei herumlaufen. Die Luft dampfte, und die Sonne war warm auf der Haut, doch in den Schatten war es kalt, so daß das warme Wasser ein Segen war. Die Frauen trugen ihr Haar glatt und flach zurückgekämmt. Sie hatten zumeist die flachen Gesichter der Tibetaner, aber bei Frauen wie Sindu ließen sich auch Spuren aus Indien und anderen Orten finden; schließlich handelte es sich hier um einen Treffpunkt, auch wenn er versteckt in den Bergen lag. Nackte braune Füße im Wasser, die Kleider hoch um die Schenkel gezogen, braune Waden enthüllend, die härter als Baseball-Schläger waren, der Geruch von Milchtee und Rauch und Kräuterseife, der sich von den dampfenden, nassen Kleidern erhob, als sie sie auswrangen und auf dem flachen, glatten, schwarzen Steinboden auf beiden Seiten des Teiches schlugen — ja, der Wäscheteich war ein schöner Ort.

Und George schien es hier zu gefallen. Zumindest war er etwas besser gelaunt, wenn er des Morgens von dort zurückkam. Er ging mit Kusine Sindu und ihrem kleinen Jungen dorthin und paßte auf das Kind auf, während sie wusch, keine schwierige Aufgabe, da das Kind noch krank war. Und sie sprach auf Tibetanisch mit dem Kind, und George nickte, sagte »Ah so, ja, genau meine Meinung!«, worauf die Kusine und die anderen Frauen dann immer lachten.

Ich hatte mich bei Lhamo über Sindu erkundigt und erfahren, daß ihr Mann lebte; er war auf einer Handelsexpedition im Westen Nepals unterwegs. So etwas kommt in den Trans-Himalaja-Dörfern häufig vor, und als Ergebnis werden die Ehen dort oben ziemlich lasch gehandhabt. Junge, Junge, dachte ich also, als ich sah, wie George mit dem Kind spielte und Sindu ihn anlachte. Sieh dir das an!

Es war seltsam, sie zusammen zu beobachten. Manchmal schienen sie einander perfekt zu verstehen und gut zueinander zu passen — ein attraktives Paar, das über etwas lachte, was es gesehen hatte, und ich dachte, sieh an, George hat sich eine Sherpani-Freundin angelacht. Vielleicht seine Dakini, eine der weiblichen Gottheiten, die einen zur Weisheit führen. Nur ein paar Sekunden später schien sich dann, ohne jeden ersichtlichen Grund, ein Abgrund zwischen ihnen zu öffnen, der einem noch breiter vorkam, als es sich durch die unterschiedlichen Sprachen erklären ließ. Plötzlich wirkten sie dann wie Geschöpfe von verschiedenen Planeten, wie Fremde, die Gesten ausprobierten, um zu versuchen, ob sie verständlich waren. Doch selbst in jenen Augenblicken wirkten sie nicht unbeholfen — sollte sich eine Kluft zwischen ihnen befinden, schien sich keiner von ihnen besondere Sorgen zu machen, ob sie sich auch überbrücken ließ. Sie schienen zufrieden, auf der jeweils anderen Seite zu stehen und einander zuzuwinken.

Das war also hübsch anzusehen, und Lhamo und ich und die anderen Mädchen am Teich lachten ziemlich oft darüber. Doch mittlerweile war George immer noch krank, und die Kinder ebenfalls. Er hätte seine Pillen gleich in den Bach schmeißen können, soviel schienen sie geholfen zu haben. Er selbst wurde immer dünner, und ich bekam mit, daß er in den meisten Nächten hinausstürmen und im Dunkeln zu der Toilette vor dem Haus stolpern mußte, wo er sich dann über dem kleinen Loch im Boden niederkauerte, äußerlich frierend und innerlich verbrennend. Es ist erstaunlich, woran man sich gewöhnen kann; ich hatte so etwas auch schon mitgemacht und wußte, daß man sich so daran gewöhnen konnte, daß man — manchmal — den ganzen Akt fast im Schlaf bewältigte und um mittelalterliche Gebäude und Türen und Schlösser navigierte, ohne wirklich aufzuwachen, während es einem in anderen Nächten so schlecht und seltsam geht, daß sie sich einem in den Verstand ätzen und man dort draußen in der bitterkalten Dunkelheit hängt und fühlt, daß es sich um eine Art negatives Bodhi handelt und daß man fern der Heimat ist. Ich bin sicher, daß George in mehr als nur einer Nacht darunter litt.

Und die Kinder brüllten und lagen in ihren Betten und sahen trockenhäutig und fiebrig und matt aus und schissen wäßrigen Durchfall. »Verdammt«, sagte George, »Diarrhöe ist gefährlich für so kleine Spunde, sie trocknen so stark aus, daß sie sterben.«

In der Tat sah Sindus Junge nicht gut aus, und einer Menge Kinder im Dorf erging es genauso. Solch ein vor Menschen wimmelnder Ort! Mehrmals kamen Leute vorbei, um George zu fragen, ob er keine Antibiotika mehr übrig habe, und er konnte nur hilflos die Hände heben. »Alle weg! Alle weg! Freds, sag ihnen, daß es mir leid tut, ich habe nur noch Lomotil, aber da kriegt man Verstopfung von. Ich sollte es ihnen lieber nicht geben, oder?«

Der Meinung war ich auch.

Dann hatte er eine Idee. »Freds, was ist mit dieser Formel, die man Kindern mit Diarrhöe geben soll, mit der, die die UNO in der ganzen Dritten Welt verbreiten will, sie besteht aus irgendeinem einfachen Zeug, das jeder hat, und verhindert das Austrocknen. Komm schon, Mann, was war das noch gleich?«

»Hab nie davon gehört«, sagte ich.

Das trieb ihn in den Wahnsinn. »Es ist etwas ganz einfaches.« Aber es fiel ihm nicht ein.

Als er dann eines Morgens ein Glas Milchtee schwenkte, sagte er: »War es nicht einfach Salzwasser? Salzwasser mit vielleicht etwas Zucker darin?«

»Ich dachte, man soll kein Salzwasser trinken?«

»Normalerweise nicht, aber wenn man Durchfall hat, hilft es, das Wasser in die Körperzellen zu bringen.«

»Ich dachte, genau das verhindert es.«

»Normalerweise ja, aber in diesem Fall nicht.«

»Bist du dir sicher genug, um es auszuprobieren?«

Ein langes Schweigen. »Verdammt«, sagte er schließlich, »ich wünschte, ich hätte mehr Tetracyclin.«

Aber in den folgenden Tagen wurde Sindus Sohn schwächer und schwächer, und eine Menge der anderen Kinder ebenfalls. George kam zum Schluß, daß es die richtige Formel sei, und brachte mich dazu, ihn zum Kloster und zu Dr. Choendrak zu bringen.

In Kalapas großem Hof blieb George stehen und starrte mit weit geöffnetem Mund die ewige Flamme an. »Was zum Teufel ist denn das?« sagt er.

»Das ist die heilige ewige Kalacakra-Flamme«, erklärte ich ihm. »Seit den frühesten Zeiten hier ein religiöser Schrein.«

»Es ist Gas, Freds. Sie haben ein Naturgasvorkommen direkt hier im Tal!«

»Allerdings.«

»Na ja …« Er griff mit beiden Händen nach seinem Kopf, damit er nicht explodierte. »Warum benutzen sie es nicht? Anstatt den Wald abzuholzen, könnten sie das Gas in Öfen pumpen, und das Problem wäre gelöst!«

»Ich nehme an, da es ein heiliger Schrein ist und ein Zeichen von einer ihrer Gottheiten, ist es ihnen nie in den Sinn gekommen«, sagte ich.

George konnte es nicht glauben. »Sie fällen alle ihre Bäume und sehen zu, wie das Erdreich weggespült wird, und direkt vor ihren Nasen brennt dieses verdammte Feuer! Was denkt ihr euch hier nur? Was für ein Paradies ist das überhaupt?«

»Ein religiöses.«

»Mein Gott.«

Dann gesellte sich Dr. Choendrak zu uns, und George brachte mich dazu, als Übersetzer zu fungieren. »Eine Menge Kinder hier haben die Grippe«, sagte er zu dem Arzt.

Ich wiederholte das für Dr. Choendrak, und er nickte. »Ihr Blut hat sich mit ihrer Gallenflüssigkeit vermischt, und wir müssen sie voneinander trennen.«

»Das weiß er«, sagte ich zu George.

»Frag ihn, was er dagegen tut.«

Dr. Choendrak schüttelte den Kopf. Sie machten Medizinen, so schnell sie konnten, Medizinen aus Pflanzen, deren Namen ich George nicht übersetzen konnte.

»Frag ihn, ob in den Medizinen auch Salze sind.«

Der Arzt sagte, sie seien darin enthalten.

Schließlich mußte Dr. Choendrak uns in die Apotheke führen und es ihm zeigen. Es stellte sich heraus, daß in jedem Kanister mit Wasser, das der Arzt den Kindern gab, ein guter gehäufter Eßlöffel reines tibetanisches Steinsalz enthalten war.

»Oh«, sagte George und nickte. »Na ja, sag ihm, er soll auch noch etwas Zucker hinzufügen.«

Ich übersetzte das dem Arzt, und er nickte. Es stellte sich heraus, daß sie auch noch einen guten Eßlöffel Honig hinzufügten.

»Oh!« sagte George verlegen. »Gut! Schön für ihn! Sag ihm, daß die Weltgesundheitsorganisation genau das empfiehlt!«

Dr. Choendrak nickte und sagte, das sei gut.

Plötzlich schien der Arzt für George ein sehr vernünftiger Bursche zu sein. »Vielleicht haben ihre Medikamente tatsächlich eine antibakterielle Wirkung, und das Salz und der Zucker im Wasser verschafft ihrem Immunsystem mehr Zeit, das Problem in den Griff zu kriegen. Die Kinder brauchen das.«

Bevor wir gingen, bat mich George, Dr. Choendrak von seinem Plan mit der ewigen Flamme zu erzählen — er beschrieb Keramikrohre, einen großen zentralen Ofen im Dorf oder im Kloster selbst und ein Röhrenssystem zu den einzelnen Häusern. Und an den darauffolgenden Tagen begleitete er Dr. Choendrak bei seinen Krankenbesuchen, lenkte die Kinder ab, während sie untersucht wurden, oder hielt sie fest, wenn sie wieder bittere Medizin verordnet bekamen. Und er ließ alle von dem Wasser trinken, das großzügig mit Salz und Zucker versetzt war. Zwischen ihm und dem Arzt kam es zu einer gewissen Übereinkunft, und sie freundeten sich an, obwohl sie kein Wort von dem verstanden, was der andere sagte. Wahrscheinlich waren ihnen dabei ihre medizinischen Theorien eine große Hilfe.

Und in den nächsten Wochen fand die Grippe-Epedemie ein Ende — warum, konnte niemand sagen —, doch es war niemand daran gestorben, und so waren alle mit Dr. Choendrak und den verantwortlichen Gottheiten zufrieden, und auch mit George. George war auch sehr zufrieden, obwohl ihm seine eigene Medizin niemals richtig zu helfen schien und er immer wieder in heller Panik zum Scheißhaus rennen mußte.


Doch danach war er freundlicher zu den Mönchen, was wichtig war, da man überall im Tal auf sie stieß. Man kletterte einen Hang hinauf, um Feuerholz zu sammeln, und sah auf das Braun und Grau und Grün der Gersten-Terrassen hinab, und da waren dann überall diese kastanienbraunen Flecke. Mönche.

Auf die gleiche Art und Weise paßten sie sich in die Gesellschaft ein — man sah sie überall, wußte aber niemals genau, was sie taten. Sie waren weder unbedingt Autoritätspersonen noch diese Heiliger-als-du-Typen, die unsere Prediger meistens sind, Männer, die jedes Gespräch auf Erden einfach zum Erliegen bringen können, indem sie sich lediglich unerwartet hinzugesellen — nein, hier waren die Mönche und die kleinere Gruppe der Nonnen ins Leben einbezogen; sie arbeiteten auf den Feldern, stapelten Yakdung, nachdem er zum Trocknen in die Sonne gelegt worden war, und lachten über grobe Witze. Es fiel George oder irgendeinem anderen Abendländer schwer, dies zu verstehen; schließlich kommen wir ja aus einer Welt, in dem die Religion größtenteils ignoriert oder als Tarnung für Diebstahl benutzt wird. Deshalb waren auch so viele Menschen so schnell bereit, die Lügen zu glauben, die die Chinesen über Tibet verbreiteten, das Zeug über eine böse Priesterschaft, die mit ihren Steuern elende Leibeigene in die Armut trieb. So wäre es vielleicht in unserem System vonstatten gegangen; in der Tat ist das, wo ich nun darüber nachdenke, eine ziemlich gute Beschreibung des Fernseh-Evangelismus. Und es paßte den Chinesen natürlich verteufelt gut in den Kram, die nun, da wir in die andere Richtung sahen, die Tibetaner nicht nur foltern, ermorden, versklaven, vergewaltigen, einkerkern und aushungern, sondern auch allen sagen konnten, daß all das nur zum eigenen Nutzen der Tibetaner geschah. Um sie vor sich selbst zu retten.

Und da wir eher den Chinesen als den Tibetanern ähneln, kauften wir es ihnen ab. Schließlich hatten wir vor noch gar nicht so langer Zeit dasselbe mit der älteren religiösen Kultur ›unseres Landes‹ getan, und so wollten wir den Chinesen glauben oder zumindest nicht darüber nachdenken. Auch George, der über die gesamte Südseite des Himalaja latschte und sich an den unglaublichen Bergen erfreute, wollte natürlich nichts über den Völkermord wissen, der auf der Nordseite vonstatten ging. Wer in den vierziger Jahren in den Bayerischen Alpen herumtollte, hat sich schließlich auch nicht über diese Rauchwolken am Horizont gewundert.

Also brauchte er eine Weile, um darauf zu kommen. Zeit, die er damit verbrachte, Kartoffeln zu pflanzen, Terrassenwände zu reparieren und Feuerholz zu sammeln, während ein Mönch oder eine Nonne in der Menge an seiner Last schleppte und Witze riß. Er mußte eine Weile jeden Tag bei Dämmerung die Gesänge hören oder sehen, wie ein Bauer auf seinem Feld meditierte, oder Frauen Mani-Steine schlugen, oder Kinder mit dem Feuerholz, das sie auf dem Rücken trugen, die Gebetsmühlen drehten. Er mußte eine Weile beobachten, wie sich alle in die gemeinsame Arbeit einfügten, ohne darüber zu palavern, wer nun was zu tun hatte. Es dauerte eine Weile, bis er die familiären Verhältnisse durchschaut und herausgefunden hatte, daß es in jeder Familie Mönche oder Nonnen gab; daß die Mönche nicht Mönche wurden, weil ihre Väter ebenfalls welche waren, sondern Generation für Generation aus den Bauern kamen; daß die Klöster hofften, die Besten und Klügsten zu bekommen, aber auch die Schwachen und Behinderten nahmen, und natürlich auch die Spinner bekamen, die religiösen Raumkadetten. All diese kastanienbraunen Punkte im Braun und Grün, die der Szene die letzten Farbtupfer verliehen — als George das sah und verstand, sah er alles mit anderen.Augen.

Und so sagte ich zu Kunga Norbu: »Kannst du ihm nicht ein paar Extras zeigen, etwas Magie aus Shambhala, um ihm den letzten Anstoß zu geben?«

Woraufhin Kunga Norbu sagte: »Freds, wie üblich verstehst du wieder alles falsch. Wir machen die tantrischen Übungen nicht, um andere Leute zu beeindrucken. Doch er darf gern den Manjushri Rimpoche in seinen Kammern besuchen. Und nächste Woche stattet uns die jüngste Schwester des Dalai Lama einen Besuch ab. Er wird dabei sein.«


Schon am nächsten Tag, ganz früh am Morgen, führte ich George zu seiner Audienz bei Sucandram, dem Manjushri Rimpoche und König von Shambhala, Ämter, die im tibetanischen Buddhismus denen der Dalai und Panchen Lamas entsprachen.

Wir wurden aus dem gelben Licht des Morgens durch einen Sandelbaumhain und dann in die tieferen dunklen Kammern des Klosters Kaiapa geführt und gingen zwischen dicken Holzbalken einher, die Jahrhunderte des Rauchs aus Holzöfen und Butterlampen schwarz gefärbt hatte. Jeder Balken auf dieser Etage war mit Festmasken geschmückt, jede ein grellbuntes, glotzäugiges, zahnbewehrtes Dämonengesicht, schwer auf Grün und Rot und Gelb, mit blauen, weißen und goldenen Klecksen. Bönpa- Alpträume waren es, die unheimlichsten Gesichter, die ich je gesehen hatte. Als ich sie sah, wunderte ich mich nicht mehr, warum man den Buddha in Tibet so herzlich Willkommen geheißen hatte.

Dann ging es eine Treppenflucht nach der anderen hinauf, denn Kaiapa war ein Dzong, eine Klosterfestung, erbaut in jenen Tagen, als man noch Invasionen von Dschingis Khan oder Alexander dem Großen befürchten mußte. Also hockte sie auf einem steilen, felsigen Vorsprung der Talwand und sah aus wie ein eckiger Auswuchs des Grats selbst. Jede Ebene war von der darunter zurückgesetzt, und als wir auf steilen, gut ausgetretenen Treppen höherstiegen, kamen wir an immer größeren Räumen vorbei, und in jeden neuen fiel mehr Licht ein als in den darunter. Wir gingen durch die Bibliothek, in der Tausende Bände des Kalacakra und des Tengyur an den Wänden standen — kleine, breite, dicke, schwarz eingebundene Bände, die ursprünglich aus einzelnen Blättern bestanden hatten, und Schriftrollen in Schachteln, wie Klaviernoten. Dann durch ein Musikzimmer, in dem Trommeln, Becken und lange Hörner aufbewahrt wurden. Dann hinauf in den bislang sonnigsten Raum, in dem die Wände weiß getüncht waren und der glatte Holzboden von einem Sandgemälde mit einer Mandala in der Mitte geschmückt wurde. »Was ist das?« fragte George, der hineinsah, als wir vorbeigingen.

»Das war Essas Zimmer«, erklärte ich ihm.

»Essa?«

»Jesus, du weißt schon.«

Keine Antwort von George.

Schließlich wurden wir in den Raum geführt, bei dem es sich um den höchsten in Kaiapa zu handeln schien. Seine Wände waren mit Teppichen behangen, die in hellen Mandala-Mustern die Geschichte des tibetanischen Buddhismus zeigten. Ansonsten war das Zimmer leer. Die südliche Wand bestand aus großen Schiebetüren, und der Mönch, der uns hinaufgeführt hatte, schob sie zurück, um die kühle, scharfe Morgenluft und das Geräusch eines Gesangs aus einem der tieferen Stockwerke einzulassen.

Der Mönch ging, und nach einer Weile trat ein anderer ein. Dann sah ich das Gesicht des neuen Mönchs und begriff, daß es Sucandra war, der Manjushri Rimpoche.

Ich hatte ihn nie zuvor gesehen, doch ich wußte es. Ich wünschte, ich könnte erklären, wieso. Er war eine Reinkarnation, ein Tulku wie Kunga Norbu, nur unendlich mächtiger — er war die Reinkarnation des Padma Sambhava, des indischen Yogi, der im achten Jahrhundert den Buddhismus nach Tibet gebracht hatte, und er war auch der Manjushri Bodhisattva, der Bodhisattva der Weisheit, was bedeutete, daß er sich schon an die Grenze des Nirwana hochgearbeitet, sich dann aber entschlossen hatte, in nachfolgenden Inkarnationen in menschlicher Form zurückzukehren, nur um anderen Menschen auf den Weg zu helfen.

Diesmal sah er wie jeder andere Mönch auch aus. Alt, den Kopf glattrasiert, das Gesicht zu jener Landkarte der Falten zerfurcht, die alte Himalaja-Gesichter schließlich annehmen. Doch der Blick in seinen Augen — dieses ruhige und freundliche Lächeln! Wenn man sich nicht in seiner Gegenwart befand, konnte man nur schwer den Finger darauflegen, doch mit ihm in einem Zimmer bestand kein Zweifel daran — ein Gefühl floß aus ihm hinaus und in uns hinein, sowohl scharf als auch beruhigend. Belebend — als habe sich die kühle, sonnige Morgenluft plötzlich in einen Daseinzustand verwandelt.

Er bat uns, Platz zu nehmen, auf Englisch mit einem starken britischen Akzent. Er klang wie der Großvater unseres Kumpels Trevor. Wir setzten uns, und er kam mit einem Tablett hinüber und goß uns heißen Tee ein, ohne Yakbutter darin.

Wir tranken den Tee und unterhielten uns. Er fragte uns nach unserem Leben in Nepal und in den Staaten und ließ uns erzählen, wie wir mit Kunga Norbu den Chomolungma bestiegen hatten, wobei er oft lachte. »Der Diamantpfad ist schwer«, sagte er. »Die Mutter Göttin bestiegen! Dennoch, das ist besser, als mit einem Schuh auf den Kopf geschlagen zu werden.« Er lachte. »Ich würde ihn gern einmal selbst besteigen.«

Ich sah, wie George überlegte, ob er dem Rimpoche sagen sollte, daß die Mutter Göttin in Wirklichkeit der K2 war — des Rimpoches Gesicht hatte etwas an sich, das einen verleitete, sofort mit der Wahrheit herauszurücken, worüber man auch sprach. Also wechselte ich schnell das Thema. »George hier wird uns helfen, den Bau der Straße nach Chhule zu verhindern«, sagte ich.

Der Rimpoche betrachtete George genauer. Die Aufmerksamkeit, die er einem entgegenbrachte, war intensiv, aber gleichzeitig so mit Freundlichkeit erfüllt, daß man sie unwillkürlich als angenehm empfand. Und seine Stimme war so entspannt. »Das würde uns helfen«, sagte er. »Seit langer Zeit leben wir hier am Ende der Erde, doch die Welt ist gewachsen, bis die Gefahr, entdeckt und überlaufen zu werden, sehr konkret wurde.«

»Das ist gewissermaßen doch schon geschehen, nicht wahr?« sagte George. Er deutete aus dem Fenster, auf das Dorf und die Flüchtlingszelte hinab.

Der Rimpoche nickte. »Gewissermaßen. Aber wir können uns vor unserem Volk nicht verbergen, wenn es in Not ist, in Lebensgefahr. Und wenn die Zeit kommt, werden sie oder ihre Kinder oder die Kinder ihrer Kinder wieder in ihre wahre Heimat zurückkehren. Doch in so großem Maßstab von der Welt entdeckt zu werden — an die Straße nach Katmandu und den Flughafen angeschlossen zu werden …« Er schüttelte den Kopf und sah George an. »Sie wollen uns helfen?«

»Ich bin nicht sicher, ob ich etwas tun kann.«

»Das habe ich nicht gefragt.«

»Nun ja …« George rang mit sich und schaute weg. Schließlich erwiderte er den geduldigen Blick des Rimpoche. »Ja. Das will ich.«

»Na also!« rief ich, und beide lachten.

Danach sprachen sie über andere Dinge. Ich ging auf einen schmalen Balkon, um auf das Dorf hinabzusehen, das in der Morgensonne dampfte. Im Zimmer lachten George und der Rimpoche über etwas, das George gesagt hatte. »Die Chinesen sind eine Prüfung«, antwortete der Rimpoche. »Wir müssen auch sie lieben.«

»Freds sagt, daß sie als Blutegel wiedergeboren werden«, sagte George.

Und sie lachten und unterhielten sich. Ich ging wieder hinein und gesellte mich zu ihnen. Einmal beugte der Rimpoche sich vor, um unsere Teetassen neu zu füllen, wobei er sich wie ein Tänzer bewegte, der das Füllen von Teetassen darstellte. Sie hatten wieder über die Straße gesprochen, und er murmelte wie zu sich selbst vor sich hin. »Der Reine ist angesichts des Unreinen machtlos. Nur der Heilige behält die Oberhand.«

Stille Minuten, im Sonnenschein am Tee nippen — so verbringt man Zeit mit einem Bodhisattva, und während man es tut, begreift man auch, wieso.

Danach, auf unserem Weg hinab, schwieg George. Erst, als wir das Kloster verlassen hatten, sagte er: »Weißt du, ich habe ihn gefragt, wie alt er ist.«

»Ach ja?«

»Ja, wärest du nicht neugierig? Er ist hundertundzwanzig, Freds. Hundertundzwanzig Jahre alt.«

»Das ist ziemlich alt.«

»Er sagt, er wird in drei Jahren sterben. Er sagt, wenn er in Tibet wiedergeboren werde, wie es normalerweise der Fall ist, wäre die nächste Inkarnation mit Sicherheit eine sehr seltsame.«

»Er sollte sich einen anderen Ort aussuchen.«

»Das habe ich ihm auch vorgeschlagen, doch er meinte, das sei gar nicht so einfach. Das Bardo ist ein dunkler und gefährlicher Ort. Er sagte mir, damals in den vierziger Jahren habe ein Lama einmal versucht, sich als König von England zu reinkanieren …«

»Als Prinz Charles? Das erklärt einiges.«

»Nein, er hat ihn verfehlt. Hat sich verirrt. Der Rimpoche glaubt, er muß als Colonel John wiedergeboren worden sein. Deshalb kam der Colonel nach Tibet, hat im Widerstand gekämpft und weiß jetzt über seine Vergangenheit nicht mehr so recht Bescheid.«

»Das würde es erklären.«

»Allerdings. Obwohl ich immer noch glaube, es liegt daran, daß er nach einer Verletzung des Sprachzentrums im Gehirn versucht, eine neue Sprache zu lernen.«

»Hast du das dem Rimpoche gesagt?«

»Nein. Aber ich wünschte, ich hätte es.«


Und dann tauchte am nächsten Nachmittag Colonel John auf, wie er eine Reihe Ponies über den Paß führte, und das zweite Pony trug die jüngste Schwester des Dalai Lama. Plötzlich liefen alle Dorfbewohner aus ihren Häusern und die Hänge hinab, kamen von talabwärts und talaufwärts zusammengelaufen und scharten sich um die Prozession, bis die Ponys sich nicht mehr bewegen konnten, und alle schrien, die Schwester der Dalai Lama und ihre Begleiter schrien, Colonel John schrie, alle riefen ihren Namen, und Tränen liefen wie Monsunregen ihre Gesichter hinab. George und ich standen ein Stück abseits und kamen uns vor, als seien wir versehentlich in eine Familienfeier geplatzt, ein Wiedersehen, mit dem keiner mehr wirklich gerechnet, auf das aber alle gehofft hatten.

Später wurden wir zu Pema Gyalpo, der Schwester des Dalai Lama, geführt und vorgestellt. Sie sprach ausgezeichnet Englisch und wirkte äußerst glücklich, hier im Tal zu sein. Sie lachte und gab jedem von uns die traditionelle weiße Sichel des Willkommens und ein kleines Bild des Dalai Lama, und wir hatten ein großes Festessen, und alle Einheimischen trugen ihre besten Sonntagsgewänder und all ihren Schmuck, den sie vorher an ihre Verwandten verliehen hatten, so daß jeder etwas trug, und wir tranken Chang und saßen an den Öfen und sangen bis spät in die Nacht. George und ich kannten die Lieder nicht, und so tranken wir Chang und summten zu jeder Note ein tiefes Auoum, summten, bis wir praktisch bewußtlos zusammenbrachen. George hielt sein Porträt des Dalai Lama in der Hand, und dann und wann sah er es an und sagte: »Jetzt verstehe ich, warum die Chinesen nicht zulassen, daß die Touristen in Tibet Phil Silvers-T-Shirts tragen. Sieh dir das an!«

Und am nächsten Morgen saßen wir auf den Felsen, von denen man die heiße Quelle überblicken konnte. Wasser floß die steinerne Rinne in den leeren Wäscheteich hinab, und Dampf stieg auf, trieb zu den Farnen und Moosen und überzog sie mit einer feinen Tauschicht. Talabwärts erwachte das Dorf gerade; graubrauner Rauch erhob sich von den Dächern aus dem Schatten des Berges in die Sonne, wo er eine helle, goldene Färbung annahm, und George wandte sich mir zu und sagte: »Mal sehen, was wir wegen dieser Straße unternehmen können.«

Also kehrten wir nach Katmandu zurück, marschierten tagelang und wurden dann von Colonel John gefahren, der bei einer Familie im Dorf am Ende der Straße einen Land Rover untergestellt hatte. Wir gruben ihn aus einem Turm Yakdünger aus, und er fuhr uns schneller, als es mir recht war, die schweizerische Straße entlang, schaltete den Landrover bei jeder Haarnadelkurve auf Allradantrieb um und machte den Eindruck, als hätte er es vorgezogen, die S-Kurven völlig zu ignorieren und schnurstracks den Berg hinabzufahren und die Straße nur als gelegentliche Start- oder Landerampe zu benutzen. Nach einer Stunde erreichten wir die alte unbefestigte Straße, und dann ignorierte er alle Schlaglöcher und Erdrutsche und die traurigen Dörfer am Straßenrand und fuhr wie ein Selbstmörder, bis wir die Ring Road von Katmandu erreicht hatten. Wir hatten die Entfernung, für die wir mit dem Bus achtzehn Stunden gebraucht hatten, in gut vier zurückgelegt, doch wir waren genauso erschöpft, wenn nicht noch erschöpfter.

Nach den Wochen in Shambhala sah Katmandu wie Manhattan aus, nur lauter und übervölkerter. Die Hupen der Taxis und Klingeln der Fahrräder und die Hitze und der Regen und der Schlamm und die vielen Autos und Geschäfte und Gesichter trieben uns umgehend zum Hotel Star, wo wir überwältigt in unseren Zimmern zusammenbrachen. Colonel John erklärte, er wolle am selben Abend noch zurück zum Ende der Straße fahren, und wir konnten ihn nicht überreden, hier zu übernachten. »Ich bin bald zurück«, sagte er, als er die Treppe hinabging. »Und dann weisen Sie besser Ergebnisse vor!«

Also waren wir uns selbst überlassen, und nachdem sich George unter seine Zwergendusche gesetzt und zwei Heißwassertanks verbraucht und ein paar Pfeifchen Haschisch geraucht hatte, fühlte er sich schon in allem viel besser. »Gehen wir ins Old Vienna und fressen wie die Schweine«, schlug er vor. »Ich bin so krank, daß es auch keine Rolle mehr spielt. Wasserbüffel, Milch, ich lasse nichts aus.« Also gingen wir ins Old Vienna Inn und aßen Ungarischen Gulasch und Wiener Schnitzel und Apfelstrudel und tranken Bier. Es war so gut, daß wir fast gestorben wären, was bei George leider wörtlich zu nehmen ist, da er den größten Teil dieser Nacht stöhnend auf der Toilette verbrachte.

Also tauchte er ein wenig kränklich aussehend in den Verwaltungsbehörden von Nepal auf, woran sich aber nichts ändern ließ. Den ersten Tag verbrachte er damit, mit Kontaktleuten zu sprechen; er besuchte den Oriental Carpet Shop, dessen Besitzer Yongten über die tibetanischen Exil-Buschtrommeln verbreiten ließ, daß man uns jede Unterstützung zukommen lassen solle. Dann trieb er einen amerikanischen Freund von uns namens Steve auf, der für das Peace Corps arbeitete. Und schließlich suchte er ein paar seiner Kumpel in der Einwanderungsbehörde auf, die in der Vergangenheit von den Bakschisch, die ihnen Georges Arbeitgeber zukommenließ, ein gutes Leben geführt hatten. Sie alle sagten ihm in etwas dasselbe, nämlich «Viel Glück!« Yongten schlug vor, er solle es mal im Amt für Öffentliche Arbeiten und Transport im Öffentlichen Verwaltungsgebäude am Ram Shah Path versuchen. »Aber du darfst es nicht eilig haben«, sagte Yongten zu ihm.

Hätte er auch nicht, entgegnete George; er habe genug Erfahrungen mit der Einwanderungsbehörde, wenn es darum ging, Trek-Genehmigungen und dergleichen zu bekommen.

»Einwanderung sehr schnell«, sagte Yongten. »Sehr effizient.«

Woraufhin George leicht erbleichte, doch er hatte seinen Entschluß gefaßt, und am nächsten Morgen sprang er auf sein Hero Jet und fädelte sich mit einem enthusiastischen Klingeln in den Verkehr ein.

Er kam am Abend kurz vor Sonnenuntergang völlig erschöpft zurück. »Hunger«, stöhnte er. »Essen.«

Also gingen wir ins K. C., und ich fragte ihn, wie es gelaufen sei.

Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich habe das richtige Amt gefunden. Kannst du dir das vorstellen, es gibt ein Amt für Alte Straßen und ein Amt für Neue Straßen! Sie sind beide im Singha Durbar, und das ist ein ziemlich großer Komplex.«

Ich hatte es schon einmal gesehen und nickte; es war ein ehemaliger Palast, der von einem Park und einer kreisrunden Auffahrt vom Ram Shah Path getrennt war und aussah wie das Lincoln Memorial mit einem Hundu-Tempeldach.

»Die ganze Zivilverwaltung befindet sich dort. Ich brauchte eine Weile, um das Amt für Neue Straßen zu finden. Es war leer.«

»Du machst Witze.«

»Nein. Und dann kam ein Beamter vorbei, und als ich ihm erzählte, was ich herausfinden wollte, erklärte er mir, da diese Straße eine Verlängerung einer alten Straße sei, müsse ich mich an die Abteilung Alte Hügelstraßen wenden. ›Da neue Hügelstraßen Verlängerungen alter Hügelstraßen sind, ist die Abteilung für Alte Hügelstraßen und nicht die für Neue Hügelstraßen zuständig. Also schickte er mich dorthin. Wohin, weiß ich nicht mehr genau. Nach einer Weile fand ich die Abteilung, aber da war es schon nach drei, und sie hatten bereits geschlossen. Also fuhr ich nach Hause.«

»He«, sag ich, »da hast du doch schon gute Fortschritte gemacht.«

Keine Antwort von George.

Am nächsten Morgen machte er sich noch früher auf den Weg, und er kam noch später zurück. Ich fragte ihn, wie es ihm ergangen sei, und lotste ihn zu einem chinesischen Abendessen zu Valentino.

Als er die Frühlingsrolle aufschnitt, schüttelte er den Kopf. »Die Alten Hügelstraßen meinten, da es eine neue Straße sei, müsse ich offensichtlich zu den Neuen Hügelstraßen gehen. Sie taten so, als sei ich vollständig bekloppt. Sie sagten, sie kümmerten sich nur um die Erhaltung der Straßen und wüßten nichts von Erweiterungen.«

»Du machst Witze.«

»Nein. Also ging ich zu den Neuen Straßen zurück und fragte einen anderen, diesmal mit einem Bakschisch. Er sagte, sie wüßten nichts über diese Straße, es sei eine ganz besondere Straße.«

»Sag das noch mal.«

»Du hast richtig verstanden. ›Oh, Sir! Wir wissen nichts über diese Straße, von der Sie sprechen! Es ist eine ganz besondere Straße!‹ Sie empfahlen mir, mich ans Informationsamt im Kommunikationsministerium zu wenden.«

»Ein Fortschritt.«

In dieser Nacht war er wieder in beträchtlichen Nöten — er kam mit dem exotischen Essen von Katmandu nicht klar. Und am nächsten Tag fand er heraus, daß die Beamten des Informationsamtes nichts von unserer Straße wußten, nicht einmal, nachdem er sie mit einem Bakschisch bestochen hatte. Sie empfahlen ihm das Straßenamt. Oder vielleicht das Büro der Nationalen Planungskommission.

Am nächsten Tag schickte die Leute in der Planungskommission ihn zum Ministerium des Panchayat, dem ein Örtliches Entwicklungsamt angeschlossen war. Dort schickte man ihn zum Straßenamt.

»Wir machen Fortschritte«, sagte ich zu ihm. »Jetzt wissen wir, wohin wir uns nicht wenden müssen.«

Er schnaubte.

In der nächsten Woche fing er wieder von vorn an. Doch er war immer noch krank, und es schien ihm ständig schlechter zu gehen, und so fiel es ihm immer schwerer, einen vollen Tag durchzustehen.

Eines Tages sagte ihm jemand im Informationsamt, die Chinesen würden die Straße bezahlen, doch der König wolle nicht, daß die Inder davon erfuhren. Das gab uns neuen Mut, und nur einen oder zwei Tage später sagte ihm jemand im Örtlichen Entwicklungsamt, einer der Minister im Kabinett habe die Verträge für den Bau der Straße seiner Familie zugeschustert und wolle nicht, daß jemand davon erfuhr.

Ein paar Tage später informierte ihn ein dritter Beamter in der Abteilung für Alte Terai-Straßen, die Straße sei ein Geheimnis, weil die Inder sie bezahlten und der König nicht wolle, daß die Chinesen davon erfuhren.

Wieder ein paar Tage später nahm ein Informant im Panchayat ein Bündel Bakschisch entgegen und erzählte ihm, der Finanzminister habe sowohl die Chinesen als auch die Inder dazu gebracht, die Straße zu bezahlen, und sie wollten nicht, daß überhaupt jemand etwas davon erfuhr, damit keine Seite herausfand, was der Minister getan habe.

»Das klingt so wahrscheinlich, daß es wahrscheinlich nicht wahr ist«, meinte unser Freund Steve dazu.

Aber man konnte es nicht genau sagen. Und die ganze Zeit über hing George in diesen Ämtern im Singha Durbar herum und wartete darauf, von dem einen oder anderen Beamten empfangen zu werden, bis er eines Tages nach Hause kam und, als ich ihn fragte, wo er an diesem Tag gewesen sei, sagte: »Weiß nicht.«

»Was soll das heißen, du weißt es nicht? Wo warst du?«

»Weiß nicht.«

Ich fuhr mit der Hand vor seinem Gesicht hin und her. »Wie heißt du, George?«

»Weiß nicht.«

Ich nahm an, daß er allmählich ausgebrannt war, und lud ihn zum Abendessen ein. »He, Mann«, sagte ich, als er sich danach etwas erholt hatte, »ich könnte dich doch begleiten. Dann kannst du dich mit jemandem unterhalten, während du wartest.«

»Freds, du siehst einfach nicht wie eine Amtsperson aus.«

»Aber du auch nicht! Du siehst aus wie ein Trekker, der an der Höhenkrankheit gestorben ist.«

»Hm«, sagte er und betrachtete sein Spiegelbild im Fenster. »Vielleicht.«

Also gingen wir zu Yongten, um mehr Bakschisch zu holen und uns die Haare schneiden zu lassen. »Wir müssen aussehen, als wären wir gerade aus dem Flugzeug gestiegen«, sagte George zu ihm.

»Klar.«

»Wir müssen aussehen wie Burschen von einer Hilfsorganisation«, sagte ich, »mit jeder Menge Knete.«

»Das wird etwas länger dauern«, sagte er. Doch er machte sich mit einem kleinen Satz Nagelscheren bei uns an die Arbeit, bis wir fast aussahen wie junge Amerikaner für den Frieden.

Und so begleitete ich George, und wir kehrten zu einer anderen Abteilung des Straßenamts zurück, beide aufgemacht wie Burschen von einer Hilfsorganisation, die zu sein wir auch behaupteten. Das Büro sah aus wie das der Einwanderungsbehörde, nur größer; die Wände waren mit Regalen voller riesiger schwarzer Aktenordner bedeckt, von denen andere sich auch auf dem Boden und den Schreibtischen im Raum stapelten. Die Aktenordner setzten Staub an, während die Schreibtische mit Hindu-Bürokraten mit eimerförmigen Kappen und in abgetragenen, weiten, weichen, beigefarbenen Anzügen bemannt waren, die, soweit ich es sagen konnten, nichts weiter taten als sich zu unterhalten und uns gelegentlich einen Blick zuzuwerfen. Schließlich gewährte uns einer von ihnen eine Audienz, doch er stritt ab, daß das Straßenamt irgend etwas mit dieser Straße zu tun hatten, die wir erwähnten, ob nun alt oder neu, in den Bergen oder im Terai.

»Fragen wir die Schweizer, was sie wissen«, sagte ich an diesem Abend beim Essen. »Da sie das letzte Straßenstück gebaut haben, müßten sie eigentlich wissen, wer das neue bauen wird.«

»Gute Idee«, sagte George.

Die Tatsache, daß ich derjenige war, der mit neuen Ideen aufwartete, schien mir ein schlechtes Zeichen zu sein. George wirkte entmutigt, und seine Darmprobleme störten auch weiterhin seine Nachtruhe. Und Colonel John war in die Stadt zurückgekehrt, und jeden Abend, wenn wir nach Hause kamen, nahm er uns ins Kreuzverhör, wie der Tag gelaufen sei, und schimpfte uns wegen der geringen Fortschritte aus, die wir machten. George ließ sich das nicht gefallen und fauchte ihn an, und John brüllte dann los, und ich stimmte tibetanische Gesänge an, um ihn zu beruhigen, und manchmal, wurde er weich und stimmte mit ein, und an anderen Abenden wurde er einfach nur wütend und schrie uns noch lauter auf Englisch an, und gelegentlich geriet er ganz durcheinander, versuchte beides gleichzeitig und hatte eine Art katatonischen Anfall. Unsere Nachbarn im Hotel waren sauer auf uns, und George wurde immer matter.

Doch wir blieben dran. Am nächsten Tag fuhren wir in südliche Richtung über den Fluß Bagmati nach Patan, der alten heiligen Stadt. Dort hatten die Schweizerische Freiwillige für Entwicklungshilfe und die Schweizerische Vereinigung für technischen Beistand ihre Büros.

Nach Singha Durbar waren die Schweizer so tüchtig, daß wir es nicht glauben konnten. Es war, als sprächen wir mit Außerirdischen. Zwei von ihnen führten uns sofort in einen hell gestrichenen weißen Raum mit Kunstdrucken an den Wänden, baten uns, auf einem Sofa vor einem Kaffeetisch Platz zu nehmen, schenkten uns Espresso ein und fragten, was sie für uns tun konnten. Es war so erstaunlich, daß George glatt vergaß, weshalb wir dort waren, doch er riß sich zusammen und fragte nach der Straßenverlängerung.

Leider konnten sie uns nicht viel sagen. Sie hatten von dem Vorschlag gehört, die Straße bis nach Chhule zu führen, hielten das betreffende Gebiet allerdings nicht für geologisch geeignet. Sie vermuteten, daß Projekt könne von den Chinesen übernommen worden sein. Sie schlugen vor, wir sollten es im Verwaltungsministerium versuchen, warnten uns jedoch, daß jede Regierung, die Nepal unterstützte, eine halbwegs unabhängige Macht im Lande bildete, so daß die normale nepalesische Regierung vielleicht nicht unbedingt informiert war. Aber sie waren sich nicht ganz sicher — auf die typisch schweizerische Art hielten sie sich von allen anderen Regierungen so fern wie möglich und sprachen die meisten ihrer Hilfsaktionen direkt mit den örtlichen Behörden ab.

Also waren sie uns keine große Hilfe. Und am nächsten Tag fanden wir allen Bakschisch zum Trotz in den Verwaltungsbüros niemanden, der mit uns sprechen wollte.

George warf die Hände in die Luft und wandte sich wieder an unseren Freund Steve. »Nenne mir einen Kontaktmann«, bat er ihn. »Ganz gleich, wer er ist.«

Steve nannte ihm den Namen eines Burschen, der für die Nepal Gazette schrieb, der Zeitung, die Bekanntmachungen aller offiziellen Unternehmungen der Regierung veröffentlichte. Anscheinend hatte dieser Bursche B.P. Koirala unterstützt, den Premierminister, den König Birendras Vater in den sechziger Jahren ins Gefängnis geworfen hatte. Das war ein gutes Zeichen, und als wir in das Büro dieses Burschen im Singha Durbar gingen und George fünfhundert Rupien auf seinen Schreibtisch legte und sagte: »Wir möchten Sie zum Essen einladen und Ihnen ein paar Fragen stellen, nichts Geheimes, nur ein paar hilfreiche Informationen!«, da schien der Mann tatsächlich interessiert zu sein. Er sah auf seine Uhr und sagte: »Nun ja, Sir, ich wollte gerade zum Essen gehen. Wenn Sie mich begleiten, will ich mein Bestes geben, Ihre Fragen zu beantworten, falls mir die Antwort bekannt ist.«

Also luden wir ihn zum Mittagessen ein, und er saß da und betrachtete uns leicht amüsiert. Ein kleiner Hindu-Beamter mit einem roten Punkt auf der Stirn und so weiter. Sein Name war Bahadim Shrestha, und er war unten im Terai geboren. Er hatte die Universität Tribhuvan in Katmandu besucht und war dann in die öffentliche Verwaltung gegangen. Das waren alles gute Zeichen, denn die meisten Verwaltungsbeamte im Singha Durbar waren Brahmin oder Chetri, geboren in Katmandu, und hatten ihre Jobs durch Familienbeziehungen bekommen, als leichte Art, Geld zu verdienen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Bahadim stand außerhalb dieser Menge, und natürlich hatte er für seine Kollegen nichts übrig. »Die Armut und die schlechte Verwaltung sind die beiden größten Probleme Nepals«, sagte er, »und wir werden das erste niemals lösen, bevor wir nicht das zweite gelöst haben. Alle zwei oder drei Jahre kommen ausländische Verwaltungsexperten zu uns, um ein neues System zu entwerfen — Organisation, Beförderung, alles sehr genau und mit einer Punktbewertung, das endgültige Ende der Korruption, und das Palastsekretariat befiehlt uns, diese Systeme zu benutzen, und noch, bevor jemand sie verstanden hat, sind sie schon wieder in Vergessenheit geraten.« Er schüttelte verdrossen den Kopf. »Wir sind ein lebendiges Museum der Verwaltungssysteme.«

»Allerdings«; sagte George heftig. »Und wenn ich nun herausfinden will, wer im Singha Durbar für den Bau einer gewissen Straße verantwortlich ist?«

»Oh, Sir, da werden Sie im Singha Durbar niemanden finden!« Bahadim wirkte angesichts dieses Gedankens schockiert. »Dafür ist die Regierung zuständig.«

George und ich sahen einander an.

»Sie müssen wissen«, sagte Bahadim und rieb sich mit einem leichenschänderischen Vergnügen die Hände, »daß es in Nepal drei Machtzentren gibt. Singha Durbar und das Panchayat sind ein Zentrum, die ausländischen Hilforganisationen das zweite, und das Palastsekretariat, das direkt für König Birendra arbeitet, das dritte. Offiziell wurde nie geklärt, wer wofür verantwortlich ist, doch in der Praxis geschieht nichts ohne den König und seine Berater.«

»Aber was ist mit der Regierung?« sagte George und verzog angesichts der Arbeit, die wir verschwendet hatten, das Gesicht.

Bahadim breitete die Hände aus. »Die Panchayat-Regierung ist für Ihre Interessen nicht wichtig. Wie der König so oft sagt, im Panchayat-System besteht keine Gefahr, sich im Labyrinth der Demokratie zu verirren. Sie müssen sich mit der wirklichen Verwaltung befassen.«

»Aber das haben wir doch versucht!«

»Dann müssen Sie sich ans Palastsekretariat wenden.« Er sah die Verwirrung auf Georges Gesicht und zuckte die Achseln. »Es ist ziemlich verwirrend.«

»Sie machen Witze!« Ziemlich bald würde George seinen Kopf festhalten, damit er nicht explodierte. »Aber warum, Bahadim? Warum ist es so verwirrend?«

»Nun ja.« Bahadim zeichnete mit einem Finger Diagramme. »In der Verwaltung gibt es elf Ministerien und zwölf Ämter, denen Minister oder Direktoren vorstehen.

Alle haben Stellvertretende Direktoren, Amtssekretäre, Stellvertretende Amtssekretäre und Beamte, deren Ernennung im Amtsblatt bekanntgegeben wird. Aber es gibt keine Befehlskette. Jeder erstattet dem Vorgesetzten Bericht, der ihm genehm ist. Die Vorgesetzten geben Untergebenen auf allen Ebenen Anweisungen, ohne Wissen der direkten Vorgesetzten. Das schafft Probleme, und um sich mit denen zu befassen, wurden zahlreiche neue Positionen auf jeder Ebene geschaffen und besetzt, in den meisten Fällen ohne Wissen des Finanzministeriums. Die Zivilverwaltung wuchs daher so sehr, daß sich das Finanzministerium weigerte, den einzelnen Ämtern Geldmittel zukommen zu lassen und nur noch bei persönlich haftenden Beamten dazu bereit ist. Also wurde ein Finanzausschuß für die Zivilverwaltung gebildet, doch der gab nach einiger Zeit ohne greifbares Ergebnis seine Arbeit wieder auf. Ahnlich ist es mit der Hinzuziehung indischer Experten.« Baradim zuckte die Achseln. »Daher ist es schwierig, herauszufinden, wer für welche Entscheidung verantwortlich ist.«

George setzte die Ellbogen auf den Tisch und hielt seinen Kopf fest. »Mein Gott. Wie ist es denn nur dazu gekommen?«

Bahadim lächelte über Georges Unwissenheit. »Das ist eine lange Geschichte«, sagte er.

Und mit demselben ätzenden Vergnügen erklärte er es uns. Er führte George bis zu den Ranas zurück, der Familie, die das Land über ein Jahrhundert beherrscht hatte. Sie hielten das Amt des Premierministers und alle wichtigen Posten besetzt, während sie die königliche Familie an der langen Leine hielten und den Reichtum des Landes auf private Konten in Indien umleiteten. Als Hindus hatten sie im Lauf der Zeit in ihrer eigenen Familie ein Kastensystem errichtet; man konnte also ein Rana A, B oder C sein, je nachdem, ob man innerhalb oder außerhalb der Familie geheiratet hatte, und so weiter. Schließlich waren genug Rana-Cs auf die As so sauer, daß sie bereit waren, sie aus ihren Ämtern zu jagen, und 1951 kam es zu einer erfolgreichen Revolution, die die gesamte Familie stürzte. Der damalige König, Tribhuvan, liebte diese Revolution natürlich von ganzem Herzen, da sie ihn und seine Familie befreite, und arbeitete an einer neuen Verfassung mit, die nach dem Vorbild des indischen Kongreßpartei-Modells eine demokratische Regierung etablierte.

Doch dann starb Tribhuvan, und sein Sohn Mahendra wurde König, und Mahendra wollte alles selbst bestimmen. Er versuchte, die Macht zu übernehmen, und die Kongreßpartei widersetzte sich ihm, bis er 1960 die Armee überredete, ihm bei einem Staatsstreich zu helfen, und er verhaftete Premierminister B. P. Koirala, warf ihn ins Gefängnis und löste das Parlament auf. Damit das nicht so sehr nach dem aussah, was es war, rief er das parteilose Panchayat Raj ins Leben, eine klassische Regierung von Jasagern. Und er setzte die Ranas wieder als Minister ein, um sie besser im Auge behalten zu können, und so schlichen sie sich wieder in ihre Ämter zurück, nur, daß der König nun über ihnen stand. Bald war alles wieder so wie früher, und unter den Ranas wurde das Palastsekretariat die wirkliche Macht im Staate.

Als Mahendra dann 1972 starb, übernahm sein Sohn Birendra. Nun war Birendra in Harvard erzogen worden und hatte dort eine ganze Reihe moderner Tugenden gelernt, und man nahm an, daß er nicht so sehr wie sein Vater an einer absoluten Monarchie interessiert sei, was zwar zutraf, aber auch keine Rolle mehr spielte, da sich seine Rana-Minister alles grapschten, woran er nicht interessiert war. Also fiel alles an die Ranas zurück, unter einem König, der fast überflüssig war. »Und ich bedauere sehr, sagen zu müssen, daß die Krankheit der Korruption verbreiteter ist denn eh und je«, sagte Bahadim grimmig.

George schaute etwas verzweifelt drein. »Und was, zum Teufel, tun wir jetzt?« fragte er.

Bahadim zuckte die Achseln. »Was immer Sie tun, müssen Sie im Palast tun. Alle Minister von irgendeiner Bedeutung halten dort jeden Morgen ein Durbar.«

»Was ist das?«

Bahadim erklärte, daß Leute, die die Minister zu irgend etwas bringen wollten, bei kleinen Empfängen früh am Morgen erscheinen, ein möglichst großes Bakschisch auf den Tisch legen und den Ministern ordentlich schmeicheln mußten. Dann würde vielleicht etwas geschehen.

George dachte nach. »Hören Sie, könnten Sie für uns herausfinden, welches Amt für diese Straße zuständig ist? Sie müssen diese Information doch in der Gazette veröffentlicht haben, oder?«

»Nein, haben sie nicht«, sagte Bahadim. Doch er versprach, Nachforschungen zu betreiben.


Schon am nächsten Tag bestätigte er eine der Geschichten, die George während seiner Zeit im Singha Durbar gehört hatte. Die Inder bauten die Straße. Definitiv. Kein Zweifel daran. Und alles schien vertuscht zu werden.

»Was hast du vor, George?« sagte ich also. »Ich meine, was hast du vor, wenn du den Richtigen zu fassen kriegst?«

Keine Erwiderung von George.

Doch er führte mich zum Human Fit Tailor Shop an der New Road, wo wir zwei perfekt sitzende Jungunternehmer-Anzüge erstanden, in denen wir fast überzeugend wirkten. Und dann gingen wir zum Palastsekretariat, um herauszufinden, was herauszufinden war.

Das Sekretariat war ein großes neues weißes Betongebäude am Rand des Palastgeländes, was gleichzeitig auch das Beste daran war — es lag direkt am Rand von Thamel, so daß wir jeden Tag in unseren Wall-Street-Pseudoanzügen mit unseren gefälschten Papieren die Straße entlanggehen konnten, nur den Kühen ausweichen mußten und schon in zehn Minuten an Ort und Stelle waren.

Doch in dem Gebäude ging es ähnlich zu wie im Singha Durbar, nur alles eine Nummer größer — neue Büros, neue Büromöbel und Schreibmaschinen, arrogante Beamte in sauberen weißen Jacken. Wir wurden von einem Büro zum nächsten abgeschoben und warteten, bis wir jeden Riß in den schlechten Betonwänden gezählt hatten, nur um dann herauszufinden, daß der Funktionär, auf den wir warteten, gern über unser Geld sprechen oder es direkt nehmen wollte, aber nichts wußte und auch nicht wußte, wer etwas wußte.

Und jeden Abend setzte Colonel John uns fürchterlich zu. Und George litt weiter unter Durchfall. Es wurde langsam zuviel für ihn — eines Tages taumelten wir in den Regen hinaus, und George schaute zu den großen Kiefern auf dem Palastgelände hoch und sah die riesigen Fledermäuse, die mit den Köpfen nach unten an den Ästen hingen, und sagte: »Das sind sie! Dahin gehen sie nach Dienstschluß! He!« Er schrie sie an. »Wo, zum Teufel, ist das Büro, das für die Straße verantwortlich ist, ihr Vampire?«

Passanten starrten uns an. Die Fledermäuse rührten sich nicht.

»George«, sagte ich, »du darfst nicht vergessen, daß diese Leute einfach korrupt sein müssen. Sie bekommen kein großes Gehalt, und diese Stadt ist teuer. Und dann sitzen sie in so einem Büro, und jeder nimmt Schmiergeld, und sie bekommen ihren Anteil von den Gesamteinnahmen, und was können sie da schon groß machen? Es gibt kaum eine Möglichkeit, es zu vermeiden.«

»Verschone mich mit diesem buddhistischen Quatsch«, schnaubte George. »Das sind Schurken, und Colonel John hat recht, bei manchen Gelegenheiten muß man sie einfach in den Arsch treten! Wenn sie keine Vampirfledermäuse sind, sind sie Geier. Ich wünschte nur, einer würde mal auf mir landen, damit ich ihm seinen verdammten Hals umdrehen könnte.«

Am nächsten Tag wurde ihm sein Wunsch beinahe erfüllt. Ein Sekretär im Nationalen Entwicklungsrat, Amt für Ausländische Unterstützung, Abteilung Indien, warf einen Blick auf George, und seine Augen strahlten plötzlich. George lächelte und erklärte, wir kämen von der William T. Sloane Foundation for International Development in Houston, Texas, legte sein Bakschisch auf den Tisch und erkundigte sich nach dem Straßenprojekt. Oh, natürlich, sagte der Sekretär nickend. Natürlich wollten wir direkt mit dem verantwortlichen Minister sprechen, Mr. A.S.J.B. Rana, der jeden Morgen mit Besuchern und interessierten Gruppen im Südpatio des Palastsekretariats sprach.

»Rana«, sagte ich zu George, als wir gingen. »Weißt du, daß sind die Ranas. Alle echten Ranas haben dieselben vier Vornahmen, diesen S.J.B.R.-Quatsch.«

»Das habe ich nicht gewußt. Aber das ist gut, sehr gut. Wir kommen endlich in die oberen Regionen.«

Also schauten wir am nächsten Morgen bei A.S.J.B. Ranas Durbar vorbei. Erneut brachte man uns großes Interesse entgegen, und George fing es auf seine übliche Art an, erklärte, wer wir seien und machte den Eindruck, das Geld hinge wie Mühlsteine an seinen Schulter, die wir unbedingt loswerden wollten. A. Rana, ein glatter Bursche in der üblichen weißen Jacke, ließ sich herab, Interesse zu zeigen, und gewährte uns später am Tag eine Audienz.

Also suchten wir ihn auf, präsentierten ihm ein Zeichen der Wertschätzung, die die Stiftung ihm entgegenbrachte, und George ließ seinen üblichen Spruch los. Finanzielle Unterstützung, Straßenbau in Nepal, Eignungsprüfung derzeitiger Objekte. Fragen, die wir ihm bezüglich der Verlängerung nach Chhule stellen wollten. A. Rana war zuvorkommend, sagte, er würde die Sache überprüfen, und wir sollten später zurückkommen.

Also kamen wir später zurück. Ich begleitete George nicht immer, doch er ging nun täglich hin. Und A.S.J.B, schien von Mal zu Mal interessierter, stellte alle möglichen Fragen über die Stiftung und bat offen um finanzielle Unterstützung für sein Amt, ließ gelegentlich ein winziges Informationsbröckchen fallen, bestätigte, daß die Inder die Straße bauten, nannte uns Zahlen über die Kosten oder schickte uns zu einem seiner Kollegen, der dann ebenfalls Geld verlangte.

Doch als er sah, daß er George am Bändchen hatte, wurde er etwas argwöhnisch und dann anmaßend. Einmal nahmen wir an einem Durbar teil, bei dem die Gruppe die ganze Zeit über Nepalesisch sprach, und A. Rana lachte und sah zu uns oder von uns weg, und es wurde offensichtlich, daß wir der Gegenstand seiner Scherze waren. Und er wollte, daß wir es mitbekamen. Also vermutete ich, daß er wußte, daß wir nicht die waren, für die wir uns ausgaben, und uns nur finanziell melken und sich ein Späßchen mit uns machen wollte. Doch George meinte, wir sollten trotzdem weitermachen.

Ein anderes Mal war George allein dort, und ein anderer Minister kam herein und schrie A. Rana wütend an, und Rana zeigte auf George und sagte laut, daran ist dieser Amerikaner Schuld, er belästigt mich ständig. Oh, sagte der andere Minister. Der ist das also. Und sie starrten George an und gaben ihm das starke Gefühl, im Sekretariat gut bekannt zu sein. »Weißt du, ich glaube, wir sollen als Sündenböcke für irgendeine Sache dienen, die A. Rana nebenbei abzieht«, knurrte George, als er mir davon erzählte.

Aber das war nichts im Vergleich zum nachfolgenden Tag. Anscheinend hatte A. Rana George hinausbegleitet, und dabei hatten sich ihre Beine gestreift, und bevor Rana sich wieder in der Gewalt hatte, schnappte er: »Rühren Sie mich nicht an!« und schaute ganz angeekelt drein. George kapierte es nicht. Ich erklärte ihm, daß wir als Ausländer technisch unberührbar waren. Unsere Berührung war unrein.

»Ach, komm schon«, sagte George, und sein Gesicht lief rot an.

»Das glauben einige Hindus eben.«

George runzelte die Stirn. Und als ich ihn das nächste Mal begleitete, bemerkte ich, daß George zur Tür sah, ob A.S.J.B.R. ihn aus dem Büro beobachtete, und dann in den Schreibtisch des Vorzimmers faßte und Papiere und so weiter einsteckte. Als uns A. Rana einmal allein ließ, füllte er sogar einige Formulare auf der Schreibmaschine aus. »Mal sehen, wer hier wen reinlegt«, murmelte er, als er die Formulare in seine Aktentasche steckte.

Doch mittlerweile nahm A. Rana uns ganz schön aus, verlangte jedesmal ein Bakschisch für seine Zeit und wimmelte uns dann doch nur wieder ab. George mußte immer öfter Yongten besuchen, um sich Bargeld zu beschaffen, und Yongten schüttelte schon den Kopf. »Sinnlos«, sagte er.

Colonel John war wütend. »Die Bulldozer sind schon da, und sie fangen mit dem Bau an, sobald der Monsun aufhört! Wir müssen etwas unternehmen!«

In der Tat war es noch schlimmer als im Singha Durbar. A. Rana und seine Kumpel im Sekretariat machten sich einen Spaß daraus, mit Georges Gehirn Fußball zu spielen, Flanke, Paß, Rückgabe, Kopfball, und er litt immer noch an Durchfall und hatte eine Menge Gewicht verloren. Er würde jeden Tag zusammenbrechen.

Und dann ließ uns A. Rana eines Tages in seinem Vorzimmer warten und ignorierte uns ostentativ, telefonierte mit jemandem auf Nepalesisch und lachte eine Menge, und dann legte er auf, kam gähnend aus seinem Allerheiligsten heraus und entließ uns mit einer Handbewegung. »Ich muß jetzt gehen. Kommen Sie später wieder.«

Ich hörte, wie in George die Leitungen durchbrannten. Plötzlich stand er vor A. Rana, verstellte ihm den Weg und sagte mit wirklich eindringlicher Stimme: »Hören Sie zu, Sie kleiner Blechgott, entweder geben Sie mir jetzt die Unterlagen für diese Straßenausweitung, oder ich breche Ihnen Ihr verdammtes Genick.«

Was natürlich genau das war, was man niemals zu einem Beamten in Katmandu sagen darf, wie George selbst es am besten wußte — normalerweise war er bei diesen Burschen Mr. Valium. Aber wie gesagt, bei ihm waren die Leitungen durchgebrannt.

Und A. Rama blähte sich augenblicklich wie eine in die Ecke getriebene Kobra auf, rief »Glauben Sie ja nicht, daß Sie mir drohen können, Sir! Verlassen Sie sofort dieses Büro!«, und George machte einen Schritt auf ihn zu, drohte, ihn mit seinem Zeigefinger zu berühren, und knurrte: »Wer will mich dazu zwingen? Geben Sie mir sofort diese Unterlagen!«

A. Rana griff nach seinem Telefon und rief: »Verschwinden Sie, oder ich werde Sie von der Polizei entfernen lassen!«

»Wieso glauben Sie denn, daß die kommt!« rief George, aufgebracht von der Vorstellung. »Sie müssen sie bestechen, damit sie überhaupt kommen! Und dann müssen Sie die Leute an der Tür bestechen, damit sie hereinkommen, und woher wollen Sie dafür das Geld nehmen? Wollen Sie bei einem anderen ausländischen Hilfsprojekt absahnen? Wollen Sie ein anderes Amt bescheißen, um das Geld zu bekommen, das Sie brauchen, um mich aus Ihrem Büro werfen zu lassen? Sie brauchen zehn Jahre, um mich aus diesem Büro werfen zu lassen!«, und dann hatte ich ihn an den Schultern gepackt und drängte ihn gewissermaßen heraus, während ich A. Rana mit meinem Fuß zurückhielt, während sie einander anschrien und alle anderen Beamten auf den Gang liefen, um zu sehen, was los war.

Wir waren wieder ganz am Anfang.


An diesem Abend war George untröstlich. »Ich hab’s verpatzt, Freds, ich hab’s verpatzt.«

»Ja, das hast du.«

Wir rauchten ein paar Haschpfeifchen und gingen zum K. C., um darüber hinwegzukommen. Und dort schüttete George gewaltige Mengen Bier in sich hinein.

Ziemlich bald war er sternhagelblau. »Ich weiß einfach nicht mehr, wie’s weitergehen soll, Freds. Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

Ich nickte. Tja, mein Kumpel war wirklich überfordert. Ich meine, was konnte er schon tun? Die Leute, mit denen er sich eingelassen hatte, fraßen die Hilfsorganisationen aller Herren Länder mit Haut und Haaren, die Weltbank, die IMF, alle riesigen Geldgeber.

Und dann kam Steve und gesellte sich zu uns, und wir saßen da und tranken, und Steve erzählte uns ein paar seiner Horrorstories aus dem Peace Corps, wie der Palast einmal nicht flüssig gewesen war, aber Bestechungsgeld brauchte, damit ihr Kandidat ins Panchayat gewält wurde, und so waren sie kurzerhand ins Terai gezogen, hatten jede Menge Laubbäume gefällt und das Holz nach Indien verkauft, um die Mäuse aufzutreiben, und sich dann an die Weltbank gewandt und gesagt, Oh, Sir, Entwaldung, was für ein schreckliches Problem für uns, kommen Sie, sehen Sie sich das an, und hatten sie dann zu dem Stück Terai geführt, das sie gerade abgeholzt hatten, und natürlich war der Mutterboden schon in Bangladesh, und so gab die Weltbank ihnen Geld, und sie forsteten schnell dreißig Morgen wieder auf, bauten mitten drin einen Flugplatz und steckten den Rest in die eigene Tasche, und danach zeigten sie allen möglichen Leuten das Aufforstungsprojekt, ließen keine Gelegenheit aus, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, angeblich, um die große Aufgabe zu vollenden, während das Geld natürlich sofort für Operettenuniformen für die Armee und andere weniger wichtige Dinge ausgegeben wurde.

Und das waren die Leute, mit denen George es zu tun hatte. Mit begrenzten Geldmitteln und ohne Sprachkenntnisse. Was wollte er gegen solche Burschen schon ausrichten?

Er ließ sich vollaufen und schlug sich mit Bierdosen an den Kopf. Zumindest an diesem Abend. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, daß die Bierdosen aus Indien kamen und noch aus Blech bestanden. »Schon in Ochtnun, bin dran gewöhnt«, sagte George. »Bin jetzt seit ’nem Monat mit dem Kopf gegen ’ne Ziegelmauer gelaufen, hab’ da schon dicke Schwieln.« Er zeigte es uns. Krach. Ich brachte ihn nach Hause.

Wir wankten durch Thamels enge Straßen, und George trat in alle Pfützen, weil er sich ständig umsah. »Sieh doch, Freds. Sieh dir diese armen Scheißer an, ich mein, sieh sie dir an.«

»He, Mr. Nein!« sagte jemand.

George schüttelte den Kopf und wäre fast umgekippt. »Ich bin Mr. Ja! Mr. Ja! Ja ja ja!«

Ich verscheuchte die neugierigen Kinder und stützte George. Er wankte unsicher weiter. »Wäre es nicht toll, wenn Tibet und Nepal einfach die Plätze tauschen würden, Freds? Wenn sie einfach auf der anderen Seite der Himmies lägen? Verstehst du, was ich meine?«

»China hätte Nepal erobert.«

»Genau! Dann müßten die sich mit dieser Bürokratie abgeben! Die könnten sie zur Bevölkerungskontrolle benutzen! Man schickt Leute rein und sieht zu, wie sie verschwinden! Bald gäb’s in China nur noch ein paar Menschen, die die Ranas könnten Beijing übernehmen. Sie müßten um Gnade winseln.«

»Gute Idee.«

»Und die Tibetaner und der Dalai Lama wären auf der Südseite und könnten still und friedlich mit ihrem Bruder-von-einem-anderen-Planeten-Trip weitermachen, und wäre das nicht wunderbar, Freds? Wäre es das nicht?«

»Ja, das wär’s, George. Du bist betrunken. Das sind Alkoholtränen. Bringen wir dich nach Hause, rauchen ein paar Pfeifchen und nüchtern dich aus.«

»Gute Idee.«

Doch im Star wartete Colonel John auf uns, und er war nicht in der besten Laune und billigte unsere offensichtliche Pflichtvernachlässigung nicht. Das hielt uns nicht auf, doch während wir high wurden, schritt er wie ein mumifizierter Ausbildungssergeant auf und ab, drehte eine Gebetsmühle und schnappte: »Was sollen wir jetzt tun? Sie haben zweitausend Rupien ausgegeben, und wir können dafür nichts vorweisen! Wir sind an die verdächtigste Beamtenbande auf Erden geraten! Was sollen wir jetzt tun?«

George nahm einen tiefen Zug und hielt die Luft an, bis er blau anlief. »Keine Ahnung. Ich meine, was können wir schon tun? Wir haben eine indische Straße, mehr wissen wir nicht. Die Schweizer wollen nicht. Warum nicht? Keine Ahnung. Die Inder bauen sie. Den Chinesen wird das nicht grade gefallen, ich meine, die Inder waren auch nicht begeistert, als die Chinesen diese Straße von Lhasa nach Katmandu bauten. Oder? Was New Delhi und Beijing betrifft, sind diese Straßen nur Angriffskorridore, und die beiden benehmen sich ganz schön paranoid. Vielleicht könnten wir versuchen, ihnen solche Angst einzujagen, daß sie die Straße nicht bauen. Einen Überfall vortäuschen, oder sowas in der Art …«

Der Colonel packte ihn am Hals und hob ihn hoch. »JA!« kreischte er und ließ George aufs Bett zurück fallen. »JA!« Er zitterte, als wäre er mit dem Zeh in eine Steckdose geraten.

»Ja was?« sagte George und massierte seinen Hals.

Colonel John stach mit einem Finger auf ihn ein. »Überfall! Überfall! Überfall!«

»Völlig sinnlos. Die kleinen Mistkerle kriechen doch unter der Tür her.«

Der Colonel ignorierte ihn. »Wir verkleiden ein paar Khampas als Chinesen und überfallen des Nachts die Armeekasernen in Chhule.«

»Wie wollen Sie denn an chinesische Uniformen rankommen?« fragte ich.

»Haben jede Menge davon«, sagte er düster. »Müssen nur die Löcher zunähen.« Er dachte darüber nach. »Wir gehen in derselben Nacht noch nach Tibet rüber und greifen den nächsten chinesischen Heeresposten an. Gehen über den Nangpa La, damit beide Seiten glauben, der Angriff sei von der anderen Seite gekommen. Halten Shambhala heraus. Grenzzwischenfall, Chinesen reichen Protest ein, Birendra macht Rückzieher wie ’72, und das Straßenprojekt ist endgültig gestorben. JA!« Er beugte sich vor, um George ins Gesicht zu brüllen: »Hervorragender Plan, Soldat!«

Doch George war auf dem Bett ohnmächtig geworden.


Am nächsten Morgen konnte er sich nicht einmal daran erinnern, wie der Plan aussah, und als wir ihn ihm erklärten, konnte er nicht glauben, daß es seine Idee war. »O nein, nicht mit mir, Freds. Du versuchst es schon wieder, und ich will nichts damit zu tun haben!«

Colonel John packte schon.

»Denk ans Singha Durbar«, sagte ich zu George. »Denk an Birendra und die Ranas. Denk an A. Shumsher Jung Bahadur Rana.«

Das hatte seine Wirkung. Er hätte vielleicht noch etwas gemeckert, wenn er nicht so verkatert gewesen wäre. Er kroch zu seinem Fenster und sah auf die Dächer Thamels hinaus.

»Na schön«, sagte er nach einer Weile. »Ich mache es. Es ist ein dummer Plan, aber er ist besser als das …« Er deutete mit der Hand auf ganz Katmandu.

Also machten wir uns wieder reisefertig, was für Colonel John bedeutete, daß er in den Landrover sprang, und für mich, daß ich meinen Rucksack packte; doch George hatte noch einiges zu erledigen. Zuerst kaufte er ein paar große Kanister Benzin. Dann kaufte er fast alle Antibiotika in Katmandu auf, eine Suche, die ihn nicht nur in die kleinen Apotheken um Thamel führte, sondern auch zu vielen Straßenhändlern, die neben anderen Händlern, die kandierte Früchte oder Weihrauch verkauften, ihre Decken auf den Bürgersteigen ausgebreitet hatten und alle möglichen Medikamente verkauften; sie versorgten sich bei zurückkehrenden Bergsteigerexpeditionen. Er trieb unter anderem auch eine Packung Tinnidazol auf, ein Medikament gegen Giardia, das in den Staaten verboten war — eine richtige Ochsenkur, man nimmt vier große Pillen, und am nächsten Tag ist die Giardia in einem tot, zweifellos gemeinsam mit dem größten Teil der Gedärme. George schluckte dieses Gift auf die bloße Möglichkeit hin, daß er unter Giardia litt, und nahm seine weiteren Aufgaben in Angriff.

Eine davon bestand darin, bei unserem Freund Bahadim vorbeizuschauen und sich mit ihm zu beraten; er gab ihm eine Bekanntmachung, die er für die Nepal Gazette geschrieben hatte, und einige Briefe, die anscheinend auf A.S.J.B. Ranas Briefpapier geschrieben waren.

Nach schnellen Besuchen im Schweizerischen Konsulat und dem Palastsekretariat war er dann reisefertig. Colonel John fuhr uns zu dem Bauernhof am Ende der Straße, und wir versteckten seinen Landrover und marschierten praktisch drei Tage lang ununterbrochen, um Chhule herum, durch den Rhododendron-Wald, dessen Blüten alle abgefallen waren und nun auf dem Boden lagen, und das Hochtal hinauf, in dem nun das Monsun-Wasser mit lautem Getöse abfloß. Dann über den Gletscher und den Grat hinauf in den Schnee, über den Paß und hinab nach Shambhala.

Wir hatten das heilige Tal kaum erreicht, da erzählte der Colonel schon allen von Georges Plan. Die Khampas waren allesamt begeistert, doch der Manjushri Rimpoche zeigte sich nicht so enthusiastisch. »Auf keinen Fall darf dabei jemand zu Schaden kommen. Das wäre ein so großes Unrecht, daß es alles Gute, was dabei herauskommen könnte, zunichte machen würde.«

Colonel John hörte das nicht gern, doch er stimmte zu, wobei er genau wie Eddie Haskeil klang — »Natürlich nicht, heiliger Rimpoche, wir werden niemand töten. Wir werden nur Sachschäden anrichten.«

»Wir wollen ihnen nur Angst einjagen«, erklärte ich.

»Ja!« sagte Colonel John und machte sich meine Argumentation zu eigen. »Wir wollen ihnen nur Angst einjagen«, und schon sprudelten Pläne aus ihm hervor, wie man den Grenzposten auf beiden Seiten so schreckliche Angst einjagen konnte, daß ein paar Soldaten vielleicht vor Furcht starben, was sehr bedauerlich wäre, aber nicht direkt unsere Schuld. Nicht so direkt wie Kugeln zumindest.

Mit der Organisation des Überfalls fiel er wieder völlig in seine Marine Corps-Angewohnheiten zurück, stellte zwei Einheiten auf, bildete sie aus, zeichnete Karten und Diagramme und schmiedete Schlachtpläne. Sein Plan sah vor, daß die beiden Einheiten ihre Angriffe auf die Grenzposten in Nepal und Tibet zeitlich so durchführen sollten, daß sie sich aus beiden Richtungen in den Nangpa La zurückziehen, sich dort vereinigen und entkommen würden, während die sie vielleicht verfolgenden Chinesen und Nepali aufeinandertreffen würden. Er hielt das für eine geniale Idee. Tag für Tag kam er mit einem neuen Einfall an, der den Plan noch wirksamer machen sollte. »Okay«, sagte er nach einem dieser Brainstorms, »wir überfallen Chhule in den Uniformen der chinesischen Armee, aber jeder fünfte Soldat wird eine dieser Dämonenmasken des Klosters tragen, wodurch die Nepali einen unterbewußten Schock bekommen. Bewußt werden sie denken, es wären die Chinesen, doch im Unterbewußtsein werden sie glauben, alle Dämonen von Yamantaka würden über sie herfallen.«

George runzelte bei diesen Ideen immer nachdrücklich die Stirn. »Glauben Sie nicht, das wäre etwas übertrieben?« pflegte er dann zu fragen. »Ich meine, es ist ja wirklich wichtig, daß die Soldaten in Chhule glauben, die Chinesen würden sie überfallen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Dämonenmasken dazu beitragen werden.«

»Natürlich werden sie das«, sagte Colonel John und tat den Einwand ab. »Wir spielen hier mit ihrem Unterbewußtsein. Psychologische Kriegsführung. Wissen Sie, ich habe nicht umsonst zehn Jahre bei der CIA verbracht. Überlassen Sie diesen Teil einfach mir.«

»Wenn dort Gurkhas stationiert sind, wird es ihnen völlig gleichgültig sein, wie wir aussehen«, warnte George. »Sie werden das Feuer erwidern.«

»Da oben sind keine Gurkhas!« schnappte Colonel John. »Da oben ist nur die Nepalesische Militärpolizei, die schlechteste Truppe auf Erden.« Und er erzählte George einfach nichts mehr von seinen Plänen.

Schließlich war alles vorbereitet. Die beiden Gruppen, die die Überfälle durchführen sollten, sollten am selben Abend aufbrechen; die eine würde Colonel John nach Nepal, die andere Kunga Norbu nach Tibet führen. Der Manjushri Rimpoche hatte uns die Erlaubnis gegeben, einige der Tunnels von Shambhalas uraltem Tunnelsystem zu benutzen, damit wir das Tal unbemerkt verlassen konnten — allerdings nur den Grat hinauf, auf den Sattel des Nangpa La.

Nun war der Nangpa La, wie ich schon sagte, der Paß der alten Salz- und Wollhändler zwischen Tibet und Nepal und damit genau der Paß, den die Chinesen oder Nepali nehmen würden, wenn sie die anderen Seite überfallen wollten. Nicht, daß die Nepali jemals so dumm sein würden, China anzugreifen, doch die Chinesen waren davon überzeugt, daß die Inder die Strecke benutzen und die Existenz Nepals einfach ignorieren würden. Also war er für unsere Zwecke perfekt geeignet — er paßte zu unserer Tarngeschichte, und nichts würde etwaige Verfolger ins Gebiet von Shambhala führen. Also konnten wir die Überfälle vornehmen und bei Anbruch der Dämmerung wieder auf dem Nangpa La sein, und wenn wir erst einmal verschwunden waren, konnten etwaige Verfolger die Sache mit ihrer gegenseitigen extremen Paranoia selbst klären.

»Ich weiß nicht«, sagte George immer wieder. »Vielleicht sollten wir uns auf die nepalesische Seite beschränken. Ich meine, was werden sie glauben, wenn sie beide angegriffen werden?«

»Beide werden glauben, daß die andere Seite lügt«, sagte der Colonel, »und beide haben schon seit Jahren gute Gründe für diese Annahme.«

Die einzige Frage, die den Colonel wirklich beschäftigte, bestand darin, ob er die richtige Gruppe führte. Sein tiefster Haß galt den Chinesen, und ihr Armeeposten würde sich im Fall eines Angriffs wahrscheinlich besser seiner Haut zu wehren wissen. Doch genau das war der beste Grund, auf der nepalesischen Seite zu bleiben, denn wenn er und die Khampas sich von einem chinesischen Zug in ein Feuergefecht verwickeln ließen, würden sie wahrscheinlich durchdrehen und sie alle umbringen. Sogar der Colonel sah das ein. Andererseits war die Chance, den furchtsamen Nepali einen höllischen Schreck einzujagen, sowohl zufriedenstellend als auch sicher — und war die beste Möglichkeit, die der Manjushri Rimpoche gewähren würde, sich für Birendras Verrat am tibetanischen Widerstand 1972 zu rächen.

Also versammelten wir uns drei Tage nach unserer Rückkehr mittags auf dem Klosterhof. Dämonenmasken wurden verteilt und Gewehre und Mörser, die den Eindruck machten, als kämen sie aus einem Museum der Kaschmir-Kriege. Ich mußte einen Mörser tragen, und George bekam einen Rucksack mit Munition dafür, in dem sich, dem Gewicht nach zu urteilen, Felsbrocken zu befinden schienen. Der Colonel erklärte uns, wie sich das Ding bedienen ließ. Es stellte sich heraus, daß die Mörser in der Tat Antiquitäten waren, und den Khampas war schon vor langer Zeit die Munition für sie ausgegangen, so daß sie sich Sprengladungen zusammengebastelt hatten, indem sie gestohlene chinesische Patronen ausschlachteten. Sobald sich diese Sprengladungen in den Mörsern befanden, stopfte man sie mit Füllmaterial aus Yakwolle und dann mit Kanonenkugeln oder Vogeldunst oder Felsbrocken, was immer zur Hand war, und feuerte sie ab.

Der Manjushri Rimpoche kam heraus und gab uns seinen Segen, und Colonel John hielt eine aufmunternde Rede. Dann gesellte sich der Kuden Kalapas in seiner goldenen Zeremonienrobe zu uns, der wie üblich so benommen aussahen, als würde er es nicht mehr lange machen, und fiel plötzlich in eine Trance und machte pompöse Bewegungen, und sie bemühten sich, ihm seinen Helm aufzusetzen, der um die hundert Pfund wog und aussah, als würde er ihn zu Boden zwingen, und sie zogen ihm den Riemen um das Kinn fest, bis er bald erstickte, und dann übernahm ihn der Geist des Dorje Drakden vollends, und er schritt plötzlich mit hervorquellenden Augen auf dem Hof auf und ab und zischte in ersticktem Tibetanisch vor sich hin, das ich nicht verstehen konnte, und schwang ein riesiges Holzschwert und wirbelte herum, so daß wir ihm Platz machen mußten. Es war klar wie Kloßbrühe, daß Dorje Drakden Besitz von ihm ergriffen hatte und uns anschnaubte — eine zornige Gottheit, die unter dem dunklen Himmel und dem seltsamen Licht der ewigen Flamme zwischen uns wandelte, und ich will verdammt sein, wenn sich nicht ein Teil ihres Geistes in jeden von uns ergoß. Als Dorje also mit seinem riesigen Schwert auf den Eingang des Klosters deutete, stürmten wir alle hinein.

Immer weiter liefen wir, bis die Wände von Kaiapa von einem schmalen, steinernen Gang ersetzt wurden, und wir liefen weiter durch einen Tunnel, der von Butterlampen erhellt wurde, bis wir dann dunkle Stufen in eine große unterirdische Höhle hinabpolterten, deren Wände mit Gold beschlagen waren. Anscheinend handelte es sich dabei um den Hauptbahnhof des gewaltigen Tunnelsystems von Shambhala. »Mann«, sagt George. »Davon hast du mir ja gar nichts erzählt.«

»Ich habe selbst nichts davon gewußt«, sagte ich. Die wenigen Lichtflecke der Butterlampen zeigten uns nicht gerade viel, doch ich schätzte, daß sich etwa zwanzig Tunneleingänge in diese goldene Höhle öffneten. »Hoffentlich müssen wir den Rückweg nicht allein finden.«

»Sag sowas nicht.«

Wir marschierten durch einen der Tunnels los und folgten Kunga Norbu und ein paar Khampas mit Fackeln, die in der Dunkelheit vorausliefen und die Butterlampen füllten und anzündeten. Die Lampen waren in Nischen angebracht, die Statuen von Bönpa-Dämonen oder Bodhisattvas bargen, so daß wir entweder erschrocken zusammenfuhren oder aufgemuntert wurden, wenn wir an ihnen vorbeigingen. Gelegentlich gelangten wir an Abzweigungen, und normalerweise wandten wir uns nach rechts, aber nicht immer. Wir bewegten uns im Laufschritt, größtenteils bergaufwärts, an manchen Stellen sogar Treppen hinauf, und schließlich wurde es ziemlich beschwerlich. Abgesehen von Pfützen und kleinen Stalagtiten und den Nischen für die Lampen ähnelte ein Tunnel dem nächsten wie ein Ei dem anderen, so daß wir unmöglich sagen konnten, wie weit wir schon gegangen waren. Doch es müssen mehrere Kilometer und über zwölfhundert Meter Höhenunterschied gewesen sein, denn soweit liegt der Nangpa La entfernt.

Dann blieben wir stehen und drängten uns zusammen, während die Führer eine Steintür öffneten, und wir traten unter nächtlichen, wogenden Monsunwolken hinaus auf einen steilen Grat etwas dreihundert Meter über dem Nangpa La. Unten im Paß konnten wir eine Reihe klappriger Gebetsmühlen und große schlanke Pfosten ausmachen, an denen einmal Gebetsflaggen gehangen hatten. Als ich sie beobachtete, erhaschte ich eine Bewegung, und ein schwaches, hohes Pfeifen trieb an uns vorbei und erzeugte auf meinen Unterarmen eine Gänsehaut. »Oh, ja«, sagte ich, und George zischte »Ein Hinterhalt!«, aber der Colonel schüttelte nur den Kopf.

»Yetis«, sagte er. »Der Manjushri Rimpoche hat sich ihrer Unterstützung versichert.«

»Scheiße«, sagte George. Aber im Augenblick wußte er nichts weiter darauf zu entgegnen. Unten im Paß bewegten sich Gestalten und verschwanden, und mehr sahen wir sowieso nicht von ihnen, und wir stiegen schnell zum Paß hinab, wobei wir nur auf freiliegende Steine traten, so daß keine Spuren verraten konnten, woher wir gekommen waren.

Bei den Gebetsmühlen trennten wir uns in zwei Gruppen und gingen auf beiden Seiten den Paß hinab. Danach kam es nur darauf an, mit dem Colonel mitzuhalten, der vorgab, in seinem Landrover zu sein und lief, wo immer es ihm möglich war, und uns anschrie und auf dem Arsch über steile Hänge und durch kalte Gletscherbäche rutschte und der uralten Handelsstraße folgte.

Ein paar Stunden später erreichen wir den Rhododendron-Wald über Chhule. Der Regen hatte alle Blüten abgeschlagen, und sie lagen wie geplatzte Luftballons einer Geburtstagsfeier auf dem Waldboden, so daß die Erde rosa war und der Himmel ein wogendes, bewölktes Weiß, seltsam von einem Vollmond indirekt erhellt. Zwischen dem rosafarbenen Boden und dem weißen Himmel bogen sich Hunderte schwarze, knorrige Rhododendronzweige zu einem leichten, nassen Schnee hoch, der zu fallen begonnen hatte. Es war ein unheimlicher Ort, und als der Mond wie eine Straßenlampe durch das Unterholz leuchtete, sah er nur noch unheimlicher aus — rosafarbener Boden, knorrige schwarze Äste, fallender Schnee, Wolken, die am Mond vorbeirasten, und dann und wann in den Augenwinkeln sich bewegende Gestalten.

Am unteren Waldrand lagen die Ausläufer von Chhule, und die Kasernen, in denen die nepalesischen Soldaten untergebracht waren, befanden sich auf unserer Seite des Dorfes, nur durch eine schmale Lichtung von uns getrennt — drei lange, zweistöckige Steingebäude mit Wellblechdächern und Fenstern mit Holzrahmen, alle friedlich schlafend in den Tiefen einer normalen Dorf nacht. Irgendwo im Dorf bellte eine Bulldogge, doch in jeder Nacht bellten in jedem Dorf in Nepal Hunde, so daß man sich darüber keine Sorgen machen mußte.

Schweigend folgten wir den Anweisungen des Colonels und schwärmten am Waldrand aus. Er ordnete die Mörser-Teams in einem Halbkreis um die Kasernen an und plazierte mich und George hinter einem kleinen, fetten, alten Rhododendron an das eine Ende des Halbkreises. Er sah zu den Kasernendächern hinüber und kicherte grimmig. »Es wird sich anhören, als würden wir ihnen Abfalleimerdeckel um die Ohren knallen. Hier, nehmt die Masken — ihr seid am Rand ihres Sichtfelds.«

Er gab uns Dämonenmasken und Taschenlampen, und wir setzten die Masken auf, und zum Glück hatten unsere Dämonen so große Glotzaugen, daß die eingeschnittenen Pupillenlöcher groß genug waren, um hindurchzusehen. George verwandelte sich in einen grünen, roten, blauen und goldenen Schrecken und grinste mit drei- oder viermal soviel Zähnen, wie er eigentlich haben sollte. Und ich sah wahrscheinlich ganz ähnlich aus. Sobald das Spektakel begann, sollten wir zwei Mörsersalven abfeuern, dann um die Bäume hervorkommen, die Taschenlampen auf unsere Gesichter richten, um etwas unterbewußte negative Werbung zu betreiben, und uns wieder hinter die Bäume zurückziehen, damit wir nicht von etwaigen Schüssen getroffen wurden.

Ein toller Plan. Obwohl George nicht viel davon hielt. Und als er die Felsbrocken aus seinem Rucksack nahm, um unseren Mörser zu laden, war er noch weniger beeindruckt. »Freds, was ist das? Siehst du das? Diese Steine, sie sind blau! Sind sie nicht blau?« Er richtete eine Sekunde lang seine Taschenlampe auf sie. »Freds, das sind Türkise!«

Er lief zwischen den Bäumen her, holte den Colonel ein und zerrte ihn zurück. »Colonel, wieso zum Teufel bombardieren wir diese Burschen mit Türkisen?«

Der Colonel hatte schon eine besonders groteske Dämonenmaske aufgesetzt, doch irgendwie wurde offensichtlich, daß das wilde Grinsen der Maske dem auf dem Gesicht darunter entsprach. »Wunderschön, nicht wahr?« sagte der Colonel. »Sie kommen aus ihren Kasernen gelaufen und sehen überall dieses Zeug liegen und werden denken, daß der Himmel einstürzt. Sie werden vor Furcht glatt durchdrehen.«

Keine Antwort von George.

Schließlich schüttelte er heftig den Kopf, wobei die Maske verrutschte, und sagte mit gedämpfter Stimme: »Colonel, ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, daß Sie, wenn Sie diese Burschen mit Türkisen bombardieren, dann machen Sie es ihnen bestimmt schwer, morgen früh daran zu glauben, daß sie von den Chinesen angegriffen worden sind …«

Doch bevor er seine Frage zu Ende bringen und seine Maske zurecht schieben konnte, war der Colonel schon wieder weg und hatte den Pfiff gegeben, der das Signal für den Angriff war. Einer der Khampas, der eine Maske trug, die besonders häßlich war, hatte sich zu einem der Fenster geschlichen, das Gesicht vor das Fenster gehoben, mit der Taschenlampe in das Zimmer und dann auf seine Maske geleuchtet und laut losgekreischt, und das war das Zeichen für uns alle, unsere Mörser abzufeuern, in einer aufeinanderfolgenden Salve, die etwa eine halbe Minute dauerte. Der Khampa am Fenster schleppte seinen Arsch wieder in die Deckung der Bäume, und die Schützen eröffneten das Feuer und ballerten aus allen Barackenfenstern heraus, und dann pfiffen ein Dutzend Mörserladungen Türkise aus dem Himmel, und zumindest ein paar davon knallten auf die Metalldächer, die unter den Aufschlägen fürchterlich zu dröhnen anfingen. Und die ganze Zeit über tanzten wir Dämonen zwischen den Bäumen und ließen das Licht unserer Taschenlampen auf die Masken blitzen, und aus dem Inneren der Baracke erklangen Schreie der sinnlosen Panik, die das Herz des Colonels noch mehrere zukünftige Inkarnationen lang wärmen würden.

Also lief alles zumindest ein paar Minuten lang hervorragend, doch leider ließ sich einer der Dämonen von seiner Begeisterung überwältigen und lief zu der nächsten Baracke, um in ein zerbrochenes Fenster zu starren; wahrscheinlich verspürte er eine dämonische Unbesiegbarkeit, die jedoch leider fehl am Platze war, denn jemand aus der Kaserne schoß auf ihn. Er fiel zu Boden, und da George und ich ihm am nächsten waren, liefen wir auf die Lichtung und hoben ihn hoch. Sein rechter Arm war blutverschmiert, und ich hatte den Eindruck, daß er starke Schmerzen hatte, bis mir wieder seine Maske einfiel. Schwarze Wolken waren am Himmel aufgezogen, und es war pechschwarz geworden, schwärzer konnte es nicht mehr werden, und es schneite heftig, und überall erklangen Schüsse, und unser dämonischer Gefährte deutete gerade an, daß er allein gehen könne, als bumm!, überall um uns herum Steine zu Boden fielen. Wir wurden von unseren eigenen Leuten unter Beschüß genommen. Ich bekam einen schweren Treffer auf die Schulter und den Rücken ab, und der Khampa auf die Seite, doch George hatte es am schwersten erwischt. Zum Glück neigten die Türkis-Kanonenkugeln unseres Colonels dazu, schon beim Abfeuern in tausend Splitter zu zerbrechen, so daß sie eher wie Schrot denn wie Bowlingkugeln herunterkamen. Dennoch landeten genug davon auf George, daß er zusammenbrach, gefällt von dem Rohmaterial für mehrere Dutzend Türkis-Ohrringe.

Das Zeug schnitt ihm die Haut an Hinterkopf und Schultern auf, und er konnte von Glück sprechen, die Maske zu tragen, denn die fing die meisten Treffer ab. Auch ihn erwischte es schwer. Nun mußte unser verwundeter Khampa uns helfen, und er zerrte George mit dem unverletzten Arm weiter, und ich nahm ihn an der anderen Seite, und wir zogen ihn schnell in den Rhododendron-Wald zu unserer Rechten.

Danach gerieten die Dinge etwas außer Kontrolle. Über den nepalesischen Kasernen gingen Zeremonienfeuerwerke lautstark in die Luft, und die Dächer dröhnten noch immer fürchterlich, doch allmählich drängte sich die Schlußfolgerung auf, daß tatsächlich ein paar Gurkhas in Chhule stationiert waren, denn aus einer Kaserne stürmten Soldaten hervor, völlig unbeeindruckt von unserem Feuer und nicht darauf achtend, daß der Himmel herunterfiel, und sie schossen mit sehr lauten Brrrp Brrrps auf uns, die auf sehr schweres Geschütz hinwiesen, und zu unserer Linken und Rechten regneten Rhododendron-Zweige hinab.

Da der Manjushri Rimpoche uns befohlen hatten, keinen nepalesischen Soldaten zu töten, blieb uns nun nur noch ein sehr hastiger Rückzug übrig, bei dem wir das Feuer nach Art der chinesischen Dämonenarmee erwiderten. Zumindest unsere Gefährten erwiderten es, doch der verwundete Dämon und ich hatten genug mit George zu tun, der zwar zu sich gekommen, aber noch unbeholfen und benommen war und unzusammenhängend murmelnd zwischen uns hertaumelte, als hätten die Treffer, die er abbekommen hatte, ihn auf den sehr kurzen Pfad zur Erleuchtung geführt, was ich allerdings bezweifelte. Er war ganz einfach benommen, und wir fielen immer weiter hinter dem Colonel und den Khampas zurück.

Ich prallte gegen einen zurückgelassenen Mörser, der noch im Schnee dampfte. Brrrp Brrrps bohrten sich wie Nägel der Furcht in uns, und über uns brachen Äste ab und deuteten an, daß diese Reaktion vielleicht nicht ganz unangemessen war. Ich kam zum Schluß, daß wir noch eine Mörsersalve auf die Nepali abfeuern mußten, obwohl mir heutzutage der Grund dafür nicht mehr ganz klar ist, und ich hatte die Sprengladung und die Yakwolle schon im Lauf, bevor ich feststellte, daß in der Nähe weder Türkise noch andere Felsbrocken lagen.

Also krochen wir hinter einen Baumstamm, ließen George wieder zu Atem kommen und glaubten schon, alles sei vorbei, als plötzlich ohne das geringste Geräusch kleine dunkle Gestalten mit langen Armen und seltsamen Köpfen um uns herum auftauchten. Ich wäre unter meiner Maske vor Angst fast geschmolzen, bis ich sah, daß eine davon eine Baseball-Mütze der L. A. Dodgers trug.

»Buddha!« sagte ich.

»Na-mas-taiii«, sagte er mit seiner hohen, leisen Stimme.

Ich nahm meine Dämonenmaske ab und ergriff seine schmale Hand, zu überwältigt, um überrascht zu sein.

»Was?« sagte George. »Was?«

»Wir haben Hilfe bekommen«, sagte ich zu ihm, und mit beträchtlicher Eile bedeutete ich Buddha, daß er den Mörser mit Steinen füllen solle, wobei ich als Beispiel eine Handvoll abgefallener Rhododendron-Blüten nahm. Er verstand mich falsch und stopfte mit drei oder vier seiner Brüder den Lauf schnell mit zusammengedrückten Blüten voll. »Ach, zum Teufel«, sagte ich und feuerte sie ab, und dann hatten die Yetis uns auch schon gepackt und schleppten uns bergaufwärts durch den Wald. Sollten die Gurkhas hinter uns doch selbst herausfinden, wieso es plötzlich Rhododendron-Brei regnete.

Auf halber Höhe des Gletschertals holten wir den Colonel und die Khampas ein, und unsere Yeti-Freunde ließen uns fallen, plötzlich scheu angesichts der Nähe so vieler Fremder mit Gewehren, ob es sich nun um Freunde aus Shambhala oder nicht handelte. »Danke, Buddha!« rief ich ihnen nach, als sie im Wald verschwanden, und dann schleppten der verletzte Khampa und ich George das Tal hinauf, dem Rest unseres Trupps hinterher. Der Khampa rief ihnen etwas auf Tibetanisch zu, und sie warteten auf uns, und dann waren die Gurkhas wieder in Schußweite, und wir liefen los, dem Nangpa La entgegen, so schnell wir konnten.

Nun begann es sowohl zu schneien als auch zu regnen, und eine Stunde später stellten wir fest, daß sich ein Bach, den wir auf unserem Hinweg problemlos durchwatet hatten, nun nicht mehr passieren ließ. Wir liefen flußaufwärts und fanden an einer schmalen Stelle ein paar Bäume, und die Khampas fällten zwei und ließen sie über das Wasser auf einen vorstehenden Felsbrocken auf der anderen Seite fallen. Der Colonel kroch als erster darüber und sicherte die Baumspitzen, so gut er konnte. Dann schickten wir George über diese Behelfsbrücke, doch dabei schob er die Bäume auseinander, wäre fast zwischen ihnen in den Bach gefallen und hätte dabei die Brücke zum Einsturz gebracht. Er hatte jeweils einen Arm und ein Bein um einen Stamm gelegt und hing fest. »Durchhalten!« schrie der Colonel ihn wütend an. »Nicht bewegen! Lassen Sie ja nicht los!« Und auf Tibetanisch befahl er dem Rest der Khampas, auf das andere Ufer zu kommen. Den meisten gelang das, ohne auf George zu treten, aber bei weitem nicht allen. Als wir alle drüben waren, krochen der Colonel und ich zurück und zogen George über die beiden Bäume in Sicherheit.

Das Erlebnis schien George aus seiner Erstarrung gerissen zu haben — er murmelte nun nicht mehr »Was? Was? Was?«, sondern gab ein deutlich verständliches »Scheiße! Scheiße! Scheiße!« von sich.

»Na ja«, sagte ich im Versuch, ihn aufzuheitern. »Wenigstens haben wir keine Steigeisen getragen.«

Keine Antwort von George.

Nun hatten wir den größten der Flüsse überwunden und konnten uns ohne weitere Probleme zum Nangpa La zurückziehen. In der Tat erreichten wir den Paß so genau nach unserem Zeitplan, daß man glauben mochte, es hätte alles wie am Schnürchen geklappt, und wer weiß, vielleicht war der Colonel auch dieser Meinung, denn als wir, mit den Gurkhas dicht auf den Fersen, den Paß hinaufeilten, kam Kunga Norbus Gruppe von der tibetanischen Seite hinaufgeeilt, mit der Chinesischen Armee dicht auf den Fersen, und wir liefen über den Grat, verschwanden in unserem Tunnel, knallten die Tür zu und überließen es den Gurkhas und Chinesen, die Dinge zu klären, falls sie dazu imstande sein sollten. »Die bringen sich gegenseitig um«, sagte ich zum Colonel.

»Gut«, schnaubte er.

Dann ging es zurück durch die Tunnels, jeden Meter im Laufschritt. Zum Glück für George ging es bergab, denn als wir den Hauptbahnhof und dann den Klosterkeller erreichten, traten wir ins helle Morgenlicht hinaus, was bedeutete, daß wir die ganze Nacht über gelaufen waren. Das war der übliche Guerilla-Stil der Khampas; ich nehme an, wir hatten in den letzten achtzehn Stunden etwa achtzig Kilometer zurückgelegt, zwanzig unter ständigem Beschüß. Ich war erschöpft, und George war völlig fertig. Er sah aus, als hätte er noch seine Dämonenmaske auf, und zwar eine der abscheulicheren, das Gesicht geschwollen und voller blauer Flecken und blutig, den Mund zu einer Grimasse verzerrt und die Augen vor Unglauben hervorquellend, daß er an solch einer Unternehmung wie der unsrigen teilgenommen hatte. Doch wir waren zurück.


Lhamo und die anderen Dörfler kümmerten sich aufopferungsvoll um George. Mehrere Tage lang wälzte er sich im Lhamos Haus im Fieber, stöhnte und ächzte, und Sindu und ihr Kind halfen Lhamo, ihn zu füttern und ihm das Gesicht abzuwischen, wobei sie sorgsam darauf achteten, nicht die Schnitte und Prellungen zu berühren, um die sich Dr. Choendrak auf die übliche Weise gekümmert hatte: Er hatte sie genäht und so weiter.

Dr. Choendrak hatte sich auch entschlossen, Georges Dysenterie ein für alle Mal zu heilen, und ihm die Rinchen ribus, die wertvollen Pillen, verordnet. Diese Pillen setzen sich aus einhundertfünfundsechzig Bestandteilen zusammen, darunter wertvolle, zu Pulver zermahlene Metalle und zahlreiche Heilpflanzen, die dann mit regenbogenfarbigen Fäden in bunte Baumwolle eingenäht und mit Wachs versiegelt werden. Zwanzig Apotheker brauchen bis zu drei Monaten, um sie ein solches Säckchen herzustellen, und das Medikament ist so stark, daß der Patient normalerweise einen ganzen Tag flachliegt, während das Gleichgewicht seiner Gedärme wiederhergestellt wird. George lag fünf Tage völlig flach, und eine Weile war Dr. Choendrak wirklich um ihn besorgt. Doch schließlich erholte er sich und stand auf, ein bloßer Schatten seiner selbst, steifgliedrig und mit einem zottigen Bart, der sein Gesicht aussehen ließ, als wären kleine Axtmörder mit winzigen Äxten hinter ihm hergewesen.

Der Monsun ließ nach, wir hatten mehrere sonnige Tage hintereinander, und George verbrachte die Zeit auf dem Aussichtsfelsen über dem Wäscheteich und beobachtete die Einheimischen bei ihrem Alltagsleben. Er war noch immer ziemlich krank und schwach, aber da oben brauchte er auch keine Kraft. Neuankömmlinge am Teich begrüßten ihn auf Tibetanisch, und er antwortete auf Englisch, und alle waren mit diesem Arrangement zufrieden. Die meiste Zeit über schlief er auf seinem Felsen wie eine Katze.

Mittlerweile war Colonel John nach Katmandu gefahren, und als er zurückkam, ging ich ganz aufgeregt zu George. »Ha«, sag’ ich, »willst du hören, was wir getan haben?«

»Ich weiß, was wir getan haben«, sagte er düster.

»Aber willst du nicht darüber in der International Herald Tribüne lesen?«

»Was?«

Ich hielt ihm die zerfledderten Ausgaben der Zeitungen hin, die der Colonel mitgebracht hatte. »Sieht so aus, als hätte es ein paar Mißverständnisse gegeben«, sagte ich, während George von seinem Felsen glitt und sich die Zeitungen schnappte.

Die erste stammte vom 29. Juli, drei Tage nach unseren Überfällen. Auf einer der hinteren Seiten stand ein kleiner Artikel mit der Überschrift ›Nepal protestiert gegen angebliche Grenzverletzung der Chinesen‹, und die Überschrift gab den Bericht im großen und ganzen treffend wieder.

Schon am nächsten Tag war die Affäre auf die Titelseite befördert worden — »Beijing beschuldigt Indien des Angriffs auf Tibet« stand da über einem ziemlich umfangreichen Artikel, der die gegenseitigen Anklagen und Beschuldigungen der beiden Länder wiedergab. Anscheinend waren die Chinesen der Meinung, der Angriff auf ihren Grenzposten sei von der indischen Spezialgrenztruppe durchgeführt worden, die dabei Nepal durchquert hatte, damit kein Verdacht auf sie fiel. Und die Inder waren der Meinung, der ganze Vorwurf sei eine Lüge, um von einem chinesischen Angriff auf Nepal abzulenken, den sie, da Nepal auf ihrer Seite des Himalaja lag, für eine Bedrohung ihrer ureigenen Sicherheit hielten.

So weit, so gut. Doch bei der Tribbie vom 2. August fand sich oben auf der ersten Seite die breite Überschrift: TRUPPENMASSIERUNG AN DER CHINESISCH-INDISCHEN GRENZE.

»Oh, mein Gott«, sagte George, während er den Artikel überflog, und er sagte es immer und immer wieder, mit immer höherer Stimme.

Ein guter Teil der ersten Seite war diesem Artikel und damit zusammenhängenden Begleitartikeln gewidmet; sie beschrieben das Verschwinden des DMZ an der indisch-chinesischen Grenze in Kaschmir, den unerwarteten Aufmarsch indischer Truppen in Sikkim und auch, daß die Pakistani die Inder gewarnt hatten, sich nicht mit ihren Kumpels, den Chinesen, anzulegen, während die Sowjets die Chinesen gewarnt hatten, sich nicht mit ihren Kumpels, den Indern, anzulegen. »Oh, mein Gott«, sagte George immer wieder.

Und die Zeitung des nächsten Tages bestand praktisch ausschließlich aus der Grenzkrise, alles mit großen Überschriften, und auch, wenn man die Tatsache berücksichtigte, daß es sich um die in Hongkong erscheinende Ausgabe der Trib handelte, die großen Wert auf die Berichterstattung über asiatische Angelegenheiten legte, mußte man eingestehen, daß es sich um eine bedeutende internationale Krise handelte. Es wurden Zusammenstöße zwischen indischen und chinesischen und indischen und pakistanischen Truppen gemeldet, einige davon wirklich ernst. Und amerikanische Satellitenfotos zeigten massive Truppenaufmärsche an der sowjetischchinesischen Grenze.

»Oh, mein GOTT«, sagte George. »Wo ist der nächste Tag? Wo ist der nächste Tag?«

»Mehr hat der Colonel nicht mitgebracht.«

»Was? Er fuhr mitten in dieser Krise ab? Ohne jemandem zu sagen, daß wir sie angezettelt haben? Wie lange ist das her?« Er sah auf das Datum. »Fünf Tage! Oh, mein Gott.«

Er lief zum Dorf zurück und schimpfte Colonel John einen ausgemachten Vollidioten. »Verdammt, vielleicht haben wir gerade den Dritten Weltkrieg ausgelöst!« schrie er ihn an.

Es stellte sich heraus, daß dem Colonel das ziemlich egal war. Er war der Auffassung, daß der Dritte Weltkrieg eine der wenigen Möglichkeiten war, wie Tibet das chinesische Joch abschütteln konnte, und wenn dazu eben ein Dritter Weltkrieg nötig war, hatte John nichts dagegen.

George nahm ihn dafür auseinander. »Was würde der Manjushri Rimpoche sagen, wenn Sie ihm das erzählen? Er würde Sie sofort aus diesem Tal werfen!«

Was wahrscheinlich zutraf. Doch der Colonel schob nur trotzig die Unterlippe hervor. Er wußte ganz genau, daß der Rimpoche ihm wegen dieser selbstsüchtigen Einstellung einen Tritt in den Arsch geben würde, aber er würde nicht lügen — und das war eben seine Meinung. Wenn die Welt keinen himmelschreienden Völkermord beenden konnte, dann eben zum Teufel mit ihr. Sollten sie doch Atombomben fressen.

George war so wütend, daß er nichts mehr sagen konnte. Er ging zu einer der grasbewachsenen Steinwände, die die Dorfstraße umsäumten, und trat so heftig dagegen, daß mehrere Steine aus der obersten Reihe herausfielen. Dann drohte er, dem Rimpoche von Johns mörderischen Hoffnungen zu erzählen, falls der Colonel uns nicht augenblicklich nach Katmandu zurückfahren würde.

John war damit einverstanden, und noch in dieser Nacht marschierten wir über den Paß und zum Landrover hinab und beeilten uns so sehr, daß ich befürchtete, George würde zusammenbrechen, und am nächsten Nachmittag waren wir wieder in Thamel, wo das Leben ganz normal weiterging, als stünden wir überall sonstwo, nur nicht an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg, obwohl das in Katmandu gar nichts zu bedeuten hatte. Letzte Woche hätte das Armageddon über die Erde hereinbrechen können, und Katmandu hätte wahrscheinlich noch nichts davon gewußt. Hier würde man es zuletzt erfahren.

Also stürmte George durch die Second-Hand-Buchläden und versuchte, die neuesten Tribbies aufzutreiben, was ihm allerdings nicht gelang. Das machte ihn geradezu paranoid. »Vielleicht ist das das erste Zeichen«, sagte er immer wieder. »Vielleicht ist das Ende schon da.«

Schließlich fand er eine, wie üblich vier Tage alt — 5. August, und die erste Seite war immer noch voll von der Krise. Der Leitartikel berichtete von einer Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrates, einer sehr gespannten Sitzung, wie es den Eindruck hatte. Ein weiterer Artikel beschrieb, wie unser Präsident gesagt hatte, wenn die Russen und die Chinesen wirklich Meinungsverschiedenheiten hätten, na ja, dann sollten sie sie vielleicht von Mann zu Mann beilegen. Er könnte sich Schlimmeres vorstellen. Diese Auffassung hatte anscheinend den Russen nicht gefallen, die augenblicklich erklärten, sie betrachteten die USA als Verbündete Chinas und Beteiligte jedweder Aggression der Chinesen.

So standen die Dinge also. Für kein Geld auf der Welt konnte George in Katmandu spätere Trebbies auftreiben, und außerdem war die Situation ja sowieso klar. Die Welt stand am Rand des Abgrunds.

Die einzige Frage war, was wir dagegen tun würden.

»Wir müssen es von jedem möglichen Winkel aus anfangen«, sagte George. »Gott sei Dank habe ich schon einige Vorbereitungen getroffen.«

Er schien zu glauben, daß die Briefe, die er auf A.S.j.B. Ranas Schreibmaschine getippt und herumgereicht hatte, dem derzeitigen Notfall angepaßt werden konnten. »Ich habe gedacht, Rana wollte uns als Sündenböcke für irgendeine Schweinerei benutzen, die er im Sekretariat vorhatte«, sagte er, während er auf den Boden Skizzen entwarf. »Weißt du noch, wie uns jemand gesagt hat, er glaube, der Auftrag, die Straße nach Chhule zu bauen, sei an die Familie eines Ministers vergeben worden? Ich dachte, es könne ganz nützlich sein, den Eindruck zu erwecken, Rana sei dieser Minister. Er ist schließlich wahrscheinlich derjenige, der die Straße gebilligt hat, und er ließ uns immer wieder zurückkommen, als müsse er ein Auge auf uns halten, um zu verhindern, daß wir irgend etwas herausfinden. Also schrieb ich ein paar hausinterne Mitteilungen, die ihn belasteten, und verteilte sie, bevor wir aufbrachen. Wenn wir dieses Zeug jetzt unter die richtigen Leute bringen können …«

Also zog er am nächsten Tag seinen Stiftungs-Anzug an und begab sich zum Singha Durbar, und mit seinem mitgenommenen Gesicht sah er so bizarr aus, daß niemand ihn aufzuhalten wagte. Er ging zu den Büros der Nepal Gazette, trieb Bahadim auf und sagte ihm, er solle unter den wichtigen Ministern die Nachricht verbreiten, der Angriff auf Chhule sei nicht von der chinesischen Armee durchgeführt, sondern von einer Fraktion im Palastsekretariat angeordnet worden, die mit einer anderen Fraktion in Fehde läge, die alle Verträge für die Straße nach Chhule gebaut habe.

Noch am selben Nachmittag ging er zum Büro der Schweizer. Die Briefe, die George dort zurückgelassen hatte, verwickelten A.S.J.B. Rana in eine Verschwörung, die Straße nach Chhule zu sabotieren, Teil der endlosen Ränkezüge der Familie Rana untereinander, um im Palast mehr Macht zu erlangen. George erzählte den Schweizern, die Grenzzwischenfälle seien nur vorgetäuscht worden und beruhten auf den Zwistigkeiten der Familie Rana, und er sagte, die Schweizer sollten diese Information benutzen, um die Dinge in Genf und allgemein auf der internationalen Bühne zu beruhigen. Die Schweizer sagten, sie arbeiteten schon daran.

Zuletzt an diesem Nachmittag wagte er sich ins Palastsekratriat und suchte das Ministerium für Entwicklung, Chinesische Freundschafts-Abteilung, auf. Dieses wurde, wie Bahadim ihm gesagt hatte, von einem Rana geleitet, der persönlich und von seinem Amt her ein Rivale unseres A. Rana war, und George hatte ihm vor unserer Abreise die Information untergeschoben, daß A. Rana ihn des Versuchs beschuldige, die Straße nach Chhule zu sabotieren. Das hatte den anderen Rana natürlich ziemlich paranoid gemacht, und als George zurückkam, um ihm zu sagen, daß A. Rana einige Leute dazu gebracht habe, den Grenzzwischenfall vorzutäuschen und nun ausländischen Hilfsorganisationen gegenüber behaupte, der Überfall sei von diesem Burschen in der Abteilung für Chinesische Freundschaft organisiert worden, setzte sich der dortige Rana sofort ans Telefon und machte sich an die Arbeit.

An diesem Abend war George völlig erschöpft, doch er lag dort auf seinem Bett und spielte die Auswirkungen seines Tagwerks durch — wer wahrscheinlich wem was sagen würde, und was dabei herauskommen würde. Und am nächsten Morgen schaute er mit einem weiteren auf A. Ranas Briefpapier verfaßten Brief bei der Chinesischen Botschaft vorbei. Dieser Brief implizierte, der Einfall in Tibet sei von Tibetanern begangen worden, die verzweifelt einer geheimen Säuberungsaktion der nepalesischen Armee entgehen wollten, die damit gehofft hatte, die Straße nach Chhule für die Benutzung durch die Spezialtruppe der indischen Armee völlig sicher zu machen, indem sie alle tibetanischen Guerillas zwang, in ihre Heimat zurückzukehren.

Danach radelte er zur Amerikanischen Botschaft und behauptete dort, er sei ein Freund und Repräsentant einer Fraktion der verbotenen Nepalesischen Kongreßpartei, der Partei, die bis zum Königlichen Staatsstreich 1960 die legale Regierung gebildet hatte. Sie wollten, daß die Amerikaner wußten, daß beide Grenzzwischenfälle Teil der mörderischen Machtkämpfe im korrupten Palastsekretariat seien, daß eine Gruppe im Palast die Straße nach Chhule verhindern wollte, indem sie Spannungen zwischen China und Nepal schaffe. Nun, da der Plan völlig aus der Hand geraten sei, hätten seine Urheber Angst, sich öffentlich zu bekennen. George erzählte den Amerikanern, die Kongreßpartei habe Spione im Palast, die all das herausgefunden hätten, und sie wollten, daß es die ganze Welt erführe, damit die Spannungen beigelegt werden könnten.

Als der Botschaftsbeamte, mit dem George gesprochen hatte, dann den Botschafter oder irgendein anderes hohes Tier holen wollte, stand George schnell auf, fragte einen Sekretär, wo das Badezimmer sei, schlich sich dann durch den Vordereingang hinaus und radelte davon. Er traf sich mit mir an der Ecke und fuhr mit hoher Geschwindigkeit voraus. Als er mir erzählt hatte, was er dem Botschafter gesagt hatte, meinte ich: »He, das ist ja fast die Wahrheit.«

»Immer die bestmögliche Lüge«, keuchte er.

Auf dem Weg nach Thamel radelten wir die Naxal Road entlang und kamen am Palast vorbei. Wir blieben stehen, um ein paar Kühe vorbeiziehen zu lassen, und George reckte den Hals und sah zu den Fledermäusen hinauf, die an den Kiefern auf dem Palastgelände hingen. »Sie sind in einer Konferenz«, sagte er und lachte schwach. Er war bleich, und sein Gesicht schweißnaß. »Sie versuchen, die Sache zu klären. Ich habe es ihnen mit ihren eigenen Methoden heimgezahlt. Genau Birendras Technik. Verbreite genug gegensätzliche Informationen, und es kommt zu einer Interferenz. Wie bei Wellentanks im Physikunterricht. Die Wellen kräuseln sich … alles gerät …« Er hielt inne, und ich dachte, er überlege sich seine nächsten Worte. Doch dann kippte er um, prallte gegen eine Kuh und fiel dann auf die Straße. War einfach ohnmächtig geworden.

Ich hielt ein Taxi an, stopfte ihn hinein und fuhr mit ihm zur Kanadischen Klinik, direkt hinter der Amerikanischen Botschaft. Das war ein Krankenkaus im westlichen Stil, und wenn man krank war, konnte man angesichts der weißen Wände und Pasteldrucke und alten Zeitschriften und dem Geruch der Desinfektionsmittel glattweg in Tränen ausbrechen.

Sie nahmen George auf und ernährten ihn intravenös — er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und litt trotz der wertvollen Pillen noch an Dysenterie. Also war er ziemlich ausgetrocknet, und ein paar seiner Schnittverletzungen hatten sich entzündet — offensichtlich war sein Immunsystem durch Jahre des Antibiotika-Mißbrauchs vor die Hunde gegangen. Kurz gesagt, er war übel dran.

Sie quartierten ihn in ihrem kleinen Zweibett-Hospital ein, um ihn wieder auf die Beine zu bringen. Es dauerte eine Weile, und ich brachte ihm jeden Tag die neue Tribbie.

Und langsam konnten wir, mit unserer Vier-Tage-Verzögerung an Echtzeit, beobachten, wie sich die Krise abschwächte und beigelegt wurde. Alle kamen zum Schluß, es sei ein falscher Alarm gewesen. Gerüchte über geheime diplomatische Bemühungen der Amerikaner und Schweizer blühten auf, besonders in Georges Zimmer in der Klinik. Zweifellos eine Intervention in einem kritischen Stadium. Und so beendete George seine Tageslektüre, erschauderte leicht und schlief dann wieder ein.

Eines Tages marschierte ich mit den Schweizern durch einen Wolkenbruch zum K.C., und bei ein paar Bieren erzählten sie mir, die Straße nach Chhule sei toter als Mussolini. Die Inder würden sie auf keinen Fall bauen, und Birendra und seine Bande würden sie auch auf gar keinen Fall bauen. Zu gefährlich.

Am nächsten Tag entließen die Kanadier George, und ich holte ihn ab. »Du hast es geschafft, George. Sie werden die Straße nicht mehr bauen. Bist du nicht froh, daß du dich entschlossen hast, uns zu helfen?«

Keine Antwort von George.

Wir fuhren mit einem Taxi nach Thamel und gingen über die Hauptstraße zum Star. George war so sehr ein Geist seiner selbst, daß die Straßenhändler ihn nicht mal erkannten, und sie bequatschten ihn, als sei er ein Fremder und nicht ihr geliebter Mr. Nein. »Geld wechseln? Haschisch? Teppich? Pfeife? Geld wechseln?« Und er starrte sie an, als ziehe er ihr Angebot in Betracht oder versuche zumindest, es zu verstehen. Das mit dem Geldwechsel habe ich selbst oft genug zu verstehen versucht. Ich meine, die Leute auf der Straße zahlen einem bei Reise-Schecks mehr als den offiziellen Wechselkurs. Dann verkaufen sie die Reiseschecks für mehr, als sie sie gekauft haben. An wen auch immer sie sie verkaufen, der muß sie wohl doch ebenfalls für mehr verkaufen, als er bezahlt hat, und so weiter, und so fort, und ich frage mich, wo endet das? Steckt da nicht jemand am Ende der Reihe ganz schön in der Klemme, wenn er sie für den offiziellen Wechselkurs verkaufen muß und jede Menge Geld verliert?

Auf jeden Fall stand George auf der Straße und starrte die Leute an, als habe er Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, bis sie es aufgaben und weiterzogen.

»Schau mal«, sagte er immer wieder. »Schau mal, Freds. Da liegt ein Abfallhaufen. Direkt auf der Straße.«

»Richtig, George. An dem gehen wir jeden Tag vorbei.«

»Kühe fressen den Abfall. Ratten. Hunde. Kinder.«

»Richtig.«

Wir gingen weiter.

»Gehen wir zum Old Vienna«, sagte er plötzlich.

»Bist du sicher, daß deine Gesundheit das verkraftet?« fragte ich.

»Ist mir egal.«

Aber in Wahrheit war es ihm nicht egal. Er hatte so sehr gelitten, daß er vorsichtig wurde, als das Essen auf den Tisch kam, und zum Schluß kam, er solle wirklich kein Fleisch essen, da wir niemals genau herausgefunden hatten, woher Eva das Fleisch bekam. Er löffelte etwas Gulaschsoße und ließ mir die Wasserbüffelstückchen übrig, und schnüffelte dann zweifelnd an unserem Essen und sah mir traurig zu, wie ich mein Pariser Schnitzel und den Apfelstrudel mit Schlagsahne aß.

Als wir schließlich träge hinaustrotteten, fühlte sich George also etwas niedergeschlagen, obwohl der letzten Trebbie zufolge, die wir in einem Second-Hand-Geschäft hatten auftreiben können, die Grenzkrise ziemlich beigelegt war. Doch als ich die Zeitung zusammenfaltete, sah ich auf einer der hinteren Seiten einen kleinen Füllartikel mit der Überschrift: »Der Everest ist immer noch der höchste«.

»He, sieh dir das mal an«, sagte ich zu George und las ihm den Artikel vor. »»Anfang dieses Jahres haben Wissenschaftler der University of Washington die Bergsteigerwelt verblüfft, indem sie berechneten, der K2 sei 8858 Meter hoch. Nun hat ein italienisches Team den Everest wieder dorthin gesetzt, wohin er gehört, nämlich mit der neuen Höhe von 8872 Metern an die erste Stelle. Das Team berechnete auch den K2 neu und stellte fest, daß er 8816 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Amerikanischen Bergsteiger sind bereit, die italienischen Messungen zu akzeptieren.« Was sagt man dazu! Tolle Neuigkeiten was? Jetzt mußt du wenigstens nicht mehr mit Kunga Norbu und mir den K2 besteigen.«

»Gut«, sagte George.

»Und du hast Shambhala gerettet«, fuhr ich fort. »Du hast das heiligste, wichtigste verborgene Tal der ganzen Welt gerettet.«

»Gut«, sagte er. »Aber wir brauchen da oben trotzdem noch ein paar Benzinöfen.«

»Nicht unbedingt. Hast du nicht gehört? Der Rimpoche will deine Idee ausprobieren — sie fertigen ein Keramikrohr an, um die ewige Flamme in eine Gemeinschaftsküche zu leiten, vielleicht sogar in mehrere. Dr. Choendrak und einige andere Mönche haben schon die ersten Entwürfe gemacht.«

»Gut.«

Aber er war noch immer niedergeschlagen und sah sich noch immer um, als wir durch Thamel zum Hotel Star gingen. »Freds, da wächst Gras auf dem Dach.«

»Mir gefällt Gras auf dem Dach.«

»Freds, das ist eine der größten Straßen der Hauptstadt dieser Nation, und das ist Schlamm.«

»Richtig.«

»Und das ist die Hauptstadt dieses Landes.«

»Richtig. Aber den findest du auch in Teilen von Washington, D. C, wenn ich mich recht entsinne.«

Er seufzte. »Ja, aber trotzdem …«

Dann liefen wir dem Bettler und seiner Tochter über den Weg. Sie standen da Hand in Hand und streckten uns beide freie Hände entgegen. Sie sahen aus wie immer, nur daß sie wegen des Monsuns nasser waren, der Bettler mit seinem Lächeln, bei dem er einige Zahnlücken entblößte, und das kleine Mädchen, das in ihrem Kleid wie ein UNICEF-Poster aussah und gar nicht so viel anders als Sindus kleiner Junge oben im Tal, und George sagte: »Oh, Mann«, und wühlte in seiner Brieftasche, holte eine Handvoll Rupien hervor und gab sie dem Bettler. Der Bettler nahm sie und trat zurück; er wirkte schockiert.

George ging ihm nach und sah zu mir zurück. »Freds, wir müssen etwas tun, meinst du nicht auch?«

»Du hast gerade etwas getan, George.«

»Ja, aber das reicht nicht! Ich meine, könnten wir sie nicht anstellen, unsere Zimmer zu säubern oder die Hotelhalle zu fegen, damit sie einen Job haben?«

»Die Portiers haben diesem Mädchen mit dem Baby auf dem Rücken den Job gegeben. Das war wohl ein ähnlicher Fall.« Und in der Tat lief das Geschäft des Bettlers gut; sein kleines Mädchen war in dieser Gegend eine Menge Rupien wert. Anderen Bettlern ging es im Vergleich zu ihm wirklich schlecht. Aber das sagte ich nicht.

»Aber könnten wir nicht … könnten wir ihnen nicht sagen, daß sie einfach unsere Zimmer machen sollen?«

»Sie würden dich nicht verstehen.«

Der Bettler und das Mädchen zogen sich vorsichtig von uns zurück und marschierten dann davon. George ließ die Schultern hängen.

»Wir können nichts tun, was?«

»Nein. Nur das, was du gerade getan hast, George.«

Wir erreichten das Star, gingen auf unsere Zimmer, lasen den Rest der Trib, rauchten ein Pfeifchen zur Nacht und lachten über das tolle Abenteuer, wie wir Shambhala gerettet hatten, ganz zu schweigen vom Weltfrieden. Und wir riefen uns unsere Besteigung des Everest in Erinnerung zurück, und die Befreiung und Freilassung Buddhas, und ich erzählte George zum ersten Mal, wie Buddha und ein paar seiner Brüder bei der Schlacht um Chhule aufgetaucht waren, um uns zu helfen. »Nein«, sagte er. »Du willst mich verarschen.« Und er wollte mir einfach nicht glauben. »DU WILLST MICH VERARSCHEN!«

Das ließ mich kichern. »Ist das nicht meine Dialogzeile?«

Und er lachte, und wir unterhielten uns noch etwas, über Nathan und Sarah, Jimmy und Rosalynn und alle die anderen und hatten jede Menge Spaß.

Doch George nahm die Dinge nicht leicht, wirklich nicht. Er war rastlos. Als ich gerade im Begriff stand, endgültig zusammenzubrechen, sagte er, er wolle zum K. C. gehen und ein Bier trinken. Ich erwiderte, er solle es nach seiner Genesung nicht übertreiben, da er immer noch wie der Sensenmann aussah, mit frischen Narben und schwarzen Ringen unter den Augen, das Vorbild eines jeden Magersüchtigen auf der Welt, doch er versicherte mir, er sei in Ordnung, und tigerte los.

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